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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 10: 9
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

Aber die Generalrevision kam doch! Anfang August, genau einen Tag vor Semesterschluß.

Am Nachmittag hatte es Bindfaden geregnet. Es wurde Abend, ehe der Himmel sich leidlich aufhellte. Keine Seele aus der Stadt hatte sich auf der Mühle blicken lassen. Perthes war trotz des Unwetters um fünf Uhr gekommen. Sein Lodenmantel und sein Hut mußten am Herdfeuer in der Küche aufgehängt werden. Wilkens stellte sich zum Essen ein, für das man, da der Boden zu feucht war und die Bäume tropften, in einer Laube hatte decken lassen. Elli rekognoszierte für alle Fälle auf Margas Wunsch nochmals das Terrain, obgleich Wirtsleute und Kellner übereinstimmend berichteten, es sei kein menschliches Lebewesen im Garten. Sie kam mit der Meldung zurück, in einer abgelegenen Ecke sitze, aller Nässe von unten und oben zum Trotz, Professor Borngräber und kritzle unheimliche Schriftzüge in ein Notizbuch. Das klang zwar abenteuerlich, war aber anderseits auch so beruhigend, daß jedes Bedenken schwand. Es war so gut, als gehörte einem der ganze Garten allein. Guter Dinge voll, zog man von der Halle in die Laube und setzte sich zu Tisch.

Man hatte noch kaum mit dem Abendbrot begonnen, als Elli scharf und unruhig über den Fluß äugte, hinüber auf das Fährboot. Das füllte sich plötzlich mit einer ansehnlichen Gesellschaft, aus der weiße Mädchenkleider herüberleuchteten.

Wilkens war auch aufmerksam geworden. „Ich zähle drei Wilmannstöchter, Papa, Mama und studentischen Anhang,” konstatierte er mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit.

„Wahrhaftig! Ich auch!” rief Elli mit lachender Bestürzung.

Perthes hatte sich erhoben. Er mußte die Nachricht bestätigen. „Mit sicherem Kurs auf die Sägemühle!” setzte er tröstlich hinzu.

Verblüffung und Schrecken waren groß. Die Ratlosigkeit noch größer. Jeder schlug einen Ausweg vor, der nichts taugte. Und dabei näherte sich das Boot mit zunehmender Eile.

„Wenn man Professor Borngräber bäte, sich an unseren Tisch zu setzen?” ließ sich Marga bedächtig vernehmen, als keiner von den anderen mehr Rat wußte.

„Sieh mal einer — das Margakind!” rief Elli begeistert. „Die Liebe — ich sag' es ja schon immer — geradezu genial macht sie die Liebe!”

„Man könnte auch sagen, durchtrieben!” kommentierte Perthes, indem er Marga strafend und anerkennend auf die Finger klopfte.

Es war keine Zeit zu verlieren.

Elli sprang schnell entschlossen durch den Garten. Man hörte sie gleich darauf, wie sie den ahnungslosen Jakobus Borngräber mit einer Sturmflut von liebenswürdigen Worten überfiel und betäubte. Es dauerte noch nicht zwei Minuten, so hatte sie ihn herumbekommen. Er erschien an ihrer Seite, den Hut, ein Monstrum von einem schokoladefarbigen Hut, schief übergestülpt; ein dickleibiges Buch mit einem Notizbuch darauf wie eine Bundeslade vor sich hertragend. Mantel, Schirm und Bierglas hatte Elli übernommen. Mit dem unmöglichen, aufgedunsenen Baumwollschirm wies sie ihm den Tisch, während sie immer weiter plapperte: sie würden sich so riesig freuen, wenn er sich zu ihnen setzte, und es wäre zu nett von ihm, daß er das täte, und sie würden an Papa eine Ansichtskarte schreiben, daß er sie besucht hätte. Der gute Borngräber nahm jetzt Buch und Notizbuch unter den Arm. Rund und verwundert rollten seine Augen beim Eintritt in die Laube, so verwundert, wie sie das immer taten, wenn sie sich mit der Welt der Erscheinungen auseinandersetzen sollten. Daß da außer Marga, die er Fräulein Käthe nannte, und Elli, die er mit Marga verwechselte, noch zwei Herren saßen, die sofort aufsprangen und sehr bekannt und erfreut taten, war ihm nicht befremdlicher als anderes. Seine goldgelben Zähne lachten verlegen und freundlich aus dem silberstruppigen Gesicht. Er verteilte Händedrücke, wobei sein Buch auf die Erde fiel; Perthes hob es hilfsbereit auf, während Wilkens ihn selbst nach dem Stuhl an der Spitze des Tisches drängte und ein Gespräch über neue indische Funde vom Zaun brach, von denen er irgendwo gelesen haben wollte.

Eben hatte sich die aberwitzige Brut knapp unter die schützenden Flügel des sich seiner Rolle durchaus unbewußten Professors geflüchtet, als vor dem Garten Papa Wilmanns' breite, behagliche Stimme erschallte.

„Wollen sehen, ob wir die Vögel im Nest treffen. Geh mal vor, Heddy — daß sie nicht zu sehr erschrecken!”

Doch diese zarte Vorsichtsmaßregel erwies sich schon im nächsten Augenblick als überflüssig. Papa Wilmanns' scharfe, spitzmäusige Augen hatten über den Zaun weg bereits die entscheidende Entdeckung gemacht.

„Kiek mal eener!” Stürmisch drang er in den Garten und stand im Handumdrehen am Eingang der Laube. „Kiek mal eener! Hat man je so was gehört oder gesehen!? Mein Freund Borngräber, dieser Tugendheuchler, sitzt hier schamlos vor aller Welt und macht jungen Mädchen den Hof!”

Frau Wilmanns und ihre Töchter mit dem Gefolge von einigen Studenten, die Wilmanns für ihre selbstlose Mithilfe am Wörterbuch ab und zu durch eine Einladung entschädigen mußte, kamen auf seinen Ruf hinterdrein. Es gab vor und in der Laube eine herzliche Begrüßung mit ausgiebigem Händeschütteln, wobei die Wilmannsmädchen Perthes und Wilkens mit etwas erstaunten Blicken maßen, und auch Mutter Wilmanns sie schüchtern fragend besah. Aber ihr Gatte hielt eine so fulminante Abrechnung mit Borngräber, daß Elli und Marga sich eine bessere Abwehr der Neugier gar nicht wünschen konnten. Wobei nicht gesagt sein soll, daß der schlaue Generalrevisor die Situation verkannt hätte. Aber er war nun einmal immer schwach gegen junge Leute ...

„Meine Herrschaften!” polterte er los. „Ich habe Ihnen schon wiederholt von unserer griechischen Reise erzählt. Oder noch nicht?”

„Doch, doch!” ließen sich beschwörende Stimmen hören.

„Gut! Sie können sich jetzt vorstellen, was ich mit meinem Kollegen Borngräber in puncto puncti, das ist in betreff der Griechinnen, auszustehen hatte. Dieses harmlose Gesicht, das sich auch jetzt wieder den Anschein vollendeter und rührender Kindlichkeit gibt —”

„Wollen wir uns nicht setzen, Papa?” wagte Frau Wilmanns vorsichtig einzuwerfen.

„Diese Maske verträumter Wissenschaftlichkeit wird niemand länger täuschen!” fuhr Wilmanns unter allgemeiner Fröhlichkeit fort. „Ich könnte —”

„Wilmanns, ich warne Sie!” Borngräber schüttelte seine Befangenheit ab und fuchtelte mit seinem Bierglas, das er aus unerklärlichem Grund bei der Begrüßung mit sich erhoben hatte. „Ich warne Sie! Ich werde von Kalypso erzählen, einem gewissen thrakischen Mädchen im Hotel —”

„Schweigen Sie!” rief Wilmanns empört. „Sie haben gar nichts zu erzählen! Ich stehe hier in verantwortlicher Stellung,” — schon fuhr die Hand gravitätisch in den Busen, und das hinkende Bein drehte sich dramatisch nach außen — „ich komme, um als Vizevormund im Namen des arglosen Richthoff bei meinen Pflegekindern Revision zu halten, und finde als Wolf in Schafskleidern — Sie!”

„Kalypso, Frau Professor Wilmanns,” schrillte mit verdoppeltem Feuer Borngräbers Fistelstimme, „Kalypso war ein auffallend hübsches Mädchen —”

„Genug von Ihren Ausschweifungen!” donnerte Wilmanns, dem die Kalypso gefährlich zu werden schien. „Genug, sage ich! Wir werden uns bei einer Bowle weitersprechen! Aufgeschoben ist nicht ausgehoben! Helfen Sie mir, meine Herren, das Symposion vorzubereiten, statt sich bucklig zu lachen, wenn zwei ehrsame Professoren ihrer Alma mater sich rein sachlich aussprechen! Ich denke, wir haben in der Laube alle Platz. Schieben wir einen Tisch an!” Er legte selbst Hand an eine Tischkante. Wilkens, Perthes, die Wörterbuchvolontäre sprangen bei und faßten wacker mit an. Im Nu war der Tisch in der geräumigen Laube zu einer Tafel erweitert. Weinflaschen, eine halbe Sekt darunter, frische Walderdbeeren ließen nicht zu lange auf sich warten, und Borngräber vereinigte sich mit seinem feindlichen Freunde zu einem Waffenstillstand, um die Bowle zu brauen, eine praktische Tätigkeit, in der er merkwürdigerweise brauchbare Erfahrungen hatte. Papa Richthoff in Kissingen mochte sich ja die Vormundschaft über seine gewissenlosen Töchter etwas anders vorgestellt haben — aber für alle Teile war die Wilmannssche Auffassung von einer Generalrevision die denkbar sympathischste, nicht zuletzt für Marga und Elli, denen man zu diesem festlichen Gelage nicht zuzureden brauchte.

