Balthasar, 1453–1525
Heinrichs Sohn Balthasar war erst zehn Jahre alt, als er den Vater verlor. Seine Erziehung muß christlich, ritterlich und wissenschaftlich geleitet worden sein, doch sind nähere Angaben darüber nicht mehr aufzufinden. Gelehrte Schriftsteller, die ihn persönlich kannten, schildern ihn als ernsten Herrn von jähem und starkem Sinn, doch von rechtschaffenem und aufrichtigem Gemüt. Sein Schriftwechsel hat sich zu einem großen Teil erhalten. Wer sich in diese Berichte und Geisteserzeugnisse vertieft, empfindet den Leutenberger Grafen als Seelenverwandten seines großen Zeitgenossen Luther. Er war eine gerade Natur, streng rechtlich, kampfbereit, gütig und milde gegen Schwache, ritterlich-scherzhaft und begabt mit treffendem Mutterwitz.
Kaum achtzehn Jahre alt kündigte er seinem Vetter Heinrich XXVI. die Vormundschaft und nahm die Verwaltung seines Besitzes zielsicher in die eigene Hand. Er fand viel aufzuräumen. Alte Überlieferungen hatten sich verschleppt und unhaltbare Zustände erzeugt. Sein ganzes Leben sollte ein Kampf werden, daheim in Grenz- und Rechtsverhandlungen, fern der Heimat in Kriegsdiensten. Über die letzteren mögen die Akten in Süd- und Norddeutschland zerstreut liegen, über die ersteren werden wir gut unterrichtet durch die sorgfältige Art, wie er Briefentwürfe aufbewahrt.
Im Jahre 1472 vertritt der Neunzehnjährige seine Hoheitsrechte über die Rittergüter. Gegen Kunz und Reinhart von Mosen führt er einen Prozeß über die Einkünfte des Lauensteins bis vor die Feme, »den Freien Stuhl des Heimlichen Gerichts zu Volkmarsen«. Von 1474 an wahrt er seine Lehensansprüche in Verhandlungen mit dem Rat zu Erfurt. Zu gleicher Zeit läuft ein Rechtsstreit gegen seinen Vormund um Anteile an der gemeinsamen Herrschaft Schwarzburg, besonders um das Dorf Langewiesen. Heinrich schlägt die sächsischen Herzöge als Schiedsrichter vor, Balthasar weist sie zurück. Er mißtraut ihnen wegen der Saalfelder Nachbarschaft und erkennt sie überhaupt nicht als zuständige Behörde an, da er unmittelbarer Reichsgraf ist.
Als Freund des jungen Herzogs Georg von Bayern-Landshut nimmt er 1475 an dessen prunkvoller Hochzeit mit der Tochter des Polenkönigs Kasimir in Landshut teil. Fast alle Fürsten Mittel- und Süddeutschlands samt Kaiser Friedrich III. und seinem Sohn Maximilian waren zugegen. Balthasar muß sich gut eingeführt haben, denn Georg der Reiche empfiehlt ihn an Kurfürst Philipp nach Heidelberg, und beide setzen den Schwarzburger 1478 als Pfleger der Herrschaft Heideck ein, die südlich von Nürnberg liegt. So war Balthasar mit fünfundzwanzig Jahren Verwaltungsbeamter und militärischer Befehlshaber geworden, und er behielt diese Würden inne bis 1505.
