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Die Gotischen Zimmer: Roman cover

Die Gotischen Zimmer: Roman

Chapter 6: Fünftes Kapitel König Lear und der Pater
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About This Book

The novel unfolds around a series of gatherings in an ornate gothic salon where former bohemian companions, now partly incorporated into academic society, reunite. Warm conviviality gives way to tension as old friendships, artistic ideals, and national politics collide: debates over artistic integrity, institutional honors, and a celebrated guest from Norway expose splits between reformist outsiders and conservative professors. Episodes alternate lively reminiscence, song, and revelry with mocking speeches and ideological confrontation, tracing a shift in cultural life at the close of an era and examining loyalties, hypocrisy, and the costs of compromise.

Fünftes Kapitel
König Lear und der Pater

Der frühere Redakteur hatte sich in sein Schicksal gefunden, lebte auf dem Lande und schrieb hier seine Artikel. Jetzt eines Sommermorgens saß er auf seiner Veranda und wartete auf die Zeitung, um seinen letzten Leitartikel zu lesen. Es war ein durchtriebenes Stück, von dem er viel Effekt erhoffte; er handelte von dem liberalen Programm, auf das die Kandidaten bei den Wahlversammlungen schwören sollten, und der geheime Hintergedanke war, Bruder Henrik als Konservativen hinzustellen. Das war der Schuß in die Wasserlinie, der das Schlachtschiff zum Sinken bringen sollte. Gustav saß da und genoß es im Geist, hörte seine giftigen Worte im Ohr, sah vor Augen, wie der Bruder die Zeitung öffnete, um seinen Artikel zu suchen und den des andern fand, der ihn wie eine Rakete mitten ins Gesicht traf. Er genoß das in Gedanken so sehr, daß er lächelte, drehte eine Fünfzehnpfennigzigarre wollüstig im Mundwinkel, steckte viele Streichhölzer an und schnaubte.

Schließlich kam die Zeitung.

Er stand auf und nahm eine Fechterpositur an, während er die Zeitung entfaltete und umschlug, um seinen Leckerbissen auf der zweiten Seite zu lesen.

Da stand er nicht! Er suchte auf der dritten Seite. Da stand er auch nicht.

Mit der zusammengeknüllten Zeitung stürzte er ans Telephon und rief die Redaktion an. Der Sohn Holger saß am Apparat und nahm den Stoß entgegen:

»Warum steht mein Artikel nicht in der Zeitung?« fragte der Vater mit zischender Stimme.

»Nein, wir konnten ihn nicht drucken,« antwortete der Sohn.

»Aber ich habe ihn gesetzt gesehen, habe Korrektur davon gelesen, und …«

»Wir können solchen Unsinn nicht drucken!« antwortete der Sohn wieder.

Da erlosch die Stimme des Vaters; er versuchte zu brüllen, blieb aber stumm. Und stumm ging er vom Telephon weg, nahm Hut und Stock, um sich in den Wald zu begeben.

Als er an Britas Küchenfenster vorbeiging, sah er sie mit der Zeitung in der einen und der Feder in der andern Hand dasitzen; sie schrieb, schrieb gegen ihn, ihren Mann, während ihm bei der Selbstverteidigung der Sohn die Feder aus der Hand gerissen hatte.

Er schrumpfte zusammen, er war vernichtet. Ihm, der diese Zeitung begründet, sie zu einer Machtstellung und Vermögensquelle emporgeschrieben hatte, wurde verweigert, darin zu schreiben, von seinem eigenen Sohn. Und er dachte an König Lear, an den Mann mit dem Altenteil, an den Abgesetzten. Er begann zu wandern, auf die Äcker hinaus, durch Hage und Wiesen.

Was nützte es, lange zu leben und zu lernen, wenn schließlich die Erfahrungen doch nicht taugten? Als er jung war, bekam er stets zu hören, die Weisheit komme erst mit den Jahren, nach den vielen Jahren in der Schule des Lebens. Er hatte eine Schule durchgemacht; er hatte all dies, was jetzt war, entstehen sehen, deshalb Verstand er es besser als die andern, meinte er; und trotzdem wurde er beiseite geworfen wie ein abgenutzter Besen, wurde behandelt wie ein alter Idiot.