Die Abkühlung des regnerischen Tages wirkte nach.

Als die Sonne untergegangen war, verlegte man mit Rücksicht auf die älteren Herrschaften den zweiten Teil der Bowle in die geschützte Halle.

Wilmanns schloß einen Akkord mit den Wirtsleuten, um das mehr rhythmisch als im strengen Sinne musikalisch beanlagte Orchestrion in den Dauerbetrieb zu versetzen. Während er nach Kissingen eine Postkarte losließ: „Ihre Töchter, lieber Kollege, treffe ich bei meiner sehr gewissenhaften vormundschaftlichen Inspektion durchaus artig und munter. Gefahr droht ihnen nur von dem Indologen Borngräber, der sie zu heimlichen Banketten einlädt” — während dieses der Wahrheit nicht zu nahe tretenden Berichts eröffnete Elli mit Wilkens den Tanz. Die Wilmannstöchter und ihre jugendlichen Begleiter ließen ihr Beispiel nicht lange ohne Nachahmung.

Bei der zunehmenden Ungezwungenheit und Lustigkeit fiel es nicht weiter auf, daß Marga und Perthes sich absonderten.

Sie standen bei der Tür und plauderten. Er, angeregt von der Bowle, der allgemeinen Fröhlichkeit und den lockenden Weisen der „Rosen aus dem Süden”, folgte mit blitzenden Augen dem Tanz der jungen Mädchen in ihren hellen, fliegenden Sommerkleidchen.

„Na — wagen wir es nicht auch, Margakind?” flüsterte er nach einer Weile lebhaft.

„Nein, ich kann ja nicht tanzen!” gab Marga zurück.

„Aber Elli hat mir verraten, daß du mit ihr tanzt. Und zwar recht gut! Komm — tu nicht zimperlich!”

„Es geht nicht!” wiederholte sie ängstlich. „Sicher nicht! Du würdest dich mit mir nur lächerlich machen!”

„Aber Kind, das ist ja kleinlich! Ich möchte gern tanzen!”

Sie fühlte seinen heißen Atem an ihrer Wange. Die Hand, die nach der ihren faßte, verriet die Erregtheit seines warmblütigen Temperaments.

Marga entzog sich ihm. Ehe er es verhindern konnte, war sie in den dunklen Garten hinausgeglitten. Eine plötzliche, wehe Traurigkeit hatte sie befallen: er, entzündlich und lebensdurstig, wie er war, verlangte in die Welt, die ihr verschlossen war, und sie hatte nichts von alledem, was andere ihm geben konnten — keine Leichtigkeit, keine tanzende, lachende Lustigkeit! Nichts, gar nichts — so schien es ihr in diesem Augenblick — als ihre schwere Seele und ihre trostlose Blindheit! Und so würde es immer sein!

Perthes folgte ihr schnell.

Er war ärgerlich über sie. Über ihre übertriebene Schwerfälligkeit. Über ihre Empfindlichkeit und die Unvorsichtigkeit, so davonzulaufen.

Sie hatte schon einen Vorsprung gewonnen. Erst am anderen Ende des Gartens holte er sie ein.

Sie lehnte mit dem Rücken an einem Baumstamm. Die Hände hatte sie hinter dem Kopf ineinandergepreßt, und die Augen starrten verängstigt in die Höhe, während ihre Brust sich schwer atmend hob und senkte.

„Aber Marga, wie kannst du nur so sein! So — verzeih! — so überspannt empfindlich!” Wort und Ton konnten seine Verstimmung nicht verbergen.

„Ich kann nicht tanzen! Gewiß nicht. Bitte, bitte, tanze doch du! Mit Elli und den anderen!” stieß sie flehend hervor.

Einen Augenblick durchfuhr es Perthes bitter, ohne daß er wußte, wie es kam. Drinnen lockte die Musik mit ihrer sinnenfrohen Lebenslust. Das war nichts für sie! Also auch nichts für ihn. Er stieß zum erstenmal — oder war es nicht das erstemal? — an die Grenze seines Glücks. Aber er wollte nicht. Wie läppisch von ihm, durchaus tanzen zu wollen! Er war alt genug, um darauf und auf anderes ohne Ärger verzichten zu können. Wie unrecht von ihnen beiden, daß sie um einer so kleinlichen, erbärmlichen Sache willen, wie es diese schlechte Musik war und das bißchen improvisierter Tanz, sich verstimmen wollten! Er redete auf Marga ein, herzlich, leidenschaftlich, und überredete sich selber dabei. Warum sprach sie überhaupt immer davon, daß dies oder jenes nicht für sie sei? Wollte sie die Wirklichkeit fliehen? Brauchte sie denn das? Er wollte sie ja mitten hineintragen! Erst recht und gerade sie! Und er wollte ihr von da draußen alles bringen — Licht, Lust, Wonne, Kleines wie Großes — was sie begehrte! Hell und heller als um jede andere sollte es um sie werden!

Und Marga hörte zu. Er hatte noch nie mit so viel Feuer von seiner Liebe zu ihr gesprochen. Sie kostete seine tröstenden Worte wie einen heilenden Trank. Ungläubig erst, zaghaft — dann mit vollen Zügen. Und sie war es, die den Arm um seinen Nacken legte. Die ihn küßte. Was hatte er, wenn sie spröde tat? War es nicht wenig genug auch so? Und sie schuldete so viel Dank! Und sie war jung! Sie liebte ihn wie nichts auf der Welt! Mochte vollends fallen, was ihre Angst und Vorsicht zwischen ihm und ihr hatte aufrichten wollen. Sie küßte ihn wieder und ließ sich küssen. Dann gingen sie, eins vom Arm des anderen umschlungen, noch eine Weile durch den Garten. Ihre Liebe dünkte ihnen reich und groß und heilig wie nie. Sie wollten ihre Unendlichkeit fühlen — heute, da sie zuerst an ihre Endlichkeit gestoßen waren.


9

Die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Klinik, die Perthes nunmehr endgültig angenommen hatte, sollte er vertragsmäßig zum ersten September antreten. Er hatte sich am Bakteriologischen Institut zum fünfzehnten August freimachen wollen. Vierzehn Tage dachte er für seine Ausspannung herausschlagen zu können. Um nicht zu weit von Marga entfernt zu sein, wollte er sich in einem einsamen Hof in den Bergen einquartieren, den er von seinen Wanderungen kannte und der etwa zwei Wegstunden von der Sägemühle ablag. Seine Ferien wollte er, außer zum Zusammensein mit ihr, zu häufigen Fußmärschen in dem abwechslungsreichen Waldgebirge benutzen.

Alles war verabredet und festgesetzt, als Professor Kronheim, Hupfelds erster Assistent, unerwartet erkrankte.

Der Geheime Rat, der seine eigenen Sommerferien nicht verkürzen wollte, wandte sich an Perthes und bat in schmeichelhafter Weise, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Was war zu tun? Perthes mußte, fluchend freilich, bis auf weiteres seinen eigenen Erholungsplänen entsagen und Mitte des Monats, Hals über Kopf, aus seinem Institut in die Klinik überspringen.

Die neue Tätigkeit war wesentlich anstrengender und unfreier als die frühere. Das sollte auch Marga draußen auf ihrer Mühle bald fühlbar werden. Es gab in der Klinik regelmäßigen Tag- und Nachtdienst. Um die täglichen Besuche war es mit einem Mal geschehen. Es vergingen zwei, drei Tage, ehe Perthes sich auf der Sägemühle blicken lassen konnte. Und da stellte es sich heraus, daß dieselben Pausen, die Marga erst hatte zur Bedingung machen wollen, ihr jetzt recht lang und schwer erschienen. Sie suchte freilich sich und Elli einzureden, es wäre viel besser so: die stete Sorge, durch Cousine Grasvogel und andere gute Freunde ins Gerede zu kommen, wurde geringer; die Freude des Wiedersehens wurde durch die längere Trennung nur verstärkt. Jetzt, wo die Schranken der Vorsicht und Zurückhaltung durch seine und ihre Schuld gefallen waren, wuchs die so lange unterdrückte und verleugnete Liebe Margas mit jedem Tag. Ihre schwere Natur, einmal entzündet, drängte zu jener Reife, die das Weib in der Liebe erst ganz zu dem macht, was es sein soll. Tapfer hatte sie ihr Leiden getragen; aber so sehr es sie gefördert, es hatte doch auch ihre Entwicklung gehemmt und so manches verkümmern lassen: nun streifte ihr Ernst sein Zuviel an Schwere und Herbheit ab und verband sich dafür mit weicher Hingebung und einer zarten Leidenschaftlichkeit, die ihn schöner und voller kleidete. Konnte früher ihre Beherrschung dem oberflächlichen Blick temperamentlos und apathisch vorkommen, so zeugte jetzt auch ihre äußere Erscheinung gegen ein solches Vorurteil: ihr Gang war freier und leichter, ihre Bewegungen wurden sicherer und ausgeglichener; der Kopf mit seinem schlichtgeknoteten, aschblonden Haar senkte sich nicht mehr so oft und so müd-ergeben; durch ein warmes, zuversichtliches Leuchten ersetzten die Augen ihre Blicklosigkeit; die Wangen bekamen mehr Farbe und die ganze Gestalt Frische und Fülle. Es war noch immer die große Stille, die ihr Wesen trug und umfloß, aber ein bräutlicher Schimmer verklärte sie. Und bräutlich fühlte sich Marga selbst in den Stunden, in denen ihr Glück ohne Angst und Bedenken sie ausfüllte, bräutlich in der sehnsüchtigen Erwartung, in der träumenden Versonnenheit, im süßen, berechtigten Stolz. Wenn dann Perthes kam, war sie es, die im ersten Augenblick des Alleinseins ihm die Arme um den Hals legte, sein Gesicht, seine Haare, seine Hände liebkosend betastete und küßte. Sie begann in ihm und durch ihn die Wirklichkeit in Besitz zu nehmen.

