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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 12: 11
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

Nun schien es ihm plötzlich schwer, ja unmöglich, Wort zu halten.

Vor ein paar Stunden wollte er an ein und derselben Wegscheide den Wagen lieber zur Mühle als zum Stift fahren heißen. Jetzt schrak er vor dem Gang, die Landstraße abwärts, zurück, als läge ein unüberwindliches Hindernis zwischen ihm und dem roten Ziegeldach, dem vertrauten Garten. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen und preßte die Hand gegen die Stirn. Was war eigentlich geschehen, das ihn so mutlos machte? Er hatte sich nichts vorzuwerfen, nicht das geringste. Keine Handlung und kein Wort, noch so leis und flüchtig, konnte ihn anklagen. Und doch lag es wie ein dunkles, erstickendes Gefühl von Unrecht, ja von Schuld auf ihm.

Drunten, zwischen den Bäumen des Mühlengartens, schimmerten zwei helle, sommerliche Kleider. Arm in Arm traten zwei Mädchengestalten auf die Landstraße. Er hätte Marga und Elli erkannt, auch wenn die sinkende Sonne sie weniger scharf beleuchtet hätte. Elli hielt die Hand vor die Augen und spähte die Straße entlang.

Unwillkürlich trat Perthes einen Schritt zurück, um hinter einer Schlehenhecke am Wegrand verdeckt zu sein. Im nächsten Augenblick, als er sich dieser Bewegung bewußt wurde, mit der er sich verleugnete, wurde ihm auch seine Gemütsverfassung erschreckend klar.

Was da oben auf Stift Nieburg in ihm wach geworden, war das andere! War das, was er für Marga nicht empfand und nie empfinden würde! Die Leidenschaft, die zu den Sinnen sprach; die das Blut aufreizte und die Vernunft auslöschte. Wenn er es auch vermied, sich umzublicken, zurück nach Nieburg und hinauf nach dem Kapellenturm — Alices spitzbübisches Gesicht mit der kecken Stupsnase, den graugrünen, boshaft flackernden Augen, dem lüsternen Mund, mit dem weißen Teint und der Wolke von rötlichem, blitzwirrem Haar blickte ihm über die Schulter; ihre biegsamen Glieder drängten sich an die seinen und hielten ihn fest. Und er begehrte sie. Seine Arme verlangten, sie an sich zu raffen. Sein Mund suchte den ihrigen. Er hatte geglaubt, er brauche die Leidenschaft nicht! Er hatte sich überredet, daß sie zu seinem Glück nicht passe. Ausgestrichen hatte er sie, niedergehalten — war über sie weggesprungen. Wenn sie sich rächen wollte!? Und sie rächte sich ja schon! Sie wollte nicht übersprungen sein. Gewiß — seine Ansicht hatte dem Willen diesen Sprung aufgezwungen. Aber der Feind, den er unterschätzte, erhob sich in seinem Rücken. Das Gewaltsame des Entschlusses, mit dem er sich Marga zu eigen gegeben, war ihm mit einem Mal deutlich. Wie ein Schwimmer hatte er sich mit einem heftigen, entscheidenden Stoß ans feste Land geworfen — und nun kam die Woge, die er überwältigt meinte, mit erneuter Kraft und wollte ihn wegspülen. Er sollte nicht ans Land. Er gehörte nicht der großen Stille, sondern dem Sturm —

Ohne sich über die Richtung Rechenschaft zu geben, hatte Perthes mit aufgeregten Schritten den Weg nach der Stadt und nicht nach der Mühle eingeschlagen.

Aber das durfte er ja nicht. Er wurde erwartet! Ließ er sich schon fortspülen?

Ein paar Schritte von der Chaussee stand eine Aussichtsbank in der Uferböschung. Linkshin sah man nach dem Tal, rechtshin nach der im Dunst verschwimmenden Stadt, die mit ihren Häusern und Kirchtürmen unmittelbar aus dem Fluß aufzusteigen schien.

Dort setzte er sich.

Der Kettendampfer mit einer endlosen Reihe von bewimpelten, schwerbefrachteten Lastkähnen schnaubte und rasselte den Fluß herunter, an ihm vorbei. Hinter ihm auf der Landstraße zogen grölende Arbeiter vorüber; ein Automobil fauchte und tutete — dann klirrte ein Fahrrad — er sah und hörte nichts. Er brauchte seine ganze Besinnung und seine volle Stärke, um sich festzustemmen und der Woge zu wehren, die ihn vom Land reißen wollte. Sie trug menschliche Züge. Darum war es so schwer, sie wegzuschieben, sie fortzustoßen, ihren gelenkigen, verführerischen Widerstand zu brechen. Wie schwer, das Land im Auge zu behalten, Marga zu sehen, die blinde, anspruchslose, in der Dämmerung verblassende Marga! Ein wildes, unstetes Ringen war es, und als er sich durchgekämpft zu haben glaubte, lohnte kein freies, heiteres Gefühl. Ein bitteres „Muß” stand mit krausen, harten Falten auf seiner Stirn, lag drückend auf seinem Rücken und schien ihm die Glieder zerbrochen zu haben.

Langsam und mechanisch schritt er den Weg zurück, den er gekommen war. Flußaufwärts nach der Sägemühle. Er wiederholte sich standhaft ein und denselben Schluß und klammerte sich an ihm fest. Wenn die Liebe nicht stark genug war, mußte die Pflicht das ihre dazutun ...


Es dunkelte schon, als Perthes nach der Mühle kam.

Marga und Elli hatten es aufgegeben, ihn zu erwarten. Sie saßen in der Halle bei einer Lampe. Elli erzählte aus der Stadt, von wo sie um sechs Uhr zurückgekommen war: sie hatte einige Besorgungen gemacht und nach dem Haus am Wenzelsberg gesehen. In wenigen Tagen sollten die Sommerferien für sie zu Ende sein, sollte nach der Stadt zurückgekehrt werden.

Ein froher Ausruf Ellis, mit dem sie sich unterbrach, verkündete doch noch die Ankunft von Perthes.

Überrascht und beglückt leuchtete es in Margas Augen. Sie stand auf, um ihm entgegenzugehen. „Wußt' ich's doch, daß du Wort halten würdest, wenn's irgend ginge!” rief sie heiter.

„Wort halten? Warum soll ich nicht Wort halten?” erwiderte Perthes mit der Reizbarkeit eines schlechten Gewissens. Er schob Margas Arme, die sich mit zärtlicher Vertrautheit um seinen Nacken schlingen wollten, beiseite.

Erschrocken weiteten sich ihre blicklosen, von Liebe strahlenden Augen. „Verzeih!” stammelte sie verwirrt und ließ die Arme sinken. „Bist du verstimmt von deinem Besuch?”

„War es denn so schlimm? Erzählen Sie mal ordentlich! Wir sind schrecklich neugierig,” bat Elli, unbekümmert um seine zweifelhafte Laune. „Der Grandseigneur, wie ihn Papa immer nennt, soll ja sehr exzellent sein. Er sieht auch so aus. Und Alice Hupfeld —”

„Ob ich noch etwas zu essen bekomme?” Perthes ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Verstimmt oder nicht, ich bin hungrig!” Er wunderte sich selbst über seinen rauhen, unfreundlichen Ton, unter dem sich seine innere Unfreiheit verbarg. „Bitte, Fräulein Elli, sorgen Sie mal für mich!” setzte er artiger hinzu.

„Das lassen Sie sich gut sein, daß Sie schön darum bitten!” Elli stand auf. Sie drohte mit dem Finger. „Sonst hätten Sie lange warten können. Sie scheinen ja hübsch geladen zu sein!” Bereitwillig ging sie in die Wirtsstube.

Marga hatte sich verschüchtert neben Perthes gesetzt. Es bedurfte nicht viel, um sie scheu und ängstlich zu machen. Sie nahm ihm seine Barschheit nicht übel. Aber mit der feinen Witterung, mit der die Natur sie für ihre Blindheit entschädigt hatte, erriet sie ein Fremdes, Neues hinter seinem Wesen. Um nicht empfindlich zu scheinen, suchte sie noch einmal seine Hand zu erreichen.

„Komm, sprich dich aus! Erzähl' mir!” drängte sie sanft. „War's denn gar nicht ein bißchen nett auf dem Stift?”

„Es ging so. Ich mußte noch einmal in die Stadt, ehe ich herkam. Darum wurde es so spät.” Er hatte ihr seine Hand einen Moment überlassen. Sie streichelte sie begütigend. Gleich darauf zog er sie wieder zurück. Es sträubte sich etwas in ihm, ihre Liebkosung anzunehmen. Er ärgerte sich auch, daß er log. Warum das? Das war abscheulich! Sie hatte ihn gar nicht aufgefordert, sein Spätkommen zu entschuldigen. Er sprach nur, um zu sprechen.

Marga schob schweigend ihre Finger ineinander, wie um sie von jeder neuen Vertraulichkeit abzuhalten. Sie schlüpfte gleichsam in sich hinein und grübelte beklommen.

Elli kam zurück. Sie hatte bestellt, was noch zu bekommen war. Eine Studentengesellschaft, die gegen Abend eingefallen war, hatte unter den Vorräten tüchtig aufgeräumt. Die Wirtsfrau erschien bald und brachte, was sie hatte.

Perthes aß ein paar Bissen. Aber sein Hunger war nur Täuschung gewesen.

Marga und Elli saßen einsilbig dabei. Seine Mißlaune wollte keine Unterhaltung aufkommen lassen. Das Schweigen, an dem er selber schuld war, nahm ihm vollends die Lust am Essen. Nach einigen Minuten schob er den Teller beiseite.

Elli drückte sich. Sie wickelte sich in ihren Schal und lief trällernd in den Garten.

Darauf schien Perthes nur gewartet zu haben. „Ich möchte was Wichtiges mit dir bereden, Marga. Hör' mich mal geduldig an!”

Sie horchte auf. Warum sie geduldig sein sollte, erriet sie nicht, denn sie war sich keiner Ungeduld bewußt. Aber schon daß Perthes wieder sprach, und zwar ruhiger, freundlicher als zuvor, tat ihr wohl.