Als er sich in Schweiß gelaufen hatte, ward er ruhiger, und stieg auf einen Berg, von dem er über das Meer in der Ferne hinblicken konnte. Das kühlte ihn ab, und das Unendliche, Bewegliche da draußen gab ihm Kraft. Er setzte sich auf den Felsen und dachte über sein Schicksal nach. Er konnte noch dreißig Jahre, ein ganzes Menschenalter leben; er fühlte Kräfte, den Kampf aufzunehmen, ihn auszuhalten, im Notfall zu warten, bis die Feinde ihre Kräfte in einer fruchtlosen Jagd nach dem blauen Nichts erschöpft haben und früh verbraucht sein würden, besonders da sie nicht zu sparen und sich zu erneuen verstanden. In zehn Jahren, sagte er sich, ist eine neue Jugend herangewachsen mit neuen Idealen, nüchterne Wirklichkeitsstreber, die ihn besser verstehen und ihrerseits diese Utopisten absetzen würden, die jetzt mit ihren Ideen eines sozialistischen Staates grassierten, Theorien, die er in seiner Jugend auch erprobt und dann kassiert hatte. Diese jungen Leute glaubten ihm voraus zu sein, und sie waren doch so weit in der Zeit zurück wie die dreißiger und vierziger Jahre. Er hatte kürzlich die französische Revolution gefeiert und sich in seiner Rede für einen Sohn des Konvents erklärt, den Traditionen treu, unversöhnlich gegen die Monarchie, Republikaner im Leben wie im Tode. Und jetzt stempelten sie ihn zum Konservativen! Ein konservativer Revolutionär und Königsmörder! Das war Unsinn! Aber es war ein Mischmasch, in dem man lebte, ein Farbenkreisel, auf dem alle Farben des Regenbogens sich zu einem weißen Ton mischten; alle Ströme und Gegenströme waren ins Meer geflossen und hatten da Hals über Kopf ihre Wasser vermischt. Dem Sozialismus, der eigentlich Christentum war, wurde von den Atheisten gehuldigt, und die Christen waren kapitalistische Egoisten; die Bauern waren Royalisten, schwächten aber die Königsmacht; die Royalisten spielten Liberale und der Monarch war Freihändler, freikirchlich und wurde für freisinnig gehalten. Das war eine babylonische Verwirrung, die Auflösung aller älteren Begriffe. Die Anarchisten waren Aristokraten; die Freisinnigen arbeiteten auf der Basis der Ungerechtigkeit für die Frauentyrannei und für das Recht des Freihandels, die eigenen Erwerbszweige zu ersticken; die Schutzzöllner wollten den heimischen Erwerbszweigen helfen, aber die eigenen Landsleute zwingen, teuer und schlecht zu kaufen.

Es war ein kompliziertes Gericht, aus dem das meiste verdunsten mußte, bis schließlich der kleine Bodensatz einer festeren Substanz zurückblieb, der als Nährstoff tauglich war. Möglicherweise wohnte man hier einem konstanten Moment der Entwicklung bei, das an die Diffusion der Gase erinnerte, bei der alles sich gegenseitig durchdringt; oder ging jetzt die Synthese der besten Stoffe aus allen Analysen vor sich? die ungleichartigen Kräfte setzten an vielen Punkten an, und der Stein bewegte sich schließlich?

Vielleicht war das, was geschah, richtig; vielleicht würde sich dieser Bodensatz später wieder auflösen, und ein neues, großes Zusammenarbeiten der Kräfte durch neue Kämpfe zustande kommen, so daß auch der Geringste am Fortschritt teilgenommen hätte und die siegende Meinung eine von allen zusammengeschossene Summe wäre, da sie eine Legierung edler und unedler Metalle darstellte. Dies wäre gerecht wie Gott selbst, und nur ehrgeizige Parteihäupter könnten sich darüber grämen.

