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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 15: 14
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

14

Der frische Luftzug, der dünne, schräge Sonnenstrahl, den Vater Richthoff durch den gutgemeinten pommerschen Reiseplan hatte in sein Haus locken können — wie flüchtig und trügerisch war er gewesen! Wie schnell sollte die Hoffnung, die ihn aufatmen und Elli eine ganze Kur ersinnen ließ, um Marga „unter Freude zu setzen”, von verdoppeltem Kummer, vervielfachter Sorge verschlungen werden! Schicksal und Natur hatten es mit Marga anders vor als väterliche Güte und schwesterlicher Feuereifer ...

Trotz aller Weisheit unserer heutigen Medizinmänner ist ein seelisches Prinzip der Träger des Lebens. Wenn das Leid an seine Wurzel trifft, gilt kein Flicken und Kleistern mehr. Allenfalls gibt es ein müdes, seelenloses Vegetieren, das der Körper mechanisch fristet, aber kein Gesunden zu neuem Menschentum. Die abgestorbene Wurzel treibt nicht mehr. Vielleicht birgt das Erdreich, dem sie entsprang, eine zweite Lebensmöglichkeit. Aber dann müßte die verkümmerte Wurzel schwinden; es müßte ein frischer, jungfräulicher Boden zurückbleiben können. Die Natur, die immer nur Bedingung ist und nicht Grund, kann diesen Boden bereiten. Sie liebt die toten Wurzelstrünke nicht. Wenn sie beginnen, den Organismus zu schädigen, hebt der Kampf um Sein oder Nichtsein an, und die größte Gefahr birgt die größte Hoffnung. Nach schwerem Ringen entscheidet sich der Sieg des Körpers über die feindliche und doch freundliche Krankheit. Die erstorbene Wurzel ist vernichtet, die alte Seele dem Erdboden gleich gemacht, dem neuen, keimempfänglichen, lockerscholligen Ackerland. Wird ein junger Keim sprießen? Wird aus dem Schoß des Unendlichen ein neuer Trieb hervorbrechen? Das weiß nur das Schicksal allein. Denn das Schicksal bestellt die Saat, wie die Natur den Boden bereitet ...

Den schwülen Wochen folgten die Wochen des Unwetters. Aber der verdoppelte Kummer, die vervielfachte Sorge waren nicht grausamer als das traurige, schleichende Harren ohne Hoffnung. Man stand ehrlich Feind gegen Feind. Es war ein harter, wehvoller Streit, und die ihn mit Marga stritten, hatten die Befriedigung, wenigstens ihre Tapferkeit erweisen zu dürfen. Der alte Herr trug mutig seine Fahne. Die römischen Cäsaren brauchten sich ihres Meisters nicht zu schämen. Er war, wie alle guten Meister, auch ein guter Schüler in seiner eigenen Schule. Und Käthe und Elli schlossen sich an ihn in festerer Liebe denn je. Erst daheim und dann, als die Gefahr den Gipfel erstieg, draußen in der Klinik war all ihr Denken und Fühlen bei der Kranken. Wenn es sein Beruf und die häuslichen Arbeiten irgend erlaubten, ging Richthoff am Morgen und Abend selber nach dem klinischen Viertel und holte bei Geismar, bei einem Assistenten, bei den Krankenschwestern den Bericht der Stunden. Dazwischen kamen und gingen Käthe und Elli in friedlichem Wetteifer. Nach langem Warten oft nur ein Wort zu erhaschen, war schon eine Belohnung. Wenn der Geheimrat und Käthe nicht gewesen wären: Elli hätte das Krankenzimmer Margas aller Gefahr und jedem Widerstand der Ärzte zum Trotz einfach gestürmt. Ihre Liebe war in der Sorge so ungestüm wie in der Freude. Man kannte sie in der Klinik vom Pförtner bis hinauf zum Direktor, und wenn sie kam, wappnete sich jeder gegen ihre impulsive Liebenswürdigkeit, ihre nie entmutigte Überredungskunst. Und dann, als das Fieber sank, die Ansteckungsgefahr gewichen war, als erquickender, stärkender Schlaf Marga umfing, war Elli die erste, die sie sehen mußte: an der Tür stehend, auf den Fußspitzen, mit den strahlenden, tränenschimmernden Augen, vom Arzt und der Krankenschwester im Schach gehalten, damit sie nicht auf ihr blasses, abgemagertes, verzehrtes Margakind losstürzte und das „Häuflein Mensch”, das da so still und verfallen der Genesung entgegenschlummerte, in ihren Armen zerdrückte.

Langsam, ganz langsam ging es bergauf. Jede Station nach oben wurde mit dankbarem Jubel begrüßt. Zehn Tage nach Neujahr erlaubte Geismar die Überführung Margas nach dem Wenzelsberg.

Trotz der eisigen Winterluft stand der alte Herr, leichtsinnig wie ein Junger, nur durch den aufgestülpten Rockkragen und das übliche Samtkäppchen sich schirmend, im Vorgarten auf Posten. Als er den Wagen aus der Querstraße heraufbiegen sah, ging er vorsichtshalber ins Haus. Er wußte, daß er diesmal seine überzeugte Abneigung gegen „Gruppenbildungen” unmöglich würde aufrecht erhalten können. Sie mochten sich aber dann wenigstens nicht vor unberufenen Augen vollziehen.

Lieber Gott, wie lange die Mädels brauchten! Er wartete ja schon ewig auf dem ersten Treppenabsatz, wohin er sich zurückgezogen hatte, um in jedem Fall über der Situation zu bleiben. Therese stand schon längst unter der Glastür und wischte sich zum zwanzigstenmal die Hände an der Schürze ab, um Fräulein Marga zu begrüßen.

Und dann brachten sie sie. Halb getragen, halb geschoben kam sie durch die Tür. Auf dem blassen Gesicht, in den zielverlorenen Augen glänzte ein Widerschein von all der wärmenden Liebe, die sie umhüllte. Therese sagte ihr „Grüß Gott!” Marga erwiderte mit ihrer sanften, herzlichen Stimme.

Bei diesem Ton fiel dem alten Herrn plötzlich ein, wie es gewesen wäre, wenn er die Stimme dieses seines blinden Sorgenkindes nicht wieder im Haus am Wenzelsberg gehört hätte. Und da hielt er sich nicht über der Situation. Er stieg hinunter von seinem Treppenabsatz, und es gab eine richtige Gruppenbildung, an der er selber mit zwei Küssen auf Margas Wangen sehr gravierend beteiligt war.

„Nicht wieder solche Geschichten machen. Ja nicht! Herzlich willkommen. Sich setzen! Sich stärken! Ausruhen!” Einmal ums andere strich er die Haare über Margas Schläfen zurecht, die wenigen zarten, die die Krankheit ihr gelassen. Er selber führte sie ins Eßzimmer und setzte sie in den Lehnstuhl, der sein Privileg war. Elli erklärte feierlich, es sei einfach unmöglich, daß andere Menschen sich so freuen könnten wie die Richthoffs. Und Käthe vollendete in stummer Beglücktheit einen schönen, tiefgründigen Satz für ihr Tagebuch, der verdient hätte, gedruckt zu werden ...

Das erste Viertel des neuen Jahres brachte Schritt für Schritt den alten guten Geist in das Haus am Wenzelsberg. Nun war Vater Richthoffs „Bande” wieder beisammen. Nun trat er seine Paschawürde wieder an. Während der zweite Teil der ersten Abteilung der „Kaisergeschichte” seinem Ende entgegengedieh, erlebte er es, daß die Türen wieder unerlaubt ins Schloß knallten und Ellis Lachen aus der Dachstube oder vom unteren Flur in seine Zettelwirtschaft und sein Miniaturgekritzel hineinschmetterte. Er schmunzelte, wurde bös, stand auf, schob das Käppchen von einem Ohr aufs andere und donnerte, Ruhe gebietend, durch den Türspalt. Die Cäsarengeister spitzten ihre Ohren wie kampfmutige Rosse beim vertrauten Schlachtruf und stritten sich hinterdrein um die Ehre, vom Gänsekiel des alten Herrn gelobt oder getadelt zu werden.

Erst der Frühling, der im Weinberg schüchterne Krokus und naseweise Maiglocken an die Sonne trieb, gab Marga ein wenig Rot in die Wangen und kräftigte ihre schmächtig gewordenen Glieder. Was in ihr wurde und wuchs, hervor aus neuem, unberührtem Boden, verriet sich kaum. Das Vergangene, das herbe Leid des Herbstes, schien wie in fernem Dunst zerflossen zu sein. Die Krankheit hatte ihre Erinnerung geschwächt. Weite Strecken des Gewesenen schienen wie ausgelöscht oder dämmerten ohne ernsten Zusammenhang. Erst allmählich traten die Geschehnisse in matterem, verändertem Licht wieder in ihr Bewußtsein. Sie sprach nie davon, und Vater Richthoff und die Geschwister hüteten sich in begreiflicher Scheu, daran zu rühren. Die Traurigkeit der großen Leere — war von ihr gewichen. Dankbar empfanden es die, die sie umgaben. Laut und allzu lebhaft war sie auch in den Tagen ihres höchsten Glücks nicht gewesen. Man war es deshalb schon zufrieden, daß sie nun wieder sanft und leise ihren Platz unter den Schwestern innehatte. Das Klare, Tapfere, Offene ihres Wesens, der Reichtum und die Reife inneren Schauens und Erlebens — all das regte sich noch kaum in ihr. Es war schattenhaft und rissig wie ihre Erinnerung. Aber sie war dem Tode zu nahe gewesen, als daß das wiedergewonnene Leben mit dem erwachenden Frühling seine zaghafte Lust hätte zurückhalten können. Sie wollte wieder. Und wenn es nur war, daß man sie in die Sonne führte, mit ihr plauderte, ihr Blumen pflückte und vorlas. Einmal, als sie mit Elli sich zum erstenmal emporwagte bis zum Philosophenweg im Weinberg, wo hinten auf dem Wiesenhang die Pfirsichbäumchen zu blühen anfingen und im junggrünen Schlinggewächs die Finken ihre Triller probierten, breiteten sich ihre Arme wieder weit, so weit, und ihr Kopf warf sich zurück, als wollte sie die Sonne suchen, die sie umrieselte. Sie wollte wieder leben. Sie wollte vom Schicksal wieder ihr Teil empfangen: eine neue Saat für eine neue Seele ...

