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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 19: 18
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

17

Der erste „verheiratete Sommer” hatte sich für Max Perthes ziemlich einsam angelassen. Seine Schwiegereltern waren seit dem Mai fast ununterbrochen wieder auf Stift Nieburg. Auch Alice brachte dort viele Tage zu. Er selber kam nur bisweilen an einem Sonntag für ein paar Stunden hinaus.

Die Einsamkeit bekam seinen wissenschaftlichen Arbeiten sehr gut. Er fand eine eigentümliche neue Befriedigung in einer Tätigkeit, die seine praktische in der Klinik nach der geistigen Seite ergänzte. Die Sehnsucht nach Stille, die er so ganz verbannt und überwunden zu haben glaubte, suchte, ohne daß er es zugestanden hätte, einen schüchternen Ausweg und entdeckte ihn in dieser gelehrten Neigung, die er sich früher nicht zugetraut hatte. Für seine Person verzichtete er nach der Reise im Januar nicht ungern auf den Sommerurlaub. Er verständigte sich mit seinen Schwiegereltern dahin, daß Alice die Hochsommerwochen unter ihrer Obhut in St. Blasien verbringen sollte. Sie selber murrte anfangs über den notwendigen Verzicht auf die ihr so teure Bergfexerei. Zum Glück fand Perthes diesmal bei Exzellenz Hupfeld eine nachhaltige Unterstützung im Kampf gegen jede Unbesonnenheit. Exzellenz träumte von goetheschen Enkelfreuden und wollte seine „wilde Hummel” schon im Zaum halten.

So blieb Perthes allein und verteilte sein gleichförmiges Leben zwischen der Klinik und dem behaglichen Herrenzimmer seines Landhauses, wo er oft bis Mitternacht und länger bei der Schreibtischlampe saß. Nur selten ging er spazieren. Gegen das Flußtal aufwärts von Nieburg hatte er seit dem Sommer des vergangenen Jahres eine scheue Abneigung. Weiter hinein in die Berge oder hinaus in die Ebene reichte die Zeit nicht. In die Stadt kam er, außer auf dem Weg zur Klinik, so gut wie nie; und diesen einzigen Stadtweg legte er meist in der Straßenbahn zurück.

Wie ein Fremdling kam er sich schon vor, als er eines Abends gelegentlich einen Gang durch die Hauptstraße machte. Der Postbote hatte ihm am Morgen das Honorar für einen nebenbei geschriebenen Aufsatz in der „Medizinischen Wochenschrift” gebracht. Er wollte es dazu verwenden, um in aller Stille eine der großen Rechnungen des letzten Vierteljahrs zu begleichen.

In dem Modeladen, dem sein Gang galt — es war das erste Sport- und Toilettengeschäft der Stadt — erfuhr er mit Befremden, daß der Betrag schon beglichen sei. Er wollte es nicht glauben und forschte weiter. Der Besitzer, ein sehr höflicher, geschniegelter Herr, ließ ihn das Kontobuch einsehen. Es stellte sich heraus, daß die Rechnung für Exzellenz überschrieben und vor ein paar Wochen bezahlt war. Perthes zuckte die Achseln und murmelte etwas von einem unverständlichen Irrtum. Kaum konnte er vor dem Inhaber, der ihn dienstfertig bis an die Tür begleitete, Beschämung und Zorn verbergen.

Der Gedanke, daß ihm Alice hinterrücks diese Demütigung zugefügt, schien ihm unfaßbar. Sein Stolz, den er einst gezwungen, sich der bewußten Streberei zu unterwerfen, hatte sich in die letzte Festung einer peinlichen pekuniären Empfindlichkeit geworfen und machte einen entrüsteten Ausfall. Er war drauf und dran, an Hupfeld einen erbitterten Brief zu schreiben, um solche Liebenswürdigkeiten ein für allemal abzulehnen, und die Summe mitzuschicken. Nur die Rücksicht auf den Zustand seiner Frau ließ ihn dann doch davon absehen. Soviel stand ihm indessen fest: es mußte hier eine reinliche, prinzipielle Klärung erfolgen. Aber er wollte warten, bis er keine Gefahr mehr lief, ihr zu schaden. In seinem ganzen Leben hatte er nicht so viel Selbstüberwindung lernen und üben müssen, als es ihn kostete, seine Entdeckung in sich hineinzuwürgen. Die Arbeit wurde ihm für mehrere Tage verdorben, und es blieb auch nachher ein Stachel zurück, der immer wieder in ihm bohrte. Er sah Alice vor sich mit ihren irrlichthaften Augen, der ewig herausfordernden Miene eines Gassenjungen, den tollen Sprüngen des tollen Mädels von einst. Hatte sie denn gar keinen Sinn für den Stolz des Mannes, der sich in ihm auflehnte gegen eine unwürdige und maßlose Abhängigkeit? Verstand sie nichts von der Erniedrigung, der sie ihn vor ihren Eltern aussetzte? Die Frage tauchte wieder auf, die er seit dem Frühjahr, seit jener Todesnachricht von Richthoff und seiner freiwillig-unfreiwilligen Beichte über Marga, mehr als einmal hatte in sich zurückdrängen müssen: was wohnte hinter den grünschimmernden, flackernden Augen, hinter diesem alles zerspottenden Mund, hinter der kühlen Stirn unter den rötlich-krausen Haarwolken? Doch das war ja Unsinn! Was suchte er denn? Das Rätsel war ja eben der Reiz des Rätsels. Die Verliebtheit, noch immer mächtig über ihn, lehnte sich auf und stritt gegen das sinnlose Fragen. Gewaltsam wie früher meinte er über seine Skrupel Herr werden zu sollen. Er vergönnte sich einen dummen Streich: über den nächsten Sonntag fuhr er nach St. Blasien.

Es gab eine lustige Überraschung, als er bei Hupfelds im Kurhotel einbrach. Zwei Tage glücklicher Trunkenheit folgten: er war Alices alter Räuberhauptmann und sie sein entzückender Irrwisch.

Nachher, zu Hause, fand er, daß er trotzdem mit dem Streit in sich so fertig nicht war, wie er gehofft. Die Erinnerung an die zwei Taumeltage schwand. Die Erinnerung an seine Demütigung blieb. Er mußte ein Kompromiß schließen, um den Streit loszuwerden. Das Kind war es fortan — aber natürlich war es so — nur das Kind, das Alice ganz zu dem machen sollte und mußte, was sie noch nicht war. Er verlangte ja gar nicht viel. Nur ein Gran Verständigkeit, ein halbes Lot Ernst. Der mußte kommen! Die Mutter mußte in ihr erwachen und sie auf die natürlichste Weise dazu führen, seinen Stolz zu verstehen, mit ihm über diese wirtschaftlichen Dinge einer Meinung und damit häuslicher zu werden!

Perthes baute eine völlig wolkenlose Zukunft auf das Kind ihrer Liebe ...

Der Herbst war da. Alice flog ihm wieder in die Arme. So frisch und ungebärdig und fast so schlank wie immer. Perthes selbst war mit seinem Schwager, Leutnant Moritz, doch noch acht Tage in den Vogesen gewandert. Auch er fühlte sich gestärkt und von Grillen befreit, voll Zuversicht und Arbeitslust.

Mit Semesteranfang begann das alte gesellschaftliche Treiben.

Die Gräfin Hüningen hatte aus Berlin, wo sie auf der Hin- und Rückfahrt nach Borkum einen Monat haltgemacht, neue Pläne, neue Kaprizen mitgebracht. Aber wie Perthes vorausgesehen, mußte Alice sich einige Zurückhaltung auferlegen. Ihre Beweglichkeit wurde eingeschränkt, ob sie wollte oder nicht. Bei sich triumphierte er, es würde alles so werden, wie er voraussah. Wenn sie bisweilen über die Stränge schlug, wenn sie aufbrauste, weil er sie im Zügel hielt, und ihn offen einen „ekligen, ollen Philister” schalt und die dumme Plackerei ihres Zustandes verwünschte, so war er von einer unerschütterlichen Geduld und Rücksichtnahme. Er sagte sich, daß das ganz in der Ordnung war. Bei ihr wie bei allen Frauen; nur eben ihrer Eigenart entsprechend. Und er übte sich in einer Zartheit, einer Beherrschung seines Temperaments, die ihm niemand, am wenigsten er selbst sich zugetraut hätte.

Gleich nach Mitte Oktober kam der große Tag.

Exzellenz Hupfelds Automobil hielt fast vom Morgen bis zum Abend vor der Villa. Perthes hatte sich frei gemacht. Der Ordinarius für Gynäkologie, ein Freund des Geheimen Rats, war zugegen. Mama Hupfeld erhielt durch ihren Diener halbstündigen Wetterbericht, denn ihre furchtsame Erregbarkeit war für Wochenstuben nicht gemacht.

Um sechs Uhr abends erblickte ein schreihälsiger junger Perthes das Licht der Welt.

Hupfeld, der Großvater, und Perthes, der Vater, schüttelten sich mit gerührter Freude die Hände. Alice war schwach, aber außer jeder Gefahr. Als Perthes bei ihr eintrat, mit Blumen und lachend besorgter Miene, betrachtete sie eben verwundert das kleine Menschenbündel, das ihr die Wärterin hinhielt. Sie lächelte bei seinem Kommen.

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre rechte Hand, um sie zu küssen.

Nach einer Weile murmelte sie ein paar Worte.

„Wie meinst du, Liebling?” Er beugte sich vor, denn er hatte nicht verstanden. „Hast du einen Wunsch?”

Sie wiederholte ihre Worte. Er meinte sich zu verhören, und ließ sie sich zum drittenmal, noch näher ihrem Mund, wiederholen.

„Nu hab' ich mir aber meinen Basar verdient! Ehrlich!” kam es klar und überzeugt hervor.

Perthes gab keine Antwort. Er legte ihre Hand zurück auf die Decke. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte mit ihr ein dankbares Wort über den tüchtigen Burschen reden wollen, den sie ihm geschenkt. Es blieb ihm in der Kehle stecken. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging auf den Fußspitzen aus der Stube.