Während dieser Betrachtungen hatten seine Blicke auf einigen graubraunen Schären weit draußen im Meer geruht. Er hatte trotz seiner Kurzsichtigkeit sie etwas ungewöhnlich in der Form gefunden und sie nicht erkannt, er, der doch alle Schären hier draußen kannte. Da – gerade jetzt – begannen sie sich zu bewegen, in dem unheimlichen Farbton von Nachtfaltern – mit der unverkennbaren Absicht, sich unsichtbar zu machen. Zugleich stiegen drei Rauchsäulen zum Himmel auf, und er begriff: das war das französische Geschwader, das von Kronstadt kam und nach Stockholm steuerte. Die Trikoloren wurden gehißt, und das Herz des alten Revolutionsmannes klopfte; denn die deutsche Politik, die die schwedische Regierung nach Sedan eingeschlagen hatte, war nicht erfreulich gewesen und hatte einen Beigeschmack von Unterwerfung gehabt, hatte ausgesehen, als ließe man einen Bedrängten im Stich. Frankreich hatte sich jetzt aus den Fesseln der Isolierung befreit und war wieder unter die Großmächte Europas getreten, um am Ende des Jahrhunderts zu den europäischen Mächten zu gehören, die die Erde unter sich teilen wollten. Frankreichs Auferstehung, das bedeutete wieder Vorwärtsbewegung, denn von dem französischen Motor wurde stets Kraft auf die andern Nationen hinübergeleitet, sobald Leitungen vorhanden waren. Das Dreikaiserbündnis war aufgelöst, und die stärksten Gegensätze, das Zarenreich und die Republik Europas, sollten im fernen Osten ausgleichen, was die Suprematie Englands in Ägypten und im Mittelmeer zu erschüttern gedroht hatte.

Froh und aufgerichtet erhob er sich und wendete sich heimwärts, nahm jetzt aber den Weg rechts über die Pfarräcker. Er hatte ein Bedürfnis, einen Menschen zu treffen und die unangenehmen Eindrücke des Morgens wegzuplaudern.

Bald tauchte das Pfarrhaus zwischen den Linden auf; ein unerhört rotes, zweistöckiges Holzhaus; hervorgegangen aus einer schwedischen Bauernhütte, war es von Scheune und Viehstall flankiert. Als nun der Redakteur zuerst in den Vorbau des Wohnhauses trat und in der Türöffnung von Phylax empfangen wurde, der zur Begrüßung seine Pfoten an dem Anzug des Besuchers abwischte, wurde ihm von einem Dienstboten mitgeteilt, der Herr Pastor sei im Stall und melke Probe.

Er begab sich also an Ort und Stelle, wo er seinen Schwager in voller Tätigkeit fand. Mit Käppchen und einem sonnenverschossenen Überzieher bekleidet, saß dieser da, führte das Milchjournal und hatte ein geleertes Frühstückstablett hinter sich am Fenster stehen.

Gustav Borg scherzte gern über des Schwagers Seelsorge in Viehstall und Meierei, heute aber war er nicht dazu aufgelegt, denn er wollte ihn für sich gewinnen, und der Pastor entwaffnete ihn außerdem durch einen Blick, der um Schonung im Beisein der Knechte bat.

»Wir haben seit vier Uhr früh gearbeitet, deshalb hab ich etwas essen müssen!«

Damit wollte er den Ausfall gegen das Frühstückstablett parieren, das mit Bier- und Branntweinflasche versehen war.

»Ich wollte dir nur guten Tag sagen!« antwortete der Schwager und sah nicht nach dem Tablett hin.

»Wir sind gerade fertig. Warte einen Augenblick, dann komme ich mit dir!«

Gustav wartete und sah sich die hundert fetten Rinder an, die kauten und mit den Schwänzen schlugen.

Der Pastor summierte die Liter und war von dem Resultat befriedigt, obwohl er sich wunderte, daß das Probemelken unter Aufsicht stets ein besseres Resultat ergab als das tägliche Melken.

