WeRead Powered by ReaderPub
Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee cover

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Chapter 19: XVI.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative depicts life on a tiny, unprotected North Sea islet where isolated inhabitants confront relentless tides and a devastating storm that sweeps away homes and the church. Through linked episodes it portrays daily labor, intimate domestic moments, and the arrival of shipwrecked strangers, while foregrounding communal piety, steadfast attachment to homeland, and moral reflection. Religious faith, mutual aid, and simple contentment are shown as sustaining forces, and catastrophic weather becomes the crucible that tests loyalties, reshapes relationships, and prompts questions about duty, resilience, and the limits of human control.

„Giebt’s für Dein Gebilde

Eine andre Welt,

Wo Dein Schöpferwille

Es nicht trägt und hält?“

Es blieb den Worten nach zweifelhaft, ob er darin seine Bereitwilligkeit, ihr überall zu folgen, oder ihre Gesinnung mit ihrem eigenen Ausdruck darlegen wollte. Er glaubte in ihrer Seele zu reden, da er ja auch nur ihre Sprache gebrauchte, die ihn so oft als Bestätigung seines höchsten Wunsches entzückt hatte. Sie aber, — ob ganz ohne Ahnung, daß es im Widerspruch mit seiner Meinung sei, wollen wir nicht entscheiden, — nahm die Worte für die Sprache seines Herzens, und noch ohne dies ganz offen auszusprechen, sagte sie:

„Unsere Liebe wird uns jeden Fleck der Erde zur angenehmen Heimat machen, so mir, wie Dir.“ Die scharfe Betonung des: „wie Dir“, traf Godber’s Herz wie ein Schmerzensstich, in seine Wangen stieg eine dunkle Röte auf, und mit einer Frage auf den Lippen haftete sein Blick lange und ernst auf Idalia. Das Wort aber blieb auf seiner Zunge und scheute sich hervorzutreten, gleichsam im bangen Vorgefühl des verletzenden Widerspruchs, den es finden würde. Sie hielt seinen Blick lächelnd aus, und eine leichte Berührung seiner Lippen mit ihrer Hand drängte seine Frage ganz zurück. Oswald dagegen ließ das Gespräch nicht so schnell fallen.

„Das klingt wie ein Schäferroman,“ lachte er; „und ich habe eben Nichts dagegen, obgleich ich kein Myrtill bin und eine Daphne anbete; wenn nur nicht von einer Hallig die Rede wäre, die kaum ein liebendes Seehundspaar wohnlich finden würde.“

Mander, der bisher dem Gespräch wie einem Scherz zugehört, erinnerte seinen Sohn, daß sie gar keine Ursache hätten, von diesem Eilande verächtlich zu reden, dem sie nächst Gottes Hülfe und Godber’s Mut und Geschicklichkeit ihre Rettung verdankten, wo der Friede, dem Tausende in großen Städten bis an ihr Ende vergeblich nachjagten, bei allen Bewohnern von der Wiege bis in’s Grab heimisch zu sein schiene.

Godber ergriff freudig das Lob seiner Heimat. „Nicht wahr,“ rief er, „ist das Leben hier nicht schön? Gerade diese mannigfachen Entbehrungen, diese Abgeschiedenheit von der Welt, dieser Mangel an äußern Reizen führen den Menschen auf sich selbst zurück und lehren ihn in seiner eigenen Brust, in seinem kleinen häuslichen Kreise sein Glück finden, das eben darum ein sicheres, dauerndes ist, weil es unabhängig von Außendingen seinen Grund und Boden, wie seine Nahrung in dem Menschen selber hat. Selbst die Gefahren, die mit diesem Aufenthalt verbunden sind, dienen nur dazu, den kindlich demütigen und gläubig ergebenen Sinn in uns zu erhalten, aus welchem Vertrauen und Zuversicht, und freudiges Aufschauen zum Vater in der Höhe hervorgehen. Hier wird der Mensch wieder Mensch und streift all’ die bunten Flitter ab, die ihm doch am Ende mehr Sorge als Freude machen. Hier ist er frei von den Ketten, die ihm die große Welt da draußen schmiedet durch tausend Bedürfnisse und Gewohnheiten, von denen sein Herz nichts weiß und nichts zu wissen braucht, um glücklich zu sein; ja die er selbst nur zu oft als Hemmketten fühlte, ohne vor der Welt es wagen zu dürfen sich ihrer zu entledigen. Hier ist er, was er ist; nicht Das, wozu ihn die Sitte macht und was er um Anderer willen sein muß. Hier kann er sich freuen und weinen, thätig sein und ruhen, lieben und meiden, wann, wie und wen er will. Er hat nur sich zum Herrn, und Keiner darf ihm darein reden. Nicht um aller Schätze der Erde willen ließe ich mich wieder spannen in das Joch der verkehrten Welt, die da ruft Friede, Friede! und ist kein Friede, sondern eitel Zwietracht, Mißgunst und Haschen und Jagen nach einem Ziel, das weit hinter ihr liegt; die da rennet mit verblendetem Auge nach Lust und Freude, und nie sie findet, sondern nur Ekel, Ueberdruß, Uebersättigung ohne Genuß; die heute auf Eiern schleicht, morgen auf Leichen tritt; die mit dem süßesten Lächeln die Giftschale darreicht und zugleich sich selbst in ihrem Unverstande den Becher des Lebens vergiftet.“

„Auch mir würdest Du in diese verkehrte Welt nicht folgen?“ fragte Idalia mit dem freundlichsten Blick, während Mander und Oswald über die grauenvolle Beschreibung ihrer Welt scherzten.

„Dir?“ sagte Godber, wie erschreckt von einem plötzlichen Lichtstrahl. Sich selbst beruhigend setzte er aber sogleich hinzu: „Darum eben kettet sich ja meine Seele so fest an Dich, darum bist Du mir die köstliche Perle im Ocean, weil Dein reiner Lichtglanz keine Färbung angenommen von der früheren Umgebung; weil Du, in der dunklen Wiege eingeschlossen, dennoch den keuschen Sinn Dir empfänglich gehalten hast für das wahre Glück, von dem jene Welt Nichts weiß.“

Idalia fand nicht gleich eine Antwort auf diese Worte, und ihr Blick, in welchem sich Erstaunen und Verlegenheit malten, goß eine eisige Kälte über Godber’s Begeisterung. Oswald aber sagte mit tragikomischem Pathos:

„Leb’ wohl, Idalia! In tiefer Bewunderung beuge ich mich vor der künftigen Primadonna im grünen Mieder und bunten Rock; aber um Deines Ruhmes willen muß ich Dich verlassen. Ein geflügelter Bote will ich eintreten in die Theezirkel Deiner trauernden Vaterstadt, ein Verkünder Deines seligen Martertums auf diesem meerumflossenen Altar der Liebe. Dein Name soll glänzen an dem, in den letzten Zeiten etwas bleich gewordenen Sternenhimmel weltüberwindender Liebesmacht. Postfrei will ich Dir jede Woche hundert klangvolle Sonnette und fünfzig schwungreiche Oden übersenden, die von Lippen armer, unter der Last ihrer Körbe seufzender Poeten ertönen zur Feier Deines weltverachtenden Herzens. Eine feurige Kohle sollst Du jeder Jungfrau werden, die nicht Deinem Vorbilde nachfolgen will.

