Siebentes Kapitel.
Wanderheilige.
Fassen wir zunächst Heilige ins Auge, an denen der ursprüngliche Charakter der Legende unverändert zu Tage tritt, Heilige, deren Lebensgeschichte keinerlei Spuren memorienhafter Erinnerung mehr aufweist, sondern in ein oft überreiches Detail voll unverfolgter Anknüpfungen und unerwarteten Beziehungen sich verbreitend, doch niemals die dürftigen und lückenhaften Leitlinien des biographischen Verlaufes verbergen kann. Heilige dieser Art, wenn man überhaupt weiß, woher sie stammen, sind meistens irgendwoher aus dem Süden oder von Osten ins Abendland eingewandert. Auch im günstigsten Falle mangeln ihrer Gestalt scharfe Umrisse, scheinen sie vielmehr unwirklich zerflossen; oft genug ist in ihrer Ueberlieferung die Volkstradition überhaupt an mehr als einem Punkte in ihrem Flusse aufgeschöpft, oft sogar von ein und demselben Heiligen mehrmals, sodaß wir dann für denselben Namen verschiedene Gestalten antreffen, die sich unter einander kaum mehr ähnlich sehen. Die reine, unberührte Form der Heiligenlegende liegt in ihrer Unform, in der eigentümlich hypertrophischen, hundertgliedrigen Mißgestalt. Meistens durch Amputationen auf ein historisch mehr oder weniger mögliches Lebensbild reduziert, aber auch dann nicht ohne hie und da einen unvernähten Riß, hat sich diese Urnatur der Legende in seltenen Fällen unserer Einsicht noch in ihrer kruden Mißförmigkeit erhalten, etwa als doppelgeschlechtiges Mannweib, als Jungfrau mit dem Barte. Selbst jene Beschränkung der stofflichen Ueberfülle zu einer natürlichen und faßbaren Sagenfigur, formal gewiß ein Fortschritt, bedeutet doch immer zugleich eine Verarmung für den Ideengehalt der Legende, die, sobald sie unbefangen bleibt, sich immer gespensterhaft zwischen Himmel und Erde als ihrer Heimat in der Schwebe hält. Dort bedient sie sich dann wohl menschlicher Erscheinungsarten, aber sie fühlt sich an sie nicht mehr gebunden.
1.
Zur Zeit des Entscheidungskampfes zwischen Christentum und Heidentum beherbergten Kleinasien und Syrien eine Anzahl Heiliger, von denen jeder gewissermaßen auf die Wanderschaft ging, und das Abendland seinem Namen unterworfen hat. Sie haben die Dunkelheit ihrer Lebensgeschichte mit einander gemein, sowie Züge, die in die heidnische Götterwelt hinüberspielen. Deutlich zeigt sich das am heiligen Christoph [151-a]. Er stammt aus dem Lande der Riesen, kam unter der Regierung des Königs Dagnus oder Decius von den Inseln nach der durchaus fabelhaften Stadt Samos in Lycien. Nach seiner Taufe erregte er in Syrien unter den Heiden Aufsehen, weil er statt eines menschlichen, den Kopf eines Hundes trug, und bekehrte Unzählige, weil sein eiserner Stab grüne Blätter trieb. Anderswo [152-a] erscheint Christoph als äußerlich sehr ungeschlacht, dagegen spricht er, als er gefangen wird, ohne Unterricht plötzlich griechisch und verblüfft seine Häscher durch das Wunder des grünenden Stabes; erst dann erfolgt seine Taufe durch Bischof Babylus von Antiochien. In der bekannten germanischen Form dagegen ist Christoph, dem griechischen völlig ungleich, ein heidnischer Riese, der durch die Welt zog, einen stärkeren zu suchen, als er sei. Er diente dem Teufel, bis er ihn einem Kreuz ausweichen sah: der Herr des Kreuzes mußte also stärker sein. Durch einen Einsiedler belehrt, daß sich Christus Dienst in guten Werken äußere, läßt sich Christoph an einem Fluß nieder, um, zwölf Fuß hoch, wie er war, Wanderer über das Wasser zu tragen und thut es, bis er eines Tages unter der unscheinbaren, aber immer drückenderen Last des Christusknaben zusammenbricht. Die Verschiedenheit der Ueberlieferung ist jedoch nicht das einzige, was an Christophs Geschichte auffällt. Auch daß die Namen, die er trägt, mag er nun vor seiner Bekehrung Adokimos oder Reprobus oder Offerus geheißen haben, alle deutbar sind und eine Eigenschaft des Trägers ausdrücken, weist auf einen inneren Zusammenhang des Namens mit dem Leben hin; bei einer geschichtlichen Figur müßte dies ein Zufall sein, da der Mensch heißt, bevor er etwas ist, und somit eine Uebereinstimmung von Namen und Leben, wenn überhaupt dem Namen ein Sinn innewohnt, zu den großen Ausnahmen gehören wird. Aber noch mehr giebt an Christoph zu denken, daß er nicht nur in seiner Sage plötzlich einmal mit einem Hundskopf auftritt, sondern diesen Ersatz eines menschlichen Gesichtes auf alten griechischen Bildwerken wirklich zur Schau trägt [152-1]. Hier hat die christliche Sage einen Riß; wir sehen in die heidnische Mythologie hinein: einen Wolfs- und Hundskopf trug Anubis, der den jungen Sonnensohn Horos durch den Nil trägt [152-2]. Allerdings kann ein vereinzelter Zug nicht viel beweisen. Aber an der Gestalt des heiligen Georg läßt sich der Vergleich auf der ganzen Linie durchführen.