»Siehst du, das ist das Auge des Herrn!« sagte er. »Wenn man sich nicht um das Seine kümmert, so weiß man, wie es geht. Und die Erde gibt nur dem Eigentümer selbst. Würde ich dies hier verpachten, so bekäme ich nie die Pacht zu sehen. Der Pächter klagt immer, und wenn es ans Bezahlen geht, schickt er Frau und Kinder, die ihn von der Pachtsumme freiweinen sollen. Nein, ›Selbst‹ ist der beste Knecht. Jetzt wollen wir nur einmal in die Meierei hineinschauen. Hast du meine neue Zentrifuge gesehen? Es ist eine Pracht, wie diese Turbine arbeitet!«

Er öffnete eine Tür im Hintergrunde, und sie waren in der Meierei.

»Hier wird Gold gemacht,« fuhr er mit einem Eifer fort, als wolle er alle ungehörigen Fragen und spitzen Bemerkungen verhindern. »Sieh dir nur die Butter an! Sieh sie dir an! Nein, du mußt sie auch probieren! Was? Die ist erstklassig! Nun, es kann ja für dich weiter kein Interesse haben!«

Und dann gingen sie.

Als sie auf den Flur kamen, wurde Gustav Borg wieder von Phylax empfangen, der sich die Schnauze an seinem hellen Anzug abwischte. Da das Tier eben gefressen hatte, wollte der eintretende Gast böse werden, aber er mußte schweigen und leiden, denn er wollte etwas gewinnen.

Das Zimmer des Pfarrers war eines im alten Stil, mit Ledersofa, Brettspiel, Pfeifengestell und Bücherregal mit den Kirchenvätern in Quartformat, sowie der Amtszeitung und einer Sammlung von Gesetzbüchern; dieser wunderlichen Mischung von weltlicher und geistlicher Macht.

Die Möbel waren aus Mahagoni und sahen aus, als seien sie nie neu gewesen, sondern bei Beginn der Welt auf einer Hausauktion durch Selbstzeugung erstanden. Mahagoni sieht nicht aus wie ein Pflanzenstoff, sondern es ähnelt gedörrtem Fleisch und kann schwitzen. Deshalb merkt man immer Spuren von Fingern, und das ist nicht angenehm. Die Möbel standen auf Flickenteppichen von der Farbe des Heringssalats und bildeten ein Ensemble gemütlicher Unsauberkeit, die nach Schnupftabak roch.

Bei näherer Betrachtung unterschied man an der Tür eine Sammlung von Stöcken unter einem Museum von speckigen Hüten und Mützen. Daneben ein Brett mit Glasmaßen für Milchprüfungen, den neuen Symbolen der rationellen Landwirtschaft.

Die Schwäger ließen sich nieder, und da beide schwatzsüchtig waren, ging die Unterhaltung wie ein geölter Blitz.

»Du bist früh auf den Beinen,« sagte der Pastor.

»Ich habe nichts anderes zu tun, seit ich zur Disposition gestellt bin,« antwortete der Redakteur.

»Ja, die Jugend drängt vor! Das ist der Lauf der Welt!«

Hier wäre Gustav Borg fast der Versuchung erlegen, sich zu beklagen; aber er beherrschte sich, denn er wußte, daß der Schwager ihn, der stets das Sprachrohr der Jugend gewesen war, nur ausgelacht haben würde.

Er stoppte deshalb und bremste:

»Ja, die Jugend; du weißt, ich habe ihr immer das Wort geredet, so lange ihre Forderungen angemessen und vernünftig waren; aber als sie die Grenzen überschritt, mußte ich gegen sie Front machen.«

Da auch der Pastor in friedliebender Stimmung war, stellte er sich artig auf den Standpunkt seines Antagonisten.

»Und das war recht von dir. Deshalb wirst du auch gelobt.«

Er nahm eine Zeitung vom Brettspieltisch; als aber Gustav Borg den Titel »Vaterland« sah, war es aus mit dem Frieden, und die Maske fiel.

»Werde ich in der gelobt? In der? Dann ist es aus mit mir.«

»Du liebst dein Vaterland nicht?« fiel der Pastor ablenkend und scherzend ein.

