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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 6: 5
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

4

Der Alltag war wieder in seine Rechte getreten.

Der heitere Sommerabend im Haus am Wenzelsberg war für alle Beteiligten eine liebenswürdige Erinnerung geworden. Nur für Marga und Doktor Perthes spann sich ein Stück Wirklichkeit daran. Die Freundschaft, zu der sie sich zusammengefunden hatten, gewann an ungezwungener und vertrauensvoller Herzlichkeit.

Als Perthes vierzehn Tage nach dem Gartenfest am Hause vorbeigekommen war, hatte er Marga unter den Kastanien im Vorgarten sitzen sehen. Er war ohne Zaudern hinaufgegangen, um sie zu begrüßen. Sie plauderten wie zwei gute Kameraden miteinander. Ihm tat es wohl, sich auszusprechen; Einfälle, Stimmungen, Empfindungen mitzuteilen, die ihn gerade beschäftigten. Und sie verstand dankbar und still zuzuhören. Nur ab und zu warf sie ein Wort dazwischen, offen und einfach, wie sie es fühlte und dachte.

Perthes wiederholte seinen Besuch.

Bald am Vormittag, bald am Nachmittag kam er auf einen Sprung vorbei, und meist traf er Marga, die an den Ausgängen und Besuchen der Schwestern in der Stadt selten teilnahm, an ihrem Steintisch im Vorgarten, handarbeitend oder lesend.

Gleich bei einem der ersten Male fügte es der Zufall, daß der Geheimrat, von einer Fakultätssitzung heimkehrend, die beiden beisammen fand. Perthes hatte Marga ein paar Sätze diktiert, die sie punktierte, und sie waren eben bei der Korrektur der Blindenschrift; sie bemerkten den alten Herrn nicht eher, als bis er dicht hinter ihnen stand.

Unter dem breitrandigen Schlapphut hervor schoß er bedrohliche Blicke.

„Was wird denn da getrieben?” Richthoff stützte sich mit der einen Hand auf den Krückstock, mit der andern hatte er sich in den weißen Bart gefaßt.

„Wir repetieren unser Pensum von Hemsbach, Herr Geheimrat!” Perthes erhob sich grüßend; sein Auge begegnete ruhig dem scharfen Blick des alten Herrn.

„Wenn du nichts dagegen hast, will mir Herr Doktor Perthes ein wenig meine Kenntnisse auffrischen helfen,” setzte Marga aufrichtig hinzu.

„Hm!” brummte Papa Richthoff unentschieden. Er überlegte, daß von Rechts wegen ein junger Mann und ein junges Mädchen sich keinen Unterricht tete-a-tete zu geben hätten. Aber schon im nächsten Moment sagte er sich auch, daß er Marga, die so viel entbehren müsse, nicht um eine im Grund unschuldige, bei ihr doppelt harmlose Zerstreuung bringen dürfe. „Sie hat wohl glücklich alles wieder verschwitzt, was sie konnte?” wandte er sich, dem Tisch näher tretend, an Perthes.

„O — es geht noch ganz leidlich!” meinte der Doktor.

Der alte Herr ergriff das Blatt mit den vielen kleinen Punkten, die nach Zahl und Stellung dem Getast ihren Buchstabensinn vermitteln. Es entwickelte sich eine Unterhaltung über die Schrift, über Blindenbibliotheken und ihren Bücherschatz. Perthes, der, was er wußte, recht wußte, gab allerhand Auskünfte, die den Geheimrat interessierten.

Das Ende war, daß Vater Richthoff Marga huldvoll am Ohr zupfte. „Das bitte ich mir aber aus, daß in vierzehn Tagen der Prolog zum Faust fließend gelesen und geschrieben werden kann, hörst du!” Mit einem jovialen Kopfschütteln verabschiedete er sich und verschwand im Haus.

Seither konnten Perthes und Marga ihre Kameradschaft ungestört pflegen. Elli und Käthe neckten wohl manchmal die Schwester; aber da sie selber Perthes nicht ungern sahen, hatten sie gegen Margas unschuldige Eroberung nichts einzuwenden. Man gewöhnte sich daran, den Doktor als Freund des Hauses das eine oder andere Mal am Wenzelsberg zu begrüßen.

Über tausend Dinge unterhielten sich Marga und Perthes. Über Großes und Kleines mit derselben Wichtigkeit der Jugend. Er brachte ein buntes Allerlei von Eindrücken mit, wie sie sich ihm an Menschen, in der Natur, bei seinen Arbeiten boten, und Marga sog diese Wirklichkeiten aus einer ihr nur durch die Phantasie erreichbaren Welt eifrig und dankbar ein. Was sie von den Schwestern, aus Büchern, durch sich selbst wußte, bekam Fülle und Zusammenhang. Sein vielseitiges Wissen nährte das ihre. Daß sie nichts Fremdes und Schiefes in sich aufnahm, dafür sorgte ihre durch die Blindheit geschärfte Spürkraft, ihr klarer, gesunder Sinn, der nichts annahm, was er nicht gebrauchen konnte. Die Ruhe und innere Freiheit, die durch frühes Entsagen, durch Einsamkeit und Leiden in ihr gereift, war die Gegengabe ihrer Freundschaft. Sie erkannte seine Natur, die ein Ganzes und Einfaches werden wollte und doch immer wieder durch entgegengesetzte Neigungen auseinanderstrebte, sich selber komplizierte und zerriß. Perthes seinerseits fühlte die Überlegenheit, die in der Stille und Bestimmtheit ihrer Seele lag. Aber sein Verstand sträubte sich mit zahllosen Gründen dagegen, diesem Gefühl nachzugeben. Daß sie, zehn Jahre jünger als er, ein Weib, eine Blinde, ihm durch ihre größere Ruhe Achtung abnötigen sollte, konnte ihm oft plötzlich lächerlich erscheinen, ihn empören, seinen verbissensten Widerstand erwecken. Dann riß er irgendeine schwierige Frage herbei, eine von den großen Fragen über den Wert des Daseins, und zersetzte alle „Schwindsüchteleien”, wie er es nannte, unter vollem Aufgebot seines Wissens und seiner Klugheit. Je lauter er wurde, um so stiller wurde sie; je mehr er sich erhitzte, um so gelassener hörte sie ihm zu.

So bewies er gleich an einem der ersten Tage ihrer jungen Freundschaft, daß es nichts Vernünftiges gebe, als das tierische Werden und Vergehen; alle vermeintlich „höheren” Gedanken seien nichts als ebensoviele Illusionen, um über diese nüchterne Wahrheit zu täuschen. „Damit wir hübsch im Tretrad bleiben und nicht etwa herausspringen, weil uns die Sache zu albern wird!”

Marga hörte ihm aufmerksam zu. Als er geendigt hatte, bemerkte er ein leichtes, heiteres Lächeln in ihren Zügen.

„Sie — Sie wissen das natürlich viel besser!” rief er empört.

„O, gar nicht! Wissen werden Sie es schon besser. Aber ich fühle es anders.”

„Fühlen! Fühlen! Mit Ihrem ewigen Fühlen! Das Gefühl ist gar nichts. Jeder Hund und jede Katze sind uns darin ebenbürtig. Gefühle sind für Kinder, sind Verschwommenheiten, Torheiten, Halbheiten, die Gedanken werden möchten und nicht können! Wollen Sie das nicht endlich einsehen?”

„Nein. Ich will es eben nicht einsehen,” meinte Marga ruhig. „Es gibt Gefühle, die weniger sind als Gedanken, und es gibt Gefühle, die mehr sind —”

„Und mit welchem Recht?”

„Mit meinem Recht. Ich will, daß das Leben den Sinn hat, dessen Wahrheit ich fühle — ob Sie sie beweisen können oder nicht.”

Perthes schüttelte den Kopf. Sein widerspenstiger Verstand war nicht überzeugt. Trotzdem beugte sich eben das Gefühl, das er so gering bewertete, vor dem ihrigen. Es war töricht, aber es war so. Und blieb so, ein Waffenstillstand bis zum nächsten Gefecht. —

Ein Thema gab es, das sie im Gespräch nie berührten: Hilde König.

Aus Äußerungen ihrer Schwestern, aus dem Klatsch, der in einer kleinen Stadt auch nur entfernt bekannte Menschen mehr oder minder verbindet, wußte Marga, daß ihr Freund seine Verehrung für die kleine Uferschöne mit den Taubenaugen und den losen blonden Haaren ganz und gar nicht aufgegeben hatte. Man sah ihn häufiger denn je die Uferstraße entlang pilgern, sei es allein, um sie auf ihrem Balkon zu sehen, oder mit ihr zusammen, wenn er ihr mehr oder minder absichtlich begegnet war und sie heimbegleitete. Auch im Stadtgarten tauchte er auf. Man sah ihn nicht selten im „Heiratskarussell”, das ihm anfangs so lächerlich vorgekommen war, an Hilde Königs Seite.

Marga hatte sich vorgenommen, von sich aus nie wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, aber je vertrauter sie und Perthes miteinander verkehrten, desto schwerer wurde ihr diese Zurückhaltung. Sie kannte ihn jetzt genügend, um zu erraten, daß der augenfällige, liebliche Zauber der koketten Unschuld, die so geschickt zwischen Ernst und Kindlichkeit balancierte, seinen empfänglichen Sinn anziehen mußte. Vielleicht blieb es bei einer Spielerei. Vielleicht aber — und das machte ihr sein leidenschaftliches Wesen wahrscheinlicher — verfing er sich ernsthaft in diesem Spiel. So oder so: sie, Marga, durfte sich nicht einmischen. Zartgefühl und Stolz geboten ihr dies als ein Selbstverständliches. So oft ihre Gedanken und Gefühle über die ihnen gesetzte Grenze schweifen wollten, rief sie sie schroff zurück. Freilich nicht, ohne daß sie einen leisen Schmerz dabei empfand. Er kam von der Unklarheit, die zwischen ihnen beiden über dies eine bestehen bleiben mußte; von einer Sorge um ihn; einem bangen Gefühl, das in ihr keimte, ohne daß sie es noch fassen und zur Rechenschaft ziehen konnte. —

Ein recht unbedeutendes Erlebnis sollte sie über ihn und sich aufklären.