Eine Hütte, eine Scholle,

Einen Mann und einen Hund,

Eines Schafes grobe Wolle,

Thee und Schwarzbrot für den Mund;

Die von andern Dingen spricht,

Kennt Idalia’s Liebe nicht!“

Idalia bemerkte freilich, daß, wenn der Herr Bruder künftig noch einmal wieder Verse auf sie machen sollte, sie hoffe, diese würden dann an Inhalt und Form etwas zierlicher und feiner ausfallen; aber dabei lachte sie doch über Oswald’s Späße, und der Schmerz Godber’s über dies Lachen drängte den auflodernden Zorn zurück und erstickte die harte Rede, die auf seiner Zunge lag. Mander bemerkte die Blässe auf Godber’s Gesicht und das Zittern, das dessen Glieder überflog; er sagte daher lächelnd:

„Unser Freund kann besser scherzen, als Scherz vertragen!“ und setzte ernster hinzu: „Ich möchte auch nie so verächtlich reden von einem Fleck, der uns einmal so willkommen war. Es wird Godber schwer werden, seine Heimat zu verlassen; denn die Liebe zu derselben scheint ja zur andern Natur Aller zu gehören, die hier geboren sind. Er ist aber zugleich zu vernünftig, als daß er die Heimatliebe, die ihn selbst beseelt, nicht auch bei Idalia voraussetzen sollte, und daher wird er ja von ihr kein Opfer verlangen, das selbst zu bringen er sich nicht fähig hielte; besonders wenn er zugestehen muß, daß der Hallig den Vorzug vor Hamburg zu geben nur eben einem Eingeborenen dieses Eilandes möglich ist.“

Godber fand sich tief getroffen durch diese Bemerkung. Es war ihm noch gar nicht eingefallen, daß, wie er nur in seiner Heimat sich glücklich fühlen könne, auch Idalia nur in ihrer Vaterstadt ihr Glück finden würde; daß dasselbe Recht, welches er für sich in Anspruch nahm, ein Halligbewohner bleiben zu dürfen, er ihr nicht verweigern könne, wenn sie eine Großstädterin bleiben wolle. Fühlte er, daß selbst an ihrer Seite ihn in der Fremde Heimweh verzehren würde, wie durfte er ihr denn an seiner Seite auf der Hallig Heimweh verargen? Diese Betrachtung hielt ihn stumm. Tiefe Schwermut lagerte sich wie eine bange Last über seine Seele. Er verlor sich in Gedanken, die an seine Untreue gegen Maria nahe genug hinstreiften, um eine Empfindung wie Reue zu wecken.

Oswald unterbrach die verlegene Pause, indem er das Glas erhob, um auf einen frohen Verein in Hamburg anzustoßen. Mechanisch ergriff auch Godber sein Glas und stieß mit an, aber er setzte es wieder hin ohne zu trinken.

Mit diesem Tage trat eine gewisse Spannung zwischen den Liebenden ein. Idalia ward ernster, nachdenklicher, zurückhaltender, und obwohl sie nicht zweifelte, daß Godber seine Grille fahren lassen würde, war es ihr doch unangenehm, daß er sie genährt hatte, daß er sie wenigstens nicht sogleich habe vergessen können, als er ihre Abneigung bemerkte, eine Halligfrau zu werden. Er dagegen war traurig bewegt; dabei jedoch so hingebend, so achtsam, so besorgt, immer die vollste Liebe zu zeigen, als nähre er noch eine geheime Hoffnung, sie zu dem Opfer bewegen zu können, von welchem das Glück seines Lebens abhing. Beide vermieden es, auch nur mit dem leisesten Worte jene Verschiedenheit ihrer Ansprüche an die Zukunft zu berühren.

Die verwaiste Maria war unterdessen in Hold’s Familie aufgenommen und dadurch der Wohnung Godber’s näher gebracht. Es konnte nicht fehlen, sie mußten sich von jetzt an öfter sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Ja, es geschah auch wohl, daß ihre Wege neben einander vorbeiführten, so sehr sie auch jede Begegnung zu vermeiden suchten. Doch eines Tages trafen sie sich am Steg und waren, gedankenvoll hinwandelnd, sich schon zu nahe, um ohne Gruß vorübergehen zu können. Sie standen vor einander, Beide die Augen zu Boden schlagend; Maria die Hand auf die beklemmte Brust gepreßt, Godber mit bebenden Lippen, ohne eines Wortes mächtig zu sein. Endlich faßte er ihre Hand und sagte leise:

„Maria, es mußte so sein!“

Sie blickte auf, und eine Thräne zitterte in ihrem Auge.

„Der Herr hat es so gewollt!“ seufzte sie. „Er mache Dich glücklich.“

„Und Dich, Marie!“ antwortete er.

Sie aber schlug den Blick gen Himmel, und es brach wie ein Lichtglanz durch ihre Thränen:

„Seine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.“

„Maria,“ rief Godber, und drückte ihre Hand fester, „kannst Du mir vergeben?“

„Als ich den Ring von Deinem Finger zog,“ antwortete sie, „da habe ich Dir vergeben!“

Godber ließ ihre Hand fahren und sah nach seinem Ringe. Zum ersten Mal bemerkte er, daß dieser ihm fehle. Er starrte auf die Stelle, wo er ihn getragen, konnte nicht begreifen, wann das Pfand der Treue von seiner Hand gekommen, und es war ihm, als sei nun erst seine Untreue vollendet, als sei nun erst jede Rückkehr unmöglich geworden. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, den Ring noch zu haben; er hätte ihn in diesem Augenblick um keinen Preis fahren lassen. Der Gedanke, daß er ihn nicht mehr habe, dehnte eine Kluft vor ihm aus, die ihn auf ewig von Maria trennte. Nun erst war sie für ihn verloren, unwiederbringlich verloren, als wenn nicht schon längst sie von einander geschieden gewesen wären. Als er wieder aufsah, war Maria verschwunden.

Idalia hatte diesen Auftritt von weitem angesehen, und ohne ein Wort darüber zu verlieren, ward sie nur immer kälter und fremder gegen Godber. Er aber hing sich mit seiner Liebe ihr desto fester und fester an. Sie war gleichsam das Anker, das ihn halten sollte im Sturm der widersprechenden Gefühle, in dem Kampf der sich unter einander verklagenden Gedanken. Er fühlte, daß wenn sie ihn aufgebe, die Kraft seines Lebens gebrochen wäre, daß ihm dann das Bewußtsein ausginge, warum denn Alles so gekommen sei, daß er dann in der Wüste des Meeres umhertaumele, wie ein Leichnam, der von der felsigen Küste ringsum immer wieder in die Wogen zurückgeworfen wird.

XIV.

Gabe ist, was Licht und Leben,

Gnade ist, was Frieden gab!

Sollen Engel niederschweben,

Du kannst nicht die Leiter heben,

Engel senken sie herab.

Mander würde vielleicht die Liebenden aufmerksamer beobachtet und so bald die Pflicht des Vaters erkannt haben, ein Verhältnis, das bei dem gänzlichen Mangel an Uebereinstimmung in den Wünschen und Hoffnungen für’s Leben unmöglich glücklich enden konnte, bei Zeiten zu lösen, wenn er nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre. Er mochte keinen Versuch mehr wagen, aus sich selbst heraus die Himmelsleiter zu erbauen, und doch scheute sein Geist vor dem Gedanken zurück, daß Gott sie in seiner Barmherzigkeit und Liebe längst herabgelassen habe.

