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Die Gotischen Zimmer: Roman cover

Die Gotischen Zimmer: Roman

Chapter 14: Dreizehntes Kapitel Frau Brita auf Storö
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About This Book

The novel unfolds around a series of gatherings in an ornate gothic salon where former bohemian companions, now partly incorporated into academic society, reunite. Warm conviviality gives way to tension as old friendships, artistic ideals, and national politics collide: debates over artistic integrity, institutional honors, and a celebrated guest from Norway expose splits between reformist outsiders and conservative professors. Episodes alternate lively reminiscence, song, and revelry with mocking speeches and ideological confrontation, tracing a shift in cultural life at the close of an era and examining loyalties, hypocrisy, and the costs of compromise.

Dreizehntes Kapitel
Frau Brita auf Storö

Frau Brita Borg war durchaus nicht so merkwürdig, wie sie glaubte, und ihre Gutmütigkeit lag mehr im Fleisch. Als die Frauenfrage aufkam, war sie sofort mit dabei, die Menschheit zu retten, deren Grundmauern jetzt auf den Stützen der Gesellschaft, den Frauen, aufgebaut werden sollten. Folglich mußte der Mann gestürzt werden, und sie beteiligte sich an der Jagd. Diese Törinnen veranstalteten eine besondere Treibjagd auf große Männer. Karl XII. sogar wurde ausgegraben und für ein Weib erklärt; Napoleon war nichts aus sich selbst, sondern seine Mutter war alles; Goethe hatte alles von seiner Mutter gelernt (die nichts wußte). Andererseits: alle geheimen Krankheiten der Frau kamen vom Manne (die Männer hatten sie jedoch von den Frauen bekommen); alle Männer waren von Frauen geboren (daß aber alle Frauen von Männern gezeugt waren, darüber wurde nicht gesprochen!).

Dieses ganze Lügengewebe und diese Ungerechtigkeit verteidigte man damit, daß die Frau jetzt die eingebildeten Ungerechtigkeiten rächen wolle. Was für Ungerechtigkeiten? fragte man. Ja, die ungleiche, aber schöne Teilung der Geschlechter durch die Natur, die nach dem goldenen Schnitt gemacht zu sein schien, bei dem der kleinere Teil sich zum größeren verhält wie der größere zum ganzen. Wo die Frau Schönheit und Reiz bekam, der Mann aber Kraft und Verstand. Wo der Frau die Pflicht zufiel, das Kind zu gebären und aufzuziehen, dem Manne aber, es zu zeugen und Kind und Mutter zu versorgen.

Zu allen Zeiten, wenn ein Mann eine ehrbare Frau liebte, hatte sie alle Garantien gehabt, gut behandelt zu werden, solange sie treu war. Deshalb hatte die Frau immer unrecht, wenn sie sich über ihren Mann beklagte, denn von ihrem Benehmen hing das seine ab. Als ein Amerikaner seiner Frau eine brennende Lampe ins Gesicht geworfen hatte, ließ sich der Friedensrichter folgendermaßen aus: »Was für ein entsetzliches Weib!« – Ja, ein Mann, der eine Frau geliebt hat, muß das Urböse gesehen haben, ehe er sich so weit vergessen kann. Die Frau hat immer unrecht dem Mann gegenüber, weil er der Mann ist und sie die Ergänzung des Mannes.

Der Mann ist der Mensch, der allein die ganze Kultur geschaffen hat: Ackerbau, Industrie, Wissenschaft, Künste, Literatur, deren Früchte er seinem Weibe darbringt (daß ein paar Frauen an einer Ecke mit dabei waren und Kleinarbeit gemacht haben, bedeutet nichts).

Frau Brita und ihresgleichen antworteten: Aber die Frau hat alle Menschen geboren. Darauf muß man erwidern: Der Mann jedoch hat alle Menschen gezeugt und seine Kinder vom Weibe gebären lassen! (Amen!)

Gustav Borg hatte sich aus ererbter Galanterie, die vom Anfang des Jahrhunderts herrührte, als die Ideen des Mittelalters in der Romantik wieder auftauchten, sofort auf die Seite der Damen gestellt; und in der Galanterie oder Ritterlichkeit gegen die Damen liegt ja eine Parteilichkeit und Ungerechtigkeit. Es ist kein Eingeständnis seiner absoluten Inferiorität, wenn ein Mann aufsteht und einer Dame seinen Platz überläßt; es ist das freiwillige Opfer des Stärkeren für den Schwächeren. Aber so wollten die Damen jetzt die Sache nicht mehr ansehen, sondern sie verlangten Unterwerfung vor dem Überlegenen.

Als nun Frau Brita ihre Kraft zeigen wollte, wurde sie roh und gefühllos; und etwas Widerlicheres als ein rohes Frauenzimmer gibt es nicht. Daß sie die Kinder vom Vater trennte, war eine Bagatelle, und daß die Kinder vor Sehnsucht nach dem Vater jammerten, genierte durchaus nicht. Zärtlichkeit, Mitleid, Barmherzigkeit gegen die unschuldigen Kleinen kam nie in Frage, wenn sie nur dem gehaßten Manne ihre Roheit zeigen konnte.

In ihrer Klageschrift führte sie zwanzig Belastungspunkte an, von denen die meisten falsch oder leicht zu beantworten waren. Er sei brutal gewesen (wenn sie ihm gerade ins Gesicht log!), er habe sie in der Ehe vernachlässigt (weil sie sich ihm entzog oder ihre Gunst verkaufen wollte); er sei geizig gewesen (weil sie selbst mit Übersetzungen verdiente und das Geld auf die Bank trug oder es verjubelte); und so weiter.

Vor Gericht zu stehen und seine Frau bloßzustellen, auch als Kupplerin der Tochter, das verbot ihm seine »Ritterlichkeit«. Deshalb gab er einem Advokaten Vollmacht, er solle auf alle Fragen, ob er etwas einzuwenden habe, nur antworten: »Nichts!«

Um die Kinder sich zanken wollte er nicht, denn sie brauchten ihre Mutter nötiger als ihn.

Hätte er sich zu einer Verteidigung mit Gegenanklagen verstehen können, so wären ihm vielleicht Kinder und Besitz zugesprochen worden. Jetzt mußte er alles verlieren; das wußte er, denn der Richter war ein Frauenrechtler.

Inzwischen saß nun Frau Brita auf Storö und regierte. Das Kinderfräulein war natürlich verabschiedet, und die Minderjährigen wurden vernachlässigt. Sich selbst und dem fremden Fräulein überlassen, gingen sie traurig umher und fragten nach dem Vater. Die Barmherzigen antworteten, er sei verreist, die Unbarmherzigen, er sei fortgejagt. Tatsächlich war der Vater beständig unterwegs. Aus der Stadt war er nach Storö zurückgekehrt und hatte sich bei dem Schöffen eingemietet. Von dort machte er Streifzüge über die Insel, bestieg Berge und kletterte auf hohe Bäume, nur um den Dachfirst zu sehen, unter dem seine Kinder lebten.