Noch vor Semesterschluß brachte der erste Frühling eine Überraschung.

Als sollte ein frohes Ereignis bezeugen, daß es das neue Jahr im Ernst besser meine als das verstrichene. Bei Käthe zeigten sich seit einiger Zeit Symptome einer größeren Nachdenklichkeit, Verschlossenheit und Weltklugheit als sonst. Irgend ein sehr wichtiges Problem schien sie und ihr Tagebuch zu erfüllen. Nach Weihnachten hatte Richthoffs Schüler, der Privatdozent Bertelsdorf, dessen Tenor im akademischen Gesangverein eine Rolle spielte, eine seltene Beharrlichkeit darin gezeigt, Käthe nach den Proben heimzubegleiten. Käthe hatte sich bei Bertelsdorfs Aufmerksamkeiten bisher nie viel gedacht. Sie kannte seine Schwäche, sich bei den Professoren durch einen recht biegsamen Rücken lieb Kind zu machen. So erklärte sie sich auch die Häufigkeit, mit der er, im Wetteifer mit dem Flanellstorch, bei geselligen Veranstaltungen sie zur Tischdame begehrte; so auch, freilich nicht mehr ganz zweifellos, sein Auftauchen in Kissingen. Im übrigen konnte man sich mit ihm sehr gescheit unterhalten. Sie war empfänglich für allerlei wissenschaftliche Belehrungen, die er zu geben wußte; er war ein geduldiger Zuhörer für Käthes Lebenserfahrung und Weltweisheit — das wog bei ihr seine Liebedienerei beinahe auf. Er hatte die Fähigkeit, sich ihr unterzuordnen, was für ihre Beurteilung von Menschen und deren Wert gar keine nebensächliche Rolle spielte. Als er jedoch eines Abends auf dem Heimweg von der Messiasprobe einen regelrechten Antrag mit a, b und c entwickelte, überraschte er sie doch. Sie sagte zuerst rund heraus nein. Als sie aber ans Richthoffsche Vorgartentor gekommen waren und Bertelsdorf, beharrlich wie er war, seine Werbung noch einmal zur Diskussion stellte, versprach sie wenigstens, sich die Sache zu überlegen.

Zunächst nur aus Artigkeit. Dann aber ging sie mit sich zu Rat — in all der Rechtschaffenheit, die ihr eigen war. Einige Wochen dauerte es. Nun hatte zwar ihr Nein sich durchaus noch in kein Ja verwandelt, aber die Wage stand annähernd im Gleichgewicht. Und da machte Bertelsdorf einen Vorstoß auf eigene Faust: er hielt in einem sehr detaillierten Brief, der auch philologisch bemerkenswert war, bei Geheimrat Richthoff in aller Form um seine älteste Tochter an.

Vater Richthoff hatte nach seinen jüngsten Erfahrungen einen Horror vor Brautwerbungen. Anderseits war ihm der Gedanke, daß seine Töchter dem üblichen Los anderer junger Mädchen nicht für immer ausweichen könnten, wenigstens nicht mehr vollkommen neu. Es schien nun einmal in den Sternen zu stehen, daß er in die Ära hochzeitlicher Bedrängnisse eingetreten war. Bei Käthe fielen die Bedenken fort, die den Entschluß, als es Marga galt, so erschwert hatten. Bertelsdorf war ihm als Schüler wert, wenn er auch an ihm als Menschen manches auszusetzen hatte. Mehrere möglichst geheime Konferenzen mit Käthe folgten. Das Ergebnis war, daß der Privatdozent der letzten beiwohnen durfte. In aller Stille, ohne zu große Aufregung, verlobten sich die jungen Leute, und der alte Herr gab seinen Segen.

Es war Käthes eigener taktvoller Wunsch, daß Marga so schonend wie möglich von diesem Ereignis unterrichtet werden sollte. Elli wurde zur Mittelsperson ausersehen und zuerst von Käthe eingeweiht. Ihr fröhliches Herz, zur Mitfreude so geschaffen, machte sich in vielen Umarmungen der Braut Luft. Sie versprach, ihr Bestes zu tun.

Es sind oft nicht die schlechtesten Diplomaten, die von Diplomatie keine Ahnung haben. Elli behandelte Marga zwei Tage hindurch mit sehr durchsichtigen Vermutungen und Andeutungen, bis dieser gar nichts anderes übrig blieb, als das Vorgefallene zu erraten. Sie erbleichte wohl; ihre Lippen zitterten, und ihre Augen senkten sich in einer schmerzhaften, traurigen Anwandlung. Aber das Vergangene hatte keine Gewalt mehr über ihren neuen, jungen Willen, zu leben. Im Gegenteil: die Nachricht fiel wie ein erstes Saatkorn auf den fruchtwilligen Boden. Es regte sich in ihr etwas von ihrer früheren Tapferkeit. Sie ließ sich von Elli geradeswegs zu Käthe führen und brachte ihr mit warmen, ungekünstelten Worten ihren Glückwunsch. Käthe war gerührt. Und der Geheimrat, der gerade dazukam, war bei sich auf sein Sorgenkind noch stolzer als auf die Braut, die er nun doch ins Haus bekommen hatte.

Die Ostertage, mild und sonnenreich, voll Verheißung des jungen Frühlings für die alte Erde, ließen das Haus am Wenzelsberg nach innen und außen so recht im gewohnten Schimmer seiner guten, warmherzigen Behaglichkeit aufleuchten. Kaum war die Verlobungsneuigkeit in die Stadt geflattert, so kamen in langen Zügen die Freunde des Hauses. Papa Wilmanns rückte mit Frau und Töchtern an und schalt laut durch alle Zimmer, sein Kollege Richthoff sei ein Heimtücker und Duckmäuser, genau wie Borngräber. Auch ein Komödiant. Nun sehe man, was er den Winter über ausgeheckt habe, als er so unleidlich gewesen. Borngräber erschien natürlich auch. Er hatte sich eine sinnige kleine Ansprache ausgedacht, aber als er glücklich so weit war, hatte er vergessen, um was es sich genauer handelte, und sprach in dunklen Worten von einem frohen Ereignis. Man hätte ebensogut meinen können, er käme, um Richthoff zur Großvaterschaft zu gratulieren. Weiter kam Frau Geheimrat Achenbach mit ihren hoheitsvollen, weißen Scheiteln und dem Krückstock; Cousine Grasvogel, ein bißchen kleinlaut nach ihren letzten unglücklichen Leistungen, aber voll ehrlicher Rührung; Fräulein Lizzie aus der Uferstraße; der Flanellstorch, sehr geknickt und nervös, und viele andere: eine ganze Defiliercour, die der alte Herr an der Seite des Brautpaars voll Würde abnahm. Elli und Marga standen abseits in der Glasveranda vor dem Salon, die die Gratulanten in ein blumenbuntes Gewächshaus verwandelten. Auch sie bekamen viel Freundliches zu hören. Elli wünschte man Glück, so oft man sie sah, „einfach, weil so was existierte”, wie Frau Achenbach scherzend meinte, und Marga, weil alle sich freuten, sie wieder gesund zu sehen ...

Niemand ahnte, wie bald sich die hellen, traulichen Räume am Wenzelsberg den gleichen, aber so ganz anders gestimmten Gästen öffnen sollten ...

Geheimrat Richthoff hatte gleich nach Ostern, ehe die Vorlesungen des neuen Semesters wieder begannen, eine langersehnte, für die Forschungen der Kaisergeschichte notwendige Italienfahrt geplant. Nach den mancherlei seelischen Aufregungen des Winters versprach er sich von den paar Wochen im Süden auch für seine Erfrischung das beste. Alle Vorkehrungen waren getroffen. Der alte Herr fühlte seine jugendliche, unerschöpfliche Begeisterung erwachen, wie sie ihn immer überkam, wenn er nach Jahren wieder klassischen Boden unter die Füße bekommen sollte.

Hofrat Geismar machte ihm einen dicken und harten Strich durch seine frohe Rechnung. Als er sich ihm vorsichtshalber vor der Reise noch einmal stellte, mehr besuchs- als konsultierenderweise, riet ihm der ärztliche Freund kurzerhand von der Italienfahrt ab. Wie seine Herztätigkeit dermalen beschaffen sei, wäre Gleichmäßigkeit der Lebensweise gebotener als Veränderung.

Richthoff beschimpfte Geismar und die ganze Sippe der Ärzte als Kurpfuscher und Freudenverderber aufs ehrenrührigste. Lange trug er sich mit der Absicht, trotzdem zu reisen. Aber dann kapitulierte er doch vor der „Quacksalberei”. Für seine Mädels, die sich über seinen jähen Planwechsel verwundern mußten, erfand er eine Geschichte in grimmigen Bruchstücken: eine unerwartete Arbeit sei in die Quere gekommen. Und er blieb. Den anderen Rat Geismars, sich auch zu Hause in den Ferien etwas Ruhe und Ausspannung zu gönnen, befolgte er nicht. Unter keinen Umständen sollten ihn diese tyrannischen Menschenschinder zum weichlichen Sybariten machen. Als echter Protestler rauchte er zwischen seinen erbärmlichen, nikotinfreien Strohstengeln eine halbe Kiste anständiger Havannazigarren, Importen, die ihm ein Verehrer in Bremen mit launigen Versen dediziert hatte.

Das Semester begann.