Marga hatte es nach wie vor vermieden, sich wieder in der Abendstunde am Ufer spazieren führen zu lassen. Bis der Zufall es wollte, daß der Geheimrat eines Abends Elli mit dem Auftrag, sich ein bestimmtes Buch auszubitten, zu Professor Borngräber schickte, der in einem verwachsenen, kleinen Häuschen in der äußersten Uferstraße sein Junggesellenleben führte. Marga hatte ihre Schwester schon ein großes Stück Wegs begleitet, ehe diese mit dem Ziel ihres Ganges herausrückte. Als sie nun Einwände erhob, fiel die necklustige Elli mit all ihren Kobolden über sie her. Es blieb Marga nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Es war ein trüber, bedeckter Abend. Der Regen hatte kaum erst aufgehört. In der Allee am Fluß war es einsam. Die Sonne lag hinter dem grauen Gewölk, und der Fluß wälzte sich träg und schmutzig zwischen seinen Ufern hin.

Elli und Marga beeilten sich, Borngräbers Haus zu erreichen, und entledigten sich schnell ihres Auftrags. Der Himmel sah nach neuen Regengüssen aus, denen sie lieber entgehen wollten. Aber sie hatten die Allee noch nicht zur Hälfte hinter sich, als die Tropfen niederklatschten. Eng duckten sie sich unter den gemeinsamen Schirm.

Kurz vor dem Aufgang zur Brücke, am Ende der Allee, kam ihnen ein Paar entgegen, das sich gleichfalls in einen Schirm teilte.

Elli mit ihrem hellen, flinken Blick hatte die beiden schon erkannt. „Perthes mit Hilde König!” flüsterte sie hastig Marga zu.

„Wo denn?” Marga nahm sich zusammen, aber ihr Arm zuckte unwillkürlich in dem der Schwester.

„Gerade vor uns! Er scheint sie mit seinem Schirm heimzubringen!” tuschelte Elli.

Im gleichen Augenblick hörte Marga ihre Stimmen. Seine rauhe, hastige; ihre leichte, etwas gezierte und hüpfende. Dann verstummten beide. Sie hörte, wie die Schritte an Elli und ihr vorüberknirschten.

„Das ist aber stark! Er hat nicht einmal gegrüßt! Er tut, als kennte er uns nicht, und dabei schwöre ich, daß er uns erkannte!” Elli war ganz erregt. Sie ereiferte sich, ohne auf Marga zu achten. So ein Drückeberger! Einfach beiseitezusehen! Und seine Bekannten zu verleugnen wegen diesem dummen, aufgeputzten Gör! Das sollte er von ihr zu hören bekommen!

„Meinst du, daß er uns wirklich nicht sehen wollte?” forschte Marga nach einer Weile zögernd. Sie mußte alle Kraft aufbieten, um einer Erregung, die sie selbst bestürzt machte, Herr zu bleiben.

„Schwören will ich darauf!” beteuerte Elli, und sie schilderte sein Benehmen mit erneuter Lebendigkeit.

„Ich werde ihn fragen, warum er das tat,” erklärte Marga gepreßt.

Der Regen floß jetzt in solchen Strömen, daß sie in der nächsten besten Haustür Schutz suchen mußten. Elli, die nie zu lange beim gleichen Thema blieb, erzählte vom bevorstehenden akademischen Ausflug. Marga hörte ihr krampfhaft zu, auch auf dem weiteren Nachhauseweg. Sie wollte, was sie bewegte, überdenken, wenn sie erst wieder allein mit sich war ...

Da Vater Richthoff heute seinen Kegelabend hatte, wurde schneller als sonst Abendbrot gegessen.

Nachher übten Käthe und Elli am Flügel im Wohnzimmer ein Duett.

Marga konnte unbemerkt in ihr Zimmer im Dachstock hinaufsteigen.

Oben holte sie ihre Geige hervor. Sie hatte lange nicht gespielt. Sie war keine Künstlerin. Ihr Spiel war technisch nicht weit über das hinausgekommen, was sie, noch ein halbes Kind, vor ihrer Erblindung gelernt hatte. Aber es war Musik in ihr, und diese brachte sie gerade durch die einfachen Mittel zu ergreifendem Ausdruck.

Mit einer Hast, die ihr sonst fremd war, griff sie heute nach ihrem Instrument und stimmte es. Eine scheue Hast war es: sie wollte ihr übervolles Gemüt in Tönen erlösen und hatte doch zugleich eine Scheu vor dem Unbekannten, das die Töne ihr aus der Seele locken wollten.

Ihr blonder, blasser Kopf war tief über die Saiten gebeugt, und die Hand führte zagend den Bogen. Die Augen hatte sie geschlossen, den Mund zusammengepreßt. Rauhe, gebrochene Klänge holte sie aus der Tiefe herauf. Sie verbanden sich zu einer ungefügen, schluchzenden Weise, gegen die sich nur langsam aus der Höhe die Töne eines weichen, unendlichen Verlangens hervorwagten. Aus der Tiefe war es der Schmerz ihres Lebens, das so tapfer niedergehaltene Weh, jung zu sein und entsagen zu müssen; aus der Höhe war es die Sehnsucht, die laut und lauter mit ihrer hellen Stimme nach Ziel und Erfüllung rief. Und je lauter dieser Ruf ward, je ungestümer er sich vordrängte und die Entsagung überbot, um so mehr erbebte und erschrak Margas Seele. Das Unbekannte, das sie gefürchtet hatte — da war es! Da brach es hervor, nicht mehr zu unterdrücken, nicht mehr zu verkennen und zu mißdeuten: sie liebte! ... Wie ein Schauer, jubelnd und entsetzt zugleich, wogte es über die Saiten. Einen Augenblick verlor sie sich dabei. Ein zartes, fast heiteres Entzücken wollte sich regen. Dann riß sie mit einem grellen Strich über alle Saiten ihr Spiel ab. Sie ließ die Geige hart auf den Tisch fallen und warf den Bogen daneben. Sie drückte sich in die Ecke des Sofas: das Gesicht mit den Händen verdeckend, duckte sie sich und zog sich zusammen, als wollte sie sich in sich selber verbergen.

Nach einer Weile warf sie die Hände hinter sich und spannte sie um die Lehne des Sofas. Als sähe sie die Gewißheit ihrer Empfindung außer sich, richtete sie mit allem Mut, den sie in sich fand, die Augen voll und fest auf einen fernen, brennenden Punkt. Und dieser Punkt dehnte sich aus, gewann Form und Ausdruck und Leben: es waren Max Perthes' Züge, die sie nie gesehen, die sie nur aus flüchtiger Beschreibung kannte, und die doch ihr inneres Gesicht so bestimmt gestaltete. Sie schaute und schaute. Die Augen gingen ihr über vor dem offenen, klaren Ja, das da außer ihr stand. Aber sie ließ nicht nach und rang nach neuer Kraft: ebenso klar und unerbittlich mußte das Nein in ihr werden. Sie klammerte sich an ihren Stolz. Perthes liebte sie nicht. Er fühlte sich von einem Mädchen gefesselt, das in allen Stücken ihr Gegenbild war; für das er sie verleugnete. Und sie sollte ihre heiligsten Empfindungen wecken, ihre tiefste Seele, ihr Bestes wegwerfen, nachwerfen? Niemals! Und hätte ihr Stolz es ihr erlaubt, so hätte die Vernunft es verboten. Für sie gab es keine Liebe. Sie, die Blinde, durfte von keinem Manne, auch wenn er es wirklich ihr geboten, das Opfer seines Lebens annehmen. Die Entsagung hatte recht, nicht die Sehnsucht. Wollte sie sich lächerlich und verächtlich machen? Wollte sie gewissenlos sein?

Marga preßte ihre Hände ineinander und rang sie in ihrem Schoß.

Sie zwang mit dem Nein ihres Willens das Ja ihrer Liebe. Es war, als müßte sie es erwürgen, und weil es ein Lebendiges war, sträubte es sich gegen den Tod und klagte und schrie, und ihre Hände taten ihrem Herzen weh, über alles Sagen und Denken weh.

Unaufhaltsam, wider ihren Willen, löste sich Träne auf Träne aus ihren Augen.

Dann war es mit einem Mal vorbei.

Sie liebte ihn nicht. Es gab keine Liebe für sie, und es gab keine Liebe ohne Gegenliebe. Vielleicht gab es nicht einmal mehr Freundschaft zwischen ihr und ihm. Nachdem er sich so benommen wie heute am Abend.

Marga stand auf und griff wieder nach ihrer Geige.

Aber spielen, sich vollends freispielen — das konnte sie noch nicht. Sie schloß die Geige in den Kasten und stellte sie beiseite. Dann ging sie zu den Schwestern hinunter, die jetzt zu singen aufgehört hatten und bei der Handarbeit im Wohnzimmer saßen. Sie plauderte mit, so gut es ging. Und es ging besser, als sie dachte ...

Schon am nächsten Vormittag kam Perthes vorbei.

Es war noch immer regnerisch. Er fand Marga nicht im Vorgarten. Als er im Haus nach ihr fragte, wies ihn Therese in den Salon.

Er mußte eine gute Weile warten, ehe sie kam. Wie sonst wollte er ihr die Hand schütteln, doch sie reichte sie ihm nicht zum Gruß. Sie war durchaus nicht steif und unfreundlich, aber von einer Gemessenheit, die Zurückhaltung auferlegte.

Perthes hatte ihre äußere Erscheinung meist nur obenhin betrachtet. Heute fiel ihm die besondere Weiblichkeit ihres Wesens auf, die Züge und Gebärden beherrschte: eine natürliche, anmutige Würde, die durch einen Schatten von Trauer noch gehoben wurde.