Nun hatten Esther und Max sich nach Gefallen eingerichtet und machten kein Geheimnis aus ihrem Verhältnis. Ja, sie führten sogar kleine häusliche Szenen auf, die an die allerhäßlichsten der Ehe erinnerten. Die Mutter beobachtete sie, schwieg aber lange. Schließlich eines Nachmittags ging sie zu den jungen Leuten hinein und richtete ohne Umschweife ihre Frage an den Grafen:

»Nun, Max, wann gedenkst du zu heiraten?«

Nach einer Pause der Überraschung antwortete Esther:

»Heiraten? Nie.«

»Hat Max dir nicht die Ehe versprochen?«

»Nein, im Gegenteil,« antwortete Esther; »wir haben uns versprochen, uns nie zu heiraten. Haben wir bei euch und den andern nicht genug Elend gesehen, um von dem Schwur vor Gott, uns unser ganzes Leben lang zu lieben, abgeschreckt zu werden? Wer ist Herr seiner Gefühle und seiner Neigungen? Wer wagt im Frühling zu geloben, daß es nicht Herbst werden wird?«

»Ach so, Graf Max ist so ein Bräutigam, der in den Speisekammern herumsitzt? Wir nannten sie in meiner Jugend Schmarotzer.«

Der Graf erhob sich und erkannte in einem Augenblick das Falsche in seiner Stellung, so daß er verstummte. Aber das Mädchen nahm wieder das Wort.

»Wann bist du zu diesen Ansichten gekommen, Mutter? Du, die …«

»Jetzt,« antwortete die Mutter. »Jetzt, da ich das freie Verhältnis an euch studiert habe. Nachdem ich eure Stürme und euer Zanken mitangehört habe, sehe ich ein, daß das freie ebenso falsch ist wie das gebundene. Es ist also Unsinn, dem Gesetz die Schuld zu geben; ich habe es eigentlich schon vorher gewußt, da ich gesehen habe, daß ausgehaltene Damen und ihre Aushälter ebenso unglücklich sind wie Eheleute und, wohlgemerkt, sich ebenso schwer trennen können, obwohl sie frei sind. Das ist nicht die Schuld der Ehe, sondern es liegt in der Natur der Sache; die Liebe ist Kampf auf Leben und Tod, und aus widerstreitenden Kräften soll ein neues kräftiges Leben geboren werden, mit Rechten an das Leben; diese Rechte werden vorläufig von Staat und Kirche bewacht, die die Vormünder aller ihrer Kinder sind. Jetzt geht ihr hin und bestellt das Aufgebot; Essen und Wohnung bekommt ihr von mir, aber kein Geld.«

»Und der Eid, der falsche Eid?«

»Den nimmt der Staat auf sich; übrigens gibt es die Scheidung, die einen von dem Eid entbindet.«

Das Gespräch war zu Ende, und man trennte sich, um sich erst beim Abendbrot wiederzutreffen.

Die jungen Leute saßen in Esthers Zimmer und waren ernst geworden.

»Wir müssen uns trauen lassen,« sagte der Graf, »denn sonst ist mein Ansehen verloren, und ich kann mich selbst nicht achten.«

»Also meinetwegen Trauung,« antwortete Esther, »doch wir ziehen nie zusammen, denn dann werden wir Feinde, das fühle ich an mir. Gesetzliche Freiheit! Damit bin ich einverstanden. Nicht gesetzlicher Zwang.«

»Gut! Aber Treue, solange das Band besteht,« fügte der Graf hinzu.

»Treue? Das heißt ja sich binden …«

»Wir binden doch uns selbst und einander durch eine Abmachung, und Abmachungen müssen gehalten werden, sonst stürzt die Welt ein.«

Das verstand Esther nicht.

»Das widerstrebt meiner Natur,« antwortete sie.

»Denn deine Natur ist Treulosigkeit,« entfuhr es dem Grafen.

Und im selben Augenblick zerbrach etwas; und eine Flamme loderte auf. Zum erstenmal in ihrem Leben tauchte der Kampf der Geschlechter auf. Die Frage existiere nicht für sie, hatten sie gedacht, hatten ohne einen Gedanken an den natürlichen Unterschied der Geschlechter gelebt. Jetzt saßen sie da als Mann und Weib, nackt nach dem Sündenfall, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten.

Nach einer entsetzlichen Pause nahm Max das Gespräch wieder auf:

»Merkst du, daß wir uns jetzt hassen?«

»Als Mann und Weib, ja.«

»Also müssen die Geschlechter Feinde sein?«

»Gewiß, wie Nord- und Südpol am Magnet.«

»Dann ist die Liebe Haß, und die Gattung besteht durch Haß fort, nicht durch Liebe.«

Merkwürdig war, daß immer, wenn sie haßerfüllte Worte sprachen, die Anziehungskraft sich erhöhte, als habe die Stromstärke durch die Umschaltung zugenommen; und sie wurden mächtig zueinandergezogen in etwas, das der Liebe glich, sich aber als ein rasender Haß offenbarte. Jetzt suchte er sie mit brennenden Blicken und näherte sich ihr, als wolle er ihr weh tun, sie versengen, vernichten. Nicht um etwas zu bekommen, sondern um zu geben, etwas Furchtbares zu geben, vom Wesen des Urfeuers, sie antezipierte Geburtswehen leiden zu sehen.

Sie aber, die durch das vorhergehende Gespräch aufgeweckt worden war, wollte nicht empfangen; sie erinnerte sich jetzt ihrer Stellung als Frau, ihrer demütigenden Stellung, die nichts zu geben hatte und das unter der Redensart verbarg, »sie habe ihm alles gegeben, sie habe sich gegeben«; sie sprang auf wie eine wilde Katze, nahm das Papiermesser vom Tisch und schrie:

»Ich hasse dich!«

Das konnte bedeuten: »Ich fürchte dich in diesem Augenblick, denn wenn du jetzt meinen Willen unterjochtest, würde ich neun Monate wie ein Vogelnest für dein Junges, für deins, umhergehen! Das will ich nicht! Ich will nicht dein Ei ausbrüten! Ich will nicht dein Acker sein, in den du säst …«

Er folgte ihren unausgesprochenen Gedanken und antwortete ihr innerlich: »Du erntest, wo ich gesät habe; du gehst mit meinem Kinde fort, wenn ich es von dir gebären lasse; du Diebin, die du mich und mein Werk ausstreichen willst, wenn du mein Kind geboren hast (denn mein ist es, weil ich ihm Leben und Bewegung gebe). Ich lese in deinen Augen, daß du imstande wärst, meine Vaterschaft zu verleugnen und dich selbst zur Dirne zu machen, nur um mein Eigentum an dich reißen zu können, voll Mutterstolz mein Kind auf den Straßen spazieren zu führen und mit deinem Werk zu prahlen. Einen Mann erniedrigen zu können, ist das letzte Ziel für den Ehrgeiz eines Weibes!«

Nun schämten sie sich; sie saßen jeder in einer Sofaecke und haßten.

