WeRead Powered by ReaderPub
Die Gotischen Zimmer: Roman cover

Die Gotischen Zimmer: Roman

Chapter 18: Siebzehntes Kapitel Das Versöhnungsfest
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The novel unfolds around a series of gatherings in an ornate gothic salon where former bohemian companions, now partly incorporated into academic society, reunite. Warm conviviality gives way to tension as old friendships, artistic ideals, and national politics collide: debates over artistic integrity, institutional honors, and a celebrated guest from Norway expose splits between reformist outsiders and conservative professors. Episodes alternate lively reminiscence, song, and revelry with mocking speeches and ideological confrontation, tracing a shift in cultural life at the close of an era and examining loyalties, hypocrisy, and the costs of compromise.

Siebzehntes Kapitel
Das Versöhnungsfest

Esther und Max gingen den Strandweg entlang, um die Ausstellung zu besuchen, die sie noch nicht gesehen hatten. Da sie beide in Stockholm geboren waren, hatten sie die Umrisse ihres alten Tiergartens so sicher im Auge, daß sie sie im Dunkeln hätten zeichnen können. Jetzt, da sie in ihr Gespräch versunken, mit in sich gekehrten Blicken dahingingen, blieben sie plötzlich stehen und blickten auf. Vor ihnen lag eine weiße, schimmernde Stadt, wie zum Fest gekleidet.

Max blieb stehen und blickte vorwärts, aufwärts, wie in einer Ekstase:

»Das Licht ist wiedergekommen!«

Und sie gingen weiter, während er sprach:

»Die Furcht vor dem Weißen ist verschwunden. Die Augen konnten keine weißen Häuser ertragen, deshalb verbot die Hygiene Kalkputz, und die Fassaden unserer Jugend waren mit Ruß und Rost gestrichen; die Behörden schrieben Kienruß oder Eisenocker in der Tünche vor. Und das Grün, das Grün der Hoffnung, das die Ästhetik in den Bann getan hatte, darum und darum … das Grün hat seine Wiederkehr gefeiert; das Weiße grünt und das Grün vergoldet sich. Selbst die Nationalflagge ist von dem stumpfen Indigo zu dem milden Kobalt übergegangen, vom schweren Eigelb zum blassen Gold. – Wir sind im Dunkel gewandert, aber es war nur eine Sonnenfinsternis, die ihre Zeit dauern mußte. Ich erinnere mich meiner Kindheit, als die kleinen Schwestern weiße Strümpfe trugen wie ihre Mütter, und wie dann ihre Beine schwarz wurden; ich fand, sie sahen aus wie Dämonen, die aus Schornsteinen herunter kommen; das Weiße wurde schwarz, und es gab gewisse Frauen, die mit Trauerkleidern kokettierten, obwohl sie keine Trauer hatten. Jetzt tagt es wieder; die Strümpfe haben wieder Farbe bekommen, und der Stiefel hat seine Schwärze verloren, die Frau hat ihr langes Haar wieder, hat Hals und Brust befreit – jetzt bekommen wir wieder Mütter, – mit Kindern als Halsband.«

Sie hatten den Brückenkopf erreicht und wanderten in die weiße Stadt hinein. Sie sahen die Menschen nicht; sie waren von ihrer eigenen schützenden Aura umgeben, die sie gewissermaßen unsichtbar machte. Die Gebäude und Gegenstände betrachteten sie nicht, sondern behandelten sie als Dekorationen zu ihren Gedankenbildern. Sie tändelten an Maschinen, Mineralien, Waffen, Möbeln und Handelsgegenständen vorbei. Sie stürzten sich in Alt-Stockholm hinein, ließen sich's eine Weile in der vergessenen Vergangenheit wohl sein, spürten aber bald eine Beklommenheit und rissen sich wieder zur Gegenwart empor! Jetzt leben, nicht damals! Nicht einen Tag früher, lieber später, sich selbst und seiner Zeit voraus.

Schließlich setzten sie sich in die blaue Grotte. Max sprach unaufhörlich.

»Jetzt denke ich blau, jetzt sehe ich blau; ich weiß, wo ich bin, aber ich habe es vergessen, und ich bin nicht hier. Ich weiß, wie du heißt, aber ich will deinen Namen nicht nennen, denn du bist nicht die, die du bist. Weißt du, was die Gevatterschaft war? Das war eine geistige Verwandtschaft, die zwischen den Paten des gleichen Kindes vorhanden sein sollte. Ich glaube an so etwas, an die selbständige Existenz der Seelen außerhalb der Körper; und an geistige Blutschande. Wir müssen auf irgendeine unbekannte Art Geschwister sein, deshalb bekommen wir kein Kind; deshalb tragen wir an einer Schuld und an einem Schamgefühl, das wir nicht erklären können. Du bist nicht die, die du bist, denn wenn du abwesend bist und ich dich mir vorzustellen versuche, wirst du eine andere.«