Während Exzellenz nach ihr sah, stand er lange im Speisezimmer am Fenster, ohne hinauszusehen in das Herbstdunkel mit den trägen Bergmassen, dem düsteren Fluß, dem gestirnten Himmel.

Das war also alles, was Alice empfand!

Sie hatte ihre Arbeit geleistet und erwartete ihre Belohnung. Kein Wort für das Kind, kein Wort für ihn.

Eine grausame Erbitterung stieg in ihm auf. Sie wurde von einer Traurigkeit abgelöst, wie er sie lange nicht gefühlt. Wie aus dem Nichts, ungerufen, aber voll und deutlich tauchte Marga vor ihm empor. Marga als Mutter — eine Welt von Innerlichkeit, von Gemüt, von Schönheit und Liebe. Er preßte die Fäuste gegen die Schläfen; seine ganze Energie spannte er an, um diese tödliche Vision abzuhalten, fortzudrängen, zu vernichten. Es gelang ihm. Aber eine unerklärliche, zornige Angst und Beklemmung blieb in ihm zurück. Es waren wieder Alices Schalksaugen vor ihm, hinter die er zu dringen suchte. Und er bebte vor dem, was er zu ergründen meinte. Er wies die Ahnung zurück. Mit dem Rest seines dämonischen Nichtwollens warf er seine erwachende Seele nieder ...

Alice genas schnell und normal. Auch der Junge machte die besten Fortschritte. Sie behandelte ihn sehr unterschiedlich: bisweilen überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten; ein andermal vergaß sie ihn völlig. Beharrlich war sie dagegen in dem Wunsch, keinesfalls dem Basar fernbleiben zu müssen. Die „Handarbeitsbude” hatte sie wieder aufgegeben, die Musterauswahl zurückgeschickt, bald nach jener Aussprache mit ihrem Mann: nicht etwa, weil er sie überzeugt hatte, sondern weil sich ihr die Sache als zu mühselig erwies und nicht den rechten Spaß machte. Ihre neuen Pläne hielt sie geheim: sie hatte nur, schon während ihres Wochenbettes, regelmäßige Konferenzen mit Edith Hammann. Gesundheitlich war gegen ihre Teilnahme kaum etwas einzuwenden. Sie gedieh vorzüglich in ihrer koketten Krankenstube. Die Taufe wurde für Anfang Januar festgesetzt. Der Junge sollte nach seinem berühmten Großvater den Vornamen Benno erhalten.

Seltsamerweise waren auch Perthes' Gedanken mehr bei dem unnützen Basar als bei seinem Kind. Sie kristallisierten sich auf diesen Punkt mit der Hartnäckigkeit einer fixen Idee. Mit dem verzweifelten Eigensinn eines Mannes, der in seinem Glauben erschüttert ist, aber sich nichts davon eingestehen möchte, beschloß er, Alices Liebe eine Kraftprobe aufzuerlegen. Das Wohltätigkeitsfest war, unvorhergesehener Schwierigkeiten halber, auf die zweite Hälfte des Januar verschoben worden. Unter dem Weihnachtsbaum — er hatte Alice überreich und zartsinnig beschenkt — erbat sich Perthes ihren Verzicht auf diese kostspielige Veranstaltung, geradezu als Beweis der Liebe. Sie wollte nichts davon hören, aber allmählich trug seine Beredsamkeit, die so feurig sein konnte, den Sieg davon. In einem Wirbel von Liebkosungen erstickte ihr Widerstand. Sie versprach, den Basar aufzugeben.

Perthes war selig. Sein Glück schien ihm noch einmal bis in die Wolken zu reichen ...

Bennos Taufe wurde von den Schwiegereltern zu einem prunkenden Familienfest ausgestaltet, das die niedliche Villa Perthes von oben bis unten mit Gästen füllte. Außer den Eltern Hupfeld waren Leutnant Moritz und Cousine Hilla da, Graf und Gräfin Hüningen, Professor Hammann und Frau und viele andere. —

Perthes' Habilitationsschrift war vor Weihnachten fertig geworden und eingereicht. Er arbeitete jetzt an seiner Antrittsvorlesung, die wohl Anfang Februar folgen konnte. Er mußte sich tüchtig dranhalten, um fertig zu werden. Alice, die die „schreckliche Paukerei” sehr abgeschmackt fand, war wohlauf und verbrachte wieder, wie zuvor, die meisten Stunden des Tages außer dem Hause. Perthes war seit ihrem Weihnachtsversprechen völlig beruhigt und nachsichtiger denn je. Sie waren beide zärtlich und einträchtig miteinander, so oft eine halbe Stunde sie zusammenführte. Fragte er zufällig einmal, was sie triebe, so lautete die regelmäßige Auskunft, daß sie mit Bubi bei den Großeltern gewesen sei. Er fand das riesig nett für sie und die alten Herrschaften und bedauerte nur, daß er selber seinen Jungen höchstens einmal zwischen Tag und Dunkel in den Armen halten konnte.

An einem der letzten Januarabende, als er mit einer Zigarre von der Klinik die Allee am Fluß entlangschritt — gemütlicher als sonst, denn die Ausarbeitung seiner Antrittsvorlesung war in diesen Tagen fertig geworden —, begegnete ihm Doktor Markwaldt. Er hatte den ehemaligen Arbeitsgenossen vom Bakteriologischen Institut seit langem nicht gesehen, denn in der klinischen Gesellschaft zeigte er sich, seit er verheiratet war und an seinen wissenschaftlichen Nebenarbeiten übergenug zu tun hatte, so gut wie gar nicht mehr. Die Begrüßung war von Perthes' Seite sehr freundlich, von seiten Markwaldts noch überdies sehr respektvoll, mit einer kleinen Dosis nicht schlecht gemeinten, sondern eher bewundernden Spottes für den famosen Streber, der seine klatschbeflissene Nußknackerei so lange zum Narren gehalten hatte. Sie unterhielten sich eine Strecke Wegs. Vor der neuen Brücke, wo sie sich, wie in alten Tagen, trennten, fühlte sich Markwaldt noch zu einem Kompliment gedrungen.

„Im übrigen, Herr Kollege, der indische Verkaufsstand Ihrer Frau Gemahlin auf dem Basar — einfach tadellos!” Er schnalzte voll Anerkennung mit der Zunge.

Perthes, der schon Markwaldts gepolsterte kleine Hand losgelassen, blieb erstaunt stehen.

„Sie wollen mir wohl zum Abschied eine Ihrer berüchtigten Neuigkeiten aufschwatzen?” erklärte er ruhig und lachend. „Meine Frau ist ja gar nicht dort.”

„Na, da hört sich aber die totale Weltgeschichte auf! Wenn jemand flunkert, sind — verzeihen Sie mir — Sie das! Vor noch nicht zwei Stunden war ich in der Festhalle, um mir den Klimbim mal anzusehen und habe von Ihrer Frau Gemahlin einen mächtigen indischen Topfscherben — vermutlich aus Berlin SO — für unglaubliches Geld erstanden. Von der Gräfin Hüningen —”

Perthes war erdfahl geworden.

Markwaldt, nichts ahnend, hielt inne und sah ihn dumm-verdutzt an.

Doch schon im nächsten Moment hatte Perthes eine vorbeifahrende Droschke angerufen. Mit einem hastigen „Entschuldigen Sie!” verabschiedete er sich von dem fassungslosen Bakteriologen und saß im Wagen.

„Nach der Festhalle!” befahl er dem Kutscher.

In fünf Minuten hielt der Wagen vor dem Portal. Wie er war, stürmte Perthes die Treppe hinauf. Ohne Rücksicht auf das Geflüster der festlich geschmückten jungen Mädchen, die im Vorraum die Köpfe zusammensteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, mit ihren Programmbüchern, Konfitüren und Losen auf ihn zuzuschießen; ohne rechts oder links einen der zahlreichen Bekannten zu begrüßen, ja ohne auch nur, trotz des hellen Rufes der Kassiererin, eine Karte zu lösen, eilte er in den Trubel des Saales und drängte sich beinahe barsch durch die lachende, schwatzende Menschenmenge. Sein blasser, schwarzbärtiger Kopf, in diesem Moment wirklich räuberhaft, überragte die meisten Besucher.

Bei einer der girlandenumwundenen Säulen, nahe der Komiteeloge mit ihren Fahnen und Blumengewinden, blieb er stehen. Er hatte den indischen Stand entdeckt. Inmitten eines Schwarmes von Käufern — Offizieren, Studenten, Akademikern — sah er seine Frau.

In einer glanzvollen Phantasierobe, lachend und schwatzend, verhandelte sie eben über eine bronzene Vase mit dem schlitzäugigen Prinzen von Siam, den er vom Feldberg kannte, und der gegenwärtig die byzantinisch angebetete Zierde derer um Hupfeld war ...

Der Schweiß trat ihm kalt auf die Stirn. Seine Augen schweiften, wie Halt suchend, über das Gewirr der Menschen, an den Buden längs der Wände hin. In einem Verkaufsstand glaubte er einen Augenblick neben Frau Geheimrat Achenbach Marga und Elli Richthoff zu erkennen. Es war nur eine Fiktion. Seine Zähne knirschten. Er drehte sich gewaltsam um. Er spürte, wie seine Leidenschaftlichkeit in ihm aufwallte. Seine Liebe für Alice war immer ein eigenartiges Gemisch widerstrebender Empfindungen gewesen. Heute brach die Wut, unstreitig die Wut aus ihm hervor. Er hätte auf Alice zustürzen, er hätte sie zu Boden schlagen können. Der Haß des Edeltieres Mann gegen das Ewigweibliche im Sinn des Ewigtierischen verdunkelte seinen Sinn. Mit dem letzten Aufwand seiner Energie rannte er aus dem Saal, wie er gekommen war. Er erreichte sein Haus, ohne zu wissen wie ...

