Herrlich war es draußen am Hafen. Oft lagen wir da am Ufer und sahen auf die weite, unübersehbare Wasserfläche und sprachen kein Wort. Wenn ein Schiff seine weißen Segel blähte und langsam von dannen fuhr, dann sahen wir ihm nach, dann schaute unsere junge Seele weit hinaus bis in die fernen Länder, nach denen das Schiff fuhr, zu fremdartigen Menschen, die in Zelten auf ewig grünen, ewig weiten Wiesen wohnten und andere Blumen und andere Sterne sahen als wir. Und all die tausend Gefahren, die das Schiff haben würde in Scylla und Charybdis, bei Seeräubern und Meerungeheuern, erwogen wir und kämpften alle Not selbst durch und waren dabei, wenn das siegreiche Schiff eines Tages doch stolz und sicher in den Hafen fuhr.
Manchmal kam unsere gute »Fee«, die Schutzgöttin unseres Insellandes, zu uns herüber. Dann feuerten unsere Strandkanonen Salut, die Ehrenwache stand am Ufer, die ganze Militärkapelle war aufgestellt, und von allen öffentlichen und vielen privaten Häusern wehten Fahnen. Der König ging der »Schutzgöttin« entgegen und küßte ihr die Hand, und sie ging mit freundlichen Augen durch unsere Stadt, und wo es an etwas fehlte, das sah ihr gütiger Blick und ergänzte alsbald ihre geschickte, freigebige Hand.
Nur Pluto war an solchen Feiertagen eingesperrt. Wurde er losgelassen, so fuhr er in einer unsinnigen Freude durchs ganze Land, riß die Stadt um und brachte den Zug zum Entgleisen.
O, es war schön in Heinrichsburg! Die größten Ehren habe ich dort genossen: ich war Großwesir und Stierkämpfer, Hofdichter und Scharfrichter, Hotelportier und Mitregent. Ich habe die Straßen ausgebessert und das Gesetzbuch verfaßt, ich war Dachdecker und Theaterdirektor, Seeräuber und Staatsanwalt. Selbst die Frau Königin bin ich gewesen; da hatte ich lange gelbe Locken und ein weißes Kleid mit einem Goldgürtel und ein Taschentuch, mit einer Krone gezeichnet. Am liebsten war ich Leuchtturm. Dann trug ich eine Laterne auf dem Kopf und ließ ihr Licht nach allen Seiten spielen, bis die Schiffe, die in Wetter und Not draußen waren, glücklich den Hafen erreicht hatten.
Unsere gute Fee! Wenn ich jetzt, da ich lange, lange schon ein Mann geworden bin, manchmal träumend die Augen schließe, sehe ich ein weites Gelände vor mir, dadurch ein schmaler Weg führt. Es ist der Weg, den ich durch mein Leben gegangen bin. Grüne Wälder, aber auch öde Schutthalden sind an seiner Seite, und es fehlt nicht an Denksteinen, und mancher der Denksteine ist ein Marterl. Wenn ich nun so sitze und träume, ziehen Hunderte und Tausende von Menschen an meiner Seele vorüber. Ihnen allen bin ich einmal begegnet, bin ein Stücklein mit ihnen gewandert. Aber die meisten schauen mich so fremd an, als hätte ich sie nie gesehen: alle die, die mir gleichgültig waren und alle die, die mir einmal wehe taten. Sie hat mein Herz vergessen. Die aber, die mir etwas Liebes, Gutes erwiesen, reichen mir alle die Hand, und ihre Stimme klingt mir wie die eines Freundes von gestern.
Und wenn sie kommt, die gute Fee meiner Kinderzeit, schlägt mir auch heute noch das Herz in Liebe für sie; ich hasche nach ihrer weißen Hand und küsse die Hand und lege sie auf meine Stirn. Dann wehen ihre blonden Haare im Wind, und ihre Augen sind schön und lieb wie in alten Tagen. Und sie nimmt meine Seele mit sich und führt sie in
die heilige Stadt.
Da stand ein kleiner Tempel. In dem Tempel war eine Figur des Heilands, die war so weiß wie Schnee. Vor dem Heiland stand ein Knabe, und über der Gruppe waren in goldenen Lettern zwei Sprüche in die Wand geschrieben:
»Dieses Kind wird der Größte sein im Himmelreich!«
und:
»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«
Der Knabe aber, der vor dem Heiland stand, war Heinrichs Bruder Ludwig, der frühzeitig aus dem Leben geschieden war.
Als Ludwig starb, war ein solches Herzeleid auch über uns Kinder gekommen, daß ich mit Heinrich nach der Insel ging, um unsere schöne Stadt Heinrichsburg niederzureißen.
»Wenn Ludwig nicht mehr bei uns ist,« sagten wir zueinander, »so macht uns die Stadt keine Freude mehr.«
Wir stiegen in bitteren Schmerzen auf die Adlerkoppe. Noch einmal schaute ich über den Aussichtsturm hinaus ins weite Land, dann löste ich ihn aus der Erde und nahm ihn unter den Arm. Heinrich packte den Bahnhof in seine Mütze, und eben wollten wir den Alpenjäger und die Gemse von der Felskuppe holen, als Heinrichs Mutter uns nachkam. Ihr Gesicht war weiß, und sie ging ganz langsam; aber sie lächelte doch, als sie uns über die Köpfe strich und sprach:
»Laßt nur eure Stadt stehen; Ludwig hat jetzt eine viel schönere Stadt als ihr!«
Da nahm Heinrich den Bahnhof wieder aus der Mütze, und ich trug den Turm wieder auf den Berg, richtete ihn dort auf und überzeugte mich, daß die Aussicht über ihn hinweg wieder ganz herrlich schön sei.
Dann gingen wir drei nach Hause. Wir sprachen nicht. Es war gegen Abend, und der erste Stern tauchte auf am Himmel. Da holte Heinrich tief Atem und fragte mit stockender Stimme:
»Was für eine Stadt hat Ludwig?«
Die Mutter zog ihn an sich und sagte:
»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen aus lauter Gold.«
»Und hat er auch einen Berg und einen Turm darauf?« fragte ich beklommen.
»Er steht auf einem Berg, der höher ist als alle Berge, und er kann von da über die ganze Welt sehen.«
»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich verwundert.
»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter, »und – bis zu uns dreien.«
»Sieht er uns jetzt gehen?«
»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.«
Da blies der Abendwind übers Feld, und ich fror.
»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«
Der goldene Spruch stand über Ludwigs Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden, der mit einem Kranz weißer Rosen um die Stirn in jenes ferne Land gewandert und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm gelegen und hinaufgeschaut in das ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht, daß ich auch einmal den Weg finden möge dorthin.
Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja, selbst der Förster kam manchmal mit; er stand dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg, nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu sehen waren.
Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im Herzen.
Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist durch unser ganzes Leben der goldene Spruch aus der Heiligen Stadt nachgegangen:
»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«