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Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle cover

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle

Chapter 5: 4. Kapitel: Eine Hexe
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About This Book

Die Erzählung öffnet mit lebendigen Wald- und Landschaftsbeschreibungen und führt eine Gruppe fahrender Außenseiter ein, deren raues Leben von Aberglauben und sozialer Verachtung geprägt ist. Aus ihren Begegnungen entwickelt sich eine Schilderung von Hexenprozess, öffentlicher Panik und juristischer Grausamkeit in einer städtischen Umgebung. Wechselnde Stimmungsbilder, Verhörszenen und Strafakten veranschaulichen, wie religiöse Unbildung, soziale Ungleichheit und Angst kollektive Verirrungen befördern. Die Novelle kombiniert atmosphärische Details mit kritischer Reflexion über die Mechanismen von Anschuldigung, Urteil und Bestrafung und rückt damit das Schicksal marginalisierter Menschen und die Brutalität des Rechtswesens in den Mittelpunkt.

Es ist Mitternacht. Zwölf dumpfe Schläge, die der Sturm sich aus den Glocken bricht und mit sich fortträgt über die nächtige Flur!

Was glüht dort durch die Nacht? — Nun schwache Röte gleich dem Dämmerlichte im Nebel, nun plötzlich wachsend bis zur Flammenflut, den schwarzen Mantel der Nacht mit rotem Glaste überströmend!

Hilf Gott im Himmel, welch ein Feuer! Und wie die Glocken wimmern, Menschen klagen, Tiere brüllen! — Ein schreckliches Bild!


4. Kapitel: Eine Hexe

Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus. Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige Wetterfahne.

Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich fast bis zur Mitte des Gemaches.

Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch, schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.

Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.

Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.

Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett, und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie. Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«

»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger Gedanke — wenn's zum Teufel ginge!«

»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. — Dummes Gebein!« knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.

»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in ihrem Selbstgespräche weiter. — »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin, die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«

Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.

»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug, um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz versuchen wollten!«

Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der Türe.

»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte aufs pochende Herz.

Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend, seine Mütze ab und grüßte freundlich.

»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J] und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt? Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«

Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.

»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.

»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser Totenschädel,« beteuerte der Student.

»Den laßt in Ruhe,« knurrte die Alte und hob den Schädel auf, um ihn wieder auf den Kasten zu stellen. »Und nun Euer Begehren?«

»Bin, wie Ihr seht, ein junges, frisches Blut voll Lebensdrang und keckem Mut. Von armen Eltern stammend, doch mit hellem Geist begabt, hab' ich, dank edlen Priestern, des Wissens viel errungen. Doch nicht genug! Mein Geist will weiter forschen, bis er satt geworden, aber — dies macht mein Glück nicht voll. Zwei Fragen sind es, die mich quälen. Und diese sollt Ihr lösen durch Euere Kunst.«

»Erstlich sagt mir: Worin und wo ich mein Glück finden werde?«

Der Blick des Jünglings und jener der Alten begegneten sich und ruhten eine Weile forschend aufeinander. Dann erhob sie sich, ging nach dem Ofen und kehrte mit einem Stück Kohle zurück. Sie zeichnete mit demselben einen Kreis auf die Tischplatte und teilte ihn durch Ellipsen. Die einzelnen Segmente füllte sie mit Zahlen und kabbalistischen Zeichen, nur die Mitte ließ sie frei.

Der Jüngling sah mit lächelnder Miene ihrem Treiben zu. »Habt Ihr gut schreiben gelernt!«

»Stille!« mahnte die Alte und schrieb weiter. »So; nun gebt mir Blut, einen Tropfen.«

Der Student reichte der Alten seine Hand und ließ sich mit einem scharfen Messer die Haut ritzen. Das aufgefangene Blut ward in die Mitte der sich kreuzenden Ellipsen gestrichen.

»Setzt Euch!« sprach sie, nach einem Stuhle hinterm Tische zeigend.

»Euer Stern steht hier. Ihr seht dies Zeichen? Es deutet hohes Lebensglück und stolzes Hoffen. Ehre und Amt winken Euch, und Gold und Minne.«

»Das klingt ganz gut,« warf der Jüngling zufrieden ein.

»Schweigt!« herrschte die Alte und horchte nach der Straße, von der herauf verworrene Stimmen drangen. Einen Augenblick starrte Angst aus ihren Zügen, dann fuhr sie fort: »Dies Zeichen hier sagt Euch nichts Gutes. Übermut verleitet Euch zu einer Tat, die Euch das Leben kostet, ehe Ihr noch wißt, wie süß das Leben sei. In langer Kerkernacht wird Euch ein Trost noch werden, — das deutet dieses Bild, doch dann —«

Mit einem Stoße flog die Türe auf und Vogt und Schergen traten ein.

Die Alte ward zu Stein, die Augen drangen aus ihren Höhlen und stierten auf den Richter.

»Was wollt Ihr?« krächzte sie und hielt sich mit der Rechten an dem Tische fest.

»Dich, Gertrud Bernin, insgemein die schielende Ammfrau genannt,« entgegnete der Vogt mit hoher Amtsmiene.

»Mich? Und warum?« grinste die Alte.

»Sie ist dringend verdächtig, ja schier schon überwiesen, daß Sie sich mit höchst verdammlicher Zauberei und Hexenkünsten befaßt hat.«

»Schier schon überwiesen?« wiederholte die Alte höhnisch. »Die Herren sind schnell.«

Der Vogt blieb in einiger Entfernung von der Alten stehen, indes diese von den Schergen an den Händen gebunden und ihr überdies noch zu größerer Sicherheit ein Strick um den Hals gelegt wurde. Die Bernin ließ dies mit scheinbarer Ruhe an sich geschehen; wer ihr aber tiefer ins Auge schaute, konnte dort Schrecken und Ingrimm flammen sehen und an dem konvulsivischen Zucken, das zuweilen ihre Glieder schüttelte, die furchtbare Erregung, die sie erfaßt hatte, erkennen.

Unterdessen hatte sich der Vogt dem Studenten genähert, der mit nicht geringer Überraschung den Vorgängen folgte, deren Zeuge er so unverhofft geworden.

»Ah, also auch hier?« zürnte er. »Wie ist es möglich, daß man, da man doch in Künsten und Wissenschaften so wohlerfahren ist, auch bisher sich eines christlichen guten Rufes erfreute, nun in solch höchst gefährlicher Gesellschaft sich befindet?«

»Herr Vogt,« entgegnete der Studiosus mit schwer verhaltener Entrüstung, »ich hoffe —«

»Ihr habt hier gar nichts zu hoffen,« eiferte jener. »Mitgefangen, mitgehangen. Juridischer Grundsatz das. Doch,« fuhr er fort, den Kreis mit den kabbalistischen Zeichen auf dem Tische erblickend, »was seh' ich hier? Gott stehe mir bei! Reine Teufelskünste! Und Blut!« rief er schauernd.

»Blut von mir!« gab der Student mit mürrischem Trotze zurück.

»Indicium maximum! Man binde auch diesen Studenten, da solcher sonder Zweifel eine höchst gefährliche Malefizperson ist.«

Der Student zog seinen Degen, um die Schmach von sich abzuwenden; allein die Schergen fielen ihm von rückwärts in die Arme und fesselten ihn nach kurzer Gegenwehr.