Inzwischen kämpft er auf eigene Faust hartnäckig gegen den Bischof von Würzburg um Ansprüche, die er von seinen Eltern ererbt hat. Dieser Feldzug endet zwar glücklich für ihn, setzt ihn aber in Schulden, da viel Kriegsvolk zu entlohnen ist. Rührend nimmt sich aus, wie er in einem Briefe an die Mutter in Leutenberg mit den Seinen daheim fühlt und sorgt: »Liebe Frau und Mutter, ich bitt Euch gar freundlich, Ihr wollet Euch Erhart von Waldenfels Hausfraue und das Seine lassen befohlen sein, angesehen daß er in meinem Dienst ist. Das will ich allweg um Euch verdienen.«
Bis 1486 steigert sich seine wirtschaftliche Bedrängnis. Auf Mittwoch nach Neujahr setzt er eine Tagung im Rathaus zu Leutenberg an, um die Herrschaft Leutenberg an seinen Vetter Heinrich XXVI. zu verkaufen. Dieser erscheint aber nicht und gibt später vor, er habe seinen Dienst bei Herzog Albrecht von Sachsen nicht verlassen können, außerdem sei Leutenberg beschwerlich von Leipzig aus zu erreichen. Als Balthasar hört, daß Heinrich sich Langewiesen vom Kaiser hat verschreiben lassen, sammelt er Streitkräfte. Darauf nehmen sich Kurfürst Friedrich der Weise und Herzog Johann von Sachsen ihres Rates und Vasallen Heinrich an und verwarnen seinen kampfbereiten ehemaligen Mündel. Trotzig antwortet dieser, er habe nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung gerüstet, und entschieden weist er die Sachsen auch nur als Unterhändler zurück. Unfruchtbar verläuft daher ein besonderer Versöhnungsversuch in Torgau 1487. Als Heinrich XXVI. stirbt, ist Balthasar wieder in sein Amt nach Landshut zurückgekehrt. Er erklärt sich von dort aus bereit zu einem Vergleich, dann kann die Fehde 1488 in Jena beigelegt werden.
Auf der Burg Leutenberg beginnt drei Jahre später ein Neubau im Anschluß an das alte Haus. War Hofhaltung und landwirtschaftlicher Betrieb durch die Amtsleute stark erweitert worden? Waren die leichten Anbauten aus Vaters Zeiten verwittert? Hegte der bald Vierzigjährige trotz aller scherzhaften Abrede doch Heiratsgedanken? Einen Teil seiner landesherrlichen Befugnisse, das Jus patronatus, übertrug er dem Prior seines Klosters Johannes Ellinck, einem geborenen Leutenberger. War es christliche Andacht, war es der Wunsch, die Ritterschaft des Heiligen Grabes zu erwerben: er beschließt, nach Jerusalem zu wallfahren. Er errichtet sein Testament, nimmt 6000 Gulden auf bei den Äbten von Saalfeld und Paulinzelle und verschreibt ihnen dagegen den dritten Teil der Herrschaft Leutenberg. Auf dieser Palästinafahrt 1493–94, an der auch Friedrich der Weise und Lukas Kranach teilnehmen, lernt Balthasar die sächsische Ritterschaft kennen, darunter seine späteren Schwäger, die Grafen von Sack zu Mühltruff. Zurückgekehrt vermählt er sich 1495 mit deren Schwester Anna, einer feinen und sorgsamen Hausfrau und Landesherrin.
Schon 1496 zieht ihn der Waffendienst wieder in die Ferne, obwohl das häusliche Glück durch ein Söhnchen befestigt worden war. Kaiser Maximilian rüstete gegen König Karl von Frankreich, und Balthasar folgt seinem Aufgebot nach Italien. Die Kosten für den Aufwand von Rittern und Knechten deckt eine Anleihe bei dem Abt von Paulinzelle.
Leutenberg erhielt in demselben Jahre ein neues Stadtrecht entsprechend den veränderten Lebensverhältnissen. Schon 1497 scheint Balthasar wieder daheim zu sein, denn seine schriftlichen Befehle an seinen Schreiber Johann Siebensun wettern über liederliche Wirtschaft mit Frauensleuten in Schwarzburg: »Dann ob du mehr dergleichen übest, so wollten wir dich strafen, ob du gleich neun Weihen auf der Platten sitzen hättest.«
Inzwischen waren Balthasars Beziehungen zu den Sachsen vertrauensvoll geworden, so daß er 1498 als Schiedsrichter zwischen Herzog Georg von Sachsen und dem Pfalzgrafen bei Rhein, Herzog Georg in Ober- und Niederbayern, angerufen wurde, als diese wegen Sitz und Stimme im Reichstag verhandelten.
