WeRead Powered by ReaderPub
Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 14: 13
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

Es war Mitte November geworden.

Das Wintersemester hatte sogar für die medizinische Fakultät wieder begonnen, die doch allerorts eine Ehre dareinsetzt, das maliziöse Wort, die Vorlesungen seien eine unangenehme Unterbrechung der Universitätsferien, nicht Lügen zu strafen.

Exzellenz Hupfeld konnte sich noch nicht entschließen, Stift Nieburg mit seiner Stadtwohnung zu vertauschen. Der köstliche Spätherbst des Jahres war da draußen ob dem Flußtal, inmitten der laubbraunen und tannengrünen Bergzüge, zu schön. Zweimal täglich und öfter mußte das Automobil den Weg nach der Chirurgischen Klinik hin und zurück machen.

Professor Kronheim, der erste Assistent der Klinik und vertretende Chef, hatte seine Tätigkeit noch immer nicht wieder aufnehmen können. Die Nachrichten von der Riviera, wo er Genesung suchte, lauteten wenig hoffnungsvoll. Brunner und Perthes mit den Volontärärzten versahen nach wie vor die ganze Arbeit. Der Geheime Rat war auf die von ihm angedeutete Reorganisation nicht wieder zurückgekommen.

Eines Sonntags, als Perthes, der am Nachmittag freihatte, gegen drei Uhr in seine Wohnung hinaufsteigen wollte, trat ihm die an Sonntagen meist unsichtbare Hauswirtin, Fräulein Eschborn, mit einer Visitenkarte entgegen, die sie mit seltener Feierlichkeit zwischen ihren beiden Händen balancierte.

Gleichgültig nahm Perthes die Karte entgegen und ging, ohne einen Blick daraufzuwerfen, nach oben. Erst vor seiner Tür las er den Namen. Es stand da mit schöngeschnittenen Buchstaben groß und einfach: „Benno Hupfeld Wirklicher Geheimer Rat.”

Kein Zweifel: Exzellenz mußte ihm einen offiziellen Besuch zugedacht haben. Da die Ordinarien der Fakultät mit herkömmlicher Bequemlichkeit höchstens ihren verheirateten Assistenten die Aufwartung zu erwidern pflegten und ein Mann wie Hupfeld sich sogar unter seinen unmittelbaren Amtsgenossen so banaler Verpflichtungen mit einer liebenswürdigen Entschuldigung entheben durfte, zeugte diese Karte von einer außergewöhnlichen Artigkeit. Gleichwohl warf sie Perthes beim Eintritt in sein Zimmer aufs Geratewohl beiseite.

Nach einer kleinen Weile besann er sich eines Besseren.

Was war er doch noch immer für ein unvollkommener Schüler der Strebekunst!

Mit einer Feierlichkeit, die die von Fräulein Eschborn übertraf, nahm er die hohe Visitenkarte von dem Stuhl, auf den sie geflogen, und trug sie zwischen den beiden Mittelfingern nach seinem Schreibtisch. In der Mitte der Unterlage von rotem Löschpapier legte er sie mit einer Verbeugung nieder. Sie war ja doch, richtig gewürdigt, das erste nicht zu unterschätzende Dokument des Fortschritts, das seine neue Methode des bewußten Hochkletterns gezeitigt hatte. Von Rechts wegen hätte sie auf ihrem Ehrenplatz mit Lorbeer umrahmt werden müssen. Schade, daß er den nicht zur Hand hatte!

Am Montag, als Exzellenz Hupfeld sich zur üblichen pompösen Abfahrt aus der Klinik anschickte, trat Perthes mit vollendeter Höflichkeit an den Geheimen Rat heran. „Exzellenz hatten die außerordentliche Liebenswürdigkeit —”

„Ach ja. Ich wollte Sie gestern besuchen. Schade, daß ich Sie nicht antraf!”

„Das Bedauern ist ganz auf meiner Seite —”

„Ich wollte mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen, die —” Hupfeld überlegte lächelnd. „Im übrigen, ich möchte das nicht aufschieben. Sie können sich mit mir ins Auto setzen. Es läßt sich da ungestört plaudern. Wollen Sie?” Die Frage wurde von einer jener herrischen Gebärden begleitet, die Hupfelds Liebenswürdigkeit eigentümlich machten.

Perthes erschrak unwillkürlich über den neuen Beweis von Wohlwollen. Die Volontärärzte auf der Treppe des Vestibüls machten lange Hälse. Doktor Brunner war diskret und höflich, aber mit ersichtlich langem Gesicht zurückgetreten.

„Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie zu lange in Anspruch nehme,” fuhr Hupfeld, der dies Schwanken schmeichelhaft beurteilte, beruhigend fort. „Ich lasse Sie mit meinem Wagen zurückführen.”

Nun gab es keine Widerrede. Perthes faßte sich schnell. „Wenn Exzellenz einen Moment warten wollen?” Er deutete auf seinen Operationsmantel.

Der Geheime Rat nickte gütig.

Perthes lief nach dem Hause. Ein saurer Gang in der Sonne öffentlicher Gnade. Er kniff die Lippen zusammen und heftete die Augen geradeaus ins Leere, als er an den beiseitetretenden Volontären vorbeieilte. Im Nu kam er zurück, in Jackett und Hut. An den ironischen Mienen der jungen Kollegen las er ab, was sie von dieser Autounterredung hielten. Als er wieder ins Freie trat, meinte er hinter sich etwas flüstern zu hören wie: „Exzellenz Schwiegerpapa!” Die Wut trieb ihm das Blut in den Kopf. Doch schon schritt er an Brunner vorüber, der unglücklich dreinsah und an seinem militärischen Schnauzbart zu kauen schien.

Der Krankenwärter half ihm ins Automobil, in dem Exzellenz schon Platz genommen hatte. Er machte dabei einen Bückling, für den Perthes ihm ins Genick hätte hauen mögen.

Doch schon fuhren sie tutend davon.

Hupfeld zögerte nicht, seinem Fahrgast seine Absichten auseinanderzusetzen. Fürs erste freilich, solange sie noch innerhalb der Stadt fuhren, sah er sich durch häufige Grüße unterbrochen. Er pflegte alle mit ausgesuchter Höflichkeit zu erwidern, ob es sich um einen Universitätsdiener handelte oder um einen Geheimrat. Erst hinter der Brücke, am Ausgang der Neustadt, wo die Villenstraße allmählich in die Landstraße überging, kam er in medias res. Nachdem er die Aussichtslosigkeit betont, die das Befinden des armen Kronheim biete — er hatte neuerdings selbst sehr trübe Nachrichten aus Rapallo erhalten —, sprach er von der Notwendigkeit, die erste Assistentenstelle seiner Klinik einstweilen neu zu besetzen.

„Die Angelegenheit ist durch die Persönlichkeit des guten Brunner, der eigentlich der nächste Anwärter ist, kompliziert,” erklärte der Geheime Rat fortfahrend. „Um es von vornherein zu sagen: er ist nicht der Mann, den ich brauche.”

„Ich habe ihn als einen sehr gediegenen, pflichteifrigen Kollegen schätzen gelernt,” schob Perthes ein, wobei er sich selbst über die neugewonnene Fähigkeit wunderte, sich durch billige Komplimente für andere ins beste Licht zu setzen. Perfid war er also auch schon.

„Zugegeben, lieber Perthes!” stimmte Hupfeld in das wohlfeile Lob ein. „Zugegeben! Aber es fehlt ihm jeder Zug ins Große. Er kann nichts selber in die Hand nehmen, wenn ich einmal nicht zur Stelle bin. Der leitende Arzt, der mich vertreten soll, muß etwas vom Herrscher an sich haben. Weitblick, eigene Gesichtspunkte, Vielseitigkeit!” Exzellenz gab jedes dieser ihn selbst verherrlichenden Prädikate mit monumentaler Rhetorik von sich. „Und dann — was die Hauptsache ist —, er muß das Zeug zu einem erstklassigen Operateur haben. Das hat der gute Brunner bei aller Gewissenhaftigkeit und relativen Geschicklichkeit nicht. Das haben — senza complimenti — Sie, mein lieber junger Kollege!”

Perthes wollte mit einer Schmeichelei für die Ganzgroßen abwehren. Aber dazu reichte seine Gewandtheit noch nicht. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er mußte sie durch Gebärden ersetzen.