Langsam, umständlicher und ungeschickter, als es sonst seine Art war, entwickelte er seinen Plan. Dies halbe Verhältnis zwischen ihm und ihr schien ihm auf die Dauer unhaltbar. Um ihret- und um seinetwillen. Es legte ihrem Verkehr eine Heimlichkeit auf, die schon hier, auf der Mühle, oft peinlich gewesen war. In der Stadt mußte das noch viel unbequemer werden. Und erst wenn Vater Richthoff zurückkäme! Wie sollte sich da das Versteckspiel weiterführen lassen? Es kam ihm unerträglich für sie beide vor. Unerträglich und unwürdig. Darum war es das beste, sie faßten sich ein Herz und veröffentlichten ihre Verlobung. Das hob alle Zweideutigkeit auf. Das war auch jetzt, wo er eine aussichtsreiche Stellung innehatte, nur natürlich. In einigen Jahren, wenn dies und jenes, auf das er hoffen, ja sogar bestimmt rechnen konnte, sich erfüllte, war er gewiß so weit, daß sie heiraten konnten.

Ohne ihn zu unterbrechen, hörte Marga zu. Was er sagte, kam ihr überraschend. Daß die Geheimhaltung ihrer Liebe sich mehr und mehr erschweren würde, darüber hatte sie bei sich auch schon nachgedacht. An die Lösung freilich, die er heute vorschlug, hatte sie sich so schnell nicht getraut. Und doch — es war nicht der unerwartete Vorschlag, der sie beirrte. Auf was sie mehr horchte als auf seine Gründe, war die Art, in der er sein Anliegen vorbrachte. Der Ton, der unter den Worten mitschwang. Sie hätte nicht auf den Begriff bringen können, was sie befremdete. Sie fühlte nur eine Veränderung, die vorgegangen war — deutlicher und tiefer, als das verstimmte Gebaren bei seiner Ankunft ihr davon eine Ahnung gegeben. Er schien gar nicht mit ihr zu reden, sondern mit sich: mit den Mitteln kühler Überlegtheit verteidigte er sich gegen einen Gegner, den er sich offenbar voll Leidenschaft und Unbesonnenheit vorstellte. Nur durch eine Täuschung übertrug er diese Gegnerschaft auf sie und gab sich die Rolle des Vernünftigeren.

Als er geendet hatte, spielte er nervös mit den Fingern auf dem Tisch, als könnte er Margas Antwort nicht abwarten. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, sich zu sammeln, als er beinahe ungehalten aufsprang.

„Wie denkst du darüber? Sprich! Hab' ich nicht recht? Oder bist du anderer Ansicht?”

Marga schüttelte leise den Kopf. „Es kommt mir nur unerwartet. Ich muß mich erst in das Neue hineindenken.”

„Ich meine, du müßtest dich freuen, daß ich dieser Heimlichtuerei und Halbheit ein Ende machen will!” Er ging mit lauten Schritten in der Halle auf und ab. Sie konnte nicht sehen, wie unmutig sein Gesicht war. Er biß sich auf die Unterlippe und fuhr sich einmal ums andere über die krausgezogene Stirn in sein buschiges, schwarzes Haar. Sie hörte, was sie nicht sah, aus dem Klang seiner Stimme, aus der fahrigen Härte seiner Tritte.

„Ich will mich gewiß freuen, Max. Laß mir nur ein bißchen Zeit. Wir können uns doch alles in Ruhe zurechtlegen.”

„Das klingt aber gar nicht nach Freude. Eher nach dem Gegenteil!” stieß er vorwurfsvoll hervor.

Margas Augen erweiterten sich wieder ängstlich. Sie suchten nach ihm, bittend, besänftigend. „So was darfst du nicht sagen, du! Das hört sich ja an, als hätte ich dich nicht lieb genug. Wenn es aber auf meine Liebe ankäme — das weißt du — dann —”

„Auf was soll es denn ankommen? Zweifelst du etwa daran, daß ich in zwei, drei Jahren mich so weit bringe, daß wir unser Heim gründen können? Sehr großartig wird's freilich fürs erste nicht sein. Eine erste Assistentenstelle an einer kleineren, auswärtigen Klinik vielleicht. Später eine außerordentliche Professur und so weiter. Das trau' ich mir zu. Oder ist es dir zu lang, einige Jahre öffentlich verlobt zu sein? Es ist doch besser, denk' ich, als heimlich so lange herumzulavieren. Auch angenehmer für dich. Oder meinst du, daß dein Vater —” Er sah zu Marga hinüber und hielt inne.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Dieses herrische, gereizte Drängen, dieser Stolz, der nur von sich sprach, seine fast feindselige Heftigkeit verletzten sie. Sie mußte unwillkürlich seiner ersten Werbung gedenken, die so anders geklungen, so voll Zartheit und Achtung. Das brachte sie, gegen ihren Willen, aus der Fassung.

Perthes sah seinen Fehler ein. Er näherte sich ihr und legte die Hand auf ihre Schulter. „Lieber Gott, Kind, ich will dich ja zu nichts zwingen! Vielleicht bin ich auch heute nicht in der besten Stimmung, um die Worte recht zu wählen. Aber du sollst auch nicht zu schwerfällig sein! Nicht zu weich, Marga! Nicht so überernst! Es sind nun einmal Realitäten, die da zu besprechen sind, und die wollen real angefaßt sein! Das ist alles!”

Perthes wußte nicht, wie schlecht sein Trost war. Auch jetzt noch, wo er ein Unrecht wieder gutmachen wollte, sagte er Dinge, die Marga in die empfindliche und zarte Seele schneiden mußten. Zu schwerfällig, zu ernst, zu weich — vielleicht war sie das, aber er hatte noch nie solche Ausstellungen an ihr gemacht. Sie mußte all ihre Tapferkeit aufbieten, um ihre Tränen zurückzudrängen. Wenn er sie jetzt an sich gezogen, sie in seine Arme genommen hätte! Gewiß hätte sie das rechte Wort gefunden! Aber er war schon wieder beiseite getreten. Ihre Lippen waren ihr wie versiegelt. Ganz in sich hineingescheucht war sie jetzt, wie in ihren einsamsten, unverstandensten Mädchentagen.

Seine reizbare Laune war nur zu willig, ihr Schweigen als Trotz oder wenigstens als Eigensinn zu nehmen. „Ich bin müde. Und wir kommen heute doch nicht zueinander!” Er nahm seinen Hut. „Überleg' dir, was ich sagte, bis zum nächstenmal!”

„Du willst doch nicht schon gehen?” rang es sich von ihren Lippen.

„Doch. Ich habe morgen einen schweren Tag auf der Klinik und muß ausschlafen. Grüße Elli von mir. Adieu, Marga!” Er drückte ihr die Hand. „Wann fahrt ihr denn nach der Stadt?”

„Übermorgen, denk' ich,” gab sie tonlos zur Antwort.

Marga hörte, wie seine Schritte sich hastig nach der Wirtsstube entfernten. Er wechselte mit der Wirtin beim Bezahlen seiner Zeche ein paar Worte. Dann knarrte die Tür, die von dort in den Garten führte.

Warum sprang sie nicht auf? Warum rief sie ihn nicht? Warum lief sie nicht hinter ihm drein?

Sie saß wie gebannt.

Nicht einmal geküßt hatte er sie zum Abschied. Heute zum erstenmal nicht. Heute, wo sie davon gesprochen hatten, ihre Verlobung zu veröffentlichen; wo zum erstenmal von Hochzeit und Ehe nah und greifbar die Rede gewesen war!

Marga nahm den Kopf zwischen ihre beiden Hände.

Am Nachmittag war ihr so froh und leicht zu Mut gewesen. Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit — während Elli in der Stadt, er auf dem Stift war — so glücklich gefühlt, so bräutlich stolz. Als dann Elli zurückgekehrt war, wollte sie nur von ihm mit ihr sprechen. Immer nur von ihm. Sie erwartete, sie ersehnte ihn mit klopfendem Herzen. Als er nicht kam und nicht kam, meinte sie vergehen zu müssen vor seliger Ungeduld. Wie niedergeschlagen war sie, als er ausblieb! Wie jubelte es in ihr, als er doch, doch noch kam!

Und jetzt?

Er hatte vom Schönsten und Höchsten gesprochen; von dem, was bisher nur wie ein ferner Traum, ein leuchtendes, kaum faßbares Bild im Schimmer der Zukunft gelegen! Wo blieb ihre Freude? Sie wollte sich freuen! Gewiß — sie hatte ihn gekränkt. Sie tat ihm unrecht. Sie war schlecht und kleinlich gewesen. Warum kam ihre Freude nicht jetzt? Woher die Bangigkeit, die drückende, quälende Angst, die sie statt ihrer empfand? Sie fühlte die weite Halle wie eine schmerzhafte Leere um sich, und aus der Leere kroch ihr ein Schrecknis entgegen. Ungestalt und unbegreiflich. Und doch war es da und stellte sich zwischen ihn und sie. Es war der Zweifel, den sie verabscheute; für den sie sich schalt; den sie nicht verscheuchen konnte. Konnte die Liebe so sprechen, wie er es getan? Wenn seine Liebe nicht war, für was sie und er sie hielt? Wenn es Mitleid war und wenn — doch das war ja nicht auszudenken, das war ja frevelhaft von ihr! — und wenn er auf ein öffentliches Verlöbnis nur drang, um — ja, um jede Brücke zur Umkehr hinter sich abzubrechen?!

Marga schauerte zusammen. Sie tastete nach ihrem Schal und fand ihn nicht.

Woher kamen ihr so grausame Gedanken? Woher nahm sie das Recht zu diesem häßlichen Verdacht? Es half nichts, daß sie so fragte. Angst und Zweifel ließen sie darum nicht los. Sie hatte ja nichts mehr als diese Liebe! Schranke um Schranke, die die Vorsicht zum Selbstschutz errichtet, war in diesen Sommerwochen mit all ihrem unverhofften Glück, ihrem reichen Erleben geschwunden und gefallen. Sie war wehrlos, wenn das Entsetzliche sich erfüllte, daß — daß ...