Von Heideck aus beklagt sich der um die Heimat Besorgte, daß er von seinem Vetter Günther in dem Anteil an der Herrschaft Schwarzburg geschmälert wird. Er möchte dieses Anrecht am liebsten verkaufen. Seine Amtsleute weist er an, sie sollen auf der Hut sein, man hat ihm in Nürnberg berichtet, Leutenberg soll überfallen werden. Im Mai 1500 ist er bereit, seinen Teil an der Grafschaft Schwarzburg seinem Vetter abzutreten gegen 7000 Gulden auf Wiederkauf. Für 1379 Gulden verkauft er Unterloquitz an den Abt Georg von Saalfeld.
Ein Aufgebot Georgs des Reichen ergeht 1501, der bayrisch-pfälzische Erbfolgekrieg bereitet sich vor. Auch Balthasar folgt dem Ruf. Er wird 1503 Hauptmann von Ingolstadt, und als sein fürstlicher Freund am Ende des Jahres stirbt, tritt er für dessen Schwiegersohn Ruprecht von der Pfalz ein, dessen Gegner von den Sachsen unterstützt werden. Dann löst er 1504 seine Beziehungen zu den Bayern und nimmt sächsischen Dienst an als Rat Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen. Am 10. September 1505 verzeichnen seine Büchsenmeister Peter Vischer und Hans Kessel gewissenhaft das Kriegs- und Hausgerät, das von Heideck nach Leutenberg überführt worden ist. Es war eine stattliche Anzahl von Notschlangen und Büchsen in der Burg unterzubringen, Pulvervorräte und Geschosse waren im Turm zu verstauen, die Pulvermühle samt Zubehör fand im Pfarrhofe Platz, Rüstungen, Jagdzeug, Kleider und Betten waren zu versorgen.
Der Fünfzigjährige richtet sich neu in der Heimat ein, hat aber wie alle großen und kleinen Landesherren seiner Zeit viele Sorgen um die täglichen wirtschaftlichen Fragen. Er beginnt zu klagen, wie er »ytzo mit Vehden und großen Handlungen beladen« ist, und beruft sich gern auf seine ritterliche Ehre: »wir sind ein frummer und tugendlicher Graf zu Schwarzburg«.
In einem erregten Briefwechsel, bei dem die Boten zwischen Leutenberg und Saalfeld hin und her hasten, setzt er dem Abt Georg zu, Spielschulden zu bezahlen an Leutenberger Untertanen. Er schont zunächst dessen geistliche Würde, erinnert ihn aber schließlich notgedrungen und immer kräftiger daran, wie »Spott, Beschämen und Schaden mag erwachsen«, wenn die Öffentlichkeit erfährt, »Ihr habt gespielt, seid trunken gewesen und Geld darob schuldig worden«.