„Doch, doch!” versicherte huldvoll der Geheimrat, der ihn auch so verstand. „Machen wir uns nichts vor. In so einschneidenden Fragen pflege ich mit rücksichtsloser Objektivität vorzugehen. Bleiben wir also bei sicheren Tatsachen. Die kurze Zeit, in der Sie bei mir arbeiten, hat mich von Ihrer außerordentlichen Befähigung überzeugt. Sie wären mein Mann! Sie werden es sein —”

„Aber, Exzellenz, ich bitte —”

„Hören Sie mir ruhig zu, lieber Freund!” Hupfeld legte die überweiche, berühmte Hand auf Perthes' Arm. „Ich habe alles erwogen. Sie sind sehr jung. Brunner darf nicht vor den Kopf gestoßen werden. Es heißt diplomatisch zu Werke gehen.” Ein schlaues, geistreiches Lächeln kräuselte seinen vieldeutigen, glatten Mund. Er entwickelte mit rednerischer Selbstgefälligkeit sein Projekt. Er wollte es übernehmen, Brunner von seinen guten Absichten zu überzeugen. Erstlich sollte dieser als der ältere durch seine Fürsprache im Ministerium — es genügte da ein Wink nach der Residenz — schon in den nächsten Wochen den Professorentitel erhalten. Ferner wollte ihm Hupfeld die bestimmte Aussicht machen, daß er binnen Jahresfrist einen Ruf als Außerordentlicher oder Leiter eines städtischen Krankenhauses nach auswärts erhielte. Dafür konnte Hupfeld bei seinen Verbindungen garantieren. Demgegenüber mußte Brunner einsehen, daß Exzellenz sich den jüngeren Perthes für die Stellung eines ersten Assistenten ganz speziell heranbilden wollte, und mußte ihm schon jetzt die nominelle Vertretung dieses Postens überlassen.

So weit war der Geheime Rat in seinen Ausführungen gekommen, als das Automobil sein sausendes Tempo verlangsamte und zum Stift hinauffuhr.

Die Unterredung konnte an dem Punkt, an dem sie angelangt war, nicht abgebrochen werden. Es blieb Perthes nichts anderes übrig, als die Einladung anzunehmen, mit Hupfeld zu frühstücken. Er griff sich an den Kopf, als er die Räume wieder betrat, die er vor einigen Wochen mit so großem Widerwillen kennen gelernt hatte. Die erste Viertelstunde, während er neben seinem Chef in dem weiträumigen Saal mit den gewaltigen Schränken, den seriösen Ahnenbildern, der neu angelegten, kostbar-bunten Porzellansammlung saß, meinte er einen schweren Traum zu wiederholen. Dann zwang er sein bedrücktes Herz mit eisiger Schroffheit zur Ruhe. Es ging vortrefflich. Bei einer Flasche Mosel und ausgesucht zarten Zwergbeefsteaks stellte Hupfeld die Bedingungen auf, unter denen er seinen künftigen ersten Assistenten verpflichten wollte. Perthes sollte sich innerhalb der nächsten vier Jahre nicht habilitieren dürfen, um ganz zu seiner, Hupfelds, Verfügung zu sein; sich auch dann noch ohne seine Zustimmung weder nach außerhalb bewerben noch einen etwaigen Ruf annehmen dürfen. Die Anstellung sollte erst nach einiger Zeit definitiv werden. Wann und mit welchem Gehalt, blieb späterer Bestimmung vorbehalten. Der Geheime Rat verschwieg, daß er bei dieser Gelegenheit einige dem Minister genehme, ihm zum Lob gereichende Ersparnisse zu machen gedachte. Dagegen ließ er Perthes nicht im Zweifel, daß er ihm die zukünftige Karriere innerhalb der hiesigen Universität gewährleisten wollte.

Perthes sah durch diese glänzenden Anerbietungen jede Erwartung weit übertroffen. Gleichwohl zwang er sich dazu, seiner Befriedigung keinen allzu begeisterten Ausdruck zu geben. Der Dämon, von dem er sich in seiner Selbstverachtung beherrschen ließ, riet ihm, sich zu sparen und seine streberischen Pläne womöglich als Ganzes zur Reife zu bringen. Es lockte ihn, seine Fähigkeit, emporzukommen, gleich durch ein Meisterstück zu erproben.

„Exzellenz sehen mich gegenüber solchen Beweisen des Vertrauens verwirrt —”

„Es sollte mich freuen,” versicherte Hupfeld mit großartiger Loyalität, „wenn es mir mit meinen Vorschlägen gelungen wäre, Ihre Wünsche mit den meinen in Einklang zu bringen.”

„Meine Wünsche wagten sich so hoch nicht, Exzellenz. Gleichwohl werden Sie es billigen, wenn ich mir angesichts so weitausschauender Pläne einige Tage erbitte, um sie durchzudenken.”

Hupfeld sah den Doktor ziemlich erstaunt, beinahe mißtrauisch an. Diesmal war ihm ein Zaudern unverständlich. „Nun ja —” meinte er gedehnt. „Ich gebe Ihnen natürlich Bedenkzeit. Nur —”

„Exzellenz dürfen überzeugt sein, daß ich dies Zugeständnis nicht mißbrauche. In wenigen Tagen, vielleicht schon morgen —”

„Bringen Sie mir eine zustimmende Antwort,” vollendete der Geheime Rat mit leichter Schärfe. Er hatte sich erhoben und bot Perthes verbindlich die Hand zum Abschied. Als er allein war, schüttelte er den Kopf: „Bei alledem — ein merkwürdiger junger Mann!”

Er sollte diese Merkwürdigkeit bald besser verstehen, als er ahnte. —

Nach milden, sonnigen Tagen brachte der November seine gewohnten brausenden, kühlenden Stürme, die im Wirbel das rote und braune Laub aus den Baumkronen rissen.

Gerade das unstete, tosende Wetter lockte die Abenteuerlust von Fräulein Exzellenz. Sie schlug für einen der nächsten Nachmittage den Teilnehmern der Reitquadrille einen Fernritt, und zwar einen tüchtigen Fernritt vor. Bei trügerischem Sonnenschein brach man auf. Perthes hatte sich mit Mühe freigemacht. Er sprengte mit Alice voran. Sie sah im langen, schwarzen Reitkleid gut aus. Es ließ ihre biegsamen Formen zu herausfordernder Geltung kommen. Der flache, ebenrandige Hut saß keck über den rotblonden Haaren. Professor Hammann und Cousine Hilla folgten in mäßigem Tempo und unter bedenklichen Protesten. Man hatte auch noch kaum die Sägemühle hinter sich, als der Wind grimmig einsetzte, den Himmel voller Wolken fegte und den Reitern brausenden Widerpart hielt. Als Perthes und seine Begleiterin bei einer Wegbiegung, am Eingang in ein leidlich windstilles Gehölz, sich umblickten, war von Hammann und Fräulein Hilla keine Spur mehr zu sehen.

„Wollen wir auch das Hasenpanier ergreifen?” fragte Alice mit einem spöttischen Blitzen der grünlich schimmernden Augen, während sie die losgerissenen Haarsträhnen aus den Wangen strich.

Statt der Antwort gab Perthes seinem Pferd die Sporen.

Mit klingendem Lachen jagte Alice ihm nach, bis sie wieder an seiner Seite war. Sie versetzte ihm zur Strafe einen leichten Hieb mit der Gerte auf die Hand, die die Zügel führte.

Hinter dem Wald ging es mit aufeinandergepreßten Lippen und zugekniffenen Augen gegen den Sturm. Kurz vor dem ersten Dorf schnob ein feiner, dichter Regenschauer aus den Wolken und durchnäßte Reiter und Roß.

Nun mußte man doch wohl oder übel im Wirtshaus haltmachen.

Alice fand es apart und reizend, in dem sauberen Herrschaftszimmerchen, in dem ein Ofenfeuer grüßend leuchtete, Tete-a-tete zu „mahlzeiten”. Man sah durchs Fenster hinaus auf den windgepeitschten Fluß, die regenwolkenverhangenen Berge. Fast wie auf der Sägemühle, dachte Perthes, als er zufällig hinausblickte. Um so besser, setzte er höhnisch hinzu. Er überließ sich dem willkommenen Reiz der Situation. Die nassen Kleider erfüllten unter der behaglichen Wärme die Stube mit ihrem Dunst. Es war ziemlich dunkel. Aus der Ofenecke, wo Alice sich eingerichtet hatte, sah man nur ihre Augen mit seltsamer Intensität aufglänzen.

Nachher, am Tisch, gab sie sich allerliebst. Sie war etwas aufgeregt und suchte diesen Zustand, der ihr kleinlich schien, durch die ausgelassene Freiheit ihres Benehmens zu verdecken. Sie gab sich die Rolle der Demimondaine, die sie augenwerfend und trällernd trefflich zu mimen verstand. Perthes sollte dazu den Galantuomo spielen.

Er ging bereitwillig darauf ein. Aber in einem Moment leidenschaftlich vorgetragener Liebeserklärungen, die sie mit koketter Kälte über sich ergehen ließ, vergaß er das Spiel. Er riß Alice in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen.

Als er sie wieder freigab, war sie ernüchtert und erschrocken. „Was fällt Ihnen ein!” stammelte sie verlegen.

„Was mir schon längst hätte einfallen müssen!” gab er siegesgewiß zurück.

Schmollend und zürnend trat sie von ihm weg. Sie stellte sich ans Fenster und stand dort geraume Zeit, von ihm abgekehrt.

Er setzte sich mit scheinbarer Gelassenheit in die Ecke am Ofen und stocherte mit der Zange im Feuer.

Plötzlich wandte sie sich um. Mit ihrem drolligsten Spitzbubengesicht, halb spöttisch, halb ärgerlich, sah sie ihn an. „Nu — werden wir uns wohl verloben müssen. Wie abgeschmackt Sie sind!” meinte sie halblaut.

Er war mit zwei Schritten an ihrer Seite. Sie musterten sich mit einem tiefen, brennenden Blick. Dann küßten sie sich in einer neuen, wilden Umarmung. Und verlobten sich, trotz aller Abgeschmacktheit ...