Elli kam zurück. Sie hatte Perthes noch gesprochen. Auf der Landstraße, auf der sie ein Stück stadtwärts gewandert war. Einen Gruß hatte er ihr noch für Marga aufgetragen. Und einen Kuß.

Sie warf sich fröhlich an Margas Hals und bestellte ihn zehnfach.

Marga weinte und lachte zugleich. Die Angst, die zehrende Herzensangst schwand vor neuer Hoffnung. Sie erzählte Elli von Perthes' Plänen. Sie schöpfte Mut aus der jubelnden Zustimmung der Schwester. Selber schalt sie sich schwerfällig, weich, überernst. Elli belegte sie noch mit viel schlimmeren Schimpfnamen.

Und sie stellten sich Käthes maßloses Erstaunen vor, malten sich Vater Richthoffs Meinung in hundert Vermutungen aus, plauderten und bauten Luftschlösser, bis das Öl in der Hängelampe zu Häupten ihres Tisches zur Neige ging, die Flamme bläulich zuckte und die Halle dunkel und dunkler wurde.

Dann führte Elli die „erklärte” Braut mit feierlichem Übermut nach oben.


10

Ehe der alte Herr und Käthe von der Sommerreise heimkehrten, mußte im Haus am Wenzelsberg das große Herbstreinmachen erledigt sein.

Kaum waren Elli und Marga von der Sägemühle, war Therese aus ihrem Heimatdorf zurückgekommen, so wurde mit Hilfe der Scheuerfrau das Unterste zu oberst gekehrt. Das Gröbste taten natürlich die dienstbaren Geister. Aber daneben gab es noch genug zu tun, woran die beiden Schwestern ihre erholten Kräfte üben konnten. Elli zumal warf sich ungestüm wie ein junges Füllen ins Joch. Sie wollte überall dabei sein. Marga hatte ihre liebe Not, sie vom Teppichklopfen und Treppenscheuern abzuhalten. Wenn sie sie dann zu einer angemesseneren Hantierung zurückholte, zur Ordnung in Schränken und Kommoden und im Silberkasten, schmollte Elli über ihre gezügelte Tatkraft, ja, sie schimpfte wie ein Rohrspatz.

„Du hast's wahrhaftig nötig, Margakind, mir gute Lehren zu geben! Lernen solltest du von mir, statt mich von aller tüchtigen Arbeit fernzuhalten! Du wirst 'ne nette Hausfrau abgeben! Die nur so wie der Geist Gottes über den Wassern schwebt, statt selber was Rechtes anzufassen! Perthes kann einem leid tun!”

Ihr höchstes Vergnügen war, wenn Marga auf solche Vorhaltungen „einschnappte”, wenn sie sich ernsthaft verteidigte und erklärte, es genüge gewiß, die Aufsicht zu führen. Da legte Elli verdoppelt los: sie würde sich nicht wundern, wenn es bei Marga mal drunter und drüber ginge. Sie dächte wohl, Perthes werde ihr so fünf bis sechs Dienstboten halten! Und sie, Marga, könne dann dasitzen, auf einem goldenen Thrönchen, die Hände im Schoß und ihre hohen Befehle lispeln! Elli ruhte nicht und entwarf die grimmigsten Zerrbilder von dieser künftigen Tatarenwirtschaft im Haus Perthes. Sie trieb es so lang und so toll, bis Marga wirklich ganz kleinlaut wurde.

„Du kannst ja schon recht haben,” erklärte sie schließlich traurig und verlegen. „Was andere können, kann ich natürlich nicht. Das hab' ich ihm auch schon oft genug gesagt.”

„Ja, ja,” stimmte Elli tiefsinnig zu, während sie sich vor Vergnügen auf die Lippen biß.

„Er kann und will sich nicht denken, wie schwer es mit mir sein wird. Und großartig werden wir's wahrhaftig nicht haben. Im Anfang mal sicher nicht. Wenn es schon im Haus nicht so wird, wie er's erwartet — unter den Menschen, in der Geselligkeit, bin ich erst recht zu nichts nütze.” Marga legte tatsächlich die Hände in den Schoß, aber nicht, um „hohe Befehle” zu erteilen, sondern um verzagt vor sich hinzugrübeln.

Jetzt schlug Elli um wie das Wetter im April. Sie lachte sie aus, daß beinahe die Leute auf der Straße zusammenliefen.

Wie konnte Marga so närrisch sein, das dumme Geschwätz für bare Münze zu nehmen! Im Handumdrehen machte sie aus dem Haus Perthes eine Musterwirtschaft. Großartig würde das werden! Keine so herkömmliche, peinliche Spießerei, sondern frei und schön, wie es sein sollte! Marga mit ihren geschickten Händen, ihrem guten Geschmack, ihrem klaren Kopf würde eine bessere Hausfrau werden als zehn andere mit zwanzig und mehr Augen! Und dann wäre auch sie noch da — die Schwägerin Elli! Ihr würde man doch wohl nicht das Haus verbieten. Sie wollte die Geschichte schon im Schwung halten, wenn Marga mit den zwölf Kindern nicht immer aus und ein wüßte. Eine Tante würde sie abgeben wie —

Marga verbot ihr zürnend den Mund. Aber sie mußte doch lachen. Und während sie ihre Arbeit des Silberputzens wieder aufnahm, ließ sie sich gern überzeugen, daß es famos gehen würde! Trotz ihrer Prüderie und Schwarzseherei! Das war ja ihres eigenen Herzens sehnsüchtiger Wunsch und Wille ...

Perthes hatte den Schwestern zur Rückkehr in die Stadt Blumen geschickt. Für Marga hatte ein kurzer Brief beigelegen, in dem er sie für seine schlechte Stimmung am letzten Abend auf der Mühle um Verzeihung bat. Die Frage, wie sie sich zur Bekanntgabe der Verlobung stellte, erneuerte er nicht. Sie war ihm dankbar, daß er nicht in sie drang. Dafür kam sie selber beim ersten Besuch, den er am Wenzelsberg machte, darauf zurück. Als hätte sie sich durch die unheimlichen Gedanken, die sie an jenem Abend peinigten, an ihrer Liebe versündigt und müßte ihren Wankelmut durch doppeltes Vertrauen wieder gutmachen, stimmte sie freudig zu und legte alles in seine Hände. Sein Vorwurf der Schwerfälligkeit hatte lang und nachhaltig in ihr gearbeitet. Sie drängte ihre Einwände und Bedenken energisch zurück und kämpfte jeden Schatten eines Zweifels, jede Regung mißtrauischer Sorge um ihr Glück tapfer nieder.

Und er? In einem Übermaß von Arbeit auf der Klinik enthielt er sich kritischer Überlegungen. In Erinnerung an den Gewitternachmittag auf Nieburg vermied er jedes Zusammentreffen mit Alice, ja, er schob auch alles beiseite, was ihn nur in Gedanken zu ihr führen konnte. Er hatte sich vorgenommen, nicht rechts noch links zu sehen: für ihn galt nur Marga; das Wort, das er ihr gegeben; der Entschluß, den er für sie beide gefaßt. Über eins war er sich klar geworden: er erfüllte damit nicht nur eine Pflicht gegen sie; was er tat oder ließ, entschied über ihn, seinen Wert und seine Persönlichkeit. Bei Marga war die Reife und Vollendung, nach der er innerlich strebte. Eine Vollendung mit Schmerzen, wie alle Vollendung im Leben. Wenn er aber zu ihr nicht hinaufreichte, in Marga die große Stille nicht begreifen und sich zu eigen machen konnte, gab es für ihn überhaupt kein Aufwärts, sondern nur ein Abwärts, in die Mittelmäßigkeit und Halbheit, ins Gelebtwerden statt ins Leben aus eigenem Willen. Darum biß er die Zähne aufeinander. Darum ging er geradeaus und vorwärts mit der Ehrlichkeit der Verzweiflung: er stritt um sich selber, indem er um Marga stritt ...

Es wurde Mitte September.

Das Richthoffsche Haus war längst so blitzblank und einladend, als es nur sein konnte. Auch das schwerste Stück Arbeit, Vater Richthoffs Studierzimmer instand zu setzen, ohne daß ein Buch von der Stelle gerückt, eine aufgeschlagene Zeitschrift umgeblättert, ein Zettel verschoben wurde, war mit strenger Gewissenhaftigkeit bewältigt. Man erwartete nun mit Spannung von Tag zu Tag die Nachricht aus Bayern, die die Ankunft meldete.

Käthes letzter Brief war aus Tegernsee gekommen. „In wenigen Tagen sind wir bei euch!” hatte es verheißungsvoll geklungen. „Papa depeschiert Tag und Stunde.”

Aber statt der Depesche kam eine Karte: man hatte sich unerwarteterweise mit Hofrat Geismar getroffen, der in Kreuth seine Ferien zubrachte. Der hatte es verstanden, den alten Herrn noch für eine Woche zu sich zu locken.

Marga, die der Heimkehr der Reisenden im Hinblick auf die schwierigen Eröffnungen, die sie zu machen hatte, und auf Perthes' Werbebesuch mit ebensoviel Bangen wie Freude entgegensah, gab sich geduldig in die Zögerung. Elli grollte ganze zwei Stunden lang. Nachher traf sie sich, zufällig natürlich, mit Wilkens in der Stadt und fand das Leben so rosig und „wonnig” — das war ihre Lieblingsbezeichnung — wie je.

Und die acht Tage vergingen auch.

Ehe sie zur Bahn zogen, umarmten sich Elli und Marga noch einmal: sie schworen sich treue Waffenbrüderschaft für ihre Liebesgeheimnisse. Sie kamen gerade recht zum Zug.

Käthe ließ grüßend das Taschentuch flattern. Kurz darauf war sie auch schon auf dem Perron, blühend, gebräunt, ordentlich rundlich in dem funkelnagelneuen, hellgrauen Kostüm, das Papa unterwegs spendiert hatte. Küsse und Umarmungen folgten in stürmischer Abwechslung.

