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Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee cover

Die Hallig: Die Schiffbrüchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Chapter 9: VII.
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About This Book

The narrative depicts life on a tiny, unprotected North Sea islet where isolated inhabitants confront relentless tides and a devastating storm that sweeps away homes and the church. Through linked episodes it portrays daily labor, intimate domestic moments, and the arrival of shipwrecked strangers, while foregrounding communal piety, steadfast attachment to homeland, and moral reflection. Religious faith, mutual aid, and simple contentment are shown as sustaining forces, and catastrophic weather becomes the crucible that tests loyalties, reshapes relationships, and prompts questions about duty, resilience, and the limits of human control.

Wer nur den lieben Gott läßt walten

Und glaubensvoll — —

Aber bei dem schallenden Gelächter, das diese Worte hervorriefen, schreckte das arme Mädchen zusammen; in ihre Wangen schoß die volle Glut der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie über die Straße hinweg. Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu. Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um eine Arie aus: Robert der Teufel.

Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“

Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf die Straße durch’s Dorf entlang. In der Nähe einer der letzten Hütten gellten die scheltenden Worte: „Du Bastard, komm mir nicht wieder unter die Augen!“ und eine alte, erboste Bäurin stieß die Kleine vom Wege aus ihrer Thür. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich. Ich trat hinzu und suchte sie zu trösten, und fragte dann, ob sie von ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen. „Von meinen Eltern?“ und dabei blickte sie mich verwundert an; „die Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der Thür abgehorcht, der singt es alle Abend.“ — „So versprich mir, jeden Tag einen Vers aus diesem Liede für dich herzusagen, bis Du groß bist.“ Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. „Hier ist auch der Thaler,“ fuhr ich fort, „als Lohn für dein Aufsagen am Fenster.“ Die Kleine griff hastig nach dem Gelde. „Dank, Dank!“ rief sie, „nun kann ich der Mutter eine Decke kaufen.“ Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer erkrankt und sie ausgesandt, die Großmutter im Dorfe um eine warme. Decke zu bitten. „Nun kann ich eine Decke kaufen!“ mit diesen Worten blickte sie halb trotzig nach der Hütte ihrer Großmutter auf, die sie eben ausgestoßen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die immer nur schalt! — „Hör’, Kleine!“ rief ich ihr nach. Und ich fragte: „Hast Du nie Deinen Vater gekannt?“ Das Mädchen blickte schüchtern um sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich näher zu mir hin und flüsterte leise: „Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn nicht Vater nennen;“ und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als fürchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fügte sie hinzu: „Der war’s, der mir den Thaler zuwarf.“

Da dachte ich: „sie sind schon gerichtet!“

VI.

Der Geist mag sich im Werk verkünden,

Das schöpferisch er Dir enthüllt,

Die Macht kann sich ein Zeugnis gründen,

Das mit Bewundrung Dich erfüllt.

Willst Du nach einem Herzen fragen,

Dem Deine Thräne nicht zu klein:

Da muß das Herz an Deinem schlagen,

Muß mit Dir dulden, mit Dir tragen,

Da muß Dein Gott Dir Christus sein.

Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung der Güter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschäftigt waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklärte, daß sie seine Hülfe nicht entbehren könne, wenn die Herren eine ruhige Nacht wünschten.

Hold war zu Maria’s Wohnung gegangen, um ihr seinen Glückwunsch zu der Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da, als er erwartet hatte. Maria in Thränen schwimmend, ihre Mutter ängstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd tröstend, bald eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit.