»Wer bin ich dann?«

»Bisweilen meine Mutter, bisweilen meine Schwester, bisweilen … Weißt du, ich glaube, die Seelen leben so unabhängig von den Körpern, daß sie in fremde Rinde einen Schößling senken und saprophytisch darauf leben können. Die Flechte, die auf Bäumen und Steinen wächst, ist eine Vereinigung von Alge und Pilz, eine Gemeinschaft, die man Symbiose nennt. Das ist die Ehe, die geistige meine ich, und die Ähnlichkeit von Ehegatten ist die noch unerklärte Bildkraft der Seele, die Materie umzukneten. Ich hatte deinen Vater gesehen, aber nie deine Mutter, als ich einmal im Theater einige Reihen vor mir den Nacken einer Dame sah, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich wendete mich zu meiner Gesellschaft und sagte unwillkürlich: ›Der Nacken dieser Dame erinnert mich an Gustav Borg!‹ ›Ja, das ist seine Frau,‹ sagte man mir! Wenn es das Gesicht gewesen wäre, hätte man die Wirkung der Anpassung im Verkehr begreifen können, aber ein Nacken! Das klingt ja wie eine Fabel.«

»Es werden allerdings Zwillinge geboren,« begann Esther, »aber man kann auch dazu werden. Meine Mutter hatte eine Zwillingsschwester, und als die sich einmal in die Hand schnitt, fühlte meine Mutter, die weit entfernt war, den Schmerz. Du und ich, wir sind Zwillinge geworden, aber wir müssen aufhören, es zu sein.«

»Ich glaube, wir sterben im selben Augenblick, da das Band zerschnitten wird. Der Trennungsschmerz ist das größte aller Leiden, aber wir müssen dahin!«

»Kannst du dir ein Ende denken?«

»Nein! Und das, was man sich nicht denken kann … das existiert nicht.«

Sie gingen wieder weiter, um den Platz zu wechseln, und kamen auf die Schanze.

Kläffende Hunde begrüßten sie, und Max schrumpfte vor Schmerz zusammen.

»Diese Tiere hier? Gibt es denn keine Menschen in Schweden?«

»Du bist kein Tierfreund?«

»Nein, ich hasse alles Tierische, wie du weißt, besonders an mir selbst. Und diese Tierfreunde – ja, du weißt, die Vorsitzende selbst hätte ihre Kinder mit Rosinen und Mandeln beinahe umgebracht (sie war Vegetarianerin), aber sie konnte nicht hören, daß man einen Hammel schlachtete. Alle, die auf der Tierskala so tief stehen, daß sie mit Tieren, aber nicht mit Menschenkindern Mitgefühl haben, sollte man ohne weiteres zum Tierarzt schicken und Zyankali riechen lassen. Die Abgründe, die eine solche menschenähnliche Seele birgt, sollte sie lieber zu verbergen suchen. Ich habe gehört, daß Kavalleristen und Hirten … Nein, jetzt wollen wir hier weggehen! Hier ist es böse, und es ist überall böse, wo man Tiere eingesperrt hält! Wir wollen nach dem Swedenborgpavillon gehen.«

»Hast du Swedenborg gelesen?«

»Man liest Swedenborg nicht, man empfängt ihn oder man empfängt ihn nicht. Man kann ihn nur verstehen, wenn man dasselbe erlebt hat wie er. Deshalb ist es nicht gefährlich, ihn zu lesen, denn für die Uneingeweihten ist er ein verschlossenes Buch.«

Sie gingen und gingen.


Vor dem Zentralrestaurant saß Konsul Levi mit Doktor Borg.

»Nun, du Nörgler, was sagst du zu all diesem?«

»Ich möchte am liebsten schweigen und meinen schönen Eindruck vom Fest behalten.«

»Nein, du sollst bewundern, schwedische Industrie und Erfindungen bewundern.«

»Was für Erfindungen?«

»Aha!«

»Kleine Anwendungen älterer Ideen, die Themen anderer, eigene Variationen!«

»Nun, aber der Separator? Schwedens Ehre und Reichtum.«

»Ja, der! Erz, Zucker und Melasse abzusondern, ist immer die Aufgabe der Zentrifuge gewesen; jetzt sondert sie Sahne ab, das ist alles!«

»Du redest! Gerade die Anwendung bei Milch ist neu.«

»Nein, die Milchzentrifuge ist 1864 von Prandtl in Bayern erfunden, ist aber in Schweden vervollkommnet.«

»Potztausend! Aber die Dampfturbine? Ist die was wert?«

»Ja, doch sie ist alt! Dampf einzulassen statt Wasser, siehst du, das ist das ganze! Die Axe ist neu! Nein, wer in die Dampfmaschine eine andere Flüssigkeit als Wasser hineinbringt, eine Flüssigkeit mit einem niedrigeren Siedepunkt, zum Beispiel Äther mit fünfundvierzig Grad Siedepunkt, der hat Kraft gespart; der ist ein Erfinder. Wenn man eine Lokomotive mit einer Spirituslampe heizen kann, dann will ich dabei sein und Preise austeilen. Oder wenn man einen Ballon steigen läßt, mit Stickstoffgas gefüllt, das von einem Petroleumofen erwärmt wird.«

»Stickstoffgas?«

»Ja, Stickstoff, der das gleiche spezifische Gewicht wie Leuchtgas hat, nämlich 0,9, muß natürlich einen Ballon heben können. Da Stickstoff sich weder entzündet noch explodiert, kann er erwärmt werden, entweder durch Benzinlampe, Petroleumofen oder Acetylen. Dann sitze ich in der Wärme und bediene eine Schraube, steige oder falle nach Bedarf und kann aussteigen, ohne meinen Ballon zu leeren, kann höher und tiefer gehen und neue, passende Winde aufsuchen.«