Der alte Herr brauchte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Er war nämlich gerührt. Und das paßte ihm nicht. Deshalb wirtschaftete er eine beträchtliche Weile im Abteil mit dem Handgepäck und dem Dienstmann, der es herausbeförderte. Dann erst kam er zum Vorschein, mit einer Miene, die sehr würdig und zurückschreckend aussehen sollte, — den neuen Strohhut mit grünem Band verwegen wie Garibaldi über dem weißbärtigen Gesicht. Die Mädels waren trotzdem so respektlos, ihn „auf offener Straße”, wie er abwehrend schalt, zu umhalsen und zu küssen. „Ruhig im Glied!” befahl er mit sehr rauher Stimme. „Seid wohl, hoff' ich? Und habt euch reputierlich geführt? Werden ja sehen!”

Im Wagen — „um sich das Schlaraffenleben abzugewöhnen” — ging es lachend und plaudernd an den Wenzelsberg.

Der alte Herr war die Milde und Gemütlichkeit selbst — auch nur „zum Abgewöhnen” natürlich. Und auch die drei Schwestern waren voneinander hoch befriedigt. —

Zwei, drei Tage nachher hatte das Leben am Wenzelsberg sein gewohntes Aussehen.

Der Geheimrat hatte sein Heimweh nach den römischen Kaisern trotz Kissingen und den bayrischen Bergen mächtig in sich wachsen gefühlt. Eine so lange, faule Ausspannung war unerhört. Sein Gewissen fand nur darin Beruhigung, daß die Post jetzt einen Stoß von Korrekturen für die erste Abteilung des ersten Bandes der „Kaisergeschichte” brachte. Da gab es doch gleich alle Hände voll zu tun.

Das Arbeitszimmer im ersten Stock füllte sich mit dem alten, mächtigen Qualm.

Ein Schmerz war nur, daß er sich von Geismar zu „Nikotinlosen” hatte beschwatzen lassen. Das ausgemachte Stroh war das! Aber die römischen Gewaltherren zeigten sich wenigstens nicht weiter beleidigt von dem schlechten Zigarrenrauch. Sie standen aus Winkeln und Ecken, aus Zetteln und Zettelchen gehorsam auf, mit scharfen Profilen und tatenfrohen, hoheitsvollen Gebärden. Und sie sollten die paar Wochen vor Semesteranfang bei Gott nicht rasten dürfen, sondern tüchtig Modell stehen. Dafür wollte der alte Herr sorgen!

Er ahnte nicht, daß ihm eine überraschende Störung sehr nahe bevorstand.

An einem der ersten Vormittage nach ihrer Ankunft hatte Käthe ihre Freundin Lizzie in der Uferstraße besucht. Lizzie besaß neben ihrer verzehrenden Leidenschaft für Musik, die sich kein Konzert und keine Opernaufführung entgehen ließ, nur noch einen einzigen hervorstechenden Wesenszug: die fast ebenso ungemessene Vorliebe für Klatschereien jeder Art. So ließ sie es denn auch bei Käthes Besuch an Andeutungen über Herrenbesuche auf der Sägemühle und daran sich knüpfenden verfänglichen Redereien nicht fehlen. Käthe war empört. Papa Richthoff die Freude an der ganzen Reise nachträglich zu verderben, lag ihr natürlich fern. Er sollte im Gegenteil von diesen Dummheiten der Mädels so wenig wie möglich erfahren. Um so gewisser war es, daß Marga und Elli etwas zu hören bekommen sollten!

Nach Käthes Erfahrungen war es leichter, Elli den Kopf zurechtzusetzen. Deshalb sollte sie zuerst dran glauben, und zwar noch am selben Tag.

Aber die Sache fiel merkwürdig fruchtlos aus. Elli war einfach nicht kleinzukriegen. Alle Vorhaltungen der älteren Schwester beantwortete sie mit einem fröhlichen, höchst despektierlichen Lachen.

„Laß nur gut sein, Gouvernantchen!” erklärte Elli fidel. „Wir, Marga und ich, haben uns inzwischen unbedingt mündig gemacht. Bei mir hast du gar keine Aussicht auf Reue und Besserung. Mich haben die Wochen auf der Sägemühle einfach in Grund und Boden verdorben. Versuch's mal mit Marga! Uff! Da könntest du dich aber bös blamieren! Ich weiß, was ich weiß, und ich warne dich! Heißa juchhei!” Elli schlug klatschend die Hände über dem Kopf zusammen und vollführte einen in Käthes Augen außerordentlich unangebrachten Tanz. Das ganze sah aus, als hätte sie und nicht die Schwester in den bayrischen Alpen schuhplatteln sehen.

Käthe entzog sich einstweilen weiteren Auseinandersetzungen durch eine stolze Flucht. Am Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ernst sein können ist alles. Wie sind Menschen zu bedauern, die von diesem großen Geheimnis, das allein das Leben lebenswert macht, keine Ahnung haben oder doch nichts wissen wollen! Es ist seltsam, daß in einer und derselben Familie, unter Geschwistern die Anlagen zu Ernst und Leichtsinn so ungleich verteilt sein können!”

Damit war aber die von Käthe für nötig gehaltene Aussprache nur vertagt, nicht aufgehoben. Das durften sich „die Kleinen” nicht einbilden, daß sie ihnen ihr ärgerniserregendes Benehmen so hingehen ließ!

Sie bildeten sich's auch nicht ein, die Kleinen! Elli verständigte vielmehr Marga von dem, was drohte. Und Marga, die nicht so kampflustig wie Elli war, sah ein, daß es nun das beste wäre, nicht länger zu zaudern, sondern Vater Richthoff ein offenes, ehrliches Geständnis abzulegen, ehe ihm, von welcher Seite immer, mißverständliche Dinge zugetragen wurden.

Von Perthes hatte sie in den letzten Tagen nichts gesehen und nichts gehört. Es galt, zuerst seine Meinung noch einmal einzuholen. Elli beförderte ihre Zeilen, die ja die letzten heimlichen sein sollten. Sie fing auch die Antwort ab. Marga fand sie recht knapp und flüchtig. Aber sie sagte sich, daß sie bei seiner angespannten Tätigkeit nicht mehr von ihm erwarten durfte. Hupfeld war verreist, und es ruhte auf den Assistenten die doppelte Arbeitslast, zumal Kronheim noch immer krank war. Die Hauptsache blieb. Perthes war einverstanden; sie sollte ihren Vater auf seinen Besuch vorbereiten, für den Tag und Stunde unter ihnen festgesetzt war.

Es war Nachmittag. Der alte Herr hatte wie gewöhnlich seinen Gang auf den Weinberg gemacht, auf Schnecken gefahndet, die drei Trauben, die es gab, kolossal gefunden, sich über die zeitige, hohe Röte des wilden Reblaubes am Philosophenweg gewundert und war dann, seines Kaffees gewärtig, nach oben ins Arbeitszimmer und an seinen Schreibtisch gegangen.

Da trat Marga mit klopfendem Herzen bei ihm ein.

Er warf schon Notizen mit seiner kritzeligen Handschrift auf die flatternden Zettel. Erst als Tasse und Löffel auf dem in seine Nähe geschobenen Tablett lauter als sonst klirrten, sah er auf. Er wußte, daß in dieser Woche die Reihe an Elli war, ihm den Nachmittagskaffee zu bringen. Er war aber nicht weiter erstaunt, als er sie durch Marga vertreten fand, sondern kam ihr zu Hilfe und setzte selber die Tasse dorthin, wo sie seine Ordnung am wenigsten beeinträchtigen konnte.

„Wo steckt denn das Kleinchen?” fragte er ganz nebenbei, sich wieder ans Schreiben machend.

„Ich bat sie, ihr heute den Gang zu dir abnehmen zu dürfen,” erwiderte Marga mit einer gewissen Förmlichkeit, in der ihre Erregung durchzitterte.

„So —” sagte der alte Herr zerstreut. Er hatte nur halb hingehört. Schon besaßen ihn wieder die Zettel und ihre Geister.

„Dürft' ich einen Augenblick mit dir reden, Papa?” ließ sich Marga nach einer Weile schüchtern von neuem vernehmen.

„Ach so — du bist noch hier?” Er rückte ganz erstaunt an seiner Brille. „Mit mir reden? Aber doch jetzt nicht! Ich hab' unbändig zu tun, Mädel!”

„Ich weiß nicht, wann ich es sonst tun könnte. Ich möchte allein mit dir sein, und es ist etwas Wichtiges,” fuhr sie fester und lauter fort.

Der Geheimrat blickte sie ungläubig und ziemlich ungnädig an. „Na denn! Aber kurz!”

„So kurz ich kann!”

Dem alten Herrn fiel jetzt die Aufregung auf, die sie in ihren Zügen und Gebärden vergeblich zu bemeistern suchte. „Setz' dich mal! Hierher!” Er schob ihr den Stuhl neben seinem Schreibtisch zu. „Und nun vorwärts — wenn's so wichtig ist!”

Marga tastete sich am Stuhl hin und setzte sich, wie geheißen. Mit schlichten Worten, wie ihr sie das Gefühl eingab, erzählte sie, was zwischen ihr und Perthes vorgegangen war. Die Liebe gab ihr den Mut, herzlicher und vertraulicher zu werden, als sie es sonst ihrem Vater gegenüber wagte.

Der alte Herr hörte zuerst nur sehr im allgemeinen zu. Er spielte mit seinem Gänsekiel und sah ab und zu in seine Blättchen. Allmählich änderte sich das. Seine Augen vergrößerten sich hinter den Brillengläsern. Er schob sein Käppchen von der einen Schläfe nach der anderen, warf den Gänsekiel beiseite und strich sich mit einer barschen Regelmäßigkeit seinen weißen, kräftigen Bart.

