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Die Gotischen Zimmer: Roman cover

Die Gotischen Zimmer: Roman

Chapter 15: Vierzehntes Kapitel Majestätsbeleidigung
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About This Book

The novel unfolds around a series of gatherings in an ornate gothic salon where former bohemian companions, now partly incorporated into academic society, reunite. Warm conviviality gives way to tension as old friendships, artistic ideals, and national politics collide: debates over artistic integrity, institutional honors, and a celebrated guest from Norway expose splits between reformist outsiders and conservative professors. Episodes alternate lively reminiscence, song, and revelry with mocking speeches and ideological confrontation, tracing a shift in cultural life at the close of an era and examining loyalties, hypocrisy, and the costs of compromise.

Vierzehntes Kapitel
Majestätsbeleidigung

Die Anklage war erhoben und hatte viel Aufsehen erregt. Man fragte sich, ob es ein Ausdruck des Übermuts oder der Furcht sei. Die Königsmacht war ja so geschwächt, daß ihr Inhaber die großen Rechte, die die Verfassung bewilligte, zum Beispiel seine Ratgeber frei zu wählen, nicht zu benutzen wagte. Und in Norwegen wurde tatsächlich mit dem Namensstempel regiert. Der Monarch war nur eine Art Repräsentant des Reiches in der Heimat, wie die Gesandten das Reich im Auslande repräsentierten. Regieren tat der Reichstag, und der Monarch war nicht mehr Regent. Beim Empfang einer Deputation, die seine Unterstützung in einer wichtigen Gesetzgebungsfrage erbat, hatte Seine Majestät bedauert, nichts in der Sache tun zu können, da seine Macht nicht so groß sei, wie sie glaubten. Aber je schwächer die Stütze dort oben wurde, desto ängstlicher wurden all diese Hilflosen, die bei ihr Schutz suchten; sie rotteten sich zusammen wie zornige Schafe und gingen Richtpfade, um früher anzukommen, Wege, die nie gerade waren und deshalb oft für die von unten sich Verteidigenden recht schwierig zu verfolgen waren.

Zu den unschuldigeren Verteidigungsmitteln der Monarchie gehörte der Besitz der Hegemonie in der Theaterwelt. Im Theater traf das Volk seinen Monarchen, nur da; und dort hielt er seinen Empfang ab, wurde von seinen Getreuen begrüßt, gab durch Zusammenschlagen der Hände einen Wink, was beifällig aufgenommen und was totgeschwiegen werden sollte. Es war ein »Maifeld« und ein Volksthing, deshalb war diese Position nicht unwichtig. Nun hob der Reichstag die Subvention auf, in einem Anfall von Sparsamkeit oder in der Erkenntnis, daß die Theater, in denen zuweilen bestellte Stücke in leichtsinniger Weise die Gesetzgeber im Reichstag karikierten, als eine außerordentliche Reichsversammlung eine Bedeutung hätten. Da entstand Unruhe im oberen Lager.

Das Privattheater, das mit der Zeit gegangen war und die große Kunst pflegte, hatte eine schwere Konkurrenz mit dem staatlichen Theater zu bestehen gehabt, und die Mittel, das freie Theater zu hindern, waren nicht immer gewählt gewesen. So hatten die Königlichen, die selbst in einem absolut feuergefährlichen Haus saßen, die Behörden veranlaßt, dem Privattheater gegen dessen geringere Feuersgefahr so kostspielige Schutzmaßregeln vorzuschreiben, daß es in drückende Schulden geriet.

Jetzt, als das Königliche Theater geschlossen werden sollte, entstand die Befürchtung, das Privattheater könne die tonangebende Nummer eins werden, und das mußte man verhindern. Da rotteten sich Adel und Bürger zusammen und bildeten ein Theaterkonsortium, das unter der Maske vaterländischer Aufopferung ein Lotterietheater startete, das später der Nation als Königliches Nationaltheater oktroyiert werden sollte, alles unter der Voraussetzung, daß der Reichstag dies trojanische Geschenk annehmen werde. Das heißt, man wollte ein Hoftheater haben, das der Reichstag unterhielt, trotz dessen bestimmter Weigerung, Theater- und Kneipenwirtschaft zu betreiben.

Dies betrügerische und etwas einfältige Vorgehen hatte die Demokraten gereizt und den Ausgangspunkt für Holger Borgs Artikel gebildet, die schließlich in Majestätsbeleidigung ausliefen.

Der Artikel hatte im Auszug folgenden Inhalt:

Über den Fürsten

von

Anti-Macchiavelli.