Perthes entging die Wandlung nicht, die sich mit Marga vollzog.

Es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie ihn nicht erfreut hätte. Aber es mischte sich etwas Neues und Fremdes in diese Freude. Solange es gegolten hatte, Margas Liebe aus ihrer ängstlichen Verhüllung von Scheu und Vorsicht zu lösen, hatte dies Spiel von Gefühl und Vernunft ihn in fortwährender, froher Spannung gehalten, und sein Empfinden für sie schien mit jedem Sieg, den er ihr abgewann, an Innigkeit zu wachsen. Es kamen Augenblicke, wo er sich verliebt vorkam, so verliebt, wie er es vor Wochen, als er sich zum Entschluß drängte, noch nicht für möglich gehalten hätte. Aber nun, da Margas Liebe entfaltet war und naturgemäß in ihr mit der Zärtlichkeit der Seele auch die der Sinne erwachte, erschrak er bisweilen mitten unter ihren Liebkosungen über sich selbst. Er hatte aus der Liebe, die er sich verordnete, seinerzeit die Leidenschaft wegräsoniert. Jetzt zitterte sie ihm, nicht aufdringlich freilich und maßlos, aber doch blutwarm und lebendig aus Margas Zärtlichkeit entgegen. Was hatte er ihr dagegen zu geben? Wo blieb bei ihm die Leidenschaft, die die ihre beantwortete? Freilich erwiderte er stürmisch ihre Umarmung und gab ihr ihre Küsse verdoppelt zurück, aber zwang er sich nicht dazu? War in seinem Ungestüm nicht die Furcht, hinter ihr zurückzubleiben, und war diese Furcht nicht schon der Beweis, daß seine Liebe der ihren nachstand?

Er verwünschte solche Gedanken. Das allzu häufige, untätige Beisammensein war doch unvernünftig gewesen und hatte ihn durch Übersättigung überkritisch gemacht. Von dieser Seite sah er in seiner klinischen Tätigkeit keine unwillkommene Gelegenheit, mit seiner und Margas Liebe mehr hauszuhalten. Seine Stellung mit ihren gesteigerten Ansprüchen befriedigte ihn. Mit dem ganzen Feuereifer, dessen er fähig war, gab er sich ihr hin. Dem Zureden Margas und der eigenen Einsicht folgend, entzog er sich auch dem Verkehr mit seinen Kollegen nicht mehr so völlig wie bisher. Er dachte sogar daran, sich einmal wieder im Tennisklub sehen zu lassen. Aber die Aussicht, mit Alice Hupfeld zusammenzutreffen, hielt ihn ab. Nach der gemeinsamen Radfahrt auf der Landstraße hatte er danach kein Verlangen. Es war möglich, daß sie verreist war. Der Geheime Rat war auf Stift Nieburg. Das wußte er. Alice war nirgend zu sehen. Doch das wollte nichts Sicheres besagen. Es war jedenfalls geratener, ihr aus dem Wege zu gehen ...

Da überraschte ihn vor Ende August Exzellenz Hupfeld mit einer Einladung aufs Stift. Zum einfachen Mittagessen. Fast gleichzeitig erfuhr er zufällig aus dem Gespräch mit einem Kollegen, daß Fräulein Exzellenz von einer vierzehntägigen Hochgebirgstour zurückgekehrt sei.

Seine Lust an der Einladung nach Nieburg, von vornherein nicht groß, wurde durch diese Nachricht sehr herabgemindert. Er trug sich mit dem Gedanken, abzulehnen, und suchte nach einem plausiblen Grund. Seltsam: der Widerwille, mit Alice zusammen zu sein, nahm in dem Maße zu, als das Essen auf dem Stift sich näherte. Er sprach auch mit Marga darüber. Es war ihm ein Bedürfnis, so oft er Alice Hupfeld einmal erwähnen mußte, seine Antipathie gegen sie beinahe überscharf zum Ausdruck zu bringen. Marga hatte nur ein unvollkommenes, nicht sehr anziehendes Bild von Alice wie von dem ganzen Kreis, dem sie zugehörte. Sie war keine von jenen kleinen Naturen, die aus Mangel an eigenem Urteil um jeden Preis „gerecht” sein wollen. Gleichwohl hielt sie seine Härte für übertrieben und riet ihm, der Einladung nach Nieburg zu folgen.

Letzten Endes blieb auch Perthes, wenn er sich die Gnade seines neuen Chefs nicht von vornherein verscherzen wollte, gar nichts anderes übrig, als anzunehmen.

An dem Tag, der ihn zu Hupfelds führen sollte, blieb er so lange auf der Klinik, daß er knapp noch Zeit hatte, sich umzukleiden. Er mußte einen Wagen nehmen, um überhaupt noch zu rechter Zeit nach Stift Nieburg zu kommen.

Als der Kutscher von der heißen Landstraße abbog, sah Perthes sehnsüchtig nach der Mühle, die schattig und beschaulich wie immer mit ihren Ziegeln aus den Bäumen hervorlugte. Am liebsten hätte er noch jetzt die Fahrt dorthin kommandiert. Er schalt sich selbst über seine Torheit. Dies lächerliche Mißbehagen stand in keinem Verhältnis zur Unbedeutendheit der Sache. Er war doch wohl nachgerade alt und Manns genug, um sich in unbequemer Gesellschaft ein paar Stunden mit Anstand herumzulangweilen!

Das große eiserne Gittertor war verschlossen. Nur die ins Mauerwerk gebrochene Nebenpforte stand offen. Man erwartete also nicht so viele Besucher, wie Perthes hinter der Einladung zum einfachen Mittagessen geargwöhnt hatte. Er stieg aus, entlohnte den Kutscher und trat in den Garten: mit seinen kurzgeschorenen Rasenflächen, seinen üppigen Palmengruppen und farbensatten Blumenbeeten lag er still in der sengenden Augustsonne. Still und wie erstarrt in weißer Hitze stand auch weiter zurück das lange, schloßartige Gebäude mit dem efeubewachsenen Untergeschoß, den hohen, hellgrünen Fensterläden, die zum Teil geschlossen waren, und dem mächtigen Giebeldach. Die Bäume des Parks gaben einen Hintergrund, der sich mit massigem Düster gegen das grelle Licht abhob.

Auf einem der gelben Kieswege, die zwischen wohlgepflegten Taxushecken abseits vom Fahrweg sanft emporstiegen, kam Perthes ans Haus. Nach der Hitze draußen atmete ihm das alte, weiträumige Bauwerk schon bei der Eingangstür mit ihren geschnitzten Flügeln und glänzenden Messingringen wohltuende Kühle entgegen. Der Diener, der ihn in Empfang genommen, führte ihn durch lange, etwas nüchterne Gänge über ein breites, an den Wänden mit Nachbildungen antiker Reliefs geschmücktes Treppenhaus in den ersten Stock.

Das Zimmer, das er betrat, war auf den ersten Blick erstaunlich tot und drückend.

Große, in den Farben gedämpfte Gobelins verkleideten die Wände ringsum. Zwei Bänke mit ledergepolsterten Sitzen und Lehnen, ein runder Tisch mit schwerer, goldbrokatener Decke, die einst einen Altar geziert haben mochte, und einer riesigen Fayencevase in der Mitte, hochrückige, steife Lehnstühle — lauter in den Holzteilen tiefdunkle Möbelstücke — waren mehr stilvoll als einladend. Durch eine Tür, deren schmale Portiere zurückgerafft war, sah man ins anstoßende Zimmer: es war — fast schien es, in bewußtem Gegensatz zu dem Vorraum, in dem Perthes stand — in helles Licht getaucht. Man sah einen ziemlich einfachen Schreibtisch, der mit schmuckloser Platte auf zarten, ausgebauchten Beinen stand. Der altertümliche Globus auf der Ecke, das kristallene Tintenfaß, noch mehr aber der Polsterstuhl mit seinem Bezug von grünem, geriefeltem Samt brachte Raffinement in die Einfachheit dieses Arbeitszimmers.

So weit war Perthes in seinen Betrachtungen gekommen, als von dort ein leises Räuspern und teppichgedämpfte Schritte hörbar wurden. Gleich darauf wurde Hupfeld in der Tür sichtbar.

„Sehr liebenswürdig, daß Sie uns das Vergnügen machen,” ließ sich seine volle, getragene Stimme vernehmen. Er überschritt die Schwelle nicht, sondern lud den Doktor mit einer kurzen Bewegung ein, näherzutreten. Freundlich, fast vertraulich bot er ihm die Hand — eine Hand, so weich und lässig, daß Perthes sich versucht fühlte, sie zwischen seinen muskulösen Fingern durch einen heftigen Druck auf ihre Knochen zu prüfen. Und doch war diese Hand mit ihrem fabelhaften Geschick die Begründerin von Exzellenz' europäischem Ruf. Die hochgewachsene Gestalt überragte noch die seines Assistenten. Auf den breiten Schultern saß ein verhältnismäßig kleiner Kopf, dem bartlose, glatte, mit dem Alter etwas verfettete Züge und weißes, dichtstehendes, aufrechtes Haar die Schönheit eines bejahrten Heldenvaters gaben.

Ein zweiter von jenen Winken, deren herrische Kürze mit der auffallenden Loyalität des Geheimen Rats kontrastierte, forderte Perthes auf, es sich in einem roten Saffiansessel bequem zu machen, der gegenüber dem Schreibtisch, neben einem von Photographien und künstlerischen Reproduktionen bedeckten Tisch stand und ein bücherreiches Regal im Rücken hatte.