»Aber die Feuersgefahr?«

»Stickstoff ist nicht feuergefährlich und imprägnierte Leinwand fängt nicht Feuer. Das kannst du bei einem Ingenieur bestellen, ebenso wie den Regulator zu meiner Äther- oder Benzin-Dampfmaschine!«

»Hast du noch mehr Erfindungen?«

»Ja, wir müssen Wasser verbrennen. Du weißt, daß Koks mit Wasser besser brennt als ohne! Mache dir also ein poröses Koksstück aus feuerfestem Lehm oder Gußeisen und feuchte es unaufhörlich mit überhitztem Dampf an, nachdem du mit gewöhnlichem Koks ein Initialfeuer gemacht hast, das den Dampf liefert.«

»Das klingt gut; hast du auf deiner Ausstellung noch mehr auszustellen?«

»Doch, wir haben ein Teleskop. Diese alten großen Ungeheuer sind ganz unnötig. Ich sah neulich durch das Fernrohr eines magnetischen Theodolits, bei dem das Rohr nicht länger war als einen halben Fuß und das Glas nicht größer als ein Zweipfennigstück. Das war ein Fernrohr, das was taugte. Nun ist das Köstliche, daß man für die Planeten nicht zu starke Vergrößerungen nehmen darf. Mars verträgt nur eine fünfzigfache Vergrößerung. An den Sternen ist nichts zu sehen, denn sie werden kleiner, je stärker die Vergrößerung ist, also kuriose Lichtquellen. Bleiben Sonne und Mond, und die sieht man ebensogut mit einem Opernglas. Dann müßten wir … Da kommt Kurt!«

Kurt Borg trat heran. Er sah feierlich aus, aber auch zerstreut:

»Wo kommst du her?« grüßte der Doktor.

»Ich komme von etwas Großem und Schönem; ich war im Ritterhaus auf dem Religionskongreß und habe gehört, wie ein Bischof einem Rabbiner Schmeicheleien sagte.«

Isak Levi schien weniger begeistert, als der Architekt erwartet hatte, denn Isak zählte die religiösen Dinge zu dem, worüber man nicht spricht.

Der Doktor dagegen nahm das Thema auf:

»Ja, auch das ist Nachklang! Das Religionsparlament in Chikago 1893 war viel größer. Da waren alle Völker und Religionen der Erde vertreten, und die Versammlung nahm jeden Morgen den Segen des jeweiligen Präsidenten entgegen, mochte er nun Mohammedaner, Buddhist, Katholik oder Protestant sein, und der Papst selbst sandte seinen Glückwunsch … In unserm Kongreß fehlt etwas Wesentliches, und zwar ein Katholik.«

»So, bist du auch Katholik geworden?« erwiderte Kurt.

Der Doktor antwortete auf die dumme Frage nicht.

»Es liegt etwas so exklusiv, lutherisch Alleinseligmachendes in dieser Versammlung; deshalb ist sie borniert wie alles Lutherische. Im übrigen erinnert ihr euch wohl nicht, daß Pius IX. 1868 ebenfalls Griechen, Protestanten und andere Nichtkatholiken zu dem vatikanischen Konzil zusammenberief, um zunächst einmal einen Kompromiß zwischen den Christen zustandezubringen. Die eingeladenen Ketzer kamen nicht, und so wurde es, wie es wurde!«

»Ja, das kann sein,« entgegnete Kurt, »aber hier ist Großes im Werden, und im neuen Jahrhundert werden wir etwas Neues sehen.«

»Die französische Aufklärung bei der Revolution war viel weiter vorgeschritten als wir jetzt sind; sie rissen alles nieder, und was der Kongreß jetzt langsam abträgt, ist nur das, was ihr eigener Widerstand aufgebaut hat.«

Es hatte sich bewölkt und der Himmel war mit sepiafarbenen Wollkämmen gestreift, die auf dem Kopf standen. Es dunkelte oben, aber die weiße Stadt stand nur noch weißer da und lächelte den schwarzen Himmel an.

»Das sieht nach einem Zyklon aus,« sagte der Doktor.

»Apropos Zyklon, erinnert ihr euch des Zyklons in Paris?« fiel Kurt ein. »Es war am 10. September im vorigen Jahr, ich war da und habe ihn miterlebt. Es war schauerlich anzusehen, so daß viele vor Schreck den Verstand verloren haben. Er verheerte den Platz Saint Sulpice vor dem Jesuitenseminar … ging nach der Seine und zerschmetterte ein Kohlenschiff, das La Revanche hieß …«

»Das war ein symbolistischer Zyklon,« fiel Isak ein.

»Dann fuhr er nach der Sainte Chapelle Ludwigs des Heiligen und riß die Gerüste herunter, darauf brauste er in den Justizpalast hinein. Da saß ein Richter und führte eine Verhandlung, als plötzlich die Fenster aufsprangen und ein großer Baum mit Wurzeln und allem in den Gerichtssaal geschleudert wurde; ein Posten draußen wurde mit dem Schilderhaus hochgehoben und durch einen langen Korridor geschleift. Der Justizpalast schien am schlimmsten heimgesucht zu sein. Dann aber fuhr der Wirbel nach dem Saint-Louis Hospital und riß fünfzig Meter des eisernen Stakets nieder, das einen Mitarbeiter des Courrier de Paris um ein Haar erschlagen hätte.«

»Denkst du dir das aus? Freund Max würde eine Wahrzeichengeschichte daraus machen, aber glücklicherweise ist es seit einem Jahr in Paris ruhig; und Wahrzeichen pflegen doch nicht erst nach Jahr und Tag zu versagen?«

»Ausdenken? Du kannst einen Ausschnitt aus der Vossischen Zeitung lesen, den ich bei mir habe!«

»Nein, danke schön! ich erinnere mich noch; Jesuitenseminar, Saint Louis zweimal, La Revanche und der Justizpalast …«

»Behalte das also im Gedächtnis,« sagte Kurt mit einem scharfen, fast fanatischen Ton; »und wenn in Paris etwas passiert, in diesem Jahr oder im nächsten, so …«

»Bist du auch Okkultist geworden?« parierte der Doktor.

»Okkultist oder nicht, aber es liegt etwas in der Luft! Ich habe in Paris einen Traum gehabt …«

»Den mußt du mit dem Traumbuch deuten!«

»Scherze nur, doch nimm diesen Zeitungsausschnitt und hebe ihn auf, versuchsweise, auf jeden Fall. Du bist ja für Experimente. Es ist die Vossische Zeitung vom 15. September 1896. Jetzt haben wir 1897!«

»Gut,« sagte der Doktor. »Wollen wir wetten, daß diese Legende nichts zu bedeuten hat?«

»Wir halten die Wette! Hundert Kronen!« sagte Kurt. »Isak ist Zeuge!«

Isak hatte mit großer Aufmerksamkeit die Geschichte angehört, und als er die Wette bezeugt hatte, holte er sein Notizbuch heraus, suchte ein Zeitungsblatt hervor und legte es auf den Tisch.

»Hier ist wirklich eine französische Schilderung des Zyklons, und sie stimmt mit der Kurts überein. Ob er etwas zu bedeuten hat? Ja, wir müssen abwarten!«

»Was zum Teufel soll er bedeuten? Man kann doch nicht Zyklone machen, nicht einmal wenn man Jesuit oder Okkultist ist, und an übernatürliche Zyklone glaubt kein Mensch.«

»Wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«


Esther und Max gingen vor der Kunsthalle auf und ab. Max redete:

»Mir kommt es vor, als wenn die Menschen hier einander nicht lieben, sondern mehr zusammengescheucht werden, von der Furcht vor einer unbekannten Zukunft; es ist wie das Bedürfnis des Kranken, sich mit dem Feind zu versöhnen; wird er aber gesund, so ist die Feindschaft wieder da.«

Sie blieben stehen und betrachteten zuerst die Zyklonwolke am Himmel, dann warfen sie ihre Blicke auf die Loggia der Kunsthalle, als wollten sie dort Schutz suchen.

»Siehst du,« begann der Graf wieder, »siehst du die Büste da drinnen?«

»Das ist Arvid Falk! Lebt er noch?«

»Ja, er lebt!«

»Komm, wir wollen ihn uns ansehen!«

Sie gingen in die Veranda hinein, und Graf Max begann wieder:

»Das hatte ich nicht erwartet, ihn hier zu sehen, aber er wird ja als tot und ungefährlich betrachtet.«

»Wer hat die Büste gemacht?«

»Eine Frau, das ist aber seltsam.«

»Nein, wieso? er hat doch immer Beziehungen zu Frauen und Kindern gehabt,« antwortete Esther. – »Aber was ist das auf dem Sockel?«

»Das sieht aus wie Feuersflammen. Soll das den Schwefel vorstellen, den er analysiert haben will, oder das Inferno, das er jetzt durchmacht?«

»Er sieht nicht bange aus, eher strahlt er von dem göttlichen Übermut, den die Götter hassen.«

»Meinst du, daß einer diesen Mann verstanden hat? Er behauptet, keiner habe das getan, weil er sich selbst nicht verstand; aber er scheint bisweilen sein Lebensrätsel zu ahnen und faßt sich als eine Aufgabe auf. Er ist für mich so etwas wie Balzacs Louis Lambert, einer, der hier nicht zu Hause ist. Sein Mißvergnügen mit allem hienieden will er seinen latenten Erinnerungen an ein Besseres zuschreiben; er sieht in allem schlechte Kopien des Originals, auf das er sich dunkel besinnt. Und sein Schwanken zwischen asketischer Frömmigkeit und sinnlicher Gottlosigkeit deutet an, daß er das irdische Leben als eine Strafe betrachtet und inzwischen einmal ein Schlammbad als Pönitenz nehmen muß.«

»Hast du ihn gekannt?«

»Nein, ich glaube, kein Mensch hat ihn gekannt. Er hat die Fähigkeit, sich im Verkehr zu kaschieren, indem er sich dem Sprechenden anpaßt, so daß sein Zuhörer nur den Eindruck gewinnt, sich gespiegelt oder mit sich selbst gesprochen zu haben. Deshalb gibt es so viele sonderbare Charakteristiken von ihm, bei denen man das Gefühl hat, daß die Porträtisten ihr eigenes Bild, nicht seins, wiedergegeben haben! Kürzlich hat eine Frau in einem Essay ihn zu erläutern versucht, gibt aber zu, gescheitert und nahe daran gewesen zu sein, den Verstand zu verlieren.«

»Warum wird er denn so gehaßt?«

»Wenn Ihr nicht von dieser Welt seid, haßt die Welt Euch!«

Im selben Augenblick fühlte Graf Max etwas wie eine warme Stelle auf seinem Rücken; und als er sich umdrehte, sah er einen Mann unbestimmten Alters vor der Büste stehen und sie mit einem ironischen, fast verächtlichen Lächeln betrachten.

Der Graf hätte fast einen Ruf ausgestoßen, wendete sich aber statt dessen zu Esther und sagte ihr etwas mit den Augen.

Der Unbekannte ging in die Halle hinein.

»War er das?«

»Ich glaube.«

»Hast du sein Gesicht gesehen? Er blickte auf sich selbst herab und sagte mit den Mienen: Damit sind wir fertig!«

»Was sollte das bedeuten?«

»Er hat ja immer über sich selbst gestanden, und mit dem stärksten Selbstgefühl vereinigte er die aufrichtigste Selbstverachtung. Vielleicht ist er auf neuen Bahnen und blickt jetzt auf seine alte Reinkarnation herab!«

»Glaubst du, daß er es war? Er ist doch in Paris!«

»An Doppelgänger im Sinne des Pöbels glaube ich nicht; aber es könnte ja unsere Projektion der Büste gewesen sein. Wir, du und ich, ›sehen‹ uns doch bisweilen, und das sind doch nur Projektionen plus etwas, was ich noch nicht kenne. Die Theosophen haben das Faktum beobachtet, können es jedoch nicht erklären; sie nennen es ›gelegentliche Materialisierungen der Halbmaterie des Gedankens‹.«

»Aber seine Schritte waren so schwer?«

»Ja, er soll so schwer auftreten, als hielte er sich am Boden fest, um nicht hochgehoben zu werden. – Weißt du, was Levitation ist?«

»Ja! Aber willst du nicht die Kunstwerke ansehen?«

»Ich bin blind auf den Augen, ich kann äußere Dinge nicht sehen; ich will nur an deiner Seite gehen, denn dann ist es hell in mir, – kannst du das erklären? Obwohl ich oft, wenn ich über dich nachdenke, meine, daß du aus dem Dunkel bist. Dann hasse ich dich wie das Böse; aber sofort wird es dunkel. Was ist das? – Nun, jetzt, da die Zeit der Versöhnung da ist, glaubst du, daß auch Mann und Weib sich versöhnen werden und daß der Kampf der Geschlechter sich beilegt?«

»Nein,« antwortete Esther, »das glaube ich nicht, denn würden sie nicht durch Differenzen aufrechterhalten, würde die ganze Welt pervers. Du weißt ja, daß alle Frauenfreunde sonderbar sind. Sie haben Damenseelen, deshalb ehren sie sich selbst in der Frau. Jünglinge, die noch sexuell unbestimmt sind, beten doch die Frau an. Aber hast du bemerkt, daß unsere Herren aufgehört haben, von ihren Verhältnissen zu sprechen …«

»Ich hörte nicht, was du sagtest.«

»Nein, du hast ein Talent, dich gegen fremde Einflüsse immun zu machen.«

»Wenn sie herabziehen! – Jetzt wirst du wieder dunkel!«

Sie gingen weiter, hielten sich aber ein Stück voneinander entfernt, und Max sah aus, als wolle er in die nächste Tür hineinlaufen und sich verstecken.

»Wir wollen uns für eine Weile trennen,« sagte Esther, »dann treffen wir uns in einer Stunde am Ausgang wieder.«

»Danke, daß du so intelligent bist!« antwortete Max; »aber wir trennen uns als Freunde, sonst laufen wir sofort hintereinander her.«

»Als Freunde!«

Die weiße Stadt der Ausstellung lag unter dem drohenden Zyklonhimmel, der sich gar nicht auftun wollte.

Es war eine improvisierte Architektur, die nicht an Schweden, eher an den Orient erinnerte. Wo nahmen die Baumeister diese Inspiration her? Von den Ländern des Sonnenaufgangs, wohin jetzt die Blicke der Welt sich mit Erwartung und Zittern wenden, nachdem Japan einen Stoß gegeben hat, der die Bewegung nach Westen weiterpflanzt und vielleicht eine neue Epoche in der Weltgeschichte einleiten wird, so neu, daß die Geschichtsschreiber sie die neuere Zeit nennen werden und alles Vorangegangene, unsere Zeit einbegriffen, die ältere. Man hat in das große Wespennest dahinten im Osten hineingestochen, und nun sind die Gelben und Schwarzen ausgeschwärmt. Aber der ferne Westen im Sonnenuntergang hatte sich auch gerührt. Alle Völker der Erde waren dahinten zusammengemaischt und hatten eine neue Brut erzeugt, die schließlich ihre Weltbürgerschaft empfand, die die Markscheide des Atlantischen Ozeans nicht anerkannte, sondern bei der Teilung der Welt dabei sein, zu den europäischen Großmächten gerechnet sein wollte. Das alte Spanien, der Hidalgo, der erste Eroberer Amerikas, war hinausgeworfen worden, und Columbus hatte aus seinem ersten Grabe auf Haiti die erlittene Unbill gerächt. In dieser gespenstischen Umarmung von Osten und Westen fühlte Europa sein Dasein bedroht, und verschüchtert wie Vögelchen scharten die Völker sich in erzwungener Freundschaft zusammen, die ihren ersten Ausdruck in dem Erlaß des Zaren fand, diesem Erlaß, der später der Anlaß zu dem Friedenskongreß im Haag wurde, der wohl zunächst bedeutete: Zusammenschluß der europäischen Mächte zu gemeinsamer Verteidigung gegen gemeinsame Feinde, also nicht Weltfrieden. Die gepanzerte Faust hatte die Tore der chinesischen Mauer eingeschlagen, und die Revanchemänner von Sedan gaben die Revanche auf, um mit den Preußen zusammen zu fechten. Die Europäer hatten aufgehört, Provinzpatrioten zu sein, und ihre Nationen waren Erinnerungen geworden, ähnlich den Landsmannschaften der Studenten, die bei festlichen Gelegenheiten eigene Fahnen trugen, für gewöhnlich aber Mitglieder der Studentenschaft waren. Im Vorgefühl seines Untergangs als Korporation hatte Schweden sich auch aufgerafft, hatte sich zurückgewandt, um seine Erinnerungen zu sehen, hatte die Büroschränke aufgeräumt und das sortiert, was aufbewahrt, und das, was verbrannt werden sollte. Kirchen, Schlösser und Hütten waren durchsucht worden und alle Erinnerungen auf dem heiligen Berge, der Schanze, gesammelt.

