Ratlos wandte er den Blick hinter sich, die Straße hinunter.
Leicht und schnell kam ein junges Mädchen um die Ecke der nächsten Seitenstraße, in einer duftigen weißen Bluse.
Es war Elli.
Mit ein paar Schritten war Perthes bei ihr. Er grüßte: „Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun, Fräulein Richthoff?” fragte er hastig und ohne Umschweife.
Elli sah ihn aus schalkhaften Augen verwundert, ein klein wenig spöttisch an.
„Bitte, geben Sie das Fräulein Marga!” Er reichte ihr seinen Bund von weißen und roten Rosen.
„Aber, sie sitzt ja dort!” lachte Elli. „Bringen Sie ihr's doch selbst!”
„Das geht nicht! Nein, nein —” wehrte Perthes und drängte ihr den Strauß in die Hände.
„Und was soll ich bestellen?”
„Gar nichts, oder doch —” Er überlegte. „Doch, sagen Sie — sagen Sie, dem Freund sei geholfen! Er danke der Freundin!” Und als fürchte er irgendwelche Einwände, schwenkte er seinen Hut und machte sich schnurstracks davon.
Elli besann sich nicht lange. Das Haustor erreichen, die Stufen hinaufspringen und auf Marga zueilen, war eins.
„Da, Margakind, da!” Sie schob den duftenden Strauß der Schwester so heftig entgegen, daß diese betroffen zurückfuhr.
„Aber was ist denn nur?” stammelte Marga.
„Von Doktor Perthes!” erklärte Elli außer Atem und triumphierend. Dann wiederholte sie getreu seine Worte: Dem Freund sei geholfen. Er danke der Freundin!
Und Marga ergriff das lockere volle Gebinde mit zitternden Händen. Sie vergrub ihr Gesicht tief, tief in die roten und weißen Rosen ...
6
Es war erst Anfang Juli und noch vier Wochen bis Semesterschluß. Trotzdem hatte Vater Richthoff, unerwartet und überraschend, beschlossen, zu reisen. Er brach seine Vorlesungen und Seminarübungen ab. Als ausgemachte Sache verkündigte er seinen Mädels, daß er nach Kissingen fahre. Käthe solle ihn begleiten. Es war Mittwoch. Bis spätestens Montag müsse man fahren können.
Kein Wunder, daß dieser allerhöchste Ukas das Haus am Wenzelsberg von oben bis unten umkehrte. Die Mädels hatten, zum mindesten in der Idee, so viel zu tun, daß sie gar nicht wußten, wo anfangen. Es galt nicht nur tausend Dinge zu besorgen, sondern, was noch viel zeitraubender war, zu bereden. Nach den Gründen zu forschen, die den jähen Aufbruch des alten Herrn veranlaßten, getrauten sie sich nicht.
Diese Gründe würde der alte Herr auch keinesfalls verraten haben. Sie waren ihm selbst erst zwei Tage vor dem Entschluß einleuchtend gemacht worden. Und zwar vom Arzt. Seine „Bande” brauchte von der fatalen Vorgeschichte nichts zu wissen.
Am Montag war, wie alle vierzehn Tage, Kegelabend gewesen. Da pflegten sich der Geheimrat, Wilmanns, Borngräber und einige Freunde von verschiedenen Fakultäten gemütlich in einer bejahrten Schenke am Haspelgraben zu treffen und ihrer wissenschaftlichen Übersättigung im Kegelschieben Luft zu machen. Außerdem wurde auch das Neueste vom Neuen aus akademischen Kreisen kolportiert und glossiert. Nur so nebenbei, aber mit vernichtendem Witz. Jede Fakultät hatte dafür ihren Spezialisten. Den Klatsch der philosophischen bearbeitete Papa Wilmanns; den juristischen gab Geheimrat Roller, ein Epikureer mit ehrwürdigem Faungesicht, sehr pikant zum besten. Der theologische troff süß und lieblich aus dem sanften Mund des Professors Hegewald, eines beliebten Damenpredigers von weicher, hoher Christusgestalt; den naturwissenschaftlich-mathematischen brachte Krausewetter, ein dicker, sehr cholerischer Herr, der alle Entdeckungen anderer schon lange vorher gemacht und nur, da sie ihm nebensächlich erschienen waren, verschwiegen hatte. Dem medizinischen endlich widmete sich mit trockenem, sachlichem Spott Geheimrat Geismar, in seiner nüchternen, bescheidenen Zurückhaltung der wandelnde Gegensatz seines Kollegen Hupfeld, der vielbesprochenen chirurgischen Exzellenz, die, erhaben über das kegelnde Banausentum, ihre eigene, nicht minder einflußreiche Sphäre hatte. Man tat niemand weh in der Kegelbahn am Haspelgraben. Dafür sorgten gutmütige Brummgeister wie Richthoff und naive Kindergemüter wie Jakobus Borngräber. Aber man verschonte auch niemand. Auch sich selber nicht.
Hier ereignete es sich nun, daß Vater Richthoff mitten im Spiel von einer Unpäßlichkeit befallen wurde. Professor Kreth, der liebenswürdige Direktor der Universitätsbibliothek, hatte gerade den klassischen Ausspruch eines norddeutschen Bibliothekars zitiert: Die Bibliotheken wären herrliche Institute, wenn nur das verdammte Publikum nicht wäre! Die Heiterkeit war allgemein. Richthoff trat als nächster Spieler an. Ehe er noch die Kugel abschieben konnte, wurde er von Schwindel befallen, schwankte und mußte von den besorgten Freunden geführt und niedergesetzt werden.
Geismar sprang sofort bei.
Etwas Äther, ein Glas Kognak genügte, um den alten Herrn wieder zu ermuntern. Er schlug die Augen auf. Als er sich dann von lauter verdutzten Gesichtern umgeben sah, lächelte er. „Na, mein lieber Hegewald,” scherzte er dem Theologieprofessor zu, „mit der schönen Grabrede ist es diesmal noch nichts!”
„Ein Racheakt, Kollege Richthoff!” erklärte der gleich wieder spaßende Wilmanns. „Ein ganz infamer Racheakt Ihrer römischen Kaiser, sage ich Ihnen!”
„Ohne Zweifel,” meinte Geismar ernsthafter, während er Richthoff forschend beobachtete, „Sie müssen in den letzten Wochen des Guten zuviel getan haben.”
Borngräber, der mit seinen kugelrunden Augen verwundert aus dem krausbärtigen Gesicht sah, rezitierte tiefsinnig aus dem Arabischen: „Keine Krankheit ist schlimmer als Unverstand.”
„Ach was! Diese verwünschten Prätorianer werden mich noch lange nicht kleinkriegen. Noch weniger als der brave Nerva!” Vater Richthoff stand auf, reckte sich, zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe, zum Zeichen, daß er sich pudelwohl fühle, und kommandierte: „An die Gewehre!”
Mit voller Kraft schob er seine Kugel.
Der Zwischenfall war erledigt.
In bester Laune spielte man wie sonst, bis nach elf Uhr, und ging nach einem letzten Schoppen und einer vorletzten Zigarre angeregt heimwärts.
Geismar, der in der Neustadt wohnte, schloß sich auf dem Nachhauseweg Richthoff an und begleitete ihn bis vors Haus. Um sich noch auszulüften, wie er vorgab. „Haben Sie schon öfter mal solche kleinen Klapse gehabt, Kollege?” forschte er beiläufig vor dem Abschied.
„Nicht daß ich wüßte!” erwiderte der alte Herr. „Hat ja wohl auch nichts Großes zu bedeuten?” warf er nach einer Weile im Ton der Frage hin.
„Glaube kaum,” meinte Geismar. „Aber für alle Fälle, lieber Richthoff, machen Sie mir mal morgen das Vergnügen und kommen Sie zu mir.”
„Womöglich gleich in die Klinik?” scherzte Richthoff abwehrend.
„Nur in die Privatwohnung. Zwischen vier und fünf Uhr. Auf einen Sprung.”
Der alte Herr wollte nichts davon wissen.
Aber Geismar redete ihm mit so freundschaftlicher Bestimmtheit zu, daß er, der vorgerückten Stunde wegen, versprach, die Sache in wohlwollende Erwägung zu ziehen.