Sie hatte ihn mit ein paar Worten in die Glasveranda gebeten, die dem Salon vorgebaut war.

Auf einem Rundtisch von schwarzem Ebenholz mit bunt eingelegter Platte lag ihre feine Häkelarbeit. Sie setzte sich und ließ ihn gegenüber Platz nehmen.

Ein Scherz über den feierlichen Empfang schwebte Perthes auf der Zunge. Er brachte ihn nicht hervor. Ihre schweigsame Ruhe war ihm unbehaglich.

„Warum erzählen Sie mir nichts?” fragte Marga, nachdem sie einige Zeit gearbeitet hatte.

„Ich dachte, Sie würden mir erzählen. Mein Kopf ist heute schon ganz dumm vom Mikroskopieren. Ich wollte eine bestimmte Geschichte herausbekommen — die Struktur eines Muskelgewebes, in dem — doch das kann Sie nicht interessieren! Ich habe mich herumgequält und nichts gefunden. Um mir wieder guten Mut zu holen, bin ich zu Ihnen gekommen. Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?” Er sprach hastig und zerstreut. Seine Finger spielten nervös auf der Tischkante.

„Da werden Sie nichts Interessantes zu hören bekommen! Vorgestern sind die Schwestern und ich über die Berge gegangen. Das Wetter war zu schön. Man konnte nicht denken, daß es so wie heute kommen würde. Wir waren auf dem Schweikhartshof, hin und zurück zu Fuß. Gestern” — sie stockte — „gestern war ein Tag wie alle.”

„Das tut nichts! Erzählen Sie doch! Vom Morgen bis zum Abend! Gerade, wie Sie so einen Alltag verbringen, will ich wissen!” Es klang etwas Herrisches in seinen Worten, das Marga aufblicken machte. „Das möchte ich gern wissen,” verbesserte er sich.

Sie gehorchte. Langsam berichtete sie die Tagesereignisse. „Und gegen Abend —” Hier stockte sie wieder.

„Was war gegen Abend?”

„Gegen Abend gingen Elli und ich spazieren. Das heißt, Papa schickte uns zu einem Kollegen, und wir kamen tüchtig in den Regen.”

„Wo denn?” forschte er hartnäckig.

Jetzt hob Marga ihren Kopf mit eigentümlicher Bestimmtheit auf. Sie antwortete nicht. Mit einem unwilligen Ruck stand Perthes auf. Beinahe hätte er den Tisch umgeworfen. Er trat an die Scheiben und blickte hinunter in den Vorgarten, wo der Regen von den Bäumen tropfte. Ungestüm strich er den krausen schwarzen Bart und blies einen pfeifenden Laut durch die Lippen. Dann brach er los. „Sie wollen wissen, warum ich Sie und Fräulein Elli nicht grüßte?” stieß er wütend hervor.

Marga fuhr emsig in ihrer Arbeit fort.

„So fragen Sie mich doch!” knirschte er gequält.

Als Marga keine Anstalt machte, ihm zu Hilfe zu kommen, ergriff er den Stuhl, auf dem er gesessen, mit beiden Händen so heftig an der Lehne, daß er in den Fugen knackte. „Ich weiß ganz genau, daß das so nicht geht. Ich war einfach dumm und feig. So ungefähr wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, damit man ihn nicht sieht. Und so feig wie ein Mensch, der seine Freunde verleugnet, weil ...” Er vollendete den Satz nicht und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Sie sind in vollem Recht, wenn Sie mir dafür den Laufpaß geben!”

Marga hielt in ihrer Häkelei inne. Ihre Züge hatten sich aufgehellt. „Da Sie so ehrlich sind, braucht es das nicht!” sagte sie einfach.

„Ehrlich! Ehrlich! Ich hätte viel früher ehrlich sein sollen! Ist das Freundschaft, wenn einer dem anderen das Wichtigste verbirgt, was mit ihm vorgeht? Ich bin in das Mädchen, mit dem ich Ihnen gestern abend begegnete, verliebt. Wußten Sie das?”

Marga nickte kaum merklich. Sie wußte es. Und doch meinte sie, es erst seit diesem Augenblick zu wissen — so schnitt ihr sein Bekenntnis in die Seele. Sie sah voraus, daß er ihr jetzt sein ganzes Herz ausschütten würde, genau wie damals, als sie am Gartenfest auf dem Weinberg beisammensaßen und er seine Zerrissenheit vor ihr aufdeckte. Das Weib in ihr, dessen Liebe sie niedergezwungen, wehrte sich gegen die Qual dieses Mitwissens. Die Freundin, der sein Vertrauen galt, mußte geduldig zuhören. Der Faden verwirrte sich unter ihren zitternden Fingern. Sie beugte sich tiefer und tiefer über das Gewirr und schien ganz damit beschäftigt, es zu lösen.

Und Perthes, der von dem, was in ihr vorging, nichts ahnte, begann in abgerissenen Sätzen, nur von sich und seinen Gefühlen erfüllt, seine Beichte. Er schilderte, wie das hübsche Ufermädchen ihn gefangen genommen. Allmählich, ohne daß er es wußte und wollte. Fester und immer fester. Wie er sie zuerst sah, im Stadtgarten; wie sie ihm mit der Musikmappe begegnete; wie er ihr Haus am Ufer entdeckte und immer wieder dort vorbeiging; wie er sie angesprochen, sie begleitet — alles schilderte er mit der mitleidlosen Genauigkeit eines Menschen, dem es wohltut, das, was er bisher in sich verschlossen, herausgeben zu dürfen. Leidenschaftlich zeichnete er den Eindruck von Hilde Königs äußerer Erscheinung. Ihre leichte, frische Kindlichkeit; ihre mädchenhafte Zurückhaltung neben ihrer selbstsicheren Freiheit. Erst als er von ihrem inneren Wert zu sprechen anfing, wurde er ungewisser. Seine Unklarheit über diesen Punkt, seine Zweifel verrieten sich in allgemeinen Behauptungen. „Sie ist nicht abgründig tief, nicht problematisch! Sie hat sicher nicht mehr Verstand als tausend Frauen. Oh — Schwersinnigkeit und Schwerlebigkeit, damit kann ich selber aufwarten! Was ich brauche, was ich bei den Frauen liebe, ist das Leichte, Duftige, Sonnige! Was über die eigenen unzufriedenen Grübeleien fortträgt! Was das Leben, statt zu Ekel und Last, zum schönen Spiel macht! Es taugt nichts, wenn zwei schwere Naturen sich zusammentun: sie reiben sich wund. Ein Falter muß es sein, der zu einem Kriechtier, wie ich es bin, paßt. Glauben Sie das nicht auch, Fräulein Marga? Hab' ich nicht recht? Sie wissen, wie ich bin. Sie als Freundin — Sie müssen mir raten! Sie kennen ja mich und meine Unrast und Verschrobenheit.”

Eine unbeabsichtigte, nervöse Selbstironie klang durch seine mit Bildern überladene Sprache.

Marga hatte es aufgegeben, den Faden ihrer Häkelarbeit zu entwirren. Sie hatte die Arbeit auf ihren Schoß sinken lassen. Bewegungslos empfing sie das Geständnis seiner Gefühle für eine andere. Zwei bittere Falten verlängerten die Winkel ihres schmalen, zusammengepreßten Mundes. Ihre Farbe war so durchsichtig, daß man das Blut an den Schläfen auf- und niedersteigen sah.

Daß er seine Neigung für diese andere so leidenschaftlich aussprach; daß er das Mädchen mit überschwenglichen Farben malte und gerade vor ihr, Marga, die lockende, leichte Äußerlichkeit im Gegensatz zur Innerlichkeit, der sie zugehörte und als Blinde doppelt zugehörte, als sein weibliches Ideal in den Himmel hob — das war es nicht, was sie am schwersten traf. Was ihr für den Augenblick alle Fassung rauben wollte und was über ihre Kraft ging, war die Gewißheit, daß er sich täuschte. Er täuschte sich über sich selbst, denn er war der Mann nicht, der an einem Schmetterling dauerndes Genügen fand. Er brauchte nicht eine Seele, die die seine über die Schwere der eigenen Natur und den Ernst des Daseins fortgaukelte, sondern eine, die sich mit ihm zusammen durchkämpfte und darüber emporhob. Er täuschte sich aber auch über Hilde König. Wenn Marga das nicht schon vorher gewußt hätte: seine Schilderung konnte ihr keinen Zweifel darüber lassen. Das Mädchen war nicht das unschuldige Kind, das er in ihr sah. Das Kind war vielmehr er, den seine praktische Unkenntnis weiblichen Wesens irreführte. Die Einfachheit, die er hinter ihrer schimmernden Jugendlichkeit vermutete, war Leere, und die selbstsichere Freiheit wurzelte in einem kühlen, berechnenden Herzen. Und er mußte seine Täuschung behalten. Sie, die Freundin, durfte nicht reden. Dazu hatte sie kein Recht, weder vor ihm noch vor dem Mädchen, das er liebte. Das war es, was Marga vor Schmerz und Bitterkeit erstarren machte; sie noch immer schweigen und bewegungslos dasitzen ließ, als er längst geendigt hatte.

„Sie sagen ja gar nichts! Reden Sie doch! Ich will wissen, wie Sie darüber denken!” drang Perthes vorwurfsvoll in sie. „Kennen Sie Hilde König?”

„Nein, ich kenne sie nicht,” kam es leise von Margas Lippen. Sie sagte nicht die volle Wahrheit, aber sie konnte nicht anders.

„Ich habe sie Ihnen geschildert. Sie können sich gewiß ein Bild von ihr machen, Fräulein Marga.”

„Auch das nicht!” gab sie noch leiser zurück. Sie war fest entschlossen, sich kein Urteil von ihm abzwingen zu lassen. Der Gedanke, daß sie dem Mädchen unrecht tun und die entfernteste Eifersucht ihre Meinung trüben könnte, bestärkte sie nur in ihrem Vorsatz.