Die griechische Georgslegende erzählt, Kaiser Diokletian habe auf ein Apolloorakel hin alle seine Statthalter zu einem Rat wider die Christen zusammenberufen. Damals lebte Georg, von vornehmen christlichen Eltern in Kappadocien. Er hat als Kind seinen Vater verloren und war dann mit der Mutter nach ihrer Heimat Palästina ausgewandert. Als schöner Jüngling trat er ins Heer ein und zeichnete sich in den Kriegen so aus, daß er Comes wurde. Zwanzig Jahre alt erbte er seine Mutter und begab sich mit seinem fürstlichen Vermögen an den Hof, um da sein Glück zu machen. Hier angekommen — wo, wird nicht gesagt — hörte Georg von der Verfolgung, die über seine Glaubensgenossen verhängt sei, verteilte sofort alle seine Reichtümer unter die Armen und bekannte sich vor dem Kaiser als Christen. Er soll den Göttern opfern, bleibt standhaft und wird nun gemartert. Am ersten Tage stoßen ihn die Trabanten mit Speeren nach dem Kerker; ein Speer, der Georgs Körper berührt, wird wie Blei umgebogen. Dann werden ihm die Füße in den Block gespannt und ein schwerer Stein auf die Brust gelegt. Er lacht über so leichte Qualen. Am zweiten Tag wird er an ein großes mit Schwertern besetztes Rad gebunden und gepeinigt. Darauf liegt er wie schlafend da. Diokletian hält ihn für tot. Man bindet ihn los und siehe da, er ging heil von dannen. Georg wird nun in eine Grube mit frischgelöschtem Kalk geworfen: als der Kaiser nach dreien Tagen den Auftrag giebt, die Gebeine heimlich zu verscharren, findet man Georg in heiterer Haltung, im Gebet begriffen. Der Kaiser hält ihn für einen Zauberer und läßt ihn in glühenden Schuhen in den Kerker zurücklaufen. Als er am sechsten Tage aufrecht gehend vor dem Kaiser erscheint, gebietet dieser Georg mit Riemen ans Rindshaut so lange zu geißeln, bis das Fleisch in Stücken herabfällt. Auch tötliche Zaubertränke trinkt er, ohne Wirkung zu verspüren, aus. Nachdem er die Reihe der Marter bestanden hat, thut Georg drei Wunder: Athganasios fordert ihn auf, einen Toten zu erwecken; er thut es. Dann ruft er den gefallenen Ackerstier des Landsmanns Glykerios ins Leben zurück. Am achten Tage erscheint Georg zum letzten Gericht vor dem Kaiser; im Apollotempel beschwört er den bösen Geist, der in dem Götterbild wohnt, bis dieser sich als einen von Gott abgefallenen Engel bekannt; alle Götterbilder stürzen auf die Erde und zertrümmern. Da fiel die Kaiserin Alexandra dem Heiligen zu Füßen; Diokletian ließ beide zur Hinrichtung abführen. Alexandra gab unterwegs den Geist auf, Georg aber ging Gott lobsingend auf den Richtplatz und wurde enthauptet; es war am 23. April.
In diesen griechischen Akten liegt nun aber eine von allerlei Rücksichten geleitete Ueberarbeitung der Georgssage vor. In älteren lateinischen Akten heißt es: der Teufel trieb Dacianus, den Kaiser der Perser, den Herrn über die vier Himmelsgegenden, daß er die zweiundsiebzig Könige der Erde, die unter ihm waren, zusammenrief und auf ihren Rat die Christen bedrängte. Damals lebte der heilige Georg. Melitene in Kappadocien war sein Geburtsort und der Schauplatz seines Martyriums. Hier hielt er mit einer Witwe Haus. Die Marter, die er zu bestehen hatte, sind zahllos; genannt werden die Folterbank, eiserne Zangen, das mit Schwertern besetzte Rad, die an die Fußsohle angenagelten Schuhe; dann wird Georg in eine eiserne, inwendig mit Nägeln besetzte Kiste geworfen, in den Abgrund gestürzt, mit eisernen Hämmern geschlagen; eine schwere Säule wird auf ihn gelegt, ein schwerer Stein auf sein Haupt gewälzt; er wird auf ein glühendes eisernes Bett gedrückt und mit geschmolzenem Blei übergossen, dann in einen Brunnen geworfen, mit vierzig glühenden Nägeln durchbohrt, in einen glühenden ehernen Stier eingeschlossen, mit einem Stein um den Hals in den Brunnen geworfen: diese Marter dauern sieben Jahre. Endlich verdarb Georg mit Arglist die Zauberer der Heiden und brachte die Heiden selbst um; Vierzigtausendneunhundert Menschen aber bekehrten sich zum Christentum, darunter Alexandra, die Kaiserin der Perser. Dacianus ließ beide enthaupten, eines Freitags den 24. April. Hierauf entführte ein feuriger Wirbelwind den Dacianus und seine Genossen. Die Muhammedaner haben die folgende Fassung übernommen: Georgîs, der noch bei Lebzeiten der Apostel geboren war, wird von Gott zu dem Könige von El-Maucîl geschickt, um ihn zur Annahme des Christentums aufzufordern. Der König ließ ihn hinrichten. Gott aber rief ihn wieder ins Leben zurück und schickte ihn ein zweites Mal; ein zweites Mal getötet ward er von Gott wiederum auferweckt und ein drittes Mal geschickt. Nun ließ ihn der König verbrennen und seine Asche in den Tigris werfen. Darauf vertilgte Gott den König mit allen seinen Unterthanen. Die alte abendländische Legende vom heiligen Georg ist in den Kreisen der Kirche von Lyddadiospolis in Palestina entstanden. Dort erhob man den Anspruch, Georgs Leichnam zu besitzen. Jedenfalls bestand dort ein besonders alter Georgskultus. Deshalb unternimmt auch Georg, ehe er Märtyrer wird, in den griechischen Akten einen Abstecher nach Palestina. Die noch ältere morgenländische Fassung muß davon unabhängig gewesen sein; sie läßt den Heiligen verbrannt werden, sie kann mithin eine Beisetzung seiner Asche, aber nimmermehr seines Leichnams gekannt haben. Georg hat nicht nur bei den orientalischen Christen, sondern fast mehr noch bei den Mohammedanern eine ausnehmende Verehrung genossen. Offenbar wurzelt sein islamischer Kultus tief im Volksglauben und war nicht auszurotten. Wie ist das zu erklären, wenn Georg weiter nichts wäre, als ein christlicher Heiliger?