Nun hatte der Gestrenge auch Muße, sich im Zimmer umzusehen, was unter nicht geringem Kopfschütteln und allen möglichen Ausrufen des Entsetzens geschah. Und als er seinen Amtsschreiber vorrief, daß dieser ein kurzes Protokoll aufnehme, weigerte sich dieser ganz entschieden, auf einem Tische zu schreiben, auf welchem Teufelszeichen und Menschenblut zu sehen seien, oder auf einem Stuhle zu sitzen, auf dem gewiß Hexen, wenn nicht gar der leibhafte Gottseibeiuns gesessen. Lieber wollte er sein kleines Amt und mageres Brot verlieren.

»Kann ihm nicht ganz unrecht geben,« bestätigte der Vogt, mit seinem tiefroten Kopfe gnädigst nickend. »Aber ein Protokoll muß sein, und müßte es in der Luft geschrieben werden.«

»Solches wäre doch reine Hexerei!« spottete der Student.

»Ein ganz erschrecklich böses Maul!« polterte der Gestrenge. »Man wird augenblicklich schweigen. Er aber, Petrus Hänflein, mag sein Protokoll dort am Fenstergesimse schreiben. Quod non est in actis, non est in mundo. Pah, man weiß, was Rechtens ist. Also, ist Er bereit?«

»...... Nach solchem ging man an Untersuchung des Zimmers und fand, wie folgt:

1. Auf dem Tische mit Kohle gezeichnete, sonder Zweifel ganz teuflische Gestalten und böse Zeichen, beinebst einigem Blute.

2. Auf dem Schranke neben dem Bette einen greulichen, wahrhaften Totenkopf, höchst wahrscheinlich bei einem Hexensabbate vom Bösen zu zauberischen Zwecken gegeben.

3. Unterschiedliche Büchslein mit ganz verdächtigen Kräutern.

4. Eine nicht geringe Menge von Gläsern und Fläschlein, gefüllt mit Wassern und Fett, so vermutlich von gebratenen Kindern herrührt.

5. Ist sonderlich auch als ein gar schrecklich Zeichen sicheren Bündnisses mit dem Satan zu bemerken, daß im ganzen Zimmer nicht Kreuz noch Weihbronnen zu finden.«

Der Schreiber spritzte die Feder aus, und der Vogt wischte sich den Schweiß von der Stirne. Als er die Alte ansah, bemerkte er, daß ihr Blick fest nach einem Winkel des Zimmers gerichtet war. Und als er dort eine mächtig große Spinne erschaute, die langsam mit ihren dünnen Beinen an der grauen Wand hinankrabbelte, da drückte er seinen Hut fester auf den Kopf und eilte mit den Worten: »Das ist der Teufel selbst!« aus der Stube. Ihm nach folgten die Schergen mit den beiden Gefangenen und zuletzt Herr Petrus Hänflein, große Kreuze mit zitternder Hand schlagend.

Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich anstießen: — »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.

Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen rollten.

»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«

»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer Zeit!« — —

Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.

Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es ist, als sei der Mond untergegangen.

Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.

»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«

Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und küßte den Alten.

»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich die Augen trocknend.

»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt? Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«

»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst sie ja! Und hinter ihr ging — zwischen Schergen — gebunden — ach!«

»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«

Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen zusammengebrochen.

Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.

Sie suchte nach des Vaters Hand. »Nun ist's besser.«

Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.

»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch einmal schaute, — »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren Heinrich.«

»Nicht möglich!« rief der alte Göbel händeringend aus. »Heinrich, der goldene Junge?«

»Es ist so. Nun sollt' ich Euch ein ernst Geständnis machen; doch versagt die Seele und die Zunge ihre Kraft. So Ihr mich liebt, mein teurer Vater, schickt nach dem Pater Spee. Sagt ihm, es gelte einer wunden Seele Trost und Labung zu bringen und, wenn es möglich ist, auch Heilung tiefem Schmerze.« —

Die Schatten des Abends wurden länger und tiefer und der Hauch der Lüfte kühler. Die Rosen an dem Erker des alten Ratsherrn Göbel senkten müde das Haupt und schlossen ihre Kelche mit zartem Blattwerk, damit nicht Mondlicht zu tief ins kleine Blumenherz sich drängte.

Ein letzter Sonnenstrahl flog grüßend über Edeltraut — vielleicht hat er ihr Licht ins dunkle Herz geschienen.

— »Gott segne es Euch, mein Pater, daß Ihr gekommen seid,« grüßte der Ratsherr, den eintretenden Jesuiten in seinem Gemache empfangend. »Meine Tochter verlangt nach Euch. Das Kind drückt tiefes Leid, das Ihr ihm lindern sollt. Doch erst noch eine Frage. Kennt Ihr den Heinrich Schmauß, den prächtigen Studenten? Ihr kennt ihn also! Der Junge kam gar oft in unser Haus, weil mich sein Lautenspiel und Sang, sowie sein reines, frisches Herz erfreute. Ich liebte ihn wie ein zweiter Vater und er hing einem guten Sohne gleich an mir. Nun haben sie ihn heute eingefangen, zugleich mit dem alten, bösen Weibe, der Ammfrau Bernin.«

»Ich weiß darum,« entgegnete der Pater. »Ich komme eben aus Heinrichs Kerker, da er sogleich nach seiner Gefangennahme nach mir verlangte. Er ist rein und schuldlos, dies Wort mag Euch zum Troste dienen; aber töricht war es von ihm, jetzt, da die Welt in Finsternis sich badet, auch nur den Schein des Bösen auf sich zu laden. Nennt es Keckheit, Übermut, vielleicht auch Frevel, was er tat. Er hatte längst von jener Alten gehört, die mit ihrem abergläubischen Treiben aus reinem Eigennutz so vieles Unheil stiftete. Er stritt und kämpfte mutig überall mit seinem klaren Geiste gegen Wahn und Aberglauben, und um dies noch besser tun zu können, suchte er die Alte selbst auf und ließ sich zeigen, worin denn ihre Kunst und ihr Geheimnis bestünde. Und eben, als die Ammfrau Bernin ihm ihr gottlos albernes Handwerk zeigte, traten Vogt und Schergen bei ihr ein.«

»Glaubt Ihr, mein Pater, es könnte für den Jungen von übeln Folgen sein?« fragte bekümmert der Ratsherr.

»Ich fürchte alles, hoffe wenig,« antwortete Spee. »Ja,« fuhr er fort, »wenn Vernunft und Gerechtigkeit zu Gerichte säßen, dann könnte die Unschuld wieder frei aus Kerker und Banden hervorgehen. Solange aber eine verblendete Justiz die Mordfackel schwingt, Scheiterhaufen baut und Verbrecher macht, ist jede Hoffnung Torheit. Doch, überlassen wir die Zukunft Gottes weiser Fügung! Er wird auch hier stets und überall der Sieger sein.«

Der Pater trat mit dem Ratsherrn Göbel in Edeltrauts Gemach, das von einer Lampe schwach erleuchtet war.

»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.

»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch — es ist — wie soll ich's nennen nur — ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das —«

»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«

»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes, heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater, — habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war — 's war Liebe! Wie oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach — ich ahnte es nicht — er wollte es nicht — und doch, es ist geschehen!«

Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein tiefes Rot lag über ihrem Antlitze — ein Engel hatte es wohl über sie gehaucht.

»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart — ich kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott, vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt mich glücklich sein!«

»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«

»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.

»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach feierlich der Greis.