Exzellenz setzte sich in den grünen Polsterstuhl. „Und wie fühlen Sie sich in unserer Klinik, mein lieber Doktor?”

„Danke, Exzellenz! Soweit ich mir schon ein Urteil erlauben kann, sehr wohl,” erwiderte Perthes, in den Saffiansessel mit Widerstreben versinkend.

Hupfeld lächelte befriedigt. Er war ein Meister jenes diskreten Lächelns, das die angenehmste wie die ärgerlichste Stimmung gleich gut verhüllt. „Wie ich Ihnen schon sagte, haben Sie mir durch Ihren früheren Eintritt einen großen Dienst geleistet,” fuhr er, jedes, auch das unbedeutendste Wort prononcierend, fort. Während er mit gemessener Wärme des erkrankten Professors Kronheim gedachte, beharrte er regungslos in der für sein Gesicht so vorteilhaften Profilstellung. Das gelbliche, durch die dünnen Vorhänge getönte Licht vom Fenster umfloß schmeichelnd seine majestätischen Umrisse und den grünen Polsterstuhl. Bisweilen traf ein knapper Blick den Doktor. Wenn die Augen von Exzellenz ihre graue Starrheit einen Moment aufgaben, nahmen sie einen stechenden Glanz an und erinnerten Perthes durch ihren spöttischen Ausdruck an die von Alice.

Mit der Freiheit des großen Mannes liebte es Hupfeld, die Themen des Gesprächs unvermittelt zu wechseln. Er gefiel sich in einer klassischen Vielseitigkeit. Im Hinblick auf Perthes' mannigfaltigen Studiengang sprach er davon, daß er selbst eigentlich hätte Botaniker werden sollen und wollen. Dabei gab er seinem Talent zur Rede nach und setzte die Worte mit der sinnlichen Selbstgefälligkeit eines Juweliers, der die Perlen seines Geschmeides einzeln durch die Finger gleiten läßt. „Ich habe mir, wie Sie sich vielleicht schon überzeugten, die Vorliebe für die Pflanzenwelt gewahrt.” Er deutete mit einer Bewegung der molluskenhaften Hand in der Richtung des Gartens. „Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen nachher im Gewächshaus meine bescheidene, aber ich darf wohl sagen erlesene Sammlung von Orchideen zeigen. — Wissen Sie denn übrigens, daß Sie hier in Nieburg auf klassisch geweihtem Boden weilen?”

Perthes schüttelte verneinend den Kopf.

„Es ist verbürgte Tatsache,” erklärte Hupfeld, indem er sich noch hoheitsvoller in seinem grünen Polsterstuhl zur Schau setzte und die berühmte Hand mit leichten Bewegungen seine Worte begleiten ließ, „daß in diesen Räumen Goethe im Jahre 1793, auf der Rückreise von der Belagerung von Mainz verweilte. Sein erlauchter Geist trifft sich mit meinem bescheideneren in der Liebe für die Pflanzen und für die Kunst des Mittelalters. Das macht mir den Aufenthalt hier besonders lieb und bedeutungsvoll. Auch die Gebrüder Boisserée sind hier öfters zu Gast gewesen. Wenn der gute Wille genügte, etwas von der Universalität jener Zeiten und jener Geister sich zu eigen zu machen, und wenn man Zeit hätte —” Der Geheime Rat vollendete seinen vielsagenden Satz nicht, sondern ließ ihn in einem tiefsinnigen Schweigen stecken. Vielleicht, um Perthes Gelegenheit zu geben, ein naheliegendes Kompliment einzuflechten; vielleicht auch nur, um den versteckten Vergleich mit Goethe in dem Zuhörer — oder vielmehr in dem Zuschauer — äußerlich nachwirken zu lassen.

Perthes besaß leider gar keinen Sinn weder für Schmeicheleien noch für klassische Vergleiche. Es bereitete ihm im Gegenteil ein heimliches Vergnügen, Exzellenz zu enttäuschen. Nachdem er sich ungefähr so viel Zeit gelassen hatte, als nötig war, um die Bartlocken der gewaltigen Büste des Zeus von Otricoli zu zählen, die auf einem Postament in der Ecke hinter dem Schreibtisch stand — also nach einer sehr respektvollen Pause —, hub er plötzlich an, von einem klinischen Fall zu sprechen. „Haben Exzellenz gehört, daß die Operation von Miß Read — es handelte sich um Ileus strang...”

„Ja — ja! Natürlich!” fuhr Hupfeld aus seinem Nachsinnen zerstreut auf. „Die Sache ist sehr interessant! Sehr interessant! Wir sprechen nachher noch davon. Für jetzt darf ich Sie nicht länger unseren Damen vorenthalten.” Er erhob sich etwas jäh. „Bitte!” Er deutete wieder in seiner befehlenden Art nach der rückwärtigen Tür. Mit der Zuvorkommenheit eines Fürsten ließ er seinen Gast voranschreiten. Sie durchschritten zuerst die eigentliche Bibliothek, einen sehr stimmungsvollen Raum mit Tausenden von Bänden auf hohen, geschnitzten Regalen.

„Ich habe meine paar belletristischen und kunsthistorischen Bücher von den fachwissenschaftlichen getrennt und hier untergebracht,” erläuterte der Geheime Rat im Vorbeigehen.

Von da traten sie in das Speisezimmer.

Wenn Perthes Muße gehabt hätte, den „Saal” genau in Augenschein zu nehmen, würde er ihm seine Anerkennung nicht versagt haben. Die kolossalen Brabanter Schränke, die gegen eine Tapete von blaßroter Seide standen, das wundervolle Barockgestühl, die gravitätischen Ahnenbilder an den Wänden im Verein mit Teppichen, Truhen und kostbaren Behängen zeugten von Geschmack. So aber mußte er sich vor allen Dingen in einer der tiefen Fensternischen der Dame des Hauses vorstellen lassen.

„Mein neuer Assistent, Herr Doktor Perthes,” führte ihn Hupfeld wohlwollend ein.

Die weibliche Exzellenz, eine kleine, lebhafte Dame von rosiger Gesichtsfarbe und einem kindlichen Ausdruck von Daseinsfreudigkeit auf den wulstigen Lippen und in den schwimmenden Äugelchen, reckte ihre etwas schwerfällige Figur freundlich im Stuhl in die Höhe, nickte dreimal mit dem Kopf und gab Perthes die Hand. „Es ist schwül. Glauben Sie, daß wir ein Unwetter bekommen werden? Ich frage heute jedermann, ob wir heute ein Gewitter bekommen werden. Ich bin nämlich sehr ängstlich. Sehr, sehr ängstlich!” Sie bekräftigte ihre Gewitterfurcht mit einem hohen, kindlichen Lachen. „Wie meinen Sie?” fragte sie dann dringend, die Hand an ihr schwerhöriges Ohr haltend.

Perthes, etwas betroffen von diesem Willkommgruß, der in seiner Naivität peinlich war, faßte sich so schnell wie möglich. „Ich glaube nicht, daß wir ein Gewitter haben werden,” antwortete er höflich.

„Hörst du, Moritz,” wandte sich Frau Hupfeld triumphierend an den hinter ihrem Sessel stehenden, blutjungen Leutnant, „Doktor Pätel — hieß er nicht so, Papa?”

„Doktor Perthes,” korrigierte der Geheime Rat mit einer Deutlichkeit, die zugleich zuvorkommend und entschuldigend klang.

„Na ja — Doktor Pätel glaubt auch nicht an ein Gewitter, Moritz!”

Der Leutnant, ein zierlicher, hübscher Junge mit harmlosem, frischem Kindergesicht, zuckte die Achseln. „Willst du mich, bitte, vorstellen, Papa?” bat er den Geheimen Rat.

„Natürlich — ich bitte um Verzeihung! Mein Sohn, Leutnant Moritz Hupfeld. Und hier —” Er winkte nach dem Fenster, wo ein junges Mädchen ohne Teilnahme für das, was vorging, hinausschaute. „Komm mal her, Hilla! — Die Tochter meines Bruders, des Obersten Hupfeld in Straßburg,” erläuterte Exzellenz.

Das junge Mädchen fand es nicht der Mühe wert, näherzutreten. Sie erwiderte, sich langsam umwendend, Perthes' Verbeugung mit einem halben Blick und ziemlich schnippischem Kopfnicken. „Weißt du, Onkel, ihr müßtet in den ollen, langweiligen Garten da mal 'ne Fontäne oder so was 'reinsetzen,” schloß sie ihre viel wichtigeren Fensterstudien.

„Nein! Um Gottes willen! Wo denkst du hin, Kind? Eine Fontäne?” jammerte Frau Hupfeld erschrocken. „Das ewige Plätschern kann einen ja schwermütig machen!”

„Sei ohne Sorge,” legte sich Hupfeld ins Mittel, „ich liebe keine Wasserkünste!” Er bewahrte inmitten dieser reichlich albernen Unterhaltung die herablassende Würde seiner Größe.

„Cousine Hilla hat nu mal eine Vorliebe für große silberne Glaskugeln, Goldfische und Terrakottazwerge, die unter Pilzen sitzen,” hänselte der Leutnant, während er mit Perthes einen Blick gegenseitigen Wohlgefallens wechselte.

„Pfui, Moritz!” wehrte sich Hilla entrüstet und geruhte dabei, sich zu nähern und ihre nichtssagend hübsche Larve mit schmachtendem Tadel ihrem Vetter zuzuwenden. „Sind Sie der Doktor, der so gut Tennis spielt?” wandte sie sich dann plötzlich mit der vorlauten Selbstverständlichkeit eines verzogenen Backfisches an Perthes.