»Nicht sonderlich, denn es ist nicht liebenswert, und was deine Zeitung betrifft: ja, findest du selbst, daß Christenmenschen so schreiben? Es sind freilich Männer des Geistes, aber sie schreiben wie Teufel. Lügen, Willkür, Gewalt, Ungerechtigkeit, Haß, falsches Zeugnis, das ist das Programm der Zeitung!«

Jetzt fing der Pastor Feuer, und er erhob sich und begann auf dem Teppich hin und her zu traben, daß der Staub wirbelte:

»Findest du es nicht besser, daß das Volk von den humanen, gebildeten Priestern der Staatskirche geleitet wird als von ungebildeten, fanatischen Laienpredigern?«

Das fand Gustav Borg für gewöhnlich gewiß, aber hier galt es, die Antwort nicht schuldig zu bleiben, und so bekam er im Zorn ganz plötzlich eine andere Meinung:

»Laienprediger? Was bist du anderes? Du, dessen Beruf die Landwirtschaft ist, läßt deinen Dienst von Diakonen und Hilfspredigern versehen. Und was tut dein Diakon? Er ißt, wenn er nicht schläft, und dazwischen trinkt er und spielt Karten. Sechs Tage ausruhen und am siebenten arbeiten. Und dein Hilfsprediger, der Mitarbeiter am ›Vaterland‹ ist und das Eherecht verteidigt, ist dir bekannt, was der da draußen auf seiner Insel treibt? Du weißt, daß er wie ein Türke lebt, daß man ihn splitternackt mit einem nackten Mädchen in einem Boot gesehen hat, und du drückst ein Auge zu, weil du ihn zu deinem Kartenspiel brauchst! Die Gemeinde aber verläßt die Kirche und baut sich Bethäuser, die ihr verfolgt! Ja, das alte Schweden ist im Begriff, eine Pfaffenrepublik zu werden wie Paraguay, und mit der Staatskirche ist es jetzt ebenso faul wie im Jahre 1527. Die geistliche Macht habt ihr verloren, nur die weltliche besitzt ihr noch. Eure Bischöfe essen Visitationsdiners, sitzen in Reichstag und Landtag, in Kommissionen und Akademien – wir hatten kürzlich einen Bischof mit achtzigtausend Kronen jährlich und Afterkrebs (den hatte er sich angefressen); er übersetzte Gedichte und schrieb humoristische Lieder, die Seelsorge überließ er dem Teufel. Ich hatte einen Vetter, den du auch gekannt hast, der war Diakonus in einer Stadt im Norden. Der hat sich zu Tode gefressen; denn bei jeder Amtshandlung, sei es Hochzeit, Kindtaufe oder Begräbnis, mußte er essen und trinken; und an dem letzten Sonntag seines Lebens erledigte er achtzehn Amtsgeschäfte, das heißt, er aß und trank achtzehnmal am Tage; da rührte ihn der Schlag und er starb. Du redest von eurer Humanität. Das ist nur Vorurteilslosigkeit, die sich auf Unglauben gründet! Ihr glaubt nicht an eure Lehren, das verlangt auch niemand, aber dann sollt ihr den Abschied nehmen, sonst seid ihr Heuchler! Doch ihr wollt das Brot und die Macht nicht aus den Händen geben! Geistliche und Offiziere, die zwei sind eins, und ihr stützt den Thron, der nur ein alter Stuhl mit einem Loch darin ist …«

Jetzt waren beide aufgestanden und trabten auf den Teppichen umher wie Leu und Bär. Gustav Borg aber ließ sich das Wort nicht nehmen.