Solange die Völker noch einen Herrn wünschen, soll dieser sich stets erinnern, daß er auf Wunsch des Volkes seinen Platz innehat; aber auch wenn er durch Gottes Gnade da zu sitzen glaubt, muß er bedenken, daß es eine Gnade Gottes ist, daß er da sitzt, und darf sich nicht dem Irrtum überlassen, daß er als Gottes Vorsehung regieren darf.

Der Fürst soll zum Staatsmann erzogen werden, nicht zum Offizier, denn der Staat ist kein Heer, sondern der Staat ist ein Staat.

Der Fürst ist auch der Summus Episcopus der Kirche, deshalb braucht er aber im Staatsrat nicht mit Mitra und Krummstab aufzutreten, was ebenso unschicklich ist, als wenn er fremde Botschafter in Admiralsuniform empfinge.

Der Fürst soll sich von allen mitbürgerlichen und kleinbürgerlichen Interessen fernhalten, denn seine Person gehört dem Staat; er soll in seiner Person das Ansehen des Staates, das er repräsentiert, würdig aufrecht erhalten.

Der Fürst soll keine Geschäfte treiben, nicht in Kunst, Wissenschaft und Literatur konkurrieren, denn seine ganze Zeit gehört dem Staat. Der Mann, der die Arbeit von acht Staatsministerien und zwei Repräsentantenkammern überwachen soll, darf zu etwas anderm keine Zeit haben. Hat er Zeit zu anderm, so füllt er seinen Posten nicht aus.

Der Fürst muß gerecht sein wie die Allmacht, an die er glaubt; fest, aber nicht grausam; nachsichtig, aber nicht schlapp; untadelig, aber nicht scheinheilig; er soll den Mut haben, auf die Gunst des wankelmütigen Haufens zu verzichten und im Bewußtsein der Erfüllung höherer Pflichten allein zu stehen wagen, wenn es darauf ankommt.

Auf seinem erhöhten Platz, befreit von der Berührung mit den Lappalien des Lebens, der Sorge um sein Auskommen enthoben, soll er in Schönheit leben und mit weisen und guten Männern verkehren, nicht mit Gecken und Spielern; dann kann er mit größerem Blick über die Dinge als andere Sterbliche das Reich überschauen; dann wird sein Rat ins Gewicht fallen und sein Wort Geltung haben.

Der Fürst darf kein Standesbewußtsein besitzen. Er soll nicht das Oberhaupt des Adels, nicht des Hofes, nicht des Fürstenhauses sein, sondern soll sich als Vorsehung des Staates fühlen, als Schutz der Nation und als Vater des Landes.

Der Fürst soll nicht auf Kleinigkeiten achten, über so etwas muß er erhaben sein; seine Gnade soll die Würdigen treffen, nicht die Unwürdigen; denn Gnade wird leicht Unrecht.

Der Fürst soll die Schwachen schützen, nicht weil sie schwach sind, sondern wenn sie unterdrückt werden, sonst nicht.

Allgemeine Worte, die auf besondere Fälle angewendet werden konnten, bildeten den Inhalt des Artikels. Das Urteil war aber gefällt worden und lautete auf drei Monate Gefängnis. Man fragte sich, wie das möglich sei.

Es war in den letzten Jahren viel geschehen: durch die Schutzzölle hatte das Reich sich isoliert; durch die Annäherung der Regierung an das Deutsche Reich hatte sich in den oberen Schichten ein gewisser Junker- und Militärgeist der Gemüter bemächtigt; und jetzt nach dem außerordentlichen Reichstag, als die Armee in die Erziehung der Nation eingriff, wurde die Luft dick. Die Kriegsdrohungen und Rüstungen der Norweger erschreckten die Stillen im Lande; das Vorrücken der Sozialdemokratie bedrohte die Grundfesten der Gesellschaft; deshalb sammelte sich alle Hilflosigkeit, alles, was müde und faul war, unter dem höchsten Schirm, und in dieser hochbürgerlichen Majorität wurde Anklage und Urteil mit einstimmiger Befriedigung begrüßt.

Holger Borgs Heim hatte mit dem wachsenden Einfluß der Zeitung den Charakter geändert und war eine Zuflucht für mancherlei Leute geworden. Die Frau des Hauses aber, die die Einladungslisten aufstellte, merkte bald, daß sich die Zahl der Absagen erhöhte, so daß man die Einladungen nach Klassen oder Klubs ergehen lassen mußte. So wurden besondere Gesellschaften für höhere Offiziere, ehemalige Staatsräte und Ausschußmitglieder veranstaltet; das war das Aufgebot erster Klasse. Viele kamen, weil sie nicht wegzubleiben wagten, und alle, die gezwungen worden waren, zeigten unverhohlen, daß sie nicht freiwillig gekommen seien. Sie beobachteten nicht die gewöhnliche Höflichkeit, sie unterhielten die Wirtin nicht, sie schwiegen und aßen, ließen aber wohl ein paar Gerichte unberührt vorbeigehen, weil sie schon vorher satt waren. All dies demütigte den strammen Ingenieur, aber seine Frau wollte es, und da er die Rechte der Frau vertrat, durfte sie bestimmen.