Über der weißen Kosmopolis der Ausstellung erhob sich der Schanzenberg mit seinem schwarzen Kiefernwald und seinen ländlichen, altmodischen Glockentürmen. Sie läuteten eine Vergangenheit zu Grabe, die nach dem Glauben vieler jetzt eine Zeit der Auferstehung werden würde. Und die Dichter riefen die Schatten auf, beschworen Karl XII. und seinesgleichen. Wege und Pfade auf dem heiligen Berge trugen alle große Namen, um das Selbstgefühl der Nation zu wecken und den Zusammenhang zwischen den gespaltenen Parteien zu stärken, die sich jetzt in dem Vergangenen einen sollten.

Im Pressepavillon saßen Doktor Borg und Redakteur Holger in einem Privatzimmer und tobten fürchterlich. Der Doktor war rasend.

»Dies ist ja eine Maskerade, und du darfst der Eitelkeit deiner Landsleute nicht schmeicheln, so daß sie die Besinnung verlieren und alle Karl XII. zu sein glauben. Wir können uns in der Jetztzeit nur aufrichtig für die Zukunft sammeln. Die Dynastie stammt ja erst von 1809 und kann ihre Ahnen nicht von Lützen und Narwa her rechnen; der halbe Adel ist exotisch, und ganz Schonen ist ja erst nach der Schlacht bei Lund schwedisch geworden; du kannst von den Bewohnern Schonens nicht verlangen, daß sie für Breitenfeld, wo sie nicht dabei waren, hurra schreien; der Kommissar der Ausstellung, unser Freund Isak, ist ein Fremdling aus dem Orient und kann wohl weder Luther, noch Karl XI. feiern; ihr seid taktlos, und ihr verletzt, ohne es zu wissen! Der Schanzenmann selbst ist ein Exot, darauf schwöre ich, und ich als Negerknabe kann ebensowenig wie Syrach und Isak den Enthusiasmus Grönlunds für schwedische Bauernmädchen und Volkstänze teilen. Dies hier ist nicht aufrichtig, und du müßtest vor allem kommandieren: Vorwärts sehen! – Du hast die berechtigten Angriffe des Rabbiners auf unsere Anbetung der schäbigen Vergangenheit nicht beachtet, als er gestern auf dem Kongreß gegen unsere auf Hellas und Rom fußende Bildung loszog. Er machte einen dicken Kreidestrich durch Platos Idealstaat, den er – mitten im Ritterhause – einen Päderastenstaat nannte! Wäre ich dagewesen, hätte ich ihn auf die Schultern gehoben. – Was Satan haben wir mit Griechenland und Rom und Karl XII. zu tun? Ihr lebt unten in den Gräbern mit Leichen, während Gegenwart und Zukunft an euch vorbeirauschen. Aber das ist diese schauerliche Erziehung, die wir in den Schulen und auf der Universität bekommen, und das ist das Abiturientenexamen, das jetzt einem Magisterexamen der dreißiger Jahre entspricht.«

»Was soll man denn aber tun?«

»Fachschulen und Ausbildung für den Beruf! Laßt die Juristen mit vierzehn Jahren als Schreiber und Laufjungen bei den Advokaten anfangen; schickt die Mediziner im selben Alter als Wärter in das Krankenhaus; laßt die Ingenieure als Feiler in der Werkstatt, die Pfarrer, wenn es welche geben muß, als Küster beginnen, laßt sie die Gesangbuchnummern aufstellen und bei einem Standesbeamten Büroarbeiten lernen. Schließt die vier Fakultäten und konfirmiert die Kinder von der Volksschule aus mit Lesen, Schreiben und den vier Spezies: dann hinaus mit ihnen, damit sie sich in ihrem Fach ausbilden. Heutzutage muß man sein Handwerk verstehen, sonst geht man in der Konkurrenz unter; und wir können nichts, nur konversieren in Salons, Wirtshäusern und Versammlungen. Wir sollen versiert sein und mit den Damen über alles sprechen können, aber wir sind auf allen Gebieten nur Dilettanten. Wo sollen wir Staatsmänner herbekommen, wenn keine Staatswissenschaft gelehrt wird? Unsere Regierung ist doch auch ein Theater. Im Sommer sieht man einen Marineminister Kirche und Schule verwalten, ein Gardeoffizier leitet die Landwirtschaft, und ein früherer Assessor dirigiert Heer und Flotte. Ist das Staatskunst? Und der Minister kommt nicht dazu, von seinem Ressortchef die Elemente zu lernen, bevor er pensioniert wird. Deshalb ist das ganze Land von diesen Staatsräten überlaufen, und wenn man einen Schuljungen fragt, was er werden will, so antwortet er: Ich will Staatsrat außer Diensten werden! Um Landrichter zu werden, muß man die Gesetze kennen, aber um Departementschef und Minister zu werden, braucht man überhaupt nichts zu können. Ich will nicht von den votierenden Reichstagsabgeordneten sprechen, die haben so viel Schamgefühl, daß sie sich meistens die Verfassung kaufen, aber die Ausschußmitglieder, die tatsächlich die Gesetze geben, müßten alle Gesetze des Landes kennen und ausgebildete Staatsmänner sein. Bestände der Ausschuß aus Staatsmännern, so würden sie in Permanenz tagen und mit den Ministerien zusammenarbeiten, nicht wie jetzt einige Monate lang störend auftreten, auf gut Glück und stets als Feinde der Regierung eingreifen. Warum müssen Regierung und Reichstag stets als Feinde auftreten, stets einander zu ducken suchen? Einen Antrag durchbringen heißt doch einen Rekord schlagen, und wenn ein Minister die Majorität hat, so hat er einen Preis gewonnen – den Preis, nicht weggejagt zu werden, im Amt bleiben zu dürfen. – Und worüber wird im Reichstag gesprochen? Über Sch…; über Varietés und Opernkeller, über Pensionen und Brückenbauten; sogar über polizeiliche Angelegenheiten, über Soldatenexzesse, Pferdefütterung, Dünnbierbehandlung und Besichtigungsabenteuer, über die Toiletten der Damen und das Rauchen der Schuljungen. Ist das Staatskunst? – Der Reichstag hat ja seine Inkompetenz bewiesen, da er alle wichtigen Angelegenheiten an Kommissionen von Sachverständigen verweist; der Reichstag selbst aber sollte doch aus Sachverständigen bestehen! – Ist das Regierung, sind das Gesetzgeber?«

»Was kann man da tun?«

»Nichts! Doch, schleifen, schleifen! Unterm Schnee kann nichts wachsen; man kann nichts bauen, ohne das alte Haus niedergerissen zu haben. Geht nur negativ zu Werk; kommt nie mit einem positiven Vorschlag, der ist nur lächerlich; hebt alte Gesetze auf, gebt Freiheit und laßt die Kräfte wirken! Du sollst ein Wecker sein, nicht ein Einschläferer! Und jetzt adieu, die Uhr hat sieben geschlagen!«


Am Fuße des Schanzenberges, ganz als gehöre es dahin, erhob sich ein schwarzes Haus, das in der Hauptsache aus einem drückenden Dach bestand; altes morsches Holz, das besonders präpariert war, damit es morsch aussehen sollte; eine Reihe kleiner Fenster dicht über dem Erdboden deutete Abneigung gegen Licht an. Es sah wie eine Scheune aus, konnte aber eine Kirche sein.

Doktor Borg und Isak Levi standen davor und betrachteten es, und der Doktor sprach selbst wie gewöhnlich:

»Da hast du Norwegen, schwarz und morsch wirft es seinen Schatten über unsere helle Stadt. Das hohe Dach ist nur Prahlerei, es ist nichts darunter; keine Kammern und kein Boden, es hat gar keinen Zweck, bloß Bauernprotzerei!«

»Bist du jetzt Norwegerhasser?«

»Ja, ganz verd…! – Warum sollte ich meinen Feind nicht hassen? Warum sollte ich die Norweger nicht hassen, wenn sie mit ihrem Schwedenhaß prahlen? Ich kann mir wohl meine Antipathien und Sympathien selbst aussuchen wie andere Sterbliche auch. Hast du etwas dagegen einzuwenden?«

»Aber du arbeitest für ein freies Norwegen!«

»Jawohl, ich erkenne seine berechtigte Forderung an, aber ich will auch frei werden von diesem schwarzen Unfug, der über uns gekommen ist wie eine Geisteskrankheit. Sollen wir den Dovrealten und seine alberne Nora anbeten? Weißt du, wie Zola ihn nennt? ›Die letzte Frucht aus den verdorrten Lenden unserer guten George Sand.‹ Sardou nennt ihn ›einen Narren‹ und Tolstoi, sagt ›er sei gestört‹. Der wird in Schweden angebetet! Nun, er ist noch der Pfarrer! Aber der Küster ist noch schlimmer! Wie alte Gorillas wirken die beiden, und findest du nicht, Isak, daß der Pfarrer aussieht wie einer von unsere Leut?«

»Ja, da kannst du recht haben,« antwortete Isak. »Er ist wohl nicht nur Germane. In den Fliegenden wurde er Froschmaul genannt.«

»Und die ganze norwegische Befreiungspolitik ist unter Karolines grober Hand zu einem Kampf um die norwegische Gesandtschaft ausgeartet, von wo Norwegen die schwedische Gesellschaft zu beherrschen glaubt. Ich gehe nie mehr in die Gesandtschaft; ich habe es satt, auf die Dovrealten und die Boheme von Kristiania anzustoßen, und ich will nichts von ihrem Gehechel über Andrés Ballonfahrt hören. Weißt du, was für ein Unterschied zwischen Schweden und Norwegen ist? Derselbe Unterschied wie zwischen Nordenskjöld und Nansen. Nordenskjöld fand die versprochene nordöstliche Durchfahrt, wurde aber nicht Nationalheld; Nansen fand den verheißenen Nordpol nicht, wurde aber Nationalheld. Schweden ist ein Stiefmutterland, deshalb macht es gewöhnlich seine Größen aus Nichts, es stöbert Nullen auf und erhöht sie zu Potenzen …«

»Ja, aber du hast an der Heiligsprechung des Dovrealten mitgewirkt!«

»Du weißt ja, wie das zugeht: man wird nicht in Ruhe gelassen, bis man dem Haufen einen Knochen hinwirft. Auf die Weise bin ich auch Wagnerianer geworden, obwohl ich finde, daß er nur unmusikalische und häßliche Musik geschrieben hat; ›geschrieben‹ ist das richtige Wort, denn sie ist weder gehört noch komponiert; sie ist geschrieben. Aber wir leben in einer perversen Zeit, und in einer demokratischen. Ich frage mich auch bisweilen, ob diese Demokratie, für die wir uns abmühen, nicht etwas Falsches ist: wo der Unwissende Kenntnisse mitteilen, der Ratlose raten, der Schwache herrschen, der Unterdrückte unterdrücken und die Masse es machen soll. In einem Staat aber wie dem unsern, wo die eine Hälfte der Nation aufschreibt, was die andere tut, wo der Staatskalender so groß ist wie die Kirchenbibel, wo die Beamtengehälter ein Nationalvermögen ausmachen, die Ämter feudal und die Beamten Vasallen geworden sind, da ist vielleicht eine ständige Demagogie als Gegengewicht erforderlich. Aber das Kuriose ist nun, daß der Demos royalistisch, akademisch, aristokratisch, sportsnobistisch, Karl der Zwölftisch, schanzpatriotisch, der Hof hingegen demokratisch, demagogisch, demütig ist. Der Demos hat es übernommen, an die prätorianische Garde zwölf Jahre lang eine halbe Milliarde zu zahlen; wenn sie sich jedoch außerstande sehen, zu bezahlen, reißen sie aus nach Amerika. Aber die Schuldenlast des Reiches besteht nicht nur aus Hypotheken und den Zehnten der Gemeinden, sie besteht auch aus Wechseln der Banken. Aller Handel vollzieht sich auf Kredit und Wechsel; das ist Vorschuß; und Vorschuß ist ungeleistete Arbeit. Die ganze Nation lebt von sechsmonatigem Vorschuß; man stellt für die Miete einen Wechsel aus, einen Wechsel für die Steuer, einen Wechsel für den Haushalt. Aber man löst den Wechsel nach sechs Monaten nicht ein, sondern erneuert ihn und bezahlt die Zinsen mit einem neuen Wechsel. Man lebt also – von ungeleisteter Arbeit. Und die ganze Berechnung des Nationalvermögens ist falsch. Ausgesogener Boden ist nichts wert; verfallene Schlösser kosten nur Unterhalt; rostige Eisenbahnschienen und benutzte Lokomotiven können nur als altes Eisen verkauft werden, stehen aber trotzdem noch im Hauptbuch des Reiches als Vermögen; Wasserfälle haben keinen Wert, bevor nicht die Fabrik daneben steht, die Fabrik hat keinen Wert, bevor nicht die Arbeiter da sind, und der Arbeiter ist nichts wert, wenn er nicht tüchtig ist; aber das Fabrikat ist auch nichts wert, bevor es nicht Absatz gefunden hat. Das Eisen in Norrland sollte uns retten, aber Rückschrittler haben das verhindert. Wohin treiben wir? Die Entwickelung geht sprungweise vorwärts und mit Überraschungen. Es ist ja möglich, daß die norrländischen Goldgerüchte sich eines schönen Tages bestätigen! Stelle dir dann ein Schweden als Sammelplatz aller Nationen der Welt vor. Die Volksmenge vermehrt sich, Norrland wird dicht mit Städten besiedelt, der Acker wird im Stich gelassen, und die Ureinwohner saufen sich zu Tode wie die Rothäute. Nach einem Menschenalter ist eine neue kosmopolitische Rasse Besitzer des alten Schwedens und der Reichstag ist mit Farbigen bevölkert …«

»Glaubst du daran?«

»Nein, das tue ich freilich nicht, aber möglich ist alles. Es kann ja auch anders kommen, – auf diese Art geht es jedenfalls nicht länger! Und es ist deine Pflicht, das tagaus, tagein zu sagen, zu schreiben, herauszuschreien! Auch vor tauben Ohren.«

Er verließ den Pavillon und ging in das Menschengewimmel hinaus, in dem die Gesichter der Fremden ihn erfreuten, wie weitgereiste Gäste den Einsiedler in der Wildnis erfreuen, und wo der Klang der ausländischen lebenden Sprachen ihn daran erinnerte, daß seine eigene zu den toten Sprachen gehörte, da sie außerhalb seiner Landesgrenzen niemand verstand.