Als Perthes sich am folgenden Tag in der Hupfeldschen Stadtwohnung einstellte, um Exzellenz Hupfeld seine Zusage für die erste Assistentenstelle zu bringen, empfing ihn der Geheime Rat sehr gemessen.

„Sie haben ja Ihre Bedenkzeit sehr eigenartig benutzt, Herr Doktor! Nun darf ich wohl um Bedenkzeit bitten?” lautete die strenge Einleitung.

Aber der hohe Herr konnte sich nicht lange auf so eisiger Höhe halten. Er wurde väterlich gerührt. Und lächelte bald wie ein gütiger Schöpfer über die kleinen Unarten und Torheiten seiner Geschöpfe.

Im Salon warteten Frau Hupfeld mit Alice und Cousine Hilla. Bei der Tür stand der Diener Karl. Diesmal nicht, um Gewittermeldungen vorzutragen, sondern um auf einen Wink die Sektkelche zu reichen. Schade, daß Leutnant Moritz fehlte.

Man feierte Verlobung im Familienkreise. Vorverlobung.

Es war stilvoller und großartiger, als es je im Haus am Wenzelsberg hätte werden können ...


12

Schon seit über vierzehn Tagen hatte Vater Richthoff seine Vorlesungen wieder aufgenommen. Zwischen drei und vier Uhr des Nachmittags schallte wieder häufig und hell die Klingel durchs Haus: nacheinander kamen und gingen die Hörer, junge Semester mit bunten Mützen, Bier- und Milchgesichter, alte Semester wie Oberlehrer Trabner mit der Glatze und der Stahlbrille, den Gummimanschetten und dem Trikot-Stehumlegekragen, „Flanellstorch” genannt.

Aber die „Bande” war nicht wie sonst auf dem Posten über der Treppe, um die Alten zu registrieren und die Neuen zu etikettieren. Höchstens daß Elli mal neugierig über das Geländer lugte. Dann war es nur, weil Wilkens, der Faulpelz, sich noch immer nicht hatte einschreiben lassen. Kurz vor Semesteranfang hatte er, um sich, wußte der Himmel von was, zu „erholen”, noch eine verheiratete Schwester in Magdeburg besuchen müssen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Nur Ansichtskarten meldeten der entrüsteten Elli, daß es ihm wohl ergehe.

Das grausame Leid, das Marga mitten in ihren frohen, bräutlichen Träumen heimgesucht hatte, lastete auf allem und allen. Nicht zuletzt auf dem alten Herrn. So fromm und artig und märchenhaft still war es in zwanzig Jahren um ihn her nicht zugegangen. Wenn er hinter dem Schreibtisch saß und kritzelte, konnte er sicher sein, daß kein störender Laut seine römischen Kaiser in ihrer Würde bedrohen, ihn aus der vornehmen Vertraulichkeit ihrer geisterhaften Gegenwart aufscheuchen würde. Aber trotzdem — oder gerade deshalb? — warteten diese oft vergeblich auf die Zwiesprache mit dem Meister, der sie rief. Kein zürnendes Murren, keine feurige Apostrophe drang aus dem verqualmten Winkel. Statt dessen hatte der alte Herr mehr als einmal den Gänsekiel nicht mehr in der Hand, sondern den grauen, krausbärtigen Kopf vergrämt aufgestützt, und lauschte hinaus in die unheimliche Ruhe seines Hauses. Wenn doch mal eine Tür unversehens ins Schloß geknallt wäre! Wenn doch ein nicht mehr zu bändigendes, junges Mädchenlachen aus der Dachstube herunter- oder vom Erdgeschoß, aus den Wohnzimmern heraufgekollert wäre, daß er empört hätte dazwischenfahren können! Wieviel besser wäre das seinen Cäsaren bekommen. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war vor vierzehn Tagen erschienen. Schon kamen begeisterte Briefe von entfernten Hochschulkollegen und früheren Schülern. Vater Richthoff lächelte höchstens über die guten Vorzeichen. Jetzt, wo er den gerechtfertigten und verdienten Lohn einer Lebensarbeit einheimsen sollte, blieb die rechte Freude aus.

Richthoffs Freunde: Wilmanns, Borngräber, die Kegelbrüder und die Fakultätsgenossen — alle waren bestürzt und schlugen die Hände zusammen über das müde, verdrossene, teilnahmlose Wesen des alten Herrn. Er war ja nicht mehr zu kennen! Hofrat Geismar zerbrach sich vergeblich den Kopf, wie es möglich war, daß nach dem frischen, verheißungsvollen Abschied in Bad Kreuth jede Nachkur daheim ausblieb. Wilmanns, der mit seiner Familie Thüringen unsicher gemacht hatte, schimpfte vergeblich auf das teure Schwarzburg, wo ihm die lärmende Holzindustrie das Leben verbittert hatte; lobte umsonst das liebliche Ilmenau mit Engelszungen und erzählte die kühnsten Abenteuer mit lauter Beredsamkeit. Borngräber, der „Mädchenjäger”, wie ihn Papa Wilmanns hartnäckig benamste, rollte ohne Erfolg die verwundert-treuherzigen Augen und jammerte, daß ihm der Wind drei Hüte in die Ostsee geführt habe, statt, was doch sein Versöhnliches gehabt hätte, in ein klassisches oder orientalisches Meer. Richthoff hörte nur mit halbem Ohr zu und schob seine Kugel so flau, als wollte er ja den Kegeln nicht zu nahetreten.

Und Marga? Sie, von der der Kummer ausgegangen war, der das Haus am Wenzelsberg drückte und freudlos machte?

Es gibt einen Schmerz, der, ohne laut und heftig zu sein, sich doch wenigstens in Zeichen des inneren Kampfes verrät: nicht Tränen, aber ihre Spuren, nicht das harte Aufbäumen, aber das wehe, zitternde Zurückweichen und Wegwenden zeugen dafür, daß ein Lebendiges, wenn auch noch so schwach und versteckt, sich wehrt gegen das Tötende, auch im Unterliegen den Widerstand wahrt und in der Gegenbewegung sich erhält. Wenn Marga diesen Schmerz gezeigt hätte! Man hätte ihn, so leise er sich regte und rührte, zu lindern und zu heilen suchen können. Aber in ihrem Schmerz war kein Kampf, kein Widerstand, keine Bewegung. Von dem Augenblick an, wo sie aus ihrer tiefen Ohnmacht aufgewacht war, schien jeder Wille in ihr gebrochen zu sein. Sie konnte nicht weinen. Ihre Züge blieben leblos: mitunter hatten sie den Ausdruck einer leeren Maske, die in unbewußter Angst und Hilflosigkeit erstarrt ist. Ihre Seele schien nicht mit aufgewacht zu sein aus der Ohnmacht des Körpers. Ihr Geist war klar, beinahe nüchtern klar; sie wußte, was vorgefallen war, und sprach selbst mit matter, klangloser Stimme davon. Sie hörte auch zu, wenn der alte Herr, alle Barschheit und Zurückhaltung in Liebe und Mitgefühl vergessend, weich und ernst mit ihr redete; wenn Elli, Tränen in den sonst strahlenden Augen, sie ermutigen wollte und Käthe herzliche, ungezierte Worte des Verstehens fand. Aber sie blieb empfindungslos. Das Gefühl, das man ihr entgegenbrachte, klang nicht zurück. Alle die reichen und tiefen Kräfte des Gemüts waren wie ausgelöscht. So ausgelöscht, daß man zuweilen hätte glauben können, sie litte nicht einmal. Und doch — oder gerade deshalb — strömte eine Traurigkeit von ihr aus, so unsagbar, so über alles Trösten und Mitleiden, daß sie jeden ergriff und niederdrückte und das Haus mit einer stummen Klage erfüllte. Wie ein reifes Kornfeld, das unter einem Hagelschauer sich in eine tote Wüste verwandelt hat, so war Margas große Stille zur großen Leere geworden.

Die erste Sorge galt natürlich ihrer Gesundheit. Der Geheimrat wollte den Arzt rufen lassen. Auch Käthe drang darauf. Elli wurde beauftragt, Marga selbst zu fragen, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte sich völlig gleichgültig und meinte nur, sie wüßte nicht, was sie einem Arzt zu sagen hätte. Die Ohnmacht schien auch keine weiteren körperlichen Folgen zu haben. Ihr Aussehen veränderte sich kaum. Sie klagte über nichts. Man war übereingekommen, daß das Leid, das sie getroffen, unter keinen Umständen auch nur andeutungsweise nach außen dringen und zu irgendwelchen Gerüchten Anlaß geben dürfe. Diese Schonung, die einzige, der auch die äußeren Umstände ihres Unglücks entgegenkamen, mußte um jeden Preis gewahrt werden. Das war der Grund, weshalb man es vorläufig doch unterließ, den Arzt zuzuziehen.

Wochen vergingen, ohne daß Margas Zustand sich veränderte. Nach wie vor war sie äußerlich gesund, nach wie vor dämmerte ihre Seele pflanzenhaft dahin.