„Aber raten können Sie mir doch! Sie kennen mich! Sie müssen beurteilen können, ob ein Geschöpf, wie ich es Ihnen schilderte, das ist, was ich brauche. Ob Sie glauben, daß ich auf der rechten Fährte bin und mein Glück finden kann. Sie predigen mir ja immer, ich soll mich mehr auf mein Gefühl verlassen als auf meinen Verstand!”

Marga hätte ihm antworten können, was sie ihm kürzlich geantwortet hatte: daß es Gefühle gäbe, die unter den Gedanken, und andere, die über ihnen stünden; aber sie wollte nicht. „Wenn Sie Ihres Gefühls so sicher sind, brauchen Sie meinen Rat ja gar nicht,” sagte sie ausweichend.

„Und das heißen Sie Freundschaft? Verzeihen Sie, Fräulein Marga, aber jetzt sind wir quitt. Sie verleugnen mich innerlich genau so, wie ich es gestern äußerlich tat!” In unwillkürlicher Erregung schlug er mit dem Absatz mechanisch auf den Fußboden. Seine großen, braunen Augen schossen zornige Blitze auf ihr Antlitz, in das die verborgene Qual dieser Stunde trotz aller Beherrschung mehr und mehr ihre Zeichen grub. Wäre er weniger nur mit sich beschäftigt gewesen, so hätte ihm ihre Veränderung nicht entgehen können. So wiederholte er nur noch ingrimmiger: „Und das heißen Sie Freundschaft?!”

Marga straffte sich in ihren Stuhl zurück. Die Härte seines Vorwurfs gab ihr einen Teil ihrer Kraft wieder. Doch ehe sie antworten konnte, fuhr er aufgeregt fort: „Ich, der Freund, habe Ihnen mit einer Offenheit, wie ich sie sonst keinem Menschen zeige, gesagt, wie es um mich steht, und Sie, die Freundin —”

„Ich, die Freundin,” unterbrach ihn Marga mit bebender Stimme, „bin so offen wie Sie. Deshalb sage ich Ihnen: Was Sie von mir fordern, geht über die Freundschaft. Und wenn Sie mir dafür Ihre Freundschaft aufsagen wollen, Doktor Perthes! Was Sie von mir verlangen, kann keine Frau einem Mann erfüllen. Über Ihre Liebe müssen Sie selber mit sich einig werden. So wenig ich Ihr Leben für Sie leben kann, ebensowenig kann ich mich für diese Liebe verantwortlich machen. Aus Klugheit kann ich das nicht. Aus Selbstachtung nicht. Und aus Achtung vor Ihnen nicht!”

Perthes sah sie mit aufgerissenen Augen verwundert an. Die Gegenwehr, zu der sich ihr gemartertes Herz aufgerafft, um sich von dem Unmöglichen zu befreien, mit dem er sie peinigte, gab ihren Worten einen Ton von so leidenschaftlicher, bitterer Entschlossenheit, daß er sie kaum mehr erkannte. Eine stürmische Blutwelle hatte ihr Gesicht mit jäher Röte übergossen. Ihr Mund, ihre Stirn zuckte von schmerzlichen Falten. In ihren Augen glomm es wie ein Funke des Sehens. Dann sank sie erschöpft in ihre frühere Regungslosigkeit zurück.

Ein so schlechter Beobachter Perthes bis jetzt gewesen: für einen Moment war es ihm, als risse der Blitz eine meilenferne, ungeahnte Landschaft in sein Gesichtsfeld. Ob diese Blinde mehr für dich empfindet, als du ahnst? Ob sie dich liebt? — Eine Sekunde nur, und die Vermutung, die ihm unsinnig dünkte, war ausgelöscht. Nur der Respekt vor ihrem unbeugsamen Willen erfüllte ihn und dämpfte seinen Ärger. Seine Verstimmung kehrte sich gegen ihn selbst.

„Lassen wir's gut sein! Ich überspanne die Pflicht der Freundschaft, wie ich alles überspanne. Ich werde ein andermal anspruchsloser sein, Fräulein Marga.” Er hatte sich erhoben und verabschiedete sich.

Der Druck seiner Hand kam Marga kühl und abwesend vor. Sie hätte ihn gern wie sonst nach der Tür begleitet. Aber ihre Kraft reichte nicht aus.

Als er längst gegangen war, saß sie noch immer reglos und ohne die Arbeit wieder aufzunehmen an dem eingelegten Ebenholztisch in der Glasveranda. Der Regen schlug dumpf gegen die Scheiben. Eine starre Gleichgültigkeit und Öde lähmte ihre Sinne und Gedanken. Mochte die Freundschaft zu Ende sein — was lag ihr noch daran! Sie hatte nicht anders gekonnt ...

Es sah allerdings danach aus, als sei es nach dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der erst vor einigen Wochen geschlossenen Freundschaft tatsächlich zu Ende. Tag um Tag verging, ohne daß Perthes sich wieder im Haus am Wenzelsberg sehen ließ. Für Marga war es eine Zeit voll Sorgen und Selbstanklagen. Das quälerische Auf und Ab und Hin und Wider ihres Herzens ermüdete sie so, daß sie bisweilen am hellen Tag von einem kurzen, erquickungslosen Schlaf befallen wurde. Hundertmal wiederholte sie sich, was sie an jenem kritischen Vormittag gesprochen und wie sie sich voneinander getrennt hatten. Jedes seiner Worte, jedes der ihren wog sie ab und wandte es nach beiden Seiten. War sie zu schroff gewesen? Hatte sie nicht doch mit ihrer strengen Scheidung von mein und dein die Pflicht der Freundschaft verletzt? Sie mußte ihm lieblos und egoistisch vorgekommen sein. Er konnte die Beharrlichkeit nicht verstanden haben, mit der sie ihm ihren Rat verweigerte. Warum sagte sie nicht ehrlich: Sie irren sich über das, was Sie brauchen! Sie täuschen sich über sich selbst und über das Mädchen, das Sie zu lieben meinen. Ihre Tiefe braucht nicht Oberfläche, sondern wieder Tiefe. Sie brauchen ... Margas Gedanken stockten. Es überfiel sie wie Scham; als hätte sie gesprochen, was sie nicht durfte, das Geheimnis ihrer Liebe preisgegeben, ihm zugerufen: Mich, mich brauchst du! Ich verstehe dich besser, als du dich selbst verstehst! Ich kann dir aus meiner Stille und Klarheit die deine finden helfen — — Wie? Sie hätte sich angeboten? Sie, Marga, die Stolze, Verschlossene und Einsame! Schande, Schande, es nur zu denken! Nicht ein Wort durfte ihn auf den Gedanken ihrer Liebe bringen. Sie hatte schweigen müssen. Die Pflicht, die sie vor sich selbst hatte, war und blieb die höhere, und wenn sie daran verbluten sollte ...

Wenn sich Marga so immer wieder zum selben Ergebnis durchkämpfte — die Sorge um Perthes konnte sie damit nicht verbannen. Sie wuchs mit jedem weiteren Tag, den er fernblieb. Das untrügliche Ferngefühl, das ihre Seele wie einen Ersatz für die erloschenen Augen in ihr ausgebildet hatte, war seltsam wach in ihr: die Enttäuschung über Hilde König mußte unaufhaltsam über ihn kommen. Vielleicht war sie schon da, und Perthes war unter den Trümmern seiner hochgestimmten Hoffnungen niedergebrochen. Maßlos, wie er war, mußte die Ernüchterung alles in ihm umstürzen. Wohin ihn dann seine Leidenschaftlichkeit trieb — wer konnte es ausdenken? Marga sah sich von einer grausamen Furcht gepackt. Sie forschte nach allen Seiten, um unauffällig eine Nachricht über ihn zu erhaschen.

Es war wenig und widersprechend genug, was sie erfuhr.

Elli und Käthe lebten und webten in den Vergnügungen des Sommersemesters. Bald war es eine Damenkneipe, zu der die Erlaubnis dem alten Herrn abgelistet werden mußte, bald ein Stiftungsfest mit Ausfahrt oder ein verspäteter musikalischer Tee — eine Neuerung im gesellschaftlichen Leben, die Vater Richthoff grimmig verabscheute. Begreiflich, daß die beiden jungen Mädchen dabei von ihren Gedanken und Empfindungen, von „ihren” Herren zu erfüllt waren, als daß sie auf Doktor Perthes, den man ja doch nirgends traf, geachtet hätten. Elli wollte ihn in einem weißen Tennisanzug gesehen haben: vielleicht gehörte er neuerdings zu dem Sportklub, in dessen Mittelpunkt Fräulein Exzellenz, Alice Hupfeld, stand. Es war dies ein Kreis, der dem Richthoffschen so fern stand, daß er ihn trotz der akademischen Beziehungen kaum berührte. Ein andermal berichtete Käthe, Perthes hätte seine Spaziergänge in der Uferstraße so gut wie ganz aufgegeben. Das hatte sie von ihrer Freundin Lizzie gehört, die ja dort wohnte. Endlich war er mit Hilde König eines Abends im Stadtgarten gesichtet worden. Lauter Nachrichten, die Marga nur hin und her rissen, zu Vermutungen brachten, die sich nicht zusammenreimen ließen, sondern sie nur noch unruhiger und trauriger machten.

Die dritte Woche war angebrochen.

Perthes kam so wenig wie in den beiden vorigen.

Nun fiel sein Ausbleiben auch den Schwestern auf. Käthe bemerkte gelegentlich zu Marga, die Mediziner wären eben doch „immer” unzuverlässig. Elli, die aus ihrer Neigung für Wilkens heraus etwas von Margas Kummer witterte, erklärte, von der altklugen Weisheit Käthes angesteckt, ein Mann, der sie wegen eines anderen Mädchens nicht grüßte, wäre ihr so viel wert: sie blies höchst geringschätzig über ihren Handrücken. Dann schloß sie unvermittelt Marga in die Arme, küßte sie und versicherte: „Ich, Margakind, ich bin eben doch dein einziger, getreuester Liebhaber! Das merk dir und verrate mich nicht für solche Bazillengucker!” Der Spaß war harmlos und ehrlich gemeint. Daß er dabei so herzhaft weh tat, ahnte Elli nicht von ferne.