»Für Kühe und Schweine kannst du sorgen, kommt aber ein Mensch in Seelennot zu dir, dann hast du keine Barmherzigkeit, keine Hilfe, keinen Trost; denn du bist hart, geizig, unbarmherzig! Und achtundzwanzigtausend solche Kreaturen wie du und deine Untergebenen muß das Reich ernähren. Sieben Millionen Kronen eßt ihr auf, und die Mittel werden im Guten und im Bösen zusammengebracht, von Bekennern und Nichtbekennern, und in einer Weise, die an Erpressung erinnert. Woran ihr glaubt, das weiß der Teufel, aber ihr wirkt wie Teufelsverehrer, denn euer Organ verherrlicht Karl XII., den Zerstörer Schwedens, der kein Mensch war, sondern ein Teufel. Und als beim letzten Jubelfest zu Ehren dieses Untiers, das jeder, sogar der sittlichen Größe ermangelte, eine Gruppe Studenten opponierte, da wurden sie vor den Rektor zitiert und wären um ein Haar durch Relegation entehrt worden. Verdient ihr Irrenhaus oder Zuchthaus? Und du mit deiner Seelsorge! Man sagt, du schlägst mit dem Rohrstock, wenn du zu Verstand und Herz sprechen müßtest. Und deine Kirche, was tust du darin? Dasselbe, was der Metropolit in der Sakristei tat. Du hast neulich in einem solennen Festrausch damit geprahlt, du gingest nie in die Kirche, du seist seit einem Jahr nicht in der Kirche gewesen! Und du, der du so streng auf den Abendmahlszwang hältst, wann bist du zuletzt zum Abendmahl gegangen? Vor zwanzig Jahren, bei deiner Amtsweihe! Pfui Teufel, sage ich, und jetzt schüttle ich auf deinem Flickenteppich den Staub von meinen Füßen. Es ist schade um dich, denn du hast dir nie überlegt, was du tust und wer du bist! Aber wenn du aufwachst, so geh nicht in deinen alten Bau, dessen Altarschrein du, in Parenthese, vor kurzem an den Antiquitätenhändler verkauft hast, sondern geh ins Bethaus, wenn du kannst. Da triffst du wenigstens Christenmenschen; die den Versuch machen, wenn es ihnen auch nicht gelingt, ihr Inneres zu säubern!«

Der Pastor war kein böser Mann, auch kein Heuchler, aber er hatte, wie alle, sein Leben so gelebt, wie es sich darbot, ohne Überlegungen; hatte die Tage nacheinander hingenommen und nie zurückgeblickt oder dies verworrene Konto von Aus- und Eingängen, Debet und Kredit, das man Leben nennt, aufgestellt.

Als er jetzt dies zu hören bekam und seine Rechnung vor sich sah, konnte er keine einzige Tatsache in Abrede stellen. Er sah sich selbst, seine Fylgia, zum erstenmal, und er meinte sterben zu müssen. Er blieb sprachlos auf dem Sofa sitzen und war schwarz im Gesicht wie ein geschlachteter schwarzer Stier.

Der Schwager, der durch diesen Ausbruch und diesen Sieg das am Morgen verlorene Selbstgefühl wiedererlangt hatte, begann aus seiner Verschrumpfung aufzuschwellen; und da er sich einen ehrenvollen Abgang sichern wollte, bevor der Feind sich hatte sammeln können, feuerte er die letzte Salve ab.

»Du bist ein Pater, aber kein Geistlicher; du beginnst das Morgengebet im Stall mit Bier und Branntwein, dann hältst du deinen Frühstücksschlaf und spielst Brett bis zum Mittag; wenn du mit drei Gängen zu Mittag gegessen und dich zum zweitenmal berauscht hast, legst du dich zum Mittagsschlaf ins Bett, oder wie man es in Upsala nannte: wälzt Mittag; dann spielst du Brett bis zum Vesper, sitzt bei Grog und Wiraspiel bis zum Abendbrot, das jeden Abend aus kalten Platten mit einem warmen Gang besteht. Bist du einen Abend nüchtern ins Bett gegangen? Bist du mit deinen drei Räuschen täglich in fünfundzwanzig Jahren je nüchtern gewesen? Sprichst du je dein Abendgebet? Nein, du bist kein Mensch, sondern du bist ein Schwein! Das bist du!«

Er hatte freilich das, was er beabsichtigt hatte, nicht erreicht, aber er hatte etwas anderes getan; und er wünschte nur, die andern hätten ihn gehört, dann würden sie ihn nicht konservativ genannt haben.