Gerade so ein Diner fand statt, als man die Anklage erwartete. Die höheren Offiziere waren weggeblieben, und es war nur ein Hauptmann anwesend. Er war da, teils weil er Wechselschulden hatte, teils weil er kleine Notizen aus dem Generalstab in die Zeitung brachte, anscheinend unschuldige Notizen, die aber einen recht gediegenen Inhalt hatten. Heute saß er auf hohem Pferd, weil seine Vorgesetzten abwesend waren und er die Ungnade witterte. Er stocherte mit dem Dessertmesser in den Zähnen, schenkte sich selbst ein und steckte sich Zigaretten an. Die Frau des Hauses war nervös, und da sie die häßliche Gewohnheit angenommen hatte, ihren Mann zu korrigieren, tadelte sie alles, was er tat, mehr aus Gedankenlosigkeit und mangelnder Beherrschung als aus Bosheit. Der Mann, der einerseits durch die Frau, andererseits durch das ungehobelte Benehmen des Hauptmanns gereizt war, verstummte völlig, und sein Schweigen wirkte auf die Gesellschaft. Man beugte die Köpfe über die Teller und wagte sich nicht anzusehen.

Die gemütliche Verzauberung, die bei einem festlichen Mahl zu herrschen pflegt, wo man aus den funkelnden Gläsern Vergessenheit getrunken zu haben scheint, wo man einige halbe Stunden miteinander verlebt in der vollständigen Illusion, befreundet zu sein und keinen Streit miteinander zu haben, war gebrochen. Alle waren erwacht und bewußt und saßen wie entkleidet einander gegenüber; sie hörten die verschwiegenen Gedanken des andern, sie sprachen mit den Mienen die Geheimnisse aller aus; alle Interessen und Passionen, die sie hier zusammengeführt hatten, schienen bloßgelegt zu sein, und sie schämten sich voreinander und vor sich selbst. Die Wirtin, die für diese Gelegenheit die Bohêmemanieren abgelegt hatte und steif und feierlich gewesen war, schlug jetzt um und nahm einen andern Ton an, da sie sah, daß das Feld aufgegeben war; in reiner Verzweiflung leerte sie ein volles Glas, um sich Mut zu machen, und dedizierte dann das Glas dem Hauptmann, der sofort die Situation erfaßte und beschloß, die Gesellschaft aufzuheitern. Eine Erinnerung daran, daß die Zeitung die »unanständige Literatur«, die er nie las, in Schutz und Schirm nahm und gewisse Gerüchte über die Feste dritter Klasse für die Künstlerbohême, auf denen es so lustig zugehen sollte, tauchten vom Grunde des letzten Glases auf; er vergaß die grauen Köpfe der weisen Männer und legte sich ins Zeug.

»Nun, es soll auf Ihren Künstlerfesten ja so lustig hergehen,« sagte er, »ich habe saftige Sachen erzählen hören, und ich möchte gern nächstes Mal mit dabei sein.«

»Was haben Sie denn gehört?« fragte die Frau unvorsichtigerweise; aber jetzt sollte es lustig werden, einerlei um welchen Preis.

»Nun, also …«

Hier suchte der Herr des Hauses abzulenken, aber es war zu spät.

»Ja, ich hörte, der Dichter Grönlund sei eine halbe Stunde zu spät zum Diner gekommen, und als er kam, sei er so betrunken gewesen, daß er den Fleischkloß vor sich aufs Tischtuch legte!«

»Es war freilich kein Fleischkloß!« rief die Frau.