„Gott Lob!“ rief diese, als sie Hold erblickte, „Gott Lob! Herr Pastor, daß Sie kommen! Ich weiß nichts mehr mit dem Mädchen anzufangen. Da kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt: Godber ist da! daß ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern fühle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurückgekommen bin, bis jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrückt. Als ob so ein schiffbrüchiges Milchgesicht das hübscheste und fleißigste Mädchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem Verlobten ausstechen könnte.“

Und nun erzählte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber’s unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu überzeugen. Doch war er auch zu sehr davon überrascht und ergriffen, ein Herz trostbedürftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen Dankgebet hatte leiten wollen, als daß er nicht mit mehr Ernst, denn sonst wohl, in Maria’s Vorstellungen eingegangen wäre. Er glaubte zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu können, wenn er ihrem aufgeregten Gefühle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher:

„Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, daß Deine Liebe zu Godber nicht mehr in seinem Betragen erblickte, als darin lag, daß die natürliche Teilnahme, die er für die durch ihn Gerettete haben muß, weiter geht, als Du wünschen kannst, wird er nicht, wenn der erste lebhafte Eindruck vorüber ist, zu der Treue zurückkehren, die er Dir gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus seinen Briefen weißt, neun Jahre in der Ferne nur allein für Dich schlug, obwohl ihm gewiß schon manche reizendere Gestalt als diese Fremde entgegentrat?“

Maria schüttelte schweigend den Kopf.

„Wenn auch,“ fuhr Hold fort, „in diesem Augenblick die Zuneigung der jungen Stadtdame für Godber vielleicht über die Grenzen der Freundschaft und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewiß? Willst Du von ihr verlangen, daß sie, aus der drohendsten Todesgefahr durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefühle auf das Maß beschränke, das sie in der Zukunft bewahren müssen und werden? Diese lockende Sprache und dies verführerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh bereitet, werden sich früh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer besonnenen Berücksichtigung der Verhältnisse zurecht finden, und Godber wird, vorausgesetzt, daß Du sein Betragen an diesem Morgen recht beurteilst, gar bald sich als das thörichte Gängelkind einer flüchtigen Aufregung erkennen.“

Maria antwortete noch immer nicht.

„Aber was reden wir weiter davon,“ schloß des Tröstenden Zuspruch; „ist denn Dein Glaube an Godber’s Liebe nicht fester, als daß ein Augenblick ihn erschüttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbäche? Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu Dir heimgeführt, nun nicht auch ferner wachen, fördern und helfen zu einem glücklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er wird’s wohl machen nach Seinem weisen und gütigen Rat und Willen! Befiehl Ihm Deine Wege. Er ließ noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der ihm vertraute.“

„Amen!“ sagte die Mutter, die ihre Hände andächtig gefaltet hatte; aber Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie in die Worte ausbrach: „Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen nicht angesehen!“

„Kind, frevle nicht!“ rief die Mutter ängstlich, und: „Gott behalt’ ihr die Sünde nicht!“ flehte sie mit emporgehobenen Händen, indem die Thränen ihr von den gefurchten Wangen perlten.

Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit plötzlich Maria’s Liebe gestiegen sei, die während der langen Trennung und bei Godber’s gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. — Fließt denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels Stürmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein, in seine Bahn geworfen, aber schäumt er heftig auf. — Es konnte hier nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei; sondern eine rasche und starke Hülfe that ihrer Seele not. Er faßte daher Maria’s herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und ruhigen, aber eindringlichen Tone:

„Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Händen, die nicht festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden geschmäht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thränen auf Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat’s vollbracht! Zu Ihm kommen die Mühseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedächtnis Seiner Leiden für uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes, vergängliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen nütze ist und die Verheißung hat dieses und des zukünftigen Lebens? Ich aber hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Höhe und frage: was ist der Mensch, o Gott, daß er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und, selbst mit dem bittersten Leid getränkt, freundlich naht dem Herzen voll Gram und spricht: „Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir offen!“ Die aber der Welt Unruhe und Kümmernis scheidet von Christo und Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf’s Neue und verderben sich selber. Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in die Du gekommen bist, wird Dich nicht überwinden, sondern durch den Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur geläutert, erhoben und verkläret werden. Die mit Thränen säen, werden in Freuden ernten!“

Und nun Maria’s Hand in seiner gefalteten erhebend, während sie lautlos in die Knie sank, rief er:

„Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heißt im Himmel und auf Erden, hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.“

Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre Thränen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und das Auge, in welchem noch die letzte Zähre schwamm, nach Oben richtend, die Hände über die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:

„Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe!“ Nun gab sie voll Zuversicht ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn Hand zu stellen und nur für sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen in den Tagen ihres Alters.

Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter für seine Tröstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung zurückhaltend, bat noch den Pastor unter der Thür, doch bei Gelegenheit ein ernstes Wörtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich vorgenommen.

Auf dem Heimwege dachte Hold darüber nach, warum die Hinweisung auf Christum augenscheinlich so mächtig auf die Bekümmerte gewirkt. Er glaubte diesen beruhigenden Einfluß nicht allein daraus ableiten zu müssen, daß das Gedächtnis des Herrn in ein höheres Reich einführe, in welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Träume erscheinen, sondern auch darin finden zu dürfen, daß der Friedefürst und Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone erscheint.

Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als eine Entwürdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein kindlich gehorsames Herz sich bewahrte für das Wort des ewigen Vaters. Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedürfnis der schwachen Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der niedern Luftschicht seinen Flügeln allein die Schwungkraft geben kann, mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht von dem: „Wer mich siehet, der siehet den Vater“ ausgehet, wird der Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist sich aufringt, für den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern zu dessen eigentümlichem Wesen und Sein es gehört, so daß er, wenn auch diese Erdenhülle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklärten Leib gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefühl der Andacht den Menschen hinauftragen zu den himmlischen Höhen, und, den blöden Sinn überwältigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wäre, so verliert er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine feste Ruhestätte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und Gefühle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er für die schmerzlichen Gefühle, die ihn bewegen, keinen Anknüpfungspunkt findet und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In Christo sind diese Enden verknüpft. In Ihm sieht der Leidende den friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben Blick den Sieg, der die Welt überwindet, den Frieden, der vom Himmel stammt und zum Himmel führt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum Vater geebnet. Sie ist kein plötzlicher Aufschwung mehr über den Abgrund seines Kummers hinweg, sondern ein allmäliger Uebergang aus den Dornen in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Höhe. Er trägt, indem er mit dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit hinauf und fühlt darum die heilende Hand näher und gewisser. Auch in diesem Sinne ist es wahr: „Niemand kommt zum Vater, denn durch den Sohn!“

Heiland, Deine bangen Schmerzen

Auf der dornenvollen Bahn

Lassen jedem wunden Herzen,

Ein vertrauter Freund, Dich nahn!

Heiland, Deine Siegesfreuden

In der Schmach und in der Pein,

Leuchten auf den Quell der Leiden

Mit des Himmels Wiederschein.

Tau aus ew’gem Lichtgebiete,

Zähren, wie die Erde weint:

Perlen, ihr an einer Blüte,

Trank in einem Kelch vereint;

Abgrund, den die Nacht geboren,

Kreuz, voll Marter und voll Hohn:

Zur Verherrlichung erkoren,

Lebenswiege, Friedensthron!

Ja, die Scheidung ist gefallen,

Und verklärt der Erde Leid.

Aufwärts darf der Seufzer wallen,

Gilt er auch dem Traum der Zeit.

Fand mein Schicksal andre Gleise?

Welche Wandlung ist gescheh’n?

Sieh’, der Freund entführte leise

Hin mich, wo die Palmen weh’n.

VII.

Wie sich Licht und Schatten wende

Wechselnd in der Völker Loos,

Knechtschaft zieht die Freiheit groß,

Unrecht schlägt die eignen Hände.