Aus Balthasars Niederschriften geht als ergötzliches Sittenbild jener Zeit hervor ein Beleidigungsprozeß mit Klage und Wiederklage in den Jahren 1506–1508. Dr. Kitscher, ein geistlicher Beamter der sächsischen Kurfürsten, schleicht sich an den Generalvikar der Augustinerorden, Dr. Staupitz, auf einem Fürstentag zu Koburg heran, um ihm ein günstiges Urteil über seine Amtsführung zu entlocken. Staupitz, der scharfe Menschenkenner und später der Förderer Luthers, spielt aber vorsichtig darauf an, daß er erfahren hat, Kitscher lebt in unsittlichen Beziehungen zu einer adeligen Jungfrau aus Weida und zu einer Bübin in Altenburg. Kitscher, höchst enttäuscht und entrüstet, greift zur Feder und veröffentlicht eine urkräftige Schmähschrift gegen Unbekannt. Er will erzwingen, daß ihm der Urheber der Gerüchte genannt wird. Allmählich verlautet, daß der Leutenberger Graf scherzhaft derbe Ausdrücke über Kitschers blühendes Aussehen und weltliche Gewohnheiten geäußert hat. Nun spitzt sich die Feindschaft zu. Balthasar fühlt sich durch jene Schmähschrift getroffen und an seiner Ehre gekränkt. Wie um sich selbst Standhaftigkeit einzuflößen, zeichnet er in seinen Briefentwurf zwei gekreuzte Degen mit der Umschrift: »Halt hart, liebe werte Schwarzburg!« Er setzt dann auch dem Gegner markig zu, bis dieser sich unter dem Druck seines nicht recht sauberen Gewissens windet und schließlich klein beigeben muß. Ein Vergleich kommt 1508 zustande und wird auf einem Blatt mit schönen gotischen Lettern von Weimar aus veröffentlicht.
In demselben Jahre gibt Balthasar seiner Stadt Leutenberg ein neues Stadtregiment »mit Rat und Bedenken der Bürgermeister und Ratspersonen«.
Im Jahre 1509 baut er eine neue Schmelzhütte mit sechs Öfen, und seitdem pflegt er auf Grund der Erfahrungen, die er in der sächsischen Verwaltung gesammelt hat, den Bergbau um Sormitz, Loquitz und Saale. Als Schutzherr der Kirche beweist er sich 1512, indem er das verfallene Gotteshaus am Fuße seines Burgberges zu Ehren der Maria Magdalena neu errichten läßt. Seinen Anteil an der Herrschaft Schwarzburg verpfändet er abermals, doch den Weinwachs zu Blankenburg läßt er sich wohlweislich nicht entgehen.
Aus seinem sächsischen Amt entlassen, erhält er ein Gnadengeld von 50 Gulden vierteljährlich »in Ansehung der treuen, willigen und nutzbaren Dienstbarkeit«. Feinsinniges Verhalten und bescheidenes Selbsturteil geht aus seinen Eingaben nach Weimar hervor.
Seine Klagen wiederholen sich, er fühlt sich »mit Schwachheit umgeben und mit schwerem Gemüt« beladen. Zu Schiedsrichterämtern ruft man ihn nach Bamberg, Böhmen und Sachsen, er muß sich immer mehr wehren gegen Reisen nach auswärts: »Ich han so eine unlustige Krankheit, daß ich mich billich vor allen ehrenwerten Leuten schäme.«
Um Ordnung in seinen Haushalt zu bringen, greift der einst so Freigebige und Uneigennützige auf alte Außenstände zurück. Es entwickelt sich ein lebhafter Briefwechsel mit seinen Schwägern Hans und Kaspar Sack zu Mühltruff und deren Schwager Ulrich von Zedwitz. Balthasar hat »den Säck« auf ihrer Palästinafahrt Vorschüsse geleistet. An diese erinnert er jetzt eindringlich, auch erwartet er, daß seiner Frau nun endlich ihr Erbteil ausgezahlt wird. Die Schuldner schweigen sich aus. Später ergehen sie sich in trotzigen Reden gegen die Leutenberger Boten, erwidern die Briefe aber nicht. Tagungen werden ihnen vorgeschlagen in Saalburg, Remptendorf, Weißbach und Drognitz. Sie fürchten sich