»Nun, so war es ein Lungenragout … und als man zu den Omeletten kam, hat er die gnädige Frau auf den Schoß genommen, mit dem Erfolg, daß er hinausgeworfen wurde. Stimmt das, Holger?«

»Daß er hinausgeworfen wurde, ist wahr!« antwortete der Herr des Hauses, »und daß das jedem passieren kann, der sich schlecht benimmt, das steht fest.«

Die letzte Spur von Verstellung war verschwunden; man saß da als das, was man war, als geborene Feinde, erzogene Feinde, und nun brach es los. Der Offizier zog blank:

»Meinst du, ich, der ich dein Haus mit meiner Gegenwart beehre, würde aufs Hinauswerfen warten? ich würde beim ersten Wink diesen Staub von meinen Füßen schütteln und einer Gesellschaft den Rücken kehren, in die ich nie meinen Hintern hätte setzen dürfen …«

Die Frau lief weinend hinaus, ihr Mann folgte ihr. Die Gäste standen auf und gingen in den Korridor hinaus. Der letzte Kämpe, der Hauptmann, schenkte sich ein Glas Madeira ein, trank es ruhig aus, und deutete damit an, daß er nicht floh, sondern auf den Kampf gefaßt war. Aber als niemand kam, steckte er sich eine Zigarre an und ging in den leeren Korridor hinaus, wo das Dienstmädchen ihm in den Überrock half. Nachdem er sie unters Kinn gefaßt und gefragt hatte, wie sie heiße, rasselte er hinaus.

Unterdes hatte die Frau sich rasend auf ihr Bett geworfen.

»Ja, warum lädst du solche Vagabunden in Uniform ein?« tröstete der Mann.

»Ach, das sind keine Vagabunden, aber du schreibst wie ein Vagabund in der Zeitung, und deshalb will kein ehrenhafter Mensch mehr zu uns kommen.«

Das war die ganze Ansicht der Frau über seine Tätigkeit. Er hatte das schon lange gefühlt, aber die Frau hatte sich so oft als sein guter Genius feiern hören, daß sie der Rolle zuliebe gern seine Artikel inspiriert haben wollte, wenn sie mit Beifall begrüßt wurden. Das offene Eingeständnis, daß sie seine Anschauungen verachte, traf ihn gerade jetzt, wo er Anerkennung brauchte, wie ein Schlag ins Gesicht, aber er konnte nicht böse auf sie werden, obwohl sie ihn in diese Kreise hineingebracht hatte, in die er nicht gehörte.

Er ging in das Eßzimmer, das er mit der geplünderten Tafel leer fand; die Diener standen wartend da, und er schämte sich vor ihnen. Die Gäste waren ohne Abschied gegangen. Das Heim war beschmutzt, und er selbst beschimpft, gedemütigt. Aber in diesem Augenblick beschloß er, das Haus zu reinigen und nicht mehr der Eitelkeit seiner Frau zu erliegen. Es würde ihn sein zerbrechliches Glück kosten, das nur eingebildet war, aber es mußte geschehen.

Er zog sich an, um in die Redaktion zu gehen. Da bekam er die Nachricht, daß die Klage erhoben sei, und das klärte plötzlich seine Stellung. Es war die Kriegserklärung, und in den Abendzeitungen wurde bereits der Aufmarsch vollzogen. Kein Kompromiß mehr, keine Illusionen hinsichtlich der Versöhnung zwischen den Klassen; die oberen hatten das Obergewicht, und nachdem sie vom außerordentlichen Reichstag die Armee bekommen hatten, eröffneten sie den Kampf.


Am Tage bevor er ins Gefängnis mußte, hatte er eine Szene mit seiner Frau, die sie entzweite. Sie verlangte, er solle um ihretwillen ein Gnadengesuch einreichen. Als er sich weigerte, erklärte sie, er sei kein Mann, denn ein Mann müsse sich für seine Frau opfern.

Er war so verstrickt in seine Theorien, daß er keine Erwiderung fand; aber in diesem Gefühl der Wehrlosigkeit wurde jetzt zum erstenmal der Widerstand geboren, der die Befreiung werden sollte.

Warum konnte er nicht antworten? Weil ihr Verlangen so dumm war, daß es keine passende Antwort darauf gab.

Er ging am Abend aus, entschlossen, nicht zurückzukommen. Um halb elf hatten seine Freunde ein Abschiedsfest für ihn in den Gotischen Zimmern veranstaltet. Vorher ging er mit seinem Onkel Doktor Borg in die Oper. Sie saßen im Parkett und warteten auf die Ouvertüre. Das Publikum war festlich gekleidet, aber die königliche Loge war leer, so daß ihm die Situation nicht klar wurde.

Das Orchester versammelte sich und begann zu stimmen. Der Kapellmeister stand auf; klopfte … aber im selben Augenblick wendete er sich mit einer Verbeugung zu der königlichen Loge; und jetzt wurde gespielt »Aus dem schwedischen Herzen«.

Das Publikum stand auf; alle erhoben sich, außer Holger und dem Doktor.

»Verbeugt man sich vor Geßlers Hut?« fragte er den Onkel.

»Es muß Namenstag oder Geburtstag sein …«

»Ja, aber vor der leeren Loge? Das ist doch Unsinn!«

Plötzlich hörten sie eine befehlende Stimme: »Aufstehen!«

Holger drehte sich um, doch da wurde er am Kragen gepackt und von seinem Platz hochgezogen. Da er nie andere Waffen gebraucht hatte als Wort und Feder, ging er, und der Doktor folgte.

»Was bedeutet dies?« fragte er, als sie auf der Straße waren.

»Das ist der schwedische Lakai! Seinen Monarchen grüßen, gewiß, aber Stühle und Tische grüßen! Jetzt weißt du, was die Neue Oper bedeutet!«

»Ich hatte also recht, dreinzuschlagen! Wir haben jetzt wohl ein schönes Dezennium vor uns!«

»Ich will dir etwas erzählen, was ich heute gehört habe, aber du mußt mir das Versprechen geben, darüber zu schweigen. Ein Landarzt, ein Freund, der nie lügt, hat mir erzählt, er sei von der Militärbehörde gefragt worden, ob er im Falle eines Krieges gegen Norwegen als Chirurg mitgehen wolle!«

»Das habe ich schon von anderer Seite gehört, aber es wird von oben offiziell in Abrede gestellt.«

»Die lügen natürlich.«

»Das glaube ich nicht, aber es könnte ja sein, daß sie sich orientieren wollen.«

»Die da oben lügen nicht? Dann kennst du die Diplomaten nicht. Es ist ja übrigens die alte Staatskunst, aufrichtig zu erscheinen, aber falsch zu sein. Der ehrliche Makler hatte doch die Emser Depesche redigiert. Ja, Norwegen, das Schweden zwanzig Jahre Denkarbeit gekostet, das uns zerrissen und unsere Gedanken von unseren eigenen Interessen abgelenkt hat. Verdient das kleine Land soviel Aufmerksamkeit? Ein Volk von Fischern, Schiffern und Hirten, das für den Tag lebt und verschuldet ist wie wir. Ein Touristenland mit Hotelwirten; berühmter wegen seiner Fernsichten, als wegen seines Ackerbodens; exportiert gedörrte Fische und gefrorenes Wasser. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Hochmütiges Gesindel, die ein Weiberregiment wollen! Pfui Teufel!«

»Du Weiberhasser!«

»Dummkopf! Ich bin gerade im Begriff, mich zum drittenmal zu verheiraten.«

»Es gibt keine Frauenfrage für mich! Ich sehe nur Menschen.«

»Wenn du den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht sehen kannst, bist du pervers wie all die andern. Aber da du morgen ins Gefängnis mußt, so wollen wir von etwas anderm sprechen! – Hast du gehört, daß die gelbe Brigade degradiert worden ist?«

»Ja, man sagt es, aber sie sollen auch die Kirche verspielt haben.«

»Das Monument der Niederlage bei Lützen. Die Leute sind köstlich bei uns zu Lande, sie feiern ihre Niederlagen; sie werden nächstens auch noch Pultawa feiern.«

»Übrigens die Gelben, da sollen auch falsche Ahnen sein, denn die gelbe Brigade bei Lützen wurde von Deutschen gebildet und stand im Zentrum; im übrigen bestand eine Brigade aus mehreren Regimentern, und diese gelbe Brigade stammt erst aus der Freiheitszeit.«

»Ja gewiß, aber kommen diese Kassenverwalter ins Gefängnis?«

»Nein, sie werden befördert; wer jedoch darüber zu sprechen wagt, kommt sicher ins Gefängnis! Ich hatte diese Geschichte in meinen Artikel einflechten wollen, besann mich aber; jetzt bereue ich es.«

Sie gingen an dem Kleinen Theater vorbei, das zur Galavorstellung hell erleuchtet war.

»Das Repertoire des Volkstheaters und die Prätentionen eines Nationaltheaters, Königliches Theater, begründet von dem Majestätsbeleidiger Anders Lindeberg; beginnt und endet mit einer Majestätsbeleidigung! Welch ein Paradoxon!«

»Ein Nationaltheater, das von einer Bordellwirtin vom Strandweg geleitet wird und sich rekrutiert aus … nun ja; aber die Großen werden ausgeschlossen; Antigone und Julia sind geflüchtet, Hamlet und Horatio gehen müßig auf dem Markt spazieren und warten auf das Ende. Der Geschmack ist auf den Höhen nicht auf der Höhe. ›Lustig und schmutzig!‹ das ist ihr Ideal. Vor dem Ernst haben sie Angst.«

»Es ist köstlich mit den alten Idealisten; die Zeitung ›Allerlei‹ proklamiert Paul de Kock als unschuldig, und die Postzeitung beschützt den ›liederlichen und gottlosen‹ Anatole France! Was bedeutet das?«

»Das ist Barrabas! Jeder Beliebige wird freigegeben, selbst Barrabas, nur nicht der große Zola! Sie haben ein Grauen vor allem Großen und Starken, weil sie klein und schwach sind. – Weißt du, vorhin in der Oper, als sich die Hand von hinten schwer auf mich legte, da fragte ich mich, was der Unbekannte eigentlich wolle. – Ein armer Tropf ohne Selbst, der keine Gewalt über mich hat, erweitert seine unbedeutende Person, indem er sich zu einem Teil des Hofes macht. Er will, ich soll seinen Gott anbeten, weil es sein Gott ist, dann fühlt er sich einen Augenblick mir überlegen. Es ist eine Art Kolonietier, Korallen, die in Klumpen leben und wachsen. Sie haben keine Gedanken, sondern nur Erinnerungen an das, was sie in Zeitungen, Büchern gelesen, was sie haben erzählen hören; wenn sie lesen, assimilieren sie alles ungereinigt, Korn und Steine, Blutklöße und Dreckklumpen; und wenn sie reden, öffnen sie den Sphinkter und lassen alles zum Munde hinaus, der ihr Anus ist. Das ist die Majorität, das treue Volk, der gesunde Verstand, der nur Unverstand ist; das sind die Rechtdenkenden, die Stillen im Lande, der Kern der Bevölkerung. Und sie alle sind herrschgierig, können aber nur durch den Herrscher herrschen, der ihr Werkzeug wird, während er durch sie herrscht. – Weißt du, ich werde Anarchist gegen meinen Willen!«

»Wer wird das nicht! – Nachdem Leben und Entwicklung das Tempo gesteigert haben, so daß man jetzt in zehn Jahren eine weltgeschichtliche Epoche durchläuft, wird es für die Wachsenden immer qualvoller, von einer veralteten Regierungsform niedergedrückt zu werden, die von ihrer Zeit nichts versteht. Die Sitten verändern sich, aber die alten Sittengesetze bleiben; die Rechtsbegriffe erneuern sich, aber das Gesetzbuch steht noch bei 1734 und 1866. Wenn wir nach Metern und Kronen rechnen, messen die Alten mit Ellen und Talern. Diese Mißverhältnisse im Gesellschaftsbau machen das Leben zu einer Hölle oder einem Irrenhaus. Weißt du was: ein Land, das seine Revolution nicht gehabt hat, kann nicht wachsen. Sieh, im Adelsalmanach wirst du finden, ob wir ein Stockholmer, ein Linköpinger Blutbad und eine Reduktion Karls XI. nötig haben. Bist du in Lund gewesen und hast den Park von Lund gesehen? Da kann nicht ein junger Baum wachsen, denn die alten stehen im Wege und schatten; hohl und morsch sind sie, und Eulen nisten in ihnen. Fällen darf man sie aber nicht! Warum zum Teufel darf man es nicht? … An dem Tage, da sie von selber stürzen, ist der ganze Park eine Sandwüste, und man muß Menschenalter warten, bis Neuwuchs da ist. Nein, man muß lichten und verjüngen!«

»Möchtest du am Schafott stehen?«

»Ich? Wie gern! Ich bin an die Leiden Unschuldiger bei Operationen gewohnt; und ich würde neben ihnen stehen und ihnen im letzten Augenblick ein gutes Wort geben, nachdem ich sie chloroformiert hätte. Ich bin ein Wilder, obwohl ich in Schweden heimatberechtigt bin; und ich glaube, daß den Wilden die Zukunft gehört. Du weißt ja, daß alle gebildeten Nationen sterben, an Bildung, an Verweichlichung, an Tierschutz und ethnographischen Museen. Wer sich umdreht, um seinen Dreck anzusehen, wird des Todes sterben. Und das tut die Nation jetzt, wenn sie zurückblickt, auf Lützen und Narwa, auf Gustav III. und die Schwedische Akademie, auf Wanzenhäuser und Glockentürme, auf Kummethölzer und Trinkschalen, sie drehen sich nur um, deuten auf den Dreckhaufen und sagen: Seht, das haben wir gemacht! – Ja, und wenn sie nicht bald fertig sind, dann kommt für uns nie die Gelegenheit, unsere Notdurft zu verrichten!«

»Stehst du noch auf deinem früheren Standpunkt, daß alles Unsinn ist?«

»Ja, wenn ich müde bin, dann finde ich, daß alles Unsinn ist; aber wenn ich ausgeschlafen habe, dann bin ich bereit, wieder dem großen Unbekannten entgegenzutanzen.«


Sie wanderten straßauf, straßab.

»Siehst du,« fing der Doktor wieder an; »der Zustand jetzt ist umso unleidlicher für mich und meine Altersgenossen, als wir in den sechziger Jahren in der Vorstellung erzogen wurden, die Monarchie sei etwas Ungesetzliches, Usurpiertes; der Fürst sei der natürliche Feind des Volkes, und der Mann, der Brutus sein wolle, verdiene großen Triumph. Wir hörten ja Freiheitssänger wie Talis Qualis und Snoilsky die Republik als das höchste Gut besingen. So kam es, daß wir Republikaner auf das neue Jerusalem warteten, und 1866 glaubten wir es gekommen. Aber es kam nicht. Jetzt mit deiner Verurteilung sind wir in die vierziger Jahre hinuntergestürzt. Ich finde, es riecht heute nach Karl Johann, nach Crusenstolpe und Anders Lindeberg, am meisten aber nach Karl Johann. Der ist für mich der Inbegriff alles Modrigen: Rekrutierungsgewalt und Stadthaus, Festung Vaxholm und Feldlager; mit einem Wort: was vor mir war, war tot, war Erdboden, in dem wir schon wuchsen; der wird jetzt aufgegraben und stinkt. Nun, aber hast du Angst vor dem Gefängnis?«

»Nein! Im Gegenteil! Es wird für mich eine Rekreation sein, und ich will meine Erziehung von vorn anfangen.«

»Ja, damit ist nicht zu spaßen; ich habe als Militärarzt sechs Tage gesessen, und es drohte im Gehirn eine Überproduktion zu entstehen.«

»Was hattest du denn getan?«

»Ich hatte mich gegen die ungesetzliche Behandlung der Wehrpflichtigen aufgelehnt. Die Ärzte benutzten die Mannschaften zu idiotischen Experimenten, zum Beispiel maßen sie den Inhalt des Magensacks, den jedes Lehrbuch auf drei Liter angibt. Sie mußten den Schlauch hinunterschlucken, und wenn sie es nicht konnten oder wollten, wurden sie wegen Insubordination bestraft. Was sagst du dazu? Nun, ich verteidigte sie, weil ihnen Unrecht geschah, und bekam sechs Tage Gefängnis. Das ist Schweden, das Land, das in meiner Jugend durch Gesetz aufgebaut werden sollte! – Diese neue Armee bedeutet den kleinen Belagerungszustand! Eine konstitutionelle Monarchie mit einer prätorianischen Garde, die den höchsten Willen bestimmt. Willkür, Parteilichkeit, Gesetzlosigkeit, da hast du es …«

Sie gingen noch eine halbe Stunde, schweigend, und warteten auf den Glockenschlag, mit dem das Abschiedsfest beginnen sollte.

Da tauchte plötzlich ein Koloß hinter ihnen auf, und sie hörten Pastor Alroth mit milder, teilnehmender Stimme sagen:

»Was geht ihr hier so betrübt umher?«

Der Pastor war nämlich in die Stadt gekommen, um seinen Neffen Holger zu begrüßen und ihm seine Teilnahme auszudrücken. Er war freilich ein loyaler Untertan, konnte aber gleich den Geistlichen im allgemeinen nicht leiden, daß das Oberhaupt der lutherischen Kirche ein Admiral war. Diese Sachlage, daß der Landesvater der Summus episcopus der Kirche war, hatte die Reformation mit sich gebracht; und ein weltlicher Papst über dem Erzbischof erinnerte etwas an die Hierarchie des Garderegiments, wo der Oberst doch stets nur der zweite Chef ist. Daß Holger auf diese alte Unsitte hinwies, hatte dem Pastor gefallen, und er war deshalb eitel Freundlichkeit, als sie in die Gotischen Zimmer hinaufzogen.

Die alte Garde war da; Konsul Levi, der Architekt Kurt, der sonst seine eigenen Wege ging und nicht von sich reden machte; Sellén, der unsichtbar und viel auf Reisen war.

Die Stimmung war gedrückt. Der Ernst war schließlich gekommen, und die Flegeljahre waren vorbei. Jetzt mußte man seine Lehren durch Leiden besiegeln und ohne Klagen die Folgen auf sich nehmen.

»Wo ist Professor Lundell?« fragte der Doktor, der einen Sündenbock haben wollte.

»Er kommt nicht,« antwortete Sellén. »Er ist Ritter hoher Orden und liebt keine Majestätsbeleidigungen!«

»Da habt ihr den Orden! Das Zeichen, das beweist, daß man seinen äußeren Menschen abgelegt, seine Haut verkauft hat! Er ist nicht so unschuldig, wie man sagt!« rief der Doktor.

Der Pastor nahm Holger beiseite in eine Fensternische.

»Ich soll von deinem Vater grüßen!«

»Was macht er? Wie lebt er?«

»Er sitzt wieder zu Hause bei den Kindern, ist aber nicht mehr der Alte. Der unverdiente schlechte Ruf, in den er gekommen ist, und der entsetzliche Verdacht, der beim Tode deiner Mutter entstand, scheinen so in ihn eingedrungen zu sein, daß er sich einbildet, schuldig zu sein.«

»Ein nicht unerwarteter Fall,« antwortete Holger. »Damals als ich die Beschimpfungen meiner Person in den Zeitungen las, begann ich schließlich allmählich zu glauben, ich sei wirklich der Schuft, den man schilderte. Nun, wie geht es Bruder Anders auf Langvik?«

»Weißt du das nicht? Er will nach Amerika, sobald die Pacht abgelaufen ist.«

»Nach Amerika? Nach Neuschweden? Nun, dort werden wir uns wohl alle einmal treffen.«

Die Bowle war aufgetragen, und der Doktor rief:

»Ja, liebe Freunde,« begann er, »in diesem Raum feierten wir Ende der achtziger Jahre die französische Revolution. Bruder Alroth war freilich damals nicht dabei, denn er ist nicht Revolutionär, und daß er heute hier ist, hat seine intimen Gründe, die wir respektieren wollen. Die Türen zum Musiksaal sind auch seinetwegen geschlossen, aber er gestattet wohl, daß wir sie einen Augenblick aufmachen, da ich zu Ehren des Tages die Marseillaise spielen lasse.«

Der Pastor nickte zustimmend, wenn auch nicht ohne eine gewisse Furcht.

»Was wir Holger heute abend sagen möchten,« fuhr der Doktor fort, »weiß er im voraus; wir rühmen weder seine Tat, noch beklagen wir sein Schicksal, denn der Krieger tut seine Pflicht, ohne Lohn oder Lob zu verlangen.«

»Nur keine Politik!« flüsterte Holger mit einem Blick auf den Pastor, mit dessen Gefühlen er trotz allem Mitleid hatte.

»Nein, keine Politik, nur etwas Musik, um uns aufzumuntern!«

Er gab dem Kellner einen Wink, die Türen im Hintergrunde, die zum Saal führten, zu öffnen, und trat auf den Balkon, wo er mit der Serviette nach dem Musikpodium winkte. Es entstand eine Pause. Und dann spielte das Orchester: »Aus dem schwedischen Herzen.«

Scharren von Tischen und Stühlen war von unten zu hören, wo das Publikum aufstand und in das Lied einstimmte.

»Auch eine Antwort, Kinder,« resignierte der Doktor.

Der Pastor verstand die Situation nicht, sondern glaubte, das ganze sei ein Scherz gewesen, so daß er von dem Gegenhieb unberührt blieb, der die andern verstimmte. Und er begann über alle möglichen Dinge zu sprechen, über gleichgültige Kleinigkeiten, denen die andern zuhörten, während sie ihre unausgesprochenen Gedanken dachten.

Das Souper ging schnell vorbei, und man brach bald auf, denn man fühlte das vielköpfige Wesen unten im Saal als etwas Drohendes, Erstickendes.

Doktor und Neffe gingen allein in ein Hotel, denn Holger wollte sein Heim nicht mehr sehen, bis er aus dem Gefängnis kam.

»Heute Minorität, morgen Majorität!« sagte der Doktor. »Im übrigen lehrt die Erfahrung, daß einer, der im Wald wandert und sich verirrt zu haben glaubt, oft plötzlich am Ziel ist. Die französische Revolution konnte nur nach der Regierung eines Ludwig XV. kommen. Je schlimmer, desto besser! Übrigens ist dies hier nur eine Essenspause; man schnallt den Riemen weiter, und der Appetit ist wieder da … Das Segel schlägt um, wenn man wendet, und du sollst sehen, daß wir bald über Stag sind. Es kommt mir vor, als ginge man umher und nähme Abschied von allem Alten, von dem man sich bald trennen muß; dann wird einem alles so teuer, auch das, was man weniger geschätzt hat. Das neue Jahrhundert kommt mit einem neuen Geschlecht und neuen Gedanken, und dann ist dies alles von selbst verwelkt. Kriech jetzt hinein, Holger, und verpuppe dich. Komm wieder heraus mit Flügeln, dann fliegen wir! – Und jetzt! Laß dich umarmen und gute Nacht!«

Sie trennten sich, ohne Schmerz, ohne große Worte, aber mit einem Ernst, den sie früher nicht gekannt hatten.