Dann fing es wieder an. Der Graf begann:

»Ja, jetzt schlägst du meine Bitte ab, und ich darf nicht böse sein; wenn ich aber deinem Befehl trotze, so glaubst du ein Recht zu haben, böse zu werden, ja … Wenn man denkt, daß vernünftige Menschen sich wie Katzen balgen! Brunst und Haß! Siehst du, das ist die Liebe, das höchste, was es geben sollte, und doch gehört sie den niedrigsten Regionen an. Du bist ja Ärztin, was ist die Liebe in ihrem tatsächlichen Ausdruck?«

»Eine Sekretion!«

»Bravo! Und so etwas soll unsere meiste Zeit und unsere besten Gedanken in Anspruch nehmen! Weißt du, Esther, Idealist war ich nie, aber doch ist die Wirklichkeit eine Karikatur unserer Ideen von den Dingen. Alles ist herabgezogen und auf den Kopf gestellt; es gibt Augenblicke, wo ich eine Wahrheit in den Worten der alten Sage höre: Verflucht sei die Erde um deinetwillen! Es gibt Augenblicke, in denen ich glaube, daß der verrückte Stagnelius recht hatte, als er darüber klagte, daß unsere Menschenseelen in Tierkörper gekrochen seien. Wir benehmen uns ja wie Tiere, wir küssen uns mit demselben Munde, der die Speisen einnimmt, und wir lieben mit den Abführungsorganen! Ist es da ein Stolz, ein Mensch zu sein? Nein, demütigend ist es, und wir müßten uns alle schämen. Die Darwinisten haben schon recht, daß der menschliche Körper sich aus dem Tierkörper entwickelt hat, aber sie vergessen, daß die Seele ein selbständiges Dasein führt mit Ahnen von oben, mit Erinnerungen an die Sterne, und daß das Fleisch nur ein Futteral ist, das stremmt. Die Seelenwanderung der Ägypter ist schon richtig, aber ich glaube, wir sind in dieser affenähnlichen Hülle bereits auf der Wanderung begriffen. Weißt du, ich habe einmal in der Schwimmschule die weißgelbroten Menschenkörper gesehen und war frappiert von der Ähnlichkeit mit – nicht mit Affen, sondern mit jungen Schweinen, die auch rosenrot und haarlos sind. Weißt du, ich habe Augenblicke, in denen ich buchstäblich nicht Platz in meiner Haut habe, wo ich meine Hülle abwerfen und meines Weges fliegen möchte. Ich beginne an alte Märchen zu glauben; ich glaube an den Sündenfall, denn seit wir gefallen sind, du und ich, haben wir uns nur verachtet. In der ersten Zeit, als ich dich liebte, sah ich deinen Körper nicht; ich sah nur deine Seele, und die war schön und gut. Dann kam der Teufel und das Tier. Neulich sah ich das Tier in dir, in deinen Augen. Es war auf einmal wie totes bemaltes Porzellan, sah aus wie ein Emailauge auf dem Schild eines Optikers. Da bekam ich Angst. Und trotzdem müssen wir uns aufbieten lassen! müssen hinunter in den Morast der Küche und des Kinderzimmers; du und ich wie alle andern. Der heilige Ehestand, an dem die Liebe keinen Teil hat, in dem auf den schönen Augenblick der Empfängnis immer Scheltworte folgen, in dem alle Laster blühen und die Tugend, wenn sie sich als guter Geschmack offenbart, ein Fehler ist, der ein Scheidungsgrund werden kann. Ich habe einen verheirateten Freund, der der Kälte gegen seine Frau beschuldigt wurde. Vor dem Richter äußerte er sich vorsichtig ungefähr so: Meine Frau klagt mich der Kälte an. Wir haben nach einjähriger Ehe nur ein Kind, aber wenn wir in Konstantinopel verheiratet gewesen wären, hätte ich jetzt zweihundert Kinder haben können; und trotzdem klagt sie! Zweihundert! Doch du weißt, die Menschen lieben es nicht, daß man sich verteidigt …«

Jetzt klingelte es zum Abendbrot, und sie mußten hinuntergehen. Es ging kalt und steif bei Tisch zu. Die Kleinen waren auch da. Irrtümlicherweise hatte der Knabe des Vaters Serviettenring bekommen. Er spielte damit und las den Namenszug; seine Lippen bewegten sich, aber man hörte nicht einen Laut. Doch Frau Brita hörte und verstand; und mit einem Ruck nahm sie ihm den Ring weg.

Der Knabe errötete, schlug die Augen nieder und äußerte nach einer Weile:

»Kann der eine Mensch dem andern verbieten zu denken?«

Keine Antwort erfolgte; denn in diesem »der eine Mensch und der andere« lag ein starkes persönliches Selbstgefühl, das andeutete, daß das Kind sich mit der Mutter auf gleichem Niveau fühle; diese war ergriffen, vor allem deshalb, weil sie die Stimme des Vaters aus dem Kinde hörte. Dieser Mann, den sie aus der Welt ausgerottet zu haben glaubte, stand wieder auf und saß am Tisch, redend, vorwurfsvoll. Sollte er sich durch die Kinder rächen, sollte seine Seele noch in diesem Hause weilen, von dem er ausgeschlossen war? Sie fühlte in diesem Augenblick einen grenzenlosen Haß gegen das Kind, und als der Knabe aus Gedankenlosigkeit oder in unbewußtem Willen den Serviettenring wiedernahm, stand die Mutter rasend auf und packte das Kind am Ohr. Ruhig, kalt, beherrscht und mit der Überzeugung eines erwachsenen Menschen sagte der Knabe die folgenden Worte, die er nicht zu Ende gedacht hatte:

»Rühr mich nicht an, Mama, denn dann stirbst du!«

Was meinte er? Meinte er etwas? Wer weiß? Alle Kinder sind Wunderkinder insofern, als ihr intuitiver Verstand in dem kleinen unvollendeten Körper fertig dazuliegen scheint. Aber auch der Kinderkörper scheint fertig zu sein; er erscheint nur in verkleinertem Maßstab, und man hat oft den Eindruck, einen Miniaturmenschen zu sehen, wenn man ein Kind sieht. Die naiven Ausbrüche, die man von einem Kinde hört, sind nicht naiv, sie sind ebenso tief gedacht wie bei einem Älteren. Wir haben ja kürzlich in den Bekenntnissen eines großen Staatsmannes gelesen, er erinnere sich, in seinen Knabenjahren ebenso klug gewesen zu sein wie im Alter. Wenn das so ist, was für einen Zweck hat dann die Erziehung? Soll sie unterdrücken?

Als der Knabe schwieg, sollte er in ein dunkles Zimmer gesperrt werden, weil er bei Tisch gesprochen hatte. Die Mutter hatte ihn am Arm gefaßt, die Verstimmung war allgemein, und Graf Max stand bereit, zu vermitteln, als plötzlich alle aufhorchten.

Vom Garten her hörte man einen heulenden Laut, vielleicht das Brüllen eines Haustiers …

»Das Vieh ist doch im Winter nicht draußen!« unterbrach der Graf das unheimliche Schweigen.

Keine Antwort erfolgte, die Mutter aber stand bleich da und hielt in ihrer Bewegung inne, während das Gesicht des Knaben ein inneres Licht und einen Frieden wie bei einem Sterbenden ausstrahlte. Die Mutter und er allein hatten den Laut verstanden. Es war der Vater! Ein Mann, der keine Tränen weinen kann, brüllt vor Schmerz. Er hatte also an dem dunklen Winterabend vorm Hause gestanden, um einen Schimmer von den Kindern zu sehen!

Frau Brita machte mit der Hand eine Bewegung nach der Brust und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen.

Als die Kinder später nach ihr fragten, sagte das Mädchen, die gnädige Frau sei zu Bett gegangen und sei krank.


Am nächsten Morgen war die Frau noch krank; aber sie wollte keinen Arzt haben und wollte niemanden sehen. Sie schrieb ihre Anordnungen auf Zettel. Die jungen Leute bekamen den folgenden Befehl: »Ihr fahrt sofort in die Stadt und bestellt das Aufgebot.«

Und sie fuhren.

Als sie nach einer Hetzjagd beim Standesbeamten die Papiere in Ordnung hatten, wie sie glaubten, fanden sie sich im Amtszimmer eines Pastors ein, um das Aufgebot zu bestellen.

Sie kamen durch ein Vorzimmer, das wie ein kleinerer Flur aussah, und traten in das Kontor, das einem größeren Flur glich. Schnee und Schmutz auf dem Fußboden, die Fenster ohne Gardinen, Holzbänke längs der Wände, Pulte, Ungemütlichkeit, schwere Luft, unfreundlich, unschön. Hier standen und saßen Sünder, die das Leben beginnen wollten, Männer und Frauen zum Beisammenleben für die ganze Zeit der Wanderung; hier standen und saßen Eltern, die das Neugeborene für den Kampf weihen und ihm einen Namen geben wollten; hier standen und saßen Menschen, die einen Anverwandten zu begraben hatten, was auch nicht so leicht ist. Nichts ist leicht, weder der Eingang, noch der Ausgang. Und das spürten sie, als sie hier saßen und warteten.

Sie sahen düstere Männer in großen Büchern schreiben, schreiben und ausstreichen, offen die indiskretesten Fragen stellen. Der Name des Vaters? Unbekannt? Schon einmal verheiratet gewesen? Etwa geschieden? Die Scheidungsurkunde vorzeigen! Ist nicht vorhanden! Ist das Kind getauft? Ja, aber nicht hier. Wo? Ganz weit in Amerika! Müssen hinschreiben!

Schreiben, schreiben, schreiben!

»Dieser Teil der Seelsorge ist etwas sonderbar,« begann der Graf flüsternd. »Kontorarbeiten, Buchführung, Kladde. Das sind ja Standesbeamte! Onkel Henrik nennt es ein Pfarramt, aber es ist ja ein öffentlicher Beichtstuhl. Sind Sie zum Abendmahl gewesen? Was geht das euch an! Und sie sind nicht freundlich. Es klingt so hart, wenn die Diener des Herrn sprechen.«

Der Saal leerte sich für einen Augenblick, und einer, der der Bürochef zu sein schien, schnaufte und wischte sich die Brille ab. Es war ein weltlicher Priester, schien es, denn er erzählte laut eine Anekdote von einer Frau, die am vorigen Sonntag von der Kanzel mit einem Verrückten aufgeboten worden war. Als er sich im Zimmer umsah und die Tochter der bekannten Frau Brita bemerkte, diese Tochter, die in Upsala ebenfalls von sich reden gemacht hatte, wurde er rot bis an die Haarwurzeln; und als der Kirchendiener im selben Augenblick vorbeiging, um das Kaminfeuer zu schüren konnte er den Mund nicht halten.

»Nachheizen, Söderström, daß der Kamin rot wird; rot muß er sein, rot für die Roten!«

»Schilt er uns aus?« flüsterte der Graf.

Aber das Büropersonal belohnte den Chef mit einem erstickten Kichern, und dieser, dem der Erfolg zu Kopf stieg, trachtete nach neuen Lorbeeren.

»War nicht vorhin ein Lümmel hier, der die Einzelheiten der letzten Scheidung wissen wollte?« fragte er den Küster.

Dieser murmelte etwas, was nur dazu dienen sollte, den derben Witz hervorzurufen, der jetzt abgefeuert wurde.

»Das ist ja wie im Volkstheater,« flüsterte der Graf. »Und ich habe es so ernst genommen! Wollen wir unserer Wege gehen? Esther?«

»Nein! Denke an Mutter!«

»Aber dies ist ja Schwindel! Ich gehe!«

Der Kirchendiener kam wieder herein, in der Hand einen Wacholderbusch, den er im Kamin anzündete und im Saal umherschwenkte. Es herrschte nämlich eine Epidemie, und alle öffentlichen Lokale mußten ausgeräuchert werden.

Das war Wasser auf die Mühle des Geistlichen.

»Recht so, Söderström, räuchern Sie die Nihilisten aus!«

»Das ist unglaublich,« flüsterte der Graf. »Das sind ja Landstreicher! Landstreicher! Wenn man sich vorstellt, solche versoffenen Studenten; wenn sie die Landwirtschaftliche Hochschule nicht absolvieren können, werden sie Seelsorger, und dann haben sie das Recht, ihren Mitmenschen die Leviten zu lesen; man nimmt den Zehnten, und dann kann man die Seelen lösen und binden. Nein, weißt du, dies ist faul, und ich sorge für meine Seele selbst besser.«

Nun kam der Pfarrer. Er war ein gebildeter, würdiger Mann, jedoch ein höherer Beamter, kein Hirt und kein Hoherpriester. Er las in den Papieren und sagte mit freundlicher Miene, durchaus nicht herablassend:

»Hier steht Herr Adelstorm, da muß doch Graf stehen.«

»Ja, das müßte es, aber mein Vater, der Bankkassierer ist, hat einen Titel abgelegt, der nur falsche Prätentionen mit sich bringt …«

Der Geistliche machte ein anerkennendes und fast bewunderndes Gesicht.