jedoch, sächsisches Gebiet zu verlassen, obwohl ihnen ihre Schwester freies Geleit zusichern will unter Balthasars Siegel oder Petschaft und Handzeichen. Anna fährt selbst nach Mühltruff: umsonst! Balthasar droht mit Klage an den Fürstenhöfen und mit Bekanntgabe in den Familien, wo Hans Sack als Brautwerber auftritt: umsonst! Anna beschwört sie in schwesterlicher Liebe: »Mit Wissen und Vorwillen meines lieben Vaters seliger Gedächtnus und Euer bin ich dem wohlgeboren, meinem lieben Herrn und Gemahl aus sunder Gunst und Neigung, die er zu mir gehabt, vermählt worden.« – »Mein Herze hat um das von meinem väterlichen und mütterlichen Erb gefällig gewesen, getraut und glaubt mich darauf mit Vermächtnus wie bekannt versehen. So Ihr aber Euch dermaß erzeiget, so werden ungezweifelt alle Verwandte der Herrschaft Leutenberg nach wenig Verscheinung der Zeit mit ihren Pflichten, Eiden und Gelübden meinem Sohn Hans Heinrich zugewiesen und eingegeben. Alsdann, so der allmächtig Gott nach Geschehung seines Willens schicken wolle, so ich meinen Herrn überlebt, müßt ich meinem Sohn als eine Dienerin zu Gnaden leben, dann ich hätte nichts mir zuständig.« Die Not drängt sie, sie fürchtet, daß sie als Witwe »viel minder dann ein Dienstmaid« dasteht. Balthasar bewegt sich gelegentlich in Worten, die an Luthers Sprachweise anklingen: »Die Säck tun diese Ding mit Schweigen verschlucken, wie hungrig Säu Molken trinken.« »Man hätte fürwahr den Unflat nit erwarten dürfen zu seiner Zeit.« Lang ziehen sich die Verhandlungen hin, und noch im Jahre 1559 wechseln die Beamten von Mühltruff und Leutenberg Briefe, weil die Schulden noch nicht abgetragen sind.
Als üble Nachbarschaft war Balthasars Verhältnis zu dem Prior und den Mönchen des Klosters in Leutenberg angewachsen. Persönliche und sachliche Beweggründe kamen dabei ins Spiel. Von 1507 bis 1517 läuft ein Briefwechsel, den er mit der Ordensbehörde in Leipzig führt. Dorthin war Johannes Ellinck übergesiedelt, nachdem er zum Lesemeister der Heiligen Schrift aufgerückt war. Als Vertreter des Provinzials Hermann Rabe beantwortet er die Briefe des Leutenberger Grafen. Die Gegnerschaft zwischen Burg und Kloster hatte klein begonnen. Balthasar hatte das eine Mal Leute, die zur Messe gehen wollten, zu sich gerufen. Das andere Mal hatte er einem Kirchenbesucher, während dieser niedergekniet war, zugewinkt, er möchte einem Priester, der gerade ohne Meßdiener amtierte, das Wasser zur Handwaschung gießen. Dafür beschimpfte ihn der Prior von der Kanzel herab, beschuldigte ihn des Kirchenfrevels und behauptete: der Graf achtet sich höher denn Gott. Besorgt um ihren kranken Gemahl hatte sich die Gräfin Anna von einem Heilkünstler und Wahrsager aus Tambach ein Amulett anfertigen lassen. Balthasar versichert zwar, daß er es nicht angelegt hat. Doch »Mönch Linck« verklagt ihn wegen Zauberei und Abgötterei und verkleinert so das Ansehen des Landesherrn. Balthasar macht geltend, was er Treues und Gutes schon dem Kloster gewährt hat, und versichert, gewißlich auch weiter will er die Diener Gottes fördern, wie er nur kann. Sein Wunsch ist, er möchte einmal in der Klostergruft, auf seinem väterlichen Erbe, bei seinen frommen Ahnen begraben liegen. Die Leipziger Ordensvorsteher hoffen, der Streit soll in Frieden allmählich ausklingen. Sie verleugnen auch wohl den Empfang eines Beschwerdebriefes und versprechen höchstens, persönlich einmal in Leutenberg einzutreffen, kommen aber nicht dazu.