Und zu guter Letzt ließ sich bei einem Mittagessen sogar der Geheimrat vernehmen: „Was macht denn dein — dein — na, wie heißt er denn? Der Sparafantel aus Hemsbach, der dich unterrichten wollte?”

Marga zuckte die Achseln. Ehe sie antworten mußte, fiel dem alten Herrn glücklicherweise eine Briefschuld an Schlutius in Bonn aufs Herz. Darüber vergaß er völlig, seine Frage zu erneuern. —

Gegen den ihr sonst so lieben Platz im Vorgarten hatte Marga eine merkwürdige Abneigung bekommen. Als Tag um Tag verstrich, ohne daß Perthes mit seinem eiligen Schritt die Treppe heraufkam, um sich neben sie unter die Kastanien zu setzen, wurde ihr der Ort, der Zeuge freundlicher Stunden gewesen war und jetzt ihre Erwartung immer aufs neue trog, unerträglich. Sie zog es vor, die Zeit, in der sie sich selbst überlassen blieb, in der Geißblattlaube zuzubringen, am Ende des Blumengartens, dort, wo die ersten Stufen zu den Obstbäumen führten.

Es war ein besonders warmer, fast schwüler Vormittag, als sie dort, wie gewöhnlich, saß. Sie hatte eins ihrer Blindenbücher mitgenommen, von denen sie eine kleine Bibliothek besaß, die zu Weihnachten oder zum Geburtstag ihre stetige Ergänzung erfuhr. Der große, beleibte Band — Storms „Schimmelreiter” — nahm aufgeschlagen beinahe die Hälfte des Tisches ein. Ihre Finger tasteten von Punkt zu Punkt, und ihre Lippen lasen leise mit.

Im Schatten der dichtgewachsenen Blätter, die das Sonnenlicht zu einer goldgrünen Dämmerung dämpften, saß es sich gut. Die schwermütige Versonnenheit der Erzählung wirkte beruhigend auf Margas wunde Seele. Sie war so in ihr Lesen vertieft, daß sie überhörte, wie jemand vom Hof heraufkam. Elli kehrte von der Stadt zurück. Den rosenumrankten Strohhut, der schief und keck über dem krausen blonden Haar saß, hatte sie in den Nacken zurückgeschoben, und das erhitzte Gesicht fächelte sie mit dem Taschentuch.

„Uff! ich sag' dir, Margakind, das ist eine Hitze —”

Marga sah auf und schob ihr Buch zurück.

„Unausstehlich!” fuhr Elli fort, während sie sich neben sie auf die Bank setzte. „Du hast's gut hier im Schatten.”

„Wo warst du denn?” fragte Marga.

„Im Bad. Köstlich! Ich schwimme jetzt wie ein Fisch. Am liebsten hätt' ich gleich den ganzen Fluß ausgetrunken.”

„Und dann hast du dich so heiß gerannt? Das ist aber töricht, Kleinchen!” meinte Marga, während sie Ellis Wangen berührte. „Du glühst ja wie ein Backofen!”

„Ach was, dafür bring' ich dir auch eine Neuigkeit mit! Rate mal, was!”

Marga konnte nichts erraten.

„Es hat sich jemand verlobt,” half Elli. „Schon vor drei Tagen hat es in der Zeitung gestanden, und wir haben's übersehen. Rate, wer!”

Marga schüttelte den Kopf. „Kenn' ich den ‚Jemand‛ überhaupt?”

„O — ich glaube wohl!”

„Ist es eine von deinen oder von Käthes Freundinnen?”

„Nein, durchaus nicht. Auch keine von deinen.”

„Wo wohnt sie denn?”

„Am Fluß. In der Uferstraße. Jetzt mußt du doch dahinterkommen!”

Marga schrak unwillkürlich zusammen und erbleichte. „Hilde König?” fragte sie tonlos.

„Erraten!” rief Elli. „Aber mit wem? Das errätst du noch viel weniger. Das —” Elli hielt in ihrem lustigen Bericht inne.

Marga hatte alle Farbe verloren. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf bog sich zurück, bis er an der Wand der Laube, zwischen den Blättern einen Halt fand. Die Augen waren geschlossen, und die Lippen rangen nach Luft.

Elli war aufgesprungen. Bestürzt schob sie ihr die Arme um die Schultern.

„Aber Margakind! Was hast du denn? Was machst du denn? So sei doch verständig!”

Plötzlich schoß ihr die Erklärung durch den Sinn. Sie erriet, welchen Namen Marga zu hören fürchtete, und begriff das ganze, ängstlich behütete, schwere Geheimnis der Schwester.

„Aber nein! nein! nein!” rief Elli und umschlang sie noch fester. „Nicht mit dem! Nicht mit Doktor Perthes! Ganz gewiß nicht! Mit einem Gymnasiallehrer, den du gar nicht kennst! Du kannst mir's glauben, Margakind! Ich wollte nur einen Scherz machen! Ich hatte ja keine Ahnung, daß —” Sie bedeckte sie mit Küssen. Sie war unglücklich, den Tränen nahe, empört über sich und ihre Plumpheit und verwirrt durch das Neue, Unerwartete, das ihr die Erschütterung der Schwester zu verstehen gab.

Marga schlug langsam die Augen wieder auf. Sie zitterte noch immer. Aber sie versuchte zu lächeln. „Wie dumm ich bin!” flüsterte sie. „So — schwach zu sein!” Sie richtete sich auf und löste sanft Ellis Arme von ihrem Nacken. Eine rührende Mischung von Verlegenheit und Hilflosigkeit malte sich in ihrem Gesicht.

Elli zog sie aus der Laube. „Komm! Komm! Im Hof ist's jetzt wundervoll kühl. Da gehen wir auf und ab!” Sie nahm Margas Arm und legte ihn sich um die Hüfte. Ihr ganzes überströmendes Herz war erwacht. Sie drängte sich, zutraulich wie ein kleiner Vogel, an Marga und suchte ihr teilnehmendes Verstehen durch verdoppelte Zärtlichkeit auszudrücken. Obwohl ihr tausend Fragen auf den Lippen schwebten, die zu unterdrücken für ihre Quecksilbernatur kein leichtes war, wartete sie eine gute Weile und schritt, Seite an Seite mit Marga, schweigend im schattigen Hof auf und ab. Dann drückte sie ihr den Arm. „Ich versteh' dich ganz, Marga! Du brauchst mir, wenn du nicht willst, kein Wort zu sagen. Ich versteh' dich und achte dich. Und was wir da in der Laube sagten und fühlten, gehört nur uns beiden allein! Ich denke mir nichts und erinnere dich nie daran. Husch — ist es fort. Ich weiß nichts mehr davon!”

Marga schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Elli!” meinte sie ernsthaft. „Wenn ich mich schon verraten mußte, war's bei dir am besten. Denn zu dir hab' ich das meiste Vertrauen.” Es war ihr eine Erleichterung, zu reden. Die Qual der letzten Wochen, die ihr Inneres um und um gewühlt hatte, verlangte danach, sich auszuströmen. Erst scheu und zaudernd, dann tapfer und rückhaltlos enthüllte sie das Geheimnis ihrer Liebe; wie sie sie entdeckt und niedergekämpft hatte; wie sie sie für immer in sich verbergen und niederhalten wollte und mußte. Ihr Stolz und ihre Besonnenheit kräftigten sich wieder, während sie erzählte.

Elli hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie war glücklich darüber, Margas Vertraute zu werden. Ihre Liebe zu Wilkens, die ja doch auch, freilich mit einem größeren Recht auf Wirklichkeit, in eine noch recht ferne Zukunft baute, wollte die hoffnungslose Entsagung für niemanden gelten lassen. Wenn man bisher stillschweigend immer nur angenommen hatte, Marga müsse ihren Weg durchs Leben allein gehen, so war das schließlich noch kein unumstößlicher Beweis, daß das Leben es doch nicht anders wollte. Und als Marga ihr Geständnis beendigt hatte, da ließ Elli ihrem fröhlichen Optimismus voll die Zügel schießen: nicht nur aus Mitgefühl, sondern in der ehrlichen Überzeugung und in dem heißen Wunsch, auch die Schwester, gerade sie in ihrer Dunkelheit, könne und müsse lieben dürfen und geliebt werden. Ihre jugendliche Phantasie ersann einen ganzen Roman, den sie glaubte und glauben machen wollte. Und Marga, auch wenn sie ungläubig blieb, hielt sich doch mit geheimem Entzücken an diesen Zuspruch. Ist ja doch kein Menschenherz, und zumal kein junges, so untröstlich düster, daß es nicht in seinem verborgensten Winkel mit einem Stäubchen Hoffnung spielte! Mehr und mehr erschloß sie sich dem Vertrauen, das sich ihr bot. Auch ihre Angst um Perthes, ihre Sorge, er möchte sich, wenn er nun die Verlobung Hilde Königs erfuhr, in seiner Verzweiflung verlieren, teilte sie mit Elli.

Und das Kleinchen riet kühn und praktisch, was Marga selbst sich nicht zu raten wagte. „Weißt du was? Du mußt ihm einfach schreiben!” platzte sie siegesgewiß heraus.

„Aber das geht ja nicht!” wandte Marga zaghaft ein.

„Das geht nicht? Warum? Ich — ich, ja weißt du, ich schreibe natürlich nie an Wilkens.” Elli wurde ein bißchen rot, weil ihr einfiel, daß sie doch schon geschrieben. „Aber das ist ja ganz was anderes! Unsereiner soll nun mal nicht an Herren schreiben. Dafür sehen und sprechen wir uns öfter. Und du — bei dir ist das überhaupt ein Ausnahmefall! Du bist ein ganz anderer Mensch als wir. Du kannst dir ruhig das Recht nehmen. Auch als Freundin! Er kann's sogar beinahe von dir erwarten. Du mußt schreiben, Margakind! Glaub mir, du mußt!”

Vom Eßzimmer klang Händeklatschen. Käthe erschien in der Tür. „Aber wo steckt ihr denn? Es ist ja Essenszeit! Schnell! Schnell!”

Und Papa Richthoffs Stimme schallte paschahaft-unwirsch hinterdrein: „Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich soll wohl die Damen zu Tisch bitten?”

Marga und Elli eilten, was sie konnten, ins Haus und zu Tisch.

Während des Essens hatte Marga Zeit, sich Ellis Rat zu überlegen. Sie sah auch den Ausweg, zu schreiben, als den besten an. Die Bedenken, die ihr Gewissen nicht wegräumen konnte, beschwichtigte Ellis überzeugende Rabulistik. Überdies streichelte und zupfte das Kleinchen sie heimlich mehr als einmal unter dem Tisch und tuschelte ihr zu: „Es bleibt dabei. Du mußt! Gleich nachher!”

Bis der alte Herr, der in seiner Kaisergeschichte gerade bei der Verschwörung des Parthenius und Stephanus gegen Domitian war, energisch brummte: „Keine Verschwörungen bei Tisch! Das lieb' ich nicht, Mamsell Plappertasche!”

Kaum war die Mahlzeit vorbei, so verwickelten sich Elli und Käthe über eine selbst zu schneidernde Bluse in die dringendste Unterredung, der eine weitläufige Anprobe folgen mußte.

Der alte Herr ging in den Weinberg, um die gewohnte Besichtigung auf Unkraut und Schnecken vorzunehmen, ehe die Sprechstunde begann. Eine Sprechstunde, die jetzt, mitten im Semester, meist in eine Ruhestunde überging, wovon jedoch niemand etwas wissen durfte.

Marga hatte also Zeit und Gelegenheit, in der Dachstube oben den großen Schritt zu wagen.

Eine Weile saß sie unschlüssig vor ihrem Briefbogen. Allerhand Formbedenken wollten in ihr aufsteigen. Es war doch immerhin furchtbar schwer und ungewöhnlich, daß sie an einen Herrn schreiben sollte. Dann überwand ihr natürlicher und gesunder Wille diese Kleinlichkeiten. Was hatte auch all das neben dem Ernst ihres Gefühls und der peinigenden Ungewißheit über des Freundes Zustand zu bedeuten! Sie setzte Punkt an Punkt und schrieb, wie es das Herz ihr eingab:

„Lieber Herr Perthes!

Sie kommen nicht mehr zu mir. Also komme ich mit einigen Zeilen zu Ihnen. Ihre Freundin ist in Sorge um Sie. Wenn Sie ihr noch böse sind, weil sie Ihnen neulich nicht raten wollte, so geben Sie ihr jetzt Gelegenheit, ihre Widerspenstigkeit gutzumachen und mit Ihnen zu reden. Mir ist, als könnte ich Ihnen ein ganz klein wenig helfen, wie es die Freundschaft soll und muß.

Marga Richthoff.”

Kaum war Marga fertig, so erschien Elli. Sie übernahm es, die Adresse zu schreiben.

Dann wirbelte sie wie der Wind davon und steckte mit dem Hochgefühl, bei einer Großtat mitgeholfen zu haben, den Brief an der nächsten Ecke in den Kasten.


5

Fräulein Rosa Eschborn, Doktor Perthes' Mietswirtin, war an allerhand Logiergäste gewöhnt.

In den fünfzehn oder zwanzig Jahren, in denen sie das schmale, dreistöckige Haus auf der Altstadtseite des Flusses besaß, hatte sie es längst aufgegeben, an ihre Mieter andere als sehr allgemeine Anforderungen zu stellen. Sie mußten leidlich pünktlich bezahlen. Sie durften ihre Möbel nicht kurz und klein schlagen. Sie mußten ihre Liebschaften vor der Tür lassen. Das waren die goldenen Grundregeln des langen, dürren Fräuleins mit dem wachsgelben Gesicht unter den plattgeklebten, grauschwarzen Haarsträhnen und dem Spitzenhäubchen, mit den leidenschaftslosen Augen und der ewigen, erdbeerfarbenen Matinee, von der man sich, so sauber sie war, niemals denken konnte, daß sie neu gewesen. Was über die Grundregeln ging, mochten die Herren mit sich selber ausmachen. Sie zuckte mit keiner Miene, wenn Herr Müller bis Mittag hinter seiner Tür schnarchte; wenn Herr von Maier, ein Korpsfuchs, bisweilen aus Versehen oder in alkoholischer Benommenheit auf der Treppe schlief; wenn Herr Schmidt die Beine zum Fenster hinausbaumeln ließ, die Zigarettenstummel auf den Boden warf, Kleider und Wäsche wie Kraut und Rüben im Zimmer durcheinanderstreute. All das ertrug und ordnete sie mit ergebenem Gleichmut. Ihre stille Genugtuung, ihr sittlicher Halt war das eine, daß sie nicht so, daß sie besser war. Nicht nur als ihre Mieter, sondern als die gesamte Welt. Um dessen ihren Herrgott zu versichern, war sie von einer gewissen stereotypen Frömmigkeit, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte.

Es mußte mit einem ihrer Mieter schon seine ganz besondere Bewandtnis haben, wenn Fräulein Eschborn sich zu wundern oder gar zu beunruhigen anfing.

Dieser Sonderfall war nun aber mit dem Herrn auf Nummer eins — so hieß die luftige Stube im dritten Stock mit der wie ein Vogelnest unters Dach geduckten Veranda — eingetreten. Er war nämlich seit drei Tagen nicht zurückgekehrt.

Am ersten Tag hatte das Fräulein gedacht, er schliefe. Es gab welche, die schliefen vom Abend bis zum Abend und die folgende Nacht durch. Solche Exemplare kamen vor. Wenn sie kein Frühstück und sonst nichts begehrten, so war das ihre Sache. Am zweiten Tag gegen Mittag klopfte die Eschborn an die Tür. Dreimal hintereinander. Als kein „Herein!” ertönte, überwand sie ihre jungfräuliche Scheu, klinkte, fand die Tür offen und steckte den Kopf mit dem Spitzenhäubchen schnüffelnd in die Stube. Da sie nichts wahrnahm, was sie aufklärte, drang sie gegen den Alkoven vor. Das Bett stand unberührt. Fräulein Eschborn schüttelte den Kopf. Am dritten Tag wiederholte sie dasselbe Manöver mit demselben Erfolg. Diesmal hielt sie ein kleines Selbstgespräch, öffnete ein Fenster und sah ziemlich verdutzt auf den Fluß hinunter. Ihr Gleichmut wankte. Sie ging den Schatz ihrer Erfahrungen durch, aber er ließ sie im Stich. Anno 1903 war einer gewesen, der auf zwei Tage zu Verwandten gereist war, ohne sie zu benachrichtigen. 1899 hatte einer, ein russischer Chemiker, vom Laboratorium weg plötzlich in die Klinik gemußt, um sich operieren zu lassen. Der hatte nach anderthalb Tagen nach Wäsche geschickt. Soweit sie die Lebensgewohnheiten ihres Mieters von Nummer eins überhaupt kannte, war er nicht der Regelmäßigste. Trotzdem — das ging über alles Dagewesene — drei Tage spurlos verschwunden! Fräulein Eschborn stellte vertiefte Betrachtungen an. Sie ging im Geist ihre Grundregeln durch. Keine war verletzt. Aber die erste vom Bezahlen schien jetzt in gewisser Gefahr. Konnte der Doktor sich französisch verabschiedet haben? Dagegen sprach, daß er sein Hab und Gut, sogar Mantel, Stock, die nötigsten Dinge, zurückgelassen hatte. Doch — mochte es sein, wie es wollte — sie entschloß sich, an Aufklärung zu denken.

Sie ging nach dem Bakteriologischen Institut, denn sie entsann sich, daß Perthes von dort einmal den Diener gesandt hatte.

Niemand, weder der Hauswart, noch der erste Assistent, noch Professor Hammann, wußte etwas von seinem Verbleib. Markwaldt hatte nur die tröstliche Auskunft: „Das verdrehte Huhn wird wieder mal seinen Laufkoller gekriegt haben!”

Fräulein Eschborn war nicht befriedigt. Sie ging auf dem Rückweg ins Café Wagner, wo ihr Mieter zu essen pflegte. Der Doktor war dort seit vier Tagen nicht gesehen worden.

Die Angelegenheit komplizierte sich.

Gegen ihre Gewohnheit konferierte das Fräulein mit Perthes' Zimmernachbar, einem Referendar am Amtsgericht. Der gab ihr auf Grund seiner juristischen Kenntnisse den Rat, auf die Polizei zu gehen. Diesen äußersten Schritt verschob die Eschborn auf den kommenden Morgen. Ihr zwar erschütterter, aber noch immer achtungswerter Gleichmut sträubte sich gegen solche Exzentrizitäten. Auch hielt sie die Polizei für die natürliche Feindin aller anständigen Menschen.

Und ihr Gleichmut behielt recht.

Am folgenden Morgen, als sie in der Küche die nötigen Liter Wasser mit einem Aufguß von Kaffeebohnen und reichlicher Zichorie versetzte, wurde die Tür aufgestoßen, und Doktor Perthes erschien in einem Aufzug, der mehr als abgerissen war, auf der Schwelle. Der Lodenhut saß wie ein Fetzen über den zerzausten Haaren, und das Gesicht starrte blaß und übernächtig aus dem wirren Bart. Die weißen Sportschuhe waren über und über mit einer Kruste von Schmutz bedeckt. Der weiße, leichte Tennisanzug hatte sich grau und braun meliert.