»Und ich,« fuhr der Graf fort, »bin dem Beispiel meines Vaters gefolgt, besonders weil das ganze Titelwesen veraltet ist.«

Der Geistliche wurde finster, denn er witterte einen dieser modernen Angriffe auf die Gesellschaft, die doch ihre Mitglieder nicht nach dem eigentlichen Gewicht ordnete. Aber er war ein humaner Mann und ging weiter.

»Sind Sie, Herr Graf, Verzeihung, ich kann nämlich Ihre Ansicht über die Wertlosigkeit der Titel nicht teilen, da der Staat selbst durch sie bürgerliche Verdienste einschätzt … Sind Sie nicht getauft, Herr Graf? Ich sehe keinen Taufschein.«

»Getauft? Nein, das glaube ich nicht.«

»Glauben Sie nicht? Dann kann ich nicht aufbieten.«

»Dann stehen wir da! Esther! Aber seltsam ist es jedenfalls, Herr Pastor; wenn man nicht heiraten und sich nicht trauen lassen will, dann wird man in Acht und Bann getan; und will man heiraten und sich trauen lassen, dann werden Hindernisse aufgerichtet, über die alle Verheirateten sich beschweren. Warum wollen Sie eine so einfache Sache hindern? Sie verlangen ja unter anderm den Beweis, daß man für die Ehe frei ist! Wie soll man das beweisen können!«

»Meine Instruktion ist das einzige, worauf ich Rücksicht nehme …«

»Aber das ist mir nicht möglich, und deshalb … deshalb gehen wir jetzt unserer Wege, unserer Wege.«

»Warten Sie einen Augenblick,« fing der Pastor wieder an. »Wir wollen uns die Papiere des Fräuleins ansehen! Hier steht – unkonfirmiert! Ja, dann geht es nicht. Ich bedaure, aber ich kann nichts dazu tun.«

Jetzt war an Esther die Reihe zu reden, denn sie hatte ihrer Mutter das Versprechen gegeben, und in ihr erwachte auch eine Erinnerung an den Vater, wie er sie draußen am Strande bei der Verlobung, die doch die Einweihung einer neuen Familiengründung war, in die Arme geschlossen hatte. Damit war das Bündnis doch gewissermaßen etwas anderes geworden als eine Bekanntschaft.

»Können Sie uns nicht helfen, Herr Pastor?« sagte sie in halber Verzweiflung, die sie anziehend machte.

»Nein, meine Freunde, das kann ich nicht. Denn ich setze voraus, daß Sie, Herr Graf, sich nicht taufen und Sie, mein Fräulein sich nicht konfirmieren lassen wollen.«

»Nein,« antwortete Esther und wurde zu einem ganz kleinen Mädchen, »denn wir glauben nicht an die Lehre. Aber sollen wir deshalb ausgestoßen und von Eltern und Geschwistern verachtet werden? Das ist doch zu streng!«

Der Pastor war gegen seinen Willen gerührt, als er sah, daß sie bei dem wichtigen Schritt doch gleichsam einen höheren Schutz in den schlimmsten, verhängnisvollsten Kämpfen des Lebens suchten. Er fand auch in ihrer Opferwilligkeit den Wünschen der Eltern gegenüber etwas Schönes, obwohl sie streng genommen ihr Gewissen opferten.

»Ich gebe zu,« begann er …

Jetzt hustete der Bürochef, und das bedeutete: »Gib nichts zu!«

»Ich gebe allerdings zu …«

»Herr Pastor,« unterbrach der Buchhalter … Und diesmal wurde nichts aus dem Zugeben.

Als die jungen Leute das Haus der Sünder verließen, konnte der Graf nicht mehr an sich halten:

»Pfui!« sagte er, »dies ist ja alles verrückt.«

Im selben Augenblick stand der Pastor an ihrer Seite; und mit einer freundlichen, menschlichen Miene faßte er Esthers Boa, als wolle er sie am Schwanz festhalten oder sie schelmisch zausen:

»Mein Fräulein,« sagte er, »lassen Sie sich konfirmieren; es ist ja nur eine Formalität; und Sie, Herr Graf, lassen Sie sich taufen, es ist ja nicht gefährlich; nur etwas Wasser!«

»Sind es nur Formalitäten,« antwortete Graf Max, »und nur etwas Wasser? Ja, dann … danke für die Aufklärung, Herr Pastor … Aber denken Sie, wir Dummköpfe dachten, es sei etwas anderes! Komm, Esther!«

Sie gingen.

»Glaubst du, es ist seine Überzeugung, daß es nur Formalitäten sind?« fragte Max.

»Nein,« antwortete Esther, dem Weinen nahe; »er ist ein netter Mann, der uns trösten und helfen wollte. Deshalb hat er das gesagt.«

»Jetzt küsse ich dich in Gedanken, Esther, hier mitten auf der Straße, weil du gut von den Menschen denkst!«

»Es kann doch auch um einen Pfaffen schade sein!«

»Sogar um einen Pfaffen! Ja, jetzt sehen wir aber, daß die Kirche schuld ist, wenn die Ehen ab- und die freien Verbindungen zunehmen. Geschehe ihnen nach ihrem Willen.«

»Was machen wir jetzt?«

»Wir gehen zu Holger in die Redaktion und reden uns dies von der Seele.«

»Ja, das tun wir.«


Die Zeitung hatte einen gewaltigen Aufschwung genommen, seit sie in ihrem jungen Redakteur einen neuen Motor bekommen hatte. Kühn, vorurteilsfrei hatte er in seinem Akkumulator alle Ströme gesammelt. Liberalismus, etwas Sozialismus, die ganze Frauenfrage, etwas Theosophie, Tierschutz, Sport, ein wenig Verteidigungsfreundlichkeit neben sukzessiver Abrüstung, Weltbürgerschaft auf patriotischer Basis, prinzipieller Freihandel mit Schutzzoll, wenn die Gefahr es verlangte. Dieser Eklektizismus konnte so aussehen, als sei er durch den Wunsch nach Erhöhung des Abonnentenkreises geboten, aber er hatte wohl andere Gründe. Als die schwedische Landwirtschaft sich Ausgangs der achtziger Jahre in wirklicher Gefahr befand, wurde die Zollfrage in den Kammern aufs Tapet gebracht und versetzte das Land in vollständigen Aufruhr. Wie gewöhnlich wurde die Proposition falsch gestellt: Schutzzoll oder Freihandel; und die ganze Nation teilte sich in zwei Lager: Bauch und Glieder, obwohl keiner recht wußte, wer Bauch war. Die Schutzzöllner siegten, und die Bauern hielten sich für gerettet. Aber im Jahr darauf war eine Mißernte in Rußland, und die schwedischen Bauern, die auch Saatgetreide kaufen mußten, fürchteten Hungersnot. Da wurde der Schutzzoll auf Getreide wieder aufgehoben, der ganze schreckliche Zollkrieg erwies sich als eine Zeit- und Kraftverschwendung, und die Siegenden waren die Verlierer. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gesehen haben, wie die alten Freihandelstheorien Englands aufgegeben wurden, haben wohl unsere Begriffe korrigiert und erkennen, daß das ökonomische Leben sich nicht so mathematisch abwickelt, wie man geglaubt hat. Freihandel bedeutet, daß mehrere Staaten frei ihre Produkte austauschen. Man verliert dann vielleicht an einem Posten, gewinnt aber an einem andern, und allmählich findet zum Vorteil aller ein Ausgleich statt. Daß aber ein Staat sagt: Jetzt bin ich Freihändler, während die andern Schutzzöllner sind, das heißt ja sich selbst plündern und ist im übrigen etwas Unsinniges, da das ganze einen Vertrag zwischen mehreren voraussetzt. Das ist, als wolle man in Kriegszeiten abrüsten.