Dann geht Balthasar zu schwereren Anklagen über. Er zeigt an, im Kloster wird widernatürliche Unzucht getrieben. Er beschwert sich, die Mönche haben einen heimlichen Gang über die Klostermauer und den Stadtgraben angelegt, dadurch ist die Sicherheit der Stadt gefährdet. Ringsum in den Nachbarländern wütet Mordbrand, und die Leutenberger, genugsam gewarnt durch Schadenfeuer, müssen Posten an den Toren stellen, während den verborgenen Ein- und Ausgang im Kloster niemand überwachen kann. Am Kirchberg hat der Prior ackern und säen lassen, wo es ihm nicht zusteht, dadurch ist den Bürgern die Viehtreibe versperrt. Um das ganze Kloster sind Stangen errichtet mit Schlägen für 60–70 Paar Tauben, die schädigen die Feldflur im Übermaß. Die Brauhausverordnungen werden von den Brüdern wild übertreten. Der Graf droht, den Mönchen soll keine Hilfe mehr geleistet werden beim Einbringen der Ernte, nur mit eigenem Geschirr dürfen sie künftig im gräflichen oder städtischen Brauhaus brauen. Schlimmsten Falles wird er sich nicht bedenken, ihnen die Kirche und den Gottesdienst wieder zu entziehen. Immer wieder versichert er aber demütig, er will sich nicht mehr mit dem Kloster beschäftigen, als ihm zukommt. Als ein armer und kranker Mann möchte er nicht noch Leibes und Lebens beraubt werden, sondern in Frieden heimgehen. Ein Sittenbild jener Zeit: Altes versinkt, Neues steigt sturmgeladen herauf!
Ergreifende Kleinbilder entfalten sich in Bestellzetteln, die ausgehen, Bittschriften, die einlaufen, privaten und amtlichen Entscheidungen, die der alte Herr zu treffen hat. Mancher Seufzer entschlüpft seiner Feder: »Wenn der Wolf alt wird, so reiten ihn die Krähen!« Bald verhandelt er in diplomatisch gefälligen Wendungen über Grenzfälle mit Ludwig von Aib, Hauptmann auf dem Gebirge in brandenburgisch-kulmbachischem Dienst, bald versichert er wortreich einem Beamten des Bischofs von Bamberg, wie er als ein armer gemeiner Diener dem geistlichen Fürsten wohl nach allem Vermögen in Treuen dienen möchte, aber seinen Untertanen muß ihr Recht werden. Der Wirt von Steinbach hat den Schäfer Klaus Müller von Roda um 40¼ Gulden für verkaufte Schafe betrogen. Die bischöflichen Räte wollen die Sache verschleppen. Balthasar gibt aber nicht nach, bis der Schuldige »durch den Nachrichter mit Ernst besprochen« wird und sein »armer Freund« 40 Gulden in Bamberg erheben kann.
Sein Schwarzburger Vetter hat Aufruhr niederzukämpfen gehabt und bietet den halben Teil der Herrschaft Schwarzburg aus. Darüber werden Tagfahrten in Leutenberg und Blankenburg gehalten, und Balthasar stellt ein Verzeichnis der Bergwerke um Leutenberg auf. Mit Rechtsbeiständen hat er nicht gern zu schaffen. Von einem derselben versichert er: »So iß ich auch nit gern heiß Suppen mit ihm.«
Die armen Leute von Munschwitz können ihr Land fast nicht erhalten. Balthasar nimmt sich ihrer an, als der Gutsherr auf Löhma ihnen zusetzt, weil sie bei einem Holzschlag auf dem Löhmberg die Grenze verletzt haben sollen. Der Kirchner von St. Jakob hat Holzfrevel begangen, der Key von Steinsdorf hat Beulwitzsche Eichen gefällt: »die soll man nicht ungestraft lassen, doch einen jeglichen nach Gehalt seiner Übung«.
