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Die Heiligen der Merowinger

Chapter 4: Heiligenleben und Heiligengrab.
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About This Book

This work examines the lives and significance of saints during the Merovingian period, focusing on the challenges of biographical representation and psychological observation in historical accounts. It discusses the writings of Sulpicius Severus, particularly the life of Saint Martin, and analyzes the impact of these texts on the understanding of the saint's character and legacy. The text also explores the role of popular belief within the church's teachings, suggesting that the experiences and needs of the masses shaped historical events more than the actions of prominent figures. The study emphasizes the importance of the Frankish church as a non-dogmatic element in the broader context of religious history.

 

Die zwei Jahrhunderte merowingischer Geschichte, das sechste und das siebente, sind, vor andern, dunkel, wild und grausam gewesen. Und doch hat eben diese Zeit, mehr als sonst eine von diesem Umfange, den Kalender um Hunderte von Heiligen bereichert. Wohl mochte die Hegemonie des Lasters eine Steigerung der noch vorhandenen Tugend hervorrufen, aber eher auf dem finsteren Untergrunde jeder als Heiliger sich abheben, der nur einigermaßen einen rechten Wandel führte. Obwohl für damalige Begriffe zum Heiligen mehr gehörte und in den höheren Rang erst der hinaufrückte, der als Geistlicher zur Welt in Gegensatz trat, stellen für jene Zeit die Heiligen doch etwa das dar, was man heutzutage gute Gesellschaft heißt. Viele unter ihnen waren adelig, einzelne sogar Prinzen. Auch die Merowingischen Könige, so unheilig sie selbst waren, mit den Heiligen stellten sie sich, wo es nur immer anging, gut; in ihren Augen waren es Gewaltsmenschen, die nützen und schaden konnten. Auf alle Fälle waren im jungen Frankenreiche die Heiligen eine Macht.

An Heilige giebt es jedoch zweierlei Gedächtnis: das Andenken an den lebenden und das Andenken an den toten. Was sich an Erinnerung aufsammelte, was sich an Sage damit verband, wurde zum ›Leben‹, zum ›Leiden‹: Vita, Passio. War der Heilige gestorben, barg die Gebeine der geweihte Grabhügel, erhob sich über dem Hügel die Votivkirche, stand überdies der Todestag im Kalender und wurde zum Wallfahrtsfeste, so wurden die Gelübde, deren Empfänger, die Wunder, deren Urheber der Heilige dann war, auch litterarisch ›Wunder‹ und ›Kräfte‹: Miracula, Virtutes. Klause und Sarkophag sind Brennpunkte, um die sich Heiligengeschichte elliptisch abspielt. Einsiedler oder Reliquie, vor beiden sanken Fürst und Volk ins Knie. Der Glaube des Heiligen an Gott und der Glaube des Laien an den Heiligen verschwisterten sich und wirkten verbündet.

Die Ueberlieferung von den Heiligen ist fragwürdig. Desto mächtiger fordert sie untersucht zu werden. Es gilt zunächst die Vorstellungen der Nachwelt vom Heiligenleben zu betrachten und dann die gläubigen Handlungen, die dem Heiligengrabe gewidmet waren.