»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei. Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet? — Ihr saget nein — habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«


5. Kapitel: Ein blindes Kind - ein blinder
Richter

In einer Gasse, nahe der Marienkapelle, ragt unter den hochgiebeligen, schmalen Häuschen, an denen mehr die Laune als der Zirkel und das Winkeleisen maßgebend war, ein stattlicher Bau hervor. Die Fenster gucken nicht in bunter Regellosigkeit aus dem Mauerwerke, sondern teilen sich gleichmäßig in die hohe, breite Wandfläche. Das Eingangstor ist niedrig und von Säulen getragen, Larven grinsen vom Torbogen hernieder, nun Zorn, nun Mut, Trotz und Verachtung im Steine widerspiegelnd. Ein schönes Stiegenhaus führt nach dem ersten Stocke, der Wohnung des gestrengen Rates Gering.

Ein mürrischer alter Herr. Der Körper ist noch wuchtig, das Alter hat ihn noch nicht angefressen, es hat ihn nur etwas außer Rand gebracht. Die Haare sind kurz geschnitten und stark ins Graue spielend. Die Augen groß und stechend, das Gesicht fleischig und hochgerötet, der Mund trotzig aufgeworfen.

Die Arme über die Brust verschränkt, geht er mit festen Schritten in der großen Familienstube auf und ab. Ein tiefer Unmut scheint sein Herz zu quälen und seine Gedanken zu peitschen; denn zuweilen stampft er zornig auf den Estrich oder trommelt Sturm an den kleinen Fensterscheiben, daß sie klagend klirren.

In einer Ecke sitzt ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren. Die dunkeln Locken fallen in lieblicher Unordnung über die weiße Stirne und an den blassen Wangen herab. Die ganze Gestalt ist unendlich fein gegliedert; mehr ätherisch als der Körperwelt verwandt. Das glanzlose Auge stiert tot bald nach der Decke, bald nach der Stelle hin, wo der Ratsherr sich hörbar macht. Stille Ergebung ist über das bleiche Antlitz gehaucht, jener eigentümliche Zug, der wie lächelnder Schmerz, wie ein blumiges Grab anmutet.

Ein Schwesterchen von sechs Jahren sitzt neben dem blinden Mädchen und schmiegt sich furchtsam an dasselbe, indes die großen, klugen Augen unverwandt auf den Vater gerichtet sind, der so unwirsch tut und, seit er aus der Gerichtsstube heimgekehrt ist, noch kein freundliches Wort für seine Kinder gefunden hatte.

Nun bleibt der Rat vor den beiden Mädchen stehen. Der Anblick der blinden Tochter stimmt ihn weich. Und je länger er auf seinen Liebling schaut, um so milder wird sein Ausdruck, um so friedlicher sein Auge. Er beugt sich nieder und drückt einen stummen Kuß auf den lockigen Scheitel.

»Vater!« ruft Elsa und breitet die Arme.

»Hier bin ich, mein Kind!«

»Dank für den Kuß, tausend Dank!«

»Elsa!«

»Was willst du, Vater?«

»Hast du heute für mich gebetet?«

»Ja. Ich tat's aus ganzer Seele. Als du am Morgen von uns schiedest, da botest du mir auf, dich ganz besonders in mein Gebet zu schließen. Ich ließ mich in die Marienkapelle führen, und dort gedachte ich deiner und der Sorge, die dich drückt. Wir Blinde,« fuhr sie lächelnd fort, »können, ich glaube es wenigstens, viel besser beten als die anderen Menschen. Uns stört kein äußerer Eindruck, wir sind mit Gott allein. Uns decket Nacht und Finsternis, kein Sonnenlicht grüßt freundlich durch das Auge in das Herz, und was ihr Glückliche von Blumenpracht und Frühlingsherrlichkeit erzählt, ist uns ein Rätsel, dem wir nicht Gestalt noch Farbe geben können. Gilt es aber ein Leiden mitzufühlen, des Nächsten Schmerz zu fassen, dann sind wir nicht mehr blind, dann sehen wir gleich anderen, weil wir doppelt fühlen. Und erst, wenn eines Blinden Seele betet, Vater, da wird es Licht, so hell und klar und fleckenlos, daß euere Sonne wohl nicht schöner leuchtet. Da gibt uns Gott ein Glück, das ihr nicht ahnt, da schauen wir, was ihr nicht sehet, und fühlen uns so nahe Gottes Herzen, weil wir so ganz von der Welt geschieden sind.«

»Das nennst du Glück!« sprach der Ratsherr in weichem Tone. »Gott erhalt' es dir! Denn ohne Trost ist Blindheit wie ein Grab, in dem man lebend seines Todes harrt.«

Er nahm seine Tochter und führte sie nach seinem Sorgenstuhle.

»Setz' dich hieher und laß mich mit dir reden. Gerade weil dein leibliches Auge nie die Welt geschaut hat und alles, was du sprichst, ein reiner Widerhall deines Herzens ist, lege ich so gerne, was mich drückt, in deine Seele nieder. Sieh', diese Hand, die hier auf deinem Scheitel ruht, hat heute wieder ein Todesurteil unterzeichnet.«

Das Mädchen schrak zusammen. Zitternd entzog es sich der Berührung und streckte die Hände abwehrend aus.

»Verzeih', Vater, ich fürchte dich! O rühre mich nicht an, nur heute nicht, ich bitte dich!«

»Elsa, sei vernünftig,« mahnte der Alte etwas verdrossen. »Wie magst du so hart gegen deinen Vater sein?«

»Laß mich,« sprach das Mädchen. »Ich kann meiner Seele nicht gebieten, wenn sie in kalten Schauern liegt. Mich friert's im Herzen, als wäre Tod und Nacht dort eingekehrt.«

»Weißt du nicht, törichtes Kind, daß Gott dem Richter jenes Schwert gab, das zwischen Recht und Unrecht, Tod und Leben, Schmach und Ehre strenge scheidet? Wie magst du in der Seele Schrecken fühlen, wenn ich dieses Schwert in Gottes Namen richten ließ?«

»Du hättest recht, wenn es nicht jenen armen Wesen gälte, die ihr Gestrenge als Hexen an den Henker liefert. Vater,« — des Mädchens Stimme ward nicht bittend, ward befehlend — »Vater, sage mir vor Gott, gibt es Hexen?«

»Törichtes Ding, das du bist, ja!« stieß der Alte hastig heraus.

»Und glaubst du und kannst du es mir, deinem armen blinden Lieblinge, auf Hand und Wort und treue Vaterliebe versichern, daß alle jene wirklich Hexen waren, die dein und der anderen Räte Spruch dem Tode weihte? — — Vater, du antwortest nicht? — Habe ich mit meiner Frage zu tief ins Herz, wohl gar in dein Gewissen mich gedrängt? — — Vater, sprich, ich bitte dich!«

Der Alte sah mit einer Mischung von Zorn und Schmerz und Liebe auf seine Tochter nieder.