Sein Geburts- und Todesland Kappadocien hilft uns auf die Spur. Es war fast tausend Jahre vor dem Sieg des Christentums vollständig iranisiert. Die alten Naturgottheiten wurden verdrängt, untergeordnet, verflüchtigt. Nur wenigen Gottheiten gelang es, sich im Volksglauben dauernd zu behaupten und trotz der zoroastrischen Prinzipien immer mehr Terrain zu gewinnen und schließlich aller Orten in Bildern verehrt zu werden. Die vornehmsten dieser Götter sind Anâhitâ und Mithra. Kappadocien ist die Wiege des Mithradienstes in der Gestalt, die er im Abendlande genommen hat. Mithra ist das geschaffene, Alles durchdringende, alles belebende Licht, der Vertreter der Wahrheit, Gerechtigkeit und Treue; in später Zeit ist er mit der Sonne identifiziert und sein Kultus mit vielen fremden Bestandteilen versetzt worden. In der jüngsten Phase des Mithradienstes drängt sich die Aehnlichkeit mit Georg bis auf den einzelnen Zug auf: Mithra der Gott stammt von Menschen und ist ein König göttlichen Geschlechtes, Georg der Sohn vornehmer christlicher Eltern. Mithra der reiche Landesherr, schaltend über Gaben, schaltend über Fluren, Georg der Herr großer Schätze und eines reichen Erbes. Mithra war wohlgebildet, hoch, rein, lieblich, Georg ein schöner Jüngling. Mithra und Georg sind in voller Rüstung, die Hand an der Waffe. Mithras Wagen ziehen weiße Renner. Georg erscheint hoch zu Roß. Georgs Gegner ist der böse Dacianus, und Aji Dahâka oder Dehâk ist die verderbliche Ahrimansschlange und wird in der späteren Parsensage direkt zum Teufel, endlich wird er ganz vermenschlicht und in das iranische Tyrannenideal verwandelt. Der Teufel, Ahriman, ist Dehâks Verführer und Ratgeber, genau dieselbe Rolle fällt dem Apollon bei Dacianus zu. Auf den alten Darstellungen schaut eine Frau im Königsgewande dem Kampfe Georgs zu: die Kaiserin Alexandra. Dem Mithra ist Anâhitâ als weibliche Gottheit häufig beigesellt. Sie heißt die große Königin und tritt auf wie eine Königin, trägt ein goldenes Uebergewand und ist bekleidet mit Pelzkleidern von dreißig Bibern. Der Name Alexandra, »die Männer Abwehrende« wäre eine passende Bezeichnung für die jungfräuliche Anâhitâ. Die spätere Georgssage kennt eine doppelte Herkunft der Alexandra, sie sei in Kappadocien geboren, zur Hälfte aber eine ›Französin‹ gewesen. Das deutet auf Gallien im lateinischen und Galatia im griechischen Original. Versteht man darunter nun nicht das europäische, sondern das kleinasiatische Gallierland, wo Pessinus, der Hauptsitz des Kultus der Göttermutter liegt, so wäre Alexandra die Göttin, die in der That in Kappadocien als Anâhetâ und in Galatien als Magna Mater verehrt wurde. Was nun die Witwe betrifft, mit der Georg, als einem zweiten weiblichen Wesen, zusammengedacht ist, so bringt zwar der römische Synkretismus Mithra noch mit Aphrodite-Anâhitâ in Beziehung, aber da Mithra dort meist Sonnengott ist, in noch engere mit der Mondgöttin Selene-Isis, der Witwe des Osiris. In dem jüngeren Stadium der Georgssage hat die Witwe einen drei Monate alten Knaben, der an Händen und Füßen gelähmt und blind ist, auf Georgs Fürbitte aber nicht nur den Gebrauch seiner Gliedmaßen wieder erhält, sondern auch auf sein Geheiß in diesem frühen Alter geht und spricht. Isis hat zum Sohn den Harpokrates; er ist stets als Kind dargestellt, unausgebildet und schwach auf den Füßen; er legt den Mund auf den Finger: die Geberde des Stillschweigens. Würde ihn ein Georg heilen, dann thäte er eben das was der Sohn der Witwe thut: reden, gehen und anderes was sonst die Kräfte eines Kindes übersteigt. Kehren wir zum Mithra in seiner ältesten Auffassung zurück, so heißt er der mit silbernem Helm und goldenem Panzer, der geschossetötende, mächtige, tüchtige Dorfherr und Krieger, der auf dem Schlachtfeld dasteht und die Reihen vernichtet. In den späteren Mysterien des Mithras war der erste Hauptgrad der eines Miles. Die Römer hießen Mithras den Unbesiegten. Ebenso führt Georg der tapfere, siegreiche Krieger das Beiwort eines Trophäenträgers. Mithra schützt seine Verehrer in den Schlachten und läßt die Gegner an ihnen fruchtlos abprallen; und so genoß er denn auch bei den römischen Soldaten eine außerordentliche Verehrung, die namentlich in den nördlichen Provinzen durch sehr viele Denkmäler bezeugt ist. Der Mithradienst wurde eine förmliche, kastenmäßig abgeschlossene Kriegerreligion, die sich in verschiedene, an harte Prüfungen geknüpfte Grade gliederte. Georg wurde dementsprechend der Schirmherr der Kriegsleute, der Schutzpatron ritterlicher Orden. Mithra ist ein Reichtum, Glück und Frieden spendender, liebevoller Gott; Georg ein Heiliger, der seine unermeßlichen Schätze unter die Armen verteilt. Mithra schützt und spendet Leben; Georg heilt Kranke und erweckt einen Toten. Einer verirrten Kuh werden die Worte in den Mund gelegt: »Wann wird uns der Mann zum Stalle bringen hinterherfahrend, Mithra der weitflurige? Wann wird er uns hinbringen auf den Weg der Reinen, die in das Haus des bösen Geistes der Verwesung geführte?« Georg wird von dem armen Landmann, dem sein Ackerstier gefallen war, angerufen und giebt dem Stiere das Leben wieder. Mithra erscheint auf den römischen Kunstdarstellungen als Stiertöter; aber der Mord stellt sich nur als fingiert heraus: »mit erhobenen Armen fährt zur Unsterblichkeit hin Mithra der weitflurige vom glänzenden Garo-Ninâna aus«; Mithra selbst verklärt sich zu einem neuen unsterblichen Leben, und erst die spätere Einmischung physikalischer Spekulation läßt ihn dann den Stier, das heißt die belebte Natur töten, wobei dann eben dieser Tod die Keime zum neuen Frühling enthält. Mithra heißt der wachsame, in ihm ist das Verständnis der reinen, weithin nützenden Lehre niedergelegt, als erster Verkündiger mehrt er stark des heiligen Geistes Geschöpfe; Georg ist ein treuer Anhänger der reinen Lehre Christi, er wird von Gott ausgeschickt, diese dem Perserkaiser zu verkündigen; er bekehrt Tausende zum Evangelium. Wenden wir den Blick auf die Marter, die Georg zu bestehen hatte, so ist an die allgemeine Vorstellung des Altertums zu erinnern, daß was die