Der alte Herr sah mit Besorgnis, wie diese schleichende Qual die Stimmung im Haus mehr und mehr verdüsterte. Sie zehrte an ihm und seiner Arbeitskraft, an Käthes und Ellis Frische und Frohmut. Wie schwüle Sommertage, die grau und lastend ohne die reinigende Entladung eines Gewitters sich ablösen, schlichen die Tage einer um den anderen hin, und die Menschen im Haus schlichen mit ihnen. So konnte es nicht fortgehen! Es mußte etwas geschehen. Ein Entschluß mußte gefaßt werden, der irgendwie wieder Luft und Licht in die stickige Atmosphäre brachte.

Ohne Wissen der Mädels ging der Geheimrat vor.

Er hatte in Pommern, weit droben an der Küste, einen Stiefbruder. Man schrieb sich alle Jubeljahr, sah sich noch seltener. Für Käthe, Marga und Elli spielte der Onkel Gutsbesitzer fast eine mystische Rolle. Vor Jahr und Tag war er einmal an ihrem Kinderhimmel aufgetaucht: ein jovialer, untersetzter Mann mit ein paar seelenguten Augen in seinem wetterharten, braunroten Gesicht. Keine entfernte Ähnlichkeit mit Vater Richthoff. Seine Frau oder gar die Cousinen — es konnten sechs oder mehr sein, denn Onkel Thiele schickte, wenn nichts anderes, so doch Jahre hindurch regelmäßig eine fröhliche Geburtsanzeige — waren völlig sagenhaft.

Dorthin richtete der alte Herr, einer plötzlichen Eingebung folgend, seine Hoffnungen und bald darauf ein Schreiben, so brüderlich und leserlich, als es ihm nur möglich war. Zum Schluß fragte er unumwunden an, ob man seine zwei Jüngsten für ein paar Wochen auf Güstow brauchen könnte. Der Geheimrat mußte keine acht Tage warten, bis die Antwort kam, geschrieben von einer guten, ehrlichen preußischen Landwirtsklaue. Es wäre zwar im Sommer schöner in Güstow. Dafür hätte man aber jetzt, nach guter Ernte, mehr Zeit und mehr Geld. Auch versprächen die Jagden allerhand Gutes. Kurz: die beiden Jüngsten wären willkommen. Seine Frau und seine Döchtings wären schon jetzt „doll vor Vergnügen” über den Besuch der Richthoffschen Vettern. Das war ein kleines Mißverständnis: Onkel Thiele hatte sich im Lauf der Zeit eingebildet, sein Stiefbruder müsse naturnotwendig ebenso viele Jungens haben, wie er Mädels hatte. Doch das ließ sich aufklären. Die Hauptsache war: Marga und Elli wurden erwartet.

Der Geheimrat atmete auf. Er erhielt Onkel Thieles Brief zum Frühstück. Als er ihn zu Ende gelesen, sah er seine Mädels der Reihe nach an. Zum erstenmal brachte er es fertig, ihren trübseligen Mienen mit einer halbwegs heiteren Verschmitztheit zu begegnen. „Wißt ihr, wer Onkel Bernhard ist?” forschte er in der Runde.

„Onkel Bernhard?” Elli schüttelte den Kopf.

„Meinst du Onkel Thiele in Pommern?” fragte Käthe nach bedächtigem Schweigen.

„Allerdings,” nickte Vater Richthoff, „Onkel Bernhard Thiele, Gutsbesitzer auf Güstow, Kreis Regenwalde in Pommern.”

„Ach, der! Dein Stiefbruder! Was ist's mit ihm?” Elli war glücklich, daß das öde Einerlei der Mahlzeiten durch einen neuen Unterhaltungsstoff sich für einen Augenblick aufhellte. Das leidlich muntere, väterliche Gesicht entzündete leise ihre alte, ausgelassene Laune. „Hat er wieder Familienzuwachs bekommen?”

„Das gerade nicht, Naseweis!” erwiderte der Geheimrat. „Aber er lädt euch ein.”

„Lädt uns ein? Nach Pommern? Auf sein Gut? Wen — uns? Für wann?” Es war so verlockend für Elli, einmal wieder drei, vier Fragen auf einmal losfeuern zu können.

„Onkel Thiele lädt dich und Marga ein, ihn jetzt für einige Wochen auf Güstow zu besuchen!” erklärte der alte Herr klar und bündig.

Elli blieb der Bissen im Hals stecken. Käthe riß die braunen Augen ungläubig auf. Sie wollte schon den Mund öffnen, als ein Blick Vater Richthoffs ihr die richtige Fährte gab. Sie nickte verständnisvoll. Auch Elli begriff schnell, daß hier etwas Gutes im Werk sei. Marga selbst saß teilnahmlos dabei, als hätte sie nichts gehört und verstanden.

„Lest mal selbst!” Richthoff reichte Onkel Thieles Brief Käthe über den Kaffeetisch. Elli beugte sich voll Neugier mit darüber. Zu zweien entzifferten sie die massiven Zeilen.

„Na, mein Mädchen, wie denkst du über die Einladung?” wandte sich der Geheimrat inzwischen an Marga, seine Hand zärtlich auf die ihre legend.

Margas Augen kehrten aus der leeren Weite, in der sie erstarrt waren, langsam und fragend zurück. „Über die Einladung?” wiederholte sie. „Ach so — ihr sprecht von Thieles in Pommern. Wen hat er denn eingeladen?”

„Aufmerksamkeit schlecht!” scherzte der alte Herr. Er erklärte ihr nochmals ausführlich, um was es sich handelte. „Ich möchte, daß ihr, du und Elli, den Thieles die Freude macht!” setzte er aufmunternd hinzu.

„Denk' mal an, Margakind! Nein, das ist zum Totschießen!” Elli lachte so laut und herzlich, wie es seit Wochen im Haus am Wenzelsberg nicht erhört war. „Die halten uns für zwei Jungens! Für zwei Vettern!”

„Ja — den Irrtum muß ich Onkel Bernhard noch nehmen. Die Enttäuschung könnte zu groß sein,” bemerkte Vater Richthoff vergnügt.

„Aber nein! Gerade nicht! Das darfst du keinesfalls, Papa!” rief Elli. „Malt euch mal aus — paß auf, Margakind! — Die stehen auf ihrem Bahnhof, so ihre zehn Köpfe hoch: Onkel, Tante, acht, neun Mädels — alle blond wie Hafer und dick und rot wie Rosenäpfel! Der Zug, so'n rechtes Bimmelbähnchen — Blumenpflücken während der Fahrt verboten! —, braust heran. Sie recken ihre Hälse. Sie suchen die Wagen ab. Wo zum Kuckuck sind die Richthoffschen Jungens?! Und der Zug fährt wieder ab. Auf dem Bahnsteig stehen nur zwei Mädels. Marga und ich! Und empfehlen sich zur geneigten Ansicht! Denkt euch, die Gesichter!” Elli schüttelte sich vor Wonne. Auch der alte Herr schmunzelte, und Käthe lächelte über Ellis blühende Phantasie. Nur Marga rührte sich nicht. Ellis Lustigkeit reichte nicht an ihre verschollene Seele.

„Und wann sollten wir denn dorthin kommen?” fragte sie schleppend, ohne daß ihre Stimme ein näheres Interesse verriet.

„Sobald ihr wollt!” erklärte Richthoff. „Die Jahreszeit ist ja nicht die rechte. Ihr müßt euch für den norddeutschen Winter einrichten. Da oben ist's kalt. Gerade gut, um sich mal tüchtig auszulüften. Das wird dir guttun, Marga! Andere Menschen, anderes Leben. Ein bißchen Zerstreuung — verstehst du, Kind?” Er beugte sich zu ihr vor. Nur behutsam wollte er an die Absicht rühren, die er mit dieser Reise für sie verband. Das übrige setzte die Vertraulichkeit hinzu, mit der er ihr auf den Arm klopfte. „Also ausgemacht! Ihr reist je eher, je lieber!” Er erhob sich erleichtert und ging mit seiner Zeitung nach oben. Ein Wink verständigte Käthe und Elli, Marga zuzureden und etwaige Bedenken zu zerstreuen.

Zu jeder anderen Zeit hätte die unerwartete Reiseaussicht in weite Ferne, die verblüffende Großmut des sonst so gestrengen und in pecuniis genauen Papa Richthoff unter der Bande wie eine Bombe eingeschlagen. Dermalen war die Freude natürlich gedämpft, die Verwunderung zurückgedrängt. Aber es war doch, als hätte man in dem verdumpften Haus irgendwo ein Fenster aufgerissen: ein frischer Luftzug, ein schräger, dünner Sonnenstrahl schlüpfte herein.

Käthe fand etwas von ihrer altklugen Weisheit wieder. Was sie über Margas von ihr vorausgesagtes Unglück empfand, eine wenn auch schmerzliche Genugtuung, hatte sie taktvoll nur ihrem Tagebuch anvertraut. Dafür erging sie sich jetzt in trefflichen Aussprüchen über die Wunder, die eine Ortsveränderung an einem beschwerten Menschenherzen immer tue, und sorgte nebenher mütterlich für die beiden Kleinen, denen sie die Reise nach Norden ehrlich gönnte.