Fräulein Eschborn prallte erschrocken zurück. Sie wollte eben versichern, daß sie im Lokalwohltätigkeitsverein sei und keinen Pfennig gebe, als der Doktor rauh und herrisch nach Kaffee verlangte.

Sie faßte sich. Ohne eine Frage zu wagen, goß sie ihm eine Tasse ein.

Perthes trank sie in einem Zuge leer. Ebenso eine zweite. Mit einem barschen „Bin für nichts und niemand zu sprechen!” machte er kehrt und stieg die Treppe hinauf.

Fräulein Eschborn dachte einen Augenblick betroffen über die Erscheinung nach. Sie schüttelte auch noch ein letztes Mal den Kopf. Dann war sie froh, daß keine Grundregel mehr in Gefahr war, zog sich in ihre jungfräuliche Selbstgerechtigkeit zurück und legte den Fall zu den Akten ihrer Erfahrung.

Oben in seinem Zimmer warf sich Perthes, nachdem er die Schuhe in eine Ecke geschleudert, wie er war, auf sein Bett. Völlig erschöpft fiel er in einen bleischweren Schlaf.

Erst gegen Abend weckte ihn ein tiefer, langhallender Donnerschlag. Er richtete sich auf und rieb sich die Augen. Draußen schoß der Regen in langen, glitzrigen Fäden hernieder. Fahle Wolken schoben sich träge über und an den Bergen entlang. Ein Hauch feuchter Luft quoll erquickend durchs offene Fenster herein.

Langsam kehrte in Perthes die Erinnerung an die letzten Tage zurück. Er setzte die Geschehnisse, eines ums andere, in seinem Gedächtnis zusammen. Wie ein wunderseltener, tausendstrahliger Kristall, der mit jeder Stunde an Wert und Schönheit wuchs und sein Verlangen steigerte — so war die Liebe zu Hilde König, der kindlichen, poetischen Ufernixe, in seiner Phantasie groß geworden. Alles außer ihr war vergessen und versunken. Seine sich übersteigernde Lust, diesen Kristall zu besitzen, trieb ihn nah und näher an das schimmernde Gebilde. Er streckte die Hände danach aus: da war es eine buntschillernde Seifenblase, die in eitel Dunst zerplatzte und zerfuhr.

Als Perthes an jenem Vormittag, an dem er Marga seine Liebe zu Hilde König anvertraut, keinen Rat erhalten hatte und ganz auf sich selbst verwiesen worden war, hatte er einen letzten Versuch gemacht, die Leidenschaft, die ihn verzehrte, von sich abzuschütteln. Er zerpflückte seine Empfindungen und wollte sich klarmachen, daß er sich in einen Wahn hineingefühlt und hineingeredet hatte. Diese Liebe existierte so wenig, noch weniger als die Freundschaft, die eben erst so jämmerlich versagt hatte.

Er ging nicht mehr am Ufer entlang, wie er sonst Abend für Abend getan. Er wich Hilde König aus, wenn er ihr begegnete.

Um die törichte Liebelei vollends ganz aus sich zu verbannen, gab er sogar dem bisher erfolglosen Drängen Markwaldts nach und ließ sich in den akademischen Tennisklub einführen. Der freie, flotte Ton, der da herrschte — so recht modern im Gegensatz zu der mehr altmodischen Innerlichkeit und Behaglichkeit des Richthoffschen Kreises — bestrickte ihn. Im Mittelpunkt stand Alice Hupfeld. Mit ihrer biegsamen Gestalt, ihrem kecken Gamingesicht, das herausfordernd aus einem leuchtenden Gewirr rotblonder Haare sprang, behexte sie die Herren und begeisterte die jungen Damen als Ideal eines schicken Mädels. Perthes war von ihrer launenhaften Art bald belustigt, bald geärgert. Er spielte mit Fräulein Exzellenz, wie sie mit ihm und mit aller Welt spielte. Nichts zu ernst nehmen, war ihre Devise, und diese Devise schien ihm wie gemacht für seine eigene erzwungene Stimmung ...

Dann kam plötzlich der Rückschlag.

Er hatte sich eingebildet, mit dem albernen Märchen am Flußufer fertig zu sein. Um sich dies vor sich selber zu beglaubigen, hatte er eines Abends wieder den gewohnten Gang gemacht. Hilde König war nicht auf ihrem Balkon. Sie plauderte mit einem der Herren des Ruderklubs unter der Haustür. Bei näherem Zusehen erkannte Perthes den Gymnasialprofessor, der die Boote von der Uferböschung aus mit der Schalltube zu kommandieren pflegte. Aller Vernunft zum Trotz wurde er von plötzlicher toller Eifersucht gepackt. Binnen wenigen Stunden war seine Leidenschaft heller und greller als je entfacht. Daheim, zwischen seinen vier Wänden, tobte er mit erregten Schritten auf und nieder. Er wollte ein Ende machen, eine Entscheidung herbeiführen um jeden Preis. Dies Hundeleben von Zweifeln und Kämpfen durfte nicht von vorn anfangen. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief von vielen Seiten. Seine nervösen, unverbundenen Buchstaben flogen über das Papier wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen. Sich selbst, seine Natur mit ihren Fehlern und Vorzügen, seine Lebensauffassung, seine Gedanken über die Frau und über die Ehe, seine Aussichten im Beruf legte er in einem gewichtigen Referat nieder, wie es ein Beamter in ernstester Sache an seinen Ressortchef schreibt. Seine Gefühle faßte er volltönend zusammen: es gab nur einen Menschen, der ihn ganz zu dem machen konnte, was er sein wollte — Hilde König. Daß er sie verehrte und liebte, mußte sie längst erraten haben; daß er ihr nicht völlig gleichgültig wäre, glaubte er jenem Blick und diesem Wort entnehmen zu dürfen. In einem kurzen Schlußsatz bat er deshalb allen Rechtens um ihre Hand. Wenn sie einverstanden war, wollte er mit ihren Eltern sprechen ...

Als Perthes diesen Brief abgeschickt hatte, war er wie erlöst.

Einen halben Tag lang kannte er sich nicht vor seliger Selbstzufriedenheit. Dann kam die Qual des Wartens von Post zu Post, des Hangens und Bangens von Morgen zu Abend und von Abend zu Morgen.

Erst nach vier Tagen brachte der Briefbote ein zierliches Briefchen von lila Farbe, das Monogramm H. K. auf dem Rücken.

Er riß es ungestüm auf.

Die Antwort auf seine vielen Seiten bestand in vier oder fünf mit Kinderhand geschriebenen Zeilen: das bezaubernde kleine Ufermädchen schrieb, es sei über seinen Antrag außerordentlich betroffen und erschrocken; es hätte nie an so etwas gedacht und könne, jung wie es sei, auch heute noch nicht ernstlich daran denken ...

Perthes war starr vor Überraschung.

Er drehte die lilafarbene Briefkarte hin und her, als müßte er die eigentliche Antwort auf seinen kapitalen Brief erst noch finden. Daß er die ganze Erwiderung auf sein mit der Gründlichkeit eines Psychologen, dem Ernst eines gewissenhaften Mannes, der fieberhaften Wärme eines Liebenden geschriebenes Schriftstück in Händen halten sollte, begriff er erst im Verlauf von Stunden. Als er nicht mehr zweifeln konnte, zerriß er das Billettchen mechanisch in hundert Schnitzel und ließ sie aus dem Fenster flattern.

Im Zustand öder Empfindungslosigkeit verbrachte er eine Woche oder mehr.

Dann, eines Mittags, als er bei Tisch im Café Wagner den städtischen Anzeiger durchblätterte, fiel ihm eine liebevoll umzackte, schöngesetzte Anzeige in die Augen: Hilde König und Professor Enderlein empfahlen sich als Verlobte.

Er las die Nachricht ein halbes dutzendmal. Bei der siebenten Lesung lachte er so laut und schallend, daß die Leute an den Nachbartischen ihn mißtrauisch anschielten, als hätten sie es mit einem Ausbruch plötzlicher Verrücktheit zu tun. Er hatte die Situation zu begreifen begonnen: der ernsthaftere und gediegenere Antrag des Gymnasialprofessors mit der Schalltube war geahnt worden, aber noch nicht eingetroffen, als der seine eintraf. Das kindliche Lilabriefchen verfolgte seine sehr klugen, dilatorischen Zwecke. Und als ...

Perthes zog es vor, das Café zu verlassen, um nicht noch einmal der Gegenstand bedauernd-ängstlicher Blicke zu werden.

Auf der Straße lachte er von neuem. Es klang dumpfer, härter, verbissener.

Er schwänzte am Nachmittag das Institut. Gegen fünf warf er sich in sein Tenniskostüm und schlenderte den Fluß entlang, nach den Spielplätzen. Noch war er nicht an der Brücke vorbei, als seine künstliche Haltung zusammenbrach. Ein Sturm von Ekel, Verachtung, Schmerz und Wut ergriff ihn. Eine Weltverzweiflung ohnegleichen, ein Haß gegen sich und gegen die Menschheit insgesamt, gegen das ganze jämmerliche Erdendasein drohte ihn zu ersticken. Statt nach den Tennisplätzen lief er bis zum nächsten Dorf in der Ebene. Dann wieder bergwärts. In irgendeinem Wirtshaus an der Straße nächtigte er. In einem lichten Moment vertauschte er sein Tennisrakett leihweise mit einem Knotenstock. Drei Tage trieb er sich besinnungslos in den Bergen umher. Durch maßlose Anstrengungen suchte er den Aufruhr in seinem Innern abzumüden. Sein überreizter Kopf spielte mehr als einmal mit Selbstmordgedanken. Aber die Lilabriefkarte fiel ihm ein, die schöngezackte Verlobungsanzeige. Das Lächerliche, Niedrig-Komische, das in dieser Lösung einer von ihm bis in den Himmel gesteigerten Liebelei lag, bewahrte ihn vor der äußersten Torheit. Der „Laufkoller”, wie Doktor Markwaldt jenen Trieb getauft hatte, mit dem Perthes einer seelischen Unmäßigkeit durch eine körperliche Herr zu werden strebte, tat seine Schuldigkeit. Bis auf den Tod erschöpft, apathisch, innerlich und äußerlich abgerissen, kam er in Fräulein Eschborns Mietshaus zurück ...