Alle aber, die den Zollkrieg erlebt und gesehen hatten, daß Recht und Unrecht nicht auf einer bestimmten Seite lag, wurden etwas vorsichtiger; und das ist das Charakteristische in der Physiognomie des Jahrhundertendes: Vorsicht, Bedachtsamkeit. Das hätte man früher Kompromiß genannt im boshaften Sinne oder Krämertum, Skeptizismus in der Bedeutung von Schlappheit des Charakters und der Ansichten. Jetzt trat dieser Ausgleich ein, bei dem der eine tatsächlich von dem andern empfing; man lernte voneinander; der eine tauschte einen Vorteil gegen einen andern ein; die Gesellschaftsklassen vermischten sich, man brauchte nur im Adelsalmanach nachzusehen, wie viele bürgerliche Namen sich mit hochadeligen verbunden hatten und wie viele geringe Posten mit Trägern der größten Namen besetzt waren; der Staat unterstützte den Sozialismus, und die Sozialisten bekämpften den Anarchismus. Die Zeit der Zersplitterung begann in die der Konzentrierung überzugehen, und die Menschen gaben sich Mühe, einander zu verstehen. Manches von dem Neuen hatte sich als ein mißglücktes Experiment erwiesen, doch auch Experimente mit negativem Resultat sind nützlich und erzielen Nebenprodukte; die Alchimisten fanden freilich das Gold nicht, dafür aber entdeckten sie die Schwefelsäure, die viel nützlicher ist.

Als Ingenieur Borg zur Macht gekommen war, hatte er sofort entdeckt, daß es nicht lohne, danach zu streben, eine Meinung zu beherrschen und die andern zu verfolgen, denn dann zeigte sich sofort beim Quartalsende ein Rückgang. Der Kassierer war das Barometer; er sah in seinen Büchern, wie der Wind wehte. Und wenn auch der Redakteur den Mut gehabt hätte, dem wirtschaftlichen Verlust zu trotzen, so sah er doch durch die abgehenden Abonnenten den Einfluß der Zeitung sich verringern. Er verlor also schnell seinen frohen Glauben an die Allmacht der Presse und fand sich allmählich darein, Diener zu sein statt Herr; daher blühte das Geschäft.

Das junge Paar hatte jetzt eine große Wohnung mit drei Dienstboten, und die Redaktion hatte ihr Lokal erweitert. In ihren Räumen gingen Minister, Bauern, Arbeiter, Generale, Schauspieler und Künstler aus und ein. Einfluß hatte man, aber die Macht stand im umgekehrten Verhältnis zu der Abhängigkeit, der man sich unterwerfen mußte. Gehorchen und herrschen!

Heute war Sturm auf der Redaktion. Es gab nämlich Mitarbeiter, die in der verflossenen Zeit lebten und die Zeitung für ihre privaten Interessen benutzten. Jede Notiz, auch die unschuldigste, hatte einen geheimen Sinn: einen Vorteil, einen Nutzen zu erringen, einen Groll zu befriedigen. Besonders hatte der Theaterkritiker sich eine Machtstellung angemaßt, die er mißbrauchte, um zu herrschen und sich als jemand zu fühlen, obwohl er nichts war. In Verbindung mit weiblichen Favoriten bestimmte er über die Schicksale der Menschen, stürzte und lancierte ganz nach Belieben. Besonders hatte er sich des Theaters angenommen, das aus leicht erratbaren Gründen den Namen »Hoflieferant« führte. Es bot schlechtere Dinge als das zweite Theater, genoß aber Protektion und Staatsunterstützung, während das Personal sich zu den höheren Hofbeamten zählte.

Ingenieur Borg kannte die Verhältnisse an den Theatern nicht, aber es hatte ihn gereizt, daß das schlechtere sich einer Protektion erfreute, die das bessere hinderte, emporzukommen. Daß da manche häßliche Dinge vorgekommen waren, wußte er, aber darum kümmerte er sich nicht, und von der intimen Rolle, die sein Kritiker in dem königlichen Lustgarten spielte, ahnte er nichts. Deshalb schlug er los mit einem Artikel gegen »ungesetzliche Protektion« und trat damit in den Kohlgarten seines Rezensenten. Darauf folgte die Entlarvung, bei der herauskam, daß gerade seine Zeitung die Misere unterstützt hatte. Das war ärgerlich, und Ingenieur Holger war weitergegangen, als er wollte, hatte an ein faules Ei gerührt und sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht.

Die Klage war noch nicht erhoben, aber man sprach in den höheren Kreisen darüber, und auf der Redaktion rüstete man sich zum Kampf.

Während dieser allgemeinen Aufregung kamen Max und Esther in die Redaktion, um Holger aufzusuchen.

Dieser war in sprühender Stimmung und freute sich über das Ereignis, das Anlaß geben würde, allerlei alten Kram zu ordnen. Er begrüßte die Schwester und Max, den er schon Schwager nannte und als solchen betrachtete, denn in den Vorstellungen der Jüngeren stand fest, daß eine Verlobung die Veröffentlichung einer erlaubten Verbindung sei.

»Also ihr wart auf dem Pfarramt und habt Schelte bekommen! Was wolltet ihr da auch? Die eigenen Kinder der Kirche sind die Stiefkinder; Israeliten, Freikirchler und Mormonen werden aufgeboten, wir aber, die zu dem rechten Schafstall gehören, werden es nicht. Hört einmal, wenn ihr Lust habt, so will ich selbst Hochzeit halten und euch in der Zeitung aufbieten, zum ersten, zweiten und dritten Mal.«

»Wir hätten alle Formalitäten übergangen,« antwortete Esther, »wenn Mutter uns nicht gezwungen hätte.«

»Mutter, ja? Wie geht es ihr?«

»Sie sagt, sie sei krank, und hat sich nach einem Auftritt zu Bett gelegt …«

»Ja, das mit dem Alten war ja furchtbar, aber in diesen Zeiten muß man um seine persönliche Existenz kämpfen, und wer fällt, bleibt ungerächt liegen.«

Jetzt klingelte im Zimmer nebenan das Telephon.