Mysten des Gottes zu bestehen haben, auch der Gott selbst bestanden hat. Und nun sind in den Prüfungen, die den Mysten des Mithra auferlegt wurden, die Marter des Heiligen und sein und seiner Anhänger Tod vollständig vorgebildet. Zum schlagenden Beweise dafür decken sich die Namen der beiden Hauptleute, die zuerst durch Gregors Beispiel bekehrt wurden und zuerst den Märtyrertod leiden, genau mit dem Namen zweier mythrischer Mystengrade: Anatolios, »der Morgenländer«, entspricht dem fünften Grade Perses, Protoleon, »der Hauptlöwe«, dem vierten Leo, anscheinend dem zweiten Hauptgrade. Ein alter Bericht erzählt: »Die Perser empfangen gewisse, den Mithras betreffende Weihen; Niemand aber kann seine Weihen empfangen, wenn er nicht alle Qualen durchgemacht und sich als unempfindlich gegen Schmerzen und fromm bewährt hat. Es sollen aber etwa achtzig Qualen sein, die der Einzuweihende stufenweise durchmachen muß, zum Beispiel zuerst tagelang durch vieles Wasser hindurch schwimmen; dann sich ins Feuer stürzen, dann in der Einöde verweilen und hungern, und anderes mehr, bis daß er, wie wir sagten, durch achtzig Qualen hindurchgegangen ist. Und dann zuletzt weihten sie ihn in die größeren Mysterien ein, wenn er am Leben geblieben war.« Die achtzig Martertage sind dreifach verteilt: fünfzig Tage hungern, zwei Tage Geißelhiebe, achtundzwanzig Tage Frieren im Schnee und andere Qualen. Die drei Hauptprüfungen der Einzuweihenden sind die Feuerprobe, die Luftprobe und die Wasserprobe. Sie sind auf einem Bildwerk folgendermaßen dargestellt: nach dem Gesicht und über die ausgestreckte Hand eines knieenden Mannes wird eine Fackel mit einer ungeheuer großen Flamme hingehalten; um einen zweiten in wagrechter Stellung liegenden Mann herum, der auf der Erde hingestreckt ist oder in der Luft schwebt, bemerkt man sieben kleine Bälle, die wahrscheinlich die Stricke bedeuten, mit denen die Glieder des Leidenden angezogen wurden, auf einen dritten, einen nackten, zwischen zwei Rohrpflanzen stehenden Jüngling wird eine Schale ausgegossen. Bei Georg sind die drei Hauptmarter das Rad, die Grube mit frischgelöschtem Kalk und die Enthauptung oder wie die hierin wohl ursprüngliche islamische Fassung lautet, die Verbrennung. Die jüngste Gestalt der Georgssage schließt die Marter mit Rad und Grube, setzen wir auch hier die Verbrennung als erste, und statt der Grube den ebenfalls bezeugten Brunnen, so haben wir auch bei Georg Feuerprobe, Luftprobe, Wasserprobe. Es wird bezeugt, daß Georg in der Luft hing und von dem mit sieben Schwertern besetzten Rade zur Erde niedergelassen. Georgs dreimaligem Tode entspricht es, wenn gelegentlich von einem dreifältigen Mithras der Magier gesprochen wird. Die Martern des Heiligen dauern sieben Jahre oder sieben Tage, am achten wird er hingerichtet. Im Mithrakult galt die Siebenzahl für heilig; in seinen Mysterien kam eine Stiege von sieben Thoren vor, die aus sieben verschiedenen Metallen bestanden und nach den Planetengöttern der sieben Wochentage genannt waren; über der Stiege stand das höchste achte Thor. Die acht Thore stehen zu den acht Mystengraden und zu den achtzig Prüfungen in offenbarer Beziehung. Die Georgssage jüngster Fassung macht Dacianus, Georgs Peiniger, zu einem Diener der Planetengötter. Georgs Todestag, ein Freitag, war der Aphrodite heilig, der Vertrauten des Mithra. Die Feier der bedeutenderen mithrischen Sacra wurde im April abgehalten, auf dessen 23. oder 24. Tag Georgs Gedächtnis fällt. Die Identität Georgs mit Mithra erstreckt sich endlich bis auf den Namen. Mithra heißt schaltend über Fluren, nicht verletzend den Bauer, ja schlechtweg der ›Dorfherr‹; Georgios bedeutet aber Mann der Landbauern. Somit ist sogar der Name des Heiligen nur die wörtliche Uebersetzung eines uralten Beinamens des Mithra. Der Mithrakult gehörte zu den lebensfähigsten des sinkenden Heidentums; heidnische Machthaber, wie Kaiser Julian, haben ihn als Schutz gegen das Christentum nach Kräften gefördert. Aber um eben jene Zeit arbeitete die Kirche dem Mithradienste planmäßig auf zwei verschiedenen Wegen entgegen. Einmal verlegte Papst Julius I. das Geburtsfest Christi auf den 25. Dezember, den »Geburtstag des Unbesiegten«. Sodann wurde der Kultus des heiligen Georg vorzugsweise begünstigt. Schon Constantin soll in Konstantinopel einen Heratempel durch eine Georgenkirche ersetzt und die Georgenkirche in Lyddadiospolis erbaut haben. So wurde der Mithradienst von der christlichen Kirche mehr und mehr untergraben und am Ende des vierten Jahrhunderts gewaltsam unterdrückt [158-1].
Mithra wurde im vierten Jahrhundert auch in Gallien und am Rhein verehrt. Im fünften lassen sich die ersten Spuren des Georgskultes daselbst nachweisen. Wenn eine Anspielung in Fortunats Georgsgedicht diese Deutung gestattet, hat schon der Bischof Sidonius Apollinaris von Clermont, der 484 starb, einen Georgstempel gebaut [158-2]. Das Gedicht lautet:
Die Georgenkirche.
Hand in Hand mit dem Bau von Kirchen für Georg ging der Vertrieb seiner Reliquien [159-a]. Eine kleine hölzerne Betkapelle im Stadtbann von Limoges, das Eigentum einiger armer Cleriker, wußte sich von Pilgern welche zu erwerben, und ebenso besaß ein Dorf bei Le Mans Georgsreliquien. Fuß gefaßt hat indessen der Georgskult im merowingischen Frankreich nicht; immerhin deuten diese wenigen Spuren in der Diogonale von Südosten nach Nordwesten den geradesten Weg von Italien nach England an. Hatte die Macht des heiligen Martin einen fremden Allerweltsheiligen auf gallischem Boden sich nicht ansiedeln lassen, so fand Georg dafür das britische Inselreich zu seiner Aufnahme bereit und wurde was Martin für Frankreich war, nun für England: Nationalheiliger. Dabei verlor er jedoch seine Herkunft von einem orientalischen Gotte vollständig und ging ganz in germanischen Vorstellungen auf. Der englische Georg hat nichts mehr vom Mithra an sich; er hat sich zum Wodan verwandelt [159-1]. Das will heißen: er ist hier wie dort wirklich heimisch gewesen oder geworden. Im merowingischen Frankenreiche dagegen hat er sich nur auf der Durchreise aufgehalten.