Der alte Herr dachte ursprünglich durchaus nicht daran, Geismars Einladung nachzukommen. Aber er schlief schlecht, und gegen Morgen stellten sich erneute Beklemmungen ein. Da sagte ihm seine Vernunft, bei seinen Jahren und angesichts der großen Arbeit, die noch vor ihm lag, möchte es doch ratsam sein, mit sich hauszuhalten. Er stellte sich also am Nachmittag bei Geismar ein. Was dieser schon bei dem gestrigen Anfall vermutet hatte, ergab auch die Untersuchung: eine ziemlich vorgeschrittene Arterienverkalkung. Doch sagte er davon Richthoff nichts, sondern empfahl ihm nur für die Zukunft ein bißchen Diät: weniger rauchen, wenig Alkohol und dergleichen. Vor allem aber und sofort eine mehrwöchige Ausspannung. Womöglich mit einer leichten Kur in Kissingen. Später Schweiz oder Bayern. Ohne Bergsteigen natürlich!
Vater Richthoff gehörte zu den Naturen, die sich unangenehme Aufklärungen, wenn sie ihnen nicht gerade aufgezwungen werden, gern ersparen. Deshalb interessierte es ihn nicht weiter, auf was Geismar diagnostiziert hatte. Er gab sich damit zufrieden, daß er, wie alle älteren Leute, sein Herz nicht zu sehr strapazieren dürfte. Der erste Halbband der Kaisergeschichte war druckfertig. Er fühlte sich auch geistig etwas erfrischungsbedürftig, zumal da er die ersehnte Italienreise in diesem Frühjahr sich immer noch nicht vergönnt hatte. Trotzdem wetterte er über die Ratschläge seines ärztlichen Kollegen. Doch der war Menschenkenner genug, um hinter den Ausfällen des alten Herrn eine halbe Bereitwilligkeit zu entdecken und sie durch kluges Zureden in eine ganze zu verwandeln.
Der Erfolg blieb nicht aus.
Am Mittwoch früh, nachdem der Geheimrat die Sache noch einmal beschlafen, erfolgte der bekannte Frühstückserlaß: „Will am Montag mit Käthe für ein paar Wochen nach Kissingen. Später vielleicht Schweiz. Das Erforderliche vorbereiten!” —
Käthe war erfüllt von der Auszeichnung, die ihr zuteil wurde. Der alte Herr pflegte sonst seine Reisen meist allein zu machen. Es waren vorzugsweise Studienreisen gewesen, aber auch wenn er auf Erholung reiste, legte er nachdrücklichen Wert darauf, die „Weiberwirtschaft” los zu sein. Wohl einer Anregung des Arztes folgend, hatte er diesmal anders entschieden, und Käthe kam denn auch ihrer Aufgabe, „das Erforderliche vorzubereiten”, mit all dem peinlichen Eifer und der geschäftigen Wichtigkeit nach, die einen wesentlichen Zug ihres Charakters ausmachten.
Für Elli und Marga, die sie rechtschaffen herumkommandierte, war es gar nicht so leicht, diese schwesterliche, etwas herbe Überlegenheit zu ertragen. Marga, glücklich in dem wiedergewonnenen Besitz ihrer Freundschaft mit Perthes, der wie in früheren Tagen ungezwungen im Hause aus und ein ging, fügte sich geduldig. Aber zwischen Elli und Käthe kam es ein paarmal zu harten Auseinandersetzungen und hochroten Köpfen.
Das Ergebnis solcher kleinen Reibungen war, daß die beiden Jüngeren, die durch Margas Geheimnis noch besonders verbunden waren, sich um so enger zusammenschlossen. Sie bauten ihre eigenen, hoffnungsfrohen Sommerpläne, denn etwas mußte ihnen Papa doch auch zugestehen! Wenn Käthe eine so „erwachsene” Reise mit ihm machen durfte, erst ins Bad und dann womöglich noch in die Schweiz, so durften sie nicht ganz leer ausgehen. Das sah der alte Herr auch ein. Sie sollten ihre Sommerfrische haben. Sie mußte aber möglichst nahe sein, denn Haus und Garten mußten überwacht werden können. Und sie sollte so bescheiden und billig sein, als sie sich nur finden ließ. Das verstand sich von selbst.
Nach längeren parlamentarischen Verhandlungen wurde das von Marga und Elli ausgearbeitete und höchsten Orts vorgelegte Projekt genehmigt: die beiden sollten Mitte des Monats für einige Wochen in der „Sägemühle” Quartier nehmen. So hieß ein bekanntes kleines Gasthaus, eine Stunde flußaufwärts von der Stadt — „an Wald und Wasser lieblich gelegen”, wie es in den Prospekten hieß. Daß sie, vertrauensvoll sich selber überlassen, keine Dummheiten machen durften, das wollte Vater Richthoff sich ausgebeten haben! Dafür waren sie seine Töchter und alt genug, um zu wissen, was sie tun und lassen mußten. Im übrigen wurden für alle Fälle die Eltern Wilmanns mit einer feierlichen Vizevormundschaft betraut.
Bis Sonntag hatte Käthe mit Hilfe der Schwestern alle Vorbereitungen getroffen.
Die kleinen Zänkereien waren vergessen, die drei Mädchen befanden sich in einer friedfertigen, durch den Abschied und die lockenden Sommerpläne teils wehmütig, teils heiter erregten Stimmung: sie gingen Arm in Arm durchs Haus oder auf den Weinberg. Es war ein warmer, sonnenheller Tag, und der Feierklang der Kirchenglocken flutete vom Tal die grünen Berghänge hinauf. Nachmittags — die Koffer waren gepackt, und nur im Arbeitszimmer des Geheimrats stand noch eine Riesenhandtasche, die jederzeit in ihren offenen Schlund wahllos die unglaublichsten Zettel und Broschüren von dringendster Unentbehrlichkeit aufnehmen konnte — nachmittags gab es noch einen lustigen Familienkaffee, den Vater Richthoff mit seiner Anwesenheit auszeichnete. Er war so aufgekratzt wie selten, voll kindlicher Freude auf die bevorstehende Reise. Sogar ein Bocciaspiel im Hof schlug er ganz von sich aus vor und beteiligte sich mit jugendlicher Munterkeit am Werfen und Treffen der bunten Holzkugeln, die er vor Jahren aus Italien mitgebracht hatte. Elli und Marga ließen sich von seiner Fröhlichkeit anstecken. Zumal wenn Marga, die ja mehr oder minder aufs Geratewohl die Kugeln schleudern mußte, einen Treffer machte, gab es ein lautes Hallo des Beifalls.
Käthe spielte mit zerstreutem Ernst. Sie wälzte in ihrem gründlichen Köpfchen, unter der dunkelbeschatteten, herrisch-aufrechten Stirn seit einigen Stunden eine Aufgabe, die sie auf den letzten Tag verschoben hatte, weil sie immer nicht recht Zeit oder Mut oder Stimmung gefunden hatte, sie auszuführen.
Sie mußte nämlich noch mit Marga reden. Aus einem ganz bestimmten Grund. Es galt, der Schwester gegenüber eine Pflicht zu erfüllen, die ihr auf dem Gewissen lastete. Sie war ja sozusagen das Gewissen des Hauses. Sie fühlte sich für alles und jeden verantwortlich. Und für Marga noch im besonderen.
Eine Aussprache — Käthe war eine Meisterin in „Aussprachen” — war unvermeidlich. Sie faßte sich indessen erst nach dem Abendbrot ein Herz.
Während Elli für Vater Richthoff dies und das, was ihm jetzt erst als Neuestes und Wichtigstes einfiel, herbeiholte, nahm sie Margas Arm und lud sie zu einem Gang auf den Weinberg ein.
Einträchtig stiegen sie aufwärts, da und dort an den Stachelbeerbüschen und Johannisbeersträuchern im Vorbeigehen naschend.
Käthe schmiegte sich mit einer Zärtlichkeit an Marga, wie sie ihrer herberen Art sonst nicht eigen war.
Marga ahnte nichts. In ihrer Seele war, zumal jetzt, wo die Trennung ihre Empfindungen mit einer zarten Melancholie begleitete, kein Platz für Argwohn oder Mißtrauen. Noch nie war sie so sicher im Gefühl ihrer inneren Unendlichkeit und ihrer äußeren Begrenztheit gewesen wie in diesen Tagen, die ihr die Freundschaft mit Perthes vertieft und bereichert wiedergeschenkt hatten. Noch nie hatte aber auch ein Mensch, geschweige ein Mann, sie so in ihrem eigensten Wesen geachtet, wie er es jetzt tat und in jedem Wort, jeder Handlung ausdrückte. Das gab ihr eine zufriedene Heiterkeit, die sie wärmte und von innen nach außen verklärte.
