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Die große Stille: Roman cover

Die große Stille: Roman

Chapter 9: 8
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About This Book

In a quiet household three sisters navigate daily routines, small rivalries and consolations while their father, a reserved authority, resists social invitations. Domestic scenes—preparing for his office hours, awaiting callers, exchanging confidences—reveal yearning, restrained affection and the burden of memory. The narrative traces interpersonal tensions, quiet acts of care, and generations' differing expectations, exploring solitude, longing and the gentle compromises that sustain family life. An episodic structure alternates intimate interior moments with encounters beyond the home, gradually illuminating the characters' inner lives and the slow emergence of change.

7

„Dieser Perthes hat doch ein Schwein, nicht zu glauben! Finden Sie nicht auch, Herr Professor?”

„Na ja — wie man's nimmt. Exzellenz scheint ihm sehr gewogen zu sein.”

„Und dabei hat dieser sonderbare Heilige akkurat immer das Gegenteil von dem getan, was ihn bei Hupfeld in gute Meinung bringen konnte! Ich sagte ihm seinerzeit: ‚Wenn Sie hier was erreichen wollen, müssen Sie Exzellenz Ihre Aufwartung machen.‛ Was gibt er zur Antwort? ‚Ich besuche, wen ich will.‛ Ich führe ihn in unseren Sportklub ein. Alice Hupfeld sagt ihm: ‚Sie müssen uns mal besuchen, Doktor! Papa hat von Ihnen durch Rehbach in Bonn gehört. Er interessiert sich für Sie.‛ Perthes nickt mit dem Kopf und — bleibt weg. Denkt nicht daran, zu Hupfelds zu gehen. Was geschieht? Drei Wochen später läßt ihn der Geheime Rat höflich zu einer Besprechung in die Chirurgische bitten! Mir steht der Verstand still.”

„Warten wir ab! Perthes ist begabt. Ohne Zweifel. Hat auch Glück. Aber ein unsicherer Kantonist. Er hat keinen Ehrgeiz, so wenig wie ich. Doch — chi lo sa? Vielleicht ist er Heiratspolitiker!”

Diese freimütige Unterhaltung wurde im Bakteriologischen Institut zwischen Professor Hammann, dem Chef, und dem ersten Assistenten Doktor Markwaldt während der Frühstückspause geführt.

Hammann saß mit übergeschlagenen Beinen in einem für ein Laboratorium reichlich behaglichen Ruhesessel. Die paar Kaviarbrötchen, die ihm der Diener mit einem Glas Sherry jeden Vormittag um elf Uhr präsentierte, waren verzehrt. Er hatte den goldenen Kneifer abgenommen, wischte sich apathisch die kurzsichtig-blöden Augen und rieb den Kopf mit dem millimeterkurz geschorenen, grauschwarzen Haar am Sesselrücken.

Markwaldt lehnte an einem der Tische und kaute an seiner Butterstulle. Nach dem bedeutungsvollen Wort „Heiratspolitiker” hielt er es für geraten, die Unterhaltung vorsichtiger zu führen. Der Chef schien da auf Fräulein Exzellenz anzuspielen. Das war eine heikle Sache, denn man munkelte, daß zwischen ihm selbst und Alice vor einigen Jahren irgend ein zartes Verhältnis bestanden haben sollte. Genaues wußte niemand. War es nur eine flüchtige Courmacherei gewesen, wie die einen behaupteten, oder war es, wie andere mutmaßten, bis zu einer Art Verlobung gekommen — etwas hatte gespielt, so viel war gewiß. Dabei standen die beiden nach wie vor im Sportklub auf dem freundschaftlichsten Fuße. Daran erinnerte sich Markwaldt, während er seine Stulle mit bemerkenswertem Appetit zerkaute. Ob sich mal ohne Gefahr auf den Zahn fühlen ließ?

„Heiratspolitiker?” wiederholte Markwaldt nach einer Weile nachdenklich. „Das traue ich Perthes erst recht nicht zu. Erstlich ist er, wie ich ihn kenne, überhaupt kein Politiker. Und zweitens wüßte ich auch nicht, wem die Politik gelten sollte,” ergänzte er sich unschuldig.

„Na — Sie sagen doch selbst, daß Fräulein Exzellenz ihn zum Besuchmachen aufgefordert habe,” ließ sich Hammann gähnend vernehmen.

„Ach, deswegen! Sie glauben doch nicht —”

„Glauben? — Ich glaube gar nichts, das heißt — von den Frauen glaube ich alles und gar nichts!” Hammann beschäftigte sich jetzt damit, mit den Fingerspitzen die paar Brosamen von den tadellosen, hellgrauen Beinkleidern wegzuschnellen.

„Nein, nein! Da kann ich Sie vollkommen beruhigen, Herr Professor!”

„Mich beruhigen? Was heißt das?” fragte Hammann etwas lebhafter, während er sich im Sessel halb aufrichtete, den Kneifer auf die Nase drückte und nun seinerseits den Sprecher mit einigem Mißtrauen ansah.

Markwaldt merkte, daß er — freilich nicht ganz zufällig — eine unvorsichtige Wendung gebraucht hatte, und beeilte sich, kein Mißverständnis aufkommen zu lassen. „Wie ich höre,” erklärte er mit geheimnisvoller Wichtigkeit, „soll Perthes einer von den Richthoffstöchtern den Hof machen.”

„Richthoff? Richthoff — wer ist das?” Hammann besah sich gelangweilt seine eleganten Fingernägel. Er kannte kaum die Professoren seiner eigenen Fakultät, geschweige denn die der anderen.

„Richthoff ist, soviel ich weiß, Ordinarius für alte Geschichte oder einen ähnlichen Klumpatsch,” erläuterte Markwaldt.

„Ach sooo ...”

„Es sind, glaube ich, drei oder vier Mädels. So die richtigen philosophischen Putchen —”

„Na — denn man zu!” Hammann erhob sich. Die Sache interessierte ihn nicht länger. Er reckte seine schlanke, muskulöse Figur, die Figur des wohltrainierten Vierzigers, die im Gegensatz zu Markwaldts dicker, praller Stutzererscheinung weltmännisch-elegant im Sportjackett saß. Er ging nach seinem Arbeitskabinett nebenan. „Hörten Sie übrigens schon etwas von den Badener Rennen? Wann — wie — was?” fragte er unter der Tür, den Kopf zurückwendend.

„Noch nicht eine Silbe!” versicherte Markwaldt diensteifrig, während er vom Tisch mit plumper Grazie auf den Boden hüpfte.

Professor Hammann zog die farblosen Brauen über den grauen Augen in die Höhe, tippte den ebenso farblosen, kurzen Schnurrbart mit den Fingerspitzen und verschwand. Er zog die Tür hinter sich zu, um völlig ungestört sein Berliner Sportblatt zu lesen. So lange konnte die Arbeit ruhig noch warten.

Markwaldt, sich selbst überlassen, machte sich pomadig an sein Präparat.

Mit Neugier erwartete er die Rückkehr seines Kollegen Perthes. Es dauerte bis gegen zwölf, ehe der Erwartete kam und nach kurzem Gruß, als wäre nichts vorgefallen, an sein Mikroskop ging.

„Wie hat Ihnen denn das große Tier gefallen? Erzählen Sie!” konnte sich Markwaldt nicht enthalten, ihn aufzumuntern.

„Sehr liebenswürdig,” erwiderte Perthes einsilbig. Er schien nicht die mindeste Lust zu irgendwelchen Mitteilungen zu haben.

„Was hat er denn von Ihnen gewollt?”

„Allerhand.”

Markwaldt ließ sich durch die zugeknöpfte Art von Perthes nicht abschrecken. Und sollte er so viele Fragen tun müssen, als draußen vor dem Fenster an den langweiligen Hornsträuchern Blätter waren. „Will er Sie vielleicht zu seinem Assistenten machen?” forschte er unentwegt, mit einer boshaften Betonung, die der ausweichenden Geheimnistuerei seines Kollegen galt.

„Und wenn er das wollte?” gab Perthes gleichgültig zurück.

Markwaldt hielt mit der Arbeit ein und stemmte die kurzen, massigen Arme in die Hüften. „Anzukohlen brauchen Sie mich aber nicht gerade, Perthes!” sagte er ganz entrüstet. Er hatte die Frage nur aus Ulk gestellt, und der Gedanke, daß davon auch nur ein Wort wahr sein könnte, verursachte ihm Kongestionen.

„Fällt mir nicht ein, Sie anzukohlen, Doktor Markwaldt. Hupfeld hat mir in der Tat eine Assistentenstelle an der Chirurgischen Klinik angeboten.”

„Ja — aber — nu — nu — nu, sagen Sie mal!” Markwaldt kam aufgeregt zu ihm heran und fuchtelte mit den Händen. „Das ist ja Mumpitz! Das verbitte ich mir! Sie sind ja Bakteriologe! Sie —”

„Wenn Sie's durchaus wissen wollen, wie die Sache kam — nichts ist einfacher!” erklärte Perthes, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen. „Vor einigen Wochen hatte ich die Bazillenschnüffelei so satt, daß ich in einem Anfall von Mißmut an Professor Rehbach in Bonn schrieb, ich hätte Lust, wieder zur Chirurgie zurückzukehren. Ob er etwas für mich wüßte. Irgendeine Assistentenstelle. Ich hatte bei ihm doktoriert, und wir verstanden uns immer leidlich. Inzwischen hatte ich die Geschichte wieder so gut wie vergessen. Heute sagte mir auf einmal Hupfeld, sein Schüler Rehbach, bei dem er wegen eines Assistenten angefragt, hätte mich empfohlen. Ob ich Lust hätte. — Fertig ist die Laube, würden Sie sagen! Das ist alles.”

„Menschenskind! Alles! Alles, sagen Sie! Als könnte es was Selbstverständlicheres nicht geben!” zeterte Markwaldt. „Sie sind der blasierteste Fasan oder das neugeborenste Lamm, das mir je vorgekommen ist!” Er drehte sich auf dem Absatz rund herum und klatschte sich auf den Schenkel. „Wissen Sie denn nicht, daß Hupfelds Assistenten, wenn sie nicht geradezu Hornochsen sind, gemachte Leute sind?”