„Woher wissen Sie das, gnädiges Fräulein?” fragte Perthes trocken zurück, während er auf das schmale Persönchen kühl heruntersah.

„Von Alice natürlich!”

„Alice!” nahm Hupfeld das Wort. „Wo steckt denn Alli? Wir werden uns ohne sie zu Tisch setzen. Entschuldigen Sie, mein lieber Doktor! Meine Tochter lebt in einem beständigen Krieg mit unserer Hausordnung,” ergänzte er halb stolz, halb tadelnd, während er seiner Frau artig den Arm bot.

„Dem armen Kinde wird doch nichts zugestoßen sein?” meinte Frau Hupfeld ängstlich.

„I wo, Mama!” lachte der Leutnant. „Das wäre das erstemal. So was verdirbt nicht!”

„Ich sah sie vor einer Viertelstunde von meinem Zimmer aus in den Park laufen,” bemerkte Cousine Hilla. Sie hängte sich dabei an den Arm ihres Vetters, der sie höflich dem Gast hatte überlassen wollen. Mit Zivilisten ging sie nur in Ermangelung wirklicher Menschen zu Tisch.

Perthes, dem offenbar ursprünglich Alice als Tischnachbarin zugedacht war, mußte sich seinen Platz allein suchen.

Er ergab sich in sein Los. Kam er sich doch unter diesen fremden Menschen so gelangweilt und unbehaglich vor, daß er froh war, sitzen und essen zu dürfen.

Exzellenz hielt bei der Suppe einen kleinen Vortrag über altes Porzellan, von dem er eine Sammlung anzulegen beabsichtigte. Es genügte, verständnisvoll zu lächeln, was übrigens nur Perthes tat. Frau Hupfeld teilte einstweilen ihre ganze Aufmerksamkeit zwischen einem harmlos-fröhlichen Appetit und der erneuten Sorge um das Wetter, das zu beobachten sie dem aufwartenden Diener in geheimnisvollem Ton sehr dringlich einschärfte. Hilla machte ihrem Vetter Leutnant ungeniert den Hof, ohne der Weisheit ihres großen Onkels die geringste Beachtung zu schenken.

Der weißbehandschuhte Diener hatte schon den zweiten Gang serviert und einen Flüsterwein eingegossen, als die Tür zum Saal aufgerissen wurde und Alice hereinstürmte.

„Denkt euch, Kinder —”

„Meine Nerven! Meine Nerven!” klagte erschrocken die Geheime Rätin.

„Der Gärtner hat in der Raubtierfalle einen richtigen Iltis gefangen! Ich hab' ihn mir angesehen! Eine Mama, die Junge erwartet!”

Alice reichte dem Doktor während ihres zoologischen Berichts sehr obenhin die Hand und setzte sich zwischen ihn und ihren Bruder.

„Wie schrecklich!” ließ sich Frau Hupfeld, ihre Nerven vergessend, neugierig vernehmen. „Was hat er gefangen? einen Tiflis?” Umfassende Bildung gehörte nicht zu Mama Hupfelds Vorzügen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen — aus Hupfelds weniger berühmter Zeit — und ihre Impromptus waren das Entsetzen von Exzellenz.

„Einen Iltis!” kicherte Alice. „Und zwar —” wollte sie mit überlauter Deutlichkeit fortfahren.

„Mein Liebling,” unterbrach sie der Geheime Rat mit einer Entschiedenheit, die zugleich bestimmt war, Iltis und Tiflis zu bedecken, „ich schätze die Natürlichkeit. Das weißt du. Aber sie darf nicht degoutant sein.”

„Auch meine Meinung. Besonders bei Damen!” bekräftigte Leutnant Moritz die väterlichen Worte.

„Da hab' ich mich ja wieder mal nett in die Nesseln eurer Prüderie gesetzt!” Alice sah mit verschmitztem Lachen von einem zum anderen.

„Wohin hat sie sich gesetzt?” fragte mit unerschüttertem Wissensdrang Frau Hupfeld.

„Mich mußt du ausnehmen, Alli,” erklärte voll schwärmender Bewunderung Cousine Hilla. „Ich finde deine Natürlichkeit furchtbar schick! Ich wollte, ich wäre auch so vorurteilslos.”

„Das fehlte noch!” brummte der Leutnant.

„Steht nur Ihr Urteil aus, Herr Doktor Perthes!” wandte sich Alice mit einer Verbeugung an ihren Nachbar. „Dann kann über mich richtig abgestimmt werden!”

Perthes, obwohl nichts weniger als entzückt von dieser Aufforderung, begegnete dem spitzbübischen Zwinkern ihrer Augen mit einem ruhigen Blick. „Wenn Sie darauf Wert legen, gnädiges Fräulein —”

„Und ob!”

„Ich schätze Natürlichkeit. Bei Damen sogar besonders. Sie wird da nur leicht Manier. Und hebt sich so wieder selbst auf.”

„Sehr gut!” nickte zustimmend der Geheime Rat. „Sehr gut, lieber Perthes!” wiederholte er noch einmal, nachdem er mit vorgeschobenen Kennerlippen an seinem Weinglase genippt hatte.

„Das heiß' ich 'ne schlanke Abfuhr — wie, Allichen?” schmunzelte der Leutnant vergnügt.

„Mir ist das zu hoch!” meinte mit patziger Geringschätzung Cousine Hilla.

Alli selbst kniff die Augen zusammen wie beim Tennisspiel, wenn sie berechnen wollte, wie sie den Ball am besten zurückschlüge. Es lag in dem halboffenen Blick etwas Lauerndes, das die Freude an gefangenem Raubzeug, wie einem Iltis, erklärlich machte. Im nächsten Augenblick lachte sie. Es war dieses helle, kurze, aufreizende Lachen, das Perthes kannte.

Der Diener hatte eben begonnen, neue Schüsseln zu reichen. Den Schleien folgten römische Poularden. Alice hatte den Kopf mit dem rötlichen Haargewirr über die Lehne zurückgeworfen. Die gelenkige Gestalt in dem eng anliegenden, blauen Foulardkleid schüttelte sich leicht, als gelte es, ein paar Tropfen von der milchweißen Haut des Halses und der Arme absprühen zu lassen. Dann bog sie sich blitzschnell ganz nahe an Perthes heran. „Es ist doch so, daß hinter dem Räubergesicht ein ganz ehrsamer Philister sitzt, nicht?” tuschelte sie ihm mit boshafter Hast zu.

Er wollte ihr erwidern. Aber ebenso geschwind hatte sie sich von ihm weggewandt und drehte ihm halb den Rücken. Sie sprach mit Hilla und ihrem Bruder. Während des Restes der Mahlzeit behandelte sie ihn als Luft. Ein Verfahren, das ihn, wie er sich selber vorsagte, höchst kalt ließ, aber seine Behaglichkeit im Hause Hupfeld nicht erhöhte. Er wünschte sich über alle Berge. Oder doch zum mindesten einen halben Kilometer talwärts in die Sägemühle. Die ungewohnte Atmosphäre, die ihn umgab, bedrückte ihn: dieser „große Mann” mit seiner preziösen Redeweise und seiner hohlen, posierten Majestät; diese vielleicht gutmütige und natürliche, aber immer nur mit sich selbst beschäftigte, rosig-dicke Frau Exzellenz; Fräulein Hilla, die ihre Dummheit durch die doppelte Portion Hochmut und Dreistigkeit wettzumachen suchte, und Alice — wie ihm das alles zuwider war! Samt dem altertümlichen, schwerfälligen, überstilvollen Luxus! Samt dem tadellosen Diner auf Wedgwoodporzellan und den Flüsterweinen und dem schleichenden Lakaien mit den weißen Handschuhen! Er war kein Feind von Reichtum und Geist und Geschmack; aber er hätte gern einmal laut fluchen oder eins der hohen Fenster aufreißen und einen Strom noch so heißer Sommerluft hereinströmen lassen mögen — um sich selber wiederzuerkennen und freizumachen!

Man näherte sich dem Dessert.

Der Leutnant brachte, Gott sei Dank, etwas Zug in die Unterhaltung. Er erzählte von Ballonfahrten, die er von Freiburg aus, wo er in Garnison stand, unternommen. Besonders von einem Ausflug nach Straßburg, wo sie kurz vor dem Ziel, in Kehl, die Reißleine ziehen mußten und um ein Haar im Rhein gelandet wären.

„Wo war das, Moritz?” fragte Frau Hupfeld, die die Hand am Ohr mit allen Zeichen des Gruselns der halsbrecherischen Schilderung zu folgen versuchte.

„In Kehl, Mama,” lautete der bereitwillige Bescheid.

„In Kiel?” wiederholte die alte Dame mit Staunen. „Ich wußte gar nicht, daß Kiel so nahe bei Straßburg liegt. Ich dachte immer —”

Diesmal brach die Heiterkeit über Mama Hupfelds durch keine Sachkenntnis getrübte Geographie so elementar und laut hervor, daß der Geheime Rat sie nicht durch eine ableitende Bemerkung aufhalten konnte. Seine kleine, dicke Frau schloß sich der Fröhlichkeit so unbefangen an, wie wenn sie nichts anderes beabsichtigt hätte, als ein Bonmot zum besten zu geben. Zu allem Unheil pflanzte sich eben jetzt der Diener in steifer Positur hinter ihrem Stuhl auf, offenbar um ihr eine unaufschiebbare Meldung zu machen.

„Was gibt's, Karl?” fragte sie besorgt, als der Beifall, den sie unfreiwillig entfesselt hatte, sich legte.

„Exzellenz, im Süden zieht ein Gewitter herauf!” meldete der Diener mit der Feierlichkeit eines spanischen Granden.

„Allmächtiger!” entfuhr es dem Leutnant in komischer Verzweiflung.