Frau Perthes, die von seinem unerwarteten Auftauchen Kunde erhalten, zog es vor, bei ihren Eltern zu übernachten. Sie war überzeugt, daß sein Groll bis zum Morgen verraucht sein würde. So ein Pech! Sie hatte sich so sicher geglaubt! Wie war er, der sich um nichts dergleichen mehr gekümmert, nur auf den Einfall gekommen, in die Festhalle zu gehen! Gott — erfahren hätte er es wohl auch so. Bestenfalls konnte er jetzt etwas länger grollen ...

Perthes ließ sich am anderen Morgen auf der Klinik „verhindert” melden. Er wartete auf Alice.

Seine heiße Wut hatte einer kälteren, bestimmteren Platz gemacht.

Vergnügt, gleichgültig, spitzbübisch, als wäre nichts geschehen, kam sie gegen Mittag heim.

Er stellte sie mit dürren Worten zur Rede. Sie blieb höchst gelassen. Du lieber Himmel, sie hatte das dumme, überspönige Versprechen von Weihnachten nicht so ernst genommen! Sie hatte ihn ja weiter gar nicht mehr belästigt. Was wollte er denn überhaupt? Die ganze Ausstattung der indischen Bude hatte sie sich von Papa schenken lassen! Damit war doch die Sache erledigt ...

Perthes war angesichts ihrer vollendeten Skrupellosigkeit, dieser moralischen Stumpfheit einer unschuldigen kleinen Wilden, eines verbildeten, unartigen Kindes sprachlos. Er wollte aufbrausen. Aber sein Zorn fiel in sich zusammen. Seine Stimme versagte. Was er da vor sich hatte: das war ja die immer gesuchte, immer wieder vertuschte und verschobene Lösung des Rätsels. Hinter den lockenden Irrlichtaugen, den Gamingrimassen, den tollen Gassensprüngen — die Leere! die vollendete Hohlheit! Er hatte seinen Irrwisch in der Hand: es war ein kleines, schwarzes, unscheinbares Nichts, von dem niemand begriff, wie es zu seinem Leuchten kam ...

Er schickte Alice weg.

Hier war nichts mehr zu ändern. Hier gab es nur eines: handeln. Die Umgebung, vielleicht war es nur die Umgebung, die sie ruinierte. Aus ihr mußte sie heraus. Mit ihm. Mit dem Kind, ehe sie auch dieses vernachlässigte oder gar mit ihrer Oberflächlichkeit ansteckte!

Mit der Heftigkeit seines Temperaments drang er vom Entschluß zur Tat.

Am Nachmittag ging er zu Hupfelds.

Exzellenz war gerade von einer Reise zurückgekommen, von einer auswärtigen Konsultation, die ihn sehr abgespannt hatte. Eigentlich empfing er niemand. Ziemlich widerwillig machte er mit seinem Schwiegersohn eine Ausnahme.

Als Perthes eintrat, lag er auf seinem Diwan ausgestreckt. Mit überlegener, etwas nervöser Ruhe hörte er den Sachverhalt an. Er konnte die Aufregung des „lieben Jungen” verstehen. Er verstand ja alles. Er sagte ihm das, fügte aber hinzu, man müßte gerecht sein. Das „arme Kind” brauchte nun mal seine Extravaganzen. Im übrigen würde die Ehe das Ihrige tun, um sie noch mehr zu zähmen, seine Hummel. Mein Gott, das waren so die kleinen Evolutionen, die jede Ehe durchmachte! Nur sie nicht als Revolution betrachten! Dadurch machte man sie erst dazu!

Perthes hörte ehrerbietig zu. Aber er opponierte. Er glaubte aus den und den Gründen, daß die Sache ernsthaft sei. Er hatte noch immer nicht begriffen, daß „Ernst” im Hause Hupfeld nur eine höchst relative Größe war. Und er rückte geradeswegs mit seinem Wunsch heraus: Der Geheime Rat solle einwilligen, daß er mit Alice nach auswärts ginge, wenn es nur für ein paar Jahre wäre. Eine andere Assistenz oder eine Anstaltsleitung ließe sich gewiß für ihn finden.

Hupfeld sah seinen Schwiegersohn groß an. So, wie man jemand ansieht, an dessen normalem Befinden man zweifelt.

„Lieber Junge,” begann er dann herablassend und mild, „du bist überreizt. Das sind — verzeih — das sind Ausgeburten eben einer überreizten Phantasie. Du hast dir das auch nicht ernstlich überlegt. Erstens kann ich es als Vater nicht zulassen. Wir wollen Alli nicht entbehren. Zweitens brauch' ich meinen Assistenten. Drittens würde damit deine ganze Laufbahn in Frage gestellt. Was du selbst einsehen mußt.”

Perthes sah nichts ein. Hartnäckig blieb er bei seinem Wunsch. Er brachte ihn mit Nachdruck, beinahe heftig, von neuem vor. Er wollte und mußte weg von hier, um Alices, des Kindes und um seinetwillen.

Exzellenz richtete sich halb vom Diwan auf. In den blassen Augen schimmerte ein grüner, zorniger Blitz. Die hohe, leere Stirn faltete sich und die sonst so getragene Stimme wurde unangenehm scharf, fast bösartig.

„Niemals!” erklärte er mit der abschneidenden Gebärde des großen Mannes. „Davon wünsche ich nichts mehr zu hören! Niemals!” Und mit einer Bonhomie, die verletzender war als dieser herrische Zorn, weil sie Perthes kraß seine Stellung gegenüber dem Mann zeigte, der ihn „gemacht” hatte, setzte Exzellenz nach einer Pause hinzu: „So haben wir nicht gewettet, mein lieber Junge! Merk dir das gefälligst! Und laß mich jetzt ausruhen! Ich bin halb tot! Adieu!” Er reichte Perthes die berühmte, molluskenweiche Hand, die dieser frostig berührte.

Die Audienz war beendet.

Als Perthes wieder auf der Straße war, war er versucht, seine Arme zu heben, zu schütteln. Mußte man nicht die Ketten klirren hören, die er sich selber geschmiedet? In denen er sich selber gefangen? Er — der Streber mit Willen! Gefangen, zusammengekettet mit einem leuchtenden Nichts! Er mit seinem verwundeten, niedergetretenen Stolz! Mit seiner Seele, die er sich abgeschafft und die sich doch nicht abschaffen ließ, sondern klagte, forderte, rief und schrie! ... Seine Leidenschaftlichkeit half ihm nichts mehr. Die dämonische Lust half nicht mehr. Es gab kein Springen mehr. Er mußte schreiten. Was er sein ganzes Leben nicht gekonnt: jetzt mußte er es können! Und er lernte es. Jahraus, jahrein besser — und für ein ganzes Leben, wenn es sein sollte.

Noch im Spätherbst, nach der Habilitation, verschaffte ihm sein Schwiegervater ein Douceur. Für die rauhe Weigerung gewissermaßen ein liebenswürdiges Heilpflaster. Er erhielt den Titel außerordentlicher Professor. Schon anderthalb Jahre später wurde er etatmäßig.

Doktor Max Perthes, etatmäßiger außerordentlicher Professor an der Universität ..., erster Assistent an der Chirurgischen Klinik und stellvertretender Leiter. Wie hübsch das klang! Er hatte Karriere gemacht ...


18

Der Kindergarten in der Bergfelderstraße gedieh.

Im ersten Jahr mußte man noch vom Kapital zusetzen. Im zweiten verdiente man und hätte mehr verdient, wenn nicht eine Scharlachepidemie die Kleinen ferngehalten hätte. Im dritten hatten, einer ernsthaften Konkurrenz zum Trotz, Marga und Elli Richthoff „den” Kindergarten für die Herrchen und Dämchen der besseren Gesellschaft. Das bescheidene, aber für sie so wichtige Werk war gelungen.

Nicht zuletzt war es nach wie vor der feste und treue Rückhalt an den Freunden des einstigen Hauses am Wenzelsberg, der den Schwestern ihre Stellung auch äußerlich erleichterte. Sie bewegten sich frei und gleichberechtigt im alten gesellschaftlichen Kreis, und die Achtung, die sie dort genossen, wirkte auch bei Fernerstehenden nach. Jene kleinen, oft schmerzhaften Schikanen und Zurücksetzungen, mit denen die Gesellschaft noch manchmal die Frauen bedenkt, die sich mutig auf ihre eigenen Füße stellen, blieben ihnen so gut wie ganz erspart. Die Jahre gaben ihnen in dem Häuschen an der Bergfelderstraße ein richtiges, behagliches Heimgefühl, und sie konnten sich ihr Leben ohne die erfrischende Tätigkeit, ohne die Freiheit innen und außen kaum mehr denken.

Marga war jetzt längst stark und klar genug, um auch die Erinnerung an die Vergangenheit nicht mehr zu scheuen. Sie gedachte ihrer Liebe und ihres Leids ohne Bitterkeit. Elli hatte es lange vermieden, von sich aus an jene Geschehnisse zu rühren. Als ihr dann zufällig einmal ein Wort entschlüpfte, das auf den Sommer in der Mühle Bezug hatte, wollte sie darüber forteilen. Aber Marga knüpfte selbst an ihre Bemerkung an, und seither sprachen sie mehr als einmal darüber, und je mehr die Zeit sie davon entfernte, um so geklärter und gelassener. Nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch den Mann, der sie ihr gegeben und genommen, sah sie in gerechtem und versöhnendem Licht. Sie hatte begriffen, daß jene Liebe — die Wonne, die sie ihr geschenkt, und das Weh, das sie ihr bereitet — für sie ein Stück notwendiger Entwicklung hatte sein sollen: sie wollte keines von beiden missen. Mußte es für ihn nicht dasselbe gewesen sein? Wenn Elli Perthes' Charakterlosigkeit, seinen treulosen Verrat, seine Unaufrichtigkeit und unverantwortliche Schuld mit den ihr eigenen Kraftausdrücken belegte, ließ es Marga nicht gelten. Ihr gereiftes Urteil verstand gerade das Herbste, das, was Elli am entschiedensten verdammte: seine jähe Wendung von ihr zu einer so anders gearteten Frau, einer der Richthoffschen so unähnlichen und entgegengesetzten Welt. Sie verstand sie aus den tiefen Gegensätzen seiner damals nur scheinbar, nur mit Gewaltsamkeit ausgeglichenen Natur. Sie ahnte, was er schon in seinem Abschiedsbrief angedeutet: Perthes hatte Seite an Seite mit ihr zu einem höheren, innerlicheren Menschentum emporgestrebt. Aber er hatte sich über seine Kraft getäuscht, als er den Zwiespalt in sich niederhalten wollte. Er konnte sein Naturell nicht zum Gleichschritt mit ihr, und darum auch überhaupt nicht in ihre Bahn zwingen. Als er das eingesehen, war er mit einem verzweifelten Entschluß in ein anderes Geleise gesprungen, das ihn nach der entgegengesetzten Seite führte.

Ob Perthes dort gedieh? Ob er die ihm angemessene Bahn gefunden? Ob ihn diese Bahn abwärts mitnahm oder auf einem schweren Umweg auch zu einer Höhe, zu seiner Höhe führte? Vor solchen Fragen machte Marga halt. Sie wollte nur das Notwendige auch für ihn als Notwendiges anerkennen und achten. Weiter durfte sie nicht denken. Das verbot ihr ihr Stolz.

Sie forschte nie nach ihm. Das Äußerliche seines Lebens trug ihr ab und zu ein Gespräch oder eine Bemerkung anderer zu. Dafür war die Stadt zu klein, die akademische Gesellschaft, trotz ihrer verschiedenen, sich gegeneinander abschließenden Sphären zu eng, als daß es hätte anders sein können. Daß er verheiratet war, daß er ein oder zwei Kinder hatte, das er sich habilitiert hatte und jetzt Professor war, das waren Dinge, die sie hörte wie eine Fremde von einem Fremden. Gleichgültige Dinge, die nicht bis in ihre große Stille drangen. —

Bei einem kleinen Zwischenfall sollte Marga nach Jahren beweisen, daß ihr inneres Gleichgewicht kein gemachtes, sondern ein echtes und dauerndes war.

Es war an einem Vormittag im späten Frühling. Die Kleinen waren eben aus ihrer fröhlichen Schule abgezogen. Elli und Marga saßen in behaglichen Liegestühlen im Grasgarten unter den Bäumen, die ihre letzten Blüten auf die dichten Grasbüschel streuten, und plauderten. Da meldete das Dienstmädchen, das sie sich jetzt zur ständigen Hilfe leisten konnten, eine Dame mit ihrem Jungen.

Elli, die die Anmeldungsgeschäfte gewöhnlich erledigte, stand auf und ging nach vorn.

Das Zimmer zwischen Wohnzimmer und Schulstube diente zum Empfang. Dort erwartete die Dame sie und erhob sich bei ihrem Eintritt vom Sofa, während ein Junge, ein kräftiges Bürschchen mit großen schwarzen Augen, einer kecken Stupsnase und zottigen, schwarzen Haaren, sehr resolut auf seinem Stuhl sitzen blieb. Elli glaubte sie nicht zu kennen.

„Frau Alice Perthes!” stellte sie sich mit leichtem Nicken vor. „Ich komme, um Ihnen meinen Jungen vorzuführen,” fuhr sie in kühlem, etwas herablassendem Ton fort. „Der kleine Kerl soll etwas Räson lernen — er wird meinem Mann und mir zu wild.” Das „meinem Mann” erfand sie. Denn Perthes wußte nichts von diesem Schritt seiner Frau. Sie folgte da nur ihrer Laune und dem Bedürfnis, durch das Kind nicht belästigt zu sein.

Elli war zuerst betreten. Sie erinnerte sich jetzt sofort dieses beweglichen Gesichts mit seinen glimmenden Augen, der gestülpten Nase, dem spottsüchtigen Mund, das ihr ja vom Sehen bekannt war. Es war für sie eine ausgemachte Sache, daß sie diese Frau Perthes mit ihrem Sprößling abwimmeln würde. Mit der Sicherheit, mit der Frauen, besonders solche, die keinen Grund haben, sich wohlgesinnt zu sein, einander durchschauen, erriet sie, daß von Alices Seite auch eine frivole Neugierde mit im Spiel war. Sie wollte sich bei der Gelegenheit so en passant mal diese Richthoffs, von denen die eine ihres Mannes Flamme gewesen, etwas näher ansehen. Das prickelte in den umherschweifenden Augen ...

„Sie kommen leider zu keiner ganz glücklichen Zeit, gnädige Frau,” erklärte Elli korrekt, aber rund heraus, nachdem sie ihr gegenüber Platz genommen.

„Wieso?” fragte Alice.

„Wir haben für das laufende Halbjahr schon so viele Kinder angenommen, daß es beim besten Willen nicht gehen wird.”

„Sie werden mich doch nicht abweisen wollen, Fräulein?” Alice lächelte und sah Elli malitiös und ungläubig an. Sie hatte heraus, daß es sich um eine Ausrede handelte und war jetzt erst recht entschlossen, beharrlich zu sein. Sie versuchte sich noch entschiedener in der gönnerhaften Selbstgewißheit der großen Dame. Man hatte ihr den Richthoffschen Kindergarten empfohlen. Sie ließ die Namen von Exzellenz Papa, den gräflichen Herrschaften von Hüningen beiläufig einfließen und wollte Elli offenbar klar machen, daß die beiden Fräuleins sich nur geschmeichelt fühlen dürften, wenn sie ihren Jungen brächte. Sie stellte die Protektion gewisser erster Kreise in verlockende Aussicht.

Das hieß bei Elli gerade Öl ins Feuer gießen. Sie wäre am liebsten grob geworden. Die hochtrabende Manier, die Alice sich gegen die Töchter eines Kollegen ihres Vaters herausnahm, reizte sie. Doch sie besann sich. Sie ließ Alice ausreden. Der Schalk in ihr siegte über den Unmut, den sie empfand.

„Aber das hilft ja alles nichts,” sagte sie dann vergnügt. „Und wenn Sie uns einen leibhaftigen Prinzen brächten, gnädige Frau, wir haben uns mal vorgenommen, mehr Kinder einstweilen nicht aufzunehmen. Es wird nicht gehen!” Sie wechselte mit Frau Perthes einen Blick, der diese nicht im Zweifel lassen konnte, daß ihr die Exzellenzen und Grafen ganz und gar nicht imponierten.

Der Junge, der aufmerksam zugehört hatte, kletterte von seinem Stuhl herunter. Ihm schien die Sache jetzt reif für seine persönliche Einmischung. Er erklärte auf eigene Faust, sehr flott und selbstbewußt: „Denn nicht! Komm, Mama! Ich will fort!”

Das „Denn nicht” hatte er jedenfalls von seiner Mama gelernt. Alice selbst, die über die Entscheidung ihres Jungen boshaft lächelte, hätte am liebsten auch mit einem geringschätzigen „Denn nicht” das Feld geräumt. Aber ihre ursprüngliche Absicht, den Jungen, der im Haus lästig wurde, los zu werden, war ihr nun doch zu wichtig. Gewandt wie sie war, unterdrückte sie ihren Ärger. Sie gab dem Kleinen einen leichten Klaps für seine Ungezogenheit und verlegte sich aufs Bitten. Sie wurde beinahe zutraulich. Allerhand Reisen standen ihr bevor. Sie war gesellschaftlich sehr in Anspruch genommen. Sein Vater hatte wenig oder gar keine Zeit für den Jungen. Das Kinderfräulein würde nicht immer mit ihm fertig. Kurz: sie wünschte, daß er einige Stunden am Tag unter guter Aufsicht war und etwas Sitzleder bekam.

„Ich denke, Sie werden ihn trotz der Überfüllung nehmen!” schloß sie, bedeutend liebenswürdiger und zuvorkommender, als sie begonnen.

Elli blieb gleichwohl fest. Sie wollte nicht.

Für sich und noch mehr für Marga sträubte sich ihr Gefühl gegen die Aufnahme gerade dieses Perthesschen Jungen, die überdies nur dem eigensüchtigsten Wunsch der Mutter dienen sollte. Sie machte kein Hehl daraus, daß ihre Schule den Kindern nicht das Heim ersetzen könne noch wolle. Zudem schien ihr der Junge — so aufgeweckt und kräftig er war, mochte er noch nicht vier Jahre zählen — entschieden zu jung. Sie nahmen grundsätzlich keine zu kleinen Kinder mehr. Und dann führte sie noch einen ganzen Wall von anderen Gründen auf, um nur unter keinen Umständen nachgeben zu müssen.

Alice Perthes war im Begriff, mit einer unartigen Wendung nun doch die Verhandlung abzubrechen und ihrerseits zu danken, als sie nebenan, in der Klasse, zu der die Tür angelehnt war, Schritte hörte.

„Elli,” ertönte es von dort mit gedämpfter, fragender Stimme.

Es war Marga, die sich das lange Ausbleiben Ellis nicht erklären konnte und sie an einen Besuch bei Wilmanns, den sie beide vor Tisch noch zu machen hatten, erinnern wollte.

Elli und Alice erhoben sich gleichzeitig.

Elli hatte keinen anderen Gedanken, als dies Zusammentreffen zu verhindern.

Aber Alice war die Besonnenere und Entschlossenere.

„Ihre Fräulein Schwester wird vielleicht nicht ganz so hartnäckig sein!” meinte sie lächelnd.

Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu werden, wollte Elli dazwischen treten. Aber Frau Perthes hatte schon die angelehnte Tür geöffnet. Und da stand Marga, ihr gegenüber, nichts ahnend, ruhig, nur nach dem Geräusch der Stimmen und Bewegungen in ihr Dunkel lauschend.

Wie um sie zu schirmen, flog Elli an dem verhaßten Eindringling vorbei auf die Schwester zu. Sie war bleich vor ohnmächtiger Wut.