Er traute seinen Ohren nicht. Da saß eins seiner Mädels am hellichten Nachmittag neben ihm und gab, mitten hinein in seine römische Kaisergeschichte, eine handgreifliche Liebesaffäre zum besten. Wäre es Elli gewesen, auch Käthe — er hätte sie einfach hinausgeworfen. Aber Marga! Marga, bei der er an so etwas nie gedacht hatte! Die ihm viel zu besonnen und abgeschlossen geschienen, als daß sie sich bei ihrem Leiden auf solche Dinge einlassen sollte!

Den alten Herrn überlief es bald heiß, bald kalt. Einmal war er nahe daran, zornig aufzubrausen: Also zu derlei kapitalem Unfug habt ihr eure Sommerferien benutzt! Dann war er drauf und dran, ihr zuzurufen: Das sind ja Märchen, Kind! Du träumst! Oder du hast dich täuschen lassen! Aber er tat nichts dergleichen. Der Ernst, mit dem Marga sich ihm mitteilte, das tiefe Glücksgefühl, das hinter ihren Worten warm und stolz aufleuchtete, entwaffnete ihn, so oft er im Begriff war, sie stürmisch zu unterbrechen. Er, der sich wahrhaftig besser auf geistige als auf sinnenfällige Beobachtungen verstand, sogar er bemerkte jetzt, wie ihre äußere Erscheinung, die ihm bisher nur als „wohl” aufgefallen war, in diesen Sommerwochen an Haltung und Ausdruck gewonnen hatte; wie die blicklosen Augen über den frischeren, farbenvolleren Wangen die Sonne von innen nach außen trugen. Sein Zorn und sein Unglaube gingen in fassungslose Bestürzung über. Hier handelte es sich also nicht um eine backfischhafte Kinderei; nicht um eine von den nebensächlichen Kleinigkeiten, mit denen die „Bande” immer zur Unzeit daherkam. Da war vielmehr eine schlimme Sorge und Verantwortung, die nicht den grimmigen Pascha, sondern den Vater in seiner ganzen Verantwortlichkeit aufrief und verlangte. Er hatte da drüben in Bayern gemurrt, weil der Arzt ihm die Berge zu besteigen verboten. Nun hatte er seinen Berg vor sich, zu Hause! Den höchsten, den er seit dem Tod seiner jungen Frau sich hatte auftürmen sehen. Den hätte er sich gern verbieten lassen; aber der, gerade der mußte erstiegen sein!

Marga hatte ihr Bekenntnis beendigt. In tapferem Schweigen, die Hände im Schoß verschränkt und die Augen erwartungsvoll gesenkt, harrte sie auf Antwort. Es war so still in dem verqualmten, bücherumhegten Zimmer — man konnte den Holzwurm hören, der in den goldbraunen, altfränkischen Möbeln aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit bohrte und tickte.

„Das — das ist also — so gewissermaßen — mein Reisepräsent!” stöhnte der alte Herr nach geraumer Weile, viel eher schmerzlich als vorwurfsvoll. „Was soll denn da geschehen? Was soll denn ich nun dazu tun?” Ratlos und hilflos richtete er die Frage mehr an sich als an Marga und stöberte dabei, was seit Menschengedenken unerhört war, selber seine Zettel und Manuskriptblätter durcheinander.

„Du sollst uns nur die Erlaubnis geben, glücklich zu werden,” meinte sie leise und überzeugt.

„Erlaubnis? Glücklich werden! Als ob das mit zwei Worten abzumachen wäre! Ich — ich, der ich diesen jungen Menschen da, diesen, diesen — deinen Max oder wie du ihn immer nennst, so gut wie gar nicht kenne! Der ich — bei dir — mit solchen, solchen Alfanzereien gar nicht gerechnet habe! Meiner Lebtage nicht! Du, die du doch —” Er stand vor ihr und fuchtelte mit den Händen. Er hatte sagen wollen: Die du blind bist! Die du nicht heiraten sollst und kannst! Aber der traurige Schatten, der über Margas zuversichtliche, klare Stirn flog, ließ ihn abbrechen. Alle seine gebieterische Würde, seine pflichtmäßige Entrüstung vergessend, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände: „Kind! Kind! Was habt ihr denn da angerichtet! Mußte das denn sein? Sag doch selber, daß es ungereimtes Zeug ist! Und daß —”

„Gewiß ist es nicht ungereimt, Papa. Nicht so ungereimt, wie es dir jetzt vorkommen will! Und er — Doktor Perthes — möchte mit dir reden, um dir's noch besser zu sagen, als ich's kann!”

Der alte Herr ließ die Hände sinken. „Mit mir reden!” wiederholte er verzweifelt. Also so weit war die Geschichte schon. Die Präliminarien waren alle schon überwunden. Womöglich mit einem richtigen, auswendig gelernten, feierlichen Heiratsantrag wollte der junge Mann ihm das Haus stürmen.

„Wenn dir's recht ist, so kommt er morgen nachmittag,” ergänzte sich Marga bittend.

„Morgen nachmittag!? Mir recht!? Aber das ist ja das reinste Komplott! Das verbitt' ich mir! Das —” Der Geheimrat suchte vergeblich seinen handfesten Grimm wiederzufinden, der ihm sonst noch in allen Lagen wider die Angriffe seiner Bande geholfen hatte. „Überlegen werd' ich mir doch die Sache noch dürfen!” stieß er mit klagender Rauheit hervor.

„Ich bitte dich drum,” gab Marga herzlich und mit Vertrauen zurück. „Sicherlich wirst du —”

„Nein! Nein!” wehrte sich der alte Herr. „Nichts werd' ich sicherlich! Gar nichts: sicherlich!” Er suchte sich eine gebieterische Haltung zu geben. „Laß mich jetzt zufrieden! Ich muß arbeiten! Allein sein!”

Marga stand auf. Sie wollte nichts mehr sagen. Aber ihre Arme, ihre Hände suchten nach ihm. Durch eine Liebkosung wollte sie ihn um Vergebung, um Hoffnung bitten.

Vater Richthoff war heute nicht widerstandsfähig genug, um einer „Gruppenbildung”, wie er das sonst so verabscheuend nannte, auszuweichen. Er strich ihr ein-, zweimal über die fahlblonden, weichen Scheitelhaare, ungeschickt wie ein verschämter Liebhaber. Reden wollte er um keinen Preis. Sich zu nichts, zu gar nichts verpflichten.

Und für Marga war schon seine flüchtige Zärtlichkeit trostreich und hoffnungsvoll. Wenn sie erst gesehen hätte, daß seine Brillengläser sich sehr verdächtig beschlugen! Er schob sie von sich, ehe sie seine Hand erhaschen und küssen konnte.

Gehorsam ging sie nach der Tür und aus dem Zimmer.

Wenn der alte Herr geglaubt hatte, er werde bei der Arbeit sein Gleichgewicht wiederfinden und die Entscheidung, die ihm da plötzlich aufgebürdet wurde, irgendwie vertagen können — etwa wie eine inopportune Quellenfrage zweiten Ranges —, hatte er sich über seine eigentliche Gemütsverfassung getäuscht. Nach einem vergeblichen Anlauf, den er nahm, um in die ersten Regierungsjahre des Trajan zurückzukehren, sprang er gleich wieder auf. Es begann ein rastloses Auf- und Niederschreiten, das von leisen und lauten, schmerzlichen und zornigen Erwägungen begleitet war.

Daß die Mädels einmal würden heiraten wollen — „Männer daherschleppen könnten”, hieß er es bei sich —, hatte er mitunter im Bereich der Möglichkeit gesehen. Aber fern, so fern, daß es beinahe wieder ins Reich der Unmöglichkeit gehörte. Bei Marga war es für ihn immer eine stillschweigende Gewißheit gewesen, an die er nicht rührte: Sie wird nicht heiraten. Sie ist auch selber zu besonnen, um daran zu denken. Mitunter, wenn sie ihm träumerisch und gefühlsweich zu werden schien, hatte er sie etwas derb angefaßt: nicht aus weitblickender Überlegung, sondern aus einer mehr instinktiven Gedankenregung. So wie es einmal mit ihr hatte kommen müssen, sollte sie dem Leben lieber zu hart als zu weich gegenüberstehen. Ein Erziehungssystem hatte er nie besessen. Für keins seiner Mädels. Dafür hatte er weder Talent noch Zeit. Und sie waren ja auch so ganz leidlich geworden. Wenigstens hatte es ihm bisher so geschienen.

Nun brachten ihn die jähen Enthüllungen des heutigen Nachmittags aus dem Konzept. Wie wenn ihm einer nach einem fertigen Kapitel der Kaisergeschichte eine neue Schrift vorgelegt hätte, die er nicht kannte und die seine ganze Auffassung über den Haufen warf. Er wurde irre an sich. Er hatte doch wohl nicht genug getan? Die Tanten und Tunten hatten am Ende recht, die vor Jahren gemeint, er könne mit den drei Mädels so allein nicht zuwege kommen. Die bloße Paschastrenge tat es nicht. Er hätte sich mehr mit ihnen abgeben müssen. Mit jeder von ihnen. Aber wie denn? Er konnte nicht bei ihnen sitzen, mit ihnen ausgehen, ihr Tun und Lassen überwachen, die Kindsmagd spielen — das lag ja so weit, so himmelweit ab von seinem Beruf, der geistigen Lebensaufgabe, die das erste hatte sein müssen! Es half ja auch gar nichts, wenn er sich jetzt vordeklamierte, wie er alles hätte anders, hätte besser machen können. Damit konnte er die Tatsache nicht wegbuchstabieren, daß Marga, seine Marga, sein Sorgenkind sich von einem wildfremden Menschen liebhaben ließ.

Er durfte nur ja oder nein sagen.

Nein sagen mußte er natürlich.

So weltfremd er im Grunde war: seine Vernunft sträubte sich dagegen, in eine solche Ehe zu willigen. Marga war blind. Sie konnte niemals einem Mann, und wenn er ein Held an Selbstüberwindung war, das sein, was er von einer Lebensgefährtin fordern mußte. Eine solche Liebe, sie mochte noch so groß und überschwenglich sein, mußte sich wund und mürb reiben an den Forderungen der Wirklichkeit. Das konnten zwei törichte junge Leute bestreiten, aber es blieb darum nicht minder wahr und mußte jedes Glück zerstören. Also mußte er nein sagen.