„Wie mögen Sie doch nur annehmen,“ sagte er in seinen Unterredungen mit dem Pastor über die Offenbarung, „daß Gott, der mehr Welten regiert, als das Alter der Erde Sekunden zählt, als der Ocean Tropfen, als die Wüste Staubkörner hat, daß dieser Gott so große Dinge thun sollte, um dieses winzigen Menschengeschlechts willen, dessen mächtigste Geister, von bloßen Gewalthabern gar nicht einmal zu reden, wie Mücken sind, die im Sonnenstrahl spielen?“

„Und dessen große und kleine Geister doch meinen,“ sprach Hold, „sich den Gott, den sie anzubeten berufen sind, auf das weiße Blatt ihres Weltsystems hinsetzen zu können wie einen Tintenfleck, den man mit dem Löschpapier auftrocknet, um darüber hinzuschreiben!“

„Lassen wir Das!“ fiel ihm Mander in die Rede. „Ich merke wohl, hier auf dieser flachen Scholle, den Himmel so weit über sich, das Meer so weit um sich, fast ohne einen Gegenstand, der an kleinliche Menschenarbeit erinnert, weitet sich das Herz, und die Gedanken wollen sich nicht mehr zügeln und gängeln lassen in Begriffen und Schlüssen, sondern schweifen frei in die Unendlichkeit aus, als wären sie einem Kerker entflohen. Als ich gestern Abend auf dem Taufstein am alten Kirchhof saß und nur Meer und Sternenhimmel sah, da kam ich mir vor, als schwimme auch ich im Weltocean, selbst eine kleine Welt, bewegt von Gottes Odem, getragen von Gottes Macht, verklärt von Gottes Geist, friedlich und selig, wie die andern Sterne, feiernd wie sie den Schöpfer, Erhalter und Regierer. Und es ist mir noch jetzt, als könnte ich, seit ich einmal so reich war, nie wieder in der Zukunft so arm werden an Glauben und Glaubensfreudigkeit, wie ich früher es gewesen.“

„Nun,“ sprach Hold wie segnend, „so möge denn Ihnen immerdar leuchten der Morgenstern, der aufgegangen ist in Ihrem Herzen. Muß es denn nicht ein liebevoller Gott sein, der solche Stunden dem Menschen giebt? Sollten wir leugnen, daß in solcher Feier Gottes Sprache ist, dies leugnen, weil unsere Sprache keine Worte hat, sie nachzustammeln? Aber sie fragten, wie Gott für das winzige Menschengeschlecht so große Dinge thun sollte, sich ihm zu offenbaren in Seiner Herrlichkeit, und ihm Licht zu bringen in der Finsterniß, Frieden in der Zwietracht, auf eine solche Weise, wie das Evangelium von Christo aussagt. Ich gehe noch weiter. Nicht allein ein winziges, schwaches, ohnmächtiges, vergängliches Geschlecht nenne ich die Menschen, sondern auch ein durch Selbstverschuldung verblendetes und sündiges. Es ist Keiner, auch nicht Einer, der vor Gott gerecht erfunden wäre. Es ist der Spiegel unseres Herzens befleckt mit unheiligem Wesen, und unser Wandel Trägheit zu allem Guten und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Jeder Gedanke an Gott, den heiligen und gerechten Richter der Lebendigen und der Toten, muß eine Beichte sein und ein Flehen um Gnade, wodurch auch der leiseste Vorbehalt von eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit hinweggenommen wird, wie Gottes Sonnenstrahl den Regentropfen wegnimmt, der auf einem Grabstein liegt. Doch nicht um dies winzige Geschlecht allein auf einem Staubkorn Seiner Welt, auch um dies durch eigne Schuld verderbte und täglich neue Schuld häufende Geschlecht hat Gott so große Dinge gethan; denn das ist Seine Liebe. Und wäre auf diesem Erdboden auch nur eine Seele unter allen Millionen gewesen, empfänglich für Seine Segnungen und Verheißungen, für diese eine Seele würde Er Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine an Sein Vaterherz zu ziehen; denn das ist Seine Liebe! Und wäre diese eine Seele siebenmal siebzigmal wieder zurückgefallen in ihre Finsternis und ihr Verderben, Er würde siebenmal siebzigmal Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine wieder heimzuführen in das Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens; denn das ist Seine Liebe! Wir reden von Seiner Allmacht und Weisheit, die die Unermeßlichkeit füllen mit ihren Zeugnissen; wir sehen den kleinsten Wurm im Staube so fein und künstlich gebildet und sein gedacht, wie des Seraphs, dessen Hallelujah durch die Himmel rauschet; und Gottes Liebe sollte nicht eben so vollkommen sein, wie alle Seine andern Eigenschaften? Sie sollte eine Begrenzung, Beschränkung, einen Rückhalt kennen, wovon Seine Allmacht und Seine Weisheit nichts weiß? Es kann und darf nie gefragt werden, sollte Gott je so gnädig und barmherzig sein wollen, wie das Evangelium Ihn verkündet in der Lehre vom Versöhner? Denn das ist eine Frage, die ihm eine Vollkommenheit abspricht; eine Vollkommenheit gerade im Herrlichsten, was Himmel und Erde kennen, in der Liebe. Es ist nur eine Frage: thut es dem Menschen not zu seiner rechten Heiligung im Geiste des Gemüts, zu seinem Frieden im Leben und im Sterben, daß sich Gott ihm offenbare als Weg, Wahrheit und Leben, als Heiland, Versöhner, Erlöser, Friedensfürst? Muß sich der Mensch diese Frage mit ‚Ja‘ beantworten, wenn er aufrichtig prüfet sein Wissen, sein Wesen und seinen Wandel, wenn er es gelernt hat, Halbheit und Lauheit im Denken, Wollen und Thun zu verschmähen und zu verachten, dann kann er mit kühner Hand in die Wolken greifen, dann kann er freudig miteinstimmen: „also hat Gott die Welt geliebt!“ Dann darf er nicht weiter fragen: wie mag solches zugehen? Denn wie alles Wesen über des Menschen Wissen und Verstehen ist, wie sollte denn nicht auch die Liebe Gottes über sein Wissen und Verstehen sein?“

„Sie haben einen Glauben, der im Stande wäre, Berge zu versetzen!“ sagte Mander tief bewegt.

„Ich wollte, ich hätte ihn,“ erwiderte Hold, „dann würden wir bald eines Glaubens sein.“

„Ich möchte fragen, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben erbe?“ sprach Mander mehr in sich hinein, als zu Hold gewandt.

„Fragen Sie die Schrift, die von Christo zeuget. Lassen Sie vor Allem erst Ihr Nachdenken weilen beim Gesetze. Prüfen Sie all’ Ihr Wesen und Thun mit unerbittlicher Strenge an den Geboten Gottes und an dem Vorbilde des Herrn. Machen Sie keine Sünde zur Schwachheit, keine Unlauterkeit zur Natur des Staubes, keine Versuchung zu einer unüberwindlichen Macht, keine Vergleichung mit Andern zur Entschuldigung für sich. Malen Sie sich keine Liebe Gottes aus, die nachsichtig, begütigend, vergeßlich ist, wie die kränkelnde Liebe der Menschen, sondern eine Liebe die mit der strengsten Gerechtigkeit Hand in Hand gehet; auf daß der Wetterstrahl des Gerichtes Sie durchleuchte und durchflamme, auf daß Sie hingeschmettert werden in den Staub und Ihre vermeinte Tugend und Ehrbarkeit, wie Splitter und Spreu, von Ihnen fliege; auf daß Sie zittern und zagen lernen vor Dem, der Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Worte, das aus unserm Mund gegangen ist; und Ihre Seele, so wenig sie auch noch jetzt glauben mag, daß es dahin mit ihr kommen könne, zu kommen brauche, in Reu und Leid zage unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes. Nur durch Traurigkeit zur Freude! Nur durch’s Gericht zur Gnade! Nur durch Zwietracht zum Frieden! Nur durch Tod zum Leben! Nur die Niedrigen werden erhöht und die Demütigen angenommen! So lange wir uns vor Gott noch dünken, Etwas zu sein, sind wir Nichts. Hineinpredigen aber läßt sich solche schmerzensreiche Buße nicht. Die muß von Oben kommen, als Liebesgabe und göttliche Gnade. Nur raten kann mein Wort dazu; nur an dem Bollwerk rütteln, das hindert; nur leise rütteln an des Herzens Thoren, daß ihre Angeln leichter sich umwenden, wenn der Herr kommt zum Gericht! Gehen Sie in eine einsame Stunde und treten Sie Ihren Dornenpfad an.“

„Sind Sie auf demselben Dornenpfade zur Glaubensfreudigkeit gekommen?“ fragte Mander leise.

„Ich gehe diesen Weg noch täglich und bin doch froh und selig im Herrn!“ erwiderte Hold.

„Das ist wunderbar!“

„Nicht so wunderbar wie der Bund der göttlichen, versöhnenden Liebe und der strengrichterlichen Gerechtigkeit mit einander. Nicht so wunderbar, wie Christi Zagen vor dem Kreuze und doch Hingebung an’s Kreuz. Darüber aber gebe ich Ihnen keine Erklärung, bis Sie in die Stunde gekommen sind, die ich zuerst von Ihnen fordern muß, die Gott von Ihnen fordert, weil Er Sie derselben so nahe gebracht hat; wenn Sie dann noch nach einer Erklärung fragen sollten.“

Es war aber keineswegs so leicht, Mander auf den Dornenweg zu bringen, wo seine Selbstzufriedenheit bluten sollte. Mancher Abend ging noch in lebhaften Unterredungen hin, in welchen Hold vorzüglich Mander’s erwachende Neigung bekämpfte, sich eine Art von philosophischem Christentum zu construiren.

„Sind aber nicht alle Materialien dazu gegeben, in der Schrift, wie in den sonstigen Zeugnissen Gottes?“ verteidigte sich Mander.

„Materialien für Sie übergenug,“ entgegnete Hold; „aber der Mörtel fehlt noch, das Herzblut, das die Reue erpreßte, und die Thränenflut, welche die Sehnsucht nach einem Frieden, wie ihn die Welt und die Weltweisheit nicht geben kann, aufquellen ließ. Sie sind in Gefahr, in der Halbheit zu bleiben, weil Sie anfangen, die Baustücke an einander zu passen, ehe das Gebäude in seiner Höhe und Tiefe, in seiner Länge und Breite vor Ihrer Seele steht.“

„Es möchte aber der Weg zum Glauben nicht für Alle derselbe sein,“ meinte Mander.

„Ohne die Demut kommt Keiner in diesen Weg hinein; und ohne die tiefe, durchdringende, ja zermalmende Erkenntnis der Sündhaftigkeit vor Gott, ohne das laute, aufrichtige, in Reu’ und Leid ringende Bekenntnis derselben ist keine Rückkehr für den, der, wie Sie, in den Irrpfaden der geistigen Selbstanbetung sich erging. Daß Sie jetzt schon Baumeister sein wollen, ehe Sie selbst wahrhaft erbauet sind, oder jedenfalls noch in der ersten Frühlingslust der beseligenden Erbauung leben sollten, scheint mir anzudeuten, daß Sie noch unter der Knechtschaft Ihres eigenen Geistes gefangen und nicht durchgedrungen sind zur Freiheit der Kinder Gottes, deren Glaube keine dorische oder korinthische Säulenordnung, sondern eine kühn aufstrebende Säule ist, deren fester Fuß in den Tiefen des Herzens steht und deren Spitze der Regenbogen der Verheißung kränzt.“

„Eine sichere Begründung,“ warf Mander ein, „kann dem Glauben nicht schaden, ja ihn allein der Vernunft annehmbar machen, daß sie mitstimme mit dem Herzen, das seiner bedarf.“

„‚Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, was man hoffet, und nicht zweifelt an dem, was man nicht siehet‘, sagt schon der Apostel,“ war Hold’s Antwort. „Unter diesem ‚was man nicht siehet‘ ist doch auch wohl das Nichtsehen der Vernunft durch Begriffe und Schlüsse mitverstanden; denn was sie so sich zusammenkettet, Glied an Glied, das sieht sie, das hört auf Gegenstand der Hoffnung und des Glaubens zu sein; es wird Gegenstand des Wissens und bleibt Stückwerk, wie all’ unser Wissen Stückwerk ist. Der Glaube aber ist ein Ganzes, Volles, Vollkommenes, ein Tag ohne Wolken, ein Kleinod, des wir uns freuen ohne Diebe und Räuber zu fürchten. Er ist kein Raub, sondern eine Gabe. Wir schaffen ihn nicht, sondern er schafft uns. Er ist nicht unser, sondern wir sind sein. Wir kommen nicht zu ihm dadurch, daß wir ihn in unser Gebiet hereinziehen, sondern dadurch, daß wir aus unserm Gebiet heraustreten und in sein Gebiet eingehen. Darum bauen Sie vergeblich an einem Fachwerk; es bleibt ein Gerüst, durch dessen Sparren jeglicher Wind weht, und worin der Geist Gottes nie heimatlich wird.“

„Thun denn aber die gelehrten Theologen etwas Anderes, als was ich versuche?“

„Leider thun sie oft nichts Anderes. Aber da geht es denn auch Vielen ihrer Zuhörer, wie es mir ging,“ erwiderte Hold, und nahm vom Bücherbord ein Heft aus seiner Studentenzeit, auf dessen letzter Seite sich folgender „Epilog zur Dogmatik“ fand:

So hat denn alle Wissenschaft gelogen!

Vom blinden Wahne sollt’ der Geist gesunden;

Und nun ist jeder lichte Blick verschwunden,

Und um den Frieden ist das Herz betrogen.

Ich seh’ mich auf ein Meer hinausgezogen,

Wo keine Nadel mag den Pfad erkunden,

Wo nie ein Blei den Ankergrund gefunden,

Wo alle Winde weh’n auf irren Wogen.

Der Lootse winkt zur Rechten, der zur Linken:

„Sieh, wie Dir dort der Heimat Sterne blinken!“

„Nein, folge mir, da dräut ein Felsenriff!“

Der Dritte nickt ein Ja zu beiden Seiten;

Ein Vierter fängt mit Allen an zu streiten;

Und unterdessen sinkt das lecke Schiff.

Doch halt! Was will der Mann mit Kennermienen?

Mein Sohn, Du sogst die rechte Weisheit ein.

„Laß nun Dein Pfund dem blinden Volke dienen.“

Er spricht’s, und ich — soll Seelenhirte sein!

„Es mag schlimm genug sein,“ sagte Mander, „Führer sein zu sollen, wenn man noch selbst ungewiß auf dem Kreuzwege steht. Aber daß man sich erst die Leiter zurecht stellt und Stufe auf Stufe prüft, ist doch klüger, als wenn man sich vornimmt, erst auf der höchsten Staffel sich nach dem sichern Stande und der Haltbarkeit der Stufen umzusehen.“

„Ach! zu solchem Vornehmen,“ entgegnete Hold, „läßt es der Glaube gar nicht kommen. Er bedarf keiner Leiter. Er ist ein Adler, den seine Schwingen sogleich über die Wolken hinauftragen. Er wird nicht, sondern er ist. Er macht sich nicht allmälig, sondern steht da in seiner Herrlichkeit. Ein schwacher, lauer und halber Glaube ist ein Unding. Wohl mag er auf Zeiten, in Stunden der Prüfung oder vor den Anläufen des ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste zurückweichen; aber eine Mischung, Zersetzung und Teilung kennt er nicht. Er ist Alles oder Nichts; ganz oder gar nicht. Nur im Wissen, Wollen und Thun giebt es Halbheit, nicht im Glauben. Er kann nur beseligen oder verdammen, nicht ein wenig trösten, ein bischen erheben, ein wenig schrecken, ein bischen zittern machen. Er kämpft nicht, sondern er siegt nur. Er schreitet daher in seiner Kraft und erfüllet mit seiner Fülle das Herz; schmettert es nieder in den Abgrund und trägt es aus dem Abgrunde mit Jauchzen empor zu den himmlischen Höhen. Von diesen Höhen herab mögen wir den Glaubensweg erkunden, nicht von unten auf; nur mit dem Senkblei, nicht mit dem Fernrohr.“

Mander war oft in Versuchung, den Pastor der Einseitigkeit und Beschränktheit zu zeihen. Oft wieder war er in schmerzlichem Ringen nach Zuversicht der demütigste und gelehrigste Jünger. Dann aber klagte er über Dunkelheit in Hold’s Ausdrücken; wogegen dieser bemerkte:

„Das Wort ist Same und nicht mehr und minder. Im Samen liegt aber der Keim verborgen unter der Hülle und wartet auf Sonnenstrahl und Tau von Oben her, um die Hülle zu durchbrechen und Blüte und Frucht zu werden.“

Bald klagte er über die Dunkelheit der Offenbarungen Gottes. Hold erinnerte ihn:

„Die Fackel für die mancherlei Wege der göttlichen Offenbarungen ist die eine Offenbarung der heilsamen Gnade Gottes in Christo. Ist diese aufgegangen dem Herzen in ihrem vollen Glanze, so fließt ihr Lichtstrom über die ganze dunkle Gegend aus, und Alles wird hell! Nur Licht giebt Licht. Unser blöder Verstand mag uns wohl dazu führen, daß wir die Wahrheit nicht bei ihm erwarten. Unsere Sündhaftigkeit kann uns wohl die Sehnsucht wecken nach der Gnade Gottes; aber was Wahrheit ist, lernen wir erst durch die Wahrheit, und die Erlösung kennen wir erst durch die Erlösung. Sie aber ringen nach Beiden, als hätten sie schon das Wesen derselben erforscht und ihre Kraft erfahren. Daß dies aber nicht der Fall ist, zeigt Ihr Kampf mit einzelnen Dunkelheiten: denn Schatten weisen weg vom Licht und sind keine Wegweiser zum Lichte, wofür Sie sie nehmen, da Sie sich so lange bei ihnen aufhalten.“

XV.

Von der Heimat sel’gem Frieden

Nach dem wüsten Streit hienieden

Zeugt das lichte Sternenzelt;

Doch des Liedes klarer Spiegel

Offen der Verheißung Siegel

Zeig’ er in dem Kampf der Welt.

Ein Amtsgeschäft nötigte Hold zu einer Reise nach der nächsten, eine Meile entfernten Insel. Oswald begleitete ihn, teils um einige Angelegenheiten, die schnellere Ueberführung der geborgenen Ladung nach Husum betreffend, zu ordnen, teils um den für ihn so langweiligen Aufenthalt auf der Hallig durch einen Tag in anderer Umgebung zu unterbrechen. Ein günstiger Wind trug in der mondhellen Nacht das Schiff mit dem ruhigen Gleiten eines Schwans dem Ziel der Reise entgegen, und Oswald, der diese Meeresstrecke in dem furchtbarsten Aufruhr gesehen und auf derselben in Todesgefahr geschwebt hatte, sprach einmal über das andere seine Verwunderung über den Gegensatz aus.

„Heute so still und mit kaum merkbaren Wellen das kleine Schiff fortwiegend; damals anzuschauen wie eine ungeheure Woge, auf der das mächtige Gebäude auf und nieder schwankte, wie eine Feder, von Knaben in die Höhe geblasen. Heute der leise Hauch, der die Segel eben füllet und sich zu fürchten scheint, mehr zu thun, als wir gerade wollen; damals ein Heulen und ein Rasen, als wollte die tolle Windsbraut unser Schiff wie einen Knäuel zusammenwickeln und es gen Himmel schleudern. Dem Winde hat man so viele Namen gegeben, um seine wechselnde Weise zu bezeichnen. Das Meer heißt Meer, mag es wie ein gefügiger Sclave uns dienen, mag es wie ein wütender Tyrann mit unserm Leben würfeln.“

„Der Mensch heißt Mensch,“ bemerkte Hold, „mag er kindlich friedlich mit Blumen spielen, oder in blinder Leidenschaft Leichenhügel auftürmen; und der Uebergang von der einen zur andern Art zu sein, ist bei demselben Menschen nicht weniger überraschend, als bei dem Meere, und es ist nur gut, daß die ungestümen Wogen unserer Brust gewöhnlich wenig Macht haben, Unheil zu stiften.“

„Darum halte ich es damit,“ sagte Oswald, „dem Leben die leichte Seite abzugewinnen und das Blut hübsch ruhig zu halten. Alles Aufwogen, sei’s in Haß, sei’s in Liebe, ist nicht meine Sache. Dadurch habe ich es so weit gebracht, daß ich lache und scherze, wo Andere sich totgrämen wollen und außer sich vor Angst oder Zorn sind.“

„So nutz’ ich das Leben,

Und nehm’ es, wie’s ist;

Eh’ kalt mich im Grabe

Das Leben vergißt.“

„Wenn Sie Jahre lang in einem Kerker schmachten sollten, Jahre lang auf ein Krankenlager hingestreckt lägen, meinen Sie dann, daß Sie mit diesem Verse die feuchten Wände zieren, oder mit dieser Melodie Ihre Schmerzen einlullen würden?“ fragte Hold.

„Das will ich nicht behaupten,“ erwiderte Oswald; „aber darum freue ich mich, daß ich nicht in diese Probe geführt werde.“

„Warum trachten Sie aber nicht lieber nach einer Zuversicht, die auch solche Proben aushalten kann? Können Sie eine Ansicht für Wahrheit halten, welche von Außendingen abhängt, die nicht in unserer Gewalt sind? Rechnen Sie den Glimmerschiefer zu den Edelsteinen, weil er im Sonnenstrahl wie Diamanten funkelt?“

„Sie haben vollkommen Recht, lieber Pastor,“ antwortete Oswald, „eben weil sie Pastor sind, für mich aber Unrecht, weil ich singe:

Vergessen ist Freude

Und Denken nur Pein;

Und gilt er Dir Wahrheit,

Ist Wahrheit der Schein.“

„Ich kann Ihnen auch einen Vers dazu geben,“ sagte Hold:

„O, kindisches Treiben!

O, ärmlicher Wahn!

So schaukeln die Wellen

Den herrnlosen Kahn.

Und dieser Vers führt mich auf die Frage: was dachten und fühlten Sie in den Stunden, als Sie auf diesem Meere vor einigen Wochen zwischen Tod und Leben kämpften?“

„Ich dachte und fühlte gar nichts. Mir war alles Denken und Empfinden rein ausgegangen. Ich war eine hohle Schale, in die erst nach unserer Rettung ein Kern zurückkam. Was hätten mir auch alle Gedanken und Gefühle helfen sollen? Sie konnten den wilden Ocean nicht bändigen und den gebrechlichen Kahn nicht zusammenhalten.“

Ihr Denken und Empfinden konnte Ihnen freilich nichts helfen; aber wohl wäre es anders mit dem gewesen, der in Sturm und Wogendrang hätte sprechen können nach den Worten des Liedes, das Sie nur halb kennen wollen:

Wer kämpfend und fallend

Dem Siege vertraut,

Der hat sich errungen

Das Jawort der Braut.

Sie führt dem Altare

Der Heimat ihn zu.

Sein Glaube wird Schauen;

Der Staub ist zur Ruh.“

„Ich streite nicht mit Ihnen, Herr Pastor,“ antwortete Oswald. „Ich gebe Ihnen, wie gesagt, vollkommen Recht. Ich ehre Ihre Ueberzeugungen und Sie um derselben willen. Ich würde auf Ihre Redlichkeit und Treue mehr bauen, als auf mich selbst. Aber — ich bleibe, was ich bin; und wie ich bin; wenn ich nicht, wie ich es Ihnen schon halb versprochen, einst im grauen Haar zu Ihnen zurückkehren sollte, um zu lernen, wie man die Falten des Leichentuchs mit Anstand um sich wickelt. Gewiß, lieber Hold,“ schloß Oswald, als er merkte, wie der Pastor sich bei dieser letzten Aeußerung unwillig von ihm wandte, „ich will nicht spotten, wenn es auch manchmal so klingt; es ist nur ein hohler Klang, dem Sie keine Bedeutung unterlegen müssen, die er nicht haben soll. Aber wir stehen uns so fern und so fremd in unsern Ansichten und Meinungen, daß keine Vereinigung möglich ist. Sie stehen fest auf Zion, und ich treibe, ein leichter Nachen, jeden Blumenbach entlang, der mich eben tragen will.“

„Den hohlen Klang nehme ich Ihnen nicht übel,“ erwiderte Hold; „aber daß es eine Stunde in Ihrem Leben geben konnte, in welcher Sie nach Ihrem eignen Ausdruck eine hohle Schale waren, und doch nun, bei solchem Geständnis, sich noch länger in der ganzen Hohlheit und Leerheit Ihrer Ansichten, die eigentlich, wie Sie es selbst aussprechen, nichts weiter als Gedankenlosigkeit sind, wohl fühlen können, das verstehe ich nicht. Ich fürchte, Gott wird Sie noch einmal mit gar schwerer Hand anfassen, oder vielmehr ich muß es wünschen.“

„Sie werden es mir erlauben,“ sprach Oswald lachend, „den Dank für diesen frommen Wunsch bei Ihnen zu ersparen.“

Hold wandte das Gespräch auf andere Dinge, und da sie sich in der Bekanntschaft mit dem Liede, aus dem die vorher von ihnen angeführten Strophen genommen sind, zusammengefunden, ward die Poesie der Gegenstand ihrer Unterhaltung. Hierin stimmten die Urteile Beider fast ganz zusammen. Oswald’s ausgebreitete Belesenheit in diesem Fache hatte sein richtiges Gefühl nicht verwirrt, sondern nur geschärft. Kein blendender Bilderschmuck bestach ihn; kein dichterischer Gedanke ging ihm um der mangelhaften, poetischen Form willen verloren. Ossian, der Barde, der selbst dem Nebel Kraft und Anmut einzuhauchen wußte, war sein Liebling, und er behauptete mit Hold’s völliger Zustimmung, daß man in dem Brodem des Plumpuddings groß gezogen sein müßte, um Ossian’s Gedichte zu dem untergeschobenen Machwerk eines gentleman machen zu können. Je lebendiger Oswald sprach, je reicher er seine vielseitige Kenntnis der schönen Literatur entfaltete, je wahrer er das Flache von dem Tiefen, die gemachte von der wirklichen Begeisterung unterschied, desto mehr mußte sich Hold wundern, wie ein Mensch zugleich so scharf und richtig urteilen, und doch so gedankenlos hinleben; so wahr und so stark empfinden, und doch so gefühllos für den Geist Gottes sein könne. Es war ihm unbegreiflich, wie Oswald bei den Ergüssen himmlischer Begeisterung eines Dichters mit inniger Anerkennung weilen konnte, ohne dadurch auf sich selbst und seine Entfremdung von allem Göttlichen geführt zu werden. Es war, als trüge ihn seine Phantasie mit in den Aufschwung dieser Dichter hinein, und als sähe er dennoch darin nur den Flug eines Luftballons, der aus seiner Höhe ohne weitere Kunde von den göttlichen Dingen zur Erde herabsinkt. Aber — sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht.

Für die Leser, welche das Gedicht, aus welchem wir oben einzelne Verse in die Erzählung verflochten haben, ganz kennen zu lernen wünschen, möge es hier stehen.

Das Leben.

Ein Anfang ohn’ Ende;

Ein Schleier ohne Bild;

Ein Träumen und Sehnen,

Das nimmer gestillt;

Ein Blühen und Duften;

Ein schmeichelndes Lied;

Und Alles nur Täuschung,

Die lockt und entflieht.

Ein Wollen und Können,

Und nie ein Vollbracht;

Ein Lernen und Wissen,

Das klüger nicht macht.

Ein Drängen und Treiben

Bergauf und bergab;

Ein Sorgen und Mühen

Für’s wartende Grab.

Für Herren und Knechte

Ein wunderlich Spiel,

Als Ernst gar zu wenig,

Als Scherz gar zu viel:

Und dennoch zum Leben

Die Liebe so groß? —

Gern sitzen die Narren

Der Narrheit im Schooß.

Was zürnst Du dem Leben,

Dem gaukelnden Spiel?

Du fragst nach dem Ziele?

Der Weg ist das Ziel!

Dein Hoffen und Wagen,

Und wär’s ohne Lohn; —

Im Hoffen und Wagen

Genießest Du schon.

Entströmt ohne Lorber

Dem Helden sein Blut;

Doch freut sich im Streite

Des Kämpfenden Mut.

Der Rätsel so viele?

Die Antwort so kahl?

Frag’ nicht nach den Reben

Den vollen Pokal.

Vergessen ist Freude,

Und Denken nur Pein;

Und gilt er Dir Wahrheit,

Ist Wahrheit der Schein.

So nutze das Leben,

Und nimm es, wie’s ist,

Eh’ kalt Dich im Grabe

Das Leben vergißt.

O, kindisches Treiben!

O, ärmlicher Wahn!

So schaukeln die Wellen

Den herrnlosen Kahn!

Das Leben ein Schleier,

Den Keiner durchschaut;

Doch ehre den Schleier;

Er wallt um die Braut,

Die wüstem Verlangen

Nur keuscher sich hüllt,

Den Glauben mit froher

Verheißung erfüllt.

Es wehet ihr Odem

Dahin und daher,

So grüßet von Küste

Zu Küste das Meer.

Und wandelt der Pilger

Nach Süd und nach Nord,

Sie ladet ihn liebend

So hier und so dort.

Sie blickt von den Sternen

Ihm freundlich herab;

Und lächelt weissagend

Auf Wiege und Grab;

In Kämpfen, in Stürmen,

In wolkiger Nacht,

Von Weisen gescholten,

Von Spöttern verlacht,

Schmück’ kühn Dir mit Kränzen

Hochzeitlich das Haupt,

Vom Baume der Hoffnung,

Der nimmer entlaubt.

Wer streitend und fallend

Dem Siege vertraut,

Der hat sich errungen

Das Jawort der Braut.

Sie führt dem Altare

Der Heimat ihn zu.

Sein Glauben wird schauen;

Der Staub ist zur Ruh.

XVI.

— Und jede neue Welle säumte

Für mich am feuchten Leichentuch.

Und jede neue Welle schäumte

Entgegen mir den Todesspruch.

Wir übergehen den kurzen Aufenthalt auf der Insel, die, umgeben und durchschnitten von starken Deichen mit einer Höhe von mehr als zwanzig Fuß und einem Belauf von achtzig bis hundert Fuß, in der Mitte ihrer Abteilungen oder Koege, wo das Meer völlig dem Auge entzogen war, das Ansehen eines von festen Wällen umgürteten Lagers darbot, das von den Kriegern verlassen, nun dem friedlichen Landmann angehörte, der es nur bißher versäumt, die Wälle abzutragen.

Auf der Rückfahrt nach der Hallig mußte das Schiff anfangs mit widrigen Winden kämpfen; später trat eine völlige Windstille ein, und eine Viertelmeile vom Ziel wurde Anker geworfen, da auch die Ebbe dazu kam, die kein Weiterkommen selbst bei günstigem Winde gestattet hätte. Noch war es heller Nachmittag, und klar lagen die einzelnen Wohnungen der Hallig vor dem Blicke der ungern Verweilenden. Das Schiff stand bald ganz auf dem Trocknen, und es schien so leicht, die kurze Strecke zum Ufer zu Fuß zu machen. Sollte auch hie und da ein bißchen in dem weichen Schlamm gewatet, oder eine und die andere Wasserrinne übersprungen werden müssen, so kam man doch vor Abend nach Hause. Der Gedanke, so festgebannt zu sein, machte Oswald ungeduldig, und für Hold war jede Stunde der Entfernung von den Seinen ein Abbruch an seinem häuslichen Glück. Die beiden Schiffer hatten nichts dagegen, ihr Fahrzeug bis zur nächsten Ebbe liegen zu lassen, wie sie dies schon oft gethan, und so traten denn die vier Reisegenossen ihren Weg zur Hallig an. Freilich hätten die vielen Unglücksfälle, welche durch dies sogenannte Schlicklaufen herbeigeführt werden, sie abhalten sollen; aber die Luft so heiter, das Land so nahe, woher denn Gefahr? Oswald lachte laut auf, als Hold nur so obenhin sagte, daß solche Versuche, das Land zu gewinnen, schon Vielen das Leben gekostet, und dieser fügte auch selbst gleich hinzu, daß heute freilich nichts zu fürchten sei. O, des kurzsichtigen Geschlechts, das sich so sicher dünkt, indem es dem Tode entgegenrennt! Kaum zehn Minuten später standen die Wanderer schon ratlos und angstvoll da, und wußten nicht mehr, wohin sie die Schritte wenden sollten, ob rückwärts, ob vorwärts. Ein dicker Nebel, der urplötzlich, man wußte nicht, ob von oben herab, oder von unten heraufgestiegen kam, lagerte sich um sie her.

Die Nebel oder Seedünste sind oft nicht höher als sechs bis acht Fuß, und es begegnete uns einmal, daß wir vom Schiffe aus mit den Leuten am Ufer uns unterredeten, ohne daß wir auch nur das Geringste mehr sehen konnten, als deren Köpfe, die im hellsten Lichte auf der grauen undurchdringlichen Masse gleichsam schwammen, und deren Bewegungen von einer Stelle zur andern, ohne daß man die bewegenden Glieder sah, einen wunderbaren Anblick gewährten. Was wir in dem Folgenden erzählen, mag ebenfalls für Den, welcher jene Meeresstrecke nicht kennt, manches Wunderbare haben; aber wir legen auch hier, wie andern Stellen dieser Schrift, unsere eigenen Erfahrungen zu Grunde.

Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkürlich auf das Schiff zurück. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wäre! Aber die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht mehr für einander da und mußten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald ahnte noch nicht die Größe der Gefahr und konnte sich in das ängstliche Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie müßten bald das Ufer gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu verfehlen. Auch der Schluß der Beratung fiel dahin aus, vorwärts zu gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem Nebelmeer wahrscheinlicher treffen ließ, als das nahe, aber leicht zu verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trällerte ein Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren, umgangen werden mußten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward, schmal genug, um hinüberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere Gefährte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder zaghaft zurückbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschließen konnte; als er bald im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite verfehlend, alle Mühseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter Schweiß von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fühlte er das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer öfter nötig, teils um die erschöpften Kräfte wieder zu sammeln, teils um über die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden in der dichten Nebelhülle gemacht, die bei heller Witterung leicht hätten vermieden werden können! Vielleicht war der Uebergang über eine Rinne nur ein paar Fuß weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich überzeugte, daß er da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe Stunde darüber hin, um zu dem alten Fleck zurückzukommen. Zuletzt mußten sich die vier Leidensgefährten anfassen, um nicht durch die graue Wand, die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem Schritt von einander aufgetürmt war, getrennt zu werden. Bisher waren nur wenige, durch die Umstände gebotene Worte gesprochen. Jeder ging still, sich seinen trüben Gedanken überlassend, hinter dem andern her; nur Oswald unterbrach nun durch sein Stöhnen und Klagen vielfach das ängstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tönte die Schreckensfrage von Mund zu Mund: „wohin sollen wir uns wenden?“ Ach! die sich widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewiß, daß man sich auf keine Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der größeren Rinnen, vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen völlig zweifelhaft. Denn die zu machenden Wendungen und Krümmungen waren immer verschlungener, des Hin- und Hergehens, Vor- und Rücklaufens immer mehr geworden; und unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmälig breiter, flossen zu zahlreicheren Wasserstraßen über, welche bald langsam wie heimtückische Räuber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhöhungen in vielfachen Krümmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen Zuschuß wartend an einer größeren Bank sich verweilten; bald aber auch wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing, sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit mutwilligem Fuß zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich wandten, stießen sie auf seine Gänge, wohin sie sich wandten, folgte er ihnen nach, und bald spülte er allenthalben um die Füße der gejagten Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit sicherm Fortschritt, immer höher hinauf, steigerte in gleichem Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem überschwemmten Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit höhnischem Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach: „Ihr entgeht mir doch nicht mehr!“ Was half die erneute Beratung: „wohin sollen wir uns kehren?“ Ja hätte nun auch die rechte Richtung ausgemacht werden können, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung der Flut sie ungefähr erraten ließ, hatte man nicht vor sich Rinnen, die jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst dies Hindernis nicht mit erwägend, es sich verbergen, daß eine ungefähre Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als darauf hin führen konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwärts zu dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Führer des Zuges plötzlich bis über die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit Mühe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in voller Hülflosigkeit der Macht des immer höher schwellenden Oceans zu überlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann: bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen. „Mein armes, armes Weib!“ dachte Hold; und sein Geist war so ganz in diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust des Gatten eins geworden, daß ihm die Teilnahme für die nahe Bedrängnis verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern Männer standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in dieser gezwungenen Unthätigkeit alle Fähigkeit, seiner Todesangst irgend ein stärkeres Gefühl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung gemacht werden konnten, war er bei jedem günstigen Anschein voll Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung ließen es ihn zuweilen ganz vergessen, daß sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um sich die Wüste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein Opfer grüßte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der Hoffnung nach dem andern auszählte; diesem schwerfällig aufkriechenden Tode, als würde der Körper von einer ungeheuren Schlange in immer höher schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen Gang nachzumessen, ihn immer näher und näher am hochschlagenden Herzen zu fühlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang er in seine Gefährten mit dem leidenschaftlichsten Ungestüm, doch irgend ein Mittel zur Rettung zu ergründen. Als er endlich ihren vielfältigen Beteuerungen glauben mußte, daß Alles versucht sei, was versucht werden könne, und daß jetzt nur noch die Möglichkeit als letzter Hoffnungsstern übrig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in jeder längern Zögerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, daß es diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste Seelenangst ihm die übernatürliche Stärke gegeben. Mit diesem Ruf war aber auch alle seine Kraft dahin, seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen, alle seine Gebeine schüttelten sich wie aus ihren Fugen heraus, seine Zähne hämmerten auf einander und sein Haar sträubte sich hoch empor; keines zusammenhängenden Wortes war er weiter mächtig. Er wäre jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch für Alle nötig, sich gegenseitig zu stützen, da die Wellen schon so hoch gestiegen waren, daß es schwer wurde, die Füße gegen ihren Andrang festzustemmen. Schweigend standen die Männer so neben einander, fest die Hände in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung mit dem Leben zu schließen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu trösten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jünglings Auge sogleich scheu wieder zurück, und in demselben Augenblick rauschte eine Woge, höher als die übrigen, hinter ihm auf; ein doppelter Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und floß über seine Brust hin. „Du bist gerichtet!“ schauderte es durch seine Seele, und ein neuer Angstschrei riß sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes anhaltendes Stöhnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte. Festeren Gemütern wäre vielleicht dieses Stöhnen widerlich gewesen, auf seine Leidensgefährten wirkte es dahin, daß auch sie ohne Rückhalt seufzten und klagten.

Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich über die andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde.

Der Nebel sank endlich völlig und begrub seine feuchten Dünste in die Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war für Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als bald hier, bald da auf dem kräuselnden Kamm einer Welle der Wiederschein eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und wieder da! Das sind Lichter der Heimat! — Schließt Eure Rechnung schneller, Unglückliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen für die Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch, daß Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr es waret, da Ihr das Schiff verließet. Kein Ruf dringt hinüber zu der fernen Küste; ja, könnte ein Ruf hinüberdringen, kein Boot, und würde es auch noch so rüstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf Euch! „Nun muß er bald kommen!“ sprechen Vater und Mutter, Weib und Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer Mitte, bis Ihr kommt. Für Euren freundlichen Empfang, für Eure Erquickung nach der Reise sind Alle geschäftig; wohnlich und gastlich soll Euch Alles anlächeln; traulich und herzlich das Willkommen sein, das Euch begrüßt. Erzählen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr gesehen, und die gemütliche Heimat von Neuem loben. — Euer Platz wird leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die andere hin, und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben Stunde.

„Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind!“ rief Hold laut zum Himmel auf. Neben ihm seufzten die Männer, und Oswald’s Gestöhn klang verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trübe Geist, der Hold’s Seele niederdrückte, und der dadurch so lähmend auf den sonst so glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung über den Schlick nicht zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als für furchtsam gehalten werden wollte, dieser trübe Geist war mit jenem Ausruf auf die höchste Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Höhe das Wort traf: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht!“ Da war es, als träte Hold mit vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen Sätzen, wie es die Lage der Dinge natürlich machte, als in dem Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat.

„Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns tröstet in aller unserer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Troste, damit wir selber getröstet werden von Gott. — Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind unsträflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm zurück. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und darum leitet auch Seine Hand uns hinüber in Sein Reich. — Freuet Euch! Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Sünden. Er hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, daß die letzten Trümmer unseres Dünkels niederbrächen unter Seinem Wort: „Seid stille und erkennet, daß ich der Herr bin!“ — Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat über unser Haupt gewachsen, wie das Meer über unser Haupt wächst; also daß wir weit von uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo, die vor Gott gilt. — Hallelujah dem Gott der Stärke, dem Vater der Liebe! In Seiner Kraft überwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfüllet die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, — Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der Tiefe, und Du erhörest, erhörest uns, die wir ausschütten unser Herz vor Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flügel ruhen sie. Du richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu müssen. Du weisest ihnen Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater tröste sie, stärke sie, führe sie um unserer Bitte willen, wie Du verheißen: „Bittet, so wird Euch gegeben.“ — Nicht für uns bitten wir. Wir haben nur Dank, daß Du uns hast hören lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und völligem Glauben. Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum Schauen geworden, also daß Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis, daß unsere Seelen auffahren mit Flügeln, wie Adler, aus der Tiefe, daß wir Dich loben und preisen im Sterben. — Hallelujah! Ehre und Preis unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat über den Tod! Hallelujah! Dem Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen.“

Auf die beiden Männer der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer und Klagen gehört, ihn die Schwäche und Trostlosigkeit seiner Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu solcher Höhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, daß sie seinen Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines weltüberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des Zagens ausgetrieben, und dessen Stätte eingenommen in der Brust ihres vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Daß fast jedes Wort seiner Tröstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr für Diejenigen, welche von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den vollen Stempel der Untrüglichkeit und daher noch gewisseren Einfluß auf die Gemüter. Für Oswald jedoch war jede Tröstung verloren. Während Jene lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn über die Oede seines Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung seinen Gefährten nachzusprechen; aber er wußte nicht einmal, ob es über seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurück und fand in seiner von Todesängsten gemarterten Brust keine Stätte, um auch nur einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne daß ein Laut über dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kämpfen wider die umdrängende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und seiner Gottvergessenheit zum Märtyrer geworden ist.

Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich über die andere hin und mit jeder kommenden Woge läuft eine Sekunde ab von der kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde.

XVII.