„Marga, ich sagte der Dame schon, daß wir unmöglich, so leid es uns tut, noch ein Kind annehmen können,” stieß sie erregt hervor. Sie hatte ihren Arm von rückwärts auf Margas Schulter gelegt und suchte ihr durch den Druck ihrer Hand irgend ein Zeichen zu geben.

Der kleine Junge, der erst neugierig vorgetreten war, zog sich vor den fremden, blicklosen Augen Margas mit der allen Kindern eigenen Scheu vor dem Ungewohnten hinter seine Mutter zurück.

Alice, die die Blinde mit einem Gemisch von Interesse und Befriedigung durch ihren bekannten Blick von unten nach oben gemessen, ließ sich durch nichts beirren.

„Sie vergessen Ihrer Fräulein Schwester zu sagen, wer ich bin,” bemerkte sie halb höflich, halb spöttisch zu Elli. Sie war nicht bösartig. Aber in diesem Moment verfiel sie dem kleinen, niederträchtigen Weibsteufel, dem Frauen unter sich und zumal unter ähnlichen Umständen kaum wehren können. „Alice Perthes”, sagte sie mit eigentümlich klangvoller Betonung, die sonst ihrer hastigen, schnoddrigen Redeweise durchaus fremd war.

Das Geschoß war abgeschnellt.

Elli ließ trostlos, empört die Arme sinken. Sie hatte es nicht hindern können. Unruhig und ängstlich wanderten ihre Blicke zwischen Alice und der Schwester hin und her.

Der kleine Benno stand jetzt mit seinen großen, schwarzen Augen mutig neben seiner Mutter, fuchtelte mit seinem Spazierstöckchen und setzte dann eigenmächtig den breitrandigen Strohhut auf, den er vorher in der Hand gehalten.

Marga hatte die Farbe gewechselt. Ihre Augen hatten sich auf den Boden geheftet. Sie fühlte auf sich den herausfordernden Blick dieser Frau, die sie nicht kannte und die ihr das Glück ihres Lebens zerstört hatte. Alte Gefühle des Schmerzes und der Bitterkeit drangen in einer heißen Welle zu ihrem Herzen und zerkrampften es, als wollten sie ihren Mut, ihre Haltung vernichten. Aber die Welle brach sich an ihrem Willen.

Einige Sekunden hatte das unbehagliche Schweigen gedauert.

„Ich glaube, wir könnten den kleinen Mann doch noch aufnehmen, Elli,” sagte Marga dann gelassen und fest. Nur ihr bewegterer Atem ließ eine vorausgegangene Erschütterung erraten. „Meine Schwester hat wohl vergessen, daß heute morgen ein Mädchen abgemeldet wurde. Es wird gehen, nicht wahr, Elli? Wenn Sie uns den Jungen anvertrauen wollen, bitte ich darum, gnädige Frau!” Sie sprach jetzt so klar und korrekt, als gelte es eine abgemachte, rein geschäftliche Sache höflich zu beendigen.

Alice war nicht leicht zu verblüffen. Aber diese Ruhe und sanfte Bestimmtheit, wo sie eine pikante, demütigende Verwirrung erwartet hatte, war so sehr der Gegensatz ihres eigenen zerfahrenen Wesens, daß sie eine gewisse Verlegenheit nicht unterdrücken konnte.

Mit einem höflichen „Ich danke Ihnen, ich werde meinen Jungen morgen schicken,” verbeugte sie sich und nahm den Kleinen bei der Hand.

Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Um wieviel Uhr doch gleich?” fragte sie mit einer halben Wendung des Gesichts, mit dem wiedergewonnenen Ausdruck ihrer unzerstörbaren Nonchalance, der zeigte, daß ihre Gedanken über dies Intermezzo schon hinwegeilten.

„Im Sommer um neun Uhr,” gab Marga zurück.

Als sich die Tür hinter Alice Perthes geschlossen, stürzte Elli außer sich an Margas Hals.

„Aber Margakind! Was hast du da gemacht?! Wie konntest du diese abscheuliche Person, die ich glücklich abgewimmelt hatte, diesen verzogenen, ungebärdigen Bengel von einem Jungen — ich versteh' dich nicht! Ich mache nicht mit! Ich will nicht! Wie konntest du nur?” Sie zitterte vor Aufregung und Empörung.

Marga zog sie mit einem verlorenen Lächeln noch enger an sich.

„Verstehst du das wirklich nicht, Kleinchen?” fragte sie leis.

Und Elli sah zu ihr auf, in ihre Augen, die mit der Sicherheit eines Sehenden eine weite unendliche Ferne faßten, mit der ihre Stille eins war.

Und sie verstand Marga ...

Am anderen Morgen kam der kleine Perthes mit seinem Kinderfräulein.

Er war wild, jähzornig, eigenwillig. Aber er war nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Zwei, drei Wochen konnte das vielleicht dauern. Dann saß er da und lauschte, sprang und sang, jubelte und spielte, ein harmloses Kind wie die anderen. Was bedeutete da noch sein Name?


19

Der Geheime Rat hatte seinen Schwiegersohn im Automobil an die Bahn gebracht.

Perthes war zu einer Konsultation nach Konstanz berufen worden. Da Hupfeld in diesen Tagen seinen Sommerurlaub antreten und zunächst auf Nieburg, späterhin irgendwo in der Schweiz oder Tirol möglichst ungeschoren sein wollte, gab es zwischen beiden noch allerhand zu besprechen.

Seite an Seite schritten sie auf dem Bahndamm auf und ab, ganz in ein berufliches Gespräch vertieft.

Hupfelds hohe Gestalt, mit den Jahren etwas vornübergebeugt, aber immer noch sehr repräsentativ mit dem glatten, ebenmäßigen Gesicht, den gebietenden Gebärden, dem verjüngenden blauen Jackettanzug, machte Aufsehen wie immer. Der nicht ganz so große Professor Perthes in seinem Reisehabit aus grauem Loden wirkte nicht so distinguiert und hatte nichts von der weltmännischen Liberalität der Exzellenz. Die frühere gesunde Bräune seines Teints hatte einen bleiernen Ton bekommen. Der Ausdruck der Züge hatte die einstige jugendlich-unbekümmerte Brigantenhaftigkeit verloren. Ein starrer Ernst gab ihm auf dem ersten Blick einen abweisenden, fast hochmütigen Anschein. Doch dagegen zeugte das tiefe Auge, das noch immer, wenn auch selten und mit Beherrschung, in dunklem Feuer aufleuchten konnte. Wenn er mit wiederholter, hastiger Gebärde die Mütze lüftete und sich über die dichten, schwarzen Haare fuhr, las man auf der Stirn aus starren, rissigen Falten ebenso viel rastlose geistige Arbeit wie in sich verschlossene Bitternis. Der Mund hätte die gleiche Sprache gesprochen, wäre er nicht in dem krausen Bart zurückgetreten, dem sich da und dort frühgraue Fäden eingesponnen hatten.

Es wurde zum Einsteigen abgerufen.

Hupfeld und Perthes verabschiedeten sich mit einem Händedruck, der mehr korrekt als herzlich war. Während der D-Zug aus der Halle rollte, schritt der Geheime Rat den Bahnsteig zurück nach seinem Automobil. Auf der Fahrt zur letzten Fakultätssitzung des Sommersemesters saß er nachdenklich in seiner Ecke. Ohne einen Gruß zu versäumen, dachte er an seinen Schwiegersohn. Nach dem Ausdruck seiner Mienen waren es nicht ausschließlich freundliche Gedanken, die ihn beschäftigten. Diese Konsultationen nach auswärts, die durch den steigenden Ruf des Jüngeren sich mehrten, begannen ihm lästig zu werden. Seine Eitelkeit, die wahrhaftig in einem Leben voll glänzender Erfolge auf ihre Kosten gekommen war, witterte längst in Perthes den Kommenden, der ihn, den Gehenden, vielleicht abzulösen berufen war. Er hatte die Fähigkeiten des um mehr als eine Generation jüngeren Mannes „entdeckt”, wie er sich schmeichelte. Er hatte ihn „gemacht”. Vielleicht würde er gegenüber seinem Schwiegersohn Regungen der Mißgunst doch unterdrückt haben; vielleicht hätte er sich sogar mit den Jahren direkt überwinden und seinen Nachfolger selbst auf den Schild heben können. Aber die Ehe seiner Tochter — das konnte auch ihm, dem Optimisten, längst kein Geheimnis mehr sein — war nicht, was er sich und Alli gewünscht hatte. Der junge Mann, den er „gemacht” hatte, entwickelte einen Charakter, dem nach seiner Auffassung die Weite und Freiheit weltmännischen Denkens abging. Als ewig nachgiebiger Vater stand er durchaus auf seiten seines Kindes. Alices skrupellose Lebenslust war ein Zug seines eigenen Wesens, wenn er auch in ihm sich stilisiert hatte. Ihre spitzbübische, spottsüchtige, wechsellüsterne Art zeugte von Humor, Gesundheit des Geistes, jugendlicher Frische. Dagegen sah er bei Perthes eine Rechtschaffenheit, ja trockene Ledernheit — besonders in wirtschaftlichen Fragen, die ihm kleinlich vorkam. Er traf sich mit Alli durchaus in einer Auffassung, die in jeder konsequenten Folgerichtigkeit und Festigkeit nur Pedanterie und Spießertum belächelte. Wie oft beklagte er in seinen Gesprächen mit der körperlich immer schwerfälligeren Mama Hupfeld das „arme Kind”. Bei dieser Klage war er auch in seinen Reflexionen angelangt, als sein Auto vor der Universität hielt. Er versäumte trotzdem nicht, dem strammen Pedellen, der mit gezogener Mütze in Front stand, huldvoll zuzunicken, während er ausstieg. Durch die Gruppen grüßender und starrender Studenten schritt er fürstlich nach dem Fakultätszimmer, wo die Korona der Kollegen das große Tier noch eben durchgehechelt hatte, nun aber mit übertriebener Ehrerbietung empfing. —

Perthes fuhr inzwischen in seinem D-Zug südwärts.