Kaum aber stand dieses harte Nein da, vor ihm, so lehnte sich auch schon sein Herz mit voller Macht gegen das grausame Verdikt auf.

Seine Erinnerung kehrte zu den schweren Tagen zurück, in denen Marga, ein Kind, an den Folgen einer Netzhautablösung das helle, frohe Licht ihrer klaren Augen verlor. Es war etwa ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. Und dieser zweite Schlag traf ihn nicht leichter als der erste. Das Hoffen und Bangen schwankender Wochen, das Verzweifeln und Aufbäumen gegen das Unabänderliche, alles, was er mit dem Kind blutenden Herzens durchlitt und durchkämpfte, bis es in frühzeitiger, innerer Reife über sein Los emporwuchs, erwachte vor ihm. War es nicht genug, daß das Schicksal sie von tausend Freuden des Tages ausschloß und in immerwährende Nacht bannte? Blind sein — hieß es für sie nicht, mit einem Teil ihres Wesens schon gestorben sein, ehe sie gelebt hatte? Wo stand geschrieben, daß Marga mit der Kraft, zu sehen, auch das Recht und die Kraft, zu lieben, verwirkt hatte? Woher nahm er die Macht, zu entscheiden: Das ist dein Glück, und das ist dein Unglück? Die Liebe — konnte sie sie nicht entschädigen wollen für das, was ihr an Licht und Lust genommen war? Und er hatte den Mut, es grausamer mit ihr zu meinen, als ihr Schicksal? Der Idealist in ihm bekämpfte die nüchterne Besonnenheit, die er seinem guten Herzen aufzwingen wollte. Er kannte den Mann nicht — kaum von Angesicht — der ihr die Hand bieten wollte. War es ausgemacht, daß er nicht wußte, was er wollte und tat? War es wirklich so über allen Verstand, daß ein Mann diese ruhige, offene, klare Marga liebte, so liebte, daß er ihre Blindheit über ihrem inneren Wert vergaß? Der Stolz des Vaters setzte die Gesundheit und Fülle ihrer Seele gegen das Gebrechen ihres Körpers. Fast war es, als hielten unter solchem Gewicht das Für und Wider sich die Wage ...

Richthoff achtete nicht darauf, wie unter dem Sinnen und Sorgen die Stunden vergingen.

Es wurde Abend.

Die Septembersonne mit ihrem vollen, ruhigen Schein huschte zwischen den Zweigen im Vorgarten hindurch auf seinen Schreibtisch: sie fand ihn nicht wie sonst auf seinem Platz, den weißbärtigen Kopf über Bücher und Manuskriptblätter gebeugt. Verwundert glitt sie allmählich aus der Stube und ließ der Dämmerung das Feld.

Vater Richthoff stand vor einer rundbauchigen, altmodischen Kommode, deren goldbraunes Holz metallene Ranken verzierten. Auf der Kommode stand eine Photographie, in die er sich vertieft hatte. Es war das Bild seiner verstorbenen Frau, bei dem er Rat suchte; als könnte ihr jugendlich-zartes, lebensfrohes Gesicht aus der Ferne vieler Jahre Trost und Klärung in seine Wirrnis bringen.

Als es an die Tür klopfte, fuhr er erschreckt zusammen.

Mit einem gepreßten „Ich komme ja schon!” winkte er Käthe, die fragend hereinschaute, aus der Tür.

Es dauerte noch eine gute Weile, ehe er kam. Und dann saß er zerstreut und wortlos beim Essen. Kaum daß er die Speisen berührte. Nach einer Viertelstunde verschwand er wieder.

Käthe, die nicht wußte, was vorgefallen war, erging sich in besorgten Mutmaßungen über seine Gesundheit. Sie ließ durchblicken, daß Hofrat Geismar ihr in Kreuth einige gar nicht unbedenkliche Andeutungen gemacht habe, wie wichtig es sei, daß sich Papa schone. Sie fand nur wenig Gehör bei den Schwestern und verstummte wie sie.

Elli drückte Marga heimlich ermunternd die Hand. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, in Vater Richthoffs Mienen Gutes zu lesen. Doch als Marga sie später im Garten befragte, wie er ausgesehen, vermochte sogar ihr Optimismus das Barometer höchstens auf „Veränderlich” zu deuten.

Eine beklemmende, schwüle Nacht senkte sich auf das Haus am Wenzelsberg.

Die Lampe im Studierzimmer des Geheimrats überdauerte mit ihrem Schein die spätesten Wanderer. Als der alte Herr sie endlich löschte, hatten die Geister der römischen Cäsaren Gelegenheit, sich über wunderliche Dinge, die sie gehört und gesehen, die erlauchten Köpfe zu zerbrechen.

Am nächsten Vormittag hatte er eine lange Unterredung mit Marga.

Noch nie hatten sie sich so verstanden, waren die Herzen von Vater und Tochter sich so nahe gekommen wie in dieser Stunde. Der Geheimrat sprach weder das Ja noch das Nein, das zu erwirken seine Vernunft und sein Herz sich so heiß befehdet hatten. Aber er erklärte sich bereit, den Doktor, diesen Eindringling und Ruhestörer, zu empfangen. „Um ihm den Kopf zu waschen!” wie er meinte. Und er ließ sich zwar nicht von Marga küssen, aber er gab ihr selbst eine Art unwirschen Kuß auf die Stirn und brummte etwas von „Vertrauen haben” in den Bart. Und Margas Augen schimmerten von Dankbarkeit. —

Käthe hatte sich für den Nachmittag mit Lizzie zu einem Besorgungsgang in die Stadt verabredet. Bald nach Tisch ging sie aus dem Haus.

„Die wird Augen machen, wenn sie am Abend heimkommt!” frohlockte Elli, als sie mit Marga allein zurückblieb.

„Ich hätte ihr gern eine Andeutung gemacht,” meinte Marga nachdenklich. „Sie wird es nicht schwesterlich finden, daß ich sie so gar nicht vorbereitete.”

„Ach was,” beruhigte Elli, „die Überraschung ist ja gerade das Netteste! — Was machen wir jetzt? Es dauert noch anderthalb Stunden, ehe das große Ereignis beginnt. Ich glaube, ich bin aufgeregter als du, Margakind! Faß mal an!” Sie legte die Hand der Schwester an ihre glühheiße Wange. „Hast du kalte Hände — puh! Dir scheint's ja auch tüchtig schummerig zu sein. Wir müssen was vornehmen! Du hättest mal sehen sollen, wie Papa aussah bei Tisch! Richtig feierlich wie ein Brautvater. Und manchmal bewegte er die Lippen, wie wenn er eine kleine Ansprache hielte — an den künftigen Schwiegersohn natürlich!” Sie kicherte erregt und sah zum Fenster der Eßstube hinaus auf den Weinberg. „Wahrhaftig! Papa kommt schon zurück! Keine zehn Minuten war er heut' bei seinen Schnecken. Du hast die Hausordnung schön auf den Kopf gestellt, Margakind! — Komm, wir gehen nach oben! In unsere Stube. Da wird's noch am ehesten auszuhalten sein.”

Marga ließ sich willenlos von Elli hinaufführen. Nun, da die Entscheidung mit jeder Minute näher auf sie zukam, wurde es ihr doch schwer und schwerer ums Herz. Um nicht verzagt zu werden, mußte sie sich immer bei sich wiederholen: Es ist ja doch das Glück, das vor der Tür steht! Papa wird sicher alles gutmachen! Und Max —

Aber Elli ließ sie nicht erst lange grübeln. Sie drückte sie in die Sofaecke, setzte sich neben sie, ganz nahe, und schwatzte — schwatzte das Blaue vom Himmel herunter. „Natürlich wird ihn Papa nachher dabehalten. Er muß bei uns Abendbrot essen. Denk' dir, als dein offizieller Bräutigam! — Kannst du dir eigentlich Papa vorstellen — als Schwiegervater? Wenn er mit deinem Max sich so richtig was erzählt? — Eigentlich ist's doch zu schnurrig, daß du die erste von uns dreien bist. Lizzie, Cousine Grasvogel, die Wilmannsmädels — die Gesichter möcht' ich sehen! — Wer wohl die nächste nach dir ist? Wenn doch Wilkens endlich wenigstens seinen Doktor machen wollte! Er hat mir geschworen, er werde nach Neujahr ins Examen steigen. Aber seine Meineide sind gar nicht mehr zu zählen!” Traurig und seufzend ließ Elli die Stimme sinken.

„Diesmal wird er bestimmt Wort halten,” tröstete Marga.

„Meinst du? Vielleicht nimmt er sich ein gutes Beispiel. — Ach, du, Margakind, waren das Tage auf der Sägemühle! So schön wird's im ganzen Leben nicht wieder!”

Jetzt war der rechte Gesprächsstoff gefunden.

Sie gingen miteinander den Sommer durch, beinahe Tag um Tag. Wie Perthes und Wilkens zum erstenmal miteinander draußen auftauchten. So unerwartet und doch erwartet. Wie Marga ihm das Wiederkommen verbot. Wie sie und Elli jenen Ausflug über die Berge machten. Erst in so niedergeschlagener, trüber Stimmung und dann auf dem Heimweg so glücksfroh — über den endlosen Hang von läutenden Glockenblumen, den Marga erträumte. Als sie über den Fluß setzten, stand er drüben am Ufer. Ihre Herzen fanden sich. Und dann die lustigen Mahlzeiten zu vieren! Der tolle Besuch von Papa Wilmanns, wo Borngräber den Sündenbock machen mußte und die „Generalrevision” in Bowle und Tanz sich auflöste. Elli jubelte noch in der Erinnerung, und Marga, von ihrer Lustigkeit angesteckt, vergaß für Augenblicke, wie ihr Herz klopfte.

Die Kuckucksuhr meldete dreiviertel vier. Die Zeit war im Fluge vergangen. Sie horchten betroffen auf, als sie schlug, und wurden beide still und ernst.