Elli aber regte und tummelte sich in dem lang entbehrten, schmächtigen Sonnenschein wie ein Kätzchen, das sich auf gut Wetter putzt. In einem allmählichen Crescendo, das ihrem Temperament nicht ganz leicht wurde, aber Margas Zustand berücksichtigte, ließ sie ihrem Optimismus die Zügel schießen. Ihre umtriebige Natur sah sich jetzt wieder einer handgreiflichen Aufgabe gegenüber: sie konnte nun mal Marga in ihre alleinige Behandlung nehmen. Eine richtige Kur hatte sie mit ihr vor. Wie man dürres, vertrocknetes Land fürs erste tüchtig unter Wasser setzt, so wollte sie Marga unter Freude setzen. Sollte es nötig sein: sie wollte nicht nur das Rittergut Güstow mit Onkel und Tante Thiele samt den unzählbaren Cousinen, sondern ganz Preußisch-Pommern auf den Kopf stellen. Mit den Vorbereitungen zu diesen Großtaten begann sie sachte schon jetzt. Sie ließ Marga keinen Augenblick allein. Unausgesetzt umflatterte sie sie, unterhaltsam und wachsam zugleich. Ihre Plappermaschine, durch die Kümmernisse der letzten Wochen dem Verrosten nahe, kam neugeölt in neuen Gang. Außer dem Gutsleben, das ihre Phantasie mit Jagdabenteuern, Segelfahrten an der nahen Küste, Überlandpartien in Kutsche und Schlitten zu märchenhaften Tanzbällen ausschmückte, war es besonders Berlin, die Reichshauptstadt, die sie vor Marga in feenhafter Glorie aufsteigen ließ. Sie mußten nämlich in Berlin Station machen. An einem Tag war Gut Güstow nicht zu gewinnen. Papa hatte an einen befreundeten Kollegen geschrieben, wo sie einquartiert werden konnten. Aus dem einen Rasttag ließ Elli drei bis vier werden. Man konnte doch so 'ne Gelegenheit, mal was Rechtes zu sehen, nicht ungenutzt vorbeilassen. Das mußte auch Papa einsehen. Nicht schon jetzt, aber im geeigneten Moment, wenn man ihm eine entzückte Karte schrieb, die alles erklärte. Und nach Güstow depeschierte man — Elli depeschierte in der Einbildung öfter als alle europäischen Kabinette — und bat um Frist. Dann — oh, es war unbeschreiblich, in welchen Strudel von Genüssen man sich dann stürzte! Stürzte mit der grausigen Andacht, die die Weltstadt dem jungen, unverdorbenen Mädchengemüt Ellis einflößte — schon aus der Ferne. Theatervorstellungen, philharmonische Konzerte, Zoologischer Garten, Kaiser sehen, Warenhausbummel, Unter den Linden, Friedrichstraße, Potsdam, Sanssouci, Hochbahn und Untergrundbahn, das drehte sich und prasselte wie ebenso viele Feuerräder durch die Luft.

Mit den Erfolgen ihrer Lustkur mußte sich Elli allerdings einstweilen sehr bescheiden. Im Anfang verhielt sich Marga vollständig gleichgültig. Wie eine blasse Wand, auf die man die buntesten Bilder der Wunderlaterne geworfen hat, war sie nachher so stumm und leblos wie vorher. Sie half, soweit es in ihren Kräften stand, beim Einpacken. Mechanisch erwiderte sie die Fragen, deren Antworten man ihr in den Mund legte. Sie war mit keinem Gefühl bei dieser Reise. Es war nicht einmal sicher, ob sie hörte, was Elli unermüdlich deklamierte. Trotzdem stellte diese mit der Zeit winzige Triumphe ihrer Methode fest. Wenn es nur ein Kopfschütteln oder Kopfnicken war, das sie erzielte, verzeichnete sie schon einen Fortschritt. Und als es ihr gar gelang, den Tag vor der Abreise durch eine bis dahin nicht dagewesene Brillantvorführung von Berliner Genüssen Marga ein Lächeln — nicht zu entlocken, sondern schon mehr zu entreißen, lief sie erst in die Küche, wo gerade Käthe eine süße Speise bereitete, und dann stürmte sie, alles Herkommen außer acht lassend, in Vater Richthoffs Arbeitszimmer, so blitzgewaltig, daß der alte Herr entsetzt von seiner Kaisergeschichte in die Höhe fuhr.

„Marga hat gelächelt! Marga hat richtig gelächelt! Beinahe gelacht!” verkündete sie schallend.

Ehe der Geheimrat sich fassen und sie ausschelten konnte, war sie wie die Windsbraut wieder draußen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Das Ereignis stand in keiner Beziehung und keinem Größenverhältnis zu den Germanenkämpfen, die das römische Weltreich erschütterten. Aber bemerkenswert war es schließlich doch. Sehr sogar. Und der alte Herr lächelte hinterdrein auch.

Am Nachmittag desselben letzten Tages vor der Berlin-Güstower Novemberreise trat eine kurze Ebbe ein. Es war gepackt. Die allernötigsten Besprechungen konnten noch beim Abendbrot erfolgen. Zwischendrin mußte nach Ellis Ansicht noch etwas unternommen werden. Damit einem die Zeit nicht zu lang wurde. Sie schlug Marga einen Stadtbummel vor. So zum Abschied von dem guten, alten Nest, das einem schon jetzt furchtbar klein und provinzmäßig vorkam.

Marga war meist schwer zum Spazierengehen zu bewegen. Sie fühlte sich, wenn sie sich überhaupt wohl fühlte, zu Hause noch am besten. Diesmal willigte sie überraschenderweise sofort ein, und Elli verzeichnete den zweiten kolossalen Fortschritt des Tages.

Es war ein kühler, selten klarer Spätherbsttag. Die Sonne schien rotgolden und wehmütig aus dem halb klaren, halb federwolkigen Himmel. Der Wind pfiff scharf um die Straßenecken. Fest und schützend drückte sich Elli an Marga. Auf der Brücke blies es ganz toll aus Osten. Fast flogen die Hüte mit auf. Der Fluß schäumte ungebärdig. Eben rasselte ein Kettendampfer unter der Brücke durch. Die Pfeife schrie mürrisch in den Wind hinein, und dann legte er sein Dampfrohr nieder, um durch den Brückenbogen zu kommen. Die bewimpelten Lastkähne, mit rotem Sandstein befrachtet, schaukelten in endloser Reihe hinter ihm drein.

Die Leute blieben trotz des Windes einen Augenblick stehen und warfen einen Blick über das Geländer. Auch Elli hielt eine Sekunde an und schaute hinunter.

„Was gibt's denn?” fragte Marga. Fern wie sie war, wußte sie sich Stillstand und Geräusch nicht gleich zu erklären.

„Bloß der Kettendampfer. Komm!” Schon ging Elli weiter.

„Wo kommt er denn her?” fragte sie mit einer ungewöhnlichen Bewegung der sonst so eintönigen Stimme.

„Wer? Ach so, der Dampfer! Vom Tal herunter.”

Sie gingen weiter. Margas Schritt war schleppend geworden.

Elli schaute ihr ins Gesicht. Mit Staunen sah sie, wie in ihren Zügen eine außerordentliche Erregung arbeitete. Der kleine, unbedeutende Vorgang — der alltäglichste fast, der sich denken ließ — schien ein Zittern in ihre erstorbene Seele zu bringen. Eine Erinnerung schaffte in ihr. Auf der Sägemühle hatten sie so manchmal vom Garten aus den Lastschiffen zugeschaut. Vielmehr Marga hatte hinausgehorcht auf das Rasseln und Plätschern, und Elli mußte ihr die Kähne zählen.

Elli erriet nur unklar, was sie beschäftigte. Instinktiv lenkte sie jedoch das Gespräch ab. Sie erzählte ihr von neuen Villen in der Vorstadt. Zu ihrer Beruhigung war die Erregung in Margas Antlitz bald wieder geschwunden.

Drüben über der Brücke — sie wollten gerade noch ein paar Schritte die Neustädter Hauptstraße hinaufschlendern — liefen die Schwestern durch einen Zufall Cousine Grasvogel in die Hände. Natürlich wußte sie schon von der Reise der lieben Kinder. Es gab einen unausweichlichen Schwatz, einen Regen von Fragen, die Elli beantworten mußte. Die Grasvogels waren nämlich mit den Thieles auf Güstow, und zwar doppelt, verwandt. Die Richthoffs und die Thieles, der Geheimrat und der Gutsbesitzer waren die gesellschaftlichen Leuchten, in deren Glanz sich Cousine Grasvogels armes Altjungfernherz vor der Mitwelt und sich selber sonnte. Es gab da Grüße und Gott weiß was zu bestellen.

„Wie habt ihr's gut, daß ihr noch einmal in die Nachsommerfrische dürft!” meinte sie begeistert.

Nachsommerfrische war eine Wendung, die Elli um Margas willen unliebsam drohend fand. „Ja, Papa ist sehr gut. Entschuldige übrigens! Wir haben noch schrecklich viel zu tun und zu besorgen!” Mit geschäftiger Hast suchte sie sich von Fräulein Grasvogel loszuringen.

Doch die witterte mit dem sicheren Sinn der gereiften Weiblichkeit schon länger zwischen Sommerfrische und Nachsommerfrische interessante Zwischenfälle oder Übergänge. Ellis Hand ließ sie los, aber dafür hielt sie die Margas um so fester. „Die Sägemühle ist euch aber auch gut bekommen, nicht wahr, Marga?” flötete sie weiter.