Er saß allein in seinem Abteil. Reichlich mit wissenschaftlichem Lesestoff versehen, kümmerte er sich nicht um die sommerlich-frohe Natur vor den Fenstern. Er war ja früher ein leidenschaftlicher Naturliebhaber gewesen. Wie oft hatte er auf einer Fußwanderung, wie oft rudernd und sportbeflissen sich seinen seelischen Gleichmut wieder herzustellen gesucht. Er hatte sich diese Naturschwärmerei abgewöhnt. Wie er sich im Lauf der Jahre auch die seelischen Aufregungen abgewöhnt hatte. Nicht von heute auf morgen; auch nicht mühelos und leicht. Es hatte Kämpfe gekostet. Sein explosives Temperament gab sich nach den ersten Enttäuschungen seiner Ehe nicht zufrieden: Perioden der Gleichgültigkeit wechselten mit solchen lauter, zorniger Auflehnung; Perioden blinder Verliebtheit mit anderen, in denen er Alice durch Güte, Vernunft, eiserne Strenge erziehen wollte. Vorübergehend meinte er die Quelle alles Übels in der Umgebung zu sehen, die ihn selbst zuerst bestochen hatte. In sich hatte er längst die Freude an all dem blendenden, geselligen Treiben ausgerottet. Dabei half ihm die wachsende Arbeit. Aber es kostete ihn doch mehr, als er sich je gestand. Er hatte von Natur nichts weniger als die Anlage zur Einseitigkeit. Eine gewisse Besonderheit hatte er immer geliebt. Doch sie war himmelweit entfernt von jenem Philistertum, das man mit Recht so nannte. Um Alices willen stritt er gegen dies Milieu mit seiner öden Oberflächlichkeit, seinem Taumel der Mode und Sensation, seiner erlogenen Freiheit und Götzendienerei des Geldes, der Grafenkronen, der Flottheit und Zeitgemäßheit um jeden Preis. Doch sie — sie dachte nicht daran, sich ihrem Element abspenstig machen zu lassen. Mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer mehr als vorurteilslosen Bosheit, ihrem girrenden Lachen widerstand sie allen Versuchen, sie zu ändern. Sie wollte so sein, wie sie war, weil sie gar nicht anders konnte. Sie entwand sich ihm und schnitt eine Grimasse gegen seine besten Absichten. Die Erkennung, die dauernde und absolute, vollendete sich. Der Räuberhauptmann war ihr ein gräulicher Philister, ein lebensfeindlicher Grämling geworden. Hinter dem Irrlicht sah er, nüchtern und für immer, das seelenlose Nichts. Noch eine Spanne argwöhnischen Belauerns — und eines ging kühl und fremd neben dem anderen, überließ es seiner Torheit, lebte nur noch für sich und in sich selbst.

Alice war nicht zu entwickeln und entwickelte sich nicht. Aber er, Perthes, vollzog mit sich eine langsame, qualvolle Wandlung. Die Gebundenheit, unerbittlich wie die öde ziehenden Jahre, zwang ihn zu einer strengen Beherrschung, die sich im Anfang von Stunde zu Stunde üben mußte. Er lernte mit Schmerzen den Schritt, er, dessen gegensatzvolle Natur nur immer den Sprung gekannt hatte. Ohne seinen Beruf, ohne die peinlich gepflegte, später natürliche und echte Liebe zur Wissenschaft hätte er diese aufreibende Wandlung nicht durchgehalten. Er wäre verzweifelt und verkommen. So war ihm die Umbildung gelungen. Er ging in seinem nur geistigen Dasein, seiner einseitigen Starre eines Gelehrten wie in einer Rüstung. Freilich war sie schwer; sie litt kein Rechts und Links, keine heftige Bewegung nach außen und innen. Seine Sinne hatten zu schlafen und erst recht seine Seele. Da gab es keine Vergangenheit. Da gab es keine Natur, wie die, die sonnig mit tannenschwarzen Tälern, mit bunten Wiesen, mit goldgelben Kornhängen am Fenster des Zuges vorbeiflog. Er war blind. Viel blinder als jemand, den er gekannt — vor langer, langer Zeit ...

In Konstanz hatte Perthes noch am Abend die Konsultation, zu der man ihn gerufen.

Am anderen Morgen rettete er dank seiner richtigen Diagnose und der Kraft seiner Hand das Leben eines zwanzigjährigen jungen Menschen. Mit dem gutmütigen Lächeln, das seine starken weißen Zähne unter dem Bart vorblinken ließ, diesem Lächeln, das er so selten und nur noch im Beruf, in einem Moment selbstvergessener Zufriedenheit fand, konnte er dem geängstigten Vater im Vestibül der Klinik die nach menschlichem Ermessen geglückte Rettung mitteilen.

Er entzog sich den lebhaften Danksagungen. Aber sie klangen mit der Freude über die gelungene Operation doch noch in ihm nach, als er später durch die alten, ehrwürdigen Straßen von Konstanz schlenderte. Er mußte einen Abendzug abwarten. Was er sich sonst kaum vergönnen wollte und konnte, ein paar müßige Stunden, sie wurden ihm hier aufgedrängt. Er hatte es seit langem aufgegeben, seinen Stimmungen nachzuhängen. Aber auf der Terrasse des Inselhotels und nachher am Hafen, beim Blick auf die sanfte, klare Wasserfläche, überraschte ihn, den Entwöhnten, ein weiches, versöhnliches Gefühl. Einer jener Augenblicke, in denen ein Hauch der Ewigkeit alle Bitterkeit von Menschen und Verhältnissen wegzuspülen scheint. Er überließ sich halb schmerzlichen, halb süßen Träumereien. Gab es keine, auch nicht eine Möglichkeit des Glücks, in der er und die Frau, die er nun einmal zur Gefährtin seines Lebens gemacht, sich zusammen finden konnten? Es fiel ihm ein — woran er bis jetzt nicht gedacht —, daß Alice nach ihren letzten Nachrichten vielleicht kaum einige Stunden entfernt war. Sie wollte, wie sie geschrieben, acht Tage einer Einladung der Gräfin Hüningen folgen, die auf der Schweizerseite des Bodensees ein Landhaus besaß. Er rechnete die Tage nach. Seine Frau, die in Straßburg bei dem Bruder ihres Vaters, dem Obersten Hupfeld und Cousine Hilla zu Besuch war, mußte jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach drüben, jenseits des Sees, bei den Hüningens sein.

Eine fiebrige Unruhe gesellte sich zu seiner Stimmung.

Wenn er, so wie jetzt mit sich, mit ihr spräche? Wenn sie beide es doch noch einmal, in Ruhe und Vernünftigkeit, wie zwei Leute, die sich kennen und keine Illusionen mehr haben, versuchten, zu einer erträglichen Einigung zu kommen? Zu einem kühlen, sachlichen Frieden, aber doch zu einem Frieden! Schon um des Jungen willen. Für den er keine Zeit hatte, und den er doch zärtlich liebte. Der zwischen ihnen verkümmern und verderben mußte ...

Seiner aufwallenden Stimmung folgend, saß Perthes eine Stunde später auf dem Verdeck eines Dampfers. Er wußte, daß er nicht „klug” handelte, sondern sich nur von einer jähen, unklaren Regung bestimmen ließ. Vielleicht würde er Alice gar nicht treffen; oder sie würde seinen Besuch, seine Vorschläge mit Achselzucken als Sentimentalitäten beiseite schieben, gar in seinem Überfall eine mißtrauische Absicht sehen. Aber die abendliche Fahrt auf dem sanftbewegten, blauen See mit dem Blick auf ferne Alpengipfel hielt einen Schimmer jugendlicher Vertrauensseligkeit in ihm wach.

In Rorschach stieg er aus.

Zu Fuß ging er, nach den nötigen Erkundigungen, aus der Stadt am Strand entlang.

Als er die Villa des Grafen Hüningen gefunden, zögerte er beim Anblick der herabgelassenen Jalousien, die dem Haus hinter dem hübschen, herrschaftlichen Garten ein verlassenes Aussehen gaben.

Er zog an der Torklingel.

Der Gärtner öffnete. Er berichtete, die Herrschaften wären gestern abgereist.

Perthes war niedergeschlagen und ernüchtert. Er nannte seinen Namen und erkundigte sich, ob seine Frau dagewesen sei. Die Frau des Gärtners, die dazukam, wußte Bescheid. Die Dame, die bei den gräflichen Herrschaften zu Besuch gewesen, war einen Tag früher als die Herrschaften selbst abgereist. Wohin wußte sie nicht. Aber richtig! Daß sie das nicht vergaß! Das traf sich ja gut: eine Depesche wäre für die Dame heute morgen noch abgegeben worden. Da sie keine Adresse gehabt, hätte sie sie einstweilen liegen lassen müssen. Die Gärtnersfrau holte sie. Perthes nahm sie gleichgültig an sich, grüßte und ging mechanisch zurück nach der Stadt.

Die Stimmung, die ihn hergebracht, war mit der Enttäuschung verflogen. Wahrscheinlich war Alice wieder nach Straßburg zurückgekehrt. Doch er wußte nichts Genaueres über ihre Pläne. Er öffnete die Depesche, die ihm vielleicht darüber Aufschluß gab. Sie lautete in lakonischer Kürze: „Bin morgen Baden-Baden. Ballonfahrt Dienstag.” Der Ort der Aufgabe hatte französischen Klang. Die Nachricht kam wohl aus der Westschweiz. Eine Unterschrift fehlte.