Sie waren jetzt auf dem Philosophenweg angelangt. Atemholend nach der Steigung, schritten sie langsam in dem Laubengang von einem Ende zum anderen. Die Sonne lugte noch golden durchs wilde Reblaub. Von weiter unten im Garten, wo es unmerklich dämmerte, hörte man vorlaute Grillen zirpen und wieder verstummen.
Käthe fand den Moment gekommen, um ihr Anliegen vorzubringen. Die Überlegung hatte ihr feinliniges Gesicht etwas verschärft, die Erregung es leicht gerötet. Sie strich sich über die Stirn und das wohlgeordnete dunkle Haar. Dann legte sie die freie Hand in die Hüfte, als wollte sie sich auch äußerlich einen gewissen feierlichen Halt geben.
„Setzen wir uns ein wenig, Margakind.” Sie brauchte diesen Schmeichelnamen, der von Elli stammte, fast nie; heute drängte er sich ihr unwillkürlich auf die Lippen. „Ich möchte noch etwas mit dir reden. Etwas sehr Ernstes, Zartes, was außer uns niemand hören darf.” Sie führte Marga zu der Bank, die am nächsten Ende des Ganges stand.
Dort ließen sie sich nieder, und Käthe nahm Margas rechte Hand in die ihrige.
Marga wußte nicht, was diese Vorbereitungen bedeuten sollten. Sie gab sich geduldig darein und horchte mit einem halb neugierigen, halb verwunderten Lächeln.
„Du darfst mir aber ja nicht böse sein, hörst du?” hob Käthe lebhafter wieder an. „Ich meine es nur gut mit dir, und wenn ich mich irgendwie täusche, so nimm's nicht übel. Es geschieht nur aus Liebe!”
„Aber was gibt's denn nur, Käthe?” fragte Marga mit zunehmendem Staunen. „So sprich doch geradezu! Was willst du mir sagen?”
„Weißt du, Margakind, so einfach, wie du dir's denkst, ist das nicht. Ich hab' mir's lange überlegt. Oftmals dacht' ich, ich wollte mich gar nicht hineinmischen. Aber schließlich sagte ich mir immer wieder: Ich bin die Ältere! Elli, der du vielleicht mehr Vertrauen schenkst als mir, ist so jung, manchmal so toll und unvernünftig. Sie meint es gewiß immer sehr gut. Aber raten, besonnen und fest raten kann dir doch das Kleinchen nicht!”
Marga wurde mit jedem Wort betroffener. Ein kaltes, enges Gefühl beschlich sie. Diese Andeutungen drückten sie. Sie spürte, daß jemand die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens aufmachen wollte, und sperrte sich dagegen. Unwillkürlich hatte sie ihre Hand der Schwester entzogen und steckte sie hinter ihren Rücken. „Was willst du mir denn raten?” fragte sie mit einem eigentümlich dunklen, schweren Ton.
„Du sollst nicht meinen, Marga, daß ich mich in dein Vertrauen eindrängen will,” versicherte Käthe.
Aber du tust es ja doch! schwebte es Marga auf der Zunge. Doch hielt sie die Worte zurück.
„Ich tue nur, was ich für meine Pflicht halte. Und ich erwarte ja auch gar nicht, daß du mir dankbar dafür bist. Das kannst du jetzt noch nicht. Später wirst du mir's einmal danken, das weiß ich!” Käthe hatte ganz ihre altkluge, mütterliche Würde gefunden, wie sie sie brauchte. Die anfänglich erregte Hast ging mehr und mehr in eine gutgemeinte, aber etwas lehrhafte Nüchternheit über. „Warum so viel Umschweife machen? Du hast recht. Ich möchte einmal frei und ehrlich mit dir über deine Freundschaft mit Doktor Perthes reden, Marga. Glaub' mir, ich hab' viel darüber nachgedacht. Über die Freundschaft von Mann und Frau überhaupt. Du darfst mir schon ein Urteil zutrauen. Ich kann im Leben draußen so viel mehr sehen und erfahren als du. Ich glaube nicht, daß es diese Freundschaft gibt. Und wenn sie's gibt, ist sie immer nur ein Übergang. Und der, der zuerst hinübergeht zu etwas anderem — verstehst du mich, Margakind? — der kann sehr, sehr unglücklich werden, wenn der andere nicht nachfolgt. — Jetzt ist's heraus. Das wollte ich dir sagen!”
Käthe umschlang die Schwester, als wollte sie sie tröstend an sich ziehen.
Marga erwiderte die Umarmung nicht.
Schlaff ließ sie ihre Hände niederhängen und bog ihren Kopf zurück, um sich Käthes Liebkosung zu entziehen. Das Herz war ihr wie zugefroren bei diesen besonnenen Worten, und die Kälte teilte sich ihrem Körper, ihrem Antlitz mit. Und doch stieg es sommerwarm auf vom Gras und von den Blumen. Der Wind fächelte mild von der Ebene nach den Bergen herüber, und die Grillen zirpten ringsum in der wachsenden Dämmerung.
Käthe in ihrem Eifer nahm Margas Schweigen für ein Bekenntnis. Sie wurde noch beredter und eindringlicher. Vielleicht, ja gewiß wußte Marga selber nicht, was in ihr sich vorbereitete. Sie sollte sich nicht täuschen lassen durch Perthes' Liebenswürdigkeit. Die Männer, und zumal solche Männer, die sie, Käthe, durch und durch kannte, dachten sich nichts bei einem temperamentvollen Wort, einem Handkuß, einem Strauß Rosen, den sie in einer Laune ihren Freundinnen in den Schoß legten. Sie wollte ja Marga nur warnen. Gerade jetzt, wo sie und Elli allein blieben. Sie sollte sich bewachen; lieber zu schroff als zu entgegenkommend sein; sich doch ja kein Gefühl einreden, das nicht Wahrheit werden konnte. Käthe gab sich ganz nach; sie ließ sich fortreißen von jener liebevollen Lieblosigkeit, der nur Frauen, und die nur untereinander fähig sind, jenem Gemisch von Güte, Neid, Hingebung, falscher Mütterlichkeit — der ganzen Weiblichkeit, wie sie natürlichste Natur ist — schön und häßlich in einem. Ihre Redeflut, die selbstgewiß und selbstgefällig in den weichen Sommerabend hinausfloß, endigte in einem Appell an Margas Charakter: sie war stark genug, um zu entsagen. Wozu brauchte sie die Liebe eines Mannes, die ihr nun einmal vorenthalten sein mußte? Sie hatte ja Kraft und Liebe genug in sich und um sich. „Glaub' mir, Margakind, und wenn du's heute nicht glauben kannst, glaubst du's morgen. Goethe hat recht, wenn er sagt ...”
Marga hörte nicht, wie recht Goethe hatte. Sie hörte überhaupt längst nicht mehr, was Käthe sprach. Sie fühlte nur, daß ein Unberufener nun doch mitleidslos sich eingedrängt hatte in das zarte Geheimnis ihres Herzens. Sie hätte aufschreien mögen: Hände weg von meiner Seele! — aber dann war es schon zu spät. Diese Hände tappten und tasteten, suchten und fanden, und legten sich grausam auf die Wunde, die sie ängstlich behütet, fürsorglich verbunden und verborgen hatte. Nun brach sie auf und blutete. Es weinte in Marga vor Schmerz. Und gleichzeitig empörte es sich in ihr gegen die Entweihung. Wer war die, die es wagen durfte, so mit ihr zu reden? Woher nahm sie das Recht, ihr Vorschriften zu machen? Ihr, die längst all das in sich beraten und durchgekämpft? Die sich nichts, aber auch gar nichts von dem erlassen und geschenkt hatte, was ihr jetzt mit fast übermütiger Selbstzufriedenheit vorgehalten wurde? Was kaum je bei ihr geschah: sie verlor ihre Beherrschung. Ihre Besinnung wurde übertäubt von dem einen leidenschaftlichen Wunsche: Fort! Nichts mehr hören! Nichts antworten! Laufen — weit, weit! Bis ans Ende der Welt, um allein zu sein, allein mit sich, seinem Leid, seiner Bürde, seinem Geheimnis hoffnungsloser Liebe!
Mit einem jähen, heftigen Ruck, der Käthes Hände unsanft von ihr löste, war sie aufgestanden. „Ich danke dir, Käthe!” rang es sich fremd aus ihrem Mund. „Überlaß das nur mir. Ich bin immer allein mit mir fertig geworden. Ich brauche niemandes Hilfe, um zu wissen, was ich vom Leben erwarten und annehmen darf, was nicht!”
