Ein paar Jahre waren wieder vergangen. Doktor Borg und Redakteur Holger saßen eines Nachmittags im neuen Opernkeller. Holger Borg war nicht mehr der Alte; die drei Monate im Gefängnis hatten einen merkwürdigen Einfluß auf ihn ausgeübt. Etwas war geschehen, worüber er nicht sprechen wollte; und sein Gesicht war erstarrt, so daß er nicht lächeln konnte; innerlich war etwas erfroren, und ein Nerv schien zerrissen zu sein. Aber er hielt an seinem Vorwärtsstreben fest; doch war ein Unterschied in seiner Behandlung der Religiösen zu bemerken. Er höhnte nicht mehr, lästerte auch nicht mehr, sein freudiger Glaube an den Weltmechanismus ohne Mechaniker war verflogen, und er konnte das Schicksal der Menschen nicht mehr mit der Zoologie erklären.
Im selben Jahre begann es in der Welt zu spuken. Zeichen und Wunder geschahen, geheimnisvolle Todesfälle, Ferngesichte, Prophezeiungen. Und Frontveränderungen traten ein; die Gläubigen wurden ungläubig, und die Männer der Aufklärung wurden gläubig. Die Wissenschaften selbst machten Fiasko; Kochs Millionenlymphe versagte; keine Erfindungen, keine Fortschritte, nur Kleinarbeit; aber da hörte man aus Amerika, daß man aus Silber und Kupfer Gold mache und unter dem Schutz der großen Namen Edison und Tesla eine Gesellschaft gegründet habe. Damit war ja die Chemie bankrott und die Alchimie kam auf.
In Paris sollten Hexenprozesse bevorstehen; man hörte von Bekehrungen zum Katholizismus; die schönen Künste hatten den Naturalismus aufgegeben und gingen wie die Literatur zum Mystizismus über. Es war ein Wallen, eine Bewegung in der Welt, die Neues verkündete.
Die Freunde saßen gerade und diskutierten die Zukunftsaussichten, als Holger zufällig seinen Blick auf die berühmten Deckengemälde richtete:
»Etwas Unsittliches kann ich nicht darin sehen; solche Bilder haben sie in Mengen im Museum und im Stockholmer Schloß auch.«
»Ja, aber das Kostbare an der Sache ist, daß der große Faustübersetzer, der im Jahre 84 Sittlichkeitsfreund und Antinaturalist war, jetzt zur Verteidigung der Nacktheit aufgetreten ist, mit einer Energie, die man an rechter Stelle vergebens von ihm erwartet hatte.«
»Er ist jetzt tot und wird morgen begraben. Das wird interessant werden.«
Da kam die Abendzeitung. Holger mußte einen Blick hineinwerfen.
Der Doktor hörte ein Schnaufen und Knistern und merkte, daß Holger schmal um die Nase wurde.
»Hast du etwas verloren?« fragte er.
Die Zeitung raschelte in der Hand des Lesenden, und er ließ sie auf den Tisch fallen.
»Was ist passiert?«
»Lies!«
Der Doktor las, las und blähte sich, las und strahlte.
Er las, die Oberpriesterin der schwedischen Frauenemanzipation habe den ganzen Kitt hingeworfen, da sie entdeckt habe, daß es Torheit sei. Und sie forderte ihr Geschlecht und die Mütter auf, an der Entwicklung des Weibes zur Frau, zur Mutter und Gattin zu arbeiten.
»Endlich!« rief der Doktor aus. »Pfannkuchen war es und blieb es, weil es von einer falschen Voraussetzung ausging. Wenn man sich vorstellt, wieviel Arbeit, wieviel Haß, wieviel Sch… aufgerührt ist. Sie wollten Falk ja ermorden, weil er die Finessen der Verrücktheit nicht begreifen konnte. Wenn ich gläubig wäre, würde ich den Göttern eine Hekatombe opfern.«
Holger konnte nicht teilnehmen, denn ihm war, als habe er seine Religion, den Glauben an die Frau, verloren! Und einen Irrtum einzugestehen, hatte er nicht die Kraft. Er wurde böse, wie es üblich ist, und nachdem er sich erholt hatte, sträubte er die Haare.
»Weil sie erlahmt ist …«
»So? Sprechen wir von etwas anderm! Wie geht es Esther und Max?«
»Sie sind sicher gute Freunde, aber die Heirat ist aufgeschoben, weil die Pfarrer sie nicht aufbieten wollten.«
»Und warum soll aufgeboten werden, daß zwei Menschen lieben wollen! Das Geheimste, das zu verbergen einem ein natürliches Gefühl gebietet, soll zur Schau gestellt werden! Ich finde das zynisch! Aber man hat Angst vor Doppelehen! Das hat man, doch diese bekannten Bigamien und Polygamien innerhalb der bekannten Ehe sind straflos und sind Sitte geworden. Die Frau nimmt jetzt nur einen Mann, um einen Deckmantel und einen gesetzlichen Schutz zu haben – da mag der Teufel Lockvogel für liederliche Weiber sein. Als ihr die Frau von der Weiblichkeit und der Keuschheit losmachtet, wurde sie eine Kokotte. Ihr habt das Geschlecht und die Ehe vernichtet; diese männlichen Frauen haben die Instinkte des Mannes so verdorben, daß er pervers geworden ist. So endete Griechenland! Mit Aspasien, Freundinnen und Sodomiten. Ich glaube, wir sind dem Ende nahe! Ich habe, wie du weißt, mehrmals eine Gattin gesucht, eine Hausfrau und Mutter, habe aber nur eine Kokotte gefunden. Brunst und Haß, das habe ich gefunden. Für meine Liebe – verzeih den Ausdruck – suchte ich Gegenliebe, fand aber nur Haß; Haß gegen den Mann, Haß, der die sogenannte Liebe der Frau auszumachen scheint. Einen Mann erniedrigen zu können, ist ihr Ideal. Du kennst das! – Du gibst ihr deine Manneskraft, und mit dieser Kraft, deiner Kraft, beherrscht sie dich. Sie wirkt wie der Induktionsapparat; sie vervielfacht deine Stromstärke und stellt den Strom um gegen dich. Aber das hast du nie verstanden! Sieh dein Juwel an, wie sie zusammenfällt, so oft du den Strom unterbrichst! Vor dir selbst beugst du dich, wenn du dich vor ihr beugst! Sieh dir an, wie die ›großen Frauen‹, die du bewunderst, entstehen. Zunächst suchen sie starke Männer auf, berühmte, suggestive; wenn sie Kraft aus ihren Akkumulatoren geholt haben, beginnen sie selber Batterie zu spielen und Ströme auszusenden, die aber nur sekundär sind. Wenn alles fertig ist, dann kommen sie und nehmen; wenn das Schlachtfeld mit Toten und Verwundeten besät ist, dann kommen die Knochenleserinnen; und immer findet sich eine Schar von schwachen Männern, die den Lumpensammlerinnen wie Königinnen huldigen; du kennst diese Art Männer, die Männern Fußtritte versetzen …«
»Ja, aber du bist Weiberhasser!«
»Wenn ich es mir recht überlege, muß ich vielleicht ja sagen. Ich hasse alles Feindliche, und da ich sie hasse, ist sie der Feind. Und ist sie der Feind, so haßt sie den Mann. Die Geschlechter hassen einander, das ist wohl die Wahrheit, und dieser Haß ist vielleicht die Repulsion zwischen Entgegengesetztem, die in der Liebe zu Attraktion umpolarisiert wird. Du kannst also ebensogut alle Frauen Männerhasserinnen nennen, wie du mich Weiberhasser nennst. Intermittierende Ströme! Das ist die Liebe! – Aber die Frau hat immer eine gesunde Anziehungskraft auf mich ausgeübt, deshalb kann ich mit gutem Gewissen einen speziellen Frauenhaß nicht zugeben, mit dem ich allein dastände! Im Gegenteil, ich habe stets die Öde des Lebens empfunden, wenn die Wärme des Mutterschoßes fern war; aber seit ihr die Frauen zugrunde gerichtet habt, ist es nicht zu ertragen. Ihr sagt, ich hätte sie nicht festhalten können; ich antworte, ich wollte kein verfaultes Fleisch im Hause haben. Aber da kommt ja Kurt! Kennst du denn seine Ehe? Die war lecker, kann ich dir sagen!«
Der Architekt kam herein mit einem bebrillten Manne von unbestimmtem Aussehen. Der Bruder nickte und ging mit seinem Begleiter in eine Ecke des Saales.
»Ja, wie ist es mit seiner Ehe?« fragte Holger. »Es war alles so heimlich; ist es aus?«
»Aus? Ich hoffe es! Hör zu, wie es ihm ging. Er wurde in eine kinderlose Familie hineingezogen, und zwar in dem Augenblick, als die Ehegatten sich gegenseitig langweilig geworden waren. Er befreundete sich mit beiden; sie drängten sich ihm auf und schleiften ihn mit, um sich die Langeweile zu vertreiben. Die Folge war, daß er und sie sich ineinander verliebten; der Mann kuppelte, ohne es zu wissen, und eines schönen Tages unterrichteten sie, um loyal zu sein, den Mann von ihrer Neigung, worauf die Frau nach Paris reiste, um geschieden zu werden. Kurt wartete, und nach geraumer Zeit sollte sie nach Hause kommen. Da er ungeduldig war, fuhr er ihr bis Södertelje entgegen. Der Zug hielt; Kurt ging durch die Wagen, um die nichtsahnende Braut zu suchen. Schließlich kam er an ein Rauchkupee. Da lag seine Geliebte, den Kopf auf dem Schoß eines fremden Herrn, und rauchte eine Zigarette. Kurt geriet nicht aus der Fassung; er lüftete den Hut, bat um Entschuldigung und tat, als erkenne er sie nicht. Aber als er ins Nebenkupee ging, kam die Dame ihm nach und fiel ihm um den Hals; sie weinte und schwur, es sei nichts dabei; ein Freund, der ihr für die Reise seinen Schutz angeboten habe. Da Kurt selbst ehrenhaft und treu war, glaubte er, sie sei es auch. Deshalb hält die Frau den Mann für dumm! Jetzt weißt du es! Also gut, der Freund wurde vorgestellt und war diskret genug, am ersten Abend zu verschwinden. Am nächsten Abend aber soupierten sie mit Verwandten zusammen, und der Freund war dabei. Da wurden vertrauliche Worte und Blicke zwischen Freund und Braut gewechselt, so intime, daß Kurt schließlich die Fassung verlor, eine Szene machte und seinen Teller auf den Boden warf. Ganz plötzlich fand er sich in der Rolle des lächerlichen Ehemanns, heiratete aber schnell, auf jeden Fall. Nun saßen sie da und langweilten sich, ganz wie früher sie und ihr Gatte. Wie köstlich! Sie konnte nämlich nur in Saus und Braus leben. Er mußte mit ihr ausgehen. Dann lebte sie auf, wenn sie im Restaurant die Blicke der Herren auf sich zog, und es war ihr ein Genuß, den Mann leiden zu sehen. Ihr ganzes Dasein hing davon ab, daß der Mann gequält wurde. Und er mußte den glücklich Verheirateten spielen, wie alle, die mit geschiedenen Frauen verheiratet sind. Er sollte ja ein lebender Beweis sein, daß der erste Mann ›sie nicht hatte glücklich machen können‹. Und um den ersten zu zerschmettern, wollten sie jetzt Kinder haben. Kurt hält sich nämlich für einen furchtbaren Matador in dieser Beziehung. Aber siehe da, sie bekamen kein Kind. Also: er auch nicht! Jetzt begann die Hölle für ihn in ihren ständigen Vorwürfen. ›Es gibt keine Männer mehr,‹ sagte sie. Daß es ihre Schuld sei, kam nicht in Frage.
Was tat Kurt? Ja, was sollte er machen? Er schaffte sich ein Verhältnis an und ein Kind. Er mußte doch seine männliche Ehre retten. Die Frau verließ ihn. Aber Kurt hatte doch die ganze Schande. ›Er hat die Frau eines andern verführt, und dann hat er sie sitzen lassen.‹ Aber er hatte sie nicht verführt. Das war egal! ›Er hatte die Frau eines andern verführt!‹ Daß die Frau ihn sitzen ließ, darum kümmerte sich niemand. Gut, jetzt ist er frei, aber kannst du glauben: seine Gedanken beschäftigen sich noch heutigentags mit dem Freund im Kupee. Er hat wohl sämtliche Bekannte gefragt, ob sie glaubten, daß es etwas gewesen sei. – Ja es ist heutzutage verwickelt!«
Jetzt betraten den Saal ein großer fetter Herr, eine Dame und drei Kinder.
Die Dame sah sehr gut genährt aus und hatte einen zu kleinen Kopf auf den Schultern.
Der Doktor blickte einen Augenblick auf die Gesellschaft, zuckte zusammen, wendete sich zum Fenster und hielt die Hand vor die Augen, mit einem Ausdruck zwischen Lachen und Weinen. Als die Gesellschaft ein Stück entfernt war, sagte er mit komischer Salbung:
»Da geht meine erste Frau mit ihrem zweiten Mann (oder dritten, wer weiß). Diese Närrin, die als Neuvermählte sagte, sie lebe wie eine Nonne, und als das Kind kam, tat sie, als begreife sie nicht, wo es her kam. Dieser Kaltwasserfisch zwang mich durch sein idiotisches Geschwätz, mich scheiden zu lassen und mich wieder zu verheiraten. Sieh dir ihren Mund an, Holger, und hüte dich vor Kindermündern. – Und das war meine erste Liebe! – Ich glaube bisweilen, es war nicht Dummheit, sondern Bosheit. Sie war eifersüchtig auf mich, weil ich sie gekriegt hatte. Die Ehre war zu groß, deshalb mußte ich ihrer beraubt werden! Sie war das größte Vieh, das ich gekannt habe, und deshalb machten alle meine Gegner sie zu dem höchsten Wesen; sie sagten, ich hätte alles von ihr bekommen, sogar mein medizinisches Wissen. Alles, was der kleine Mund sprach, war so boshaft, daß ich ihr einmal einen Nagel durch die Zunge schlagen wollte. Ich hoffe, ihr Dickus dahinten wird es ihr besorgt haben. – Ja, Holger, so ist das Leben, und ich habe es nicht gemacht.«