Als Hold in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Mander und Oswald dort vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken für die bewiesene Fürsorge, teils um zu sehen, ob für ihren Aufenthalt auf der Hallig die Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie ihnen nicht ganz fehlen würde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe, und das Aeußere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des Gärtners auf ihrem ländlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war, diente nicht dazu, ihre Erwartungen höher zu spannen. Einfachheit und Beschränktheit schienen hier die genügsamen Schaffnerinnen gewesen zu sein. Reinlichkeit mußte den Glanz, Nettigkeit die Schönheit, gefällige Anordnung die Fülle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen Stoff so lange als möglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blühten Mutter und Tochter in der Fülle der Gesundheit: und der Eindruck, den das herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht allein durch die angenehmen Züge ihres Gesichtes und ihre gefällige Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frühereren Umgang in höheren Kreisen verratendes Wesen erhöht. Oswald ward dadurch ganz irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte Verdeckung der gewiß erwarteten Verstöße und durch freundliche Herablassung zu den beschränkten Vorstellungen und trivialen Lieblingsgesprächen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er voraussetzte, sehr eng sei, hier großes Lob zu ernten, nun aber bald merkte, daß es für ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den rechten Umgangston für eine unter solchen eigentümlichen Umständen gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schätzen wußte, fand sich davon nicht wenig überrascht bei der ebenfalls von ihm vorgefaßten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder überlästige Höflichkeit zu stoßen. Nach den ersten Begrüßungen suchte er daher mit geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob sie sich in dieser ihrer Lage wohl glücklich fühlen könne?

„Das ist eine Gewissensfrage,“ erwiderte sie lächelnd. „Wir Frauen hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.“

„So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten?“

„Ich habe,“ sprach sie, „nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden. Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen.“

„Aber unbegreiflich ist es mir,“ sagte Oswald, „wie der Pastor sich hier wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?“

„Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.“

„So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren muß?“ bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.

„Sie meinen,“ lächelte die Pastorin, „weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.“

„Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,“ sagte Mander, „bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt ist.“

„Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,“ entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehörte, „etwas für die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.“

„Wie!“ riefen Mander und Oswald erstaunt, „der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?“

„Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintönige Buchstabieren anhöre und dabei einen Blick auf diese Bücher werfe. Aber Hold weiß sich ganz darein zu fügen und geht eben so munter in die Schulstube hinein, wie er aus derselben zurückkehrt. Auf allen Halligen ist übrigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.“

„Aber ich würde mir einen Gehülfen halten,“ sagte Oswald etwas unbedachtsam.

„Dieselbe Ursache,“ erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte und leise errötete, „welche jene Verbindung nötig macht, erspart uns auch den Gedanken an einen Gehülfen für die Schule.“

Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser Unterhaltung befreit, die für sie etwas peinlich geworden war, da Frauen überhaupt noch weniger als Männer dazu geeignet sind, die beschränkte Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als möglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.

Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wußte ihren Dank für Das, was auch er für ihre gastliche Aufnahme auf der Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr danken müßte, daß sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der Welt draußen zu erzählen.

Während nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen Fällen für seine Gäste hat, und was er den größten Teil der Woche hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur genießt, hatten die Männer im raschen Laufe des Gesprächs schon fast die ganze Erde umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf den luftigen Höhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben und den entscheidenden Einfluß einer richtigen Beantwortung auf das Wol und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen Geistes in der seither versuchten Lösung dieser Lebensfragen bewundern, dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lösung gefruchtet.

Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in früheren Zeiten oft die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten Stände und Stämme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt und zugleich für den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch über den Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch immer wieder zu derselben zurück.

Hold sagte, als er dies bemerkte:

„Es ist immer eine ärmliche Zeit, die keinen über die nächste Wand hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brütet einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben, eine jämmerliche Nützlichkeitsprosa aus. Ueber dem täglichen Verkehr, über dem Dichten und Trachten für die Duodezwelt, die für Jeden eine andere ist, muß ein Reich aufgethan sein, das Alle zuläßt, ohne nach Paß und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe groß zieht. Aus diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkürlich hineingeraten, nicht ganz als bloßen Zeitvertreib verwerfen; obwol die Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten gegen einander geübt wird, mir die verächtlichste Mißgeburt ist, die ich kenne.“

„Wie!“ rief Mander voll Erstaunen, „müssen Sie nicht den Staatsmann achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Völker und Länder abwägt; der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu kombinieren weiß und mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen; der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten Stürmen steuert und auf tausend Umwegen glücklich an’s Ziel führt?“

„Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,“ entgegnete Hold; „aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker sättiget.“

„Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Völker übertragen?“

„Ja wol will ich das,“ erwiderte Hold mit großem Eifer. „Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem Meisterstück der Diplomatie.“

„Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.“

„Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin, der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa’s schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?“

„Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,“ erinnerte Oswald. „Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.“

„Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne, und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?“

„Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern,“ rief Oswald, „in welchem auch mein Vater mitgestritten hat.“

„Gerade jener Kampf spricht für mich,“ entgegnete Hold. „Es war für die unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer, geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?“

„Sie mögen darin Recht haben,“ erwiderte Mander; „jedoch werden Sie auch zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende Politik entgangen ist.“

„Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist, daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt hätten.“

„Das möchte ich doch Keinem raten,“ meinte Oswald, „so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen.“

„Und warum sollte es nie dahin kommen?“ antwortete Hold. „Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich zu machen für die gute Saat. Aus all’ dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten übervorteilen, wie Du kannst!“

„Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,“ sagte Mander lächelnd, „nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der Schwächern unter ihnen!“

„Und davon,“ entgegnete Hold, „wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?“

„Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?“

„Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit.“

„Und doch,“ bemerkte Oswald, „haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.“

„Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.“

Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lächelnd, indem sie sagte: „Die Dünste meines Thees würden auch längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wären.“

Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gespräch fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene Urteil gegeben, das nicht über die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht, und keinen Blick weit über den Anknüpfungspunkt hinüberwagt; doch hörte er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wünsche übrig lassenden, beschränkten Lage nur von Idealen für die Menschheit träumte, und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als nötig war, um Hold im Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche längst entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.

„Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Männer der Wissenschaft die höchste Bedeutung haben müssen.“

„Es giebt nur eine Wissenschaft,“ erwiderte Hold, „von der das wahre Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere fördert in dem Bewußtsein unserer Abhängigkeit von Gott, in der heiligen Lust an Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich trägt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, daß sie eine Gestalt gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.“

„Auf diese Weise,“ bemerkte Mander, „hätten alle Wissenschaften nur eine Aufgabe; während sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz verschiedene Richtungen einschlagen.“

„Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen,“ war Hold’s Antwort. „Die eine Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern Bestrebungen der Wißbegierde sind nur die Träger der Strahlen dieser Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden sie sich in Wüsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber sie werden doch auch ihr Wissen vollständiger entwickeln, klarer durchbilden und fester begründen und dadurch reifen in der Erkenntnis ihres wahren Berufes und in der Zurückführung alles Wissens auf die eine Wissenschaft. Je vollständiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind, desto sicherer werden sie auch zurückgemessen und dienen dann nur als Wegweiser auf den rechten Weg.“

„Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.“

„Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den Brennpunkt der einen göttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein Theologe sein, indem er all’ sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine Hoffnung durchleuchten und durchläutern läßt von der wahren Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott führt. Nur daß der eigentliche Theologe nicht allein, was sein Leben bewegt, sondern die Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten und aller Völker in das Licht und Gericht der göttlichen Weisheit stellt und dadurch an Schärfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der Blinden, zum Lehrer der Ungeübten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum Tröster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgültigen und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche für sich selber das Heil verschmähen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der andern Klasse gehören, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft für sich selbst je fehlen lassen, keine Gelegenheit versäumen, zu reifen in aller Erkenntnis, Tugend und Gottseligkeit.“

„Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden,“ fragte Mander, „auf die wir Alles zurückführen und an der wir Alles prüfen sollen?“

„Sie ist nicht da und kann nicht da sein,“ entgegnete Hold, „wo Irrtum und Täuschung wenigstens möglich sind, in keinem System der Philosophie. Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschöpft werden.“

„Ich möchte mit der Frage des Pilatus,“ sagte Mander, nicht ohne eine schmerzliche Bewegung zu verraten, „Ihnen antworten: was ist Wahrheit?“

„Das Wort Gottes!“ sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises Kopfschütteln des alten Mander und ein fast spottendes Lächeln seines Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhörer befriedigt habe.

Oswald erinnerte jetzt, daß es schon spät geworden sei, und die Gäste schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu wiederholen.

VIII.