Die Sprechstundenbesucher kamen. Unter den ersten befand sich eine junge, hochgewachsene, brunhildenhafte Livländerin. Sie hatte dem Geheimrat, der bisher keine Damen zugelassen hatte, die Erlaubnis schon im Wintersemester halb abgetrutzt, halb abgeschmeichelt. Das heißt, der alte Herr machte bei ihr nur insofern eine Ausnahme, als er nicht, wie er das sonst gelegentlich getan, im Kolleg auf die Dame zuschritt und ihr mit grimmiger Galanterie den Arm bot, um sie hinauszugeleiten. Er duldete sie. Nicht weil er von seinem Grundsatz abgehen wollte, sondern um sich eine liebenswürdige Schwäche zu verstatten. Als Ausnahme, die die Regel bestätigt ...

Die junge Livländerin rechnete auf ihre sonnigen, ostseeblauen Augen. Auch für den Sommer. Sie verehrte den alten Herrn. Es mußte ihr gelingen, von der geduldeten zur offiziellen Hörerin vorzurücken. Zur Verblüffung Thereses kam sie mit einem Strauß von köstlichen, rosablühenden Rosen.

Auf der Treppe begegnete ihr Elli. Diese kannte „die” Hörerin des Vaters von einer Gesellschaft bei Wilmanns und tauschte mit ihr einen lächelnden Gruß.

Dann trat das junge Mädchen bei Vater Richthoff ein, ihren Strauß wie einen Schild vor sich hertragend.

Der Geheimrat saß am Schreibtisch und schlürfte den Kaffee, den ihm Elli eben gebracht. Höflich stand er auf. Mit der Zuvorkommenheit, die er Damen gegenüber nie vergaß, ging er ihr entgegen. Ihr Lächeln erwiderte er mit einer Verschmitztheit, die sagen wollte: Diesmal wirst du mich nicht kleinkriegen. Er war noch nicht bei ihr, um ihr die Hand zu geben und sie zum Sitzen einzuladen, als er, offenbar durch einen Fehltritt, zur Seite kippte. Mit beiden Händen suchte er am nahen Tisch Halt. Die junge Dame wollte ihm beispringen. Aber er war schon mit einer seltsamen Schwerfälligkeit in einen Sessel gesunken.

Sie legte die Rosen vor ihn hin. Mit Befremden nahm sie wahr, wie sein Mund sich bewegte, ohne das dankende Wort hervorbringen zu können. Eine krampfhafte Verzerrung arbeitete in seinem bärtigen Antlitz. Das Sammetkäppchen schob sich ihm in die Stirn. Seine Hand, die emporgriff, um es hinauszurücken, fiel schwer zwischen die Rosen auf den Tisch. Der Körper sank gegen die Lehne.

„Was ist Ihnen, Herr Geheimrat?” stammelte das junge Mädchen mit zunehmendem Schreck.

Seine Augen starrten sie durch die Brille irr und ratlos an.

Sie lief nach der Tür und rief die Treppe hinunter, laute, hilfeheischende Worte.

Elli kam von unten, Käthe von oben, beide mit fragenden, verwunderten Mienen.

„Ihrem Herrn Vater ist unwohl geworden!”

Die Schwestern eilten mit der Fremden bestürzt ins Arbeitszimmer. Der Anblick raubte ihnen einen Moment die Sprache. Dann schrien sie auf vor Schreck.

Der Leib des alten Herrn war vornüber gesunken. Sein kahler Kopf, von dem das Käppchen herabgeglitten war, ruhte mit den wenigen weißen Strähnen auf dem Strauß von duftenden Rosen.

„Papa — was ist dir?” Elli hatte sich neben ihm auf die Knie geworfen und griff nach den schlaffen Händen.

Käthe rief nach Therese, nach dem Arzt. Sie rannte aus dem Zimmer. Elli mit demselben Ruf besinnungslos hinter ihr drein. Von dem gleichen Gedanken beseelt, stürzten sie aus dem Haus. Käthe nach dem nächsten Fernsprecher, Elli zu Geismar.

Therese stand verständnislos und kopfschüttelnd unter der Küchentür, sah die beiden Fräulein vorbeirasen, ohne ihre Worte zu verstehen, und die fremde Dame, die sich unheimlich und überflüssig fühlte, ihnen fluchtartig folgen ...

Marga war bei dem entsetzten Aufschrei der Schwestern aus der Tür ihres Zimmers im Dachstock getreten, das Käthe vor ihr verlassen. Sie wußte von nichts. Aber das Rufen, Laufen und Türenschlagen erfüllte sie mit einer erschreckenden Ahnung, die ihr scharfer Instinkt schnell in die klarste Gewißheit verwandelte.

Da unten, einen Stock tiefer, war der Tod eingekehrt. Sie meinte seine eisige Kälte gegen ihre Wangen, ihre Stirn andringen zu fühlen.

Und mit der Gewißheit kam eine wunderbare, mechanische, gebietende Sicherheit über sie. Mit einer langsamen Ruhe, über die sie sich selber wunderte, stieg sie die Treppe hinunter und trat durch die offene Tür in das Arbeitszimmer ihres Vaters.

Sie flüsterte seinen Namen. Keine Antwort kam zurück. Sie wußte, daß es nicht sein konnte. Sie atmete den Duft von Rosen. Trotz ihrer Ruhe bebte sie zurück vor der kalten Stille und wagte sich nicht weiter. Sie tastete um sich und setzte sich auf den ersten Sessel am Tisch. Ihr inneres Gesicht war erwacht. Wahr, aber schöner als alle Wirklichkeit. Sie sah das büchervolle, verqualmte Zimmer; sie sah den Tod, eine anmutige Mädchengestalt mit einem Büschel Frühlingsblumen in lachenden Farben, die auf den alten Herrn mit dem grimmig-gütigen Gesicht scherzend zutrat; sie sah, wie sein Haupt mit einem verständnisvollen Lächeln sich über den Duft und die Blüten neigte und tief, immer tiefer darin versank. Und stumm, andächtig, ein Bild im Bilde, saß sie dabei und hielt Wache, während die Tränen sich leis und schwer aus den blinden Augen lösten und über ihre gefalteten Hände tropften ...

Später kamen die Schwestern. Nach ihnen der Arzt, Hofrat Geismar. Er konnte nur den durch eine Herzlähmung herbeigeführten Tod des Freundes konstatieren.

Und dann kam es weiter wie ein wirrer, böser Traum, Stunde um Stunde, vom Tag zur Nacht, von der Nacht zum Tag, hinter dem Tod sein trübes, düsteres Geleit.

Elli und Käthe waren wie gelähmt von Schmerz. Nur Marga behauptete inmitten des Gedränges der kleinen, harten Notwendigkeiten ihr Gleichgewicht. Mit ihr allein konnte Professor Wilmanns, der als erster am Platz erschien und als treuer Hausfreund im Verein mit Geismar und Bertelsdorf die Leitung aller Angelegenheiten übernahm, sich beraten und bereden. Das Schicksal hatte gesät. Rauh und herb. Aber gerade dieser tiefe, große Schmerz ließ die neue Kraft ihrer Seele emporwachsen: die Klarheit, ihre Tapferkeit, ihre reife Stärke zu leiden und zu lieben.

Die Schar der Freunde, noch vor wenigen Wochen so froh und festlich gestimmt, zog trauernd durch das verwaiste Haus am Wenzelsberg. Verwandtschaftliche und offizielle Beileidsbezeugungen von auswärtigen Universitäten, vom Ministerium, von der Berliner und Münchner Akademie, von seiner Burschenschaft; die würdige Feier in der Aula, bei der Borngräber die knappste und ergreifendste Rede seines Lebens hielt, das machtvolle Feiergepränge des akademischen Leichenzuges wogte daher und wogte vorüber. Noch ein Druck von unzähligen, wohlmeinenden Händen am Grab, und dann führte die letzte Kutsche die drei schwarzgekleideten Richthoffmädels zurück ins einsame väterliche Haus ...

In der Nacht, nachdem sie den alten Herrn hinausgetragen hatten, kam sich das alte Haus am Wenzelsberg schlecht und wurmstichig und älter vor denn je. Es knackte in seinen Dielen, es streckte sich im Gebälk und in den Wandfugen. Dann horchte es in sich hinein: es war ein eigentümliches Knistern und Raunen im öden Arbeitszimmer von Vater Richthoff. Die Geister zogen, die hohen, erzgemeißelten, ehrfurchtgebietenden Cäsaren — sie zogen aus Zetteln und Blättern, aus Winkeln und Ecken durch die mondhelle Stube hinaus in die Mainacht. Sie hatten begriffen, auch sie, daß es zu Ende war.


15

Beim Weihnachtswiedersehen auf dem Feldberg hatte Leutnant Hupfeld gelegentlich ausgerufen: „Ich kann mir nicht helfen, Kinder! Aber Alli mir als junge Frau zu denken, ist mir schlankweg unmöglich!”

Der frische, natürliche Junge hatte da ein Wort gesprochen, wahrer und prophetischer, als er selber wußte.

Frau Alice Perthes war nicht zu Würde und Ehrsamkeit, oder, wie sie es nannte, zur biederen, deutschen Hausfrau geschaffen. Ihre Sucht, modern, chic, vorurteilslos zu sein, war nicht gemacht und angelernt; sie ergab sich durchaus natürlich und folgerichtig aus ihrem wurzellosen Wesen, ihrem prickelnden, sensationsdurstigen Temperament, ihrer spottlustigen, spitzbübischen Wechselnatur, wie sie im beweglichen Spiel ihrer Mienen, ihrem graziös-leichtfertigen Gang, ihrem gelenkigen, biegsamen Körper sich ausdrückte. Sie war auch gar nicht gesonnen, in der Ehe eine andere Haut anzuziehen. Das flotte Mädel zu sein und zu bleiben, das sie Gott sei Dank war, blieb Alices Wahlspruch auch für die Ehe. Und Perthes, den eben diese herausfordernde Mädelsmanier so leidenschaftlich angezogen hatte, wiederholte ihr immer wieder: „Gerade wie du bist, Irrwisch, brauch' ich dich und will ich dich haben!”