Verdutzt blickte Käthe an ihr empor. So hatte sie Marga, die Sanfte, Verträgliche, Geduldige, noch nicht sprechen hören. „Aber Marga, du —”
„Wenn ich einsam sein soll, so achte auch du meine Einsamkeit. Mehr kann ich dir nicht antworten.”
Käthe schwieg. Wie Marga jetzt vor ihr stand, im Schatten der Dämmerung gegen den verblassenden Abendhimmel sich hoch und stolz abzeichnend, die Lippen aufeinandergepreßt, die Augen streng und abweisend in die Ferne gerichtet, fühlte sie, die Ältere, die Erfahrenere und Sehende, sich einen Augenblick klein, unbedeutend mit all ihrer Altklugheit — gegen die Blinde, die so sicher und stark auf ihren Weg hinaussah.
Nur einen Augenblick.
Dann erhob sie sich aus dieser verstohlenen Demütigung doppelt gekränkt, verkannt und erbittert.
Aber ehe sie dafür den rechten Ausdruck fand, hatte sich Marga am Geländer der Laube entlang getastet. Sie eilte die Steinstufen hinab und lief den Zickzackweg hinunter — ohne Hilfe, behend wie ein Sehender, sicher geleitet von jenem fast übernatürlichen Instinkt, den die Erregung noch schärfte.
Käthe wollte ihr nach. Sie rief ihren Namen. Es war Marga verboten, allein die steile Gartensteige abwärts zu gehen.
Doch sie stieß ja jede Hilfe von sich! Mochte sie auf eigene Gefahr sich zurechtfinden!
Bei Käthe siegte die Erbitterung über die Besorgnis, die sie sonst nie für die Blinde außer acht ließ. Sie war zu tief verletzt. Warum hatte sie nicht geschwiegen? Hatte sie nicht vorausgewußt, daß sie keinen Dank ernten würde? Nun war sie abgewiesen worden mit all ihrem guten Willen, ihrer ehrlichen Meinung! Sie würde ihre Hilfe nicht mehr aufdrängen. Gewiß nicht! Nie mehr! Über den Schläfen strich sie ihr Haar zurück und prüfte die schweren Flechten, obwohl es Nacht geworden war und keine Strähne in dem glatten Scheitel oder am Knoten sich gelockert hatte. Ordnung war nun einmal ihr Element. Maß und Ordnung. Mochten andere das Ungeordnete, Regellose vorziehen. Sie hatte auch nur bei Marga Ordnung machen wollen. Wenn die es nicht brauchte, nicht litt ...
Mit dem zugleich gemessenen und tänzelnden Schritt, der sich nichts vergab und doch auch die Gleichgültigkeit gegen das, was vorgefallen war, zur Schau tragen mußte, machte sich Käthe auf den Weg und kam eine Viertelstunde nach Marga, leise vor sich hinsummend, ins Haus.
Elli und Marga waren schon auf ihr Zimmer gegangen.
Der Geheimrat wirtschaftete noch geräuschvoll in seinem Arbeitszimmer. Man hörte ihn oben deutlich ab und zu gehen. Die Riesenhandtasche nahm neue Unentbehrlichkeiten in sich auf.
Käthe ging noch einmal gewissenhaft ihre Zurüstungen für den Reisetag durch. Dann machte sie gemeinsam mit der schläfrig schlurfenden Therese den üblichen Rundgang im Erdgeschoß, um den Verschluß von Läden und Türen zu beaufsichtigen.
Am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, nach einem hastigen Kaffee, erfolgte der Abschied.
Der alte Herr hatte sich alle Sentimentalitäten, besonders aber die Begleitung auf den Bahnhof, streng verbeten.
In letzter Minute konnte er doch nicht anders: er küßte Marga und Elli barsch auf die Stirn.
„Seid hübsch artig, Mädels; verstanden? Adieu!” Damit eilte er fort, dem Wagen zu, der vor dem Haus wartete. Therese folgte keuchend mit der zu unheimlichen Dimensionen angeschwollenen Handtasche, die noch eine halbe Bibliothek verschlungen haben mußte. Der Hauptkoffer war schon aufgeladen.
Käthe und Elli umarmten sich. Mit Marga gab es nur einen Händedruck.
Vom Vorgarten, unter den Kastanien hervor, winkten die beiden Zurückbleibenden dem Wagen nach. Vater Richthoff salutierte. Käthe nickte noch einmal und winkte mit dem Taschentuch.
Die Fahrt ging um die Ecke nach dem Bahnhof. — —
Dort, wo der Fluß, dem Zug der Waldberge folgend, zum letztenmal eine mutwillige Schwenkung machte, um sich dann, des spielerischen Geschlängels überdrüssig, geradeaus und kräftig in die weite Ebene hinauszuwerfen, stand die „Sägemühle”. Dem Zweck, den ihr Name andeutete, diente sie längst nicht mehr. Seit vielen Jahren war sie nur noch ein einfaches, freundliches Gasthaus, rückwärts gegen den Buchenwald gelehnt, vor sich einen schattigen Wirtsgarten, den nur ein schmaler Weg von der Uferböschung und dem hurtigen Fluß trennte. Da die Sägemühle kaum eine Stunde von der Stadt entfernt lag, war sie ein beliebter Ausflugsort: an Sonntagen und schönen Sommernachmittagen wurde sie von Bürgern und Professoren, von Kaffeeschwestern und Studenten zu Fuß, zu Wagen und mit dem Boot viel besucht. In der besten Zeit des Jahres fanden auch die paar sauberen Fremdenzimmer ihre Liebhaber; wer anspruchslos an Buchenwald und Wasser, an guter Verpflegung, an dem belebten Wechsel ländlicher Einsamkeit und städtischer Ausflüglerfröhlichkeit sein Gefallen hatte, konnte sich bei den willigen Wirtsleuten einige Wochen zufrieden fühlen. Spaziergänge gab's in Hülle und Fülle: auf den Bergen durch die stundenweiten Laub- und Nadelforste; im Tal zwischen wogendem Getreide, oder den blumenüberwachsenen Uferpfad entlang nach kleinen Dörfern und alten Städtchen, wo verfallene Raubritterburgen emporragten und sich im Fluß spiegelten.
So war Margas und Ellis Sommerheim beschaffen, in das sie vierzehn Tage nach Vater Richthoffs und Käthes Abreise übersiedeln sollten.
Stille, fröhliche Tage im Hause am Wenzelsberg gingen vorher.
Zuerst hatte Marga noch unter der Aussprache mit Käthe gelitten. Aber Elli mit ihrer frischen, glücklichen Wirbelwindnatur hatte ihr den Kopf und das Herz lachend reingefegt. Jeden Tag wußte sie etwas Neues vorzuschlagen, um Unterhaltung zu schaffen. Man sollte zwar, nach der Mahnung des alten Herrn, keine „Dummheiten” machen. Aber — du lieber Gott! Das war ein weiter Begriff! Immer gescheit und sittsam sein, war abscheulich langweilig. Daran war nicht zu denken. Man war tüchtig spazierengelaufen, hatte sich auf den Straßen umhergetrieben und die Menschen beobachtet, voran die Fremden, die um diese Jahreszeit besonders aus Old-England und von jenseits des großen Teichs reichlich zuströmten. Dann mußte man baden, Besuche machen und empfangen, die Wohnung ein paarmal umräumen, mit Therese den Küchenzettel besprechen, auf dem Weinberg dem Gärtner beim Pflücken der Stachelbeeren und Johannisbeeren helfen, unerlaubte Bücher lesen, im Vorgarten handarbeiten und die vorübergehenden Leute glossieren. Und Elli duldete nicht, daß sich Marga von irgend etwas ausschloß. Die Schwester einmal so recht „mitleben” zu lassen, sie, deren Geheimnis sie innig teilte, von Herzensgrund schadlos zu halten — das war Ellis „Prinzip” für diesen Sommer. Sie stand sonst mit den „Prinzipien” nicht auf dem besten Fuß. Das waren nach ihrer Ansicht Dinge für alte Tanten, Backfische, Philosophieprofessoren und Spießer jeder Art, die sich das Leben partout verekeln wollten. Aber Prinzipien, die zugleich dem Herzen wohltaten und unterhaltend waren, mit denen konnte es gewagt werden. Daß dabei Wilkens nicht zu kurz kommen durfte, verstand sich von selbst. Er guckte öfters mal ein, wie Perthes auch. Man traf sich zufällig auf einem Spaziergang. Zweimal sogar — doch das setzte einen harten Kampf mit Marga — abends bei der Musik im Stadtgarten. Das war so stilwidrig-unakademisch, daß man der Versuchung nicht widerstehen konnte. Bei allem hielt Elli peinlich darauf, daß Marga „ihrem” Doktor genau so gerecht wurde wie sie „ihrem” Erich. Die möglichste Gleichheit beruhigte sie selbst und sollte Marga Freude machen. Wenn sich Marga auch sträubte — sie war nach der Auseinandersetzung mit Käthe mit doppelter Vorsicht darauf bedacht, ihr Verhältnis zu Perthes und damit ihr eigenes Gefühl in strengen Grenzen zu halten —, Elli wußte immer mit der hinreißenden Dialektik ihrer siebzehnjährigen Verliebtheit und Lebenslust jedes Bedenken fortzuplappern. Und kam sie nicht damit zum Ziel, so sang und lachte sie es weg. Gegen ihr Lachen war Marga so ohnmächtig wie gegen ihre losesitzenden Tränen. Es tat ihr im Grund der Seele zu wohl, einmal jung mit den Jungen sein zu dürfen.
Dann kam der Umzug nach der Sägemühle und dabei eine Meinungsverschiedenheit, die Stoff zu schwerwiegenden Diskussionen bot.
Elli hatte Wilkens längst und beizeiten verständigt, daß und wohin man gehen würde. Marga dagegen bewahrte gegen Perthes Stillschweigen und verbot auch der Schwester, Andeutungen zu machen. Die wachsende Vertraulichkeit, in die sie sich durch die Gunst der Umstände und durch Ellis fanatischen Gleichheitsdrang hineingezogen sah, begann sie zu ängstigen. Sie war öfter und ungestörter mit Perthes zusammen als sonst. Er pflegte die Freundschaft mit einer Achtung und Zartheit, die sie beseligte. Nichts, was mit ihm vorging, unterschlug er ihr: seine ernstesten Gedanken so gut wie seine alltäglichen Beobachtungen, seine Stimmungen, die schweren wie die leichten, lud er vertrauensvoll bei ihr ab. Sie fühlte instinktiv, wie diese schöne Vertraulichkeit, so viel sie gab, doch auch an der Kraft zehrte, mit der sie ihre wahre Gesinnung für ihn niederhielt. Wenn sie so stark bleiben wollte, wie sie mußte, war eine längere Trennung das beste Mittel. Sie wollte weggehen, ohne daß er wußte, wohin, und ohne daß er den Tag ihres Aufbruchs kannte. Natürlich würde er sie leicht finden können. Es gab außer dem Zufall, daß er nach der Sägemühle einen Ausflug machte, Möglichkeiten genug für ihn, ihren Aufenthaltsort schnell zu erforschen. Aber er sollte nicht aufgemuntert sein. Vielleicht zürnte er über ihr Verschwinden. Doch ihr Gefühl ließ sie nicht anders handeln. Es war freilich kein so klares, einfaches Gefühl wie die, denen sie sonst folgte. Ihre Neigung hatte trotz aller Vorsicht allerlei uneingestandene Heimlichkeiten miteingesponnen. Die Liebe macht nun einmal, mit oder ohne Willen, auch die Starken schwächer, als sie sind. Nein, Perthes sollte nicht aufgemuntert werden. Wenn er kommen wollte, mußte er es schon ganz von sich aus tun. Von sich aus ...
So ereiferte sich denn Elli diesmal vergebens. Sie stellte Marga vor, wie grausam, rücksichtslos, unfreundschaftlich, ja geradezu unanständig es sei, so zu handeln. Aber Marga blieb fest. Elli mußte sich fügen. —
An einem Montagnachmittag, nachdem die Möbel verdeckt, die Teppiche und Gardinen eingekampfert, alle Rouleaus herabgelassen waren, so daß Therese nur noch abzuschließen brauchte, setzten sich Marga und Elli mit ihrem Handgepäck in den Lokalzug und fuhren flußaufwärts, zwei Haltestellen weit. Dann holte sie die Fähre über nach der Sägemühle.
Der große Koffer, eine sehenswürdige Häßlichkeit aus Vater Richthoffs Junggesellenzeit, stand schon in dem blanken, behaglichen Zimmerchen mit den weißen Tüllvorhängen und dem braungestrichenen Boden, zu dessen offenen Fenstern der Buchenwald beinahe seine Zweige hereinstreckte.
Noch am Abend mußten das Haus, der Garten und die nähere Umgebung besichtigt werden, obwohl sie, längst bekannt, viele Überraschungen nicht bieten konnten. Elli beschrieb Marga all die Herrlichkeiten haarklein — bis auf die Enten und Gänse, über die man stolperte.
Das Abendbrot in einer Laube am Fluß schmeckte königlich.
Die paar Ausflügler, die noch verstreut im Wirtsgarten saßen, reckten verwundert die Hälse, so laut und ansteckend lustig klang das Lachen zu ihnen herüber.
Am anderen Morgen begann das Faulenzerleben der Sommerfrische, in seinen Einzelheiten entworfen und geleitet von Elli. Erst anderthalb Stunden Frühstück mit Massenvertilgung von Butter und Honig. Nicht zu spät, aber auch ja nicht zu früh. Dann mit der Hängematte in den Wald bis Mittag. Nach dem Essen in der Halle, einem luftigen Holzbau mit großen, zum Teil bunten Glasfenstern und einem Orchestrion, wurde geschlafen. Die anstrengende Untätigkeit des Vormittags forderte das.
Zum Kaffee setzte man sich in den Garten, an einen versteckten Platz, zwischen hohe Haselbüsche. Von dort ließen sich die Menschen, die von der Stadt kamen, trefflich mustern. Elli versah sie einzeln mit Etiketten, um sie Marga anschaulich zu machen.
Als etwa anderthalb Stunden so vergangen waren, verstummte das Gespräch eine Weile.
„Weißt du,” legte dann Elli los, „ich hatte bestimmt erwartet, daß Wilkens käme. Er hat mir's nämlich versprochen.”
„Heute schon? Gleich am zweiten Tag?” fragte Marga, etwas erstaunt.
„Sei du mal ganz ruhig, Margakind! Ich weiß jemand, dem es schon greulich leid ist, daß er einen gewissen anderen Jemand nicht doch, wie sich's gehörte, benachrichtigt hat!”
„Da irrst du dich, Kleinchen!” versicherte Marga ernsthaft.
„Na, wenn ich dein Doktor wäre, ich würde mich für so eine Freundschaft bedanken. Gott, wenn ich denke” — Elli fädelte eine neue Farbe für ihre Stickerei ein und sah die Schwester dabei halb kritisch, halb schelmisch von unten herauf an — „du müßtest eine schrecklich biedere und gestrenge Hausfrau abgeben, Marga!”
„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kind!” wehrte Marga, leicht errötend.
„Oh, Gedanken sind zollfrei!” fuhr Elli unbeirrt fort. „Freilich, wenn du immer so spröde und tugendsam mit deinen Verehrern bist wie in letzter Zeit mit Perthes, hat's damit gute Weile.”
„So sprich doch nicht so laut!” mahnte Marga. „Und nenne wenigstens keine Namen! — Ich bin doch zu ihm wie immer,” setzte sie nach einer Weile zögernd, fast fragend hinzu. Hatte sie sich in jüngster Zeit weniger frei und natürlich gegeben, dann war nur der Stachel daran schuld, der von der Aussprache mit Käthe in ihr zurückgeblieben war ...
Elli erriet ihre Gedanken. „Von Käthe hätte ich mich nun schon gar nicht ins Bockshorn jagen lassen,” sagte sie überzeugt. „Abgesehen davon, daß ihr Benehmen gegen dich haarsträubend taktlos war, hat sie so altertümliche und hausbackene Ansichten, daß —” Elli stockte. Sie bog einige Zweige des Gebüsches auseinander. Dann fuhr sie geräuschvoll in ihrem Stuhl zurück. „Da haben wir die Bescherung!” rief sie mit halblautem, aufgeregtem Kichern.
Ehe sich Marga nach dem Wesen dieser Bescherung erkundigen konnte, klang ein kräftiges „Guten Abend, die Damen!” zu dem versteckten Tisch.
Im nächsten Augenblick schwenkten sich mit zeremoniellem Gruß zwei Hüte.
Perthes und Wilkens, in traulichem Verein, standen im Bereich der Haselbüsche.
