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Die Gotischen Zimmer: Roman cover

Die Gotischen Zimmer: Roman

Chapter 13: Zwölftes Kapitel Doktor Borg
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About This Book

The novel unfolds around a series of gatherings in an ornate gothic salon where former bohemian companions, now partly incorporated into academic society, reunite. Warm conviviality gives way to tension as old friendships, artistic ideals, and national politics collide: debates over artistic integrity, institutional honors, and a celebrated guest from Norway expose splits between reformist outsiders and conservative professors. Episodes alternate lively reminiscence, song, and revelry with mocking speeches and ideological confrontation, tracing a shift in cultural life at the close of an era and examining loyalties, hypocrisy, and the costs of compromise.

Zwölftes Kapitel
Doktor Borg

Doktor Borg war zweimal verheiratet gewesen; das erste Mal mit einer einheimischen Närrin, die er wegen ihrer Schönheit und Jugend liebgewonnen hatte. Aber sie war sich dieser Schönheit so bewußt, daß sie ihr einen wahren Kult widmete. Sie konnte stundenlang halbangezogen vorm Spiegel sitzen und sich bewundern; ihre runden Arme küssen, ihren Busen modellieren, sich selbst die Zähne zeigen, ihre Nase kneten, um die schönste Wölbung an der richtigen Stelle hervorzubringen. Als der Doktor sie einmal unbemerkt bei dieser Beschäftigung sah, erschrak er, denn der Ausdruck ihres Gesichts war nicht der eines Menschen, sondern eines albernen Tieres, eines Vogels, der sich in einer Quelle spiegelt und seine Federn zupft. Es kam ihm so unheimlich vor, nicht mit einem Menschen zusammenzuleben, daß er bei all seinem Freimut die Sache in den Sack stopfte und den zuknotete.

Trotz ihrer Schönheit verstand sie sich nicht anzuziehen, und wenn er eine Bemerkung machte, wurde das als Majestätsbeleidigung angesehen. Sie zog sich dann geknickt zurück, verhöhnte ihn, daß er sie nicht zu schätzen vermöge, zählte in ihrer Einfalt alle ihre Bewunderer auf, zitierte deren Urteil. Der Doktor setzte nach der Heirat seine Rauchopfer in Form von Blumen und Sekt fort; aber die Blumen paßten nie.

»Ich habe von Leutnant X. Orchideen zu sieben Kronen das Stück bekommen. Und richtiger Champagner muß elf Kronen kosten.«

Sie liebte sich selbst und ihre Schönheit so objektiv, daß sie auf den Doktor eifersüchtig war, weil er sie gekriegt hatte.

»Du hast Glück gehabt! Du weißt nicht, wie gut du es hast. Denke, wie viele dich beneiden.«

Aber diese Selbstliebe ging so weit, daß sie sich dem Mann nicht hingeben konnte; sie gönnte ihm ihre Liebe nicht, sondern war noch in den Momenten der Zärtlichkeit so neidisch kühl, daß sie nichts empfangen konnte. Und dann klagte sie.

Anfangs kümmerte sich der Doktor nicht darum, denn er wußte, wer er war. Aber bald ging sie zu ihrer Mutter, beklagte sich und sagte, sie betrachte sich nicht als verheiratet. Die Mutter verstand nichts und wollte nichts wissen.

Der Doktor, der ein junger Arzt war, verstand auch nicht, was die Frau meinte, wurde aber unruhig und fragte einen älteren befreundeten Kollegen um Rat.

»Ja, mein Junge,« sagte der Alte, »jetzt stehst du vor einem Problem, an dem ich noch heute buchstabiere. Aber ich habe kürzlich eine bestimmte Äußerung unseres größten Gynäkologen über diese Frage gelesen. Er sagt, das Freudenmädchen suche die Freude, die Gattin aber suche das Kind; und er erklärt entschieden, das Kind müsse keusch in einer liebevollen Umarmung erzeugt werden, nicht in einer wollüstigen. Das ehrbare Mutterweib wird keusch in der Ehe, gegen ihren Willen, und was sie sucht, findet sie nicht; deshalb klagt sie. Aber, lieber Freund, ich bin so weit gekommen, daß ich finde, auch des Mannes Begierde wird in der Ehe geadelt, gewissermaßen neutralisiert oder vergeistigt; deshalb habe ich ebensoviele Klagen von männlicher Seite gehört. Du siehst ja an Neuvermählten, wieviel Enttäuschung … übrigens, ist deine Frau schwanger?«

»Ja, nach zweimonatiger Ehe!«

»Da kannst du ja ruhig sein!«

Der Doktor wurde ruhig, zu sehr, so daß es die Frau reizte. Sie wurde noch eifersüchtiger auf ihren Mann, weil ihm die Ehre zuteil geworden war, ein Kind mit ihr zu haben, und sie haßte ihre Schwangerschaft, die ihre Schönheit angriff. Und was ihr nicht gefiel, das existierte nicht für sie. Gedankenlos und einfältig ging sie noch immer umher und spielte Jungfrau.