Frau Hupfeld schnellte mit allen Zeichen der Angst von ihrem Sitz in die Höhe. „Oh — was Sie sagen, Karl!” stammelte sie. Sie sah wirklich bemitleidenswert aus.

Cousine Hilla biß auf ihre Serviette, um nicht von neuem herauszulachen. Alice schnitt eine Grimasse. Perthes fixierte standhaft den zierlichen Rand seines Tellers, denn wenn er bis jetzt als Gast des Hauses seinen Lachmuskeln eine peinliche Reserve auferlegt hatte, diese im Ton einer antiken Schicksalsverkündigung vorgetragene Gewittermeldung drohte seine Kraft zu übersteigen.

Der Geheime Rat blieb ernst. „Es wird ja so schlimm nicht sein!” redete er begütigend seiner Frau zu.

Aber für Frau Hupfeld gab es, nachdem sie sich vom ersten Entsetzen erholt, kein Halten. „Herr Doktor Pätel — Sie müssen mich entschuldigen — ich kann nun mal nichts dafür!” erklärte sie mit hastiger Verlegenheit. „Nein — und ich wollte noch von der wundervollen Ananas essen! Stellen Sie sie für mich zurück, Karl! Und Annette soll auf mein Zimmer kommen. Sie muß mir die Laden schließen. Johann auch!”

Schon war sie, ihre beleibte kleine Person mit erstaunlicher Elastizität vorwärtsschiebend, aus dem Saal geflohen, um in ihrem Schlafzimmer unter Beihilfe der verfügbaren Dienstboten die nötigen verdunkelnden Vorbereitungen zu treffen.

Das Gleichgewicht der Tafel war gestört.

Exzellenz — seine Verstimmung in eine gesteigerte, über die Kleinigkeiten des Tages erhabene Hoheit hüllend — hielt es für angebracht, die Mahlzeit nicht mehr über Gebühr zu verlängern.

Er stand denn auch bald auf und gab so das Zeichen der Befreiung vom Tischzwang. Die Herren begaben sich in die Bibliothek. Während der Leutnant den mit Silber eingelegten Zigarrenschrank herbeiholte und Perthes mit den unterschiedlichen Vorzügen der Importen bekannt machte, zog Hupfeld sich stillschweigend zu einer kleinen Mittagsruhe zurück.

Alice und Hilla traten unter die Tür der Bibliothek.

„Hilla will mal meine Iltismama besehen. Kommst du mit, Säbelmännchen?” Alice richtete ihre Aufforderung absichtlich nur an ihren Bruder, als existierte Perthes gar nicht.

„Das hängt von Herrn Doktor Perthes ab,” erwiderte der Leutnant, den Zug seiner Zigarre prüfend.

„Bah — es fragt sich sehr, ob wir Herrn Perthes nach der famosen ‚Abfuhr‛ an Alli überhaupt noch dazu einladen!” erklärte Fräulein Hilla mit schnippischer Promptheit.

„Dann müßt ihr auf meine Gesellschaft auch verzichten, Hillchen!” gab Leutnant Moritz ritterlich zurück.

Alice maß Perthes über ihre Schulter weg mit dem ihr eigenen Blick vom Fuß zum Kopf.

„Bitte sehr, sich durch mich nicht bestimmen zu lassen. Unser Tierpark im Bakteriologischen Institut war so reichhaltig, und ich bin so froh, ihn los zu sein, daß ich auf Iltismütter keinen besonderen Wert lege.” Perthes sprach mit aller ihm zu Gebot stehenden Gelassenheit, ohne Alices Blick zu vermeiden. Dabei mußte er allerdings die zartgewickelte Zigarre beinahe zwischen seinen Fingern zerdrücken, so sehr reizte ihn Alices Benehmen.

„Stolz lieb' ich den Spanier!” bemerkte sie leichthin; aber ihre Mundwinkel zuckten mehr nervös als spöttisch, und ihre Absätze klappten stärker auf den Boden, als nötig war. Seine Sprödigkeit machte sie kampflüstern. Sie wäre jetzt am liebsten dageblieben, um es gleich darauf ankommen zu lassen, wer Sieger blieb. Doch Hilla zog sie energisch aus der Tür.

„Hat dein Papa immer so verdrehte Assistenten?” fragte die Cousine laut genug, daß man es noch in der Bibliothek hören konnte.

„Schweig! Das verstehst du nicht!” herrschte Alice sie an.

Hilla sah ihr ganz betroffen in die funkelnden Augen.

„Er ist ein feiner Junge, sag' ich dir!” Alice wollte hinzusetzen: Gerade, weil er so widerhaarig tut! Aber sie behielt diesen Nachsatz für sich und pfiff dafür auf dem Weg zum Park leise vor sich hin — so bedeutungsvoll, wie nur junge Damen pfeifen können ...

Nach einigen Minuten gingen Perthes und Leutnant Hupfeld auf eigene Faust ins Freie.

Sie hatten beide Gefallen aneinander gefunden. Der aufgeweckte junge Offizier, der nach den besten Eigenschaften seiner Mutter geraten zu sein schien, traf sich mit Perthes im Interesse für den Luftsport. Der Leutnant hatte in Berlin und auch in Paris Flugversuche gesehen, von denen er sehr anschaulich zu plaudern wußte. Nachher erzählte er von Freiburg und von winterlichen Skitouren im Schwarzwald. —

Sei es, daß die Iltismama an Reiz eingebüßt hatte, sei es, daß Cousine Hilla Sehnsucht nach Vetter Moritz bekam — die jungen Damen kehrten auffallend schnell von ihrer Raubtierbesichtigung zurück.

Man setzte sich in den Schatten unter eine breitästige Eiche.

Der Diener kam mit einem Klapptisch, mit Mokka und einer Batterie von Likören aus dem Hause.

Alice hatte sich, wie die beiden Herren, einen Curaçao eingießen lassen. Sie näherte sich Perthes mit der Miene einer frommen Helene. „Wollen wir uns wieder vertragen, Doktor?” Sie hielt ihm den kleinen Finger hin, um mit ihm anzustoßen.

„Ich bin mir nicht bewußt, daß —”

„Nun machen Sie gefälligst nicht wieder Geschichten! Wollen Sie — oder wollen Sie nicht?”

Perthes gab sich zufrieden, tippte an ihren Finger, und sie tranken sich zu.

Während Hilla den Leutnant mit Beschlag belegte und entführte, setzte sich Alice neben Perthes auf die Bank unter der Eiche. Sie stemmte sich mit den Händen rechts und links gegen den Sitz und ließ die Füße mit den hübschen, bronzefarbenen Schnallenschuhen und den blauseidenen durchbrochenen Strümpfen übereinandergleiten.

„Warum sagten Sie das mit der ‚manierierten Natürlichkeit‛, Doktor Perthes?” fragte sie nach einiger Zeit in nachdenklichem Ton, in die Betrachtung ihrer Schuhspitzen scheinbar versunken.

„Weil es meine Meinung war und Sie mich darum fragten,” entgegnete er.

„Ich glaube, Sie haben greulich viel an mir auszusetzen!” fuhr sie in derselben Weise fort.

„Das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit!” Er lehnte den Kopf gegen den Stamm der Eiche und blies den Rauch seiner Zigarre in nervösen Zügen über sich. Er vermied es, sie anzusehen.

„Man muß wohl hausbackener sein, um Ihnen zu gefallen?” Sie streifte ihn mit einem halben Blick. Der gutsitzende, elegante Gesellschaftsanzug stand in anziehendem Gegensatz zu der naturhaft gebräunten Farbe seines Gesichts und seiner Hände.

„Ich dachte, wir hätten auf Versöhnung angestoßen,” meinte er. „Aber Sie —”

„Natürlich, das schließt doch nicht aus, daß ich mich mit Ihnen ein bißchen kabble. Ich kabble mich immer mit Menschen, die mir gefallen!” Sie sah ihn jetzt mit dem Schalksgesicht voll an. Ihre Augen flirrten keck unter der weißen Stirn und dem rötlichen, vorgebauschten Haar, während die Zungenspitze über die Lippen spielte.

Perthes warf seine Zigarre fort und streckte sich unbehaglich. „Davon halt' ich nicht viel. Vom Kabbeln nämlich. Ich bin nicht sonderlich geschickt dazu und gerate leicht vom Hänseln ins Hauen!” Seine Hand, die er mit dem Rücken vor die Stirn geschoben, schloß und öffnete sich instinktiv. Ohne daß er sich dessen bewußt war, gab diese Bewegung seine geteilte Empfindung für Alice wieder, die sich durch dies Tete-a-tete steigerte: er hätte sie gleichzeitig leidenschaftlich an sich reißen und von sich stoßen mögen.

„Oho! Das klingt ja ordentlich gefährlich!” lachte sie belustigt. „Sie überschätzen am Ende doch Ihr Temperament, Doktor!” setzte sie mit herausforderndem Spott hinzu. Sie hatte gar nicht im Sinn, ihre „kabbelnde” Taktik ihm gegenüber einzustellen. Im Gegenteil, es machte ihr Vergnügen, die spröde Zurückhaltung, die er zur Schau trug, den Philister, wie sie es nannte, mit seiner Reizbarkeit in Widerstreit zu bringen. Sie tat das ohne Berechnung. Dafür war sie viel zu sehr ein Geschöpf der Laune. Es war vielmehr die Neugierde: es lockte sie, herauszubekommen, ob die Reibung zwischen seiner Sprödigkeit und seinem Temperament kein Feuer geben könnte.