Elli gewahrte mit Sorge, daß das Wort Sägemühle, das daheim verpönt war, in Margas Mienen dieselbe Unruhe hervorbrachte wie zuvor auf der Brücke der harmlose Kettendampfer.

„Ausgezeichnet!” antwortete sie, lauter als nötig, an Margas Stelle. „Entschuldige nur, wir müssen —”

„Natürlich, ihr habt's eilig!” versicherte Cousine Grasvogel durchaus verständnisvoll, aber ohne locker zu lassen. „Was mir gerade einfällt — ihr werdet gewiß verwundert —”

„Gar nicht! Gar nicht!” rief Elli. Sie wußte nicht warum, aber sie ahnte, daß die gute Cousine noch mehr Unheil anrichten wollte, und strebte, Marga am Arm zerrend, entschieden davon.

„Ach — ihr wißt's am Ende schon lange! Nicht? Ich meine, daß der liebenswürdige, nette Doktor — wie heißt er doch? — Doktor Perthes — er war doch mal bei euch auf der Sägemühle, nicht? oder öfter — und auf dem reizenden Gartenfest im Juni, nicht? — daß er sich mit Alice Hupfeld verlobt hat? Vorgestern erfuhr ich's von —”

Elli hatte Marga mit Gewalt fortreißen wollen. Aber seit der Name Perthes gefallen war, stand sie steif, schwer, unbeweglich. Und als die für beide niederschmetternde Neuigkeit heraus war, stand auch Elli einen Moment, wie vom Schlag gerührt, kreidebleich.

Cousine Grasvogel, die es nicht bös meinte, stockte in ihrem Redefluß, selber bestürzt und sprachlos über die Wirkung ihrer Mitteilung.

In der nächsten Minute riß Elli Marga mit einem halb wütenden, halb schmerzlichen Aufschrei herum und lief mit ihr, so schnell sie konnte, heimwärts davon.

Marga selbst folgte willig und wortlos. Der Zufall wollte, daß sie fast an derselben Stelle, wo ihr einst Käthe über Perthes' Liebelei mit Hilde König eine erste Andeutung gemacht, diesen tiefen, über alles Verstehen schmerzhaften Streich empfing. Das dumpfe, erregte Arbeiten in ihren Zügen war in ein fast konvulsivisches Zucken übergegangen. Ihre erstorbene Seele erwachte aus der bleiernen Erstarrung von Wochen. Das Blut stieg und fiel in ihren Wangen mit heißen, beklemmenden Wellen.

„Ich glaube, wir sollten besser mit der Elektrischen fahren!” stieß sie, nach Atem ringend, plötzlich hervor.

„Natürlich, Margakind!” Elli hatte die nächste Haltestelle erspäht. Sie half Marga in den Wagen und schmiegte sich drinnen dicht an sie. Sprechen konnte sie nicht.

Von der Station hinter dem Bahnhof erreichten sie schnell das Haus am Wenzelsberg. Noch zu rechter Zeit.

Ein furchtbarer, herzbrechender, den Körper schüttelnder Weinkrampf kam über Marga. Wehrlos mußte sie sich dem Schmerz überlassen, und ihr lautes Schluchzen erfüllte vom Flur das Haus. Therese, Käthe, der alte Herr stürzten herbei.

Noch nicht eine halbe Stunde später lag Marga mit hohem Fieber zu Bett.

In der Nacht wurde sie bewußtlos und redete irre. Alice, Perthes, die Sägemühle, der rasselnde Schleppdampfer zermarterten in wirrer, grauser Jagd ihr Hirn.

Geismar wurde gerufen. Er konnte noch kein bündiges Urteil geben, äußerte sich aber sehr besorgt.

Am Morgen konstatierte er ein Nervenfieber.

Marga reiste statt zu Thieles auf Güstow weiter, viel weiter. Bis an die Grenze zwischen Leben und Tod ...


13

Als Doktor Markwaldt, der ehemalige Kollege am Bakteriologischen Institut, die Kunde von Perthes' Verlobung mit Fräulein Exzellenz erhielt, da meinte er zu dem Überbringer, einem der Volontärärzte der Chirurgischen Klinik: „Da haben wir's ja! Genau, wie ich's voraussah!” Im Grunde seines Herzens aber war er verblüfft. Noch verblüffter aber war er, als er statt einer gedruckten Anzeige folgende Zeilen erhielt:

Lieber Markwaldt!

Sie haben, wie Sie mir gelegentlich gestanden, immer geschwankt, ob ich ein Faulpelz oder ein Streber sei. Ich habe mich mit Fräulein Alice Hupfeld verlobt. Ich denke, das wird Ihrem Schwanken ein Ende machen.

Gruß Ihr Perthes.

Zum mindesten eine originelle Art, sich selber zu denunzieren, dachte Markwaldt kopfschüttelnd. Als er seinerzeit am Klinikerabend, auf dunkle Gerüchte hin, Perthes aufgezogen und sich eine so erregte Abfuhr geholt hatte, war er nur aggressiv gewesen, um dem „Unergründlichen” einmal auf den Zahn zu fühlen. Er wußte, daß Perthes zum Richthoffschen Hause in naher Beziehung stand, und glaubte nicht im Ernst an eine Verbindung mit Hupfelds. Jetzt, wo sie doch plötzlich Wahrheit geworden war, schien ihm die Sache nicht ganz behaglich, und er räsonierte, menschenfreundlich wie er war: „Wenn sich der Junge nur nicht in die Nesseln gesetzt hat! Er bleibt ein verdrehtes Huhn!” Aber er bewunderte doch den Tiefblick Professor Hammanns, seines Chefs. Der hatte zuerst über Perthes das ahnungsvolle Wort „Heiratspolitiker” fallen lassen. Nur so en passant und als Vermutung. In Markwaldts Augen war er durch diese Probe weltmännischer Menschenkenntnis hoch in der Achtung gestiegen, und der Assistent benutzte die nächste Gelegenheit, vor ihm seine Bewunderung auszudrücken.

Seltsamerweise nahm Professor Hammann dieses Kompliment mit mehr als oberflächlichem Dank auf. Der gutmütig-klatschsüchtige Markwaldt, der sich selber so findig vorkam und doch immer an der rechten Fährte vorbeilief, konnte nicht wissen, daß er seinem Chef mit seiner Anerkennung nur eine gemischte Freude bereitete.

Denn Ludolf Hammann, um es vorweg zu sagen, trug sich seit einiger Zeit selbst mit heiratspolitischen Absichten. Daß er, der freiheitliebende Junggeselle, dessen Herz für den Sport, dann für sich und erst in letzter Linie für die Frauen schlug, dabei mehr der Not als der Neigung gehorchte, lag nahe. Für Alice Hupfeld hatte er vor Jahren mal so etwas wie eine Neigung zu empfinden geglaubt. Bei näherer Bekanntschaft mit ihren gegenseitigen Charakteren mußten sie sich beide „für den Ernst der Ehe ungeeignet” finden. Sie lachten sich also auseinander und blieben gute Freunde. Wenn der patente, wissenschaftliche Amateur und Zufallsgelehrte, der er war, jetzt ernstlich daran dachte, seine Unabhängigkeit dranzugeben, so mußte sie von anderer Seite bedroht sein. Seine Vermögensverhältnisse hatten denn auch — was außer ihm niemand wußte — in aller Stille einen schweren Stoß erlitten. Das Kapital, das ihn unabhängig machte, steckte zum größten Teil in der Bank eines für unbedingt sicher geltenden Onkels in den Rheinlanden. Diese Bank kämpfte mit der Liquidation. Hammann sah sich mit einem Schlag vor sehr beträchtlichen Verlusten und damit vor der Gefahr, seine wohlige Lebensweise in unerhörtem Maß einschränken zu müssen. Kein Wunder, daß er auf einen Ausweg sann, der das geringere Übel bedeutete, und — horribile dictu — sich nach einer reichen Partie umsah.

Die akademischen Kreise der kleinen Universitätsstadt zerfielen, von Hammann aus gesehen, in der Hauptsache in ein modernes und ein rückständiges Lager.

Das rückständige Lager kam für ihn nicht in Betracht. Rückständig waren die Professoren, denen die Gelehrsamkeit wie in alten Tagen ein vornehmer Selbstzweck blieb. Es waren die Leute, die er meist nicht einmal mit ihrem richtigen Namen kannte, alte Herren wie Vater Richthoff, Wilmanns und Borngräber. Jedoch nicht nur Philosophen, sondern auch vereinzelte Juristen, Mediziner, wie Geheimrat Geismar, und Theologen, von denen gar nicht zu reden war. Daß unter allerhand Schrullen in dieser, wie es schien, aussterbenden Kategorie von Hochschullehrern der beste Kern von Gediegenheit und berechtigtem Gelehrtenstolz steckte, war für Hammann uninteressant und nebensächlich.