Da wurde ihre Mutter wütend:

»Bist du verrückt, Kind? Du bist doch in gesegneten Umständen.«

»Nicht, daß ich wüßte …«

»Du weißt das nicht? Hör einmal, wenn du solchen Unsinn redest, wird dein Mann dich totschlagen. Begreifst du nicht, daß die Welt sich fragen wird, woher du das Kind hast, wenn du Unschuld markierst?«

Als sie aber die Vaterfreude und den Stolz des Mannes sah, wurde sie gehässig. Eine vollständig tierische Bosheit wuchs auf, und sie wollte ihm nicht gönnen, Vater ihres, ihres Kindes zu sein.

War es nun Einfalt oder nur Bosheit, jedenfalls sagte sie eines Morgens, als sie wie gewöhnlich schwatzte:

»Ich weiß nicht, aber ich finde, du hast an diesem Kinde keinen Teil …«

Da kam des Doktors afrikanisches Temperament zum Ausbruch, das er so lange unterdrückt hatte:

»Was zum T…l sagst du? Es ist nicht mein Kind? Dann bist du eine …, und das kannst du doch nicht meinen.«

Die Frau erhob sich, kleidete sich an, und als sie gehen wollte, äußerte sie:

»Jetzt gehe ich, für immer!«

»Ja, geh zur H…,« antwortete der Doktor. »Du kannst ja einen Menschen morden mit deiner bestialischen Dummheit und deiner satanischen Bosheit. Geh schnell, sonst schmeiße ich dich raus!«

Damit war diese Ehe zu Ende. Auf den Doktor aber war ein Schatten gefallen, denn er konnte sich ja nicht verteidigen, auch wenn er physiologische Beweise erbrachte, die niemand verlangte. So lief er ein paar Monate wütend umher, und in der Wut verheiratete er sich wieder, und zwar mit einer Norwegerin, nachdem er sie gleich geschwängert hatte. Sie war im siebenten Monat, als sie getraut wurden, und die Frau wollte eine stille Hochzeit haben, der Mann aber veranstaltete eine pomphafte kirchliche Trauung mitten am hellen Tage.

»Es ist so schön,« sagte er, »ein gesegnetes Weib zu sehen.«

Der Pfarrer war nicht derselben Meinung, mußte sich aber zufrieden geben. Und als der Doktor als sein eigener Brautführer seine hochgewölbte Braut den breiten Gang entlang durch die Kirche führte, fiel der Schatten fort, und er stand im Licht, klar und gesund wie er war …

Bei Tisch hielt er vor hundert Gästen eine Rede und trank auf das Wohl seiner Gattin und seines ungeborenen Kindes.

»Das ist Stil!« sagten einige. Andere aber fanden es zynisch.

Diese Ehe Nummer zwei ging eine Zeitlang so lala. Dann kam natürlich das Puppenheim und der ganze Kram. Ligafrauen und Kanonfrauen, Bundesfrauen und Handschuhfrauen. Das Leben war für einen Ehemann eine Hölle.

Die ganze uralte Idolatrie wurde Gynolatrie oder Frauenanbetung. Man hörte einen atheistischen Dichter erklären, seine Religion sei die Frau. Alle Literatur, die nicht die Frau verherrlichte, wurde für wertlos gehalten, so daß man wirklich mit Spencer glauben konnte, Kunst und Poesie hätten ihren Ursprung in der Kriecherei des Männchens vor dem Weibchen. Es hätte noch angehen können mit dieser Frauenlobpoesie, wenn sie nicht von Selbsterniedrigung des Mannes begleitet gewesen wäre. Männer fanden Genuß darin, sich zu erniedrigen und den Beweis zu erbringen, daß der Mann ein niedrigeres Tier sei, und als die alten Narren Ibsen und Björnson rund heraus erklärten, die Gesellschaft könne nur dadurch gerettet werden, daß die Frau ein-, der Mann aber abgesetzt werde, war die Narrheit auf ihrem Gipfel angelangt.