Der Schmied Hofheinz in Wurzbach muß vor das Leutenberger Gericht geladen werden. Sein Sohn hat den Heberndorfer Untertan Blidler verwundet. Der Vater hat den schuldigen Sohn gehaust, geherbergt, geatzt, getränkt und gehalten. Dafür muß er zur Rechenschaft gezogen werden. Friedrich von Gahma und Nickel in Gleima sind in einen Messerdiebstahl verwickelt und sollen in Lobenstein vernommen werden. Dazu bedarf es herüber und hinüber erst der Genehmigung der Landesbehörden.
Von der Leipziger Messe bringt ein Leutenberger Kaufmann die Kunde mit, die Bamberger und Nürnberger Fuhrleute sollen überfallen werden. Darum müssen Hans von Thun auf dem Lauenstein und die von Beulwitz im Eichicht scharfe Wache aufstellen und ihre Leute in Bereitschaft halten.
Ein Aufruhr droht auch in das Leutenberger Gebiet überzugreifen. Deshalb hat Hans von Oberweimar in Weitisberge, genannt Ulfrich, mit seinen Leuten kriegsbereit auf der Burg anzutreten. Geleitsfragen sind umständlich zu regeln: kein Leutenberger darf Saalfeld betreten, der je gegen Sachsen gekämpft hat. Übergriffe am Fischwasser und im Wildbann erregen die Gemüter. Die Bürger sollen die Mauer unter der Badestube im Schloß aufrichten helfen und mit Schiefer decken. Die Bretter dazu liefert der Müller: »doch soll man dem Armen, ob es anders zu denken ist, hilflich sein«. Die Läden am Pulverturm soll man auftun, die Glasfenster zulassen: »doch daß man aufs Unwetter groß Achtung hab, daß dem Pulver nichts widerfahr«. Zwei Wagenpferde soll man verkaufen, »dann ihrer ist genug an vieren«. Landsendorfer Untertanen haben durch Spiel, Trunkenheit und andere Leichtfertigkeit ihre Güter vernachlässigt: Schultheiß, Dorfmeister und die ganze Gemeinde werden scharf angelassen, bei 10 Gulden Strafe haben sie zu wachen, daß das unterbleibt.
Im Sommer 1520 will der Graf Günther von Schwarzburg seinem Vetter, den er auf dem Reichstag zu Worms vertreten muß, ein klein Pferdlein zusenden, ins Kloster und zu seinem Garten zu reiten. Balthasar wehrt jedoch ab, er braucht es nicht mehr, da ihm der Markgraf von Brandenburg ein Eselein geschickt hat.
Müde und mit Sorgen überladen tritt der erst achtundsechzig Jahre alte Kriegshauptmann, Friedensrat und Burgherr 1521 die Herrschaft an seinen Sohn Hans Heinrich ab und erwartet das Lebensende. Am 18. Juni 1525 erlöst ihn der Tod, dann nimmt ihn die Gruft seiner Väter auf.
Der Südflügel des Schlosses, wie er noch heute steht, der massive Teil des Nordflügels bis zu gleicher Länge, der starke Neue Turm, sowie der mittlere Schloßhof überhaupt stammen aus Balthasars Bauzeit. Daß außerdem noch Fachwerk- und leichte Holzgebäude vorhanden waren, die restlos verschwunden sind, muß immer bedacht werden. Bis 1491 ging die Zufahrt zur Burg über die Felsen hinauf, die gesprengt wurden, um Bauplatz für den Südflügel zu gewinnen. Dadurch entstand der Tunnel, über dessen Eingang Balthasars Wappen und Namen prangten und, wenn auch zertrümmert, noch zu sehen sind.
Münzkundige kennen zwei kleine Münzen, die Graf Balthasar 1493 prägen ließ. Freunde des Kunsthandwerks oder der Waffenkunde werden sich gern durch zwei schöne Geschützrohre im Rudolstädter Schloßhof an den Leutenberger Artilleriehelden und seine bayrische Laufbahn erinnern lassen.