Wichtiger, allein wichtig war für ihn die zweite Gruppe, die neben der ersten allmählich als neue und moderne akademische Gesellschaft herangewachsen war. Zuerst und vornehmlich rekrutierte sich diese aus den Fakultäten, die wie die naturwissenschaftliche und medizinische dem praktischen Leben der Gegenwart näher standen als ihre selbstloseren Kollegen. Den Akademikern dieses Schlages war ein großzügiger Hang zum Kapitalismus eigen. Sie hielten die Legende vom Selbstzweck der Wissenschaft um des guten Scheines willen aufrecht, aber verstanden sie zeitgemäßer, also kaufmännischer. Der typische Repräsentant der neuen Gattung war Exzellenz Hupfeld. Leute wie Hammann, zahlreiche Kollegen aus den übrigen Fakultäten stellten den Chorus. Man wollte nicht mehr nur forschen und lehren, sondern im weitesten Sinne des Wortes auch leben. Alte Häuser, wie das am Wenzelsberg, mit steilen Weinbergen und Schnecken darin, verwunschene Butiken wie Borngräbers efeuumranktes Landhäuschen paßten nicht zu solchen Anschauungen. Gelehrsamkeit war etwas sehr Schönes, aber eine pompöse Villa im Villenviertel, ein altes Damenstift im Tal, kostspielige Liebhabereien, ein Automobil, Dienerschaft — kurzum, Luxus war mindestens ebenso schön. Mit so vorgeschrittener Auffassung war aber auch die Exklusivität des Akademikers, die ihn bisher nicht nur aus Dünkel, sondern aus geistigem Unabhängigkeits- und Selbsterhaltungstrieb von anderen Ständen sonderte, im alten Sinne nicht aufrechtzuerhalten. Die moderne Hochschulgesellschaft erschloß sich denn auch naturgemäß Elementen, die man früher hatte abseits stehen lassen. Um sich nichts zu vergeben, erweiterte man die Grenze nicht nach unten, sondern nach oben. Nach oben freilich im wirtschaftlichen und altständischen Sinne, nicht im geistigen, wo ein soziales Oben und Unten nicht zu finden war.

Auf dieser Verschiebung der gesellschaftlichen Grenze nach oben beruhte seit einiger Zeit im Kreise derer um Hupfeld der Einfluß des Grafen oder besser der Gräfin Hüningen.

Der Graf, in sehr naher, aber nicht ganz legitimer Beziehung zu einem regierenden Hause stehend, hatte sein Domizil seit etwa anderthalb Jahren in einem kleinen Palais der Altstadt, wo im Anfang des vorigen Jahrhunderts eine Prinzessin ihre Witwenjahre vertrauert hatte. Nach reichlich bewegtem Leben als Gardeoffizier und späterer Attaché in Konstantinopel und anderwärts waren jetzt seine Interessen in einer ausschließlichen Liebe für Wappenkunst nahezu erstarrt. Man sah ihn fast nie, und dann nur mit der gewichtigen Miene eines von der Arbeit gebeugten Forschers, dem das Monokel und der Schleppschritt als Überbleibsel vergangener Tage seltsam unharmonisch anhafteten. Die Gräfin dagegen, aus der steinreichen Familie eines ostdeutschen Großindustriellen stammend, von mütterlicher Seite Amerikanerin, war trotz ihrer fünfundvierzig oder mehr Jahre noch immer eine beinahe jugendliche Erscheinung. Stattlich, sehr gewählt in ihrem Geschmack, gewandt und geistreich in ihrem Auftreten, hatte sie sich überraschend schnell in der vorgeschrittenen akademischen Gesellschaft zu einer tonangebenden Stellung emporgeschwungen, die ihr allerdings die „Rückständigen” nicht eingeräumt hätten. Mehr und mehr bildete sie mit Exzellenz eine Doppelsonne, und Hupfeld, dessen Frau zur Repräsentation wenig geschaffen war, ließ sich die Teilung seiner Gewalt gefallen, da die Gräfin es verstand, dem großen Manne zu schmeicheln. In ihrem Geleit, man konnte auch sagen, in ihrem Schatten, trat ihre Tochter Edith in die Gesellschaft. Sie hatte von der Mutter ein sehr hübsches Gesicht, vom Vater eine Indolenz und geistige Armut geerbt, die der Beweglichkeit der Mutter als Folie diente. In sachlicher Würdigung aller Umstände widmete sich Professor Hammann als ziemlich einziger Verehrer der gutmütig-beschränkten Komtesse Edith.

Während Hammann mit seinen heiratspolitischen Absichten sich in einer durchaus vertrauten Sphäre bewegen konnte, mußte Perthes, der mit beiden Füßen von einem Lager ins andere gesprungen war, aus der einfachen Behaglichkeit des Richthoffschen Hauses in die üppige, große Welt der Hupfeld und Hüningen, sich an die neue Umgebung erst gewöhnen. Doch das ging fürs erste überraschend gut und leicht. Dem glücklichen Bräutigam zeigte sich das veränderte Dasein einstweilen nur von der angenehmsten Seite. Nach der Bekanntmachung der Verlobung begann ein wahrhaft verteufelter Reigen von Besuchen und Einladungen, von liebenswürdigen Familienfesten, Aussteuerkäufen und Zukunftsberatungen. Es gab Tage, an denen er und Alice kaum einen Moment erhaschten, um hinter irgendeiner Flügeltür der weiten, überladenen Zwölfzimmeretage, die Hupfelds im Winter in der Stadt bewohnten, sich die Lippen wund zu küssen. Aber gerade die seltene Möglichkeit, sich allein zu haben, die Atemlosigkeit eines immerwährenden Taumels, der sie auseinanderriß und nur eben zwischen Tür und Angel den Vorgeschmack einer tollen Verliebtheit kosten ließ, erhöhte für ihn und Alice den Reiz. Diese vergnügliche Jagd war wie geschaffen, um sie ihm immer neu, immer lockend als das verführerische Irrlicht zu zeigen, das er begehrte, und auch ihr die Freude an ihrem „Räuberhauptmann”, wie sie ihn endgültig getauft hatte, in der rechten Spannung zu erhalten. Die Bewußtheit, mit der Perthes sich in den Wahn auch dieses so ganz anders gearteten Glückes hineingepeitscht hatte, schien schneller, als er erwartet, in die Illusion völliger Befriedigung überzugehen. Er konnte tagelang vergessen, mit welcher dämonischen, ja zynischen Gewaltsamkeit er die Verlobung mit Alice angestrebt und herbeigeführt hatte. Wohl konnte ihm in einem Moment der Selbstbesinnung einmal die Frage auftauchen, ob es mit rechten Dingen zuging, daß er mit solcher Geschwindigkeit zum Oberflächlichen und Mittelmäßigen „genas”. Aber derartige Momente waren selten, und er tat, was er vermochte, um sie noch seltener zu machen.

Die Hochzeit war auf Mitte Januar festgesetzt.

Ein einziges Mal, in den geräuschvollen Bräutigamswochen vor Weihnachten, wurde Perthes von einem ernstlichen Rückfall bedroht. Es war an einem Sonntagmittag. Das intime Familiendiner bei Hupfelds war um ein paar Gedecke erweitert worden. Unter anderem war ein früherer Schulfreund von Leutnant Moritz, ein junger Assistenzarzt der Inneren Klinik, zu Tisch geladen. Perthes unterhielt sich gerade mit Alice über die unmittelbar bevorstehende Verlobung von Professor Hammann und Edith Hüningen. Da machte ihn eine Äußerung des gegenübersitzenden Kollegen aufhorchen. Dieser sprach mit seiner Tischnachbarin, einer Studentin der Medizin, zwei Worte über einen schweren Fall von Nervenfieber in seiner Klinik und nannte zufällig den Namen eines Fräulein Richthoff. Perthes erblaßte und ließ seine Gabel ziemlich laut auf den Teller klirren. Er hatte sich jeder Erkundigung nach Marga, so schwer es ihm bisweilen wurde, streng enthalten. Der neue Kreis, in dem er jetzt ausschließlich verkehrte, berührte sich kaum mit dem früheren, so daß ihm keine Nachrichten von drüben zukamen. Nun traf ihn diese Kunde, die er instinktiv auf Marga bezog, mit voller Wucht. Er mußte sich beherrschen, um bei Tisch bleiben zu können.

Alice war die einzige, die seiner Bewegung Beachtung geschenkt hatte. Neugierig sah sie in sein durch die Aufregung verändertes Gesicht. Sie hatte den Namen Richthoff so gut gehört wie er. Sie wußte, daß zwischen ihm und den Richthoffschen Mädchen irgend ein Zusammenhang bestanden hatte, war aber, wie es so geht, immer wieder von einer Frage abgedrängt worden. Jetzt hätte sie gern ihre Neugierde befriedigt. Doch die Gelegenheit war nicht günstig dafür. Sie beschloß ihn nachher auszufragen.

Gleich nach Aushebung der Tafel verschwand Perthes mit einer flüchtigen Entschuldigung.

Ohne Überlegung, nur seinem Gefühl folgend, eilte er auf dem nächsten Weg zur Inneren Klinik.