„Ich möchte Max so gern einen Moment sprechen, ehe er zu Papa hineingeht,” brach Marga zuerst wieder das Schweigen. „Ihm wenigstens die Hand drücken oder doch zuwinken,” meinte sie beklommen.

„Natürlich sollst du das! Ich leg' mich auf die Lauer. Laß mich nur machen!” Schon war Elli aufgesprungen. Sie öffnete die Tür und schlüpfte nach dem Flur, um die Wache anzutreten, so wie sie und Käthe es zu machen pflegten, wenn das Semester anfing und die Hörer von Papa sich in der Sprechstunde anmeldeten. „Weißt du noch,” flüsterte sie, sich auf der Schwelle nach Marga umdrehend, „wie wir ihn zuerst sichteten? Damals — mit dem Pfeffer-und-Salz-Jackett?”

Ob Marga das noch wußte! Es litt sie nicht länger auf ihrem Platz.

„Bleib doch!” mahnte Elli. „Wenn es klingelt und ich sehe, daß er's ist, ruf' ich dich!” Sie beugte sich herunterspähend über das Treppengeländer, obwohl noch nichts zu hören und zu sehen war.

Der Kuckuck holte zu seinen vier Rufen aus. Gleichzeitig wurde an der Hausklingel geläutet. Lange und schrill tönte es durchs Haus.

Marga ließ es sich nicht nehmen: ehe Elli es verhindern konnte, eilte sie die Treppe hinunter.

Sie war noch nicht im Erdgeschoß angelangt, als Therese schon geöffnet hatte. Eine fremde Stimme traf ihr Ohr. Enttäuscht blieb sie stehen.

„Da wird ein Brief für Sie abgegeben, Fräulein Marga.” Therese kam ihr entgegen und schob ihr ein Kuvert in die Hand.

Marga erschrak unwillkürlich. Was war das? Doch nicht — Perthes würde doch nicht etwa abgehalten sein, zu kommen? Sie fühlte, wie ihr alles Blut aus dem Herzen strömte. Zitternd öffnete sie den Umschlag. Die Zeilen waren in Punktschrift geschrieben. Sie konnten also nur von ihm sein.

Es dauerte eine Ewigkeit, ehe ihre Finger sich zurechtfanden.

„Was ist denn los!” raunte Elli neugierig von oben. So weit sie sich vorbeugte, sie konnte nicht sehen, was vorging.

Marga achtete nicht auf ihre Frage. Während ihre Fingerspitzen das Papier abtasteten, bewegten ihre Lippen sich lautlos. Sie las:

„Liebe Marga!

Was gäbe ich drum, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben müßte! Du wirst mich verachten, wenn Du sie liest, wie ich mich verachte. Ich kann nicht kommen. Ich kann mein Wort nicht einlösen — —”

Weiter kam Marga nicht. Ihre Knie zitterten. Sie zerknitterte den Briefbogen zwischen ihren Fingern und preßte die Hand gegen ihr Herz. Ein gedämpfter, kurzer, klagender Aufschrei, wie der Schrei eines Sterbenden, rang sich von ihren Lippen. Instinktiv suchte sie die Treppen zu erklimmen. Sie stolperte wie eine Trunkene. Im ersten Stock taumelte sie gegen Vater Richthoffs Tür. Das ewige Dunkel um sie her schien ihr in eine Wolke roten Bluts verwandelt. Sie konnte nicht rufen. Ihre Sinne schwanden, und sie meinte, ihr Leben schwinde mit ihnen —: Er kam nicht! Er würde nie kommen! Alles war zu Ende ...

Der alte Herr öffnete seine Tür, erstaunt über das Geräusch, das sie erschütterte. Zur rechten Zeit, um Marga in seinen Armen aufzufangen.


11

Exzellenz Hupfeld hatte den Rundgang durch die chirurgische Klinik beendigt. Der Geheime Rat hatte eine mehrwöchige Nordlandreise hinter sich und war heute zum erstenmal wieder in der Klinik erschienen. Seine Assistenten in ihren weißen Mänteln begleiteten ihn bis unter das Portal, wo der Chauffeur mit dem Automobil wartete. Er pflegte dann bis zuletzt Fragen zu beantworten und Weisungen zu erteilen.

Der zweite Assistent, Doktor Brunner, ein sehr gewissenhafter, etwas pedantischer und schwerfälliger Mensch, dessen Haltung den ehemaligen Militärarzt verriet, folgte mit Perthes, dem im Range dritten, bis an den Wagenschlag, während einige jüngere Volontärärzte unter der Einfahrt stehen blieben.

Exzellenz gefiel sich in diesem feierlichen, beinahe fürstlichen Bild seiner An- und Abfahrten. Das Gefolge seines Stabes, vervollständigt durch den in Positur stehenden, die Mütze senkenden Chauffeur und den dienstbereiten Oberwärter, stand gut zu seiner überragenden Gestalt im hellgrauen Staubmantel mit der eleganten Schirmmütze. Er hatte es deshalb nicht sonderlich eilig mit dem Einsteigen. „Sie haben also keine guten Nachrichten von Professor Kronheim?” fragte er mit seiner lauten, getragenen Stimme den rechts von ihm stehenden Brunner.

„Leider nein, Exzellenz,” lautete die Antwort. „Ich fürchte, Kollege Kronheim wird seinen Urlaub noch um weitere vier bis sechs Wochen verlängern müssen.”

„Ist denn die Lungenaffektion fortgeschritten?”

„Fortgeschritten nicht gerade,” berichtete Brunner korrekt weiter, „aber es fehlen auch die Anzeichen für eine Besserung. Er denkt an einen Aufenthalt im Süden.”

„Daran hätte der arme Kerl eher denken sollen. Fatal. Höchst fatal!” Hupfeld strich sich gedankenvoll über das runde, volle Kinn. „Sie sagen, vier bis sechs Wochen. Ich fürchte — ich fürchte, die Sache wird sich über den ganzen Winter hinziehen. Und wir haben in vierzehn Tagen Semesteranfang!” Er hatte den einen Fuß auf den Wagentritt gesetzt.

Chauffeur und Wärter beugten sich hilfsbereit vor, um ihn zu unterstützen.

Aber Exzellenz beharrte in tiefsinniger Stellung. „So wird die Geschichte nicht gehen. Wir müssen auf irgendeinen Ausweg denken,” überlegte er. „Ich sage das nicht,” wandte er sich lebhafter an seine beiden Assistenten, „um ihnen, meine Herren, den leisesten Vorwurf zu machen. Im Gegenteil, Sie tun das Menschenmögliche. Ich bin außerordentlich zufrieden.” Ein anerkennender Blick der blaßgrauen Augen schweifte von Brunner zu Perthes, auf dem er ruhen blieb. „Sie müssen entlastet werden, meine Herren! Sie reiben sich auf. Besonders Ihr Aussehen, mein lieber Perthes, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie überarbeiten sich!”

„Exzellenz sind sehr gütig. Aber ich fühle mich ausgezeichnet!” versicherte Perthes. Die gelbliche Farbe seines Gesichts, die tiefen Furchen unter den verschleierten Augen schienen ihn freilich Lügen zu strafen.

„Nein, nein, mein Lieber,” erwiderte mit einem huldvollen Hochziehen der dünnen, falben Augenbrauen der Geheime Rat, „ich kenne das. Sie sind ein Gewaltmensch. Sie werden nicht ruhen, bis Sie eines Tags zusammenklappen. Daraus wird nichts. Dazu sind Sie zu gut. Ich habe andere Pläne mit Ihnen!” Er nickte dem Doktor mit bedeutungsvollem Wohlwollen zu und schwang sich in den Kraftwagen, so gewandt und sicher, daß der Chauffeur nur den Schlag schließen und der Oberwärter nur einen respektvollen Bückling anbringen konnte. „Lassen Sie sich bald mal wieder bei uns sehen, Doktor Perthes. Sie, Kollege Brunner, lädt man ja doch umsonst ein. Der Herbst ist so schön draußen auf dem Stift!” Hupfeld lüftete jetzt höflich die Mütze. „Los!”

Das Automobil fauchte einen Augenblick. Dann fuhr es unter hellem Signal leicht und glatt davon.

„Sie werden sehen, er macht diesen Perthes zu seinem ersten Assistenten!” tuschelte einer der Volontärärzte den Kollegen zu, während sie ins Haus zurücktraten.

Perthes, der ihnen mit Brunner folgte, konnte die halb bewundernde, halb neidische Bemerkung hören. Er zog ärgerlich die Stirn in Falten. Es war ihm unangenehm, daß womöglich auch Brunner, der der nächste nach Kronheim war, solche Mutmaßungen auffangen konnte. Im übrigen waren ihm die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, nicht neu. Er galt für den erklärten Günstling von Exzellenz. Ebenso ausgemacht war es unter den Kollegen, daß er Hupfelds Schwiegersohn werden würde. Daß ihn der Geheime Rat bevorzugte, darüber konnte er sich ebensowenig täuschen wie die anderen. Was aber seine vermeintlich bevorstehende Verbindung mit Alice Hupfeld anging, so hatte er noch vor acht Tagen, am Vorabend der geplanten Verlobung mit Marga, eine dahin zielende Fopperei Markwaldts, seines früheren Institutsgenossen, auf dem Klinikerabend mit fast beleidigender Schärfe zurückgewiesen. Würde Markwaldt, diese gutmütige Klatschbase, die es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hatte, den wahren Charakter des mysteriösen Perthes „auszuwickeln”, seine Anzapfung heute zu wiederholen gewagt haben — er hätte bestenfalls ein Achselzucken oder ein spöttisches Zucken der Mundwinkel zur Antwort bekommen. Die Verachtung würde nicht einmal nur dem Frager gegolten haben; der Gefragte hätte sie auch auf sich selbst bezogen.

Ja, Max Perthes hatte begonnen, „umzuschalten” ...