2.
Von Georgs kleinasiatischen und syrischen Gefährten, Nikolaus, Christoph, Theodor, Moritz und wer sie sonst sein mögen, sind im Laufe der Zeiten alle nach Westen gewandert. Indes liegt schon die Ankunft Christophs jenseits der merowingischen Zeit. Gar Nikolaus, der verkappte Poseidon, hat sich erst im elften Jahrhundert im Abendland eingestellt. Beide Heilige haben dann diese Verzögerung durch ihre beispiellose Popularität wieder wett gemacht. Blasius und Erasmus, die ebenfalls dem späteren Mittelalter angehören, halten sich mehr im Hintergrunde. Und so bleiben Moritz und Theodor mit Cyricus und Sergius als die einzigen übrig, von denen sich Spuren schon vom fünften Jahrhundert an im merowingischen Reiche vorfinden. Von ihnen wird demnächst in einem andern Zusammenhang zu reden sein. Jetzt hat uns ein weiteres Stück kleinasiatischer Heiligenlegende zu beschäftigen, das nicht auf dem Wege der Reliquienverehrung, sondern ausschließlich durch gelehrte Mitteilung nach dem alten Frankenreiche kam und in dieser Eigenschaft von uns bereits erwähnt wurde. Die Legende von den Sieben Schläfern hat bei unserm Gregor etwa folgenden Wortlaut [160-a]: Der böse Kaiser Decius ließ in Ephesus ein Heidenopfer abhalten und die Christen abfangen. Aber selbst in der unerhörten Verfolgung blieben Viele dem Glauben treu. Es waren auch sieben edle Jünglinge, die hießen Achillides, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius und Cyriacus. Sie waren Diener im Palaste des Kaisers und wurden nun diesem denunziert. Er gab ihnen eine Gnadenfrist. Diese benutzten sie, um erst noch viel Gutes zu thun, dann stiegen sie hinauf in die Höhle, die auf dem Berge Anchilus lag. Dort wollen sie sich im Gebete auf das Martyrium vorbereiten. Diomedes, der jüngste unter ihnen, aber zugleich der gewandteste und klügste, war ihr Bote in der Stadt, wo er unerkannt im Gewand eines Bettlers ihre Geschäfte verrichtete. Eines Tages brachte er auch mit wenigen Broten die Nachricht mit herauf, der Kaiser sei nun zurückgekehrt und sie müßten nun alle opfern oder sterben. Da erschracken, seufzten, weinten und beteten sie zu Gott. Diomedes aber richtete das Mahl und ermunterte sie zu essen. So setzten sie sich zur Abendzeit mitten in der Höhle nieder und speisten. Da sie so traurig beieinandersaßen und miteinander sprachen, entschliefen sie sanft, denn ihre Augen waren ihnen durch den Kummer schwer geworden. Langsam ging ihr Schlaf in Tod über. Ohne es zu merken, gaben sie auf der Erde liegend ihre Seelen in die Hände Gottes. Das Geld jedoch, das sie mit sich genommen hatten, lag ihnen zur Seite. Am andern Morgen ließ Decius nach den Jünglingen forschen und ihre Väter verhaften. Diese aber verleugneten ihre Söhne und verrieten ihren Zufluchtsort. Da befahl der Kaiser, den Eingang der Höhle mit Steinen zu verbauen und sie so lebendig zu begraben. Zwei Vertraute des Kaisers, Theodorus und Rufinus, selber heimlich Christen, beschlossen wenigstens das Andenken der unglücklichen Jünglinge zu retten, ihr Schicksal auf bleierne Tafeln aufzuzeichnen, diese in ein ehernes Kästchen zu legen und es dann wohlversiegelt unter den Steinen der Höhlenmauer zu verbergen. Alles das geschah so. Bald darauf starb Kaiser Decius und sein ganzes Geschlecht. Es folgte ein Kaiser um den andern, bis Theodosius, des Arkadius Sohn, den Thron bestieg. Im achtunddreißigsten Jahre dieses Fürsten erhob sich eine Bewegung gegen die Auferstehung der Toten, durch die sich sogar der Kaiser selbst verwirren ließ. Da beschloß der barmherzige Gott, der nicht will, daß die Frommen auf Irrwege geraten, ein Wunder zu thun, um das Geheimnis der Auferstehung allen zu offenbaren. Er gab es daher dem damaligen Besitzer des Höhlenbergs, namens Adolius, ein, einen Stall für sein Vieh zu bauen. So wälzten denn seine Knechte und Arbeiter die Steine, die den Eingang der Höhle verschlossen, fort, um damit das Gebäude aufzuführen. Nun flößte Gott den Heiligen in der Höhle neues Leben ein. Sie erwachten, setzten sich aufrecht und begrüßten einander wie gewohnt, ohne eine Ahnung, daß sie so lange tot gelegen hatten: ihre Kleider waren noch wie zuvor und sie selber frisch und blühend. Sie glaubten vom Abend zum Morgen geschlafen zu haben, und waren in Angst und Sorge, Kaiser Decius werde sie nun suchen lassen. Nochmals mußte ihr Schaffner Diomedes erzählen, was er gestern in der Stadt vernommen habe: sie müßten entweder opfern oder gemartert werden. Da sagte Achillides: Wohlan Brüder, laßt uns bereit sein vor den Richterstuhl Christi zu treten ohne Furcht vor dem Urteil des sterblichen Kaisers. Doch du, Diomedes, gehe zur Stadt, damit du uns Speise schaffest. Nimm Geld mit und kaufe viele Brote; denn wenige nur brachtest du gestern und wir sind sehr hungrig. Da machte sich Diomedes früh auf den Weg und nahm Geld mit sich von sehr alter Prägung, denn sie hatten fast zweihundert Jahre lang geschlafen. Es war eben Tag geworden, als er aus der Höhle trat. Als er Steine davor liegen sah, stutzte er und wußte es sich nicht zu erklären. Zitternd stieg er vom Berge herab, voll Sorge, erkannt und vor Decius geführt zu werden. Als er an das Stadtthor kam, gewahrte er zu seinem größten Erstaunen ein Kreuz darauf. Er wandte sich zu einem anderen Thore und sah dasselbe Zeichen. Er ging von einem zum andern und fand auf allen Thoren das Kreuz; auch sonst war alles anders. Als er wieder beim ersten Thore angelangt war, sagte er: »Wie geht das zu? Gestern abend verehrte man nur im verborgenen das heilige Kreuz und heute prangt es öffentlich auf den Thoren der Stadt? Träume ich oder bin ich vom Verstande?