„Sie sind sehr freigebig mit Ihren zoologischen Kenntnissen, Kollege!” Perthes streifte ihn über sein Instrument weg mit einem spöttischen Blick.

„Sind Sie denn der Exzellenz nicht schlankweg um den Hals gefallen? Oder haben ihr die berühmte Hand vor Rührung abgequetscht? Oder —”

„Sieht mir das ähnlich?”

„Nee, nee, ähnlich sieht Ihnen das freilich nicht. Ähnlich sieht Ihnen, daß Sie sagten: ‚Sehr nett von Ihnen, Herr Hupfeld! Ich hab' das nicht anders erwartet!‛ Vielleicht haben Sie dem alten Herrn auch auf die Schulter geklopft, was? Und dann erklärten Sie wohlwollend oder zimperlich, so wie 'ne höhere Tochter, die mit Mama'n sprechen muß: ‚Ich werde mir's mal überlegen‛! — Hab' ich recht?”

Jetzt mußte Perthes wider Willen lachen. Die bissige und doch zugleich gutmütige Aufregung Markwaldts belustigte ihn. „Ganz so war's ja nicht. Aber Bedenkzeit mußte ich mir allerdings ausbitten.”

„Wußt' ich 's doch! Ihnen müssen die Tauben nicht bloß gebraten, sondern auch gleich hübsch tranchiert in den Mund fliegen! Ich sage Ihnen, ich” — Markwaldt stellte sich breitbeinig in Positur und klopfte sich auf die Brust —: „Wenn Sie Glückspilz da nicht mit beiden Händen zugreifen, sind Sie — nee, die Zoologie ist dafür zu gut! — sind Sie reif für 'ne andere Klinik! Für die da drüben — am Wasser, wissen Sie — für die psychiatrische. Aber nicht als Assistent, sondern in die Isolierzelle! Dixi!” Damit schritt er heftig zurück an seinen Platz und präparierte seine Mauslungen.

Perthes dachte nicht ganz so gleichgültig von Exzellenz Hupfelds Anerbieten, wie es den Anschein hatte. Wenn er auch bei dem häufigen Wechsel, zu dem ihn seine innere Unrast innerhalb der Wissenschaft schon getrieben hatte, einer neuen Wendung skeptischer gegenüberstand als ein anderer und ihm Fragen des äußeren Erfolgs unbedeutender erschienen als die jener inneren Befriedigung, nach der er sich bisher umsonst abgehastet, so bedeutete doch der Vorschlag des berühmten Hupfeld, in seinen Assistentenstab zu treten, einen Fortschritt, so verlockend und aussichtsreich, wie er sich nur wünschen ließ. Er war weder der blasierteste Fasan noch das neugeborenste Lamm, zwischen denen ihm Markwaldt die Wahl ließ. Kam es darauf an, so konnte er sich freuen, so gut wie irgendeiner. Vielleicht toller als irgendeiner. Nur durften dann nicht so widerspruchsvolle Gedanken und Empfindungen sein Inneres beschäftigen wie gerade in den letzten Tagen.

Seit sich ihm Margas Geheimnis auf der nächtlichen, mondbeschienenen Heimfahrt von der Sägemühle enthüllt hatte, hatte er keine ruhige Minute mehr. Es war nicht wie vor einigen Wochen jenes leidenschaftliche Toben und Sichverlieren, das ihn in allen Höllen und Himmeln umherwarf. Im Gegenteil, er war besonnener als je und hatte sich zur mitleidslosesten Objektivität gezwungen, deren er fähig war. Am Tag nach jener letzten Begegnung räsonierte er einfach und nüchtern: Sie liebt dich. Liebst du sie? Was er bei strenger Untersuchung in sich fand, war: unbegrenzte Achtung, ein warmes, wohltemperiertes Freundschaftsgefühl, wie er es nie für einen Menschen empfunden, und tiefes Mitleid. Aber Liebe? Erdbewegende, himmelstürmende Liebe, wie er sie sich vorstellte und ersehnte, fand er nicht. Keine Beschleunigung seines Pulses, kein heißer, wirbliger Kopf, der nur einen Gegenstand denken und fassen konnte, keine Sehnsucht seiner Sinne, diesen Gegenstand im Arm zu halten, zu besitzen. Er liebte also Marga nicht. Folglich gab es für ihn als Mann von Ehre und Takt nur eine Möglichkeit: er mußte sie meiden, wie sie ihn ja selbst gebeten hatte. Strengste Zurückhaltung mußte er sich auferlegen, um sie nicht durch ein weiteres Entgegenkommen noch unglücklicher zu machen. Er hatte schon gerade genug gesündigt. Nun, da er von ihrer Liebe wußte, erklärte sich ihm so vieles: ihr Versagen, als er sie wegen seiner Liebelei mit Hilde König um Rat fragte; ihr Schweigen über den Umzug nach der Mühle; ihr ganzes Verhalten bei seinem Besuch da draußen, von dem ängstlichen, abweisenden Empfang bis zu der gewaltsamen Bitte, sie dort allein zu lassen. Wie mußte er sie gequält haben! Wenn es sein mußte, wollte er diese Freundschaft lieber opfern, als ein zweideutiges Spiel treiben, das mit Margas Verzweiflung endigen mußte.

Am Tag danach räsonierte Perthes nicht minder eindringlich.

Er stellte von neuem Achtung, Herzlichkeit, Mitleid bei sich fest, aber keine Liebe. Was war eigentlich Liebe? Gab es denn die Liebe, die er sich zusammenidealisierte? Er wollte sehr gründlich zu Werk gehen. War diese „Liebe” nicht ein sehr unklares Gemenge, das zwei sehr verschiedene Bestandteile zu verbinden strebte? Wenn er dies Phantasieprodukt recht unter die Lupe nahm, fiel es auseinander in Leidenschaft und in eine seelische Unbekannte, die er einstweilen mit x bezeichnete. Weiter kam er für diesmal nicht. Dagegen ertappte er sich des öftern, wie er in Gedanken Ausflüge nach der Sägemühle machte und sich ausmalte, was Marga jetzt tun und denken mochte. Ob und wie sehr sie unter seinem Ausbleiben litt. Vielleicht war es doch nicht richtig, ihr nicht wenigstens eine Zeile zu schicken, die ihr darlegte, wie er die Sache ansehe.

Der nächste Tag — es war der gestrige — ließ ihn mit dem Gefühl einer großen, schmerzlichen Leere aufwachen.

Kein Wunder, daß er als gewissenhafter Selbstschauer über diese Leere Rechenschaft verlangte. Was fehlte ihm? Was oder wen vermißte er? Ohne Zweifel den Umgang mit Marga. Oder Marga selbst. Er entbehrte eine angenehme Gewohnheit. Seine Gefühle für Marga waren dieselben wie vorher. Oder doch nicht ganz? Wo war er doch stehen geblieben? Liebe = Leidenschaft + x. Besser: x + Leidenschaft. Die Leidenschaft war sicher das Nebensächliche, das Zweite, das Untergeordnete. Aber x? War die große Unbekannte vielleicht Achtung + Herzlichkeit + Mitleid, eben jene Summe, in der sich die Freundschaft darstellte? Perthes mißtraute dieser Gleichsetzung. Sie befriedigte ihn nicht. Gewiß nicht. Nicht annähernd. Sie mußte falsch sein. Mit Gewalt hielt er sich jeden Gedanken an die Mühle und Marga fern.

Und heute?

Es war Freitag. War er mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen? Er war unzufrieden mit seiner ganzen bisherigen, so peinlichen Analyse, mit der Methode überhaupt.

Was wollte er eigentlich? Das Unmögliche! Das lag so in seiner verhängnisvollen Natur; er wollte, was er nicht brauchen konnte, und wollte nicht, was er brauchte. Es genügte ihm offenbar nicht, daß er sich mit seiner albernen Schwärmerei für Hilde König und deren kläglichen Nachkrämpfen vor sich selber unsterblich blamiert hatte! Wo hinaus wollte er mit dem öden Spintisieren der letzten Tage? Es war doch vollkommen gleichgültig, was „Liebe an sich” war. Es handelte sich um das, was er als Liebe brauchte. Für sein Glück. Sein Wille hatte da das entscheidende Wort zu sagen. Hatte er sich je reicher, harmonischer, mehr als er selbst empfunden als in dieser Freundschaft? Er mußte an ein Gespräch denken, das er einst mit Marga gehabt. Sie hatte davon gesprochen, daß es viel weniger auf die Meinungen ankomme, die man sich von den Dingen im allgemeinen mache, als auf das, was man aus sich selber mache. Er hatte ihr entgegengehalten: „Was aber dann, wenn man bald so ist, bald so? Wenn man die bekannten ‚zwei Seelen‛ in der Brust hat?” — „Dann kommt es eben darauf an, durch welche von beiden man glücklicher, man mehr ‚man selber‛ ist. Wenn man das erst weiß, braucht man bloß zu wollen!” Begriff er jetzt, was er damals nicht begreifen konnte? Wollte er begreifen? Er war am Wendepunkt seines Lebens. Es galt, sich zu entscheiden. Vor ihm lag eine Wirklichkeit: nicht freilich die Vollkommenheit, das Unmögliche und Überschwengliche, wohl aber Schönheit, Harmonie, die große Stille, die er ersehnte. Wenn er ein Mann war, brauchte er nur zu wollen. Die Wirklichkeit zu ergreifen und sich zuzurufen: Das ist die Liebe! Meine Liebe! Ich setze sie gleich der Unbekannten, und damit ist sie's! So will ich's! ...

So weit war Perthes' Überlegung gediehen, als er am Morgen ins Institut kam.

Dann rief ihn ein Diener von der Chirurgischen Klinik zu der unerwarteten Konferenz mit Hupfeld.