Elli tat riesig überrascht. „Nein, so was! Denk' mal, Marga, Doktor Perthes und ein Herr Wilkens überrumpeln uns hier gleich zu zweien! — Sie kommen natürlich ganz zufällig?”
„Natürlich — ganz zufällig!” schmunzelte Wilkens, während man sich die Hände schüttelte.
„Und daß wir ‚gleich zu zweien‛ kommen, Fräulein Elli, wie Sie liebenswürdig hervorheben, ist erst recht zufällig,” erklärte Perthes. „Wir kommen auch in sehr verschiedener Sendung. Herr Doktor Wilkens —”
„Pardon! Immer noch Wilkens!” warf Elli mit einem vernichtenden Blick auf den fälschlich Promovierten dazwischen.
„Ehe ich mich weiter insultieren lasse, bitte ich Platz nehmen zu dürfen!” parierte Wilkens mit fröhlichem Gleichmut und nahm sich, ohne die Erlaubnis abzuwarten, einen Stuhl. „Ich rate Ihnen dasselbe, Herr Doktor Perthes, denn Sie wissen nicht, was die Damen noch für Liebenswürdigkeiten bereithalten. Ich habe die Erfahrung gemacht —”
„Ums Himmels willen!” unterbrach ihn Elli, sich die Ohren zuhaltend. „Was der Mensch redet! Und dabei ist man zur Erholung hier!”
„Das Schweigen ist oft viel bedenklicher als das Reden,” nahm Perthes das Wort, indem er sich Marga gegenübersetzte. „Ich meine nämlich das Schweigen von Fräulein Marga.”
„Sie haben mich ja noch gar nicht zu Wort kommen lassen!” verteidigte sich Marga.
„Das hat noch gute Weile. Erst redet der Ankläger, dann der Angeklagte.”
„Sie sind wohl inzwischen zur Juristerei übergegangen?” fragte Elli naseweis.
„Wollen wir uns nicht vorher ein Glas Bier kommen lassen?” meinte Wilkens gemütlich zu seinem Nachbar.
„Das können Sie! Denn Sie sind hier gewissermaßen eingeladen,” gab Perthes zurück.
„Eingeladen?” Elli schüttelte entrüstet ihren Blondkopf. „Das muß ich mir schönstens verbitten. Herr Wilkens hat von mir allerdings erfahren, wohin ich gehe. Aber eingeladen habe ich ihn nicht! Davor werd' ich mich hüten!”
„Weil er sowieso kommt,” ergänzte Wilkens, während er dem in der Ferne vorbeistreifenden Kellner seine Bierwünsche durch Zeichensprache deutlich machte.
„Das tut Herr Doktor Perthes auch!” entfuhr es Elli übermütig.
„Oho! Dagegen lege ich Verwahrung ein!” protestierte Perthes und schlug lebhaft mit der großen Hand, die schon so sommersonnengebräunt war wie das räuberbärtige Gesicht unter dem weißen Panama, auf den Tisch. „Also, Fräulein Marga! Ich bin nur hier, um Rechenschaft zu fordern. Wenn mir nicht Ihre Therese begegnet wäre, die auf dem Weg zum Bahnhof grüßend an mir vorbeischnob, wüßte ich überhaupt nicht, wo Sie sind. Herr Wilkens ist mein Zeuge, mit dem ich mich eine halbe Stunde später auf der Landstraße traf. Man hat mich böswillig hintergangen! Man hat mir kein Sterbenswörtchen von dieser Sommerfrischenidee gesagt. Ist das freundschaftlich?”
Marga suchte vergeblich nach dem rechten Ton, um auf den scherzhaft-temperamentvollen Angriff einzugehen.
„Sagte ich es nicht? Dieses Schweigen ist Schuldbewußtsein!” triumphierte Perthes. „Wenn Sie sich wenigstens auf einen Spaß hinausreden wollten!”
„Einen Spaß?” kam es jetzt ehrlich, aber leise von Margas Lippen. „Da müßte ich Sie geradezu anschwindeln, Herr Perthes!”
„Sie wollen mir also einfach zeigen, daß ich durchaus nicht unentbehrlich bin, Fräulein Marga,” sagte Perthes nach einer kleinen Pause, aus dem heiteren Ton der Philippika zu gedämpftem Ernst übergehend.
„Vielleicht,” stammelte Marga zaghaft. Es kostete sie eine schmerzliche Überwindung, dieses vor der Vernunft wahre, vor ihrem Herzen unwahre Wort hervorzubringen.
„Sie vergaßen dabei zu überlegen, ob Sie Ihrem Freunde ebenso unentbehrlich sind,” erwiderte Perthes knapp und mit einem Anflug von enttäuschter Bitterkeit.
Die Unterhaltung stockte.
Elli ergriff die Gelegenheit, um Wilkens einen Gang nach der „Menagerie” vorzuschlagen. Die Wirtsleute der Sägemühle hatten im Wirtschaftshof ein paar Kaninchen, einen Fuchs, allerhand Geflügel und vor allem ein junges Rehzicklein, das Ellis besondere Gunst genoß und Wilkens gezeigt werden mußte. Sie hatte nebenher den Gedanken, die beiden, Marga und Perthes, würden sich allein schneller und besser „zusammenzanken”. So pflegte das wenigstens immer bei ihr und Wilkens zu sein.
Diesmal irrte sie sich.
Perthes verstand Margas Verhalten, das ihm plötzlich und willkürlich verändert erscheinen mußte, nicht. In den letzten Wochen nach dem Bruch mit Hilde König und der stürmischen Freundschaftskrisis mit Marga hatte er sich stetig gesünder gefühlt. Dies ungezwungene, vertrauensvolle Beisammensein gab ihm Ruhe und Gleichgewicht. Es stärkte in ihm den Glauben an einen gewissen Wert seiner Persönlichkeit. Lebenslust und Frohsinn kehrten ihm zurück. Er gab sich im einzelnen keine Rechenschaft über die Fortschritte seiner Genesung. Nur daß er seine Dankbarkeit ohne Rückhalt zur Schau trug. Ohne es zu wollen und zu beachten, übertrug er etwas von der Leidenschaftlichkeit, die er in seine phantastische Neigung für die kleine Ufernixe gelegt hatte, auf seine Freundschaft. Ein halber Mensch, wie er selbst sich so gern schalt, mußte er doch immer seine ganze, ungeteilte Person einsetzen, wenn er, was freilich selten genug geschah, sich einem anderen über das Maß alltäglichen Bekanntseins näherte. Und er war dann im Fordern ebenso rücksichtslos, als er im Geben unbedacht war.
Wenn er gewußt hätte, wie seine letzten, verbittert hervorgestoßenen Worte auf Marga wirken mußten! Welchen Aufruhr sie in ihre Seele warfen!
Was wollte er damit sagen? Wie tief ging dieser Vorwurf ihm selbst? Ob er, unbewußt, doch angefangen hatte, mehr für sie zu empfinden, als die Freundschaft schuldig war?
Diese Gedanken wälzten sich quälend in Marga. Sie weckten eben die Gefühle, die sie so tapfer niederhalten wollte und mußte. Sie zehrten von neuem, stärker und gefährlicher als je, an der Kraft, die zu bewahren — freilich mit halben Mitteln — sie eine Trennung herbeizuführen gesucht hatte.
Eine dumpfe, wehvolle Angst arbeitete in ihr.
Sie durfte ihn nicht zurückstoßen. Und durfte doch auch seine zunehmende Annäherung nicht dulden! Wo war die Grenze? Woher nahm sie Kraft, immer neue Kraft, zu wollen, was sie nicht wollte; nicht zu wollen, was sie wollte? Ihr Herz hatte auch sein Gesetz, auch Kraft wider Kraft und bäumte sich auf gegen die Zügel, die sie ihm anlegte. Das trübte die klare Stille ihres Wesens. Das nahm ihr ihre Unbefangenheit. Sie erschien kälter, gleichgültiger und verschlossener als sonst. Ihr Schweigen und seine Verstimmung nährten sich gegenseitig und machten dies erste Alleinsein auf der Sägemühle für beide höchst unerquicklich.
Perthes war nahe daran, sich zu verabschieden. Da kamen Wilkens und Elli zurück und brachten den Vorschlag, im Garten gemütlich Abendbrot zu essen.
Man war da jetzt ganz unter sich. Die letzten Gäste vom Nachmittag waren im Aufbruch begriffen, und Elli wartete gar nicht erst eine lange Erklärung von Marga oder Doktor Perthes ab, sondern wählte einen Tisch weiter vorn im Garten, freier und näher dem Fluß, wo sie für vier Personen decken ließ.
Sie fand ihren Einfall riesig lustig und kommandierte Wilkens und den Doktor abwechselnd für ihre Dienste. Perthes wollte nicht zurückbleiben. Im Gegenteil, er überbot die anderen und sprang von seiner Verstimmung über zu lauter Ausgelassenheit.
Marga beteiligte sich an diesem Treiben nur widerstrebend, um niemand die Freude zu verderben. Sie erriet, was in Perthes vorging. Mit einer gewissen Absichtlichkeit wollte er ihr zeigen, daß er sich aus dem Vorhergegangenen nichts mache.
Dabei konnte er es nicht lassen, sie wieder und wieder zu necken.
„Obwohl Fräulein Marga mich so schlecht behandelt!” — „Trotzdem Fräulein Marga gar keinen Wert auf meine Gesellschaft legt!” Solche und ähnliche Wendungen ließ er ständig mit einfließen. Ohne Bedacht, nur seiner inneren Gereiztheit nachgebend, trieb er das Spiel jener Koketterie, deren auch Männer fähig sind. Er wollte Marga zu irgendeiner Äußerung verlocken, mit der sie sich ins Unrecht setzte und ihre Freude, daß er doch gekommen war, verriet. Sie sollte sich für das „Verbrechen an der Freundschaft”, das er ihr vorwarf, entschuldigen und damit seiner Eigenliebe schmeicheln.
Er erreichte von Marga nur ein Lächeln, das matt und traurig aussah, weil sein Benehmen ihn vor ihr verkleinerte und ihr an der Seele riß, wo sie am empfindlichsten war.
Es war um diese Stunde köstlich im Garten am Fluß. Er lag verträumt im dämmerigen Schatten der mächtigen Linden und Ahornbäume.
Draußen zog still, vom Schein des roten Abendhimmels überhaucht, Welle an Welle.
Am jenseitigen Ufer, auf den Wiesenhängen, wurde noch geheut. Der süße Duft der Mahd flog über den Fluß. Die feinen Ränder der Waldberge tauchten mit tausend und abertausend scharfen Tannenspitzen in den letzten Sonnenglanz.
Die wundersame Ruhe des Abends rang groß und beharrlich gegen die lärmende Lustigkeit des jugendlichen Tisches im Garten.
Ellis jubelndes Lachen, Wilkens' Jodler, die laute, hastige Stimme von Perthes hielten vergebens dagegen. Die ländliche Mahlzeit, bestehend aus zwei großen hochgebräunten Eierkuchen, frisch gepflücktem Salat, Schwarzbrot und Butter, war mit gewaltigem Beifall begrüßt worden. Noch war sie nicht vertilgt, noch hatten Perthes und Wilkens kaum um neue „Metkrüge” geklappert, geläutet und gerufen, als schon das feierliche Schweigen über das Laute seinen Sieg davontrug. Still und stiller, wie draußen über dem Fluß und Wald, wurde es auch drinnen im Garten. Und die kleinen, sanften Geräusche des Abends, die nur ebensoviele Lockrufe der sieghaften Stille sind, machten das Gespräch vollends verstummen: der späte, hell anhebende und kurz abbrechende Triller einer Lerche im Feld; das Plätschern eines Fischerkahns im Wasser, der flußabwärts glitt; ein fernes, gedämpftes Hundegebell aus dem nächsten Dorf.
Elli war schnell für das Lyrische gewonnen.
Als Wilkens wieder an sein geleertes Glas klimperte, flog ihm ein „Prosaischer Radaumacher!” an den runden, wollig-blonden Kopf. Er wurde ganz klein und verdrehte sentimental die so gar nicht melancholischen Augen.
Perthes hatte zu rauchen begonnen. Er stieß ein paar Wolken von sich, blies Ringel von zartem Dunst und warf die Zigarre hinaus auf den Fluß.
Marga saß in sich gekehrt neben ihm. Sie suchte sich aus der Stille des Abends zur eigenen zurückzufinden.
„Wir, Marga und ich, machen jetzt unseren Spaziergang über die Wiesen, nicht wahr, Margakind?” erklärte Elli plötzlich und stand auf. Marga nickte. Unbekümmert um Perthes und Wilkens, Arm in Arm aneinandergeschmiegt, traten sie aus dem Garten.
„Wir sind jetzt wohl beurlaubt?” fragte Perthes den mit ihm zurückbleibenden Wilkens.
Wilkens schüttelte den Kopf. „Nee, so lass' ich mich nicht in den Sand setzen!” meinte er gleichmütig. „Im übrigen — Fräulein Marga kenne ich so genau nicht, aber Elli ist felsenfest überzeugt, daß wir zwei hinterdreinschlendern. Wetten, daß —?” Er blinzelte den Doktor mit der listigen Miene des erfahreneren Liebespraktikus an.
„Da mache ich nicht mit!” versetzte Perthes bestimmt.
„Meinen Sie, ich?” warf sich Wilkens in die Brust. „Es dauert keine fünf Minuten, und die Mädels sind zurück; sowie sie merken, daß wir streiken.”
Es dauerte aber zehn Minuten und länger.
Wilkens wurde unruhig. Er stand auf und ging ein paarmal halb verlegen zum nächsten Tisch und wieder zurück. Dann sah er verstohlen über den niedrigen Lattenzaun des Gartens weg, den Weg hinunter.
„Schlendern wir 'n bißchen auf eigene Faust?” fragte er schon bedeutend kleinlauter zu Perthes zurück, der sitzen geblieben war.
Widerstrebend erhob sich dieser. Er war jetzt mit seiner Geduld zu Ende.
Die Rücksichtslosigkeit, mit der er von Marga behandelt wurde, empörte ihn. Am liebsten wäre er ohne Abschied heimgegangen. Er war zum ersten- und letztenmal auf der Sägemühle. Das war eine ausgemachte Sache. Aber er wollte es ihr offen sagen. Sie hielt ja so viel von der Offenheit in der Freundschaft, wenn sie auch mit ihrem heutigen Verhalten das Gegenteil bewies.
Deshalb blieb er. Deshalb schlenderte er, unlustig genug, mit Wilkens aus dem Garten in die angrenzenden Wiesen, am Fluß entlang. Er hatte den Hut vom Kopf gerissen. Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Der Unmut, gleich wieder leidenschaftlich wie sein ganzes Temperament, lag in tiefen Falten auf seiner Stirn und blickte ihm aus den Augen. Er fuhr sich einmal ums andere durch den schwarzen Haarbusch oder strich über den krausen Vollbart.
Und dabei lag die Dämmerung so mild und verträglich ringsum.
Das hohe Gras mit seinem Labkraut, seinen Schafgarben und Kuckucksblumen überwucherte den schmalen Weg, den „Leinpfad”, auf dem früher die Pferde an strammer Leine die Lastkähne stromaufwärts geschleppt hatten. Das Wasser in seinem tiefen, stählernen Grau rauschte und gluckste heimlich, als wollte es den sachten Abendwind, den tuschelnden Geheimniskrämer, noch an bedeutsamer Wissenschaft übertreffen. Und drüben, über den Heuhocken, den silberreifen Kornäckern, dem Berg mit seinem schweren, düsteren Tannenmantel, lag es wie feiner, rieselnder Taudunst. Auf all das achtete Perthes nicht. Nicht einmal auf das gefühlvolle Summen von Wilkens, mit dem dieser seinen zärtlichen Gefühlen Ausdruck verlieh. Nur die eigene Verstimmung schien ihm der Aufmerksamkeit wert.
Und dann, als der Leinpfad, dem Flußlauf folgend, sich bog und von ein paar knorrigen Krüppelweiden eingefangen wurde, waren plötzlich Marga und Elli dicht vor ihnen. Sie kamen langsam und stumm den Weg zurück.
„Ist das auch eine Art, seine Damen ohne Schutz in die Nacht hinauslaufen zu lassen?” rief Elli, die so ungewohnt lange auf ihren Wilkens hatte warten müssen, den beiden zürnend entgegen.
„Bitte sehr!” entgegnete Wilkens, „die Damen sagten uns ja gar nicht —”
„Daß sie Wert auf unsere Begleitung legten!” ergänzte Perthes mit Schärfe.
Elli hing sich statt jeder weiteren Antwort an Wilkens' Arm.
„Na, also!” schmunzelte Wilkens und führte sie wieder flußaufwärts weiter.
Marga stand vor Perthes.