« Doch machte ihm der Anblick des Kreuzes Mut, er betrat die Stadt. Zu seiner neuen Verwunderung hörte er nun um sich herum beim Namen Jesu Christi schwören: noch gestern wagte Niemand Christus zu bekennen. War es denn überhaupt Ephesus; alle Gebäude sind anders. Er fragt einen Mann, wie die Stadt heiße. Der sagte: Ephesus. Da dachte Diomedes: Ich muß von Sinnen sein, und wollte schnell die Brote kaufen und zu seinen Genossen zurückkehren. Als er die Bäcker zahlte, steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen leise miteinander. Diomedes meinte, er sei erkannt und werde nun ausgeliefert. Verwirrt fragte er: Wo bleiben die Brote, ich gab das Geld? Da faßten ihn jene an und raunten ihm zu: Du hast den Schatz der alten Könige gefunden. Teil ihn mit uns, so verraten wir dich nicht und liefern dich nicht aus. Diomedes wußte nicht was sagen. Da legten sie ihm einen Strick um den Hals und schleppten ihn durch die Straßen mitten in die Stadt. Auf die Kunde, daß Jemand ergriffen sei, der einen Schatz gefunden habe, sammelte sich eine Menge Leute um ihn. Sie schauten ihm ins Gesicht und sagten: »Dieser Mensch ist ein Fremdling, wir haben ihn nie gesehen«. Diomedes aber schaute unter ihnen nach einem Verwandten oder einem Freund aus, fand aber Niemand und stand wie wahnsinnig da. Das Gerücht kam auch dem Bischof und dem Statthalter zu Ohren; sofort befahlen sie, den Jüngling mit seinem Gelde zu ihnen zu führen. Als er herbeigeschleppt wurde und wie ein Toller ringsum schaute, lachte das Volk. Er glaubte, nun vor Decius zu kommen, kam aber zur Kirche. Bischof und Statthalter nahmen die alte Münze, betrachteten sie erstaunt und erkundigten sich nach dem Schatze. Er erwiderte: »Wahrlich, ich habe niemals einen Schatz gefunden. Vielmehr entnahm ich das Geld dem Säckel meiner Eltern; sein Gepräge ist das dieser Stadt. Weh mir, ich weiß nicht, was meinem Verstande zugestoßen ist«. Der Statthalter fuhr im Verhör fort: »Von wannen bist du?« »Aus dieser Stadt«, versetzte Diomedes, »wenn dies Ephesus ist«. »Wer sind deine Eltern? Ist denn Niemand, der dich kennt und Zeugnis für dich ablegen kann?« Diomedes nannte seine Eltern, seine Brüder; Niemand kannte sie. Darauf zieh ihn der Statthalter Lügen. Diomedes wußte keine Antwort mehr und schwieg. Die einen sagten: »Er ist verrückt«. Andere: »Er verstellt sich, um der Gefahr zu entgehen«. Der Statthalter jedoch sprach: »Wie sollen wir dir glauben, es sei Geld aus dem Vermögen deiner Eltern, da Prägung und Aufschrift der Münze zweihundert Jahre alt sind, ehe noch Decius regierte, und dem heutigen Kurs so gar nicht gleichen. Wie sollen deine Eltern vor so langer Zeit gelebt haben, da du selbst noch ein Jüngling bist. Wir lassen uns nicht zum besten haben. Entweder gestehst du, wo der Schatz ist, den du gefunden hast, oder du gehst ins Gefängnis und wirst gefoltert«. Da fiel Diomedes auf sein Antlitz und sprach: »Eins nur, bitte ich, sagt mir, und ihr sollt alles erfahren, was ich auf dem Herzen habe! wo ist denn Kaiser Decius?« Da sagte der Bischof: »Mein Sohn, es ist heute Niemand in diesem Land, der Kaiser Decius hieße, der ist vielmehr schon vor vielen Jahren gestorben«. »O Herr«, rief Diomedes aus, »darum erfaßt mich Staunen und glaubt ihr meinem Worte nicht; folgt mir doch in die Höhle des Berges Anchilus, so will ich euch meine Gefährten zeigen. Von ihnen könnt ihr erfahren, was ich sage, sei wahr; wir sind vor Kaiser Decius geflohen, der gestern Abend hier angekommen ist — wenn dies also wirklich Ephesus ist.« Da ging dem Bischof allmählich auf, Gott wolle ihnen durch diesen Jüngling etwas offenbaren. Er machte sich auf mit dem Statthalter, den Vornehmen der Stadt und einer Menge Volkes; Diomedes führte; sie stiegen zur Höhle hinan. Und da der Bischof und die mit ihm waren in die Höhle traten, fand er am Eingang zwischen den Steinen das eherne Kästchen, das mit zwei silbernen Siegeln verschlossen war. Er öffnete es vor allem Volke und fand zwei bleierne Tafeln darin. Die nahm er heraus und las, und als er gelesen hatte, wunderten sich alle sehr und lobten Gott mit lauter Stimme. Sie sahen die Heiligen in der Höhle sitzen, ihr Antlitz wie Rosenlicht. Und alle fielen ihnen zu Füßen, beteten sie an und dankten Gott, daß ihnen vergönnt sei, ein solches Wunder zu schauen. Darauf erzählten die heiligen Märtyrer alles, was zur Zeit des Decius geschehen war. Sofort schickten Bischof und Statthalter einen Brief an den Kaiser: »Möge Deine Majestät geruhen, eilig hieher zu kommen. Du wirst dann die Wahrheit der einstigen Auferstehung erkennen«. Darüber empfand Theodosius große Freude, er machte sich mit zahlreichem Gefolge von Konstantinopel auf und wurde von sämtlichen Bewohnern der Stadt Ephesus feierlich empfangen. Alsbald begab er sich von dem Bischof, dem Statthalter und den Vornehmen geführt zur Höhle, wo ihm die Heiligen mit ihrem strahlenden Antlitz entgegenkamen. Er trat ein, fiel vor ihnen nieder, umarmte sie dann und weinte an ihren Busen. »So schaue ich euer Antlitz«, sprach er, »als ob ich meinen Herrn Jesum Christum sehe, da er den Lazarus aus seinem Grabe erweckte; ich danke ihm, daß er mich in der Hoffnung auf die Auferstehung nicht getäuscht hat«. Darauf sagte Achillides zum Kaiser: »Gleichwie das Kind im Leibe seiner Mutter lebt und nicht Freude empfindet noch Leid, so haben auch wir gelebt ohne Empfindung im Schlafe liegend«. Hierauf legten die Jünglinge vor aller Augen ihre Häupter nieder auf die Erde, entschliefen und gaben ihren Geist auf nach dem Befehle Gottes. Da warf sich der Kaiser über ihre Leiber, weinte, küßte sie und breitete sein Gewand über sie aus. Dann befahl er, daß sieben goldene Schreine für ihre Leiber gemacht würden. Aber nachts im Traume erschienen die Jünglinge und sprachen zu ihm: »Aus dem Staube werden wir auferstehen und nicht aus dem Golde. Laß uns in der Höhle ruhen, bis uns Gott wieder rufen wird«. Darauf befahl der Kaiser, ihr Gewölbe mit Gold und kostbaren Steinen zu schmücken und ließ sie dort ruhen, bis auf den heutigen Tag. Doch über ihrer Höhle wurde eine große Kirche gebaut. Ein Concil fand statt, und zum Gedächtnis ward ein herrliches Fest gefeiert.