Die neue gesellschaftliche Atmosphäre, in die sich Perthes versetzt hatte, war ihm nach wie vor nur in ihren Annehmlichkeiten fühlbar geworden. Ein elegantes, großzügiges häusliches Leben, Geselligkeit im eigenen Heim, Geselligkeit draußen, der angenehme Nervenreiz beständiger Abwechselung: das waren lauter Dinge, die ihm fürs erste imponierten. Soweit es seine beschränkte Zeit irgend erlaubte und die Rücksicht auf die sichere Hand, die sein chirurgischer Beruf verlangte, es zuließ, machte er mit. Den großen Rout im Palais Hüningen, die üppigen, offiziellen Semesterdiners bei den Schwiegereltern, kleine und große Schmausereien bei Hammanns und anderen Bekannten — ließ er sich nicht entgehen, auch wenn er sich mal ein bißchen kaput und ermüdet fühlte. Worin er sich bescheiden mußte, das war der Sport, dem seine Frau nach wie vor huldigte. Das Neueste, was die Gräfin Hüningen einzubürgern suchte, war Polo, und Alice war Feuer und Flamme für das Pferdeballspiel. Dazu fehlte ihm die Zeit. Und sein Leben konnte dann mitunter ein wenig junggesellenhaft werden. Wenn er zur Hauptmahlzeit zwischen sechs und sieben „mordshungrig” von der Klinik kam, mußte er sich öfter allein servieren lassen, weil sein Irrwisch noch „herumstrolchte”. Aber das Grundgesetz ihrer Ehe, das er stillschweigend sanktioniert hatte, war die Freiheit hüben und drüben. Sie mußte geachtet werden.

Mitte Mai — er war eben am Schluß eines solchen Junggesellenmahls angelangt — kam Alice aus der Stadt heim. Gewöhnlich brachte sie einen Sack voll Tagesneuigkeiten mit, die sie als Nachtisch zur gefälligen Auswahl ihrem Räuberhauptmann auf den Tisch schüttete. Im Vorbeigehen hatte sie bei den Eltern ein Butterbrot gegessen und setzte sich dann noch zur Unterhaltung neben ihn.

„Denk' mal an — ich komme durch die Hauptstraße — sehe an einem Bücherladen ein Telegramm des Tageblättchens angeschlagen und denke Wunder was passiert ist. Nachher steht weiter nichts drin, als daß irgend ein oller Professor am Herzschlag gestorben ist!”

„Wer denn? Von hier jemand?” fragte Perthes ziemlich gleichgültig, während er sein Glas mit gemischtem Rotwein an den Mund setzte.

„Ach, ein Philologe glaub' ich. Richter oder so was.”

„Doch nicht Richthoff?” Perthes setzte sein Glas ab. Er war unwillkürlich betroffen.

„Doch — Richthoff. Natürlich! So hieß er!” Alice, die die enttäuschende Neuigkeit in der Tat nur obenhin und gedankenlos gelesen und auch jetzt so vorplapperte, erinnerte sich nun des rechten Namens und gleichzeitig einer Beziehung ihres Mannes dazu, die sie noch immer nicht recht herausbekommen hatte. „Hast du nicht dort früher verkehrt, Männi?” setzte sie harmlos hinzu.

Perthes war sehr ernst geworden. So ernst, wie sie ihn lange nicht gesehen. Er hatte mit der Vergangenheit gründlich und dauernd abgeschlossen. Aber diese Todesnachricht beschwor doch, ob er wollte oder nicht, Erinnerungen herauf.

„Gott, Räuberhauptmann, du machst ja ein gräßlich düsteres Gesicht. Was ist denn los?”

„Schließlich handelt es sich ja auch um eine ernste Sache”, meinte er zerstreut.

„Nu ja! Hast du denn den guten Mann so nahe gekannt?”

Perthes schwieg. Er dachte an den braven alten Herrn und sann darüber, was aus seiner „Bande” werden mochte.

„Du, das mußt du mir mal erzählen,” fuhr Alice unbekümmert fort. „Ich weiß nämlich genau, wie es stand. Von Markwaldt. Du mußt einer von den Töchtern mächtig den Hof gemacht haben! Nu mal heraus mit der Sprache!” Sie rückte zutunlich näher, wie um eine amüsante Geschichte zu hören. Beglückt, nun endlich den rechten Faden gefunden zu haben, den ihre Neugier immer wieder verloren, sah sie ihm mit einem übermütig flackernden Blick in die Augen.

Perthes hatte keine Lust zu Bekenntnissen. Zu dem war ihm die Art, wie sie ihn dazu drängen wollte, peinlich.

„Weißt du was?” sagte sie lebhaft. „Wir schließen einen richtigen Handel! Du erzählst mir dein Abenteuer mit den Richthoffs. Ich erzähle dir dafür, wie ich mich um ein Haar mit Hammann verlobt hätte, willst du?” Sie legte ihm den Arm um den Hals und kraulte schmeichelnd seinen dichten, schwarzen Bart.

Er ließ es eine Weile geschehen. Dann löste er sich aus ihrer Liebkosung. Den Handelsvorschlag hatte er nur mit halbem Ohr gehört. Er war erfüllt, bedrückt von dem, was die Kunde vom Tode Richthoffs in ihm lebendig gemacht hatte. Der Gedanke, sich durch eine solche Beichte, so zuwider sie ihm an sich war, von diesem Druck zu befreien, war vielleicht so schlecht nicht. Wenigstens jetzt nicht, wo er seiner Stimmung entgegenkam. Und dann erwachte die Lust in ihm, diese dämonische Lust, mit der er sich zu Alices Lebensgefährten gemacht und sich von einer erträumten Höhe heruntergeholt hatte: er wollte versuchen, die alberne Bürde vergangenen Schwersinns mit einem Ruck vollends abzuwerfen.

So gab er nach. Mehr sich als ihr.

In einem von Sarkasmus und verschämtem Ernst gemischten Ton begann er seine idealistische Epoche zu schildern. Aber es gelang ihm nur im Anfang, gegenüber den Menschen und Dingen von einst die leidenschaftslose Überlegung festzuhalten. In dem Maße, als er sich dem Mittelpunkt seiner Erinnerungen näherte, fühlte er, daß er seine Kraft überschätzt hatte. Er wurde warm. Eine schwermütige Verbissenheit zerhackte seine Sätze. Das Gedächtnis Margas sträubte sich gegen jede Entweihung. Er konnte über dieses Mädchen und diese Liebe nicht mit dem Achselzucken der großen Welt hinwegkommen, das er seiner Umgebung für so manches andere abgelernt hatte. Warum hatte er sich verführen lassen, den Schleier von diesem Erlebnis zu ziehen? Und doch konnte er nicht abbrechen, dem wortreichen Eifer, in den er geriet, nicht Einhalt gebieten. Als müßte er sich für die Taktlosigkeit seiner Enthüllungen bestrafen, suchte er mit nervös hervorgeschleuderten Worten und Sätzen ein gerechtes Bild von Margas innerem Wert, von seiner eigenen Mittelmäßigkeit zu geben, die nicht zu ihr hinaufreichte. Es war eine Sisyphusarbeit, der er erliegen mußte. Er hatte sich verrannt und fand keinen Ausweg, bis ihn ein Blick auf Alice ernüchterte.

Sie saß zusammengekauert auf ihrem Stuhl und sah ihn mit verwunderten, belustigten Augen unentwegt an, wie er, gleich einem fremden, spaßigen Tier im Speisezimmer auf- und abschritt, da einen geschnitzten Hocker wegstoßend, dort an einem der türkischen Kelims zerrend oder eine der Kristallkaraffen auf dem Büffet vom Platz rückend.

Er stand still und schwieg.

„Aber Maxi”, kicherte sie leise. „Daß du so ein sentimentaler Junge warst, noch vor nicht einem Jahr, das hätt' ich mir denn doch nicht träumen lassen! Geahnt hab' ich ja den Spießer immer 'n bißchen —”

„Nicht wahr? Unglaublich!” stieß er hervor. Es klang gar nicht spießig, sondern eher wild und zornig.

„Und noch heute sprichst du von deiner Angebeteten wie von einem Wunder! Und blind war sie auch? Einfach romantisch, Männi! Bürgerlich und romantisch! Gibt's nicht ein Lustspiel, das so heißt? Und dabei bin ich überzeugt, sie war auch nur ein biederes, sentimentales —”

„Lassen wir's!” schnitt er ihr das Wort ab. „Dummheiten, du hast recht!” Er lachte gezwungen.

Sie war aufgestanden und hatte sich ihm genähert. Sie ließ ihr Lachen, das kurze, helle, aufreizende, in das seine klingen.

Er stand ihr gegenüber. Das Blut ging wie eine Welle durch seinen Körper und flirrte vor seinen Augen. Er erzitterte und ballte die Faust. Dann ergriff er sie und riß ihre Arme auseinander, als wollte er sie zerbrechen.

Sie stieß einen Wehruf aus.

Er bog ihren Kopf beinahe brutal zurück, nahm ihn zwischen seine starken, großen Hände und senkte seinen Blick in die schillernden, boshaft-schillernden Augen. Wer war denn das, der über ihn, über sein prostituierendes Geständnis, über alles, auch das Ernsthafteste, was er einst besessen und hochgehalten, lachen, so lachen durfte? Wo war das Geheimnis hinter diesen Augen? Wie war sie beschaffen, diese Seele oder was es war, dieses ewig Kichernde und Spottende? Wo war der Grund in diesem Ungrund?

Sie wand sich los. Dieser wühlende, dringende Blick war ihr ungemütlich.

„Wahrhaftig, ich glaub', du fängst an, bei mir noch Gemütsstudien zu machen? Auf deine Räuber- und Bärenmanier! Das laß mal besser sein!” schalt sie. „Da verschieb' ich mein Geständnis lieber. Wir müssen sowieso fort. Zu Hammanns. Sie erwarten uns um neun. Ich mach' mich zurecht!” Sie glitt aus dem Zimmer.

Perthes stand einen Augenblick unschlüssig, mißgelaunt. Er hatte keine Lust, heute unter fremde Menschen zu gehen. Also Vater Richthoff war gestorben. Und er hatte, ausgemacht heute, seine Erinnerung mit diesem Bekenntnisse — — Warum nicht? Das war der echte Perthes! Gewiß! Und der echte Perthes ging in sein Ankleidekabinett, um sich für Hammanns umzukleiden ...

Die Bedingungen, die Exzellenz Hupfeld seinerzeit Perthes als Gegenleistung für seine Ernennung zum ersten Assistenten auferlegt hatte, konnte er als Schwiegervater nicht in ihrer vollen Strenge durchsetzen. So erklärte er sich denn auch damit einverstanden, daß Perthes sich habilitieren sollte. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die dem Eintritt in den Lehrkörper der Alma mater notwendig vorausgehen mußten, nahmen im Lauf des Frühjahrs mehr und mehr auch seine kurze Freiheit in Anspruch. Er mußte sich zunächst aus dem gesellschaftlichen Strudel etwas zurückziehen. Für seine Person wurde ihm dies dadurch erleichtert, daß er sich von dem ewigen Hin und Her nachgerade ein wenig ermüdet und übersättigt fühlte. Und dann machten ihm die unverhältnismäßig hohen Ausgaben, die dies anspruchsvolle Leben verursachte, neuerdings manchmal Sorgen, und er ergriff gern die Gelegenheit, sie durch seinen unauffälligen Rückzug möglicherweise einzuschränken.

Er hatte sich vorgenommen, Alice von solchen Sorgen nichts mitzuteilen.

Bei sich dachte er, wenn er selber den allzuhohen Anforderungen der Geselligkeit auszuweichen begänne — seine wissenschaftlichen Gründe dafür schien sie zu würdigen —, würde auch sie allmählich ganz naturgemäß nicht mehr soviel ausgehen wollen.

Doch darin hatte er sich getäuscht.

Alice fand es riesig nett, sich auf eigene Faust zu amüsieren. Sie dachte nie daran, von ihren Passionen und Unterhaltungen, von all den Ansprüchen ihres verwöhnten Mädchenlebens in der Ehe auch nur das Geringste entbehren zu sollen. Im Gegenteil. Jetzt, wo sie nach der Verheiratung ihr eigener Herr war, wollte sie ihre Ungebundenheit erst recht genießen. In ihrem Elternhaus hatte es kaum einen Wunsch gegeben, den sie sich zu versagen brauchte. Davon konnte auch jetzt keine Rede sein. Was aber den Reiz gegen früher erhöhte, war, daß jetzt neue Bedürfnisse ihrem Belieben unterstellt waren. Eine Hausfrau im gewöhnlichen Sinn zu sein, dazu fehlte ihr Lust und Talent. Aber Aufträge zu geben, ins Blaue hinein zu verfügen und zu befehlen, besonders aber zu kaufen, machte ihr einen Hauptspaß. Ihre Ausstattung an Gegenständen der Einrichtung, der Wirtschaft, an Toiletten und Kleidungsstücken jeder Art war mehr als reichlich. Und doch nicht reichlich genug, um vor den unerschöpflichen Einfällen ihrer Laune zu bestehen.

Unter dem Patronat der Gräfin Hüningen vollzog sich im Kreis der modernen akademischen Gesellschaft jener stoßweise Wandel von Liebhabereien und Modetorheiten, der jedem Monat seinen neuen Heiligen gab. Mitunter handelte es sich um harmlose Dinge: man bekam für einige Wochen den musikalischen Koller, der kein Konzert vorüberließ, die Tees, die Soireen, die ganze Unterhaltung musikalisch verseuchte. Dann mußte man plötzlich Vorlesungen besuchen: es war einfach Anstandssache, Kunstgeschichte, diese Erbdomäne aller Dilettanten, zu treiben oder Literatur bei einem plötzlich zum Stern erster Ordnung erklärten jungen Professor zu hören.

Doch bei solchen geistigen Anfällen, die Alice nur aus Mode und nicht aus irgendwelchem Interesse mitmachte, blieb es nicht. Man schwärmte serienweise für bestimmte kostspielige Stoffe, für echte Spitzen, für Kopenhagener Porzellan, für eigenartige Intarsien, für Seltenheiten und Reformen jeder Art in Toilette und Haus, die die Kauflust wie ein Fieber erregten.

Perthes, den eine gute Weile seine Verliebtheit blind machte, drückte auch späterhin, solang' es irgend ging, seine Augen standhaft zu. Da Alice mit ihrer Rente den Haushalt zu einem guten Teil mitbestritt, war seine Situation heikel. Wenigstens empfand er sie so, mit der Zartheit eines vornehm denkenden Menschen. Er redete sich auch ein oder glaubte wirklich, diese Kaufwut werde sich abschwächen und von selber eindämmen. Aber als die Rechnungen sich mehrten und es sich nicht mehr um Summen handelte, die sich nebenbei begleichen ließen, ohne daß man die Posten besah, aus denen sie sich zusammensetzten, wurde er aufmerksamer und kritischer. Mit dem Schrecken des Mannes, der sich nie viel um Geld gekümmert, aber durch seine Herkunft und Erziehung, ohne sich dessen genau bewußt zu sein, gewisse solide Maßstäbe ererbt hat, gewahrte er Zahlen, die sein Verständnis überstiegen. Es war ihm unverständlich, wie ein paar Schuhe vierzig Mark, ein Hut neunzig Mark, ein spitzenbesetztes Hemd sechzig Mark sollte kosten müssen und können. Naiv, wie seine Erfahrung war, meinte er, es müßten da Mißverständnisse, Irrtümer, Beutelschneidereien mitunterlaufen, denen seine kleine Frau unschuldig zum Opfer fiel.

Er wagte bei der nächsten Gelegenheit — es handelte sich um einen für seine Begriffe unerhört teuren Abendmantel —, Alice zu befragen.

„Aber Männi — davon verstehst du nichts! Ich finde den Mantel billig!” erklärte sie achselzuckend. Sie hatte, wie sie erzählte, sich sogar einen besseren „verkniffen” und war ordentlich stolz auf diese Einschränkung.

Perthes verstummte. Er war verblüfft. Hartnäckig bewahrte er noch einige Monate den guten Glauben, daß da etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Er hätte sich gern bei irgendeiner Dame Aufklärung geholt, ob das so sein müsse, aber er fürchtete, sich lächerlich zu machen. Schließlich war er gezwungen, sich über die Folgen, die eine solche Lebenshaltung haben mußte, doch ernstlich zu besinnen. Er rechnete die steigenden Ausgaben gegen die Einnahmen und kam zu einem vernichtenden Resultat.

Nun blieb nichts anderes übrig: er mußte mit seiner Frau sich aussprechen.

Die Sache wurde durch einen besonderen Umstand noch schwerer, als er sie schon an sich nahm. Alice sah für den Herbst einem frohen Ereignis entgegen. Als sie ihm ziemlich spät und ziemlich beiläufig davon Kenntnis gab, hatte ihn die Nachricht ergriffen. Sie selbst war so wenig feierlich gestimmt, steckte so in ihrem täglichen Trubel, daß sie für seine gefühlvolle Auffassung nicht Zeit hatte. Gleichwohl behandelte er sie von da an mit doppelter Rücksicht. Deshalb kam ihm diese Auseinandersetzung über Geldfragen so ungelegen wie möglich. Er nahm sich vor, sie aufs schonendste einzuleiten.

Noch im Lauf des Sommers, kurz vor den großen Ferien, kam ihm die Gelegenheit entgegen.

Von der Klinik zurückkehrend, betrat er ihr Zimmer, das neben dem Speisezimmer mit allem erdenklichen Geschmack und Komfort ein kleines, von Mama Hupfeld ausgestattetes Reich für sich bildete. Er wollte Alice begrüßen, die er dort vermutete. Unter der Portiere blieb er verdutzt stehen. Es war da in dem zierlichen Raum eine wahre Ausstellung eröffnet. Die verschiedensten Handarbeiten, als da waren Knüpfteppiche, Sofakissen, Tischläufer, Decken und Deckchen mit Mustern jeden Stils und auf Stoffen jeder Art, bedeckten den Diwan, die Stühle, den Tisch. Ein halboffener Riesenpacken mit verwandtem Inhalt lag auf dem Boden. Daneben saß Alice, mit dem Aufschnüren eines zweiten, kleineren Pakets beschäftigt. Das heißt, sie suchte die Schnur aufzureißen. Als das nicht ging, probierte sie es mit den Zähnen. Und in dem Moment, als Perthes sich bemerkbar machte, hatte sie eben wohl oder übel aufstehen wollen, um die Schere zu holen.

„Du denkst wohl, ich will hier einen Kramladen aufmachen?” lachte sie belustigt.

„Es sieht beinahe so aus,” erwiderte er mit einem verwunderten Blick auf dies Warenlager.

„Ach gib mir mal die Schere.” Sie deutete nach ihrem Schreibtisch. „Alles für den Bazar im November,” erklärte sie, während er ihr die Schere reichte.

„Für welchen Bazar?”

„Na — ich erzählte dir doch schon immerzu davon. Wir machen ein Wohltätigkeitsfest. Ich glaube für Säuglinge oder Seemänner oder so was. Eine feudale Sache jedenfalls. Ich bin mit im Komitee. Die Gräfin ist Vorsitzende. Ich habe mich entschlossen, eine Handarbeitsbude zu übernehmen. Dafür kauf' ich eben ein!”

„Aber Kind, du willst doch die Arbeiten nicht alle kaufen, wie sie hier sind?”

„So ziemlich!”