Kam die norwegische Frage hinzu, so hatte der Doktor ein gemütliches Heim. Zwei Kinder waren freilich aufgewachsen, im Alter von dreizehn und fünfzehn Jahren, aber jetzt wurden auch sie zu Zankäpfeln. Alles war Zankapfel, und mit einer unlenksamen Frau war nichts zu machen.

Warum sie sich nicht scheiden ließen? Die Kinder hielten das Elend zusammen, die Erinnerungen, und dieses Unerforschliche, das Gatten bindet, auch wenn sie sich hassen. Die Okkultisten sagen, daß sie halbgeistige Substrate ineinander erzeugen, die eine Art wesenhaftes Dasein führen; andere meinen, die Seelen des Mannes und der Frau wachsen mit Saugwurzeln ineinander fest und leben im Grunde in einer beständigen Umarmung; sie fühlen miteinander und durcheinander, wie Zwillinge tun sollen; deshalb leidet auch der Teil, der dem andern weh tut; er leidet unter diesem Leiden, das er selbst verschuldet hat; infolgedessen ist man wehrlos gegen die, die man liebt, und lieben ist leiden. Daher ist auch Trennung das schmerzlichste von allem; es heißt das Dasein zerreißen und auflösen, und die Erinnerungen sind die Kinder der Seele; man kann sie nicht verlassen, wann man will. Es gibt Ehepaare, die dreißig Jahre lang mit dem Gedanken umgehen, sich zu trennen, ohne daß es ihnen gelingt; sie trennten sich als Verlobte, als Neuvermählte, als Eheleute; sie trennten sich acht Tage vor der silbernen Hochzeit; und als sie so weit gekommen waren, glaubten sie, jetzt werde es bis ans Lebensende dauern. Aber drei Wochen später ging der Mann von Hause fort und blieb eine Nacht weg, die erste in den fünfundzwanzig Jahren. Am Tage darauf war er wieder daheim, und um die Versöhnung zu versinnbildlichen, richtete er eine neue Wohnung ein; und dann ging es weiter.

Der Doktor hatte durch seine erste Scheidung so gründlich gelitten, daß er beschlossen hatte, in der zweiten Ehe auszuhalten, alles zu leiden, nur keine Erniedrigung. Aber es gibt so vieles, was unmerklich erniedrigt. In Gegenwart der Dienstboten abgekanzelt zu werden ist erniedrigend für einen Mann, und in Gegenwart der Kinder als Idiot behandelt zu werden, ist noch erniedrigender, besonders, wenn man der Klügere ist.

Dies tägliche und stündliche Unterdrücken seiner Neigungen kann schließlich den Stärksten jedes Selbstgefühls berauben, und als der Doktor merkte, daß er in Gefahr war, beschloß er zu fliehen, die einzig mögliche Kampfweise bösen Frauen gegenüber; denn wer sich mit der Bosheit einläßt, gerät selber hinein. Und ihre Bosheit wirkte wie ein Nervengift, das ihn anzustecken drohte.

Der äußere Anlaß zu dem Ausbruch war wie gewöhnlich der Besuch einiger Freundinnen im Hause. Eine von ihnen liebte Frau Dagmar, inwieweit unschuldig, ist schwer zu entscheiden, aber die Damen halten alles für unschuldig, was sie treiben, auch wenn die Grenze überschritten wird.

Diese Freundin begann sich in die Erziehung der Kinder zu mischen. Das Mädchen wurde geschoren, und das Haar des Jungen ließ man wachsen, alles, um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu verwischen. Doch als der Junge in der Schule wegen dieses seines weiblichen Äußern gehöhnt wurde und der Vater zugleich merkte, daß die Instinkte des Sohnes sich zu verweiblichen begannen, bekam er Angst; nahm eine Schere und schnitt das Haar ab. Als die Mutter das sah, geriet sie in Wut:

»Darf eine Mutter nicht ihre Kinder erziehen?« schrie sie.

»Zum Teufel, dann soll sie aber auch keine Sodomiten erziehen. Zwei gehören dazu, und ich bin der eine.«

Die Mutter drohte zum Rechtsanwalt zu gehen. Das sagte sie immer.

Aber es gab noch einen andern Faktor, der störend auf die Ehe einwirkte, und das war der damals von einem berühmten Arzt erfundene Kognak. Den benutzte die Frau als Universalmittel gegen alle Krämpfe und meistens vormittags gegen Nervosität und abends gegen Schlaflosigkeit. Die anscheinend unschuldigen kleinen Gläser verdarben Stimmung und Appetit, brachten zu unrechten Zeiten Schlaf und verscheuchten die Nachtruhe. Obwohl es mit dem Erfinder selbst, dem Professor, der Autorität, ein schlimmes Ende nahm und er ein Opfer seiner Kognakhypothese wurde, setzten die Damen das Trinken fort.