Das Gewitter aus Süden, das Frau Hupfeld von der Tafel aufgeschreckt hatte, war recht zögernd aufgezogen. Erst jetzt holten seine Wolken die Sonne ein. Ein greller, silberner Rand schied das Blau und das Grau des Himmels. Das Licht auf dem langgestreckten, eintönigen Rücken des Hauses schwand. Die Schatten unter der Eiche wurden beinahe finster. Der Donner murrte dumpf und nah.

„Das scheint ja doch noch ernst zu werden,” lenkte Perthes das Gespräch ab.

„Sie sind doch nicht auch gewitterscheu wie Mama?”

„Das müssen Sie mir ja ansehen, gnädiges Fräulein!”

„Wenn Sie wünschen, zeige ich Ihnen mal die Kapelle. Papa würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie nicht dort gewesen wären!” Alice war aufgestanden. Sie schlang die Hände hinter ihrem Kopf ineinander und dehnte sich. „Wollen Sie? Wenn Ihnen die Besichtigung mit mir allein zu langweilig ist, können wir noch Moritz und Hilla rufen.”

„Ihre Gesellschaft genügt mir.”

„Danke! Ich nehme das für ein mißratenes Kompliment.” Sie neigte übertrieben-höflich den Kopf und ging dann voraus.

Alice nahm sich Zeit und führte Perthes auf einem Umweg quer durch den Park. Sie lief, und er blieb trotz seiner großen Schritte immer hinter ihr.

„Sie haben Bergtouren gemacht?” begann er von sich aus die Unterhaltung wieder.

„Ach — es war recht mäßig dieses Jahr!” gab sie gleichgültig zurück. „Das Wetter war zu unbeständig.”

„Mit wem waren Sie denn zusammen?”

„Mit mir und mit dem Führer!”

„Nur mit dem Führer?”

„Warum denn nicht?” Sie drehte sich flüchtig nach ihm zurück. „Ich finde das viel aparter und origineller, als wenn Moritz oder sonstwer mich immer als Dame schont und bemuttert!”

Perthes wollte Genaueres von ihren Touren hören, aber sie schien dazu heute nicht aufgelegt. Seine Augen ruhten auf ihrer leichten, schlanken Gestalt. Durch ständiges Trainieren, Gymnastik und Sport hielt sie ihre Formen in gefälliger, sehniger Schmalheit. Die Schultern, die Arme und Hüften waren, für sich betrachtet, überschlank; aber ihre Art, sich zu bewegen, fest und geschmeidig zugleich, gab dem Körper eine reizvolle Harmonie, die nichts Eckiges oder Spitzes aufkommen ließ. Beim Gehen schien sie nie mit dem Absatz den Boden zu berühren. Dabei war ihr Gang weder schwebend noch geziert, sondern von jener kecken Freiheit, die zu dem spöttelnden Leichtsinn ihres ganzen Wesens paßte. Es war ein und dasselbe sinnliche Geheimnis in ihrer Erscheinung, in ihrem Lachen, in ihrem boshaften Geplauder; ein Geheimnis, gegen das seine Vernunft und Geradheit sich wehrten, und das doch, ohne daß er es sich gestand, ihn nicht losließ.

Sie zeigte ihm mit flüchtigen Bemerkungen, die sie über die Schulter warf, die Sehenswürdigkeiten des Parks. Da war ein Gedenkstein vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts, eine girlandenumwundene, mit einer Opferschale gekrönte Säule, moosig bezogen und mit einer Inschrift versehen, die kein Mensch lesen konnte. Der Geheime Rat behauptete fest und steif, es sei eine Erinnerung an Goethes Besuch auf dem Stift. Dann brüchiges, efeuüberwuchertes Gemäuer, verfallene Stufen, die in die Tiefe führten, wo eine Quelle rieselte. Weiterhin ein halber Turm aus verwittertem Sandstein, den Exzellenz, allerdings selbst mit einer gewissen Skepsis, für den Rest eines Burgfrieds aus Raubritterzeiten erklärt hatte. Ein verträumter Teich, über und über mit Wasserlinsen bedeckt; eine romantische Grotte, die zur Schatzgräberei ermutigte, ein ... Doch da klatschte es schon derb auf das hohe Blätterdach der Bäume und fuhr mit scharfen, silbernen Fäden durch die Zweige. Der Regen brach los.

„Wer zuerst an der Kapelle ist!” rief Alice mit ausgelassenem Gelächter.

Sie raffte leicht ihr Kleid und stürmte vorwärts, ohne den Weg einzuhalten, quer durch Gras und Gebüsch.

Perthes, weniger durch diese Aufforderung als durch den niederfahrenden Regen bestimmt, setzte ihr nach. Kurz vor der niederen Bogentür der Kapelle, die fast märchenhaft hinter den tiefhängenden Ästen auftauchte, überholte er sie. Alice schoß in vollem Lauf hinterdrein und prallte mit dem Gewicht ihres Körpers gegen ihn. Die alte morsche Tür hielt der doppelten Last nicht stand, sondern knarrte aus dem Schloß. Eins am andern Halt suchend, gelangten sie mehr im Fall als im Schritt in den dämmrigen Raum. Ihre erhitzten Gesichter sahen sich verdutzt und lachend an.

Die hohen bunten Glasfenster waren mit Sonnenvorhängen gedeckt, so daß es beinahe finster in der Kapelle war. Sie war möglichst als Gotteshaus erhalten. Ein Hochaltar aus der Kölner Schule — die süßliche Madonna in der Mitte, rechts und links auf den Flügeln die knienden Stifter —, Sanktuarium, Lesepult und Kerzen davor, traten, von einem Streiflicht getroffen, aus dem Dunkel der kleinen Apsis. Alice zog einen der Vorhänge auseinander. Man erkannte jetzt leidlich die geschnitzten Chorstühle an den Wänden, Bilder der Stationen Christi, die blanken Pfeifen einer kleinen Orgel auf der rückwärtigen Empore. Das halbe Gewitterlicht von draußen gab eine fahle, wunderliche Stimmung.

Geschmackvolle Schränke zwischen den Chorstühlen und glasüberbaute Tische, die an Stelle der Bänke das Kapellenschiff füllten, enthielten die Sammlung des Geheimen Rats: Meßgewänder und Schmuckstücke aus dem späten Mittelalter, Gemmen und Münzen aus der Antike, Handschriften aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.

Auch wenn sie besser zu sehen gewesen wären — Perthes hätte jetzt kaum zu einer näheren Besichtigung Lust gehabt. Er lehnte schweigend an einem der Pfeiler und begnügte sich, die ruhige Gesamtheit der kleinen Kirche und ihre Kühle auf sich wirken zu lassen. Der Regen prasselte an die Scheiben, und der Sturm brauste draußen in den mächtigen Bäumen.

Alices unfromme Stimme weckte ihn schnell. „Als Säulenheiliger sehen Sie wirklich nicht gut aus, Doktor!” klang es von der Höhe der Orgelempore hallend zu ihm herunter. „Kommen Sie lieber zu mir herauf und helfen Sie mir!”

Perthes entdeckte nicht ohne Mühe die schmale Stiege, die sie emporgeklettert war, und folgte ihr. Sie krachte bedenklich unter seinen Tritten.

Alice stand hinter der verstaubten Orgel und wirtschaftete an einer hohen Leiter.

„Wobei soll ich Ihnen helfen?” fragte er mit leisem Argwohn.

Sie deutete über sich.

Man sah über die Dachsparren durch in den engen Turm, in dem zu oberst ein oder zwei Balken querliefen, die wohl früher eine Glocke getragen hatten.

„Ich möchte mir von da oben mal das Unwetter ansehen!”

„Aber das ist ja Unsinn!” entfuhr es Perthes. „Da kommen wir nicht hinauf. Oben an der Leiter fehlen Sprossen, und weiter hinauf sehe ich überhaupt keine Möglichkeit, hochzukommen. Überdies wackelt das ganze Ding hier!” Er schüttelte mit seinen Händen die gar nicht einladende Leiter.

„Das hätte ich mir denken können, daß Sie für so was nicht zu haben sind! Aber ich will da hinauf, hören Sie! Wenn ich mir den Hals breche, sind Sie schuld, der Sie mir nicht behilflich sein wollen!” Sie stieg entschlossen auf die erste Sprosse. „Ich brauche Sie gar nicht!”

„Das erlaub' ich nicht!” Perthes faßte zornig und besorgt ihre Hand.

„Wollen Sie mich loslassen. Mit Ihrem Bärengriff! Erlauben! Was haben Sie zu erlauben!?”

„Seien sie nicht so eigensinnig, Fräulein Alice.” Zum erstenmal brauchte er in der Erregung ihren Vornamen.

„Jetzt erst recht! Ich bin nicht so ängstlich um mein bißchen Leben besorgt wie Sie um Ihren schönen Gehrock, Doktor — der —”

Mit einem Satz war Perthes neben ihr und drängte sie knirschend beiseite.

„Sie Barbar!”

Er klomm behend aufwärts und sie mit leisem, befriedigtem Lachen hinter ihm drein. Sie hatte seinen Mut und seine Entschlossenheit in Frage gezogen, und er war unbesonnen genug, sich das nicht zweimal sagen zu lassen. Wie ein großer, bravoursüchtiger Junge kletterte er hoch und höher. Wo die Sprossen fehlten, streckte er ihr ohne ein Wort befehlend Hand und Arm zu, um ihr zu helfen, und sie zog sich geschickt an ihm empor.

Es war eine waghalsige Torheit, wie er richtig vorhergesagt hatte.

Über der Leiter waren eiserne Krampen ins Fachwerk geschlagen, die zur Not als Stufen dienen konnten.

