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Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten

Chapter 7: 2 Der Wurf gelingt
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About This Book

A collection of short tales ranging from darkly comic sketches to unsettlingly surreal narratives that juxtapose ordinary urban scenes with dreamlike intrusions. The pieces move between satire, grotesque metamorphosis, and occult-tinged fable, often using allegory and dry irony to examine desire, identity, and the porous boundary between the familiar and the uncanny. Narrative modes alternate from anecdotal, conversational sketches to fragmentary, parable-like pieces, while recurring imagery—subterranean spaces, waxlike figures, strange ailments, and deceptive objects—creates a persistent atmosphere of eerie ambiguity.

2
Der Wurf gelingt

Nacht war’s, halb zehn, fahl wie ein Knochen stierte der Mond vom Himmel, da buchstabierte Veronika die Theaterzettel an der Ecke, und mißtrauisch sah ein Schutzmann von weitem zu.

  • Wilhelm Tell (in volkstümlicher Bearbeitung),
  • D’Schmalzler Vroni (Hinterstoißer Zyklus),
  • Linzerische Bua’m,
  • Hüu-a-oa-hoahüa (Mundart),
  • Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’,
  • Antonius und Cleopatra auf dem Dorfe

Das Wildschwein nickte befriedigt.

Dann tat es plötzlich einen furchtbaren Satz, warf den Schutzmann um, raste durch die Straßen und zur Seitentür ins Theater hinein, durch lange Gänge kreuz und quer, trampelte den neuen Pappendeckel-Fafner kaputt und fuhr dem Tenoristen Herrn Povidlsohn zwischen den Beinen durch, gerade als er hinter der Szene sang:

„Mit dem Feil, dem Boochen
durch Gebürch und Dahl
kommt der Schütz gezoochen
frühüh, am Mohorgenstrahl.“

Der Vorhang war soeben in die Höhe gerauscht, hinter einem Leinwandfelsen kniete Wilhelm Tell, und das Publikum wartete gespannt auf einige Verse von ihm, ehe er aus dem Hinterhalt auf den ahnungslosen österreichischen Beamten abdrücken werde.

Da sprang das Schwein wie der Blitz auf die Bühne.

Und erst langsam, dann schneller, immer schneller vollführte es ein idiotisches Getrappel auf den Brettern.

Hie und da quiekte es schrill dazwischen.

Wilhelm Tell war geflüchtet und hatte sich laut weinend hinter die Kulissen verkrochen. Den Souffleur hatte der Schlag getroffen. Nur im Publikum rührte sich nichts.

Minutenlang kam kein Laut aus dem schwarzen gähnenden Rachen des Zuschauerraums.

Dann aber brach es los wie ein Erdbeben.

„Allppenkunscht, Allppenkunscht, der Dichchter ischt sichcherlichch ous der Schwiez gsi“, röchelte ein Schweizer Kritiker ohne Hemdkragen.

Rechtschaffene Männer mit Hirschhornknöpfen wuchsen aus dem Boden, hinter wallenden Bärten, die blauen treu-dreieckigen Augen mit deutscher Biederkeit gefüllt.

Im Stehparterre war eine Druse pechschwarz gekleideter Oberlehrer aufgeschossen, und aus ihrer Mitte stieg ein hohler Ton ekstatisch zum Himmel an: „Anz Pfaderland, anz dojre, schlüs düch an.“ Es war da des Patriotismus kein Ende mehr! Und der einzige Oskar-Wilde- und Maeterlinck-Verehrer der Stadt, ein degenerierter Zugereister, hielt sich zitternd in der Toilette verborgen.

Veronika war ein gemachtes Schwein von Stund an. Immer wieder mußte es den famosen Schuhplattler wiederholen und Arm in Arm mit dem Herrn Regisseur unzählige Male vor der Rampe erscheinen.

Das Stück konnte gar nicht zu Ende gespielt werden, — Geßler blieb unerschossen zum großen Ärger der anwesenden Schweizer — und in den Korridoren noch wollte sich die Begeisterung nicht legen. Und fast wäre es zu Tätlichkeiten gekommen, als der Herr Charcutier Schoißengeyer aus Linz es wagte, mitten in den allgemeinen Enthusiasmus hinein bedenklich den Kopf zu schütteln und sich zu den Worten: „I woaß nöt, i glaub halt allaweil, ’s is a Sau“, hinreißen zu lassen.

Veronikas Ruhm wuchs von Tag zu Tag. Ein „Veronikatheater“ wurde gegründet, und Schliersee, Bayerns berühmte Jodlquelle, als mutmaßlicher Geburtsort der Künstlerin, war in aller Munde. Kein Stück dürfe mehr die Zensur passieren, wenn es nicht mindestens 500 Meter über dem Meeresspiegel spielte, gellte der Schrei der Zeit.

An alle Fürstenhöfe drang die frohe Kunde, schon wieder sei die deutsche bodenständige Kunst auferstanden; — und selbst die scheue norddeutsche Herzogin Meta wurde aufmerksam und ließ sich berichten.

„Ach, lieber Graf,“ so sagte eines Tages die hohe Frau, „wie heißt doch nur das neue urwüchsige Bauerndrama, das so allgemein gefällt? Der — — der — — Seppell, — ach, es war ja aber noch ’ne Bezeichnung oder ein Vorname bei, der — — der — —“

„Es läßt sich nur unzulänglich ins Hochdeutsche übersetzen, Hoheit“, hatte da errötend der Zeremonienmeister erwidert. „Der äh, der äh, der — ‚Fäkalien-Joseph‘, das käme dem Sinne noch am nächsten. Ein neu aufgefundenes Fragment,“ fuhr er dann hastig fort, um das Peinliche des Eindrucks zu verwischen, „ein Fragment aus dem Nachlasse des leider allzu früh verewigten Volksdichters Hinterstoißer, voll packenden Realismusses und so ganz mitten aus dem pulsierenden Leben des Volkes geschöpft. Wie denn überhaupt Xaver Hinterstoißer es wie kein zweiter verstand, sich an die Natur anzulehnen. Ja, wahrlich, wahrlich: natura artis magistra.“

Und da hatte die hohe Frau neugierige Augen gemacht und sogleich die Reise nach Süddeutschland angeordnet, um nicht die letzte zu sein.