Wenn der Doktor seine Frau warnte, berief sie sich immer auf den Professor.

»Der Professor muß es wohl besser verstehen als du, der du nicht einmal Dozent bist.«

Mit einem Wort, die Ehe war reif, so überreif, daß, als der Bruderzwist aufflammte, ein leichter Windstoß sie zum Bersten brachte.

Frau Dagmar schrieb in der Frauenzeitung gegen die Theorien ihres Mannes, die sie anführte, ohne jedoch seinen Namen zu nennen, verdächtigte ihn als Reaktionär und warnte die liberalen Wähler vor einem solchen Kandidaten. Damit war offen der Krieg erklärt, und die Gatten hausten jeder in einem Teil der Wohnung.

Aber die Katastrophe selbst wurde durch ein kleines Ereignis beschleunigt, das wie bestellt eintrat.

Eines Morgens zur Zeit der Sprechstunde kam eine sehr gut gekleidete Dame zu dem Doktor. Dieser war erstaunt, denn die Damen hatten ihn in den Bann getan, weil er »unfein« war; er wollte nämlich ihre Andeutungen nicht verstehen, sondern sprach ihre Hintergedanken ungeschminkt aus; deckte ihre Geheimnisse auf, ohne sie fragen zu müssen.

Er bat die Dame aber, Platz zu nehmen, und als er sie fixierte, sah er sofort, zu welcher Sorte sie gehörte. Der Ausdruck der Augen stimmte nicht zu dem des Mundes. Es waren Kinn, Wangen und Lippen eines Kindes, die Augen jedoch sagten etwas anderes, denn sie hatte vergessen, ihre Augen zu erziehen. Als er nun fragte, was ihr fehle, erklärte sie, es sei Blutarmut und Nervosität.

Er hatte eine wohlbekannte Spur gefunden und fragte vorsichtig weiter:

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja!«

»Haben Sie Kinder, und wie viele?«

»Ein Kind.«

»Wann ist es geboren?« (Jetzt ging es wie nach einem Formular, denn er wußte die Geschichte auswendig.)

»Vor drei Jahren!«

»Nun, und dann?«

Hier entstand eine Pause, denn in dem Worte »dann« lag das ganze Bekenntnis, das er ihr indirekt in den Mund legte; doch sie war nicht gekommen, um etwas zu bekennen, im Gegenteil. Er nahm deshalb den Faden wieder auf und fuhr selbst fort:

»Will Ihr Mann nicht mehr Kinder haben?«

»Nein!«

»Wollen Sie mehr Kinder haben?«

»Nein!«

»Ja, daher sind Sie nervös und blutarm: ist Ihr Mann auch nervös?«

»Er? Er macht mich ja nervös, und darüber wollte ich sprechen.«

»Hören Sie, gnädige Frau, Sie machen sich wohl gegenseitig nervös mit diesem Schwindel …«

»Können Sie mir nicht sagen, Herr Doktor, was ich tun soll; ich kann als Frau nicht unverheiratet leben …«

»Tut Ihr Mann das nicht auch, da Sie keine Kinder haben wollen?«

(Sie wollte nicht von ihrem Mann sprechen, nicht an ihn denken.)

»Können Sie mir nicht etwas verordnen, Herr Doktor, etwas, was …«

»Meinen Sie, ich soll Ihnen einen Liebhaber verordnen? Dann macht er das Kind, und Sie sind der gefürchteten Schwangerschaft ebenso nahe.«

Das war das ganze Geheimnis, und jetzt erlebte er eine Verwandlung bei offenem Vorhang; das kleine Gesicht wurde gegen ein anderes ausgewechselt, gegen ein so fürchterliches, daß er glaubte, ein ganz anderer Mensch säße auf dem Stuhl. Aber er fuhr unerschrocken fort:

»Daß Ihr Mann es müde wird, Ihre Laster auszuüben, wundert mich nicht …«

Weiter kam er nicht, denn die Dame war in einem Augenblick zur Tür hinaus.

Das war ja ein regulärer Fall und kam ebenso oft vor wie unglückliche Ehe.

Aber als er in das Wartezimmer zu dem Diener hinauskam, fand er den Namen der Dame. Es war die Frau des Redakteurs von der Zeitung des Liberalen Vereins. Jetzt hatte er die Karre in den Dreck geschoben.


Aber damit war es noch nicht zu Ende, denn nach einer Viertelstunde trat Frau Dagmar ein, und da sie ein längeres Gespräch wünschte, war sie sanft, denn sie wußte sehr wohl, daß, wenn sie dreist war, nur die Tür verschlossen werden würde.

»Was war mit der kleinen Frau X., die bei dir war?«

»Sie wollte, ich solle ihr einen Liebhaber verschreiben. Ja, sie kommen her und verlangen Rezepte für Fruchtabtreibung und Präventivmittel …«

»Jetzt wirst du aber bei der Ärztekammer wegen verletzenden Benehmens gegen eine Patientin verklagt.«

»Findest du, daß sie mit ihrer Beschwerde recht hätte?«

»Ja!«

»Dann bist du auch ein …«

Er suchte nach der Feuerzange, und die Frau verschwand. Da wußte er, daß es aus war.

Dies war der damalige höllische Kampf der Geschlechter auf Leben und Tod. Und wenn man so viele Männer zugrunde gehen und vor der Zeit sterben sah, so wurde die Ursache nie aufgedeckt, denn man durfte nicht darüber schreiben.

Die Natur hatte dem Mann das Recht der Initiative gegeben, weil er die wirkende Ursache war; jetzt aber sollte er dieses Rechts beraubt werden; die Frau, die nichts gibt, nur empfängt, eignete sich die Initiative an, und da ihre Rezeptivität unbegrenzt ist, mußte jeder Mann in einem ungleichen Kampf unterliegen, da die Ausgaben ihre natürliche Grenze haben. Und alles Umgehen der Naturgesetze bestrafte sich. Die Männer gaben sich, statt Väter zu werden, dazu her, die Zuhälter ihrer Frauen zu sein; die modernen Schlafzimmer mit ihren beiden eisernen Betten glichen mediko-mechanischen Instituten, Samenkletteranstalten oder den Privaträumen der Krankenturnanstalt. Was die Gatten suchten, fanden sie nicht, denn das findet man nur in Mutterschaft und Vaterschaft. Deshalb trat Tod an Stelle der Geburt.

Das neunzehnte Jahrhundert war nicht das Jahrhundert des Kindes, das ist eine Lüge. Das achtzehnte Jahrhundert mit Rousseaus Emile, als die Mütter ihre Kinder wieder säugen lernten und der Mutterschaft ihre verlorene Ehre wiederschenkten, das war das goldene Zeitalter des Kindes. Das neunzehnte Jahrhundert aber, besonders dessen Ausgang, wurde die Hölle des Kindes. Die Kinder, die geboren wurden, verdankten ihr Leben einem unglücklichen Zufall, einer mißlungenen Hemmung des Willensaktes, deshalb wurden sie willenlos, geschlechtslos, charakterlos geboren. Die Mutterschaft wurde verachtet; Kindergebärerin wollte keine sein, und die Muttermilch selbst zu geben, wurde für schimpflich angesehen. Die Kinder wurden mit der Flasche aufgezogen und waren immer pimpelig, schlaflos und krank. Chemikalien, kohlensaures Natron, Milchzucker, sterilisierte Kuhmilch, das war die Nahrung. Eine sterile Flüssigkeit, deren Lebenskraft getötet war, sollte die lebendige Muttermilch ersetzen! Sie ergab auch sterile Menschen, die keinen neuen Gedanken zum Wachsen bringen konnten; Epigonen, Automaten, die auf die Fragen der Menschheit gedruckte Antworten von sich gaben, gedruckt auf kleine Papierfetzen gegen Erlegung der Volksschulgebühren. Es war die Epoche der Automaten und der Automatenkinder, der Flaschenkinder, der Schnullerkinder, die nie an der warmen Brust einer Mutter gelegen hatten, sondern gedrillt wurden, in einem wackelnden Wagen still zu liegen und an Körper und Seele zu frieren, unter Aufsicht eines fremden Mädchens und ihres Bräutigams, oft genug einer Prostituierten, die den Schnuller mit unsterilisierten Lippen aufsog.

Es war das goldene Zeitalter der sterilen Frauen; und sie predigten Sterilität, bildeten eine Gemeinde und fanden Prophetinnen, bis sie schließlich eine staatlich anerkannte Kirchengemeinschaft waren.

Im Kampf gegen diese Dekadenz unterlag der gesunde Mann Doktor Borg, um sich nie wieder zu erheben.

Acht Tage später saß er allein in seinem geplünderten Heim, und vierzehn Tage später wurde er von allen Wahllisten gestrichen, als Reaktionär in der Frauenfrage und als Norwegerhasser.

Zu einer Anzeige bei der Ärztekammer kam es nicht, aber seine Praxis war geschädigt.