Er hatte es aufgegeben, noch einmal gegen Alices Wagemut vorstellig zu werden. Er wußte, daß er sie damit nur um so trotziger machen würde. Ganz nur mit dem gefährlichen Aufstieg beschäftigt, vergaß er jede Bedenklichkeit: er schlug seinen Arm hinter ihren Rücken; halb zog, halb hob er sie weiter, und ihr geschmeidiger, leichter Körper schmiegte sich ohne Scheu an den seinen.

Dort, wo der Turm, ein richtiger Dachreiter, sich gegen das Dach absetzte, war eine schmale Galerie, in der sie, gegen die Wand gelehnt, einen Augenblick Seite an Seite veratmen konnten. Wenn er sich auf die Fußspitzen erhob, streifte er mit den Händen an das Glockengerüst. Er suchte es auf seine Festigkeit zu prüfen. Es war stark genug, um zwei Menschen zu tragen, und saß fest im Gemäuer. Die Balken, einer etwas höher als der andere, aber in gleicher Richtung, bildeten eine notdürftige Bank.

Perthes schwang sich hinauf. Mit dem einen Arm hielt er sich, mit dem anderen half er Alice und setzte sie mit einer letzten, ruckhaften Anstrengung neben sich — fast leidenschaftlich-heftig, wie ein unartiges Kind, das in Teufels Namen seinen Willen haben muß.

„Wenn Sie nicht so grob zufaßten, würden Sie einen ganz guten Bergführer abgeben!” stieß sie aufatmend hervor.

„Chirurgen haben bekanntlich immer harte Hände,” spottete er ingrimmig. „Fassen Sie die Planke da gefälligst fester,” kommandierte er, „sonst segeln wir in die Tiefe.”

„Sie sind ja ein netter Tyrann!” Alice sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und fast zärtlicher Bewunderung an. Sie saßen eng aneinandergedrängt; die Arme hatten sie sich wechselseitig hinter den Rücken legen müssen, um sicher zu sitzen. Ihre in der Anstrengung des Aufstiegs erglühten Gesichter berührten sich beinahe. Er spürte die losen Strähnen ihres zerzausten Haares auf seiner Wange.

„Wollen Sie nicht lieber, statt mich zu schelten, sich die Aussicht ansehen?” meinte er erregt.

Es war in der Tat schön da oben.

Durch die spinnwebverzierten Gucklöcher des Turmes übersah man flußaufwärts das Tal. Die Wolken hingen schwer und schwarz über den Tannenkuppen. Blitz auf Blitz zuckte daraus hervor und riß die verdunkelte Landschaft in grelles, phantastisches Licht. Der Donner rollte ferner. Aber der Wind wühlte noch immer in den Baumwipfeln, auf die man heruntersah, und der Regen fuhr in langen, glitzrigen Strichen nieder.

Das tosende Bild des Unwetters war nicht dazu angetan, Perthes ruhiger zu machen. Während er mit vom Staube brennenden Augen hinausstarrte, fühlte er, wie die warme Nähe von Alices biegsamem Körper seine Sinne gefangennahm und seine Widerstandskraft lähmte. Er vermied es krampfhaft, sie anzublicken. Sein herrisches, scharfes Wesen war die letzte Schanze, die er zwischen sich und ihr aufwarf und verteidigte.

„War das etwa nicht der Mühe wert, hier heraufzuklettern?” fragte sie nach einer Weile vorwurfsvoll. „Tun Sie nicht Abbitte, Doktor Perthes?” Sie beugte ihren Kopf vor, um ihm in das beharrlich geradeaus gerichtete, finstere Antlitz zu schauen. Die rotblonden Haare schienen wie kleine, zackige Blitze ihr Gesicht zu umzucken, und die flackernden, boshaften Augen suchten die seinen.

„Sie werden fallen! Halten Sie sich ruhig!” knirschte er. Mit der äußersten Anspannung seines Willens wich er ihrem Blick aus. Er wußte, daß er sie an sich reißen und küssen mußte, wenn sich seine Augen mit den ihrigen trafen — küssen wie ein Rasender. Ob sie dabei beide in Gefahr kamen, in die Tiefe zu stürzen, war ja dann vollends gleichgültig ...

„Ah — ich glaube, Sie fixieren da drüben die Sägemühle!” Ärgerlich glaubte Alice das Ziel seines starren Blicks entdeckt zu haben.

Perthes hatte bisher das rote Ziegeldach an der Krümmung des Flusses, zwischen windgepeitschten Baumkronen, noch gar nicht beachtet. Jetzt erkannte er es. Der Bann war gebrochen.

Der Gedanke an Marga stürmte schmerzlich, anklagend, bitter auf ihn ein und kühlte sein Blut ab.

„Steigen wir ab, gnädiges Fräulein. Es wird lange genug dauern. Halten Sie sich eine Sekunde fest. Mit beiden Händen. Hier und hier.” Er bedeutete ihr die beiden Stellen am höheren Glockenbalken. Dann ließ er sich am anderen auf die Galerie nieder und half ihr folgen.

Er hatte seine nüchterne Überlegung wieder.

Wo der Dachreiter auf dem Dache der Kapelle aufsaß, war eine gähnende Luke. Sie konnte auf den Dachboden führen. Vielleicht bot sich dort ein minder halsbrecherischer Weg. Ohne auf Alices Einwände zu hören, leitete er sie von der Galerie bis an die Luke. Dort kletterte er voraus und inspizierte das Terrain. Nach wenigen Augenblicken kam er zurück und hob sie zu sich auf den Boden. Sie tappten Hand in Hand, vorsichtig und stumm durch den dunklen Raum, wo sie eine Fledermaus aufscheuchten und Spinngewebe zerrissen. Eine im Vergleich mit der Leiter, an der sie hochgeklommen, bequeme Holztreppe führte vollends in die Tiefe. Der Abstieg war ein Kinderspiel gegenüber dem unsinnigen Aufstieg. In einer engen, völlig kahlen Kammer, die wohl als Sakristei zwischen Apsis und Schiff der Kapelle eingeklemmt war, gelangten sie auf ebener Erde an. Durch eine offene Tür kam man von dort hinter den Hochaltar und zurück in die Kapelle.

„Der Weg wäre einfacher gewesen!” bemerkte Perthes, nicht ohne Vorwurf.

„Ich wußte nicht, daß man vom Boden in den Turm steigen kann,” gab Alice frostig und einsilbig zurück.

Als sie unter das Tor der Kapelle traten, sah er auf die Uhr. Es war spät geworden. Beinahe sieben. „Höchste Zeit, daß ich mich verabschiede!” murmelte er heftig.

Sie schritten wortlos durch den Garten nach dem Haus. Der Regen hatte aufgehört. Es tropfte nur noch schwer und laut von den glänzenden Zweigen.

Im Flur klingelte Alice nach dem Diener. „Vielleicht wünschen Sie sich etwas ausbürsten zu lassen, Herr Doktor!” Sie musterte sein verstaubtes Äußere vom Fuß zum Kopf mit einem halben Lächeln, das er mit einem Blick auf ihr ziemlich mitgenommenes blaues Foulardkleid erwiderte. Dann ließ sie ihn stehen und ging die Treppe hinauf.

„Bitte, sagen Sie mir noch, gnädiges Fräulein, wo ich mich von Ihren Eltern verabschieden kann,” rief ihr Perthes nach.

„Seine Exzellenz, der Herr Geheime Rat, wurden in die Stadt gerufen. Ihre Exzellenz, die gnädige Frau, sind zu Bett gegangen,” meldete der hinzukommende Diener.

Alice war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben. „Na, denn adieu!” Sie nickte ihm zu und streckte die Hand lässig über das Geländer.

Perthes berührte sie leise und verbeugte sich. „Sie haben wohl die Güte, mich den Herrschaften dankend zu empfehlen. Auch Ihrem Herrn Bruder und Ihrer Fräulein Cousine.”

Fräulein Exzellenz war schon verschwunden ...

Perthes ließ sich von dem Diener, so gut es ging, den Anzug reinigen.

Zwei Minuten später trat er aus dem Haus. Er atmete auf und ging mit schnellen Schritten durch den Garten dem Tor zu. Als es zufiel und Stift Nieburg hinter ihm lag, war es ihm, als wäre eine Ewigkeit vergangen, seit er dort eingetreten war. Und doch waren nur wenige Stunden vergangen, seit er an derselben Stelle aus der Droschke gestiegen. Wie um einen gefährlichen Spuk, der kein Anrecht auf Wirklichkeit hatte, schleunig loszuwerden, lief er zur Landstraße hinunter. Flußaufwärts über den Bergen verzog sich das Gewitter mit aschgrauen und nachtschwarzen Wolken. Flußabwärts, der Ebene zu, blaute der Himmel wieder, und die Sonne zerriß das dünne, schleierhafte Gewölk. Ihre Strahlen drangen mutig vor und erreichten die Straße. Bis hinauf zur Mühle wagten sie sich, bewarfen das Ziegeldach und blitzten auf den nassen Blättern des Wirtsgartens. Die Rinnsale in den Wagenfurchen auf dem Fahrdamm, noch eben trostlos braun und schmutzig, sprühten blendend auf und wetteiferten mit dem goldgekräuselten Schein der Wellen im Fluß. Ein breiter Regenbogen spannte sich vom jenseitigen Ufer über das Tal und berührte mit seinem Scheitel diesseits den Bergwald.

Wo der Stiftsweg die Chaussee erreichte, hatte Perthes haltgemacht. Er sah nicht zurück; aber er sah auch nichts von dem milden Zauber des aufgeklärten Sommerabends vor sich. Ursprünglich hatte er geradeswegs nach der Sägemühle gewollt. Marga erwartete ihn dort — das wußte er. Nach dem widerwärtigen Besuch auf Nieburg wollte er — so hatte er versprochen — sich und sie entschädigen und wieder einmal über das Abendbrot bleiben, was er in letzter Zeit selten genug hatte tun können.