Jetzt hatte er seine böse Wanderschaft ausgeschlafen wie einen Rausch. Was nachkam, war auch die grenzenlose Ernüchterung des Rausches.

Perthes sprang vom Bett auf und trat ans Fenster.

Das Gewitter vergrollte in der Ferne, dort, wo der Fluß zwischen einsamen Pappeln sich in der Ebene verlor. Die Sonne rang sich mit dunkelgoldenem Glanz aus dem abziehenden Gewölk, glitzerte sanft auf den Wellen und leckte die Dächer trocken. Die abendliche Luft in ihrer wiedergewonnenen Reinheit wehte kräftig gegen ihn.

Mit Ungeduld entledigte er sich der beschmutzten Kleider. Als gelte es, mit dem körperlichen Menschen auch den seelischen reinzuscheuern, überschwemmte er sich und die halbe Stube mit Wasser. Erst als er sich von Kopf bis zu Fuß umgezogen hatte, gab er Ruhe und setzte sich in den rohrgeflochtenen Schaukelstuhl. Mit seltener, kühler Klarheit hielt er Kritik über sich und sein Dasein in den letzten Jahren. Wenn er alles Drum und Dran an aufgeputzten Gedanken und verstiegenen Gefühlen abtat, erschien er sich wie ein großer, unreifer Junge, der mit den Gliedern seines Leibes so wenig anzufangen wußte wie mit den Fähigkeiten seines Geistes und darum beide mißbrauchte. Er war kein Mann. Mochte er sich vormachen, was er wollte: dem bißchen Leben, das da auf ihn zugekommen war, um ihn zu prüfen — dieser Verliebtheit und ihrer Enttäuschung hatte er seinen Mann nicht gestellt. Wie ein Junge — jawohl, wie ein Junge hatte er in ohnmächtiger Wut den Boden gestampft, geschrien, geheult und war ausgerissen! Nicht mehr Zorn und Verzweiflung erfaßte ihn jetzt, sondern eine tiefe Traurigkeit, eine zerknirschte Beschämung, ein hoffnungsloses Gefühl des Verlassenseins. Er wie kein anderer gehörte zu den Männern, deren Schicksal sich an den Frauen entscheidet. Sein Charakter konnte nur in der Liebe Klärung, Halt, sich selber finden. All sein Suchen von Wissenschaft zu Wissenschaft galt doch nur der Leibhaftigkeit des Lebens und nicht dem Wissen. Er konnte nicht allein sein, weil er allein nicht mit sich fertig wurde. An einen Menschen außer sich mußte er sich klammern können, um seiner eigenen Kraft teilhaftig zu werden. Er mußte weiter suchen und würde doch nur immer irren. Sein zufassendes Temperament, das stets zuerst das Ziel begehrte, ermattete vor der trostlosen Ziellosigkeit einer ewigen Irrfahrt. Die Erschlaffung des Herzens löste die des Körpers ab. So allein wie er war niemand. So zur Einsamkeit verdammt und zur Zweisamkeit geschaffen. Diese Erkenntnis hatte er gewonnen, und im gleichen Augenblick, wo sie sich ihm gab, drückte sie ihn zu Boden.

Es hatte an die Tür seines Zimmers gepocht, ohne daß er darauf geachtet.

Das Klopfen wurde wiederholt, und Perthes rührte sich nicht. Er hatte ja gesagt, daß er nicht gestört sein wollte. Vergeblich drückte der Einlaßbegehrende die Klinke nieder. Die Tür war verschlossen. Ein unwilliges Brummen ließ sich von draußen hören. Dann erfolgte ein Rascheln auf der Schwelle, und durch die Spalte unter der Tür schob sich ein Brief.

Der Briefbote stapfte laut die Treppe wieder hinunter.

Bei dem raschelnden Geräusch hatte Perthes unwillkürlich den Kopf nach der Tür gewandt. Er sah den eingeklemmten Brief.

Der konnte warten.

Schließlich erhob er sich doch und nahm ihn auf.

Die Adresse war in einer kecken, schnörkellustigen Damenhandschrift hingeworfen, die er nicht kannte. Nachlässig öffnete er das Kuvert. Ein Bogen mit Blindenschrift fiel ihm entgegen.

Marga Richthoff stand mit Bleistift, schief, aber in sicheren Zügen unter den Punkten.

Halb neugierig, halb mißtrauisch las er die Zeilen.

Er legte das Blatt auf den Tisch, stützte die Arme auf und beugte sich, den Kopf zwischen die Hände fassend, darüber.

Da gab es also doch jemand, der sich um ihn kümmerte.

Seltsam!

Seine Mundwinkel zuckten bitter. Er überlegte. In den letzten Wochen hatte er blutwenig an Marga gedacht. Wenn sie einmal vor ihm auftauchte, drängte er sie in dem Mißbehagen über die unerfreuliche letzte Begegnung beiseite. Vollends in den Tagen seines unsinnigen Umhertreibens war sie für ihn wie ausgelöscht gewesen.

Und jetzt ging von ihren paar Zeilen, die so einfach und gerade waren, ein eigentümlich beruhigendes, warmes Gefühl auf ihn über. Er verglich diese Zeilen im Geist mit dem nichtssagenden Billett von Hilde König, das seine Krisis eingeleitet hatte, und Margas Gesicht tauchte vor ihm auf: das weiche, verlittene und doch von einer inneren Sonne verklärte Gesicht der Blinden, ihre ruhigen Bewegungen, ihre sanfte Bestimmtheit in Wort und Ton. Er meinte die blicklosen, tiefen Augen mit ihrem anspruchslosen zarten Blau dringend und bittend sich zugewandt zu sehen. Wie mit einer geheimen Fernkraft, die in dem Stückchen Papier, den paar Punkten und den paar Buchstaben des Namenszuges ihre Leitung gefunden, wirkte ihr Wesen auf ihn. Noch nie war ihm die große, reife Stille dieses Wesens so lebendig nahegetreten. Warum hatte er sie nicht früher so klar erkannt wie jetzt? Warum hatte er ihr nicht fester vertraut? Warum hatte er sich so schnell abkühlen lassen und war nicht zu ihr gegangen, statt sich närrisch und kindisch auszutoben? „Ihre Freundin ist in Sorge um Sie” — das waren die Worte, die er sich wiederholte und immer wiederholte. Sie wollte ihm helfen; sie hatte nicht wissen können, wie schwach er war, als sie ihn auf sich selber verwies. Jetzt, durch ihre Zeilen hatte sie ihm geholfen! Ein Hauch des Friedens, nach dem er sich sehnte, streifte ihn. Er war nicht ganz allein. Der Druck der Einsamkeit wich, und dafür wuchs eine leise Freude in ihm auf. Eine Dankbarkeit, die durch das Bewußtsein, Marga unrecht getan, sie verkannt, sie noch nie in ihrem vollen Wert geschätzt zu haben, zu einer Schuld wurde, die er abtragen wollte. Er mußte ihr etwas Gutes erweisen. Ihr seine Achtung, seine Verehrung, seinen Dank bezeugen. Und wie er nun einmal war, mußte er es gleich tun, gleich — es duldete keinen Aufschub! Er hatte sie lange genug vernachlässigt!

Eine Minute später stürmte Perthes die Treppe hinunter, die er am Morgen erschöpft heraufgekrochen war. Im Hausflur hätte er um ein Haar Fräulein Eschborn umgestoßen, die ihren Augen nicht traute, als der Doktor mit freundlichem Kopfnicken, vergnügt und tadellos gekleidet, an ihr vorbeischoß. Kein Zweifel — der Mieter von Nummer eins gehörte einer Spezies zu, die ihr doch noch nicht vorgekommen war.

Perthes lief, nur seiner Eingebung folgend, dem nächsten besten Blumengärtner in den Laden. Er wollte Rosen haben. Rote? Nein. Rote paßten nicht. Weiße? Die hatten etwas Trauriges. Rote und Weiße, so ungefähr einen Armvoll.

Mit dieser Bürde eilte er nach der Straße am Wenzelsberg.

Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte deshalb nicht, daß unterschiedliche Spaziergänger, die ihm begegneten, über sein blindes Rennen und über seinen Arm voll Rosen die Köpfe schüttelten. Er sah auch Alice Hupfeld nicht, die, vom Sportplatz zurückkehrend, wo man der Nässe wegen doch nicht hatte spielen können, mit Markwaldt an einer Ecke plauderte und bei Perthes' Anblick eine vieldeutige Grimasse schnitt. Erst in der Nähe des Richthoffschen Hauses verlangsamte er seinen Lauf.

Er sah auf die Uhr. Es war gleich halb acht. Soviel er sich entsinnen konnte, also die Zeit, wo bei Richthoffs Abendbrot gegessen wurde. Dann blickte er auf seine Rosen. Eigentlich — genau genommen — das, was er wollte, hatte seine Bedenken. Wenn ihm der alte Herr entgegenkam? Wenn — und wenn ... Ein Wenn ums andere verzögerte seinen Schritt.

Er war dicht am Haus. Dort war der Vorgarten, über der Mauer, hinter der geflochtenen Eisenbalustrade. Er ging auf die andere Seite der Straße. Da saß richtig jemand unter den Kastanien. Es war Marga. Sie hatte sich eine Decke auf die Bank gelegt. Die Abendsonne hatte den Kiesboden leidlich getrocknet, und sie genoß die regenfrische Luft. Als er sie gewahrte, sank ihm erst recht der Mut. Die Scheu, nach dem, was er eben erst hinter sich hatte, unvermittelt vor sie hinzutreten, hielt ihn unschlüssig zurück. Sollte er umkehren? Bis morgen warten?