Unschlüssig blieben sie sich einen Augenblick gegenüber.
Um keinen Preis hätte Perthes das erste Wort gesprochen.
„Wollen Sie mir Ihren Arm geben?” fragte endlich Marga zaghaft. Ihre Stimme klang weich, bittend, wie er sie den ganzen Nachmittag nicht gehört hatte.
Perthes tat sofort, wie sie ihn gebeten. Sie gingen in der, Elli und Wilkens entgegengesetzten Richtung nach der Sägemühle zu. Er hatte sie mit heftigen Vorwürfen empfangen wollen. Aber jetzt, wie sie so an seiner Seite schritt, fühlte er sich ruhiger werden. Es war ein und dieselbe Wirkung ihres Wesens, die sich ihm immer mitteilte, ob er wollte oder nicht.
„Ich war drauf und dran, heimzugehen, ohne Sie noch einmal gesprochen zu haben,” begann er mehr traurig als zornig.
Marga sagte nichts. Ihr Kopf war tief vornübergebeugt, als sähe sie auf den Weg.
Elli hatte mit ihr geredet und ihr ihr Betragen vorgeworfen. Sie wollte liebenswürdiger sein. Aber es war schwer, so schwer! Irregemacht an ihrer Zurückhaltung, die ihn kränkte, und doch sich bewußt, daß jeder Schritt, den sie ihm weiter entgegenkam, sie schwächer und unglücklicher machte, suchte sie umsonst den immer schmäler werdenden Weg zwischen ihrem Stolz und ihrer Pflicht auf der einen, ihrer Liebe auf der anderen Seite.
Perthes fühlte, wie ihre Hand, die zufällig die seine streifte, kalt war und zitterte. Was war das? Er schaute sie prüfend an. Weinte sie denn? Es ging eine leise, schütternde Bewegung durch ihren Körper, die ihm nicht entgehen konnte; aber er sah keine Träne in ihren blicklosen Augen, als er sich vorbeugte. Und doch hatten ihre Züge den Ausdruck des Weinens, einen seltsamen, rührenden, ergreifenden Ausdruck verborgenen, inneren Weinens.
„Was ist Ihnen denn, Fräulein Marga? Warum verstehen wir uns denn heute nicht? Warum sind Sie so anders als sonst zu mir? Was haben Sie nur? Habe ich irgend etwas verbrochen? Mißfällt Ihnen etwas an mir? So reden Sie doch nur! Sagen Sie, was es ist!” Besorgt, dringend, beinahe verzweifelt stieß er seine Fragen hervor. Es war keine Spur von Ärger oder Bitterkeit mehr in seinen Worten.
„Ich habe nichts gegen Sie. Gar nichts!” Marga schüttelte energisch und abwehrend den Kopf. „Nur —” setzte sie flüsternd hinzu, „nur —” wiederholte sie noch einmal kaum hörbar. Unfähig, sich auszusprechen, kehrte sie ihr Gesicht von ihm ab.
„Nur?” Er ließ sie los und stellte sich vor ihr auf den Weg. Er zwang sie, zu ihm aufzusehen.
Ihre leeren Augensterne hasteten scheu an ihm vorbei, hinaus in die Weite. Als suchte sie die Nacht, die jetzt immer dichter heranzog, um sich in ihr zu verstecken.
Perthes nahm wieder ihren Arm. Willig ließ sie sich weiterführen.
Er war ratlos. Er verstand sie nicht. Wieder und wieder betrachtete er sie von der Seite. Nichts Trotziges, Eigensinniges war an ihr zu entdecken. Aber ihrem Antlitz fehlte auch die Festigkeit, die Ruhe und Klarheit, die sie sonst erfüllte. Eher war es Angst, Schwäche, Hingebung — eine scheue, hilflose Mädchenhaftigkeit, wie er sie so nie bei ihr wahrgenommen hatte. Das warme, mitleidsvolle Gefühl, ihr helfen, sie schützen zu wollen, regte sich in ihm. Er hätte sie an seine Brust ziehen mögen. Nicht leidenschaftlich, sondern wie ein Bruder die Schwester. Ihre Schulter streifte die seine. Noch einmal, länger. Sie schien sich an ihn zu lehnen. Er war nahe daran, seiner zärtlichen Empfindung nachzugeben, aber im selben Augenblick ließ Marga ihn los.
Sie riß sich zusammen, als ahnte sie die Bewegung, die er machen wollte. Sie blieb stehen und warf die Arme hinter sich. Der Wind ließ das Haar um ihre Schläfen flattern. Gewaltsam trat ein herber, entschlossener Zug in ihr sonst weiches Gesicht. „Ich will Ihnen sagen, was es ist,” preßte sie hervor. „Es gibt Zeiten, in denen ich einsam sein muß. Ganz einsam. Ich brauche dann all meine Kraft nur für mich allein. Und bin ungesellig und unfreundlich wie jetzt. Vielleicht — vielleicht —” Sie stockte. Dann kam es mit äußerster Anstrengung: „Vielleicht wäre es besser, Sie besuchten mich — in diesen Wochen hier draußen — gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen auch nichts von der Sägemühle gesagt.”
Perthes sah sie mit bestürzten Augen an. Er wußte nichts zu erwidern auf dies seltsame, unerwartete Geständnis. Auch keinen Zorn empfand er gegen sie, daß sie ihn so gewissermaßen vor die Tür setzte. Nichts von Enttäuschung, von Zweifel an ihrer Freundschaft. Dazu hatte er sie zu sehr achten gelernt. Und er achtete sie gerade jetzt mehr als je, obwohl er ihr Reden weniger begriff als ihr Schweigen am Nachmittag. Es ging eine Traurigkeit von ihr aus, die auch ihn ergriff. Über die ganze Landschaft schien sie sich auszubreiten — über die dunklen Wiesen, den schwarzen Fluß, die finster starrenden Waldberge. Und in dieser Traurigkeit schritten sie nebeneinander weiter, ohne sich zu führen, er links, sie rechts am Weg. Er hatte vergessen, daß sie blind war und er sie führen sollte. Und sie wollte fern von ihm sein, so fern als möglich, und nicht geführt sein. So allein, wie sie es ihr ganzes Leben hätte sein sollen ...
Ehe sie den Garten der Mühle erreicht hatten, wurden sie von Elli und Wilkens eingeholt.
Auch die waren stumm. Aber es war die Stummheit des Glücks: die glänzte aus Ellis Augen und glänzte als ein sattes, seliges Lächeln auf Wilkens' vollen Lippen.
An der Böschung vor dem Garten lag noch ein Kahn. Der Schiffer, dem er gehörte, lungerte am Zaun. Er hatte gehört, daß noch Fremde aus der Stadt da seien, und bot nun hutrückend seine Dienste an. „Der Mond kommt!” setzte er verheißungsvoll hinzu und deutete hinauf nach den Bergen. Über einer Waldkuppe im Osten war es hell von weißem Licht.
Wilkens wandte sich fragend zu Perthes.
Der nickte zerstreut.
Es gab einen schnellen Abschied von wenigen Worten. Dann stiegen die beiden die Böschung hinunter und in den Nachen.
Marga und Elli traten hinaus auf die Landstraße. Sie folgten eine Weile dem Boot, das sich flußabwärts in die Mitte des Flusses hinüberarbeitete. Die Ruderschläge hallten dumpf und gleichmäßig zu ihnen zurück. Der Kahn und seine Insassen waren in tiefem Schatten.
Dann stieg der Mond über den Berg. Draußen, stadtwärts, flimmerte der Fluß in mattem, märchenhaftem Silber auf. Langsam breitete sich das Licht über das schlafende Tal.
Das Boot war jetzt in der Strömung. Schneller schoß es davon und strebte aus dem Schatten, den die nahen Berge warfen, ins rieselnde Silber da draußen. Elli winkte mit dem Taschentuch. Marga setzte sich auf einen der Prellsteine, die die Landstraße säumten.
Erst als sie schon weit von der Mühle waren, schaute Perthes zum erstenmal zurück.
Jetzt lag auch die Straße weiß im Schein des steigenden Mondes.
Und er meinte Marga zu erkennen, wie sie da saß, die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht mit den irrenden, suchenden Augen hinaus nach dem Wasser gerichtet.
Und mit einem Mal zuckte es von der hellen, fernen Gestalt herüber in seine Seele, geheimnisergründend und rätsellösend, klar wie das weiß flirrende Mondlicht: sie liebte ihn. Jetzt verstand er sie. Marga liebte ihn ...