Seine schroffe Abfertigung Markwaldts, so kurz vor dem beabsichtigten Besuch bei dem alten Herrn am Wenzelsberg, war ein letztes, ohnmächtiges Aufflackern gewesen. Damals war in ihm die Täuschung, er könnte wie ein Nachtwandler, nicht rechts, nicht links blickend, sich zu dem festen Ziel einer öffentlichen Verlobung mit Marga Richthoff durchzwingen, schon geschwunden. Mit jedem Schritt, den er der Entscheidung entgegentat, hatte er seine Kraft sich mindern gefühlt. Dafür trat ein, woran sein selbstherrlicher Stolz sich immer zu glauben geweigert hatte: seine Gedanken waren unermüdlich tätig, ihm die Äußerlichkeiten des Lebens herbeizuschleppen und vor ihm aufzutürmen, die aus dem Bund mit Marga sich ergeben mußten. Jene Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten des Alltags, vor denen sie selbst in ihrem reiferen, weiblichen Feingefühl ihn gewarnt, und die er für jetzt und alle Zukunft gering geachtet hatte, gewannen eine unheimliche Gewalt über ihn. Was würden die Kollegen zu seiner Verlobung sagen? Was würde Alice für ein Gesicht ziehen? Wie mußte Exzellenz Hupfeld sie aufnehmen? Die Sticheleien, der Spott und Ärger, die Geringschätzung und Zurücksetzung, die kommen würden — wie winzige bösartige Insekten wimmelten sie herbei, quälten seine Einbildung, unterfraßen und untergruben seinen ohnehin schon krampfhaften Entschluß. Nichts, gar nichts war geschehen, wenn er seine Verlobung mit Marga durchgesetzt hatte! Dann begann ja erst der Kampf! Ein Kampf, der seinem Stolz, seiner Stellung als Mensch und Gelehrter Wunde um Wunde schlagen, ihn vielleicht für immer aus seiner Laufbahn drängen würde!

Und er, der sich der Meinung anderer gegenüber für so gleichgültig und unempfindlich hielt, bebte schon vor den Gebilden zurück, mit denen seine Phantasie auf ihn eindrang. Vergebens wiederholte er sich gegenüber dieser kläglichen Schwachheit, daß bei Marga das Höhere, Schönheit und Frieden, die Selbstreife und die Erfüllung seiner inneren Sehnsucht sein würde — ein Königreich gegenüber allem, was er an äußerlicher Wirklichkeit drangab. Das Königreich war nicht für ihn. Er hatte sich überschätzt. Er reichte da nicht hinauf! Und die Liebe, die ihn hätte emporheben müssen — sie war nur ersprungen, nicht erschritten und erlebt.

Der Schiffbruch, dessen Schrecken er am Abend nach dem unseligen Diner auf Nieburg geahnt — jetzt war er da. Die Welle, die ihn vom Strand, wo Marga ihn erwartete, zurückgerissen, trieb ihn vollends ab, rettungslos, unwiderstehlich, stromab in die Mittelmäßigkeit ...

Perthes litt unsäglich in den Stunden, die dem Absagebrief an Marga vorausgingen. Die Verachtung, der Ekel, den er gegen sich selber empfand, brachten ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn er es doch versuchte? Wenn er es darauf ankommen ließ, ob er, durch ein öffentliches Wort gebunden, nicht doch stärker war, als er meinte? Er ermaß, wie furchtbar er Marga treffen mußte. Ein Leid bis auf den Tod wollte er ihr antun, ihr, deren zartes, hingebendes Gemüt er kannte; ihr, die er sich gewissenlos, über ihre ängstlichen Bedenken weg, zu eigen gemacht! Aber war es gewissenhafter, sie noch enger an sich zu ketten, um sie noch schlimmer zu enttäuschen und zu trügen? Wollte er nicht einmal so ehrenhaft sein, sie zu retten, solange noch ein Schimmer von Hoffnung war, es zu können?

Und er schrieb den Absagebrief.

Es war die zweite Niederlage, die Perthes innerhalb ein und desselben Jahres erlitt. Aber was war seine Kinderkrankheit der Liebe, die er im Frühjahr durchgemacht hatte, gegen das, was er jetzt erlebte? Damals fiel er bei der jugendlich unerfahrenen Jagd nach einer Sonnenwolke eines Tags aus seinen sieben Himmeln auf die nüchterne Erde. Die Verzweiflung, die jenem Sturz folgte, war heiß und zornig gewesen, eine echte Weltverzweiflung, wie sie mehr oder minder keinem Menschen von Temperament erspart bleibt. Die Verzweiflung aber, die jetzt sich seiner bemächtigte, diese grausame Selbstverzweiflung war kalt und verächtlich. Damals hatte er mit dem Gedanken an einen freiwilligen Tod gespielt; jetzt, männlicher geworden, trotz aller Unfertigkeit, war er der selbstzerstörenden Tat in Gedanken ferner, in Wirklichkeit näher. Doch der Rest von Lebensenergie, der in ihm war, gönnte ihm die Flucht aus dem Dasein nicht. Gerade in der Selbstverachtung fand er einen Stachel, der die Kraft weckte, weiterzuirren, um sich weiterzuentwickeln.

Warum sollte er der berechnende Streber nicht sein, wie ihn die Kollegen hinter den Erfolgen argwöhnten, die ihm bisher ohne sein Hinzutun in den Schoß gefallen waren? War es ihm versagt, das zu werden, was sein höheres Ich gewollt, so schob ihm dafür das Leben die Leiter der Karriere, diese goldene Himmelsleiter, so bequem wie möglich zurecht. Er brauchte nur seinen Fuß auf die Sprosse zu setzen. Die Leiter in der Kapelle auf Nieburg war vielleicht so gewissermaßen ihr Symbol gewesen. Und so anstrengend brauchte die Strebeleiter nicht zu sein, und war sie auch nicht. Er brauchte nur der Dutzendbruder, zu dem Natur und Geschick ihn bestimmten, mit Absicht und gutem Willen zu sein, so konnte es ihm nicht fehlen! Es lag ein dämonischer Reiz in der Abkehr von der Höhe zum Durchschnitt.

Was Perthes auch in seinem Aussehen so sehr herunterbrachte, waren viel mehr seine inneren Kämpfe als — wie Exzellenz Hupfeld vermutete — die klinische Überbürdung. Und er war töricht oder gleichgültig genug, die paar Freistunden, die ihm blieben, nicht zur Erholung zu benutzen. Spiel und Sport, die er im Sommer vernachlässigt hatte, wollte er systematisch forcieren. Er trat in den Ruderklub ein. Er interessierte sich mit Hilfe Markwaldts und Professor Hammanns, seines früheren Chefs, für Pferderennen und fuhr einen freien Sonntag mit ihnen nach Baden-Baden. Er zeigte sich, wann es nur irgend ging, bei Tennis und Hockey und erneuerte seinen Ruf als ausgezeichneter Spieler. Dort war es auch, wo er, anfänglich langsam und mit Überwindung, dann mit allem Nachdruck aus seiner Reserve gegen Alice Hupfeld heraustrat.

Mit Staunen sah Alice, die ihn nach dem Abenteuer im Kapellenturm kühl und schnippisch behandelte, wie seine Zurückhaltung in höfliche, später in eifrige Dienstbeflissenheit überging. Er konnte also doch Feuer fangen, dieser seltsame Mischling von Biedermann und Bandit, als den ihre nach pikanten Eroberungen lüsterne Phantasie ihn ansah. Sie triumphierte bei sich. Ihr Benehmen wurde in dem Grade spröder und süffisanter, als er sich um sie bemühte. Sie gefiel sich in immer neuen, launischen Einfällen, die seine Geduld auf die Probe stellen sollten. Das Radfahren hatte sie als unzeitgemäß und altmodisch endgültig aufgegeben. Seit vierzehn Tagen war sie passionierte Reiterin. Geschickt, wie sie in allen leiblichen Übungen war, lernte sie schnell und saß bald tadellos im Sattel. Sie arrangierte in der Universitätsreitbahn eine Quadrille. Professor Hammann und Cousine Hilla, die schon wieder zu Besuch da war, um bei Alice einen Bewunderungskursus durchzumachen, Perthes und sie gaben die Paare. Dann kamen Ausritte in die Ebene oder talaufwärts und in die Berge, bei denen ihre Verwegenheit die Partner zu Tollheiten jeder Art verleitete.

Perthes ließ sich weder durch ihre Launen noch durch ihre Spöttereien abschrecken. Mit höhnischer Verachtung unterdrückte er in sich jeden Ruf seiner Seele, der sich gegen dies gefährliche Spiel warnend erheben wollte. Es fehlte nicht an Anwandlungen von Schwermut. Mitten in der Nacht — er wußte nicht wie und warum — fand er sich einmal vor dem Haus am Wenzelsberg, wo er, des scharfen Oktoberwindes ungeachtet, nach einem Lichtschein in der Mansarde starrte. Waren es Marga und Elli, die da noch wachten? Wie hatte Marga den schweren Schlag, den er ihr versetzt, ertragen? Litt sie um ihn? War sie vielleicht krank? Der schneidende Wind beizte ihm die Augen feucht. Oder war es die Qual seines Herzens? Ein andermal war er, von einer jähen Regung überfallen, auf der Sägemühle abgestiegen und hatte sich in den herbstlich-öden Garten gesetzt. Als die Wirtsfrau kam und nach seinen Wünschen fragte, murmelte er unverständliche Worte und sprang auf und davon. Mit Geißelhieben jagte er sich und seine Sentimentalitäten heim. Und er überließ sich nach solchen Entgleisungen mit einer wahren Wildheit dem verführerischen Reiz, den Alice auf ihn ausübte. Bei ihr — ohne Zweifel bei ihr war das Rätsel, das er suchte, das sich ihm jeden Tag von neuem aufgab; das Ewig-Weibliche, wie es zu ihm paßte — ein Irrlicht, das aufglomm und erlosch und in der Ferne von neuem aufglomm, um ihn durch ein Leben des Erfolgs, der Äußerlichkeit und Mittelmäßigkeit hindurchzugaukeln ...