Bringst Du zur Heimat wieder
Die alte Lieb’ und Treu’,
Dann laß Dich fröhlich nieder,
Es grüßt Dich Alles wieder
Mit alter Lieb’ und Treu’.
Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr Strahlenauge über die Halligen hin, um nach den Verwüstungen der vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen übrig geblieben, die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer floß still und friedlich in seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lächelnd zu sagen: Ihr habt nur geträumt!
Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel beschriebenen Gefahren genötigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die Thüre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefühle bestürmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem er an den blühenden Küsten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich glücklich fühlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureißen ihm eine Unmöglichkeit gewesen wäre. Für diese Heimat hatte er in der Fremde gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur unermüdlichsten Thätigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ängstlichsten Eifer in Erfüllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von allen Vergnügungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung über seinen Stand hinaus, konnte ihn verführen, seinen Schatz zuweilen für diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es erreicht. Dort stand seine väterliche Wohnung. Schauer des Entzückens rieselten durch sein Gebein; Thränen der Freude brannten auf seinen Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem das spärliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in schlammigter Glätte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und zerlöcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht gedacht hätte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem Wellentode so nahe gebracht, der würde nie geahnet haben, daß diese Heimat des Jünglings Freudenthränen hervorgerufen. Aber Godber hatte um dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und hätte er zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn würde die Wiederkehr auf diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dünken.
Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht beugen vor dem Gott, der ihn gnädiglich behütet und heimgeführt zu dem Lande seiner Väter. Hätte er es doch gethan! Vielleicht würde er dann ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wären die eitlen Träume von ihm gewichen. Das Gelübde der Treue wäre der frommen Maria bewahrt und Idalia’s verführerisches Bild hätte seinen Zauber verloren.
In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm die innere Klarheit trüben und den hellen Blick rauben für die nächste Pflicht; die, wenn sie nicht bloße Träume der Phantasie sind, sondern vielmehr durch außerordentliche Lagen und Verhältnisse hervorgerufen wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche Rücksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurückhielten, und der ihm gewiß ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm ruhiges Beharren in dem gewöhnlichen Gleise, treues Festhalten früherer Grundsätze, williger Gehorsam unter dem seither dafür gehaltenen Gesetz Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwürdig vorkommt. Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fuß vorwärts zu setzen braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig verschloß. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht und Gewissen, ganz zurückschieben solle? Ja, es will ihn bedünken, als seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen könnte. Er hat gleichsam den gewohnten Boden unter seinen Füßen verloren, auf dem er sonst mit Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen früheren Lebens verrückt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere Hülfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die Welt mit ihren Träumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust durch Seinen heiligen Geist zu einer Stätte der Gemeinschaft erwählet des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen sein, wenn er wieder zurückschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Sünde und nun klar seinen Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln.
Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten sich, als sein Blick flüchtig auf Maria’s Wohnung hinstreifte. Es ergriff ihn ein Gefühl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen Leute alle andern Gedanken verdrängte. Rasch wandte er seine forschenden Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und — da lag das Schiff gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflügelten Schrittes darauf zu. Sein Weg aber führte ihn an Maria’s Wohnung vorüber, und es wurde ihm unheimlich um’s Herz, als er in die Nähe derselben kam; sein Blut flog rascher in den Adern und färbte seine Wangen röter. Er trat unwillkürlich leiser auf, als fürchtete er, die Verlobte mit dem Geräusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu seiner Freude noch geschlossene Thür zu rufen. Wie er vorbei war, fiel ein Stein von seiner Brust, ohne daß er bedachte, wie wenig mit einer solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt. Er watete so weit als möglich auf den Schlick hinaus, ließ sein schallendes „Halloh“ ertönen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den früher, als er noch in seiner Schöne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute und fröhliche Thätigkeit belebte. Godber mußte sich, nach wiederholten Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglücklichen Schicksal seiner früheren Gefährten überzeugen. Es drängte sich ihm die Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wäre, in den Wellen, gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewußtsein einer doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frühesten Jugend. Lange starrte er mit trübem Sinnen vor sich hin, bis beim Rückblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia’s Bild vor ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengruß nicht erst erwartet zu haben und lenkte seine Schritte eilig zurück.
Achtlos wäre er an der Wohnung seiner Verlobten vorübergegangen, aber — da öffnete sich die Thür; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen „Godber, Godber, bist du da!“ ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch entgegenstreckte. Hätte er sie an seine Brust gezogen, sie würde seinen Kuß ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Daß er es nicht that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeußerung der Liebe, als die größere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen Landes in solchen Verhältnissen sie zuläßt, war die Tochter der Hallig gewöhnt. Wußte sie doch, daß er ihr treu geblieben sei; und wenn er es auch nicht geschrieben hätte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der Untreue unter den in früher Kindheit schon Verlobten eben so unerhört ist, als unter Gatten.
„Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum; denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne ankern sahen? — Wo ist denn das Schiff geblieben?“ Mit diesen Worten sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnsüchtiger Hoffnung hingeblickt hatte.
„Da!“ sagte Godber und streckte seine Hand seitwärts aus nach dem Wrack.
„Herr Gott!“ schrie Maria auf und wäre nun fast an die Brust des Geliebten gesunken. „So kämpftest Du mit dem Tode, während ich so ruhig von Dir träumte! Wir hörten wenig vom Winde in der Vorderstube und meinten, der Sturm habe längst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl, daß wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich hätte gern dabei gewacht. Sie aber meinte, es könnte die in dieser Gegend fremden Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewiß wissen wollte, daß Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet! Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie hätte ich geweint, wenn Du umgekommen wärest. Gewiß, ich wäre auch gestorben!“ und dabei deckte sie die Augen mit ihrer Schürze und weinte vor Angst und vor Freude.
Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thränen des Mädchens fielen wie glühende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein früheres volles Gefühl für sie wieder zurück. Er umfing sie mit seinen Armen, preßte sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia’s Bild ganz aus seinem Herzen verschwunden. Aber Maria riß sich schnell von ihm los und rief:
„Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in’s Haus. Der Thee soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?“
Diese Frage führte Godber’s Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er fiel wieder in seinen frühern Kaltsinn gegen Maria zurück und sprach hastig und in abgebrochenen Sätzen:
„Es sind noch Andere gerettet. — Leb’ wohl! — für jetzt! — Ich muß Bescheid bringen wegen des Schiffes.“
„Warte doch!“ entgegnete Maria. „Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. Laß’ mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.“
Damit sprang sie fröhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.
Sie gingen nun mit einander. Er mit trüben Sinnen und einsilbigen Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz ungewöhnlichen Geschwätzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzählen, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner gedacht, wie fleißig sie gesponnen für die Aussteuer, und sie rechnete ihm dabei jedes einzelne Stück des künftigen Haushalts vor, das sie teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe. Godber war zu Mute, als ob ein ängstlicher Traum ihn immer fester umwob und sein Herz einschnürte; sie aber erzählte weiter, wie sie so oft den lieben Gott gebeten, ihn glücklich heimzuführen; mit welcher Zuversicht sie auf die Erhörung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie nun dem Vater im Himmel danken wolle für Seine Güte und Barmherzigkeit, der aber nicht böse werden müsse, wenn sie jetzt vor lauter Fröhlichkeit noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen könne. Wenn sie so mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Füße; er mußte still stehen und Atem schöpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, faßte sie ihn mit der zärtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, daß er die Erquickung in ihrem Hause verschmäht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei unverantwortlich, daß er sich nicht erst gehörig ausgeruht; aber:
„Warte nur,“ fügte sie hinzu, „nun sollst Du auch in den ersten vierzehn Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie ein Schoßkind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen Nachtmütze über den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden.“
„Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige Weigerung, bei uns einzukehren, auf’s Spiel gesetzt hast!“ sagte sie im Ernst zürnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen, der, über den dort noch 16 Fuß breiten Seearm gelegt, freilich nur einem auf solchem Schwindelpfad geübten Halligbewohner ein Steg heißen konnte, da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fuße darbot. Maria war wie im Tanze hinübergehüpft; Godber folgte ihr nur langsam und schwankend nach.
Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den großen Tisch beim Frühstück, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot, Butter und Schafskäse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig; doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentümlichkeit, manchen ihm früher fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube aufgebunden, daß noch mehrere Locken über die Schultern hinfielen. Sie hatte auch aus dem Schmuckkästchen der Familie, dessen reiche Fülle ihre Erwartungen bei weitem übertraf, die lange goldene Kette geborgt, die jetzt von ihrer Brust glänzte, als oben weit und nach unten zu immer kürzer geschnürtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die großen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darüber hängen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber’s Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten Liebreiz in allen ihren Zügen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem Lächeln, in welchem das Bewußtsein sich auszudrücken schien, daß sie ihm gefallen müsse. Man würde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein, ungewohnt, die Verhältnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefühle ganz hin; und dies Gefühl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fähige Liebe, doch eine Aufwallung von Liebe mit allen Ansprüchen, welche die wahre Liebe auf den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des Jünglings Herz zu gewinnen, für den so Viel in ihrem Herzen sprach; und fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette und nie eine wahrhaft Liebende fähig ist. Godber hing mit stummem Entzücken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben, der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand faßte, sie an ihre Brust drückte und mit schmelzenden Tönen und dem traulichen Du fragte: „Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so früh verlassen ohne meinen Dank für den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie gesehen?“ Da wäre er fast ihr zu Füßen gesunken, und Idalia feierte den vollständigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lächeln um ihre Lippen verkündete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mußte er sich niedersetzen, während Maria, scheu und verlegen und plötzlich verstummt in der Nähe der Fremden, ihr gegenüber kaum sich zu setzen wagte und nur halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schönheit und deren ihr wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, das mehr war, als bloße Befremdung über die ungewöhnliche Erscheinung und über das zutrauliche Benehmen der Fremden gegen Godber. Sie mußte unwillkürlich die bei weicher Fülle schlanken Formen und die blendenden Reize Idalia’s mit dem eignen, von der Sonne gebräunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und Händen und der gedrungenen, nur Rührigkeit und Gewandtheit versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt vergleichen. Sie, unter den Halligmädchen leicht die Schönste, stellte sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch, als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber’s kalte Erwiderung auf die Aeußerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht hatte, das drängte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des Verlobten Treue. Und nicht Idalia’s Benehmen gegen Godber war es allein, das solchen Stachel in ihr Herz drückte, sondern die Eifersucht der Liebe, die auch dem einfachsten Mädchen einen nicht leicht zu täuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nähe eines andern weiblichen Wesens weilt, würde ihr, auch ohne die Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jüngling, manche ihr unwillkommene Bemerkung aufgedrungen haben. Maria’s Herz sollte bald ganz gebrochen werden.
„Wer ist das liebe Mädchen?“ fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone, der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet war, als wüßte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei.
Maria errötete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der Fremden auf. Godber erglühte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause antwortete: Maria Nommens. — Er schien noch etwas hinzusetzen zu wollen, aber — er schwieg. Maria horchte noch eine tötliche Minute lang, aber — er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, preßte die Hand auf’s Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hörte nun nichts weiter. Daß er nicht hatte hinzusetzen können oder wollen: meine Braut! das war für sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit diesem seinem Schweigen war das Glück ihres Lebens vernichtet. Sie wußte nun, daß sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den Verhältnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die Freude, Godber für sich gewonnen zu haben, überwog fast ganz ihr Mitleid mit der armen Maria. Auch Godber fühlte, wie er durch das Verschweigen seines Verhältnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar nicht daran, wie ja möglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und saß in der peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander’s: „ob er nichts von dem Schiffe gesehen?“ zu seiner Freude gerissen wurde. Er erzählte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen über diesen Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die Zurückgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden hätten.
Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurückbebte und nach mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand geführt, hinüberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thränen ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich laut weinend auf ihren Sitz nieder.
Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an den Strand geführt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt waren.
Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten herzlichen Begrüßung des glücklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht, ein Boot über den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb mit Wasser gefüllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht. Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur. Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitän mit seinen Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es stand zu erwarten, daß in einer der nächsten Flutzeiten die Leichen ans Land getrieben werden würden. Einiges Wertvolle wurde sogleich mitgenommen, und Godber vergaß nicht, für Idalia eine Kiste mit Südfrüchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen süßen Weins verpackt waren, beizufügen. Die Bergung der übrigen Ladung, die größtenteils aus Fässern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde dadurch vorbereitet, daß mehrere Schiffsseile, um die Stümpfe der Masten und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am Strande befestigt werden sollten.
Während die Zurückgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den Berglohn sprach, worüber sie aber zu seiner Verwunderung jede eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit gelobten, die für die Aufrichtigkeit ihrer uneigennützigen Gesinnung sprach, hatte Idalia, mit Hülfe ihres nach einer, wie er sagte, menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kästchen mit Apfelsinen und eine Flasche Wein geöffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar kräftige Züge that. Darauf schälte sie mit ihren weißen Fingern eine der süßen Früchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei Hälften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank für seine Aufmerksamkeit die eine Hälfte. Lächelnd schlürfte auch sie dann aus der Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu verschmähen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in Berührung käme. Des beglückten Jünglings Lippen waren wie festgebannt auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern mitzubringen? riß ihn aus seiner Begeisterung.
„Ach,“ sagte er, „ich möchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als in dieser Kleidung meiner Heimat.“
Er errötete selbst vor dem Geständnis, das in diesen Worten lag; Auch Idalia’s Wangen färbten sich höher, und erst nach einer Pause erwiderte sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte:
„Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt oder verschwägert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehört, als das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mädchen Deiner Hallig an, warum denn mir allein das kalte Sie?“
Ueberraschung und Schauer des Entzückens verschlossen Godber den Mund. Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem freundlichen Lächeln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht länger zweifeln an der Erfüllung seiner kühnsten Hoffnungen. Als jetzt die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu strafen, weil es zu viel verkündet, als die enger angezogenen Lippen die Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte aufgenommen würde, anzudeuten schienen, da riß es ihn allmächtig hin zu ihren Füßen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen, obwohl überrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm führte sie ihn in seine Schranken zurück. Wer aber konnte es dem Liebetrunkenen wehren, in ihren Händedruck, wie in den Blick, der diesen begleitete, ein antwortendes: „Dein!“ hineinzulegen? Sie rief nun ihren Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht.
Wundern wir uns nicht, daß Idalia die volle Gewißheit ihres Sieges über das Herz des Jünglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt hatte, so schnell und mit einem kaum jungfräulichen Entgegenkommen herbeiführte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie wünschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben zwischen Fürchten und Hoffen, und dazu drängte sie noch die wahrscheinliche Kürze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie fürchten mußte, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemüt lieben konnte, wirklich liebte! Auch war durch frühzeitige Romanlektüre jenes zarte, scheue Wesen längst abgestreift, das, gleichwie der weiche, duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert und dadurch verschönt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem eigentümlichsten Sein gehört und ihr den höchsten Reiz giebt, dessen Nachäffung zur widerlichsten Ziererei wird.
Dieses schöne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der jungfräulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Töchtern verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen könnt Ihr nur übertünchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst unbewußten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: „Ich sage Euch, daß auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen, als derselben eine.“ Mit dem Verlust dieser Mitgabe für’s Leben ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch so blendende Schönheit, von keiner noch so glänzenden Bildung ersetzt werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wüsten Leidenschaft ein freier Eingang geöffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure Töchter setzet Ihr durch Romanlektüre in eine Welt hinaus, in welcher die schwüle Stickluft lüsterner Begierden und der helle Brand wilder Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so gefährlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hülle gefällt und der Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung übrig läßt. Die Religion, die allein noch wehren könnte, ist dabei zu einer Blumenkönigin umgewandelt, die, mit heitern Kränzen geschmückt, dem frivolen Spiel freundlich zusieht und nur Liebe, Güte, Milde, Duldung und Nachsicht atmet.
Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte überhaupt weniger aufgetan sein für den großen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der Menschheit ein ungetrübtes Gefühl für alles Wahre, Gute und Schöne sich in einem stillen, frommen Gemüt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu üben, und im besten Falle mit langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurückzukehren. Ihre ganze bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Körperbildung und ihr ihnen angebornes, zarteres Gefühl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen Berührung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Stürmen aufwachsenden Baum mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein Stillleben hin. Dagegen führt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre jetzt gewöhnliche Lektüre sie in ein Gebiet, das ihnen besser verschlossen geblieben wäre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn sie auch nur erträumt sind, dennoch eine glückliche Binde von ihren Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose führen, und eine Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sündenfalle, wodurch ein Paradies verloren ging.
Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd und die Wiege zu denken; aber gewiß ist jede Bildung desselben, die den Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene Oberflächlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nährt; aber doch möge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als daß er in die Tiefen aller Gründe und Beweise sich verliere. Fern sei jenes Weben und Schweben in bloßen Gefühlen ohne Halt und Kraft; aber doch gehe das feinfühlende Herz dem überlegenden Verstande voran und merke das Falsche und Sündliche eher, als jener es durchschaut, habe den Willen schon dem Wahren, Guten und Schönen zugelenkt, während jener noch das Für und Wider abzuwägen nicht fertig ist. Und über dieser Bildung schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklärend, die Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur Enthüllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe nährt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als Theologie erscheinen, als jene strahlende Königin, die ihres Thrones Stufen von den Trümmern des Aberglaubens, Unglaubens und der Zweifelsucht erbaut.
V.
So güterreich,
Und doch so arm;
So künstlich heiß,
Und doch nicht warm;
So überfein,
Und doch so roh;
Genuß und Spiel,
Und nimmer froh;
Nur Glanz und Pracht,
Kein Morgenrot:
Fehlt da zum Schluß
Denn noch der Tod?
Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf der Hallig angestellt, doch schon aus Maria’s Erzählungen kannte, freundlich begrüßte.
Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht geräumig genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mußte. Als nun Godber mit dem Vorschlage hervortrat, seine väterliche Wohnung, die ja ganz unbesetzt sei, mit den notwendigsten Möbeln und Geräten für Alle einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum für die zu bergende Ladung darböte und die Anwesenden auf das Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen, entschied sich Idalia sogleich für die Annahme. Sie sprach unter fröhlichem Händeklatschen laut ihren Jubel darüber aus, dort als regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes häusliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander fand es aber passend, eine ältere und erfahrenere Martha um ihre Mithülfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia, nebst einer bejahrten und verständigen Frau von der Hallig, in Godbers Wohnung ein und die Andern verfügten sich nach ihren verschiedenen Häusern, um dort das Notwendigste für die ersten Bedürfnisse der fremden Familie auszuwählen.
Für diesen Tag war Idalia vollauf beschäftigt, um, so weit es die Umstände erlaubten und die empfangenen Sachen es zuließen, Alles auf das Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mußte hier ein Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerückt werden, und es gehörte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um ihrer Gefährtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden Veränderungen nicht den übernommenen Dienst zu verleiden. Godber lächelte innig vergnügt über diese Geschäftigkeit, und putzte nach Idalia’s einander drängenden Anordnungen an der Reinigung und Ausschmückung der Stuben mit, als gelte es, die Kajüte des Kapitäns für den Empfang vornehmer Gäste zu bereiten. Mander selbst freute sich über dieses früher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, daß der Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt würde, und verglich seine Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput vorwarf: „Sie werden ja immer confuser!“ rasch antwortete: „Nein, ich ordne nur meine Gedanken!“
Es möchte hier Zeit sein, einen nähern Blick auf des jungen Mander’s Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und ärmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens Einfluß hat, und die der Erhebung über die Welt des Genusses nicht fähig sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, daß unser Urteil über ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststände. Vielmehr, obwol beinahe zwei Jahre jünger als seine dreiundzwanzigjährige Schwester, war doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens, sondern wie sie Berechnung und Gefühl also verschmolz, daß auch der erfahrenste Menschenkenner oft schwer hätte unterscheiden können, wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst jene Unterscheidung nicht leicht möglich gewesen wäre, so vereinte sich bei ihm ein Herz, fähig der wärmsten Empfindung für alles wahrhaft Große und Schöne, mit der fast ausschließlichen Richtung seines Lebens auf das sinnliche Gefallen und körperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob er nichts Höheres kenne über des Leibes Wolsein und der Sinne Ergötzung hinaus; nein, er gehörte zu dem Schwarm junger Großstädter, die es Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Bälle und Liebschaften Raum haben. Er war noch zu jung, als daß jene Philosophie, die Ausgeburt eines gefallenen Geistes, der das Gemälde seiner Erniedrigung übertünchen und die Stimme des Gewissens übertäuben wollte, dadurch, daß er für seine Tierheit den Namen System mißbrauchte, in ihm so feste Wurzel gefaßt haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu überwuchern und zu ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jünger zu den Füßen dieser Seelenverkäuferin gewesen, um sich nicht selbst zu überreden, daß er ganz das sei, wofür er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das Ansehen behaupten zu können, ein Meister in der Kunst der Erbärmlichkeit zu sein. Natürlich mußten Stunden im Leben, wie die auf der stürmenden See, ihm seine Blöße zeigen; aber eben darum bemühte er sich nur desto mehr, sie aus seinem Gedächtnis zu tilgen und den Eindruck, den in solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf ihn und Andere gemacht haben könnte, durch eine schnelle Rückkehr in das alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach. Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus dem drohendsten Untergang mehr eine widernatürliche Anspannung seiner Kräfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere überreden mochte, ein Zeugnis seines leichten Sinnes.
Es gehört die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen und Herren, denen im Besitz und Genuß aller Güter des Lebens nur Eines fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt sich die Wahrheit des Wortes Christi: „wer nicht glaubet, ist schon gerichtet!“ Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der Fülle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwünschung wirkt schon die Zeichnung eines ihrer „himmlischen“ Tage auf das Gemüt. Diese stundenlange Toilette mit allen ihren jämmerlichen Künsten und dabei das Entzücken über eine wolgelungene Schleife, über die Zier eines neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel, dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche gegeben oder angenommen, Gespräche in nichtsmeinenden und nichtssagenden Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper, an dem letzten Ball mit einer Zähigkeit haftend, als ob man sich es bewußt wäre, daß darüber hinaus aller Gedankenvorrat erschöpft sei. Glücklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman, oder ein Körnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlösen und das Lob eines interessanten Gesprächs auf die Sprecher zurückspiegeln. Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und Cholera, Volksaufständen und Militärparaden in demselben Gemenge zu reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo die schmelzendsten Töne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, während dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den Staub einer schwindsüchtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte Fünkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das künstlich erregte Blut mit dem künstlichen Eise wieder zu dämpfen. Und dieses Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Glätte und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen, sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und roheste Uebertreter aller göttlichen und menschlichen Gesetze noch ein Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken soll, da muß auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfüllten Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre Leichengerüche zu als Nahrung für Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben entgegen, so wenden sie sich verächtlich ab, als hätten sie Moder und Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.
So sind sie, wenn auch für den nur obenhin Schauenden mit lieblicher Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne Sehnsucht wieder hinauf zu der grünen, frischen Krone.
Hold mochte, als er später den jungen Mander näher kennen lernte und sich die eigenen in großstädtischen Kreisen gemachten Erfahrungen vergegenwärtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas auffallenden Titel: „Gesichte“ gegeben hat, und woraus wir vielleicht noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem auch folgendes Gesicht:
Ich sah ein kleines Mädchen mit allen Zügen des Hungers auf den bleichen eingefallenen Wangen und mit der Blöße der tiefsten Armut angetan, am Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwölf Jahre sein, aber ihr Körper war klein und schlaff, wie das kränkelnde Gewächs eines Treibhauses. — Und ein Weib, reinlich aber ärmlich gekleidet, am Busen einen lächelnden Säugling und an der Hand einen hüpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mädchens am Wege; sie ließ die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie ging vorüber und schritt über einen Steg auf das Feld zu einem arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schweiß von der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, während der Knabe für ihn die Flasche aus der nahen Quelle füllte. Da sah das Mädchen am Wege hinüber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hälften und trat hin und gab der Hungrigen die eine Hälfte. Sie dankte ihm mit der Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der Blick des Mannes noch einmal über die ganze Gestalt hin und er legte nun auch die andere Hälfte des Brotes in ihren Schooß. Das Mädchen vergaß ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er über den Graben zurückschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand über die Augen, als weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schürze sorgsam den Schweiß von seiner Stirne, und es schien mir auch, daß sie ihn küßte. Da setzte er sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lächelnden Säugling. Eine Karosse fuhr unterdessen vorüber auf dem Wege, und die darinnen wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hörte nur noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme Stück: die Waise.
Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“
Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich nickte, als ich dem armen Mädchen, schamrot über die geringe Gabe, zwei Silberstücke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! — Immer schöner entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag sie da, gekleidet in Seiner Schöne, erfüllt mit dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, träufelnd von dem Segen Seiner Güte und duftend in dem Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schützender Gebirge, deren freie Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grün kräuterreicher Weiden, auf denen die gesättigte Kuh ihre breiten Glieder in den Klee streckte, während das mutige Roß im geflügelten Lauf seine Kräfte übte. Tiefer hinab der schlängelnde Strom, dem fremden Segler nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Straße und dem Fischer am Ufer eine Quelle genügsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu der breitästigen, dichtbelaubten Eiche am grünen Hügel. Da drang es, wie eine Stimme aus der Höhe überwältigend in mein Herz: „Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist!“ Mein Fuß hatte in diesem Tempel Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorübergehen kann, ohne ein Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so groß und so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfüllet mit Seinen Gütern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklärt, wie Einer, dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fuße des Hügels mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit über die schattenlose Anpflanzung ausländischer Sträucher hervor, und in seiner Größe verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: „Zum ländlichen Vergnügen,“ prangte in goldenen Buchstaben über der Thür. Auf dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente zechten und lärmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gäste drinnen aber vergnügten sich mit lautem Geräusch am Billard, und als ich ein stilles Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestörter Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flüchtete ich in eine andere Stube. Hier aber saßen viele Herren und Damen und blätterten in Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnsüchtige Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch störten diese die eine junge Dame nicht, die selbstgefällig eine Arie aus Fra Diavolo am Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drängte sich Alles an sie heran, ihrem entzückenden Gesange und kunstreichen Spiele zu huldigen.
Da kam mir der Garten Gottes rings um dies „ländliche Vergnügen“ her in den Sinn, und ich dachte: „sie sind schon gerichtet!“
Plötzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: „Singe Du uns auch einmal etwas vor!“ und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit auf die Straße. Da stand das Mädchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt über die Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine Silbermünze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; während der Reiter, den ich vom Wege her wieder unter den Gästen erkannte, mit finsteren Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: „Pack’ Dich, Dirne!“ „Nein, sie soll singen!“ forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen Thaler vor sie hin auf die Straße und schrie noch einmal: „Weg mit Dir!“ Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mußte, und wollten sich den köstlichen Spaß nicht nehmen lassen, den Knittelvers irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hören. „Ich kann nicht singen,“ stammelte ängstlich die Kleine. „So sag’ uns ein Lied her, das Du weißt! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler ausstrecken.“ Das Mädchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Füßen lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mürrisch vom Fenster weggezogen hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme: