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Die Heiligen der Merowinger

Chapter 2: Vorrede.
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About This Book

This work examines the lives and significance of saints during the Merovingian period, focusing on the challenges of biographical representation and psychological observation in historical accounts. It discusses the writings of Sulpicius Severus, particularly the life of Saint Martin, and analyzes the impact of these texts on the understanding of the saint's character and legacy. The text also explores the role of popular belief within the church's teachings, suggesting that the experiences and needs of the masses shaped historical events more than the actions of prominent figures. The study emphasizes the importance of the Frankish church as a non-dogmatic element in the broader context of religious history.

Die
Heiligen der Merowinger

von

Carl Albrecht Bernoulli.

Tübingen

Freiburg i. B. und Leipzig

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck)

1900.

Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die Verlagsbuchhandlung vor.


Druck von H. Laupp  jr in Tübingen.


Bernhard Duhm.


Vorrede.

Man mag in diesem Buche einen Versuch erblicken, das Tagesproblem der Geschichtswissenschaft für die Kirchengeschichte wenigstens zu formulieren. Wenn wirklich auch hier nicht die großen Männer, sondern Hunger und Durst der Armen, nicht die geläuterte Erkenntnis von Führern, sondern das gährende Bedürfnis der Massen den Verlauf der Ereignisse bestimmt hätte, was immerhin einmal angenommen werden kann, so wäre die dogmengeschichtliche Methode, unter deren Zeichen die kirchenhistorische Forschung noch immer steht, in ihrer wissenschaftlichen Berechtigung grundsätzlich in Frage gestellt. Auf alle Fälle kann also ein Studium des Volksglaubens innerhalb des Kirchenglaubens kein müßiges Unternehmen sein, und wenn der Arbeit die gewünschte prinzipielle Bedeutung nicht abhanden kommen sollte, so galt es, an einem Punkte einzusetzen, wo die Religion der Masse sozusagen als Reinkultur vorlag und von einer eigentlichen Theologie nicht überschattet wird. Damit war aber auch das Arbeitsfeld gegeben, denn die fränkische Kirche im Zeitalter der Merowinger ist der einzige rein undogmatische Bestandteil der gesamten abendländischen Kirche seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag. Die Lehrbücher der Dogmengeschichte lassen sie bei Seite, mit Recht, weil von Dogmenbildung in ihr keine Spur vorhanden ist. Und doch mit Unrecht, weil bei dem Anspruch, das gesamte Geistesleben der Kirche in den Bereich dogmengeschichtlicher Betrachtung zu ziehen, doch auch des christlicherseits bereits zubereiteten Bodens gedacht werden sollte, auf dem dann seit dem karolingischen Zeitalter griechische und römische Kirchenphilosophie und im Hochmittelalter sogar arabische Kultureinflüsse ihre Früchte gezeitigt haben.

Von Anbeginn an machten sich im Christentum die Heiligen als abgeschlossener Stand geltend. Es handelt sich darum, der Stellung und dem Einfluß dieses Standes Aufmerksamkeit zu schenken. Und dieses Studium ließe sich an gar keinem Gegenstande günstiger betreiben, als an dem unsern, insofern die gigantische Gestalt eines Nationalheiligen alle Hauptmomente der Entwickelung zu einem monumentalen Typus in sich begreift, zugleich aber die Befangenheit eines solchen einzigen Beispiels durch die Mitwirkung von zahlreichen kleineren Heiligenoriginalen ausgeglichen wird, und dies nun über einem universalgeschichtlichen Hintergrunde, der die verschiedensten völkerpsychologischen Verknüpfungen und Kreuzungen liefert. Der Bildungsprozeß des Heiligenglaubens durchläuft dann folgende Stadien: ein bedeutender Volksheiliger wirkt zunächst auf einen kleinen Kreis von ihm begeisterter Anhänger. Unter diesen findet sich auch ein Schriftsteller, dem es gelingt, ein parteiisches aber lebensvolles Bild des Meisters für die Nachwelt zu entwerfen. Nach Jahr und Tag, aber auch dann nur in einem selten günstigen Falle, können durch nachträgliche Forschung die Einseitigkeiten zum Teil noch gemildert werden. Rasch genug geht das geschichtliche Andenken in Legende über, und diese kann dann sogar sich mit Gebilden des höheren Mythus, des Naturmythus, verbinden. Doch geschieht dies alles nur einigen Auserwählten. Fast allen Heiligen gemeinsam ist jedoch das Andenken, das nicht an ihre Erdentage, sondern an den Kultus auf ihrem Grabe anknüpft. Das über dem Heiligengrab errichtete Gotteshaus führt den Namen des Heiligen, und nicht nur dieses, sondern auch noch manches andere nah und fern, je nach Verbreitung und Nachfrage. Die dem Heiligennamen eigene Kraft beruht jedoch auf dem handgreiflichen Unterpfand, dem Heiligenleib, und ist im Stande, von ihm aus nicht nur das Grab und den Kirchenraum zu wunderthätigen Orten umzuwandeln, sondern sich unvermindert auf jeden profanen Gegenstand zu übertragen und, auf diese Weise sich ausbreitend, das ganze Volkswesen zu durchwalten. Wo sich der Mensch mit seiner Kunst zu Ende sieht, ist der Heilige anwesend und bekämpft nicht nur alle die widrigen kleinen Alltagsteufel des niederen Mythus, des Traummythus, sondern ist auch für die Kranken der beste Arzt. Nur durch ganz lose Zusammenhänge im orthodoxen Kirchenglauben eingenistet, bewährte sich der fränkische Heiligenglaube als Volksreligion hauptsächlich darum, weil er durch den im römischen Geiste weiter lebenden gallischen Klerus in bewundernswürdiger Weise organisiert, den frommen Bedürfnissen der Bürger und Bauern besser Rechnung trug, als das germanische oder keltisch-römische Heidentum. Auf diese Hauptlinien der Entwicklung zurückgeführt, wird die Figur des Heiligen, die für das Verständnis der merowingischen Kultur sehr ins Gewicht fällt, in den Bereich geschichtlicher Messung gezogen. Wenigstens geht das Buch darauf aus, dieser Aufgabe gerecht zu werden, und die äußere Verteilung des Stoffes entspricht ungefähr dem soeben in Kürze entworfenen Geschichtsbilde (vgl. S. XIII–XVI).

Nun hat sich aber leider in der realen Zubereitung des Stoffes das Ebenmaß des idealen Planes nur ungenügend verwirklichen lassen. Sofern diese Mängel in der Sache selbst begründet liegen, müssen sie hier näher erörtert werden. Nach der verschiedenen Art der Bearbeitung, die er erforderte, zerfiel der Stoff in drei Massen.

1. Kap. 1–5 (S. 1–121) sind ein monographischer Beitrag zur spätrömischen Litteraturgeschichte; sie schildern die Entstehung eines spezifisch christlichen Produkts des lateinischen Schrifttums und dessen Uebergang in die Anfänge der Memorienlitteratur auf altfranzösischem Boden. Die scharfe Begriffsbildung drohte hier an dem Eigensinn unserer Sprache zu scheitern; denn es wollte sich kein Ausdruck finden, der den litterarischen Niederschlag eines starken persönlichen Andenkens in der Einzahl wiedergab; das Pluraletantum »Memoiren« unterschied nicht zwischen dem einzelnen Heiligenleben und einer Sammlung von solchen, und die deutsche Form von Le Mémoire »das Memoir« heißt eben »Denkschrift«, wäre also ganz abgesehen von dem fremden Klang auch inhaltlich eine nur unzureichende Wiedergabe gewesen. Das führte schließlich auf »Memorie«. Das Wort war wie Historie und ähnliche zu Luthers Zeit deutsches Sprachgut, verschwand dann aber und hat überdies nie den übertragenen Sinn von litterarischem Gedächtnis besessen. Wenn es hier nun in dieser Bedeutung auflebt, so heißt das allerdings aus der Not eine Tugend machen; aber es gilt die Wahl zwischen einer erheblichen Einbuße an klarer Gedankenbildung und einer geringfügigen Verschiebung unseres sprachlichen Empfindens. Diese neue Prägung wird übrigens bei Bedarf auch des näheren zu unterscheiden erlauben zwischen »Memoiren« im üblichen Sinne zwangloser Erinnerungen und »Memorien« als einer Mehrzahl kleiner Lebensbilder von liebender Hand, die gerade durch die ihnen eigene Pietät den rudimentären Charakter von »Noch-nicht-Biographien« aufgedrückt erhalten.

2. Kap. 6–9 (S. 121–209) betreffen Gebiete, wo die kritische Sichtung des Quellenmaterials noch keineswegs abgeschlossen ist. Hier galt es aus der Unmasse des Rohstoffs das typische Wertvolle auszuwählen, und dabei mußte natürlich das eigene Urteil hinter dem Vertrauen zu sachkundigen Führern zurücktreten, sodaß es sich in diesem Abschnitt meistens um eine Zusammenstellung von Auszügen aus alleinstehenden Monographien handelt. Nur um das Detail den allgemeinen Gesichtspunkten einzugliedern, habe ich mich hier selber vernehmen lassen; im übrigen glaubte ich es sogar der Sache schuldig zu sein, da wo die Bearbeitung des Stoffes bereits auf den besten Ausdruck gebracht war, die wörtliche Wiedergabe der Vorarbeit nicht zu scheuen.

3. Kap. 10–18 (S. 210–336) sind der Hauptsache nach eine systematische Analyse des religionsgeschichtlichen Materials, das in den kleinen Schriften des fränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours angesammelt liegt. Eine gute Fügung hat diesen Ersten in der langen Reihe der französischen Memoirenschriftsteller zum Hüter des merowingischen Reichsheiligtums und teilnehmenden Augenzeugen der fränkischen Religionsübung eingesetzt. Ohne die enge Verbindung mit dem frischen Treiben eines jungen Volkes wäre eine eingehende Behandlung so spröder und uns heute so fern liegender und gleichgültiger, ja geradezu anstößiger Vorstellungen schlechthin ungenießbar. Indem ich zur Schilderung eine Anekdote an die andere reihte, war ich daher vor allem darauf bedacht, dem naiven Detail von Gregors Berichten sowenig als möglich Eintrag zu thun.

Diesen Schwierigkeiten, die der Stoff selber mit sich brachte und die daher entschuldbar sind, könnte ich nun besser, als jeder Kritiker, eine ganze Liste von Fehlern und Mängeln beifügen, die ausschließlich nur dem Verfasser zur Last fallen. Ich mußte den mir noch vor zwei Jahren völlig fremden Stoff, an den ich eben aus den zu Anfang dargelegten prinzipiellen Beweggründen herantrat, Umstände halber in möglichst kurzer Frist zur Darstellung bringen, und auch sonst fehlte es nicht an allerlei Zwischenfällen, unter denen der Verlust eines Notizbuches besonders empfindlich war. Ich selber kann in dem Buche nur einen Entwurf sehen. Sollte jedoch der Arbeit trotzdem ein namhaftes Interesse entgegengebracht werden, das veranlassen könnte, diese Studien weiter zu führen, so wäre ich durchaus gesonnen, das mir lieb gewordene Feld ein zweites Mal durchzuackern und den Ertrag dann nach empfangener Belehrung gesichtet und geebnet, sowie mit Verweisen und Registern versehen vorzulegen.

Ein rundes Kirchenbild von der merowingischen Epoche wird niemand in diesen Blättern finden wollen, der Albert Hauck’s Schilderung der fränkischen Landeskirche kennt. Dennoch wird das Recht eines religionspsychologischen Nachtrags dazu im Prinzip kaum anzufechten sein. Dann handelt es sich allerdings um nichts geringeres, als die in England erwachte und seitdem auf das semitische wie auf das griechische Altertum in bahnbrechender Weise angewandte Forschungsmethode der allgemeinen Religionsgeschichte nun auch auf das beginnende Mittelalter und damit auf die Kirchengeschichte zu übertragen. In der Hauptsache ist das gleichbedeutend mit einer Analyse des volkstümlichen Wunderglaubens vom historischen Standpunkte aus.

Nicht gewillt den Kosmos des Mirakels mit dem Tatzenschlag einer modernen Anschauung kurzer Hand zu zertrümmern, wird der Geschichtsfreund sich gerne ein wenig bücken und winden und gelegentlich den Kopf anschlagen, wie über dem Besuch einer unterirdischen Höhle bei Fackelschein, wenn er dann nur der fabelhaften Gebilde ansichtig wird und die mythischen Wasser in den kristallenen Grotten rauschen hört. Allerdings ist durch neueste Forschungen auf dem Gebiete des Seelenlebens nun auch schon wieder manches meßbar geworden, mit dem die Wissenschaft früher nichts anzufangen wußte. (Vergl. S. 3–6.) Aber die behäbige Wundererklärung von annodazumal unter dem allerhöchsten Protektorat des gesunden Menschenverstandes, wird sich hoffentlich im Bereiche geschichtlicher Forschung immer weniger zu Hause fühlen. Mag sich dagegen aus dem Bewußtsein unserer stets wachsenden Aufklärung das Vorrecht mehr und mehr herausheben, selbst nutzlos gewordenes Geistesgut unserer Altvordern doch noch zu verstehen und in Ehren zu halten, auch ein Zeichen dafür, daß wir nun eben um hundert Jahre weiter sind.