„Und dann willst du sie selber —”

„Du — das ist ja eben der Trick! — Ich mache an jedem ein paar Stiche. Wenigstens an manchen. Das Übrige gebe ich fort. Nachher mach' ich aller Welt weiß, jedes Stück und jeder Stich sei von mir. Die Leute werden's nicht glauben, aber sie werden sich drum reißen! Ach — und dann, du glaubst nicht, was wir für Überraschungen vorhaben. Das wird keine so abgeleierte, gewöhnliche Wohltätigkeitsschnurrerei! Werden uns hüten!” Und nun entwickelte sie, immer auf dem Boden sitzend, den Festplan in der skizzenhaften, schnoddrigen Form, in der sie stets ihre längeren Erklärungen abgab, überall dort, wo ihr nicht gleich das Wort einfiel, sich mit „so'n Dingsda!” behelfend. Perthes hätte ein Zeichendeuter sein müssen, wenn er diese Kette von „Dingsda” sich hätte auslegen können.

Doch darauf verzichtete er von vornherein. Er nahm seine Geduld zusammen und hörte scheinbar aufmerksam zu.

„Du vergißt, Alli”, begann er dann vorsichtig, „daß dein Zustand dir vielleicht, ja wahrscheinlich gar nicht erlaubt —”

„Na, höre! Ich werde doch nicht jetzt schon anfangen, mich zu kasteien.” warf sie dazwischen.

„Das will ich nicht sagen. Aber dem Umtrieb der Vorbereitungen wirst du nachher nicht gewachsen sein. Und überdies: wer weiß, ob du im November schon wieder dabei sein kannst?”

„Das fehlte gerade!” sie sah mißmutig zu ihm auf. „Weißt du, dann pfeif' ich aber auf das ganze Kindervergnügen, wenn —” Sie vollendete den Satz nicht. Perthes hatte unwillig die Stirn gerunzelt. „Das fehlte gerade!” setzte sie nochmals wegwerfend hinzu. Sie war außer sich bei dem Gedanken, durch diese dumme Störung könnte ihr Vergnügen beeinträchtigt werden.

Perthes kannte Alice zur Genüge, um ihre Gefühle an ihren Grimassen abzusehen. Ihre Frivolität verletzte ihn. Sie bestimmte ihn, den Augenblick nicht vorbeigehen zu lassen, ohne die immer wieder verschobene Aussprache herbeizuführen. Er machte sich einen Stuhl frei und zog ihn in ihre Nähe.

„Ich möchte gern mal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Kind!”

„Noch ernster?” Es zuckte sehr wenig ernst um ihren Mund.

„So leid es mir tut — sei mir nicht böse und mißversteh' mich nicht — ich muß dir das aber sagen: du solltest deine Kauflust ein klein wenig einschränken!”

„Ich — meine Kauflust? Und wieso?”

„Wir müssen mehr haushalten, Liebling. Ich habe gerechnet und —”

„Um Gottes willen tu nur das nicht! Rechnen!” stieß sie mit einem komischen, aber ganz ehrlichen Schaudern hervor.

„Ich verlange es ja nicht von dir,” meinte er mit gutmütigem Lächeln. „Aber ich muß das wohl. Schulden machen ist nicht mein Fall. Und so, wie der Hase jetzt läuft, kann er nicht weiter.” Er bemühte sich nun, ihr so ruhig und klar wie nur möglich, so schonend, als er nur konnte, einen Begriff von den Mißverhältnissen ihrer Einnahmen und Ausgaben zu geben. Ohne alle überflüssigen Einzelheiten. Sehr sachlich und überzeugend.

Anfangs hörte sie zu. Nachher nahm sie neue Muster aus den Paketen und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Als er fertig war, sagte sie außerordentlich gelassen, ohne auch nur aufzusehen: „Männi — weißt du — eigentlich brauchtest du damit doch mich nicht behelligen!”

„Aber wen denn sonst?” gab er, sich beherrschend, zurück.

„Sprich doch einfach mit Papa. Der ist für so was da. Der soll seinen großen Beutel 'n bißchen weiter aufmachen. Voilà tout!” Sie sagte das so kühl und sicher, als gäbe es keine selbstverständlichere Sache.

Perthes war von seinem Stuhl aufgesprungen. Er fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Um ruhig zu bleiben, machte er ein paar Schritte. Beim Fenster drehte er sich um.

„Davon kann keine Rede sein. Eben das will ich um jeden Preis vermeiden. Nicht einen Pfennig weiter nehme ich von deinem Vater an!” Seine Worte lauteten sehr bestimmt. Es klang eine unbeabsichtigte Schärfe durch. Um sie gut zu machen, meinte er: „Das mußt du übrigens selbst einsehen!”

Alice schwieg eine Weile. Sie legte ihre Muster langsam beiseite. Dann schob sie ihre feinen, schmalen Hände im Schoß ineinander und blickte ihn von unten nach oben, mit dem malitiösen Blick ihrer Mädchentage an.

„Das versteh' ich nicht. Verzeih — aber das wäre ja unglaublich philiströs gedacht!”

„Philiströs, beste Alli,” — er reckte sich nervös — „philiströs ist ein Wort, mit dem eine gewisse junge Dame etwas vorsichtiger sein sollte! Es ist sehr bequem, all das philiströs zu nennen, was einem nicht in den Kram paßt!”

„Oho, Männi!”

„Mein Standpunkt ist ehrenhaft, weiter nichts. Ich erwarte, daß du ihn würdigst. Und ich bitte dich —” er suchte von neuem seinen schroffen Ton, der sich ihm ungewollt gab, zu mildern und steckte die Hände, die zu lebhaften Bewegungen ausgeholt hatten, krampfhaft in die Taschen seines Jacketts. „Ich bitte dich, dich danach einzurichten. Ich verlange von dir nichts Außergewöhnliches. Nur ein bißchen Mäßigung und Beschränkung. Du wirst das mir zu lieb tun!”

Sie antwortete nichts. Sie legte den Kopf im Nacken zurück und tätschelte ihre krausen, rotblonden Haare. Dann verschlang sie die Hände hinter sich und dehnte sich. Sie unterdrückte ein Gähnen.

Perthes war empört über ihr Gebahren. Er fühlte, wie die Kraft, sich zu beherrschen, ihn verließ. Um nicht loszubrechen, ging er aus dem Zimmer.

Alice sah ihm verwundert nach. Sie pfiff leise vor sich hin, während sie in der Auswahl ihres Musterlagers fortfuhr. Die Geschichte an sich imponierte ihr gar nicht. Sie hatte sie auch schon wieder halb vergessen. Aber sie glaubte heute eine leidige Entdeckung erneuert zu haben: der Philister in ihm — den sie als Mädchen schon gewittert, aber nun gebannt glaubte — dieser Philister hatte hinter ihm hervorgelugt! Das war häßlich! Das degoutierte sie! Dafür würde sie sich bedanken!

Und ihre spitze, feine Zunge züngelte ganz zufällig zwischen den Lippen hervor und streckte sich einen Augenblick wegwerfend in einer nicht zu mißdeutenden Richtung ...


16

Die Katastrophe, die zweite, die innerhalb weniger Wochen das Haus am Wenzelsberg überfallen hatte, war so plötzlich hereingebrochen, so ohne alles Vorwissen und Vorbereitetsein, daß das Leid der Schwestern mit jedem Tag, da sie sich seiner Größe und seines Umfanges bewußter wurden, immer weiter zu wachsen schien. Wie ein Orkan war der Tod mit seinem Gefolge von Anstrengungen und Aufregungen über sie hingefahren und hatte sie betäubt; jetzt meinten sie, die Wucht der Erkenntnis müsse sie mit der doppelten Wucht des Schmerzes ganz zerbrechen.

Es verging keine Stunde, ohne daß der alte Herr, so gut in seinem Grimm, so männlich in seiner rauhen Selbstwehr eines feinempfindenden Herzens, so humorvoll in seiner gestrengen Paschawürde, für jeden und jedes fehlte. Wie hatte sich's unter der Hut seines geraden, freien Geistes so sicher gelebt! Wie hatte seine Bedeutung als hervorragender Gelehrter auch durch die kleinen Schrullen des Alltags unter scheinbaren Schwächen und Willkürlichkeiten durchgeschimmert. Seine Allgegenwart hatte das Haus erfüllt und gewärmt, auch wenn er abseits im zettelreichen, bücherverbauten Schreibtischwinkel saß und nur für seine römischen Kaiser zu sprechen war. Was hätte Elli darum gegeben, wenn er sie zur Antwort auf eine vorwitzige Frage, mit der sie bei ihm eindrang, aus seiner Stube hätte werfen können! Wie gern hätte Marga sich hart anfassen lassen, wenn er meinte, ihr Gemüt stählen zu müssen — er, der der Gütigste und Besorgteste war, so oft das Leben sie hart anfaßte! Und Käthe, wie willkommen wäre es ihr gewesen, ein plötzliches „Blaustrumpf!” an den Kopf zu bekommen! All das — und sein Schneckenmordgang im Weinberg, die Sprechstundenwacht auf der obersten Treppe, der gefährliche Kaffeeturnus am Nachmittag, all das und tausend anderes war vorbei. Vorbei mit jenem „nie wieder!” dahinter, das so grausam und unerbittlich nur der Tod sprechen kann.

Elli, die sonst so schnell ihre Tränen weglachen konnte, war die Verzweifeltste. Die Härte des Lebens war diesmal zu nah und unmittelbar an ihre frohe Kindlichkeit herangetreten. Auch Käthe, die besonnene Käthe, erholte sich nur mühsam. Marga und Bertelsdorf, die die Not zu einer seltsamen und nicht sehr innerlichen Trostgenossenschaft zusammenführte, mußten im Verein mit dem unermüdlichen Wilmanns alles aufbieten, um die beiden aufzurütteln und aufzurichten.

Die Wirklichkeit, wie sie nun einmal war, verlangte nur zu bald ein lebenstüchtiges Wollen und Entschließen.

Vater Richthoff war ein trefflicher Mensch und Forscher, aber kein großer Haushalter gewesen. Ein Vermögen hatte er nicht hinterlassen können. Das Haus war mit Hypotheken belastet. Eine kleine Lebensversicherung gab höchstens die Mittel für die nächste Zeit.

Schonend legte Wilmanns nach Ordnung des geschäftlichen Nachlasses den Geschwistern ihre Lage dar. Für Käthe war gesorgt. Bertelsdorf war wohlhabend. Obwohl er seine Verbindung mit Käthe nicht zuletzt auch nach akademischen Vorteilen berechnet hatte, war er doch zu anständig, um nicht seinen Mann zu stellen: die Hochzeit sollte, sobald es irgend anging, in aller Stille erfolgen.

Aber Marga und Elli?

Wilkens, der sich auch in diesen schweren Tagen brav wie immer benahm, stand tatsächlich vor seinem Staatsexamen. Den Doktor hatte er glücklich hinter sich. Aber auf Jahre hinaus konnte er noch nicht daran denken, ein Heim zu gründen. Für Marga stand fest, daß Elli und sie sich, womöglich Seite an Seite, eine wenn auch noch so bescheidene Existenz schaffen müßten. Sie, die Blinde, deren Zukunft den Freunden am trübsten und aussichtslosesten vor den sorgenden Augen gestanden, war von vornherein fest entschlossen, niemand im Weg zu sein, sondern mit der alten Tapferkeit und Klarheit das Leben anzugreifen und ihm ein Stückchen Unabhängigkeit abzugewinnen. An ihrem Mut rankte sich auch Elli empor.

Es war nicht leicht, ja es schien beinahe unmöglich, etwas zu entdecken, das den beiden eine auskömmliche Zuflucht bot.

Hundert Pläne wurden ausgedacht und wieder verworfen. Immer scheiterte die Möglichkeit der Ausführung an einem neuen Hindernis: sei es, daß die Ausbildung zu einem bestimmten Beruf unumgänglich nötig war, daß andere materielle Vorbedingungen sich nicht erfüllen ließen oder daß wohl die eine, aber nicht die andere Schwester ihre Unterkunft finden konnte.

Eines Abends vor dem Schlafengehen — es waren schon Wochen vergangen, Käthes Hochzeit und die Trennung von ihr standen dicht bevor, das Haus war zum Verkauf ausgeschrieben — erklärte Elli mit einem komischen Stoßseufzer, der die Rückkehr ihres Frohsinns ankündigte: „Nächstens werden wir für uns eine ‚Kleinkinderbewahranstalt‛ suchen müssen!”

„Warum für uns?” meinte Marga ernsthaft. „Wir könnten ja —” sie stockte und überlegte.

„Was könnten wir?” forschte Elli.

„Nun, ich dachte — aber es wird auch nicht gehen — wenn wir einen Kindergarten gründeten!” Sie mußte selber über diese Idee lachen, und Elli stimmte ein. Sie spannen das Unmögliche weiter, und es sah auf einmal gar nicht so unmöglich aus. Elli fing Feuer. Noch vor Mitternacht hatte ihr Optimismus ein fertiges Projekt. Vielleicht war ihm kein besseres Los beschieden als vielen anderen. Wahrscheinlich würde es im Frühlicht des nächsten Tages schon nichtig erscheinen. Aber für jetzt konnte man neuen Mut daraus schöpfen. Und es schlief sich so gut darüber ein ...

Es stellte sich heraus, daß das Kindergartenprojekt sich bei Tag immer noch sehen lassen konnte. Wenn auch von der Idee zur Wirklichkeit der Weg weit war, Marga und Elli beschlossen doch, diesen ihnen vom Zufall geschenkten Plan weiter zu verfolgen. Da ergab es sich freilich schnell, daß sie allein nicht zum Ziel kommen konnten. Obwohl einfach und häuslich erzogen oder besser durch gesunde Anlagen geworden, waren sie doch als zwei Geheimratstöchter nicht vorbereitet, sich mit unmittelbaren und harten Notwendigkeiten praktisch auseinanderzusetzen. Zum Glück war unter den Freunden des Vaters eine Dame, die nicht nur mit dem guten Ton der Gesellschaft, sondern auch mit sozialen Verhältnissen Bescheid wußte. Nicht aus Sport, wie die Gräfin Hüningen, aber aus dem Bedürfnis eines liebevollen Herzens und eines geraden Sinnes. Auch nicht aus irgendeiner wohlfeilen sozialen Theorie heraus, sondern weil für sie das Soziale sich ebenso von selbst verstand, wie es das Moralische soll. Es war dies die majestätische Frau Geheimrat Achenbach mit ihren silberweißen Scheiteln und dem Krückstock, die besondere Freundin Borngräbers. Professor Wilmanns erzählte ihr gelegentlich ziemlich skeptisch von dem Gedanken seiner Schützlinge. Sie lud Marga und Elli zu sich ein. Zuerst nahm sie den beiden alle Illusionen und machte sie rechtschaffen kleinmütig. Weil man nun einmal, wie sie überzeugt war, ein Haus nicht von oben herunter aus der Idee, sondern von unten herauf aus der Praxis bauen mußte. Dann aber, als die Schwestern dachten, sie würden also auch auf diesen Plan verzichten müssen, weil keine die nötigen Vorkenntnisse, die Ausbildung, keine die Erfahrung und Umsicht besaß, deren es bedurfte, versprach Frau Achenbach, sich der Sache anzunehmen.

Und sie hielt Wort.

Freilich sollte es fast ein Jahr dauern, ehe man zum Plan die feste Gestalt sah.

Da gab es zunächst für Ellis Ungestüm eine harte Probe. Durch Vermittlung von Frau Achenbach fand sich für sie in einer benachbarten kleinen Stadt ein Unterschlupf als Volontärin in einem großen Erziehungsheim, dem ein Kindergarten angegliedert war. Zu ihrem und Margas Schmerz mußten sie sich für eine bis dahin unerhörte Zeit trennen. Was sollte so lange aus Marga werden?

Das Haus, das alte Haus am Wenzelsberg, war verkauft worden. Ein kleiner Überschuß, zusammen mit der mageren Versicherungssumme, auf deren eines Drittel Käthe zugunsten der Schwestern verzichtete, konnte für zwei bis drei Jahre zum Unterhalt ausreichen. Bertelsdorf hatte das Glück, einen Ruf als Extraordinarius an eine technische Hochschule in Mitteldeutschland zu erhalten. Er zog mit seiner Frau — die stille Hochzeit wurde im Juni gefeiert — nach herzlichem Abschied noch im Lauf des Sommers davon. Elli sollte ihre Volontärstelle als Kindergärtnerin demnächst antreten. Marga mußte für sich einen Ausweg finden und fand ihn: Onkel Thiele auf Güstow in Pommern hatte zwar nicht zur Beerdigung seines Stiefbruders kommen können, aber brieflich jede Hilfe angeboten, zu der sein Herz und sein Geldbeutel, die in ihrer Weite zueinander im umgekehrten Verhältnis standen, fähig wäre. Marga nahm die Hilfe für sich an. Elli brachte sie nach Pommern.

Die Reise wurde zwar ganz anders, als sie einst vor Ellis blühender Phantasie gestanden hatte. Aber schön war sie doch. Unterwegs begrüßte man Wilkens, der in einem sächsischen Nest eine erste Hilfslehrerstelle gefunden und angenommen hatte. Schwermütig war er noch immer nicht geworden. Dagegen gab ihm der Stolz, sein Examen gemacht zu haben, eine gewisse breite Manneswürde. In Berlin gab es zwar keinen ungemessenen Vergnügungstaumel, wie Ellis Feuerwerk ihn einst vorgezaubert. Aber bei dem schon früher in Anspruch genommenen Kollegen Richthoffs war man einige Tage gut aufgehoben und sah von der „Weltstadt” genug, um die schaudernde Andacht nicht nur nicht enttäuscht, sondern erhöht zu sehen. Und der Empfang in Güstow war einfach urgemütlich: die sechs bis acht haferblonden, quicken Cousinen, die brave, beleibte Mama Thiele, der Onkel mit seinem verwitterten, jovialen, rostbraunen Landmannsgesicht unter dem grünen Hut mit der Spielhahnfeder, alle waren an der Bimmelbahn, freuten sich „doll” und führten Elli und Marga im besten Wagen nach Gut Güstow. Sie taten dort, was in ihren Kräften stand, um die beiden schnell bei sich heimisch zu machen. Als Elli sich nach zehn Tagen verabschiedete, war es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ganz ernst konnte man von Thieles nicht fortfahren, sogar wenn es Marga zu verlassen galt.

Und Margas mutiger, klarer Sinn fand sich in der neuen Umgebung bald zurecht. Die schlichten Menschen in dem altväterischen Herrenhaus mit ihrer unverwüstlichen Jugend, ihrer unermüdlichen Lust an der Arbeit und am harmlosesten Vergnügen, der Gutshof mit seinem mannigfaltigen Wirtschaftsbetrieb, die weiten, kornduftenden Felder, der schattige Garten und der einsame Kiefernwald — das war eine in sich ruhende, natürliche Welt, die ihr wohltuend entgegenkam. Ihre Seele tat das ihre, um sie, wo und wie es nur immer ihr Zustand erlaubte, in sich aufzunehmen. Neue Eindrücke und neue Empfindungen legten sich schützend und klärend zwischen sie und ihr früheres Leben im Haus am Wenzelsberg.

Sie wollte aber nicht nur feiern und sich pflegen. Unter den Cousinen Nummer sechs bis acht waren zwei gerade im rechten Alter, daß Margas Kinderfreude an ihnen sich üben und ausbilden konnte. Aus sich heraus schuf sie sich eine praktische Methode und praktische Kenntnisse, die berufsmäßig zu lernen ihr versagt war. Die Bilder, die ihr inneres Schauen mit seltenem Reichtum und frischer Anschaulichkeit ihr gab, hatte sie früher ängstlich fast nur sich vorbehalten. Jetzt im Umgang mit Stöffy und Illi Thiele überwand sie alle Scheu. Die Kinder gaben ihr wie von selbst die Fähigkeit, sich mitzuteilen, das Geschaute in eine faßliche Form hinüberzuleiten, zu erzählen und zu fabulieren. Sie mußte ein Stück ihrer inneren Schwere opfern. Aber sie empfing dafür nicht nur eine größere Beweglichkeit des Gemüts, sondern ein echtes und gerechtes Gegengeschenk. Langsam und unmerklich fast. Der Humor, der sich früher, trotz Ellis Beispiel und trotz Vater Richthoffs grimmkräftigen Anlagen dazu, bei ihr nur spärlich hatte sein Recht verschaffen können — jetzt entwickelte er sich und streifte ab, was die früheren Mädchenjahre unter der Wirkung ihres Leidens an Überernst und zu tiefer Empfindsamkeit angesetzt hatten. Das war die Überraschung, die die neue Seele in sich trug. Und nicht nur ein Nebenbei, eine zufällige Mitgabe war das: es wurde, wenn sie es recht verstand, die beste Bedingung für ihr neues Leben. Waffe, Würze und Kraft, nicht nur wieder zu werden, was sie gewesen, sondern mehr. Marga verstand es recht. Sie ließ das Lachen aus Kindermund, bald das lautschallende, bald das leis verträumte, hinüberklingen in sich. Es war wieder die große Stille, die in ihr anhub, ihr Wesen durchdrang und durchleuchtete. Aber um einen Grundton reicher, reifer, lebenstüchtiger — um einen hellen, leichten, lachenden Ton.

Erst um Weihnachten, später als beide gedacht, sahen sich Marga und Elli in Käthes jungem Heim wieder.

Voll weher Erinnerungen, aber auch voll froher Zuversicht ging's ins neue Jahr hinüber.

Als die beiden in ihre Universitätsstadt zurückkehrten und bei Cousine Grasvogel Gastfreundschaft annehmen mußten, fanden sie zu ihrer Freude, daß Frau Geheimrat Achenbach nicht müßig gewesen war. Sie hatte in einer Gartenstraße — dort, wo die Altstadt in der Ebene verlief, nicht zu fern vom Mittelpunkt, aber in freier, gesunder Lage, ein nicht mehr neues, aber sauberes Häuschen ermittelt, das zur Miete ausgeschrieben war. Ein Vorgarten mit Rosensträuchern davor, ein Grasgarten mit ein paar Obstbäumen dahinter, im Erdgeschoß drei große Zimmer und die Küche, oben unterm Giebel ein luftiger Schlafraum — alles nicht großartig, aber zweckentsprechend und freundlich. Besonders wenn erst das Frühjahr Blätter und Blüten darumrankte.

Mit dankbarer Geschwindigkeit griffen Marga und Elli zu. Der Rest ihres Kapitals sicherte ihnen für die nächsten zwei Jahre die Miete; er ermöglichte auch die nötigen Anschaffungen für die „Schulstube”, die Frau Achenbach schon ins Auge gefaßt hatte. Die Wohnräume, das Empfangs- und Wohnzimmer neben der „Klasse” und das Schlafzimmer ließen sich mit den Möbeln, die sie aus der Einrichtung des väterlichen Hauses zurückbehalten, so vollstopfen, „daß sie vor Gemütlichkeit platzten”, wie Elli sich ausdrückte.

Dann kam der erste selige Tag hinter den eigenen Scheiben. In den Zimmern, im Vorgarten, im Grasgarten mußte man zwei dutzendmal aus- und einlaufen, bis man vor Müdigkeit fast umfiel. Hinterdrein ging das Annoncieren los und das Besuchemachen. Es gab Enttäuschungen. Und gab eine närrische Freude, als — auf einen Tag, wie es das Glück immer macht — drei kleine Leute auf einmal angemeldet wurden. Mit den von Frau Achenbach schon Angeworbenen halte man jetzt acht, drei Jungens, fünf Mädels, und konnte anfangen.

Das war ein Montag, als das Häuflein Grundstock angezettelt kam.

Erst ein strammer Bengel von fünf Jahren. Allein, mit einem roten Russenkittel, blauen Hosen, einer Botanisiertrommel und dem Finger in der Nase. Zwei flachsblonde Prinzeßchen, Hand in Hand, die mit ihrer Mama furchtbar tapfer die Straße daherzogen und, als besagte Mama sie in der Schulstube zurückließ, plötzlich mörderisch zu brüllen anfingen. Weiter ein winziger, fast zu junger Mann von vier Jahren, der sehr artig mit der Schwester ankam, aber nur blieb, wenn er bis auf weiteres sein Steckenpferd bei sich behalten konnte.

Marga und Elli wollte es angst und bange werden vor all den großen, fragenden Augen und den offenen Mäulchen, die bereit waren, zu lachen und zu weinen — in ein und demselben Atemzug.

Aber es ging viel besser, als es zuerst aussah.

„Tante” Elli wußte mit ihren strahlenden Augen Spiele und Späße, daß der Mann mit dem Gäulchen sein Steckenroß vertrauensvoll beiseite legte und sich vor Vergnügen schüttelte. Sie lehrte die kleinen Mädchen Papier flechten, ganz allmählich, beinahe heimtückisch, so daß sie an kein Fortgehen mehr dachten, und die Jungens, die älter waren als der Steckenpferdmann, die Sache auch probieren wollten, selbst wenn man dabei auf der Bank sitzen bleiben mußte. Und „Tante” Marga, die so merkwürdige Augen hatte, daß es einem erst ein bißchen unheimlich wurde und man nachher sie gerade deshalb streicheln mußte — die erzählte Geschichten mit ihrer warmen Stimme: die Augen mußte man aufreißen, als gelte es geradewegs in den Himmel zu schauen, und den Mund konnte man nicht mehr zusammenbringen, ehe sie zu Ende war. Man sang und sprang, man purzelte und tanzte Ringelreihen im Grasgarten, daß nach sechs Wochen ein junger Herr erklärte, es sei einfach verrückt, daß man nicht immer da sei, und zwei junge Damen, die erst nicht hatten bleiben wollen, in Tränen schwammen, weil sie zum Mittag fortgeholt wurden.

Der Reigen wurde größer. Die Freunde, auch außer Frau Achenbach, machten mächtige Propaganda. Professor Wilmanns war untröstlich, daß er sein Enkelbübchen — den Jungen Heddis, die vor einem Jahr geheiratet hatte — nicht schlankweg aus der Wochenstube zu den Richthoffs bringen konnte. Dafür bearbeitete er seine jüngeren Kollegen mit einer fanatischen Beharrlichkeit, bis sie nachgaben und ihren Nachwuchs schickten, oder, weil sie es mit der Furcht bekamen, in einem stattlichen Bogen um ihn herumgingen. Borngräber verbreitete an einem Kegelabend die verleumderische Nachricht, Papa Wilmanns hätte in einer Vorlesung über Homer, an Hektors Kinder anknüpfend, von dem Segen gesprochen, den eine Kleinkinderschule in Troja hätte stiften können. Der erboste Wilmanns rächte sich. Er brandmarkte seinen lügnerischen Kollegen, indem er ihm späte Heiratsabsichten andichtete, die auch keinen anderen Beweggrund hätten, als eine Frau unglücklich zu machen, und ihm, Wilmanns, bei seinen Schutzbefohlenen in der Bergfelderstraße mit Zwillingen den Rang streitig zu machen. Das war nun auch nicht wahr. Die Wahrheit war nur, daß der Indologe Jakobus Borngräber sich schämte, für die Mädels des guten Richthoff immer nur seinen guten Willen zu haben. Der Weg von seiner ostöstlichen Wissenschaft zu einem modernen Kindergarten war gar zu weit, und so ging er wenigstens mitunter den näheren von seinem verwunschenen Haus in der Uferstraße nach der Bergfelderstraße und schaute um eine Ecke in den Grasgarten. Wenn er nicht gerade das gesuchte Haus verwechselte, sondern sich zurechtfand, rollte er die verwunderten Augen, heuchelte, stehenbleibend, ehrliche Kinderliebe und schwenkte, wenn Elli ihn zufällig entdeckte und ihm zunickte, verlegen den Hut.

Natürlich blieben für Marga und Elli auch jetzt die Sorgen und Enttäuschungen nicht aus. Sie mußten es sich oft rechtschaffen sauer werden lassen, und der alte Herr hatte sich wohl auch für die Zukunft seiner „Bande”, sofern er sie je genau erwogen, etwas Besseres gewünscht. Und doch: sie selbst fühlten sich zufrieden bei ihrem Beruf. Wenn sie am Abend im Wohnzimmer, das tatsächlich „vor Gemütlichkeit platzte”, ihren Tee brauten, konnte man Marga singen und Elli lachen hören. Es kam vor, daß nicht nur Elli Marga, sondern Marga Elli einen Bären aufband. Sie entwickelte aus ihrer Erinnerung an Güstow in Pommern unheimliche Geschichten von halsbrecherischen Segelfahrten, schönen polnischen Schnittern und Schnitterinnen, Jagdabenteuern, die Onkel Thiele bestanden — ganze Romane, die Elli mit gläubiger Neugier aufnahm, bis sie mit Entrüstung hinter den Trug kam. Sie blieb bei nächster Gelegenheit mit rächendem Schabernack nicht dahinten. Der Strom von Jugend und Fröhlichkeit, der zwischen ihren Herzen und denen der Kinder kreiste, nahm immer wieder auch das Harte und Schwere mit sich oder löste es zur Harmonie. Elli schwor, wenn sie auf Wilkens warten müßte, bis sie alt und grau würde, wollte sie nicht verlernen, Feuerräder durch die Luft surren und leuchten zu lassen. Und Marga, die schwere Marga, lachte dazu und breitete am Feierabend die Arme aus, der Sonne zu, als wollte sie den Tag an sich raffen, das Licht aus der Ferne und Nähe, von oben und unten. Sie schlang die Hände beglückt über ihrem Kopf ineinander, so frei fühlte sie sich, so still, so in sich selber und im Licht geborgen.