»Entschuldigt!« Und Holger verließ die jungen Leute. Durch die halbgeöffnete Tür hörte man einige abgerissene Ausrufe.

»Was sagt ihr? Herr du meine Güte! – Das ist unglaublich. – Ja, sie sitzen hier in meinem Zimmer, und ich werde sie sofort hinausschicken! – Das ist zu gemein! – Vater, Vater sollte …? Ach, Unsinn! – Und der Pastor glaubt es? – Herr des Himmels! – Wißt ihr … Wißt ihr … Hallo! … Ist der Arzt draußen gewesen? … Was hat er denn gesagt? … Keine äußere Beschädigung! … Ja, adieu einstweilen; sie kommen mit dem nächsten Dampfer!«

Holger kam heraus, weiß um die Nase, die schmal war wie ein Messer.

»Herr des Himmels, ist das eine Geschichte! … Mutter ist tot! in ihrem Bett gestorben!«

»Mutter ist tot?«

»Ja, und das schlimmste ist: die Leute sagen … Vater stehe im Verdacht … weil sein Prozeß … nur auf diese Weise beigelegt werden konnte!«

»Das ist entsetzlich!« rief Esther, die in diesem Augenblick nicht recht wußte, welche Richtung ihre Sympathien nehmen sollten. »Und was sagt der Arzt?«

»Er kann keine andere Todesursache finden als Herzschlag.«

»Dann müssen wir sofort hinausfahren!«

Keine Träne wurde vergossen, keine andere Gemütsbewegung äußerte sich als ernstes Erstaunen. Man kannte das Leben und seine brutale Art; man war von Anfang an auf alles gefaßt, und in dem Kampf, dem ewigen Kampf um alles, mußte ja einer unterliegen.


Als Esther und Max in der Villa auf Storö anlangten, sahen sie weiße Laken vor den Fenstern hängen. Auf dem Flur kamen ihnen die kleinen Kinder entgegen, die schwarz gekleidet waren. Sie hatten keine Vorstellung vom Tode und schienen sich in dem Frieden und der Stille, die nach den Stürmen herrschten, wohl zu fühlen.

»Mama ist tot!« sagte der Knabe, als berichte er irgend etwas Beliebiges, und mit einem kleinen Anflug von Stolz, als erster eine Neuigkeit überbringen zu können.

Als Esther mit der Wirtschafterin in das Zimmer der Mutter trat, erinnerte sie sich sofort daran, daß sie Ärztin war, und untersuchte den toten Körper, der wirklich als tot befunden wurde. Der Gesichtsausdruck war genau der gleiche, den sie bei ihrem letzten Zusammensein bemerkt hatte, als das Brüllen des Vaters aus dem Garten ertönt war, und das veranlaßte sie, an eine psychische Todesursache zu denken. Es gab also etwas, was Seele hieß, es existierten Gefühle und ähnliche Dinge, die nicht aus Zellen und Geweben hergeleitet werden konnten.

Als sie das, was sie wollte, konstatiert hatte, fragte sie die Wirtschafterin:

»Hat der Herr, hat mein Vater sich hier im Hause sehen lassen, nachdem er es verlassen hat?«

»Nein, das hat er nicht; aber … aber er ist wohl gemütskrank, denn man hat ihn gehört … die ganze Nacht und den Tag über hier draußen im Walde.«

»Gehört?«

»Ja, er hat geschrien, so daß die Frau nicht schlafen konnte. Aber als die Frau tot war, wurde er still.«

»Wie seltsam! Wo ist er denn jetzt?«

»Es heißt, daß er in der Pfarre wohnt.«

Esther ging zu Max hinunter, der am Klavier saß und tat, als spiele er, ohne aber die Tasten niederzudrücken.

»Glaubst du,« fragte sie, »daß Mutters Gewissen erwacht ist?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Was glaubst du denn?«

»Ja, wenn ich Theosoph wäre, würde ich vermuten, sie sei an seinem Kummer gestorben. Seine Seele, die auf ihre gepfropft war, wurde ja weggerissen, und es fehlte die Zeit für eine sanfte Loslösung; daher wurde ihr Herz zerstückelt. Es ist nicht so leicht, sich zu trennen, wie die Leute glauben, und es ist nicht ungefährlich. Wenn eine Frau ihrem Mann untreu ist, auch wenn er nichts davon weiß, fühlt er es telepathisch und wird von Selbstmordzwang ergriffen. Merkwürdig ist, daß die Mordlust des betrogenen Mannes meistens im Aufhängen ihren Ausbruch sucht. Daß er sterben will, hängt damit zusammen, daß seine Seele durch die Frau in unerlaubte Verbindung mit den niedrigeren Sphären eines Mannes gebracht wird; und der Selbsterhaltungstrieb der Seele ist so stark, daß sie lieber stirbt, als sich verunreinigen läßt. Wenn die Männer wüßten, wie gefährlich es ist, anderer Frauen zu berühren, lebensgefährlich; und wenn sie wüßten, wie geringe Lust ihnen zuteil wird, wenn sie die Frau eines andern besitzen! Sie suchen sie und finden ihn, denn er ist in ihr und versperrt den Weg. Vor kurzem ist ein junger Millionär mit der Frau eines andern durchgebrannt. Sie sind genügend weit gereist, bis in den Orient. Als sie sich nun hatten, konnten sie sich doch nicht kriegen. Deshalb hat er erst sie und dann sich selbst erschossen.«

»Konnten nicht?«

»Nein! So stand es in seinem letzten Brief an – den Mann, der sein Freund gewesen war und es jetzt in der Todesstunde wieder wurde! – Ein anderer Fall! Ein Mann verließ seine Frau, weil nicht mit ihr auszukommen war. Nach einem Jahr verheiratete er sich mit einem jungen Mädchen. Als er in das Brautgemach trat, fand er seine erste Frau im Brautbett. Sie war es natürlich nicht, aber die Ähnlichkeit war so täuschend, daß er von Entsetzen gepackt wurde und vor dem Spuk davonlief. Da hast du die Lösung der rätselhaften Geschichte. Nach ein paar Jahren verheiratete er sich wieder, bekam Kinder und lebt noch jetzt.«

»Das sind unheimliche Geschichten!«

»Aus dem Alltagsleben. Beobachte jetzt deinen Vater, wenn er wieder heimkommt, denn das tut er, aber erst, wenn Mutter in der Erde ist. Er ist gesund. Er vermißt sie nicht, im Gegenteil; er trauert nicht, im Gegenteil; aber er hat Leichenfarbe und leidet besonders an Frost; er friert so entsetzlich, und weinen tut er auch, ohne traurig zu sein. Er magert zugleich ab, und seine körperliche Abnahme steigert sich ungeheuer. Das ist die Loslösung von ihr. Das pflegt ein Jahr zu dauern.«