Wenn das Wort Ballonfahrt nicht gewesen wäre, hätte Perthes das Telegramm so gleichgültig wieder zu sich gesteckt, wie er es mitgenommen und gelesen. So öffnete, las und schloß er es zu wiederholten Malen. Er kümmerte sich so gut wie nicht mehr um das, was Alice tat oder ließ. Aber zwei Dinge hatte er ihr, als sich danach ihre Gelüste regten, ein für allemal verboten. Rennen und Ballonfahrten. Er hatte erfahren, daß sie im Frühjahr in Iffezheim am Totalisator gespielt hatte. Wie er sie kannte, gab es für sie keine gefährlichere Verlockung als das Spiel, und da die Ausgaben das einzige waren, über das er wachte, verbot er ihr den Besuch von Pferderennen aufs entschiedenste. Ebenso wußte er, daß sie sich längst sehnlich wünschte, an einer Ballonfahrt teilzunehmen. Diesen Wunsch verweigerte er ihr, nicht nur weil der Ballonsport ihm zu kostspielig war, sondern weil er die Mutter seines Kindes nicht leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt wissen wollte. Die Depesche, die ihm jetzt in die Hände geraten war, verriet ihm, daß sie hinter seinem Rücken nicht daran dachte, seinen Willen zu respektieren.

Gern hätte sich Perthes auf der Rückfahrt mit dem Dampfer nach Friedrichshafen, und von da mit dem Nachtschnellzug heimwärts, wieder nichts sehend und nichts hörend, in seine gelehrte Fühllosigkeit, seinen dichten, schweren Panzer gehüllt. Doch immer wieder tauchte diese Depesche vor ihm auf. So gewiß, als sie unbekümmert um sein Verbot, sich zu einer Ballonfahrt verabredete, würde sie auch sicherlich an den Rennen teilnehmen und spielen, so oft sie wollte. Wenn er erst dahinter kam, daß ihre Ausgaben wieder ins Ungemessene gingen, gab es Mittel und Wege, ihr seinen Willen deutlich zu machen. Möglich auch, daß sie sich nach wie vor von ihren Eltern manches bestreiten ließ: er hatte die beschämende Kontrolle darüber längst aufgegeben. Nur mit seinem Willen durfte das nicht sein. Es war auch vollends einerlei, ob sie Ballon fuhr oder nicht! Und doch — jetzt — wo er sie durch einen Zufall ertappte, gerade bei einem Sport, den er ihr streng versagt hatte — schaffte die törichte Nachricht in ihm. Wenn Alice alles tat, was sie wollte, warum er nicht? Noch vor einigen Tagen hatte er den Brief einer auswärtigen medizinischen Fakultät erhalten, der ihn — einstweilen als Extraordinarius, aber mit der sicheren Aussicht auf das Ordinariat — an eine norddeutsche Universität berief. Er hatte sich die Angelegenheit noch kaum überlegt. Wollte sie auch nicht weiter überlegen, denn er mußte, wollte er nicht mit seinem Schwiegervater, mit Alice einen Sturm bestehen, doch ablehnen. Aber mußte er denn wirklich? Wenn seine Frau handelte, wie es ihr beliebte — brauchte er sich seinen Weg durch Rücksichten verlegen zu lassen? In dem brausenden, hämmernden Nachtzug, im Gedanken an diese malitiöse Depesche, erwachte doch noch einmal sein Widerstand gegen die ewige Unfreiheit, der er verschrieben sein sollte. Er hatte heute nachmittag, in einer schwächlichen Stimmung, von einem kleinstmöglichen Glück geträumt. Mit Träumen war da nichts ausgerichtet! Wenn er handelte?! Wenn er, allen Widerständen zum Trotz, seine Frau nun doch noch aus ihrer unseligen Umgebung herausriß und verpflanzte? Wenn nicht mehr zu seinem und ihrem Heil, so zu dem des Jungen! Darüber brütete er ...

Daheim, nach einigen Stunden Schlafs, wurde sein Entschluß fest. Er wollte die Gärung, die mit der Unterbrechung seines mechanischen Arbeits- und Lebensganges in ihm erregt worden war, benutzen. Er knüpfte Verhandlungen mit der auswärtigen Fakultät an, die ihn rief. Als er den nötigen Brief abgesandt, ging er elastischer als sonst in seine Klinik.

Merkwürdig — die belanglose Depesche, die er vom Bodensee mitgebracht, verfolgte ihn weiter. Schließlich konnte es ihm gleichgültig sein, mit wem sich Alice in Baden-Baden traf. Mit den Hupfelds aus Straßburg, mit ihrem Bruder oder mit anderen Bekannten. Nichtsdestoweniger beschäftigte ihn die Frage.

Auf dem Nachhauseweg traf er gegen Abend den Grafen Hüningen. Er sprach fast nie mit dem wappennärrischen Gardeüberrest, der so geschäftig und gelehrt tat. Heute fragte er ihn höflich nach dem Befinden der Gräfin. Sie war wohlbehalten mit Edith Hammann zurückgekehrt. Der Graf selber war den Seinigen entgegengefahren und hatte sie in Friedrichshafen abgeholt. Er sprach auch von dem Besuch Alices in Rorschach. Perthes schämte sich fast zu fragen, wohin seine Frau gereist sei. Er murmelte eine unverständliche Ausrede und tat es doch. Alice hatte auf Nachrichten aus Freiburg gewartet, wie der Graf sich entsann. Als sie nicht eintrafen, war sie aufs Geratewohl zu ihrem Bruder gereist.

Nun wußte Perthes, daß sie sich höchstwahrscheinlich mit dem Leutnant nach Baden-Baden verabredet hatte. Von ihm mochte die Depesche sein.

Zu seiner Verwunderung erhielt er noch am selben Abend eine Ansichtskarte von seinem Schwager Moritz aus dem Engadin, von einer Hochgebirgstour. Also konnte der es doch nicht sein, mit dem sie zusammentreffen wollte. War sie gar nicht nach Freiburg gereist? Sondern direkt nach Baden-Baden gefahren oder ... Er sträubte sich gegen seine alberne Grübelei. Aber so töricht er sich vorkam, er hatte keine Ruhe.

Sehr gegen seine Gewohnheit ging er am nächsten Nachmittag mit seinem Jungen um die Teestunde nach Stift Nieburg. Man nahm ihn freundlich auf. Besonders der Kleine war stets willkommen und wurde stets mit Kuchen vollgestopft. Wo Alice gerade war, wußten Hupfelds nicht. Sie hatten zuletzt eine Karte vom Bodensee gehabt. Die Gräfin Hüningen kam zum Tee. Sie brachte Grüße von Alice und erzählte Wunder von ihrem famosen Aussehen.

Dann sprach man von unzähligen Dingen, die Perthes nicht interessierten, die er aber aus Artigkeit mit anhörte.

Der Geheime Rat fragte die Gräfin beiläufig nach Professor Hammann, ihrem Schwiegersohn. Sie wußte nicht viel von ihm. „Überarbeitet” wie er gewesen, hatte er einige Wochen vor Semesterschluß seine Vorlesungen und Studien abgebrochen und Touren in der französischen Schweiz gemacht. Auf dem Genfer See hatte ihn eine Regatta gelockt. Der Sport war nun einmal sein Steckenpferd. Und auf der Rückreise wollte er, so viel sie wußte, noch ein oder zwei Ballonfahrten in Baden-Baden mitmachen. — Edith, seine Frau, war, da sie einem freudigen Ereignis entgegensah, mit den Hüningen am Bodensee gewesen und jetzt daheim — indolent und schön wie immer, wie die Gräfin selbst lachend hinzusetzte.

Es war an sich nichts Besonderes, was Perthes auf Nieburg hörte. Und doch versetzte es ihn in gesteigerte Unruhe. Daß die Depesche an Alice aus der französischen Schweiz kam, konnte der reine Zufall sein. Daß sie und Hammann sich eventuell mit dritten Bekannten in Baden-Baden zu einer Ballonfahrt trafen, war möglich, aber für ihn jedenfalls uninteressant.

Und doch konnte er es auf dem ganzen Heimweg von Stift Nieburg nicht unterlassen, seine einmal entfesselte Spürkraft weiter zu üben. Er spottete über sich und seinen spielerischen Eigensinn und kam gleichwohl nicht davon ab.

Der kleine Benno, den er an der Hand hatte, war sehr ungehalten, daß sein Papa ihm oft gar keine oder ganz unzureichende Antworten auf seine zahlreichen, höchst wichtigen Fragen gab. Er rief gebieterisch. Wenn Perthes dann aufschrak aus seinem Sinnen, war er wütend über den Jungen und über sich. Was ging denn mit ihm vor? Wollte er sich zum Detektiv ausbilden? Wollte er einen neuen Giftstoff in seine ohnehin vergifteten Beziehungen zu Alice hineinpraktizieren? Entdeckte er in sich ein Talent zur Eifersucht? Jetzt noch, wo ... Verächtlich biß er sich auf die Lippen. Es fiel ihm die Geschichte ein, die ihm seine Frau seinerzeit als Tauschobjekt für seine mißlungene und abscheuliche Beichte über sich und Marga Richthoff angeboten und später auch wirklich erzählt hatte. Wahrscheinlich kam er darauf, weil Benno, jetzt schon zum dritten Mal eine ihm sehr bedeutend scheinende, Perthes sehr ungelegene Erzählung aus dem Richthoffschen Kindergarten mit wachsender Bestimmtheit vortrug. Er hörte daneben deutlich das saloppe Tauschgeständnis, das Alice damals abgelegt: wie sie mit diesem kleinen, patenten Hammann, dem gut gepflegten Sportsmann und Auchbakteriologen, geflirtet hatte; wie sie sich beide ganz nett hätten leiden können, aber eines Tages bei dem Gedanken an Verlobung und Heirat „auseinandergelacht” hätten. Ob es für Alice ein größeres Vergnügen hätte geben können, als zu wissen, daß er sich in solchem Zusammenhang an ihre Geschichte erinnerte? Daß er sich nun auch noch auf die abgegriffene Spezialität der Eifersüchtelei verlegen wollte? Das Vergnügen wollte er ihr denn doch nicht gönnen! —

Daheim ließ Perthes den Jungen zu Bett bringen und warf sich entschlossen auf seine Arbeit.

Keine Minute länger durfte diesem müßigen und kläglichen Spintisieren gehören.