Dort ließ er durch den Pförtner den Kollegen bitten, der den Sonntagnachmittagsdienst hatte. Es war ein stiller, argloser, nur seinem Beruf ergebener Mensch. Perthes brauchte keine Umschweife zu machen. Er fragte also nach Marga Richthoff. Der Assistenzarzt wußte sofort Bescheid. Mit einer Teilnahme, die verriet, daß er der jungen, blinden Patientin etwas mehr als das übliche Berufsmitgefühl zugewandt hatte, erzählte er, daß am Tag vorher die Krisis eingetreten sei. Aller Voraussicht nach sei das Fieber gebrochen und die Gefahr überwunden. Perthes stellte noch einige fachmännische Fragen über den Verlauf der Krankheit, bedankte sich und ging davon.

An der Befreiung, die er nach günstigem Bescheid empfand, merkte er, daß er eine Wunde besaß, die nicht aufbrechen durfte. Er gestand es sich nicht, aber er wußte, daß die entgegengesetzte Nachricht ihn vernichtet hätte.

Eine halbe Stunde nachher war er wieder bei Alice.

Sie stellte ihn zur Rede, wo er gewesen, und wollte, als er auswich, auch auf die Frage zurückkommen, die sie bei Tisch unterdrückt hatte. Er schloß ihr den Mund mit Küssen und lenkte hartnäckig ab. Er hatte diesen Rückfall abgetan und wollte an nichts mehr erinnert sein.

In den wenigen Tagen, die noch bis Weihnachten übrig blieben, beschäftigten die hundert Fragen von Einrichtung und Wohnung das Brautpaar und die Eltern Hupfeld. Über die Wohnung gab es eine kleine Meinungsverschiedenheit. Exzellenz war der Ansicht, daß sein künftiger Schwiegersohn sich eine der niedlichen Villen kaufen müsse, die in der Neustadt täglich wie Pilze aus der Erde schossen. Alice hatte das von Anfang an nicht anders erwartet. Dagegen hatte Perthes seine Bedenken. Sein eigenes kleines Vermögen — daraus hatte er nie ein Hehl gemacht — war im Lauf seiner Studien und im häufigen Wechsel der Stellungen, die sein wiederholtes Umsatteln mit sich brachte, so gut wie aufgezehrt. Das Gehalt eines ersten Assistenten an der Chirurgischen Klinik, wenn es auch nicht schlecht bemessen war, reichte noch nicht einmal für ein einigermaßen angenehmes Leben zu zweien, wie es Fräulein Exzellenz gewöhnt war. Dazu mußte die stattliche Rente mithelfen, die sie als Mitgift bekommen sollte: um diese Abhängigkeit konnte Perthes, so sehr sich sein Selbstgefühl dagegen sträubte, nicht herumkommen. Desto fester war er entschlossen, sich dem Geheimen Rat nicht noch mehr zu verpflichten. Wovon sollte er aber aus eigener Kraft eine Villa kaufen?

Hupfeld ließ schon einen Agenten kommen. In Gegenwart der ganzen Familie wurden Pläne von entzückenden Landhäusern besichtigt. Eins, das in einer nagelneuen Bergstraße fix und fertig stand, fand allgemeinen Beifall. Nach weitläufigen, fröhlichen Beratungen über die Verteilung der Zimmer, Gartenanlagen, Wahl der Tapeten und so weiter zogen die Damen sich zurück. Der Agent machte den Herren seine geschäftlichen Vorschläge. Die Gesellschaft, die er vertrat, bot glänzende Bedingungen bei einer verschwindenden Anzahlung. Auf diese Weise wurden im Handumdrehen fast alle Akademiker zu Hausbesitzern gemacht. Perthes benahm sich gegenüber der Verlockung sehr kühl und widerstrebend. Exzellenz begriff erst nach und nach den Grund. Man verabschiedete den Agenten, ohne sich gebunden zu haben, und sprach sich offen aus. Hupfeld erklärte mit dem feinen Lächeln des wohlwollenden Grandseigneurs die Bedenken von Perthes für sehr ehrenwert, aber nicht stichhaltig. Diese paar tausend Mark Anzahlung waren eine Lappalie. Er wollte sie dem jungen Paar mit Vergnügen zum Geschenk machen. Als Perthes sich dagegen mit dankbarer Entschiedenheit wehrte, wurde der Geheime Rat ungeduldig, beinahe ungnädig. Von einer Mietvilla, wie Perthes sie vorschlug, wollte er nichts hören. Seine Alli hatte ja nun auch gerade an diesem Häuschen besonderen Gefallen. Er nannte Perthes, der in ein Geschenk durchaus nicht willigen wollte, einen Starrkopf und erbot sich, die Summe nur vorzuschießen. Damit mußte Perthes, wenn auch ungern, sich schließlich zufrieden geben.

Weihnachten war da. Die Festtage zu Hause zu feiern, war seit einigen Jahren nicht mehr fair. Hupfelds gingen gewöhnlich für sechs bis acht Tage nach St. Moritz. Da indessen die Hochzeit vor der Tür stand und der Leutnant seine ledige Alli auch noch mal genießen wollte, wie er aus Freiburg schrieb, wählte man diesmal den näheren Feldberg. Im Schwarzwald war viel Schnee gefallen Der Wintersport versprach köstliche Feiertage ...

Am Tag vor dem heiligen Abend fuhren die Eltern Hupfeld mit Alice. Am ersten Feiertag kam Perthes nach. Er fuhr im selben Zug mit der Gräfin Hüningen, mit Hammann und dessen Braut, Komtesse Edith. Aus einem Coupéfenster dritter Klasse winkte Markwaldt, der in seinem Sporthabit wie ein Salontiroler aussah.

Auf dem Feldberg waren Rodelsport und Skilauf in vollem Gange. Im Hotel drängte sich eine internationale Gesellschaft, in der auch Offiziere, Korpsstudenten, Professoren nicht fehlten. Ein Staatssekretär aus Berlin, ein siamesischer Prinz, ein amerikanischer Boxcalfmillionär bildeten die Zentralgestirne. Alice, die außer Cousine Hilla neuerdings Edith Hüningen unter ihre Fittiche genommen hatte — um Hammann bei seinen „Pygmalionsversuchen” zu helfen, wie sie boshaft erklärte —, war ganz in ihrem Element. Während Papa Hupfeld sich mit dem Staatssekretär auf der Basis gemeinsamer Exzellenz vorzüglich verstand, ließ sie sich von der schlitzäugigen Siamesenschönheit Schmeicheleien sagen und neckte den Boxcalfmann bis aufs Blut.

Perthes, der mitten aus schwerer Arbeit kam, wurde es weniger leicht, sich in diesem eigentümlichen Weihnachtstrubel wohl zu fühlen. Alice erklärte, ihr Räuberhauptmann sei und bleibe zwar der netteste und famoseste Junge in dieser internationalen Raritätensammlung, aber er müsse eifersüchtig gemacht werden. Mit ihren Manieren eines Gamin, ihren drolligen Bosheiten und Unarten machte sie sich Sklaven und Anbeter. Aber Perthes hütete sich, eifersüchtig zu sein. Zum mindesten es zu scheinen. Wenn er sie dann glücklich vor sich im Davoser Schlitten hatte, mit ihrer engen, weißen Jacke und der schiefen Eismütze, preßte er sie mit jener zornigen Leidenschaftlichkeit an sich, die sie so oft in ihm weckte, und sie sausten mit Hojo an den verschneiten Tannen vorbei zu Tal ...

Nach Neujahr kam im Eilschritt die Hochzeit. Ein prunkvoller Festtag rauschte vorbei: rührend in der Kirche — denn man hielt auf religiösen Anstand —, lärmend, luxuriös auf dem in blühenden Sommer verwandelten Stift Nieburg. Am Abend ein und desselben Tages, an dem Marga, in Tücher und Decken gehüllt, von Elli gestützt, von Vater Richthoff und Käthe beaufsichtigt, ihren ersten, minutenlangen Gang durch den besonnten Hof am Wenzelsberg unternahm, brachte das Automobil Doktor Perthes und Frau Alice, geborene Hupfeld, nach der Bahn.

In Südfrankreich, später in Neapel flogen dem jungen Ehepaar die Wochen der Reise in zeitloser Wonne vorbei. Trunken vom Glück einer entzügelten, unerschöpflich scheinenden Verliebtheit sahen sie einer den anderen im zauberhaften Licht immer neuer Reize. Sie dünkten sich andere Menschen geworden zu sein mit nie geahnten, unbegrenzten Möglichkeiten ihrer selbst und allen Daseins.

Im Februar kamen sie zurück.

Der Geheime Rat holte sie ab und führte sie im Triumph in das entzückende, über Erwarten bequem und elegant ausgestattete Heim, wo Mama Hupfeld mit unwandelbarer, dicker Kindlichkeit sie empfing.

Nachher jagten sie sich wie die Jungens durch ihre Zimmer.

Auf der Rückreise waren sie etwas schlaff geworden. Ein klein wenig Katerstimmung hatte sich einschleichen wollen — nun die Alltäglichkeit vor ihnen, das Außergewöhnliche hinter ihnen lag.

Jetzt, beim ersten Schmaus zu zweien, im eigenen Nest, verkündete Perthes, daß es für ihre Liebe überhaupt keinen Alltag gäbe, und Alli bekräftigte diese Devise mit ihrem hellen, kurzen, aufreizenden Lachen, das sich stärker erwiesen hatte als alle seine gemütvollen Torheiten aus längst vergangener Zeit.