»Wo hast du das gelesen?«

»Ich habe es nicht gelesen, ich habe es beobachtet, an Alltagsmenschen. – Und wenn ein Mann von Liebe erfaßt wird, von großer Liebe zu einer Frau, so hast du wohl seine Transformation gesehen. Das erste ist, daß er abmagert, aber in schöner Art. Alle Gewebe werden subtiler während der Verlobung, er ändert, ohne sich dessen bewußt zu sein, seine Diät. Bevorzugt Obst, Milch und Wein; verträgt nichts Scharfes oder schlecht Riechendes. Der Körper bereitet sich auf die neue Geburt vor, um die Emanationen ihrer Seele aufzunehmen; er bewacht seine Handlungen und Gedanken, denn er weiß, daß jetzt alles von ihm abhängt. Er will sie nicht von weitem besudeln, und er weiß, daß sie leidet, wenn er böses denkt. Ist dir aufgefallen, wie sein Äußeres sich vergeistigt, wie ein Leuchten von ihm ausgeht, wie er phosphoresziert; wie der Einfältige scharfsinnig, der Dumme geistreich, der Häßliche schön wird? Das ist die Vermählung der Seelen!«

»Das verstehe ich nicht!« unterbrach Esther.

»Nein, das weiß ich,« antwortete Max, »und deshalb ist unser Verhältnis zu Ende!«

»Zu Ende!«

»Ja, zu Ende! Denn ich bin schon von dir gelöst!«

Jetzt sprang Esther zornig auf:

»Ich habe dich nie besessen!«

»Nein, du konntest mich nicht bekommen! Du gehörtest nicht meinen Regionen an.«

»Und das sagst du so kalt!«

»Es ist nicht kalt, aber du empfindest es so! – Frierst du jetzt nicht?«

»Ja, ganz furchtbar!«

»Siehst du, es gibt andere Wärmequellen als mechanische Arbeit und chemische Verwandtschaft. – Findest du nicht, es zieht hier im Zimmer?«

»O, es weht.«

»Das bin ich, ich nehme meine Aura zurück; weißt du, was Aura ist? Nein, das steht nicht in deinen Veterinärbüchern. – Hast du mich wirklich nie besessen?«

Esther wurde rot und flüsterte, als schäme sie sich:

»Doch, einmal … im Traum!«

»Das wußte ich,« antwortete der Graf; »und ich weiß wann! Siehst du, mein Kind, ich glaube, daß unsere Körper sich hassen, und das ist so oft der Fall in der Ehe … Jetzt aber hast du den Beweis für die Ausdehnungsfähigkeit der Seele oder ihre anscheinende Kraft, aus sich selbst herauszugehen. – Weißt du, was der nächtliche Alp ist? Das ist die Seele deines Feindes, die dich besucht. Deshalb, siehst du, soll man sich mit Menschen nicht allzu intim einlassen, denn dann kommen sie in Kontakt mit einem und gewinnen dadurch Einfluß oder die Fähigkeit, mit dir in Rapport zu treten. Ich kenne zwei Neuvermählte, die mitten in der Nacht von Herzklopfen und Angst geweckt wurden. Sie konnten es nicht erklären. Aber dann wurde festgestellt, daß das Phänomen mit einem Traum im Zusammenhang stand, den sie gemeinsam gehabt hatten, wenn auch sehr dunkel, so dunkel, daß er nur den Eindruck einer bestimmten Person hinterlassen hatte. Er, der Mann, wollte nicht gern den Namen nennen, denn es war ein Kurmacher seiner Frau vor der Verlobung. Aber als die Frau diesen Namen aussprach, fühlte sich der Mann auch nicht mehr behindert, und siehe da, ihre Gedanken und Träume waren von dem nächtlichen Besuch des Verschmähten gestört worden. Denke dir, wie sorglich man seine Gedanken hüten muß, um nicht ein Verbrechen zu begehen … Jünglinge und Jungfrauen, die im Schlaf gestört werden, werden meistens nicht von ihren Phantasien beunruhigt, wie man glaubt, sondern von den Phantasien anderer, Schlafender oder Wachender. Ich kann mich nicht erinnern, als Jüngling von wollüstigen Träumen gestört worden zu sein, wohl aber von Empfindungen, die von außen heranzudrängen schienen und mir handgreiflich vorkamen. – Um nun aber wieder von deinem Vater zu reden, so ist meine Überzeugung, daß er deine Mutter getötet hat, ohne es zu wissen. Sie ist an ihm erfroren, und wenn du nachsiehst, so ist sie den Tod des Erfrierens gestorben.«

Esther begann im Zimmer auf und ab zu gehen und nahm einen Schal vom Riegel:

»Ich fürchte mich vor dir,« sagte sie. »Ich friere an dir auch zu Tode!«

»Leg den Schal deiner Mutter fort,« sagte der Graf ruhig. »In ihm steckt soviel von ihrer Aura; und das kann dich beunruhigen! Du kannst in krankhafte Stimmungen kommen …«

Esther warf den Schal weg und sagte:

»Es brennt wie Nesseln auf dem Körper!«

»Das Nessusgewand! da hast du es! – Siehst du, wie empfindlich das Seelenleben ist. Du siehst es im Mikroskop nicht, aber mit deinem wachen inneren Auge siehst du es!«

»Warum hast du mir so etwas früher nie gesagt?«

»Wenn ich es gesagt hätte, wäre unser Verhältnis zu Ende gewesen; denn es beruhte ja darauf, daß ich dich in dem Glauben ließ, ich sei dupiert. – Aber mein Kind, du hast nie Geheimnisse für mich gehabt. – Als du das letzte Mal ohne mich auf den Ball gingst, warst du böse auf mich und hattest beschlossen, dich zu rächen. Ich saß zu Hause und begleitete dich in meinen Gedanken. Als du mich verrietest, als du meinen Kopf und meine Ehre einem Kavalier ausliefertest, dessen Persönlichkeit ich errate, da weinte meine Seele wie über ein Verbrechen gegen die Gesetze des Himmels. Und als du dich hinter einer Tür von ihm küssen ließest …«

Esther stand stumm vor Entsetzen da, und ihr Gesicht fragte: »Wie kannst du das wissen?« Max aber, der nur auf diese Bestätigung gewartet hatte, fuhr fort:

»Da hatte ich ein Gefühl von Schmutz auf meiner ganzen Haut, so intensiv, daß ich alle meine Kleider abwerfen und mich in meiner Badewanne abspülen mußte. Du siehst also, daß wir nicht zusammen leben können, da du kein Geheimnis vor mir haben kannst! Nachdem ich also die Gesetze der Ehre erfüllt und dir die Trauung angeboten habe, sage ich dir lebewohl. – Lebwohl! Jetzt nehme ich das meine zurück!«

Er ging, und Esther blieb mitten im Zimmer stehen, starr wie eine Bildsäule.