Unter dem ersten Eindruck des lockenden Antrags hatte er von dort den Weg nach der Straße am Wenzelsberg eingeschlagen. Er war so gewohnt, alles mit Marga zu besprechen, daß er für den Augenblick ihr Fernsein völlig vergessen hatte. Erst unterwegs fiel es ihm ein.

Ganz niedergeschlagen machte er kehrt und ging ins Bakteriologische Institut zurück.

Aber es wollte mit der Arbeit heute nicht vorwärts.

Er hatte in den letzten Tagen zu viel Seelenmikroskopie getrieben, um an der prosaischeren der Gewebezellen Geschmack zu finden. Es litt ihn nicht am Untersuchungstisch, und ehe Markwaldt das ihm unerträgliche Schweigen des Kollegen durch einen neuen Ausfall brechen konnte, war dieser davongelaufen.

Er bummelte nach der Stadt.

Nach all der vorsichtigen und gewissenhaften Überlegung, mit der er seine Gefühle zu zerfasern begonnen hatte, war er jetzt auf dem Punkt angelangt, wo sein Temperament sein Recht verlangte. Der Anstoß, den Hupfelds Anerbieten ihm gab, genügte gerade, um ihn den Sprung tun zu lassen, auf den die vermeintlich so objektiven Grübeleien der letzten Tage ihn unaufhaltsam zudrängten. Und es war ein Sprung. Vor ein paar Wochen war er für Hilde König Feuer und Flamme gewesen, für die leichte, poetische Äußerlichkeit, den „Falter”, den er, das schwerfällige „Kriechtier”, brauchte um jeden Preis! Und jetzt war es die tiefe, versonnene Innerlichkeit, die von allem Äußerlichen abgekehrte, schlichte, anspruchslos-ernste Marga, die ihm unentbehrlich war wie keine andere! In der kürzesten Spanne Zeit hatte sich seine Natur von einem Extrem ins andere geworfen. Aber so sah er, Perthes, das, was sich vorbereitete, nicht an. Er sah, im Schein seiner ehrlichen Selbstprüfung, eine gründliche, sein ganzes Wesen wandelnde Entwicklung. Und als er sich jetzt einen Ruck gab und entschlossen auf das Postgebäude zuging, wunderte er sich über die Ewigkeit, die es gedauert, ehe sein Entschluß gereift war. Er trat ein und ließ sich am Schalter einen Kartenbrief geben. Mit fliegender Schrift warf er die Zeilen darauf:

Bitte dringend um eine Unterredung. Komme gegen fünf auf die Sägemühle.

Herzlich Ihr

Max Perthes.

Als er fertig war, fiel ihm ein, daß der Brief sie nicht rechtzeitig erreichen könnte. Nicht einmal als Eilbrief. Sollte er telegraphieren? Marga konnte erschrecken. Er lief von der Post nach dem Bahnhof. Dort ergatterte er einen grünen Radler. Der mußte die Botschaft geradeswegs und so schnell wie möglich nach der Mühle bringen. Perthes war nicht eher beruhigt, als bis der junge Mann mit seinem grünen Käppi um die nächste Ecke geflitzt war. Es war schon viel zu viel Zeit versäumt, viel zu viel.

Sich die Stunden bis zur eigenen Fahrt nach der Mühle zu vertreiben, kostete ihn eine unglaubliche Anstrengung.

Er nahm sich vor, sein Mittagessen im Café Wagner länger auszudehnen als sonst. Die Folge war, daß er eine Viertelstunde eher fertig war, als gewöhnlich. Dann wollte er in seiner Behausung mindestens eine Stunde schlafen. Noch keine halbe Stunde war vergangen, so sprang er von seinem Schaukelstuhl auf und streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Es war ein bedeckter, aber angenehmer Sommertag. Es lohnte sich immerhin, zu Fuß nach der Mühle zu gehen. Nein! Das dehnte sich so widerlich lang. Also mit dem Lokalzug. Aber da mußte er noch anderthalb Stunden warten. Genau so war's mit dem Vergnügungsdampfer. Und der blieb überdies mit Vorliebe in der starken Strömung hinter der Brücke, dem sogenannten „Teufelswirbel”, stecken. An einen Nachen war erst recht nicht zu denken. Das Rudern dauerte gegen den Strom eine halbe Ewigkeit. Blieb — das Rad. Das war nicht mehr recht fair, aber praktisch. Er entsann sich eines medizinischen Kollegen von der Augenklinik, der ihm ein Fahrrad pumpen konnte. Obwohl es noch nicht drei Uhr war, machte er sich zu diesem Bekannten auf den Weg. Natürlich war der noch bei Tisch. Aber das Rad war da, und nach einer Bestellung seines Namens durch die Hauswirtin konnte er riskieren, es zu nehmen. Jedenfalls nahm er es. Daß er so von allen ihm zu Gebote stehenden Fuhrwerken — Autodroschken ungerechnet — das geschwindeste gewählt, war der reine Zufall. Wenn er zufuhr, konnte er in zwanzig Minuten auf der Sägemühle sein. Und er fuhr zu.

Er sah nicht rechts noch links. Er wäre um halb vier Uhr an Ort und Stelle gewesen, wenn er nicht ganz unerwartet von einer Stimme hinter sich angerufen worden wäre.

„Holla, Doktor! Sie sind wohl Rennfahrer, was?” klang es ihm boshaft nach.

Verdutzt drehte er sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, daß er an einer gleichfalls radelnden jungen Dame vorbeigesaust war.

An der Stimme hatte er Fräulein Hupfeld erkannt.

Wenn er nicht schon zurückgeschaut, und wenn es sich nicht um die Tochter seines präsumtiven Chefs gehandelt hätte — er wäre schlankweg weitergefahren. So machte er eine Volte und wartete, bis Fräulein Exzellenz in sehr gehaltenem Tempo sich näherte. Sie sah schick aus in dem leichten, lichtbraunen Kostüm mit der gleichfarbenen Mütze, die ein heller, bauschiger Autoschal mit flotter Schleife unter dem Kinn festhielt. Die kecke Stupsnase und ein paar seltsam flackernde, graubraune, intensive Augen blickten aus dem flatternden Musselin hervor. Frei und ungezwungen, nur die eine Hand am Griff der Lenkstange, saß sie auf dem Rad. Die länglichen, schmalen Füße in braunen Lackhalbschuhen regierten spielend die Pedale.

„Sie sind also auch noch so stillos, zu radeln?”

„Ich bin immer mein eigener Stil,” gab Perthes mit hochtrabender Kürze zurück.

„Hübsch. Das könnte beinahe ich gesagt haben!” Alice war jetzt neben ihm. „Wissen Sie, das wievielte Mal es ist, daß Sie mich nicht grüßen, Doktor Perthes?”

„Nein, gnädiges Fräulein. Jedenfalls bedaure ich —”

„Das erstemal vor einigen Wochen. Da rannten Sie mit einem Armvoll Rosen an mir vorbei, als hätten Sie mich noch nie gekannt.” Sie reichte ihm mit handkußheischender, ungezwungener Bewegung die Hand von Rad zu Rad, während sie ihn mit einem herausfordernden Blick von Kopf zu Fuß oder vielmehr, wie dies ihre Gewohnheit war, von Fuß zu Kopf musterte.

Perthes begnügte sich mit einem flüchtigen Händedruck. Nichts kam ihm ungelegener als dies Zusammentreffen, und er gab sich keine Mühe, sein Mißbehagen zu verbergen.

Alice, die seinen Widerstand sofort heraus hatte, fuhr noch langsamer und zwang ihn, mit ihr gleiches Tempo zu halten.

„Das zweitemal, wo Sie mich schnitten,” fuhr sie mit gemächlicher Harmlosigkeit fort, „gingen Sie mit einem blonden Herrn, der ungemein jovial und lustig aussah, im Geschwindschritt über die Brücke nach der Altstadt. Papa und ich fuhren im Automobil an Ihnen vorbei. Das war vor fünf, sechs Tagen.”

„Aber Sie führen ja geradezu Buch über meine Unterlassungssünden!”

„Das drittemal heute, Doktor. Ist das etwa Absicht — Herr Perthes?” Sie sah ihn nicht an, aber rundete auf eine maliziöse Art ihre spitzbübischen Lippen.

„Gnädiges Fräulein,” wehrte sich Perthes, „ich bitte tausendmal um Vergebung! Ich bin völlig unschuldig! Denn —”

„Na — ob Sie so sehr unschuldig sind,” bemerkte Alice mit einem vieldeutigen Seitenblick, „ist 'ne Frage für sich! Wo wollen Sie denn eigentlich hin?”

„Ich fahre spazieren,” erwiderte Perthes hastig.

„Spazieren?” wiederholte sie ungläubig-gedehnt. „Das trifft sich ja famos. Ich fahre nach dem Stift. Wir wohnen jetzt ein paar Wochen draußen. So ab und zu wohnt sich's ganz nett in dem alten Rumpelkasten. Sie kennen doch Stift Nieburg?”

„Vom Vorbeigehen — natürlich.” Das Stift lag einige hundert Schritte von der Sägemühle entfernt auf halber Bergeshöhe; ein schloßartiges Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert mit einer hochgetürmten Kapelle, mitten in altem Park, das Flußtal beherrschend. Exzellenz Hupfeld hatte sich diesen prächtigen Sitz, ein früheres adliges Fräuleinstift, als Sommerresidenz gekauft. „Es muß sich dort nicht schlecht hausen lassen. Das denke ich mir,” setzte Perthes hinzu, um das Gespräch nicht unhöflich stocken zu lassen.

„Gott, Papa hat nu mal die schnurrige Vorliebe für olle Kamellen! Ich mach' mir nicht viel draus. Das Romantische ist nicht mein Fall. Aber Sie, Doktor — Sie sehen so'n bißchen nach Räuberromantik aus. Die Kapelle ist ganz niedlich. Und im Saal hängen über wurmstichigen Möbeln, die wertvoll sein sollen, greulich öde Ahnenbilder. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie 'n bißchen mit rauf! Ich bin bis Abend mutterseelenallein. Schloßbesichtigung gratis!” Sie zwinkerte halb listig, halb spöttisch mit ihren Augen, die ihre Farbe wechseln zu können schienen, indem sie bald grünlich, bald golden aufschimmerten oder ihr undurchdringliches Graubraun bewahrten.

„Sehr liebenswürdig! Aber zu meinem Bedauern — heute geht's nicht. Wirklich nicht! Ich muß nachher noch arbeiten!” Perthes war nicht für Ausrede und Verstellung gemacht. Man sah ihm an, daß er flunkerte. Er errötete sogar ein wenig. Ihr sagen, wohin er wollte, konnte er nicht. In ihrer Gegenwart von Marga oder auch nur von etwas zu reden, das mit ihr im Zusammenhang stand, widerstrebte ihm. Er wäre ihrer Einladung auch nicht gefolgt, wenn er gekonnt hätte. Alice Hupfelds freie und saloppe Art, die immer der Gipfel des Modernen sein sollte, entsprach seinem Geschmack heute weniger denn je. Vielleicht daß sie ihn auch verwirrte. Ihre spottsüchtige Koketterie zwang ihn zu einer ständigen Kriegsbereitschaft, die ihm heute besonders beschwerlich wurde.

Sie dachte nicht daran, ihn zu entlassen. Je deutlicher seine Ungeduld wurde, um so weniger. Dieses schwarzbärtige Mannkind, das sie in Perthes sah, reizte sie, je spröder er sich gab, nur um so stärker. Seine Gewandtheit, sein Temperament und seine Kraft, die sie vom Sportplatz kannte, imponierten ihr. Sein Aussehen, das dunkelgebräunte Gesicht mit den ungebärdig über die Stirn fallenden, buschigen Haaren, den großen, oft unvermittelt aufglühenden Augen, hatte für sie etwas Exotisches, das sie anzog, während seine innere Unberührtheit und Ungelenkigkeit, die mit der äußeren Geschicklichkeit kontrastierte, sie lächerte und zu spöttischer Überlegenheit herausforderte.

„Ich glaube, Sie sind ein wenig prüde, Doktor Perthes,” sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken vor sich hin.

„Ich? Wieso? Wie meinen Sie das?” fragte Perthes zerstreut.

„Ich denke mir's eben. Vielleicht steckt hinter Ihnen ein ganz ehrsamer, biederer Philister — wie?” Ihre Augen begegneten mit voller Angriffslust den seinen, und ihr Mund verzog sich, als unterdrücke sie ein boshaftes Lachen.

„Schon möglich!” gab Perthes achselzuckend zurück. Seine Unbehaglichkeit wuchs mit jeder Umdrehung des mühsam zurückgehaltenen Rades. Welche Tücke hatte ihm gerade jetzt dieses verteufelte Mädel zuführen müssen, das sichtlich sein Vergnügen daran fand, eine Stimmung auszunutzen, die ihn wehrlos machte?

„Mit wem verkehren Sie denn hier in der Hauptsache?” forschte sie unvermittelt weiter. Es war eine Liebhaberei von ihr, Fragen scheinbar zusammenhangslos aneinanderzureihen, die sie dann plötzlich zu einer unvermuteten Schlinge zusammenzog.

„Ich habe sehr wenig Verkehr, Fräulein Hupfeld. Vorzugsweise bin ich in Gesellschaft meiner Bazillen,” scherzte er grimmig.

„Da haben Sie ja ausgesuchte Gesellschaft!” lachte Alice.

Es war ein helles, kurzes, aufreizendes Lachen, bei dem er nervös die Hände um die Lenkstange preßte, als wollte er sie zerbiegen. Wußte sie, daß er bei Richthoffs aus und ein ging? Wollte sie ihn aushorchen? Spottete sie über seinen Verkehr?

Zum Glück trennten sich jetzt die Wege. Der zum Stift Nieburg führte seitwärts bergan. Die Landstraße lief nach der Sägemühle geradeaus weiter.

Alice sprang leichtfüßig vom Rad.

Perthes tat dasselbe, um sich zu verabschieden.

„Werden Sie denn bei Papa als Assistent eintreten?” warf sie nüchtern hin.

„Wohl möglich!”

„Na — dann werd' ich Sie mal ein bißchen in Erziehung nehmen, Doktor Perthes!”

„Scheint Ihnen das nötig?”

„Oh — dringend! Ich werde Sie zum Beispiel lehren, daß man junge Damen seiner Bekanntschaft nicht übersieht. Dann werd' ich Ihnen beibringen, daß man einer jungen Dame, die ihr Rad bergan schieben muß,” — sie deutete auf den etwas steilen Weg, der zum Stiftstor führte — „seine Dienste anbietet!”

„Da scheint die Assistenz bei Ihrem Herrn Vater mit gewissen Nebendiensten verbunden zu sein!” entfuhr es Perthes wütend. Sein Unmut darüber, daß er aufgehalten und absichtlich mißhandelt wurde, riß ihn zu dieser groben, patzigen Unhöflichkeit fort.

Er hatte sich Alice gegenüber nur eine Blöße gegeben. Sie warf den schleierumbauschten Kopf in den Nacken zurück. Eine Strähne ihres rötlichen, ungebärdigen Haares schlüpfte unter der Mütze hervor. Ihre Lippen spitzten sich und bebten leise, während die kecken, spitzbübisch-kecken Augen ihn wie zuerst von Fuß zu Kopf musterten und sich dann ohne Scheu in die seinen hefteten.

„Ich wollte sagen —” verbesserte sich Perthes mit einer Unbeholfenheit, die nichts verbesserte.

„Nicht nötig!” schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich werde mich für Ihre Grobheiten schon schadlos halten, Doktor!” Sie gab ihm die Hand, als wäre nichts geschehen. Und er wagte diesmal nicht, diese schmale, schmiegsame Hand ohne einen flüchtigen Handkuß zu lassen.

Ihre Augen zuckten triumphierend. Sie nickte ihm zu, als wollte sie sagen: Ich fange schon an, mich schadlos zu halten! Und ohne ihn weiter zu beachten, stieg sie, das Rad neben sich herschiebend, zum Stift hinauf. —

Perthes schwang sich wieder auf den Sitz. Er fuhr in schnellem Tempo der Mühle zu, deren Dach unweit zwischen den hohen Gartenbäumen durchschimmerte. Seine Uhr zeigte vier. Es war also noch immer reichlich viel früher, als er sich angemeldet hatte. Aber er hätte ohne dieses Zusammentreffen auf offener Straße eine halbe Stunde eher da sein können. Warum hatte sich dieses tolle Mädel wie ein fratzenschneidender Kobold in seine ernste, zielsichere Stimmung gedrängt? Er wütete innerlich gegen sie und ihre forschen Allüren, ihre spottlüsterne, herausfordernde Überlegenheit. Diese ganze gelenkige Mischung von Harmlosigkeit und Bosheit war ihm verhaßt. Ohne Zweifel! Und um ihr pfiffiges Schelmengesicht zu vertreiben, rief er sich Marga ins Gedächtnis. Es hielt schwerer, als er gedacht. Fräulein Exzellenz war hartnäckig, auch noch in seiner Vorstellung.

Perthes war froh, als er die Sägemühle erreichte, die heute wie verschlafen hinter ihrem sonnenlosen Garten lag. Ein Pfauenschrei vom Geflügelhof war der einzige Laut, der ihn bei der Einfahrt empfing.

Er sprang ab und schob sein Rad in den Gitterstand, der für diesen Zweck links vom Tor angebracht war. Er war trotz des Schattens heiß geworden und trocknete sich die Stirn. Ein Blick in den Garten überzeugte ihn, daß da die Gesuchten nicht zu finden waren. Er trat ins Haus und fragte die Wirtsfrau, die neben dem Büfett döste, nach den jungen Damen. Sie glaubte, die beiden Fräuleins hätten einen Ausflug gemacht. Ja, natürlich; jetzt, während sie sich die Augen rieb, fiel es ihr „für gewiß” ein: sie waren schon am Vormittag weg und wollten erst zum Abend zurückkommen.

Damit hatte Perthes auch nicht einen Augenblick gerechnet.

Wahrhaftig! Als er sich im öden, plakatreichen Gastzimmer umblickte, wo nur die Fuhrleute oder die Bauern aus der Umgebung ihr Glas Bier oder ihren Schnaps zu trinken pflegten, sah er seinen eiligen Kartenbrief friedvoll am Spiegel stecken. Marga hatte ihn also nicht einmal mehr erhalten. Trotz des grünen Radlers! Heute, ausgemacht heute mußten die beiden eine Tour machen! Wo das Wetter nicht einmal danach war! Ganz verzweifelt knickte er auf einer der rohgezimmerten Bänke zusammen. Wohin die Damen gegangen wären, forschte er kleinlaut. Das wußte die gute Wirtsfrau auch nicht. Vielleicht hatten sie's ihrem Mann gesagt, aber der war in der Stadt. Also ihnen entgegenfahren konnte Perthes auch nicht. Es blieb gar nichts anderes übrig: wenn er nicht unverrichteter Dinge heimkehren wollte, mußte er bis gegen Abend warten. Eine Geduldsprobe, die zweite schon an diesem Nachmittag, die wie Rauhreif auf sein Ungestüm fiel ...

Er bestellte sich Kaffee. Trostlos ging er in den Garten und setzte sich an den Tisch im Haselgebüsch, wo sein erster mißlungener Besuch auf der Mühle angefangen hatte.

Kein Spaziergänger ließ sich heute ringsum blicken.

Es gab so Tage, erklärte die Wirtin, als sie ihm selber den Kaffee brachte, da blieben sie wie auf Verabredung alle weg. Dabei war es doch nicht einmal übles Wetter. Im Gegenteil. Sehr angenehm zum Gehen. An Regentagen kamen sie manchmal in hellen Haufen. Es war sogar möglich, daß heute, mit dem Lokalzug um fünf Uhr, noch so viele kämen, daß man nicht Hände genug hatte, sie zu bedienen.

So philosophierte die junge, jetzt munter gewordene Frau, und Perthes hörte gottergeben zu.

Oder er hörte vielmehr nicht zu, sondern sah unglücklich zwischen den Büschen durch, in den Garten. Wie trübselig der aussah mit seinen leeren, buntgedeckten Tischen! Wie jämmerlich der dumme Springbrunnen in der Mitte, den er noch nie beachtet, in sein dürftiges Bassin plätscherte! Und draußen kroch der Fluß in grauer Greisenhaftigkeit; drüben, am anderen Ufer, schwammen Feld und Wald langweilig ineinander.

Das war ja, um selber trübselig zu werden! Und das sollte womöglich stundenlang dauern? Wie gemacht für ihn, um sich zu vergrübeln!

Stand er vielleicht im Begriff, eine Dummheit zu machen? Die Dummheit seines Lebens, die alle früheren übertraf? Oder — wie? — wenn Marga ihn nicht anhörte? Wenn, ja wenn — das war das Tollste, darauf war er noch gar nicht gekommen, und das war so unmöglich gar nicht! — wenn er sich nur eingebildet hatte, daß sie ihn liebe? Wenn sie überrascht war von dem, was er ihr sagen wollte? Und ihn abwies? Aber das war ja verrückt!

Gepeinigt stand er auf und ging mit langen Schritten in dem leeren Garten zwischen den Tischen auf und ab, um den blödsinnig plätschernden Springbrunnen herum und noch einmal herum. Gewiß, das war unsinnig! Und doch plagte ihn diese jüngste Ausgeburt seiner Phantasie mit allen Teufeleien, deren sie fähig war. Wie ein dummer Junge stand er jetzt da und starrte kleinmütig über den Lattenzaun des Gartens weg in den Fluß. Warum sollte sie auch die Sache nur in Erwägung ziehen? Was konnte er ihr überhaupt bieten? Wie sollte er sich verständlich machen und die Geschichte anfassen? Am Ende hatte es gar keinen Zweck ... Im Nu war Max Perthes aus dem Gleise geworfen, wenn sich etwas nicht so gerade und einfach anließ, wie er es vor sich sah. Es blieb dabei: er konnte immer noch erst springen, aber nicht gehen ...

Der Lokalzug brachte diesmal nicht den von der kundigen Wirtin als möglich prophezeiten Andrang. Der Garten blieb leer. Zwei, drei Einspänner, alte Herren mit Perücken, mit Mänteln mitten im Sommer und Stöcken mit Elfenbeinkrücken, tranken, weil sie nun einmal täglich kamen, ihre Tasse Kaffee und lasen ihre Zeitung. Das war alles.

Und doch hellte sich der Himmel gegen Abend auf. Die Sonne drängte sich, etwas blaß und schüchtern freilich, durch die weißgrauen Wolken. Und den Fluß herunter kam ein Boot mit rotbemützten Studenten gezogen, deren Gesang halb wehmütig, halb heiter übers Wasser klang. Sie sangen von der Saale im Tale und den Burgen auf den Bergen. Erinnerungen an seine eigene Studentenzeit am fröhlichen Rhein erwachten in Perthes. Sie und der verhallende Gesang und das zage Sonnenlicht erzeugten eine ruhigere Stimmung in ihm. Die zerfahrenen, unmännlichen Zweifel wichen allmählich einer tapferen, fast heiteren Zuversicht. Das Unmögliche und Unerreichbare einer Liebe, die es nirgends, für ihn jedenfalls nirgends, gab, lag hinter ihm mit der Unreife und Halbheit, der rastlosen Jagd von Extrem zu Extrem; das Wirkliche und Faßbare war vor ihm. Das wollte er als Mann ergreifen und festhalten. So konnte er Marga entgegentreten, mit ihr sprechen.

Drüben, am anderen Ufer, stieß jetzt das Fährboot ab.

Perthes sah zu, wie es erst gegen die Strömung arbeitete und sich dann in der Mitte des Flusses von den Wellen aufnehmen ließ. Der breite Rücken des Schiffers hatte ihm die Insassen verdeckt. Jetzt erkannte er sie und richtete sich auf. Er ging aus dem Garten und stieg die Böschung hinunter, nach dem Steg ...

„Du, ich glaube — wahrhaftig! — Doktor Perthes erwartet uns drüben!” konstatierte Elli mit halblauter Überraschung.

Marga, die die Hand ins Wasser getaucht hatte, um die frische, ziehende Kühle zu spüren, hob sie langsam heraus. Sie war selbst verwundert, wie langsam. Und war auch verwundert, wie wenig verwundert sie war. All die letzten Tage war sie so tieftraurig, so in sich zerrissen, so bitter-wortkarg gewesen. Elli hatte sich gar nicht mehr mit ihr zu helfen gewußt und schließlich, aus reiner Verzweiflung, einen Tagesausflug vorgeschlagen — trotz des mäßigen Wetters. Weit über die Berge waren sie durch die einsamen Wälder nach einer Schloßruine über dem Flußtal gewandert. Marga blieb bis über Mittag so trüb und verschlossen, als sie nur je gewesen. Erst am Nachmittag kam plötzlich, ihr selbst unerwartet und unverständlich, eine Fröhlichkeit über sie, wie lange nicht. Grundlos, gegenstandslos — eine von jenen unbegreiflichen Offenbarungen des Gefühls, die sinnlos erscheinen und doch mit geheimnisvoller Ahnung mitten im Unglück eine glücklichere Zukunft vorauszukünden scheinen. Und diese frohe Aufwallung, die Elli jubelnd begrüßte und miterlebte, hielt vor. Auf dem Hinweg hatte Elli vergebens versucht, der Schwester die Herrlichkeit der alten Buchen, der aus der Ferne ins Walddüster lachenden Kornfelder, des in der Tiefe zwischen Felsen aufschäumenden Flusses nahezubringen; auf dem Heimweg war es Marga, die beschrieb. Eins von den Bildern, die ihr inneres Gesicht sah: es war ihr, als schritten sie unter goldwolkigem Sommerhimmel talab über einen unabsehbaren Hang von blauen Glockenblumen, die im Winde wunderbar läuteten, mit zarten, dünnen, verheißungsvollen Stimmchen. Und wie sie an den Fluß kamen und übersetzten, hörte sie noch immer auf das seltsame, lockende, feine Klingen im Winde. Wie natürlich war es, daß er da drüben stand am Ufer, jenseit des Blumenhanges und des Wassers, das ihn silbern besäumte! Sein gemessen-ernster Gruß, der jetzt ihr Ohr traf, erschreckte sie nicht. Sie lächelte, als müßte es so sein. Die eine Hand gab sie Elli; die andere ergriff er und half ihr aussteigen, während Elli dem Fährmann seinen Groschen gab.

„Sie sind ja gar nicht ein bißchen erstaunt und ungehalten, mich hier zu treffen!” meinte Perthes.

Marga erwiderte nichts. Wie sie von ihm sich die Böschung hinaufführen ließ, klangen ihr die Glockenblumen von drüben nach; ihre zarten, dünnen Stimmen wuchsen, und ihr Geläute schwoll so mächtig, daß es sie betäubte.

Erst als sie im Garten standen, verstummte das Getön, und sie ließ seinen Arm los.

„Sie müssen nicht denken, ich hätte Ihr Verbot, zur Mühle zu kommen, leichtsinnig vergessen, Fräulein Marga!” begann Perthes wieder. „Der Brief, mit dem ich mich anmeldete und um eine Unterredung bat, steckt in der Wirtsstube drinnen seit Stunden am Spiegel. Es hängt auch jetzt noch ganz von Ihnen ab, ob Sie mich einen Augenblick hören wollen!” Er sah Marga forschend an. „Unter vier Augen,” setzte er hinzu und sah hinter sich.

Aber Elli war verschwunden. Wie von der Erde verschluckt. Sie versicherte später, sie habe stets einen „feinen Merks” für gewisse Situationen gehabt. Einen sehr feinen sogar ...

Marga antwortete nicht auf Perthes' Frage. Ihr war zumute, als spänne das Bild ihrer Phantasie sich selbsttätig weiter; als sei all das Traum und nicht Wirklichkeit. Sie ließ sich von ihm an den Tisch im Haselgesträuch leiten und setzte sich zu ihm, wie er es wollte.

„Vor ein paar Wochen,” hob Perthes, durch ihr Schweigen befangen, an, „hatte ich daran gedacht, von hier für immer fortzugehen. Wissen Sie: damals, als ich die törichte Geschichte mit Hilde König ausgeschwärmt hatte. Und als Sie, Fräulein Marga, mich vorigen Dienstag auf Wochen hinaus fortschickten, dachte ich wieder, es würde wohl das Beste sein. Ich hatte Lust, wie ich Ihnen schon früher einmal erzählte, die Bakteriologie wieder an den Nagel zu hängen und zur Chirurgie zurückzukehren. Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marga?”

Sie nickte mechanisch mit dem Kopf. Sie verstand nur halb, was er sagte.

„Nun erhielt ich heute ein unerwartetes Anerbieten, hier bei Geheimrat Hupfeld als Assistent einzutreten,” fuhr er mutiger fort. „Ehe ich mich entscheide, möchte ich hören, was Sie darüber denken.”

„Aber davon versteh' ich ja gar nichts!” erwiderte Marga leise. Sie nahm zerstreut ihren weißen englischen Strohhut ab und legte ihn neben sich auf den Stuhl. Verträumt strich sie das Haar über ihrer Schläfe zurecht.

„Zu verstehen brauchen Sie da weiter nichts, Fräulein Marga. Sie sollen mir nur sagen, ob Sie wünschen, daß — daß ich — nun, daß ich eben hierbleibe. Das hängt nämlich von Ihnen ab. Nur von Ihnen,” wiederholte er gepreßt.

„Von — mir?” stammelte Marga. Sie hatte bisher die Augen blicklos ins Weite gerichtet. Jetzt suchten sie ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Besorgnis und Verwirrung, als könnten sie ergründen, wohin er mit diesem vieldeutigen Wort zielte. Ob er scherzte; ob er sie quälen wollte, mit ihr spielen, oder ob ...

„Ich rede in vollem Ernst, Fräulein Marga!” beteuerte Perthes, der ihren Blick richtig deutete. „Ich habe mich die letzten Tage, während ich fernblieb, gründlich vorgenommen. Ich wäre nicht wieder zu Ihnen gekommen, wahrhaftig nicht, wenn ich mir nicht ein Recht dafür hätte zusprechen können. Ich nehme die Stellung nur an, wenn Sie, Fräulein Marga, mir erlauben, wie bisher zu Ihnen zu kommen. Auch auf die Sägemühle. Und ich muß sogar noch weitergehende Bedingungen machen: wenn Sie versuchen, mehr für mich zu sein als eine Freundin! Wenn Sie —” Die Erregung nahm ihm die Stimme, und er faßte nach ihren Händen, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Wenn Sie —”

Marga zog sie mit einem leisen Aufschrei zurück. Sie warf sich gegen die Lehne ihres Stuhles. Bei seiner Berührung war sie plötzlich aus ihrer traumhaften Betäubung erwacht. Eine jähe Röte schoß in ihre Wangen und wechselte augenblicklich mit tiefer Blässe.

„Nein, nein, nein!” stieß sie entsetzt hervor. Sie krampfte ihre Hände vor der Brust ineinander. Das sollte Wirklichkeit sein? Das durfte ja nicht Wirklichkeit sein. Niemals! „Nein! Nein! Nein!” wiederholte sie noch einmal mit äußerster Anstrengung und hob die Hände gegen ihn, als wollte sie so das Unmögliche und Unerlaubte von sich wegzwingen. Ihre Augen hatten einen beinahe irren Ausdruck angenommen. Sie wollte aufspringen. Sie wollte fortlaufen, ihm entfliehen — aber ihre Kraft versagte. Die Arme fielen ihr erschöpft nieder, und die Augen schlossen sich, wie von einem übermenschlichen Schmerz zugedrückt.

Perthes war gleichfalls erblaßt. Schweigend starrte er sie an. „Sie wollen also nicht,” sagte er dann tonlos und bitter.

„Ich — ich darf nicht!” stammelte Marga mit zuckenden Lippen.

„Sie dürfen nicht?” fragte er dumpf. „Und warum nicht? Weil Sie nicht können? Weil Sie mir nicht mehr geben können als Freundschaft? Darum?”

Marga schüttelte gequält den bleichen, blonden Kopf.

„Oh, Sie trauen mir nicht! Sie können nicht glauben, daß ich weiß, was ich will! Was ich tue! Ich habe Ihnen keine hohen Liebesbeteuerungen vordeklamiert! Ich will nicht, daß Sie auch nur eine unwahre Silbe von mir hören! Nur versuchen sollten Sie's mit mir! Ehrlich versuchen, bis Sie sich überzeugt haben, daß ich's ehrlich meine!” Seine Worte brachen jetzt ungestüm und drängend aus ihm hervor. Er verkannte sich nicht. Er wußte, wie er an Reife hinter ihr zurückstand. Aber er wußte auch, daß er sie und nur sie brauchte! Und er wiederholte ihr mit seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit alles, was in diesen Tagen in ihm vorgegangen war, mit rückhaltloser, nichts verbergender Offenheit.

Während er noch sprach, sank Margas Kopf vornüber auf den Tisch, auf ihre Arme. Und mit einem Mal schüttelte das Schluchzen wie ein Schauer ihren Leib.

Erschrocken hielt Perthes inne.

„Ich darf ja nicht! Ich bin ja blind! Ich darf ja nicht!” ging es wie der Schrei eines auf den Tod Getroffenen durch den abendlichen, einsamen Garten.

Jetzt hatte Perthes verstanden.

Er reckte sich. Auch über ihn lief es wie ein Zittern. Es war sein Herz, das groß und übermächtig und warm in ihm aufpochte, als wollte es die kräftige Brust sprengen. Es war gut, was er wollte! Und es war Schönheit, die seine Seele weitete! Mochte das Gefühl nun Mitleid sein, unsägliches Mitleid oder brüderliche Freundschaft oder Liebe: er mußte ihre Hände ergreifen, stark und zwingend. Er mußte sie an sich ziehen —

Und Margas Kraft war zu Ende. Willenlos fiel ihr Kopf an seine Brust, und ihr tränenüberströmtes Gesicht verbarg sich dort. Um schwach zu sein, einen Augenblick schwach wie ein Weib, das liebt — und kostete ihre Schwäche sie ihre Seligkeit ...

Als Elli mit dem „feinen Merks” eine halbe Stunde später vernehmlich „Pardon!” rief, ehe sie an den Tisch hinter den Haselbüschen trat, fand sie die beiden Hand in Hand, und Marga lehnte an Perthes' Schulter. Elli war natürlich furchtbar überrascht. Aber genau genommen hatte sie gewußt, daß es so kommen würde. Fast hätte sie „immer” dazugesetzt, wie Schwester Käthe.


8

Kissingen, den .. Juli 19..

Meine liebe kleine Elli!

Nur durch eine Ansichtskarte habt Ihr uns bisher Eure Übersiedlung nach der Sägemühle gemeldet. Papa ist schon ganz ungehalten, daß er keinen Brief bekommen hat, und ich habe große Mühe, Euch gegen seine empörten Ausfälle, wie undankbare, mißratene Kinder er habe, in Schutz zu nehmen. Also schreibt ihm nur gleich nach Empfang meines Briefes, sonst wird er ernstlich böse.

Es ist hier im lieblichen Frankenlande wunderbar schön. Die Natur bietet viel. Aber noch mehr das großartige, wirklich internationale Badeleben. Wenn man den rechten Blick für Menschen hat, kann man hier seine Studien machen. Es ist doch kein bloßes Vorurteil, das Wort: Reisen bildet! Ich habe hier, in den paar Wochen, mehr beobachtet und gelernt als zu Hause in einem halben Jahr. Die „große Welt”, die uns auf Schritt und Tritt umgibt, ist zuerst verwirrend und blendend; aber allmählich gewöhnt man sich daran. Toiletten sieht man — im Bad, am Brunnen, bei den Konzerten —, Du kannst Dir keine Vorstellung machen, Kleinchen, wie tipp-topp! Man will sich ganz klein vorkommen, aber dann sagt man sich: Wahre Bildung ist doch vornehmer als dieser hohle Luxus! Und man sucht in dem Gewühl von Menschen nach solchen, die wirklich fein — ich meine, geistig und seelisch bedeutend sind. Wie schnell kommt da die Erfahrung, daß solche Menschen recht nahe beisammen sind und gar nicht aussehen wie diese prunkenden Weltmenschen. Ich schreibe regelmäßig und viel in mein Tagebuch und wundre mich oft selbst, natürlich ohne Hochmut, wie reif und mit mir selber fertig ich in den letzten Jahren geworden bin. Wenn Du artig bist, Kleinchen, sollst Du im Herbst — versteht sich mit Auswahl — daraus vorgelesen bekommen.

Was treibt Ihr denn auf der Mühle?

Gewiß macht Ihr schöne Ausflüge über die Berge, handarbeitet im Garten, liegt in der Hängematte im Wald und lest viel. Meine Gedanken sind oft und in schwesterlicher Liebe bei Euch. Lest nur, bitte, bitte, ja keine Bücher, die noch nichts für Euch sind! Das kann so viel Unheil anrichten. Denkt Euch: Lizzie, die doch älter ist als Ihr, hat kürzlich ein Buch von Zola (!) gelesen, das sie ganz krank und verzweifelt gemacht hat. Ich habe ihr kräftig den Kopf zurecht gesetzt, sie will mir das Buch einmal schicken, und ich werde mich, ihr zuliebe, gründlich mit ihm auseinandersetzen, um ihr zu helfen, denn allein findet sie ja doch nicht heraus. Ich bin ganz traurig über sie.

Sage, bitte, Marga, ich hätte hier noch einmal unser letztes Gespräch auf dem Weinberg durchgedacht und wäre zum gleichen Resultat gekommen wie damals. Vielleicht hat sie inzwischen mich auch besser verstanden und eingesehen, wie gut ich's mit ihr meine. Ich bin ihr gar nicht böse, daß sie's nicht gleich konnte!

Papa kam eben in mein Zimmer und wetterte über die „vermaledeite Briefschreiberei”. Ich will also schließen. Es ist gar nicht immer so leicht mit ihm, weil er in beständigem Krieg mit dem Badearzt und allen Verordnungen lebt. Doch wenn man ihn zu nehmen weiß, läßt er sich meistens zu seinem Besten überzeugen. In acht bis vierzehn Tagen soll's nach Tirol oder nach Bayern gehen. Wie ich mich darauf freue, könnt Ihr euch denken!

Mit herzlichen Grüßen, auch für Marga, und einem Kuß für Dich, liebe Elli, bin ich

Deine getreue Schwester

Käthe Richthoff.

P. S. Denkt Euch, morgen will Doktor Bertelsdorf hierherkommen. Er muß Papas Rat für eine wissenschaftliche Publikation haben. Der Flanellstorch hat sich auch bei Papa „für einen Sprung” angemeldet, wurde aber abgewiesen.

K. R.

P. S. 2. Erwarte Brief binnen zwei Tagen. Verweigere sonst weiteres Kostgeld. Tatsachenbericht, keine Gefühlsduseleien. Gruß.

Papa.

Mit sehr gemischten Gefühlen und sehr kritischen Glossen hatte Elli am Sonntagmorgen diesen Brief von Schwester Käthe vorgelesen. Das war ja Käthe, wie sie leibte und lebte. Nach Ellis Ansicht mußte man ihr für diese „infam-gütige” Epistel mal kräftig die Meinung geigen.

„Wenn sie so fortmacht, platzt sie ja eines Tags vor lauter Menschenkenntnis und Lebenserfahrung!” legte Elli zum Schluß los. „Und das, was sie über dein Verhältnis zu Perthes schreibt, Margakind — die Andeutung, mein' ich, über ihre verdrehte Abschiedspredigt —, das ist jetzt einfach lächerlich geworden! Das gönn' ich ihr!”

„Laß gut sein, Elli!” mahnte Marga versöhnlich.

„Jawohl! Ich finde, wir sind ihr einen Strahl kalten Wassers auf diesen Schreibebrief einfach schuldig! Wir sind doch schließlich keine Wickelbabys mehr! Von mir will ich noch nicht mal reden, aber du — du bist doch jetzt so gut wie Braut, Marga —”

„Sag' so was nicht, Elli!” wehrte Marga ernsthaft. „So weit sind Perthes und ich noch nicht! Du weißt, wir haben uns streng versprochen, es nur erst miteinander zu versuchen.”

„I — was! ‚Ein Versuch führt zu dauernder Kundschaft‛, heißt's im Reklamestil!” erklärte Elli mit überzeugtem und überzeugendem Lachen. „So ähnlich war es mit mir und Wilkens auch; man verspricht sich zuerst, haarsträubend brav und zurückhaltend und vernünftig zu sein, und nachher —”

„Schwatz' doch keinen Unsinn, Kleinchen — ich bitt' dich!”

„Kleinchen! Kleinchen! Das mag ich schon gar nicht mehr hören! Und daß es geschrieben wird, verbitt' ich mir endgültig. Das werd' ich Käthe schreiben. Und —”

„Ich glaube, du schreibst besser an Papa, und nachher diktiere ich dir einen Brief für Käthe.”

Elli legte Marga ihre beiden Hände auf die Schultern, sah so wehmütig drein, als es ihre lachenden Augen tun wollten, und wiegte den lockigen Kopf mitleidig von einer Schulter zur anderen: „Marga, Marga, mit dir geht's bergab! Seit Freitagabend überfließt du von lauter Zuckerwasser! Hätt' ich das gewußt, wär' ich eher in den Garten gekommen! Da hättet ihr euch die Umarmung malen können! Und die ganze Verlob—”

„Elli!” rief Marga aufgebracht und hielt der Schwester den Mund zu.

„Stell' dich nur recht tugendsam!” neckte das Kleinchen weiter. „Ich kenne dich jetzt! Ich werde deinem Max erzählen —”

Marga faßte jetzt die plappernde Elli so kräftig und bedeckte ihr den Mund so nachhaltig, daß sie nicht mehr weiter schmälen konnte. Dafür lachte sie um so übermütiger, und Marga mußte mitlachen.

Dann wurde der Frühstückstisch in der Halle geräumt. Sie setzten sich in den Garten, und Elli schrieb an Vater Richthoff vier enge Seiten. Zwar keine „Gefühlsduseleien”, aber erst recht keinen Tatsachenbericht, sondern lauter tolles Zeug. Nachher diktierte ihr Marga das „Zuckerwasser” für Käthe.

Draußen im Gras funkelte die Sonne auf den Tauperlen. Das erste sonntägliche Vergnügungsschiff mit bunten Wimpeln und voller lustiger Menschen keuchte stromaufwärts. Vom nächsten Dorf trug ein launischer Frühwind den Klang der Kirchenglocken unter die Bäume im Garten ...

Es war Margas voller Ernst, wenn sie gesagt hatte, Perthes und sie wären so weit noch nicht und wollten es erst miteinander versuchen. Als Perthes am Morgen nach jenem Abend seligen Selbstvergessens wieder auf der Mühle erschienen war, hatte ihn Marga ganz anders empfangen, als er erwartete. „Geradezu frostig und lieblos,” meinte er entrüstet. Aber Margas Gewissen hatte sie schon in der Nacht, die sie schlaflos verbrachte, mit Vorwürfen und Anklagen gepeinigt, die die erste Freude dämpften. Sie sah, was geschehen war, im Licht unverantwortlicher Schwachheit. Mit hundert Gründen bewies sie Perthes, wie unbesonnen und unrecht es wäre, sein Schicksal und das ihrige zu verbinden, und was sie sagte, kam wahrhaftig nicht aus dem Bedürfnis unschuldiger Koketterie, die das Gegenteil hören wollte. Sie zwang sich zu dieser schmerzhaften Klarheit, weil ihre Natur es so verlangte. Wußte er denn, was es hieß, mit einer blinden Frau durchs Leben zu gehen? Hatte er eine Ahnung von den Entbehrungen und Enttäuschungen, die ihm, dem Sehenden, bevorstanden, wenn er, Seite an Seite mit ihr, ins Leben trat, in die Welt, die ihr ewig fremd und verschlossen bleiben mußte, unter Menschen, die ihn einen kurzsichtigen Schwärmer schelten und über eine Verlobung mit ihr oder gar eine Ehe die Achseln zucken würden? Was half es, wenn sie, Marga, kraft ihrer Liebe jede Demütigung gern auf sich nahm — ihn, den Sehenden, den Stolzen, den leidenschaftlichen Mann mußte eine Wirklichkeit, wie sie ihr Instinkt angstvoll vorausfühlte, wundreiben und unglücklich machen mit ihren tausend unvorhergesehenen, wehtuenden, stechenden Kleinigkeiten. Mitleidlos gegen sich und ihn ersparte sie ihm keine von den Wahrheiten, die sie in den langen Stunden der Nacht gesammelt hatte.

Freilich — die Wirkung auf Perthes war dieselbe, als wenn sie ebensoviel zu ihren Gunsten vorgebracht hätte. Je mehr Hindernisse und Beschwerlichkeiten sie ihm zeigte, um so beredter und temperamentvoller verfocht er seinen Entschluß. War er nicht Manns genug, um zu wissen, was er tat? Scheute er vielleicht das läppische Gerede und Gehabe anderer? Hatte er nicht immer für seinen eigenen Kopf seinen eigenen Weg gefunden? Und nun, wo er durch Marga erst recht und ganz er selbst wurde, sollte er gegen die kleinen Läppereien des Alltags, die sie da in der Nacht ausgeklügelt und zu Schrecknissen vergrößert hatte, nicht stark genug sein? Das war ja ein nettes Zeugnis von Vertrauen, das sie ihm ausstellte!

Trotz seiner heftigen Gegenwehr gab Marga sich nicht zufrieden. Er mußte Schritt für Schritt erobern, was er an einem Abend im Sturm und für immer gewonnen zu haben glaubte. Er brachte es einstweilen nur zu einem feierlichen Pakt: er sollte kommen und gehen dürfen wie bisher in der Stadt, am Wenzelsberg; aber nicht öfter und keinesfalls täglich. Auch wegen des Geredes der Leute nicht. Sie wollten sich einer dem anderen so offen und natürlich geben, als sie nur konnten, um sich immer besser kennen zu lernen. Für das Maß der gegenseitigen Vertraulichkeiten hatte Marga, obwohl sie weder prüde noch doktrinär veranlagt war, einen ganzen Kodex ausgearbeitet: das zärtliche „Du”, das im Glück des ersten Verstehens eingerissen war, wurde verpönt. Sie wollten sich „Sie” und mit dem Vornamen nennen, und auch das nur unter vier Augen. Von anderen Liebkosungen als von einem etwas herzlicheren Handkuß durfte nicht die Rede sein.

Gegen diese letzte Verordnung wehrte sich Perthes am entschiedensten.

Um sie von vornherein zu entkräften, wollte er sogar Marga sofort herzhaft in seine Arme ziehen. Aber sie geriet in eine so hilflose Erregung, bat ihn so inständig, ja flehentlich, ihr zu folgen, daß er nachgab.

„Das versteh' ich nicht!” eiferte er. „Für Kasteiungen hab' ich gar kein Talent, Marga. Ich weiß auch, trotz all der schönen Reden, nicht, zu was sie gut sein sollen.”

„Das soll dafür gut sein, daß uns, wenn unser Versuch mißlingt und wir nicht zusammenbleiben können, das Auseinandergehen nicht zu schwer wird.”

Perthes wollte sie auslachen, aber sie legte so viel ernste, beinahe schwermütige Überzeugung in ihre Worte, daß er es nicht fertigbrachte. Er dachte nicht daran, ihre pessimistische Auffassung gelten zu lassen. Aber die ängstliche Vorsicht, die an das Glück nicht glauben konnte, die mädchenhafte Scheu, die der eigenen Liebe zum Trotz sich so streng und haushälterisch gab, rührte ihn und nötigte ihm Achtung ab. Wenn er auch bei sich dachte, dies drakonische Hausgesetz bleibe ein Unding, weil es einen neutralen Zwischenzustand zu schaffen suche zwischen Liebe und Freundschaft, den es nie und nirgends gebe, so begriff er doch, daß so und nicht anders Margas empfindliches Gewissen sich mit dem Neuen abfinden konnte.

Unter solchen Umständen hatte er seufzend dem „Gesetz zur Verhinderung der Liebe”, wie er es nannte, seine Sanktion erteilt.

Es kam trotzdem, wie es kommen muß, wenn zwei Menschenkinder jung und aus Fleisch und Blut sind. Es wäre zwischen Marga und Perthes auch so gekommen, wenn Elli nicht von vornherein erklärt hätte, diese zimperliche Schöntuerei sei Hokuspokus, und zusammen mit ihrem Wilkens, vor dem das Geheimnis nicht gewahrt bleiben konnte, nicht jede Gelegenheit benutzt hätte, um diesem „faden Platonismus” mit Scherz und Spott auf den Leib zu rücken.

Acht ganze Tage bestand das „GzVdL.”, wie es abgekürzt getauft wurde, leidlich voll zu Recht.

Dann gewahrte Marga mit Schrecken, wie Stück um Stück von ihrem wohlgemeinten, aber doch nur in der Theorie möglichen Zwischensystem abbröckelte. Da wurden zunächst die Pausen zwischen Perthes' einzelnen Besuchen auf der Sägemühle immer kleiner, und bald war es ganz selbstverständlich geworden, daß er jeden Tag kam, manchmal sogar zweimal, und an einem Sonntag blieb er vom Morgen bis zum späten Abend. Das nächste Bollwerk brachten Elli und Wilkens durch ein förmliches Komplott zu Fall. Das steife „Sie” zwischen Marga und Perthes war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Aber alle Sticheleien verfingen nicht. Marga blieb fest und stellte sich taub für die dicksten Anspielungen; und Perthes wollte sie an der Illusion, die sie beruhigte, nicht irremachen.

Elli, ewig auf Schelmereien bedacht, nahm ihre Zuflucht zu einem abgefeimten Trick.

Eines Abends, als Wilkens und Perthes, wie dies jetzt so selten nicht mehr war, zum Abendbrot auf der Mühle blieben, ließ sie ihrer Ausgelassenheit alle Zügel schießen und riß jeden, auch Marga, in ihre übersprudelnde Laune hinein. Schließlich erhob sie ihr Glas, ließ die Augen lustig zu Perthes hinüberspringen und warf den zerzausten Kopf keck zur Seite. „Doktor Perthes, ich schlage vor, daß wir zwei Schmollis machen!”

Perthes, so aufgeräumt er selber, so sympathisch ihm Fräulein Sausewind war, wurde doch von diesem freundschaftlichen Anerbieten überrumpelt. „Mit Vergnügen!” erklärte er. „Aber ich muß da höheren Orts erst anfragen.”

Elli zwinkerte ihm zu. Er verstand und wandte sich an Marga. „Marga, Sie haben wohl nichts dagegen? Da es Ihre leibliche Schwester ist, die mit mir schmollieren will.”

Marga war fassungslos überrascht und sah ganz verdutzt drein. „Elli ist wohl 'n bißchen beschwipst?” meinte sie ausweichend.

„Bitte schönstens!” verteidigte sich die Verdächtigte entrüstet. „Das ist eine häßliche, grundlose Verleumdung!”

„Die ich mir auch in meinem Namen verbitten muß, Fräulein Marga!” brummte Wilkens höchst unwirsch.

„Wenn Sie mich noch lange warten lassen, Herr Doktor Perthes,” — Elli betonte die Anrede mit spitzer Breite — „sind Sie der unhöflichste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Marga hat da überhaupt gar nicht mitzureden!”

„Aber Herrn Wilkens muß ich doch wenigstens um Erlaubnis fragen?” sagte Perthes, der nun ganz mit im Spiel war, zuvorkommend.

„Nun, Herr Wilkens?” fragte Elli. „Man überschätzt zwar Ihre Autorität, aber —”

„Ich denke durchaus fortgeschritten in solchen Dingen,” ließ sich Wilkens mit liberaler Großartigkeit vernehmen.

„Na also! Du siehst, Marga — drei gegen eine!” triumphierte Elli.

Marga wußte nicht aus noch ein. Sie war nicht ohne Humor. Aber der Mangel an äußerem Erleben hatte diese letzte und reifste Kraft nur erst spärlich in ihr entwickelt. Sie fand auch jetzt kein Scherzwort, um sich, ihre Schwere überwindend, aus der Klemme zu helfen. Sie versuchte zu lächeln. Doch der Ausdruck ihrer Augen strafte das Lächeln Lügen, und ihre Mundwinkel zuckten verdächtig.

Elli lenkte ein. „Gott, Margakind, ich will dich ja schließlich nicht benachteiligen!” erklärte sie großmütig. „Ich trete von meinem Schmollis zurück unter einer Bedingung: wenn du es Doktor Perthes anbietest statt meiner! Ich tue es blutenden Herzens und werde an Herrn Perthes nicht so bald wieder mit einem so verlockenden Vorschlag herantreten.”

Jetzt konnte auch Marga sich nicht des Lachens erwehren. Sie wollte nicht Spielverderberin sein und erhob bedächtig ihr Glas. Es kam ihr schwer, überschwer vor. Im Grunde waren ihr die Tränen näher als das Lachen. Aber Perthes ließ sein Glas kräftig dagegenklingen. Sie drückten sich die Hand, was Elli ausnehmend prosaisch fand.

„Es wird dir ja den Kopf nicht kosten, Marga!” meinte Perthes beruhigend.

Und das Du klang Marga so lieb und vertraut, daß sie noch einmal seine Hand fest und dankbar ergriff. Es kam ja doch alles, wie es wollte. Er sollte sie nicht für kühl und zimperlich halten. Ihr Blick leuchtete von Liebe, und zugleich seufzte sie. So mußte wohl das Glück sein, ihr Glück: ein Kranz, strahlend und schwer in einem ...

Es war gut, daß das Sommersemester in den ersten Augusttagen zu Ende ging.

Von den vielen Bekannten in der Stadt, die ja doch auch den beliebten Spaziergang nach der Sägemühle sich nicht nehmen ließen, drohten allerhand Fährlichkeiten. Lose Zungen und spitze, scharfe Augen gab es hier wie überall. Daß die Richthoffschen Mädels da draußen „immer mit Herren gingen”, konnte sich auf tausenderlei Weise herumreden, und wehe, wenn die Kunde, womöglich übertrieben und entstellt, zu Vater Richthoff und Käthe sich verirrte!

Elli nahm die Sache nicht weiter tragisch. Aber Marga mahnte immer wieder zur Vorsicht.

Und mit Recht. Da war zum Beispiel Cousine Grasvogel, die mit irgendeinem Kränzchen von älteren jungen Damen mindestens einmal die Woche auf der Sägemühle erschien und, während sie die „lieben, lieben Mädels” ostentativ umarmte, ihre gutmütige, aber neugierige Nase rundum wittern ließ. Richtig trat dann gerade während einer dieser zärtlichen Begrüßungen Wilkens in den Garten. Kaum hatte er jedoch die Schwierigkeit der Lage erkannt, so ging er wie der älteste Bekannte auf Fräulein Grasvogel zu, die er auf dem Gartenfest am Wenzelsberg nicht eines Blickes gewürdigt hatte, begrüßte die gute Cousine mit einer Vertraulichkeit und ehrfürchtigen Wärme, als schätze man sich seit Jahren, und sagte: es sei reizend, daß sie mit den beiden Fräulein Richthoff einen Ausflug auf die Mühle gemacht habe. Er ließ sich von ihr umständlich erklären, die „lieben, lieben Mädels” seien nicht mit ihr gekommen, sondern wohnten hier außen für einige Wochen, und war über die Neuigkeit aufs angenehmste verwundert. Elli biß sich die Lippen blutig, um ernst zu bleiben. Marga gab recht unsichere und zerstreute Auskünfte über die Verpflegung auf der Mühle und die Zimmerverhältnisse. Dann verabschiedete sich Wilkens sehr korrekt von allen dreien und tauchte erst wieder auf, als die Luft rein war.

Schlimmer war es schon, daß Frau Geheimrat Achenbach einmal mit dem Wagen die Landstraße entlang fuhr, als man, dem mäßigen Wetter vertrauend, paarweise dort lustwandelte. Das Schlimmste aber ließ ein Besuch von Käthes Freundin Lizzie befürchten, die an einem Sonntagvormittag, als man im Buchenwald hinter dem Gehöft zu vieren picknickte, aus heiterem Himmel herunterschneite. Elli erfand eine ganze Räubergeschichte. Aber ob Lizzie, die sich sehr reserviert benahm und eine undurchdringliche Miene aufsetzte, daran glaubte, war mehr als fraglich. Gott sei Dank fand Perthes in ihrer ans Pathologische streifenden Musikleidenschaft ein Thema, das die Unterhaltung leidlich in Gang hielt.

Unschädlich war nur Professor Borngräber, der gar nicht selten im Vorbeigehen der Sägemühle einen Besuch abstattete. Es fiel ihm bisweilen abends ein, daß er nach ärztlichem Ratschluß neben seinen geistigen auch seine körperlichen Funktionen nicht völlig vernachlässigen sollte, und dann arbeitete er mit zerstreuter Hast die Landstraße ab bis zum Mühlengarten. Meistens las er dann, unter Verachtung aller Lichtverhältnisse, ein dickes Buch zu seinen Spiegeleiern mit Schinken, ließ aus Vergeßlichkeit das Bier so abstehen, daß es in der Wärme des Sommerabends bald zu kochen anfing, und hatte von der Umwelt keine Ahnung. Oder aber, wenn er die Töchter seines Freundes Richthoff dann doch aus reinem Zufall entdeckte, war er so erfreut, sie zu sehen, daß er niemand sah als nur sie. Sein unschuldiges Junggesellenherz war ohne jedes Arg, und sein Sinn blieb, trotz aller Herzlichkeit, zur einen Hälfte doch immer an den Ufern der heiligen Ganga.

Unverantwortlich lässig hatte sich bisher der von Vater Richthoff selbst eingesetzte Vizevormund, Professor Wilmanns, benommen. Marga und Elli hatten pflichtmäßig vor ihrer Übersiedlung bei ihm vorgesprochen, und der bewegliche kleine Herr hatte laut verkündet, er werde bald mal auf der Mühle „Generalrevision” halten. Er hatte zur Bekräftigung seine eine Hand würdevoll auf die lahme Hüfte gelegt, die andere in die Brust gesteckt und die Brauen so hoch gezogen, daß man fürchten mußte, Augen und Stirn könnten nie wieder in ihre normale Lage zurückkehren. Doch die bedrohliche Ankündigung blieb ohne Folgen. Nur die drei Wilmannstöchter kamen einmal zum Kaffee auf die Sägemühle, nachdem sie sich vorher artig durch eine Postkarte angemeldet hatten. Sie entschuldigten ihre Eltern; Papa hatte vollauf mit seinem Wörterbuch zu tun, einer Sisyphusarbeit, an der er seit bald einem Jahrzehnt sich mühte; die bescheidene, aufopfernde Mama half dabei täglich ihre fünf bis sechs Stunden. Danach konnten Elli und Marga überzeugt sein, daß von dieser Seite nichts mehr zu befürchten sei, zumal die ganze Familie Wilmanns mit Beginn der Ferien nach Thüringen reisen wollte.