Er arbeitete bis tief in die Nacht. Erfüllt von wissenschaftlichen Ideen, völlig abgezogen von den Torheiten der letzten Tage, legte er sich zu Bett.

Er schlief sofort ein, mit der bleiernen Schwere, die der erschöpfte Kopf gab ...

Nach wenigen Stunden fuhr er beklommen in die Höhe. Ein Traum, ein hämischer, raffinierter Traum hatte ihn aufgeschreckt. Alle Klügeleien, seine eingestandenen und verborgenen Verdächtigungen hatte dieser Traum mit folgerichtiger Teufelei zu einem höhnischen Bild vereinigt, das ihn mit seiner alpdrückenden Gewißheit aufjagte. Er rang nach Atem, nach Beruhigung. Er suchte seine Beklemmung abzuschütteln. Aber sie wich nicht. Seine Phantasie arbeitete fort, ob er wollte oder nicht. Er wußte gar nicht, ob er überhaupt wach geworden war, oder ob er weiterträumte. Bestimmte Einzelheiten, Äußerungen, die er vergessen, mit halbem Ohr gehört, Szenen des Zusammenseins mit den Hammanns bei seinen Schwiegereltern, bei jenen selbst, hier im eigenen Haus — sie standen in einem neuen, verfänglichen Licht vor ihm. Besonders war es ein Wort Alices, das sie bei einer Schmauserei mit ihrem göttlichen Leichtsinn in die Unterhaltung geworfen und das jetzt mit beinahe physischer Leuchtkraft vor ihm brannte. „Edith, wie wär's, wenn wir uns heute mal so richtig übers Kreuz amüsierten, du mit meinem, ich mit deinem Kreuzritter?!” Hatte es dabei nicht boshafter und tückischer denn je in ihren Augen geflackert? Und sie hatten alle vier darüber gelacht. Er sah und hörte dies Lachen. Er lachte aus Höflichkeit, Edith Hammann belustigt in ihrer stumpfen, so gar nicht abenteuerlustigen Art, Alice kurz und aufreizend, wie sie es gern tat, und Hammann mit verlegener Lautheit ...

Perthes war aufgesprungen.

Mit behender Hast, immer unter dem Zwang dieser Wahnvorstellungen, halb träumend, halb wach, warf er sich in seine Kleider. Es dämmerte noch kaum, und er zündete ein Licht an. Er war sich keiner bestimmten Absicht bewußt und handelte doch von Sekunde zu Sekunde mit der exakten Konsequenz eines Nachtwandlers.

Er stieg die Treppe hinunter.

Dann betrat er das Zimmer seiner Frau neben dem Speisezimmer. Vor ihrem Schreibtisch machte er halt und setzte seine Kerze nieder.

Für einen Augenblick lichtete sich sein Bewußtsein. Wollte er eine Schlechtigkeit tun? War er wahnsinnig geworden? Wo war er? Was trieb er?

Doch schon faßte ihn wieder der Zwang. Gewißheit um jeden Preis mußte er haben!

Er riß an der verschlossenen Schublade des Schreibtisches. Der Widerstand entfachte nur seine Wut. Mit seiner ganzen, in der Anspannung gewaltigen Körperkraft erbrach er sie. Alice hätte in diesem Moment erfahren können, daß der Räuberhauptmann in ihm noch nicht vom Philister völlig verschlungen war!

Er wühlte in dem wahllosen Durcheinander von Rechnungen, Briefpapier, Einladungen.

Schließlich, ganz zu hinterst, aber gar nicht etwa versteckt, fand er Briefe mit Hammanns unpersönlicher Schrift. Einen, zwei, die nichts von Belang, nichts Überzeugendes enthielten. Dann eine Briefkarte, mit Bleistift geschrieben — sechs, acht Zeilen — die ihn auf den Stuhl vor dem Schreibtisch taumeln ließen.

Das war die Gewißheit, die er gesucht hatte. Alice hatte ihn mit Ludolf Hammann betrogen ...

Mit der Gewißheit kam für Perthes das Erwachen aus dem dämmerhaften, halbwachen Zwang, der ihn zu einer häßlichen Gewaltsamkeit fortgerissen hatte ...

Wie lange er so gesessen, wußte er nicht. Die Wahrheit, grausam, hämisch, konsequent, wie der Traum, der ihn gepeinigt — erst tobte sie in ihm mit Gefühlen der Verachtung, des Schmerzes, des entwürdigten Stolzes, die in seinem Innern stritten und die Vorherrschaft vor seinem Verstand begehrten; dann gab sie ihm einen kalten, nüchternen Entschluß, mit dem er sich erhob.

Er nahm die Briefe an sich, ging zurück in sein Schlafzimmer und machte sich fertig.

Früh am Morgen, viel früher als sonst, schallte seine Stimme mit ungewohnter Schärfe durch das Haus. Er überschüttete die Dienstboten, das Kinderfräulein mit einer Flut von Befehlen, so daß sie in heller Bestürzung umeinander liefen.

Das dauerte etwa eine Stunde.

Dann verließ er mit seinem Jungen die Villa. Nicht einen Tag länger konnte er unter diesem Dach bleiben. Die Lüge seiner Ehe, eines trugvollen, jahrelangen Scheinlebens war zu Ende und sollte es auch äußerlich sein.

Erst wollte er sich mit seinem Kind in einem Hotel einquartieren. Doch die Besonnenheit riet ihm von diesem zu auffallenden Schritt ab. Er erinnerte sich an sein Junggesellenquartier bei Fräulein Eschborn. Dorthin schleppte er seinen verstörten, heulenden Jungen. Dort fand er — da das Semester vorbei war und die Studenten fehlten — ein Notquartier. Im ersten Stock: ein Arbeitszimmer und ein Schlafkabinett für ihn, eine Stube für Benno und das Kinderfräulein, das nachkommen sollte — war alles, was er einstweilen brauchte. In weniger als einem halben Tag war der Auszug vollendet ...


Die Wochen des Kriegs begannen.

Es waren entsetzliche Wochen, in denen das Herz aus allen Wunden blutete und der Kopf doch Meister bleiben mußte.

Die erste kategorische Fehdeanzeige fiel nach Nieburg wie eine Bombe. Mama Hupfeld legte sich, wie immer bei aufregenden Gewittern, sofort zu Bett. Exzellenz, von der Unschuld seiner Tochter überzeugt, schäumte. Er schrieb an Perthes, den Mann, den er „gemacht” hatte, einen Brief voll hochfahrenden Zorns, in dem er seinem aufgespeicherten Groll gegen das Geschöpf seiner Gutmütigkeit ohne jede klassische Bezähmung freien Lauf ließ. Er wollte seinen Schwiegersohn demütigen und zur Räson bringen. Als Antwort schickte dieser die Abschrift der belastenden Briefkarte von Hammann. Der Geheime Rat stutzte. Er wurde vorsichtig, denn er witterte Skandal, und den mußte er um jeden Preis vermeiden. Noch hoffte er, daß die Rückkehr Alices, die stündlich bevorstand, eine andere Erklärung geben und das Beweismaterial ihres Mannes erschüttern würde. Alice kam. Sie war ein bißchen erstaunt. Ein bißchen bestürzt. Ein bißchen empört. Im Grund fand sie die erbrochene Schublade das beste, was ihr Mann nach Jahren einmal wieder geleistet hatte. Was für Exzellenz das Schlimmste war: sie tat ihm nicht den Gefallen, ihre Beziehungen zu Hammann zu beschönigen. Sie leugnete nichts. Zerknirscht war sie auch nicht. Das Abenteuer mit Hammann war eine Laune gewesen, die sie, gelangweilt von ihrem Mann und von aller Regelmäßigkeit, früher oder später kosten mußte. Skrupel empfand sie dabei nicht. Das Unangenehme, das daraus entstand, wurde durch das Neue, das es brachte, aufgewogen. Spaßhaft hätte sie es gefunden, wenn sich Perthes und Hammann um ihretwillen geschossen hätten. Darauf wartete sie auch. Vielleicht war es doch etwas Galgenhumor, was sie zur Schau trug, jedenfalls ein Galgenhumor, der diesmal sogar ihren Vater fast zu zorniger Verzweiflung brachte ...

Perthes hatte in der Tat daran gedacht, Hammann zur Verantwortung zu ziehen. Eine Zeitlang begehrte sein Blut diese knallende Lösung. Aber dann übermannte ihn der Ekel. Sollte er sich für ein Chimäre schlagen? Die Ehre von Alice war längst nicht mehr die seine. Mochten Splitterrichter des Duellkomments, dem er für einen würdigeren Fall die Berechtigung nicht versagte, ihn verdammen. — Den Eklat eines Prozesses scheute er nicht. Doch dagegen kämpfte der Geheime Rat mit allen Mitteln. Sogar denen einer höflichen, bittenden Überredungskunst. Diese war es nicht, die bei Perthes verfing. Aber die ruhigere Erwägung sagte ihm, daß er selbst durch einen grellen Skandal mehr verlieren als gewinnen konnte. Auch noch seine wissenschaftliche Laufbahn zu opfern — dazu fühlte er sich nicht bemüßigt und, im Hinblick auf sein Kind, nicht berechtigt. Bis zum Herbst dauerte das Hinüber und Herüber der feindlichen Lager. Dann brachte der Vorschlag des Hupfeldschen Rechtsanwalts die Lösung, die beide Parteien — mit Einverständnis der sehr degoutierten Gräfin Hüningen, des kleinlauten Professor Hammann und der verstörten, so gar nicht nachtragenden Edith — annehmen konnten und mußten. Perthes, der den Ruf nach Norddeutschland endgültig angenommen hatte, würde dorthin mit Benno übersiedeln. Alice sollte sich weigern, den neuen Wohnsitz mit ihm zu teilen. Seine wiederholte Aufforderung, ihr Widerstand erzielten dann innerhalb der gesetzlichen Frist den Scheidungsgrund, der ihm das Kind ließ und vor der Öffentlichkeit den Skandal annähernd verschleierte.