»Was soll dies alles?« zankte er mißmutig. »Habt ihr Frauen euch in unser ernstes Amt zu mengen?«

»Nein, Vater. Ich weiß, des Weibes und der Tochter Heim ist Haus und Familie. Darüber hinaus soll sie nicht ihr Denken und Begehren richten. Aber gerade darum, weil der Kreis so enge, noch mehr, weil er so heilig ist, will auch das Frauenherz, daß alles, was mit ihm die Luft des Hauses und der Liebe atmet, rein sei, ohne Fehl und Makel.«

»Das ist ganz schön und recht und gut. Ihr Frauen seid, so hart man euch entbehren würde, mit eueren Herzen und Gefühlen eine wahre Last.«

»Sag' das nicht, Vater! Das spricht der Unmut nur aus dir. Hab' ich dich lieb?«

»Weiß Gott,« rief der Alte feuchten Auges, »du bist durch deine Liebe all mein Reichtum!«

»Und glaubst du, daß nur ein Wort über meine Lippen käme, das nicht die Liebe zu dir spricht?«

»Gewiß, mein golden Kind, gewiß!«

»So laß mich reden. Du weißt, Vater, wie arm ich bin. Nichts — nichts ist die Welt für mich. Was euch, wenn ihr gestorben seid, die Erde ist, ein gähnendes Grab in schwarze Nacht gehüllt, das ist das Leben mir. Ihr pflückt mit euerem Auge tausend Lebensfreuden, ich kann das nicht! Wo das Herz allein nach Freuden sucht, da ist die Beute arm, doch soll sie dann doppelt wertvoll sein. Was habe ich Gutes hier als dich, mein Vaterherz? Doch dich — dich möchte ich mit all dem Reichtume meiner Liebe überschütten können, den ich — ich möchte sagen, Gott sei Dank, der Welt nicht schenken kann! Ich vermag dich nicht zu sehen, Vater, wie du bist. Dein Wort, dein Kuß, dein liebendes Walten zeichnet mir dein Bild. Und sieh, dies Bild ist mir so unantastbar heilig, daß niemand es entweihen darf, auch du nicht, — du am wenigsten!«

Der alte Gering ließ die Tränen, die ihm aus den treuen Augen flossen, ungehindert über die Wangen gleiten. Waren es doch Tränen, mehr vom Glücke als vom Leide geweint.

»Sei zufrieden, Elsa! dein Vater sucht sein Glück in deiner Liebe und Trost aus deinem Munde. Laß mich dir klagen, was mich heute so tief erregt, daß ich nicht Ruhe finden mag, es wäre denn, du, Else, löstest mit dem Kampfe mir auch das Leid. Du weißt, daß jüngst die alte Ammfrau Bernin als Hexe gefänglich eingezogen wurde. Im ersten Verhöre blieb sie kalt und trotzig und kein Geständnis irgendwelcher Schuld kam über ihre Lippen. Da ward die Marter an ihr versucht, und nicht geringe. Sie stöhnte, ächzte, fluchte — endlich als die Kraft zu brechen schien, versprach sie ein Bekenntnis ihrer Schuld. Das sollte heute abend vor sich gehen. Ich weiß, was die andern Räte von solchen Bekenntnissen halten, sie sind ihnen allen bare Wahrheit, auf die sie dann Erkenntnis und Richterspruch aufbauen. Du weißt, wie oft ich zu Gericht gesessen, mit Gott und guter Ehre; so schwer, so ahnungsdüster aber wie heute war mir nie zumute. Da drinnen wühlt ein nagender Gedanke, mir ist's, als hinge schweres Unheil über dir und mir.«

»Ist Gottes Hand nicht gnädig über uns?«

»Ich weiß es nicht!«

»Doch, Vater! Gott schützt uns. Und willst du dieses Schutzes sicher sein, so sei barmherzig mit den Armen, die ihr Herren Hexen nennt. O, folge nicht dem dunkeln Wahne, daß überall des Teufels List und Macht sich finde. Nicht jene Armen, ihr, ihr Richter seid es, die den Hexenglauben und den Teufelsspuk nicht sterben lassen. Tritt nicht, mein Vaterherz, in jene falschen Spuren, sei stärker, weiser als die Welt um dich, gib du Gott und deinem Glauben allein die Ehre, und auch in deinem Herzen werden dann Friede und Gerechtigkeit sich küssen.«

Der Alte stand mit verschränkten Armen vor seinem Kinde, das sinnende Haupt tief auf die Brust geneigt. Friede und Gerechtigkeit — ein goldenes Wort, wenn diese im Menschenherzen sich begegnen, küssen! — —

Die Turmuhr vom Dome her schlug die vierte Abendstunde. Der alte Gering warf seinen Mantel um, drückte den Hut sich auf den Kopf und schied mit stummem Kusse von seiner Tochter. — —

Durch die hohen Fenster, geziert mit buntgemalten Schilden und Wappenbildern, fällt der abendliche Sonnenstrahl in einen großen, niedern Saal. Die Wölbung der Decke ruht auf kurzen, dicken Säulen, der Boden ist mit rotem Sandsteine in großen Quadern eingelegt, nach oben steht ein langer Tisch mit Kreuz und Evangelium darauf, um ihn hochlehnige Stühle mit gepreßten Lederpolstern.

In einer Ecke stehen die Räte des Malefizamtes, teils miteinander gar geheimnisvoll flüsternd, teils mit hochgezogenen Brauen in den Akten blätternd. Auch Gering befindet sich unter ihnen, mißmutig, schweigsam, nur hie und da mit stummem Nicken oder Achselzucken eine an ihn gerichtete Bemerkung erwidernd.

Der Eintritt des Oberschultheißen, begleitet von zwei Sekretären und dem Malefizschreiber Petrus Hänflein, macht die Räte verstummen.

Der Oberschultheiß, ein kleiner, hagerer Mann, grüßt gnädig nach rechts und links und nimmt seinen Platz ein, zu beiden Seiten reihen sich die Räte an. Auf seinen Wink wird durch eine Seitentüre die alte Bernin hereingeführt. Die Hände sind mit Ketten belastet, der Gang ist schleppend, zögernd, als stäche bei jedem Schritte ein tiefer Schmerz durch den bebenden Leib.

Sie steht den Richtern gegenüber, zornig — trotzig blickend, die Ketten schüttelnd, daß sie klirren und rasseln.

»Sie, Gertraud Bernin,« hob der Oberschultheiß an, »sonst auch die Ammfrau genannt, ist angeklagt der bösen Zauberei. Man hat Sie heute erst in Güte, dann in strengem Ernste gefragt, was Sie zu bekennen habe, und ist endlich zur Tortur geschritten, worauf Sie flehentlich bat, man möge Ihrer schonen, Sie wolle alles getreulich bekennen.«

»Ich habe nichts versprochen,« entgegnen kurz die Alte und schüttelte den Kopf mit den losen weißen Haaren.

»Sie scheint dem alten Trotze zu verfallen? Gedenkt Sie noch der Marter, unter der Sie heute morgen ächzte?«

»Ja. Die Herren ließen die Sache deutlich genug machen, daß man sie so leicht nicht vergißt.«

»Will Sie nun bekennen?«

»Was denn?«

»Daß Sie eine Unholdin ist und eine Hexe!«

»Nein.«

»Wenn Sie auch nicht bekennen wollte, so ist solch großer Trotz schon sicherer Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

»Meint Ihr?« grinste die Bernin. »Und wenn ich nichts zu bekennen hätte? Wenn all euere Weisheit, ihr Herren, sich vergebens an mir abmüht, um jene Schuld zu finden, von der ihr träumt, die ich aber nicht auf mir habe? Ich bin nicht Unhold, bin nicht Hexe — ich schwöre es euch, so wahr ein Gott im Himmel lebt!«

»'s ist schrecklich, wie Sie lästert! Hat Sie denn nicht geheimnisvolle Kräuter in Menge in ihrer Stube aufbewahrt?«

»Geheimnisvolle Kräuter!« höhnte die Alte. »Kennt Ihr denn nicht die Springwurz?«

»Springwurz!« wiederholte der Oberschultheiß nachdenklich. »Was sagte doch die dicke Hökerin, die wir verbrannt, von diesem Kraute aus?«

»Ist mir sehr wohl erinnerlich,« sprach Hans Offterdach, der zweite Rat. »Die Springwurz, bekannte jene Malefizperson, muß, wenn sie anfängt in die Blume zu schießen, in des Bösen Namen gepflückt werden. Hält man solch ein Kraut ans beste Schloß, so springt es auf, als würde es mit dem Schlüssel geöffnet.«

»Bene, optime,« bestätigte der Oberschultheiß; »sieht Sie nun, welch böses Kraut die Springwurz ist, und wie es sonnenklar am Tage liegt, daß sie es mit dem Teufel hält?«

»Wie klug ihr Herren seid! Wenn doch die Springwurz solche Kraft besitzt, wie kommt es dann, daß nicht die Türen, Tore und Kisten und Kasten von ganz Würzburg damit aufgesperrt und ausgeplündert werden? Oder macht die Probe! Gebt mir meine Springwurz zurück und laßt es mich versuchen, die Schlösser hier an meinen Ketten und das Eisenschloß an meiner Kerkertüre aufzusprengen; gelingt es mir, dann mögt ihr mit mir tun nach euerem Belieben; wenn nicht, ist's euere Pflicht, mich wieder freizugeben.«

»Da sei Gott vor!« rief der Oberschultheiß aus; »Sie will die schwere Schuld, so auf Ihr lastet, mit losem Spotte von sich wälzen? Nein, solchem Frevel leiht ein frommes Gericht nicht Ohr noch Hand. Item. Man fraget Sie, was in den Fläschlein allen enthalten, so sich bei Ihr gefunden?«

»Läusewasser für die dummen Bauern,« gab die Ammfrau fest zurück.

»Nicht möglich.«

»So, warum denn nicht? Wohl weil es Euch nicht in das Kredo paßt. Ist doch so!«

»Und der Totenschädel?«

»Das dacht' ich wohl, daß Euch der bange mache. Der Totenschädel ist vom Hochgerichte. Dort fand ich ihn unterm Galgen. Die Raben hatten ihn vom Fleische freigemacht, wohl auch die Ameisen. Mir gefiel er, ich nahm ihn mit nach Hause. Was geht das Euch an?«

»Zu welchem Zwecke?«

»Ich wollte Gimpel damit schrecken.«

Der Oberschultheiß fuhr des Zornes voll in die Höhe. »Weiß Sie, daß Sie eine ganz unnatürlich boshafte Persona ist? Solch lose Rede käme nicht aus Ihrem Munde, wenn nicht der Satan aus Ihr spräche. Ein neuer, deutlicher Beweis, daß Sie im Bunde mit dem Bösen steht.«

Die alte Bernin sah den Richter mit unverkennbarer Verachtung an.

»Dann,« fuhr der Schultheiß fort, »ist Sie auf frischer Tat angetroffen worden, wie Sie einem Studioso aus geheimen Zeichen wahrgesagt.«

»Ja, das kann ein jeder, der es will; er braucht nur einen, der ihm glaubt.«

»Und Blut war auch dabei?«

»Ei freilich! Ohne diesen Saft glaubt ja kein Mensch an Wunderbares. Ihr Herren selbst habt ja das Blut so gerne. Nur zapft ihr alles ab; mir war ein Tropfen Blutes genug.«

»In Ihrem ganzen Losament war weder Kreuz noch frommes Bildwerk, noch ein Weihbronnen zu sehen. Das hat Ihr wohl der Teufel anbefohlen, als Sie ihm Leib und Seele verschrieb?«

»Was Ihr nicht alles wißt! Nein, nicht der Teufel, ich selbst hab' Kreuz und Weihwasser von meiner Stube ferngehalten. Ich mag beides nicht. Das ist der Grund!«

Der Oberschultheiß und die Räte rückten vor Entsetzen mit den Stühlen und wischten sich den Angstschweiß von der Stirne.

»Hab' euch erschreckt, ihr Herren. Tut mir leid. Ich glaub' an einen Herrgott, ja. Doch mehreres? — Da lasset mich in Ruhe! Wenn wahr wäre, was ihr Gott und Gottesliebe nennt, dann wäre nicht die Welt in Glück und Elend auseinandergerissen, dann säße nicht die Schuld auf dem Richterstuhle und verdammte die Unschuld.«

»Horribile! — Ihr werten Herren Räte, beachtet wohl das Übermaß von Trotz und Bosheit, so aus diesem Weibe spricht,« mahnte der Oberschultheiß, sich an seine Beisitzenden wendend.

»Endlich hat man beobachtet,« fuhr er fort, »daß sich in Ihrem Zimmer eine ganz unnatürlich große Spinne gezeigt hat, mit der Sie höchst verdächtige Blicke gewechselt hat. Das war doch wohl der leidige Gottseibeiuns?«

»Herr, Ihr werdet lustig. Wer hat die Spinne gemessen? Und bin ich's allein, an deren Wänden Spinnen laufen? Ei, geht doch durch die Stadt und forscht und spürt nach Spinnen; ich wette, 's wird Euch bange, die ganze Stadt ist dann des Teufels, und Ihr auch.«

»Sie verharret also hartnäckig in Ihrem frechen Leugnen?«

»Hab' nichts zu bekennen.«

»Der Henker trete ein!«

Die Alte zuckte zusammen. Angst, Haß und wilder Zorn blitzten aus ihren Augen, ein Schauer schüttelte ihren Leib, daß die Ketten klirrend aneinanderschlugen. Einen Augenblick schien sie zu wanken; dann reckte sie den Leib in wildem Grimme, warf stolz das Haupt empor und maß den eintretenden Henker mit glühenden Blicken.

»Bekennt Sie nicht?« fragte der Oberschultheiß zum letzten Male, sich erhebend.

Die Ammfrau stieß ein grelles »Nein« heraus.

Der Richter winkte.

Die Alte ward an Brust und Rücken entblößt. Ein Jammerbild von einem Leibe, dem Tode gleich, der sich in welke Haut gekleidet.

Der Henker band sie auf einen Stuhl und sah fragend nach dem Oberschultheißen hinüber. Dieser gab das Zeichen, und Streich um Streich fiel auf den knochigen Rücken.

Streng und kalt sahen sie dem Schauspiele zu, die weisen Herren; sahen, wie ein alter Menschenleib sich unter wilden Schmerzen krümmte, wie Blut die Stellen bezeichnete, wo sich die Rute in das welke Fleisch gegraben; sie hörten, wie die Brust dem Schmerze durch Stöhnen, Ächzen, schrille Schreie Ausdruck gab: — sie sahen's alle mit ruhigem Auge an, nur einer wandte den Blick und zuckte bei jeglichem Streiche, bei jedem Schmerzensrufe — es war der Ratsherr Gering. Ein gräßliches Bild stieg da vor seiner Seele aus. Ihm war's, als quälten sie dort die blinde Elsa, seinen Liebling; und jeder Streich, der schwirrend, pfeifend niederfiel, und jedes Ach, das durch die dumpfe Stille drang, schrie: Elsa! —

»Genug!« befahl der Oberschultheiß nach dem sechzehnten Rutenstreiche.

Der Henker trat zur Seite, seine Rute prüfend.

Die Ammfrau warf einen Blick nach dem Gestrengen, aus dem einen Augenblick ein Strahl von Dankbarkeit leuchtete; sogleich aber ging dieser wehmilde Zug wieder in Grimm und Haß über, welche ihre Seele quälten, wie der grausame Schmerz den Leib.

»Wird Sie nun wohl bereit sein, Ihre Schuld zu gestehen?« fragte tonlos der Oberschultheiß.

Die Alte starrte vor sich nieder. Ihre Glieder zuckten, die Lippen aber blieben fest geschlossen.

»Ich warne Sie vor dem nächsten Grade peinlicher Tortur!«

Sie schlug die Augen auf und sah die Richter der Reihe nach mit trockenem, glühendem Blicke an. Und als sie dem Ratsherrn Gering ins Antlitz schaute, da war es erst wie Frage, wie Bitte um Erbarmen, dann wieder wie Rache, blutige Rache, was ihr Auge sprach.

»Ich habe nichts zu bekennen.«

Ein neuer Wink an den Henker.

Dieser löste die angstvoll schauende Alte vom Stuhle los, legte sie auf den Boden und band ihr Hände und Füße. Dann zog er durch die Bande einen Strick, der durch einen Ring laufend von der Decke hing, erfaßte das Ende desselben und zog, seine Füße fest gegen den Boden stemmend, die Ammfrau ruckweise in die Höhe.

— Und sie schauten auf, wie die Alte zwischen Decke und Estrich hing, ein Knäuel, ächzend, stöhnend, röchelnd, die Schergen der Gerechtigkeit, nicht ahnend, daß ihr Andenken in Ewigkeit der Schmach, der tiefsten Schmach, anheimgefallen! —

»Noch kein Geständnis?«

Ob wohl die Arme diese Frage hörte? Ob nicht der Schmerz die Sinne band und sie in seinen dunkeln Wellen begrub?

Keine Antwort.

»Ad tertium torturae gradum!«

»Ich denke, 's ist genug, mehr als genug,« platzte nun in hellem Eifer Gering heraus. »Was soll das heißen — Gericht oder Mord? Wißt Ihr denn überhaupt, ob nicht der Tod sie schon erlöste von Euerer Weisheit! Herrgott im Himmel, hängt Euch daran, Gestrenger, und Ihr gesteht, daß Ihr den Teufel zum Vater hattet. Dixi.«

»Hm,« näselte der Oberschultheiß und zog die Brauen hoch. »Vermessene Rede das, liebwerter Herr, fürwahr, sehr vermessen! Hier liegt das peinliche Recht, hab' ich's gemacht? Nein! Hab' ich danach zu richten? Ja! Ergo — fiat justitia! Henker, vorwärts!«

Gering erhob sich rasch, daß der Stuhl hinter ihm zu Boden fiel, und verließ den Saal.

Der Henker aber nahm ein Gewicht von mehr als einem Viertelzentner. Das hing er, den Strick um die Hüften geschlungen, der Schwebenden unter.

Ein markdurchbohrender Schrei, so namenlos wehklagend, daß er dem Henker selbst einen Blick des Mitleids abrang.

Die Glieder krachten, immer länger sich dehnend und streckend, die Sehnen bis zum Zerreißen spannend. Nun fiel der Kopf nach rückwärts, die Haare hingen fast zum Boden, mit Totenglast überzogen starrten die Augen. Und nun drang Blut hervor zwischen den regungslos geöffneten Lippen und träufelte auf den Boden.

— Auch eine Schrift in Stein, und was für eine! —

»Genug.«

Der Henker atmete auf, mit einem Rucke war die Alte zur Erde gelassen und schnell von dem Steine befreit.

»— Wehe — o wie wehe — das haben nicht Menschen getan — nicht wilde Tiere — es ist Höllenqual! — O — sie haben mir alles zerrissen — ha, Blut hier — 's ist Herzblut!«

Die Ärmste richtete sich mühsam auf, das Haupt auf den rechten Arm stützend.

»Bekennen soll ich! — Was denn? — Ja, wenn ich es nur wüßte! — O, wie es brennt und schneidet in allen Gliedern! — Rache! Ja, ich will bekennen!«

»Gebt mir Wein!« sprach sie, aus dem Geflüster ihre Stimme zu lauterem Tone erhebend. »Gebt mir Wein, dann will ich alles — alles bekennen.«

»Gott sei Dank!« rief der Oberschultheiß. »Man bringe der Malefizperson guten Wein — auf meine Rechnung — weiß Gott, ich hab' ein weiches Herz, — und dann mag sie die schwere Schuld, die auf ihr lastet, von sich wälzen durch offenes Bekenntnis.«

Die Ammfrau nippte erst, dann trank sie in langen, gierigen Zügen den großen Becher leer.

»'s ist gut — das letzte Gute wohl in dieser Welt. Habt Dank! — Und nun — nun sollt Ihr alles wissen, — was ich weiß. — 's ist kein Bekenntnis, — 's ist Schmerz und Wahnsinn, was mich sprechen lehrt. —«

»Es war vor Jahren — ich weiß nicht mehr, um welche Zeit, — da saß ich auf meiner Stube. — Der Abend war zur Nacht geworden. Wilder Sturm heulte durch die Gassen und rüttelte an meinen Fenstern. — Mein Herz war traurig — bittere Not, wohin ich sah — und nirgend Trost! Da faßte mich ein wilder Grimm — ein langes Leben hinter mir und keine Freude drin — ich fluchte Gott und rief den Satan. — Er kam — ich kann euch die Gestalt nicht gut beschreiben — ich sah ihn wie in einem Feuernebel. — Hast du mich gerufen, sprach er; sag', was willst du? — Was kannst du geben? — Alles, nur nicht den Himmel. — Den brauch' ich nicht! — — Er lachte, daß mir die Seele zu Eis wurde und die Pulse stockten. — Verleugne Gott! — Ich verleugne. — Und die, die ihn geboren. — Auch sie. — Und alle, die im Himmel sind. — Alle. — Wohlan, nun gebe ich dir Gewalt über Mensch und Tier, du sollst gebieten über Wind und Wetter, und willst du mehr — so rufe mich aufs neue — ich werde kommen. — Drauf ward es wieder finster um mich her — ich —«

Die Alte sank zurück.


»Laß Ruhe dir in deine Seele beten, Herzensvater! Dein Kind weiß keinen andern Trost.«

»O Elsa, bete, bete!«

»Gedenke, Mutter der Barmherzigkeit, daß unerhört kein Bittender von deinem Throne ging. Du, die du über Sternen thronest, des Himmels schönster Stern — gib Friede — Friede — Friede!«

»Amen,« sprach tiefbewegt der alte Gering und küßte seines blinden Lieblings Wangen. —


6. Kapitel: Richterweisheit

Durch das Burkharder Tor drängte eine bunt zusammengewürfelte Menge. Wie der Sturzbach, was er in seinem wilden Laufe zu erreichen vermag, erfaßt und mit sich fortträgt, so ergriff der durch das Tor hereinflutende Menschenstrom alles, was ihm auf seiner Bahn entgegenkam, und riß es mit sich fort, ein Wildbach, der schnell zum Strome anschwoll.

Ein Fähnlein Knechte, deren Hellebarden aus dem Menschenknäuel herausragten, führte in seiner Mitte eine gar abenteuerliche Gesellschaft. Wilde Gesellen, Gift aus den Lippen und Dolche in den Augen. Ihre Hände sind auf den Rücken gebunden, das phantastische Gewand hängt zerfetzt vom Leibe, das Auge des Kleineren ist ausgeschlagen und sind noch die frischen Blutspuren auf dem dicken Gesichte bemerkbar. Hinter ihnen, gleichfalls gefesselt, geht ein altes und ein jüngeres Weib, die eine trotzig den Blick auf den Boden heftend, die andere keck nach der Menge schauend und höhnisch Fratzen schneidend, sooft ein derbes Wort, eine Verwünschung zu ihren Ohren dringt.

»Zuckerwastl,« flüsterte der Pappenheimer, »wir gestehen nichts; sie mögen uns drinnen fragen, wie sie wollen.«

»Keine Silbe sollen sie erfahren,« gab dieser fest zurück.

»Wenn nur das Weibsvolk schweigen kann,« warf der Neunaugen leise hin.

»Sag' ihnen, sie sind des Todes, wenn sie auch nur einen Laut —«

»Verstehe,« unterbrach der Neunaugen. Er wandte sich nach den Frauen und rief: »Penopel

»Pendl spendl,« flüsterte Helena, sich vorbeugend.

»Penopel!« wiederholte ihr Mann zornig.

»Schienglei!« antwortete die alte Diebesmutter aus dem Wirtshause und stieß Helena mit dem Arme.[K]

Der Rottenführer hatte kaum das heimliche Gespräch bemerkt, als er mit seinem Lanzenschaft Helena in den Rücken stieß. »Ich will euch rotwelsch plaudern, Gaunervolk! Hab' euch wohl verstanden. Hilft euch doch nichts, wenn ihr tausendmal Penopel sagt; deswegen werdet ihr doch gestranzt und genabist[L]

»Ah, auch schon Spitzbube gewesen?« spottete Helena.

»Da!« rief der Soldat und schlug ihr ins Gesicht, daß es hoch anschwoll.

Nun ging der Zug über die steinerne Brücke.

»Hei, was für Gesindel führen sie da in unsere Stadt!« rief der Torbäck und kreuzte die fleischigen Hände auf dem stattlichen Bäuchlein. »Sieht doch aus, als wäre es frisch vom Galgen gepflückt. He, Freund,« und faßte einen Vorübergehenden am Wamse, »was ist das für ein Volk?«

»Haben den Großhof außer Heidingsfeld angezündet und die Bäuerin ermordet!« antwortete dieser flüchtig und eilte dem Zuge nach.

»Mordbrenner!« stammelte der dicke Bäck. »Ja, ja, das sieht den Kerlen gleich. Nun, die Herren am Gericht wissen schon das rechte Mittel gegen solches Ungeziefer.«

Dabei fuhr er sich mit der Hand um den Hals.

»Na, das muß man sagen, wir haben doch eine Justiz. Es wird zwar ganz schrecklich geplündert und gemordet, aber so die Herren der Spitzbuben habhaft werden, machen sie kurzen Prozeß. Und erst mit den Hexlein! Puh, da geht das Geschäft dutzendweis. Recht so, brav; 's ist doch eine Prachtstadt, unser Würzburg!«

»He,« rief der Rottenführer, am Schneidturm angelangt und mit seiner Bande unter den finstern Torbogen eintretend, »he, Meister Ruprecht, neue Gäste!«

»Hm,« brummte dieser und musterte mit scharfem Blicke die Ankömmlinge, »schöne Ware das! Wohin damit,« polterte er und rasselte mit dem Schlüsselbunde, »wohin damit? Ist alles übersetzt, alle Kerker voll!«

»Also heuer ein ganz gesegnetes Spitzbubenjahr?« lachte der andere.

»Ja!« gab der Alte kurz zurück. »Du,« fuhr er nach einer Pause fort, mit seinem klugen Auge die Gefangenen stets wieder prüfend, »du, das scheint mir besonderes Korn zu sein?«

»Mordbrenner!«

»Ah! Für die braucht es gute Mauern. Kommt nur mit!«

Er ging über einen engen Hof voraus. Links in der Ecke war ein niedrig Türlein in gewaltigem Mauerwerke. Das erschloß er mühsam. Die Angeln knarrten, und dumpfe Nacht gähnte von innen heraus. Dann zündete er eine Laterne an und stieg behutsam die steinerne Treppe hinab in ein Verließ, das wahrlich alle Schrecken eines Gefängnisses aus alter Zeit in sich zu vereinigen schien. Das trübe Lampenlicht reichte mit seinem matten Strahle nicht bis zur gewölbten Decke, sondern leuchtete nur schwach von den feuchten Quaderwänden wider, von welchen dämmeriges Naß herunterträufelte. Auf dem Boden lag halbverfaultes Stroh, von den Steinquadern hingen schwere Ketten herab, mit denen die Gefangenen festgeschlossen wurden.

»Ein schändliches Quartier!« rief der kleine, dicke Neunaugen, sich rings umsehend. »Ich denke, daß wir bald ein besseres bekommen werden.«

»Am Galgen, ja,« antwortete trocken der Kerkermeister.

»Soweit sind wir noch nicht,« warf Zuckerwastl übermütig hin. »Ich hoffe noch viel fröhliche Zeit zu verleben.«

»Wird sich zeigen!«

Die Gefangenen waren in Ketten gelegt, der Eisenmeister warf noch einen prüfenden Blick nach allen Seiten, dann trat er seinen Rückweg an. Immer düsterer ward es unten, — und nun ist's tiefe — tiefe Nacht.

Und draußen heller, froher Sonnenschein mit Vogelsang und Lerchenjubel! — —

— Oben im Saale, wo gestern die Ammfrau Bernin den Anfang eines Bekenntnisses gewimmert, an dessen Vollendung sie eine Ohnmacht gehindert hatte, gehen in eifrigem Zwiegespräche zwei Männer auf und ab.

Der kleine Hagere mit seinen unruhigen Augen und beweglichen, kurzen Armen ist der Oberschultheiß, der andere im langen, schwarzen Talar der Jesuit Spee.

»Ich habe Euch bitten lassen, Pater, heute Zeuge der Vernehmung der alten Ammfrau zu sein. Ihr habt ja ein so außerordentliches Interesse an unsern Hexen,« fuhr er mit leichtem Hohne fort, »daß Ihr mir für solches Anerbieten nur dankbar sein werdet.«

»Ganz gewiß,« entgegnete ruhig Spee; »denn um die Ärmsten in ihrem Kerker zu verstehen, ist es geradezu unerläßlich, zu sehen und zu wissen, wie mit ihnen hier verfahren wird.«

»Ich verstehe. Man ist nicht sehr begeistert vom peinlichen Rechte; ich kenne das. Allein,« — und er blieb stehen und tippte lebhaft mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Arm des Paters — »allein man sage mir, was würde aus uns, wenn uns nicht dieses peinliche Recht helfend zur Seite stünde? Was? ich frage Euch, hochwürdiger Herr!«

»Vernünftige, gerechte Richter,« antwortete Spee in dem Tone fester Überzeugung.

»Ah, das klingt ja, als ob wir Richter jetzt nicht vernünftig, nicht gerecht urteilten!« rief der Oberschultheiß heftig aus. »Wißt Ihr, Pater, daß das ein kühnes Wort ist?«

»Und wenn es wahr wäre? Wenn ich Euch hier vor Gott und meinem Gewissen sagen muß, daß jedes arme Menschenleben, das Ihr bisher dem Hexenwahn zum Opfer gebracht, nicht ein gerecht gerichtetes, nein, ein gemordetes war? Stellt Euch vor, wie durch die ganze Welt viele arme, gefangene Sünder und Sünderinnen, Schuldige und Unschuldige in Kerkern und Banden liegen. Gar viele werden unschuldig gefoltert, gepeinigt, gegeißelt, geschraubt und mit neuen unmenschlichen, grausamen Martern ihnen so hart zugesetzt, daß sie, der Wucht der Qualen unterliegend, sich selbst und andere dessen schuldig bekennen, was sie nie getan, ja nicht gedacht haben. Und sind sie auch vor Gott frei von jeder Schuld, sie finden bei euch Richtern keinen Glauben, sie müssen durch Gewalt und Zwang — es gehe, wie es wolle — schuldig sein, und erst, wenn sie sich schuldig lügen, finden sie Gehör. Nicht Wort, nicht Schwur, nicht Tränen, ja das gebrochene Herz selbst nicht — nichts kann sie retten — sie müssen schuldig sein! Man peinigt sie so lange, bis sie bekennen oder sterben. Ertragen sie die Martern, ohne zu bekennen, so saget ihr, der Satan stärke sie und binde ihre Zunge, und darum müssen sie erst recht, als mit dem Bösen eng verbündet, hingerichtet werden; bricht aber die Qual und der Schmerz des Widerstandes letzte Kraft, sehnt sich der arme Mensch hinaus aus den Martern nach dem Scheiterhaufen, der ja doch seines Schicksals sicherer Markstein ist, kommt ein Bekenntnis, das man nur Lüge heißen kann, über die todesdurstigen Lippen, dann — dann hat der Ärmste sich dem sicheren Tod geweiht, und ihr frohlockt und sagt, das Recht hat gesiegt. Das Recht? O wenn ihr, die ihr hier oben strenge richtet, gleich mir hinabgestiegen wäret in die tiefe Nacht des Kerkers und hättet dort geschaut, was ich gesehen, und hättet hören können, was mir die Seele zerrissen, ihr sprächet nicht von einem Rechte, das durch euch gesiegt. Oder wollt ihr euer Herz mit eurem vermeintlichen Rechte waffnen, wenn euch gräßlichste Verzweiflung entgegengrinst? Denkt euch eine Seele, die sich rein und schuldlos weiß. Ihr quält und quält und kennt kein Erbarmen! Wie gerne kaufte sich die Todesmüde durch Bekennen die Erlösung, aber wie? Wenn du bekennst, was gräßlich ist und nie an dir einen Teil gehabt hat, bist du dann nicht für ewig, unrettbar verloren? — So kämpft und ringt die Seele, bis die Kraft des Widerstandes schwindet, die des Schmerzes, der Verzweiflung siegt. Endlich — es ist wie schauriges Totengeläute — endlich sagt die Ärmste ›Ja‹ auf alle euere Fragen, — und ihr jubelt, indessen eine Seele in Betrübnis, Schmerz, Verzweiflung untergeht! Ich habe das geschaut und bebend mitempfunden und konnte nichts, als meinem namenlosen Wehe des Predigers Worte leihen: ›Ich wendete mich zu anderem, und ich sah die Gewalttaten, welche unter der Sonne geschehen, ich sah die Tränen der Schuldlosen und keinen Tröster; sie können der Gewalt nicht widerstehen und sind allerseits der Hilfe beraubt. Da pries ich die Toten glücklicher als die Lebenden und hielt für glücklicher als beide den, der noch nicht geboren und die Übeltaten nicht geschaut hat, welche unter der Sonne geschehen.‹«

Der Oberschultheiß schaute finster. »Ihr predigt gut, sehr gut, mein werter Pater; nur schade, daß Ihr von Dingen redet, die Ihr nicht versteht. Glaubt Ihr, wir zwingen einem Angeklagten ein Bekenntnis ab? Wir fragen, fragen peinlich, ja, 's ist wahr! Im übrigen aber halten wir uns strenge an das Recht und an die vorhandenen Indizien.«

»Ihr schlagt euch selbst,« sprach Spee. »Denn nichts ist armseliger, nichts ist himmelschreiender, als was ihr sichere Anzeichen für die Rechtmäßigkeit der Anklage nennet. Ist eine Angeklagte schlechten Rufes, so ist euch dies Beweis genug fürs Hexentum; denn eine Schlechtigkeit erzeugt die andere, sagt ihr. Ist aber ihr Ruf so rein wie Sonnenstrahlen, so ist euch dies erst recht ein Beweis für das, was ihr behauptet; denn also, sagt ihr, pflegen sich die Hexen zu verhüllen und streben jederzeit nach äußerm guten Scheine. Man führt sie in den Kerker. Zeigt sie keine Furcht, da sie doch weiß, welch großen Martern sie entgegengeht, so zeugt das davon, daß sie auf des Satans Hilfe hofft und ihrem eigenen Trotz vertraut. Quält aber Furcht und Angst die Seele, dann ist das ein stilles Bekenntnis ihrer Schuld, ihr eigenes Gewissen klagt sie an. Noch mehr! Ihr schreitet zum Verhöre. Bekenntnis besiegelt euch die Schuld als eine unfehlbare. Beteuerung der Unschuld ist euch nichts als Trotz, den nur der Satan in die Seele blasen kann. Und findet ihr kein Ja und Amen auf das grausame Fragespiel, so greift ihr zur Marter. Beugt sich der Schmerz, so habt ihr, was ihr wollt; und widersteht die Zunge und das Herz dem Zwang des Henkers, so ist's der Satan, der die Kraft zum Widerstande leiht.«

»Ihr laßt nicht gelten,« zürnte der Oberschultheiß, »was dem Rechte feste Stütze ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Gottesdiener mit dem Rechte so verfährt; freilich —« und seine Stimme nahm eine ganz eigene Färbung an — »freilich, die Herren sind auch ganz eigene Leute.«

»Wie meint Ihr das?« fragte mit größter Ruhe Pater Spee.

»Weil Ihr mich fragt, mag ich es Euch wohl sagen,« gab rasch der andere zurück, mit seinen Armen um sich fahrend. »Ihr Herren nennt alles schlecht und unbrauchbar, was nicht von euch gemacht und gutgeheißen ist. Ihr wollt die Welt regieren, ihr wollt Gewalt über alles haben, alles wollt ihr ordnen und regeln, alles soll euch dienen, euch untertänig sein. Daß ich es Euch nur frei gestehe, es ist mir gar nicht lieb, daß überhaupt ein Jesuiter mit den Hexen zu verkehren hat, und daß gerade Ihr es seid, das ist mir mehr als leid.«

Es trat eine Pause im Gespräche ein. Der Oberschultheiß sah in hellem Zorne auf den Boden. Eigentümlich; so keck die Rede war, er wagte doch nicht, dem Angegriffenen ins Auge zu schauen. Er fühlte wohl, er hatte seiner Zunge freieren Lauf gestattet, als es klug gewesen, und zu laut wohl das gesagt, was bisher nur als leises Geflüster von Ohr zu Ohr ging.

»Ihr redet gut,« sprach Spee mit sanftem Lächeln; »nur schade, daß auch Ihr von solchem redet, was Ihr nicht gut versteht. Euch geht es wie so vielen: Ihr fürchtet das, was Ihr nicht kennt, und gebt schmähend wieder, was Euch die Verleumdung ins Herz geblasen. Wir Jesuiten sind die Männer nicht, vor denen Ihr zu zittern braucht. Wir wollen keine Herrschaft, wir wollen nicht regieren und dort nicht dazwischentreten, wohin unsere Pflicht uns nicht ruft. Aber wo es sich um Recht und Wahrheit handelt, wo Gottes Ehre auf dem Kampfplatz steht, wo es die Liebe Gottes und des Nächsten gilt: da werdet Ihr uns Jesuiten allzeit kampfgerüstet finden; da kennen wir kein kleinliches Wägen, ob es der Welt gefällt, ob nicht, ob man uns lobt oder nicht: hie Recht und Pflicht und Jesuit — so ist's, so muß es bleiben.«