Diese Legende mit ihrer ergreifenden Schönheit ist überdies reich an einer Fülle religionsgeschichtlicher Anknüpfungen [164-1]. Am nächsten liegt die Sage vom langen Schlaf [164-a]. Kein geringerer als Aristoteles spricht in seiner Physik davon; wenn unsere Denkthätigkeit ruhe, dann entschwinde uns die Zeit unbemerkt, wie denen, die bei den Heroen in Sardes schlafen. Wenn jene erwachten, werde ihnen das jetzt mit der vorigen Zeit eins scheinen. Sein Scholiast Simplicius deutet jene Stelle dahin, jene Heroen, neun an der Zahl, seien Söhne des Herakles von den Töchtern des Thestius, die unversehrt, Schlummernden gleich, auf Sardinien liegen sollen. Ein anderer Scholiast Philogonus denkt an die Inkubation zur Heilung von Krankheiten; gerade in den Heiligtümern Aeskulaps fand dieser Tempelschlaf statt. Mit den Thestiaden gilt Jolaus als der Pflanzer Sardiniens, er ist aber zugleich ein libophönizischer Gott, der den Herakles vom Tode weckt und mit Aeskulap zu identifizieren ist. Der Aeskulap der Phönizier gesellt sich unter dem Namen Esmun als achter zu den sieben Kabiren. Sie sind die sieben Planetengötter und Esmun gilt als der Himmelskreis. Eine andere Mythe des Alterthums [164-b] erzählt von dem Hirtenknaben Epimenides von Kreta, er sei von seinem Vater ausgeschickt worden, ein verlorenes Schaf zu suchen; er legte sich in einer Höhle nieder und schlief dort siebenundfünfzig Jahre. Er glaubte nur kurze Zeit geschlafen zu haben, suchte aber vergeblich nach dem Schafe und fand dann zu Hause alles verändert. Sein jüngerer Bruder, nun ein Greis, erkannte ihn kaum wieder. In ganz Griechenland sprach man nun von dem langen Schlaf in der Höhle als einem Zeichen, daß Epimenides ein Liebling der Götter sei. Zur örtlichen Fixierung solcher Sagen mag es gelegentlich nicht an lokalen Anhaltspunkten gefehlt haben: gerade in Sardinien gibt es halbkreisförmige Monolithgruppen von fünf, sieben und neun Grabsteinen, in deren Mitte sich ein die andern überragender Kegel erhebt. Aber diese Sagen vom langen Schlaf oder wenigstens vom Verschwinden des Zeitbewußtseins kommen doch bei zu verschiedenen Kulturvölkern vor, um sie einem unter ihnen als Eigentum zuzusprechen. Der chinesische Roman Yukiao-Li erzählt: Zwei Jünglinge gingen aus, Heilkräuter zu suchen, und aßen von einem Pfirsichbaum. Da erschienen zwei Frauen von göttlicher Schönheit, mit denen vermählten sie sich. Als sie endlich zu ihrem Dorfe zurückkehrten, waren hundert Jahre verflossen. Ein Drama desselben Stoffes fügt hinzu: Die Fichten, die der eine von ihnen gepflanzt hatte, waren zu hohen Bäumen geworden; in seinem Hause wohnte sein Enkel; heimatlos mußten sie von dannen ziehen. In den indischen Puratana heißt es, König Raitwata sei zu Brahma gegangen, dort lauscht er einem himmlischen Liede und als er nun seine Angelegenheit vortragen will, teilt ihm Brahma lächelnd mit, seitdem seien zwanzig Menschenalter verflossen. Bei den Indern begegnet man überdies der Vorstellung, unter dem Kuß himmlischer Frauen verrinnen asketischen Einsiedlern Jahrhunderte wie ein Augenblick. Die arabische Dichtung erzählt von Mohammeds Himmelfahrt, er sei vom Engel Gabriel in einer Nacht durch alle sieben Himmel geführt worden, eine Reise, die sonst Millionen Jahre in Anspruch nehmen würde. Doch als er zurückkehrt, findet er sein Bett noch warm. In Tausend und eine Nacht bezweifelt der Sultan von Aegypten die Wahrheit dieser Legende. Da läßt ihn der Scheich, Schahabeddin seinen Kopf in eine Wasserkufe tauchen; in diesem Augenblick durchlebt der König sieben Jahre voll abenteuerlicher Schicksale. Der Talmud wiederum berichtet folgendes: Chone Hamagel wunderte sich oft über die Psalmstelle: Wenn der Herr die Gefangenen erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Schläft denn Jemand siebenzig Jahre träumend? rief er aus. Eines Tages, auf einer Reise, sah er einen Mann beschäftigt, einen Brotbaum zu pflanzen. Da sagte er: Es ist bekannt, daß ein solcher Baum erst nach siebzig Jahren Früchte trägt; weißt Du denn auch, daß Du noch siebzig Jahre lebst? Der Mann erwiderte: Ich habe Johannisbrotbäume vorgefunden, und so wie meine Vorfahren für mich gepflanzt haben, will ich für meine Nachkommen pflanzen. Nach diesem Gespräche setzte sich Chone in der Nähe des Baumes nieder und aß, hier schlief er ein und bald darauf zog sich ein Felsen um ihn herum, unter welchem er siebzig Jahre ungesehen in den Armen des Schlafes ruhte. Nachdem er wieder erwacht war, sah er einen Mann Früchte pflücken von dem Baume, der vor seinem Einschlafen gepflanzt worden war. Er fragte den Unbekannten, und erhielt den Bescheid: sein Großvater habe den Baum gepflanzt. Da sagte Chone: Ich habe gewiß siebzig Jahre geschlafen. Er ging in sein Haus und fragte nach seinem Sohne, erhielt aber die Antwort, dieser lebe nicht, dessen Sohn nur sei da. Er gab sich zu erkennen, fand aber keinen Glauben und begab sich ins Gemeindehaus. Dort ging es ihm aber nicht besser. Das Leben wurde ihm zuwider. Er sehnte sich nach dem Tode, bald darauf starb er denn auch. In der bestimmteren Gestalt des Schlafes in einer Berghöhle findet sich die Sage im germanischen Norden. Bekannt genug ist sie in der Form vom Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser oder von Tannhäuser im Hänselberge bei Frau Holde. Aber auch in anonymer Bescheidenheit tritt sie auf. Ein Schäfer flüchtet sich vor dem Regen in eine Höhle bei der Wettenburg am Main und verfällt dort in einen Schlaf, der sieben mal sieben Jahre dauert. Zwei Bauern gehen in eine Höhle bei Trier um sich vor dem Unwetter zu schützen und verschlafen dort hundert Jahre. Auf dem Dom zu Lübeck schlief einer in einer Lucke sieben Jahre und kam dann wieder wohl und munter zum Vorschein. Ein Totengräber bewirtet einen Toten, der Tote erwidert die Einladung; als der Totengräber nach Hause kommt, sind sechshundert Jahre vergangen. Ein Fuhrmann im thüringischen Singerberge, von einem eisgrauen Männchen bewirtet und über Nacht beherbergt, verschläft hundert Jahre. Eine halbe Stunde Tanz bei den schottischen Elfen war in Wirklichkeit ein Jahr. Zwei Musikanten, die dabei vorgeigen müssen, verspielen die Zeit vom Urgroßvater auf den Urenkel. In Schweden ritt ein Bräutigam aus und wurde von den Elfen in den Wald gelockt. Er tanzt mit ihnen eine Stunde, doch waren vierzig Jahre vergangen und seine Braut vor Gram gestorben. In späteren, deutschen Sagen wird das Vergessen der Zeit durch einen Aufenthalt im Paradiese motiviert, so beim Mönch von Heisterbach. Die Sagen vom Höhlenschlaf ruhen auf mythischem Untergrunde. Dem Schlaf der Götter und Heroen wird eine unendlich lange Zeit beigemessen. Wer nun auf Erden seine Gedanken vom irdischen abwendet, und nur über göttliches nachsinnt, verspürt den Hauch der Ewigkeit und verbringt lange Zeiträume träumend wie wenige Stunden.
Woher nun aber die Siebenzahl in der ephesinischen Legende? Nahe liegt der Hinweis auf die jüdische Sage von den sieben Brüdern, die sich in der Bedrückung der Juden durch Antiochus Epiphanes vornahmen, unter keinen Umständen unreines zu essen, sondern lieber zu sterben. Gewiß liegt da eine Verwandtschaft vor, aber kaum eine Abhängigkeit [166-1]. Man wird sagen dürfen, die geschichtlich verbürgte Standhaftigkeit der Gläubigen gegenüber den Zumutungen des Tyrannen habe beidemal unter dem Einfluß der sakralen Siebenzahl und vielleicht beidemal unter dem Einfluß fremder Sagen die poetische Verdichtung erfahren, als die sich jene Episode des zweiten Makkabäerbuchs gegenüber einer unbestimmteren Angabe des zuverlässigeren ersten herausstellt [167-a]. Im Falle einer Abhängigkeit, der ja nicht ausgeschlossen ist, wäre immerhin eine solche Einwirkung nicht die einzige, die von dem Martyrium der sieben Brüder im Makkabäerbuch auf altchristliche Stoffe ausgeübt wurde. Sicher stehen die Akten der Symphorosa und die Akten der Felicitas unter ihrem Einfluß. Leidensgeschichten zweier Mütter, deren jede sieben Söhne hat und mit ihnen das Martyrium erleidet [167-1]. Die Legende von Ephesus bietet indessen Anlaß zu weiteren Beobachtungen. Auch hier heißt der Kaiser gelegentlich statt Decius Dacianus, wie in der Georgslegende, eine erste Handhabe zur mythischen Deutung. Ferner haben wir es mit einem Höhlen- oder Grottenkultus zu thun. Vielleicht hat die Siebenschläfergrotte in heidnischer Zeit einen Kultus der Magna mater beherbergt, in welcher Gestalt auch immer es mag gewesen sein, als Selene-Astarte, Kybele, Artemis, Proserpina, Demeter oder Hekate. Nun wird aber Rhea-Kybele wie auch Demeter oder Persephone von Korybanten oder Daktylen bedient, die ihrerseits oft mit den Kabiren verwechselt und daher mit jenen zusammen verehrt werden und zwar auch in Grotten, so in der Zerinthiahöhle auf Samothrake. Mit den Kabiren aber stehen die sardischen Schläfer als Brüder des Aeskulap in einem Verwandtschaftsverhältnis. In den Heiligtümern Aeskulaps wurden ferner Täfelchen und Denksäulen niedergelegt, auf denen die Geschichte von Krankenheilungen verzeichnet stand — bei den Siebenschläfern die Bleitafeln, die zum Ueberfluß in arabischen Berichten zu Säulen geworden sind! Die Siebenschläfer sind überdies schöne Jünglinge von vornehmer Abkunft; die Kabiren traten in der griechischen Vorstellungswelt den Dioskuren an die Seite, Idealbilder rüstiger, freudiger Jugend. Diomedes der klügste und schönste unter den Siebenschläfern und ihr Führer fordert zum Vergleich mit Aeskulap heraus, der bei den Phöniziern als schönster der Götter galt. Endlich die morgenländische Gestalt der Siebenschläfersage, die sich sowohl in dem um 520 oder 530 verfaßten Pilgerreiseführer des Theodosius als auch im Koran [167-b] findet, gesellt den Sieben noch einen Hund bei, der sich den Jünglingen auf der Flucht anschloß, und sich durch Steinwürfe und Verstümmelungen nicht vertreiben ließ, sondern sich an den Eingang der Höhle legte, dann auch mit ihnen ins Paradies kam und ihrer Verehrung ebenfalls teilhaftig wurde und mit ihnen schlief: »Achte warens mit dem Hunde« [167-2]. Diese Hundepisode lautet verdichtet [167-3]: