The Project Gutenberg eBook of Die Innerste: Erzählung
Title: Die Innerste: Erzählung
Author: Wilhelm Raabe
Release date: November 13, 2015 [eBook #50445]
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Jens Sadowski,
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Wilhelm Raabe
Bücherei
Erste Reihe
Band 12
Wilhelm Raabe
Bücherei
Erste Reihe:
Kleinere
Erzählungen
Zwölfter Band
Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm
Wilhelm Raabe
Die
Innerste
Erzählung
Dritte Auflage
11.-16. Tausend
Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm
Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig
Erstes Kapitel.
Diese Geschichte handelt von einem Bach und zwei Mühlen und ist wahr. Es hat sich alles so zugetragen, wie es erzählt werden wird: wer da meint, daß es anders hätte zu Ende gehen können, der erzähle es anders.
Es waren drei Fräulein vor etwa hundertundzwanzig Jahren, und sie leben heute noch und heißen die Leine, die Ihme und die Innerste. Sie sind im Laufe der Zeiten reguliert worden; aber hübscher sind sie nicht dadurch geworden. Vor hundertundzwanzig Jahren war ihnen allen dreien nicht zu trauen; doch die Innerste war die schlimmste und ist es bis auf den jetzt vorhandenen Tag geblieben. Wenn wo das alte Wort Gültigkeit hat, daß schlechter Umgang gute Sitten verdirbt, so ist es in diesem Falle.
Man sagte wohl im Lande umher: „Die Leine ist falsch! Die Leine ist ein böses Wasser! Die Leine ist tückisch!“ und es war ein gut Stück Verleumdung in jeglichem landläufigen Diktum. Die Leine war nicht besser, als sie war; aber von Natur aus war sie jedenfalls besser als ihr Ruf. Von Natur ein braves Wasser, ein gutes Wasser, ein gutmütiges Wasser, wurde sie durch die Innerste verdorben.
Im Hildesheimschen Amt Rethen vereinigt sich die Innerste mit der Leine, und nachher ist’s freilich zu Ende mit den guten Sitten der letzteren, und die Stadt Hannover hat zweifelsohne mancherlei zu erzählen von ihrer üblen Laune und Heimtücke.
Von der Ihme brauchen wir eigentlich nichts zu erzählen. Reißend und sumpfig zugleich, voll von Wirbeln und Drehkuhlen, faulen Bäumen, Pfählen und Klötzen, stinkend von den Flachsrotten der Anwohner und überall sehr trübe, lassen wir sie laufen und sagen nur noch, daß auch ihre schlechten Eigenschaften die arme Leine auf ihre Rechnung zu nehmen hat, nachdem sie, die Ihme oder der Ricklinger Bach, vom lieblichen Deister heruntergekommen ist, die freundlichen Dörfer Bredenbeck und Vörie und die Landwehrschenke im Amt Kalenberg passiert und gleichfalls ihre Sehnsucht nach der Stadt Hannover befriedigt hat. Wer mehr von dem Wasser wissen will, schlage nach in Grupens hannöverschen Altertümern.
Jetzo wenden wir uns zur Innerste.
Von ihrem Ursprunge mitten im wilden Harzgebirge an bis zu ihrer Ausmündung im Amt Rethen verschlechtert sich ihr Charakter von Schritt zu Schritt, und alle Glocken und alle Pfaffengesänge von Hildesheim treiben ihr die bösen Teufel nicht wieder aus. Selten aber auch geriet ein unschuldig hellblickend, klaräugig Bergwässerlein und Quellnixlein sofort bei seinem Austritt aus dem dunklen Schoß der Erde in so schmutzige Hände und an solch schwarz schweflicht Handwerk als diese arme hercynische Najade oder Nymphe. Wahrlich, ihr sind niemals Öl, Wein, Milch und Blumen geopfert worden! Wildemann nimmt sie beim Schopfe, Lauthenthal und Langelsheim mit ihren Hütten und Pochwerken tun ihr alle erdenkliche Schmach an, und so ist es kein Wunder, daß sie bei Ringelheim schon vollständig verderbt ist und bei Himmelstür frech, boshaft und scheußlich in die Ebene hervorgeht, und daß trotz allen Hildesheimschen Pfaffengesängen und Glockenklängen bei Sarstedt die schlimmsten Gerüchte von ihr im Schwange sind. Es hilft ihr nichts, daß sie da zur Leimoniade, zur Wiesennymphe wird: wild, heimtückisch und blutdürstig bleibt sie. Mit dem Auswurfe des Harzes, dem verderblichen Puchsande geschwängert, bleiben ihre Begierden unordentlich und wird sie von Zeit zu Zeit von unheimlichen Gelüsten ergriffen, und dann schreit sie.
Der Erzähler hörte sie schreien, der junge Müller Albrecht Bodenhagen gleichfalls. Nun aber wollen wir von der einen Mühle reden und nachher von der andern.
Zwischen Groß-Förste und Sarstedt war die eine Mühle gelegen, heute ist sie nicht mehr vorhanden. Die Gebäude sind längst niedergebrochen, der Garten ist wieder zur Wiese geworden; wo die junge Müllerin unter dem Flieder saß und spann, wächst manneshohes Schilf. Die Innerste ärgert sich hier nicht mehr an dem lustigen Rade, das sich sonst an dieser Stelle drehte; sie hat sich über ganz andere Dinge zu erbosen; der harzische Bergmann quält sie nicht allein mehr; es ist manche nichtswürdige Fabrik an ihrem Laufe entstanden seit dem Jahre 1760, und von Rechts wegen müßte sie heute da heulen, wo sie sonst nur schrie.
Im Jahre 1760 drehte sich das Rad, klapperte das Werk und war alles im Gange, wie das Säkulum selber. Es war eine muntere Zeit. Eine vollständige Tressenbesetzung für eine Mannsperson kostete, wenn man sie billig kaufte, ihre sechsundsiebzig Reichstaler; aber kaum der dritte Teil der meisten Städte war bewohnt, und zwei Teile bestanden aus wüsten Stellen und leeren Häusern. Zwar führte jedermann seinen Haushalt wie die Patriarchen im Alten Testamente, ein jeglicher zwischen seinen eigenen vier Pfählen mit eigenem Acker, Garten und Vieh; aber es war denn auch danach. Nur einige Mal in der Woche kochte man und fraß sich durch die schwere Zeit an Brei, Hülsenfrüchten und gemeinen Kohlarten. Wer sich recht gütlich tun konnte, hielt sich zum Neide der Nachbarn an das eingeschlachtete, entweder geräucherte oder gepökelte Fleisch, wer aber ganz und gar sardanapalisch schlampampen wollte und nach frischem Fleische lechzte, der hatte sich mit einem gleichen Schwelger zum Ankauf eines Stück Viehs zu einigen. Auf gut Glück schlachtete kein Metzger.
Das war die gute alte Zeit, wo niemand von dem andern etwas nötig hatte, die gute alte Zeit des Siebenjährigen Krieges, wo man, wenn die Einquartierung es litt, sich früh zu Bett legte und spät wieder aufstand, und wo man bei festlichen Gelagen Honigkuchen in eine Schale Branntwein brockte und je nach der politischen Meinung entweder den König Fritz oder die Kaiserin-Königin hoch leben ließ in dem olympischen Göttertranke; immer selbstverständlich dabei vorausgesetzt, daß die Einquartierung nicht hinderlich dabei in den Weg trat und den bürgerlichen Nektar in die eigene ausgepichte Kriegsgurgel hinüberfließen ließ.
So war es in Hannover, so war’s in Göttingen und in Hildesheim, und so war’s auch in Sarstedt an der Innerste. Trotz allem eine wunderlich real-geheimnisvolle Zeit voll seltsamer Schwingen und Flüge! Wer da etwa glauben möchte, daß heutzutage hinter den Stirnen und unter den Schädeln mehr in den Menschenköpfen vorgehe als damals, der irrt sich bedeutend. Ja wahrlich, jeder gegenwärtige Augenblick ist stets ein novus homo, ein Emporkömmling; und die Vergangenheit, selbst mit dem Zopf und der Beutelperücke und im Reifrock auf den hohen Stöckelschuhen, erscheint merkwürdig als der vornehme Herr und die erlauchte gnädige Dame. Sie tun aber meistens so, als lachten sie darüber, die Leute des Tages, und beweisen gerade durch ihr Lachen nur die niedrigere Beschaffenheit ihres Standes. Wer wahrhaft vornehm ist, hat immer Respekt, wo er hingehört, der Pöbel nicht.
Die Franzosen waren im Lande, und der Herzog Ferdinand lag gegen sie zu Felde. Bei Bergen war er von Broglio zurückgedrängt worden, und bei Minden sollte er über Contades siegen. Zwischen den beiden Schlachten, also im Jahre 1759, und gerade in der schönsten Sommerzeit hebt unsere Historie an.
Zweites Kapitel.
Damals saß noch ein alter Müller mit seiner ebenso alten Müllerin in der Mühle und der nachherige Herr war noch in der Fremde — fern und verschollen, wenn er noch lebte. Die ihn genau gekannt hatten, erwarteten ihn gar nicht zurück; es gab mehr als einen handfesten Galgen in der Welt, und mehr als ein würdiger, ehrenfester Sarstedter Bürgersmann legte, wenn die Rede auf den Jungen aus der Mühle, Albrecht Bodenhagen, kam, den Finger an die Nase und gab seine Meinung dahin ab, daß niemand wissen könne, wo der sich im Winde drehe; daß er sich aber im Winde drehe, das sei sicher.
Der brave Albrecht hatte es seinerzeit in der Stadt und der Umgegend, weit über Groß-Förste hinaus, nicht danach gemacht, daß man sich nach ihm sehnte, und die alten Eltern wußten nichts von dem einzigen Sohn. Seit dem Beginn des Krieges hatten sie ihn nicht zu Gesicht gekriegt. Eines Morgens hatte er seine Pelzmütze geschwenkt.
„Vivat Fridericus! Adjes, Herr Vater! Adjes, Frau Mutter! Aushalten tu ich’s nicht länger zu Hause. Wär’ ich nicht zu gut gewesen, so hätt’s der Herr Vater nicht zu schlimm mit mir gemacht. Adjes!“
Und dann war er mit einem Sprunge über die nächste Hecke weg gewesen, und die Sarstedter Jungfern hatten mit den Eltern das Nachsehen nach dem angenehmsten Junggesellen der Gegend gehabt. Nachher sind nur Gerüchte über ihn und sein Verbleiben nach Hause gekommen, und es stand jedem frei, dieselbigen zu glauben oder nicht.
Da hat mit ihm einer in einem berüchtigten Freibataillon Schulter an Schulter gestanden; ein anderer hat mit ihm nach der Schlacht bei Leuthen vor Schweidnitz gelegen, und wieder ein anderer hat ihn Spießruten laufen sehen im Lager vor Olmütz. Ein Vierter jedoch, und der war, wie viele meinen wollten, der einzige Glaubwürdige — Barthold Dörries aus Dielmissen behauptete, Albrecht Bodenhagen habe freilich zuallererst sein Glück in dem preußischen Freibataillon probiert, doch nicht lange. Nach Kollin sei er desertiert, und droben im Harz zwischen Wildemann und Lautenthal, gleichfalls an der Innerste, sei auch eine Mühle gelegen, und die Tochter daselbst, die wisse vielleicht am meisten von dem Albrecht! Er — Barthold Dörries — habe auf der Wanderschaft daselbst das Handwerk angesprochen und eine Nacht allda genächtiget, aber kein Teufel kriege ihn wieder unter das Dach, denn da könne man zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang mehr erleben als in einem ganzen Feldzug des Königs Fritz, zwischen dem ersten Aufbruch aus den Winterquartieren und der letzten Schlacht vor dem ersten Schnee.
Dem Meister und der Meisterin sprach der gute Müllerknappe nicht hiervon, denn der Alte hatte ihm beim ersten Wort das Maul verboten, wohl aber erzählte er den Mühlgästen, die ihm ein offenes Ohr liehen, und das taten sie alle, wenn die Rede auf den tollen Albrecht kam. Das ging denn wie der Laufer um das Mühleneisen, und wenn nur der Bodenstein irgend feste lag, so gab’s ein erklecklich fein Mehl.
Es war ein feiner Meisterssohn, dieser Barthold, und mit Grausen war er aus dem wilden Harz hervorgekommen. Wie gesagt, verschwur er sich am Schlusse jeder Rede jedesmal hoch und teuer, daß ihn nie wieder einer in die wüsten Berge unter das wüste Volk da kriegen tun täte. Von der Waldmühle, ihren Leuten und Gästen aber erzählte er, daß dem Hörer die Haare sich sträubten — und da — da sollte dieser Albrecht Bodenhagen immer noch sitzen, und die Müllerstochter, die rothaarige Doris Radebrecker, sollte sein Liebchen sein!
„Das ist freilich ein Ort für den bösen Jungen!“ murmelten die Leute aus dem Mühlenbann zwischen Sarstedt und Groß-Förste und sahen mit melancholischem Kopfschütteln auf den alten Vater und die alte Mutter Bodenhagen, und die Gerüchte wurden immer schlimmer.
Nun stand einmal im Juli des Jahres 1759 der alte Müller Bodenhagen an seinen Gartenzaun gelehnt und sah verdrossen auf die leise an demselben hinfließende Innerste, und schien die Blasen zu zählen, die vom Grunde des Flüßchens emporstiegen, zerplatzten und anderen Platz machten. Es sollen aber diese Luftblasen von dem Atem der Wassergeister in der Tiefe herrühren, und was viele Leute auf Hörensagen hier weiter sprechen, das wußte der alte Christian Bodenhagen ganz genau. Er sprach aber nicht gern davon und zog meistens ein finsteres Gesicht und verlor sich hinter dem Dampf seiner schwarzen Tonpfeife, wenn die Rede darauf kam. Er kannte sein Mühlwasser genau und wußte, daß nicht mit ihm zu spaßen war.
Die Morgensonne schien, die Lerchen sangen in der blauen Luft, auf den Wiesen lag das Heu in Haufen, und der leichte Wind trug den Duft her; doch die Wassergeister schienen schwere und heftige Atemnot zu haben. Die Blasen perlten in Stößen auf, und der Meister Bodenhagen zog seinen Atem gleichfalls bedrückt aus der Tiefe der Brust herauf und stieß ihn in Seufzern von sich. Sein altes Weib hatte ihm wieder mal des verlorenen Sohnes wegen von Mitternacht an den doch schon so kümmerlichen Schlaf ganz verscheucht und dann sich natürlich an ein gesundes Schnarchen gegeben und ihn wachen lassen.
„Und kann ich denn dafür?“ murmelte er jetzo. „Liegt es nicht seit der Schwedenzeit auf dem Dach und dem Rade? Ich habe nicht gezählt, wie viele Räder die Innerste dreht, vom Ursprung an bis zum Eingang in die Leine; aber daß sie auf dieses seit vielen hundert Jahren trotz aller guten Nahrung einen besonderen Groll hat, das weiß ich, und mein Vater und mein Großvater haben ihn auch verspüren müssen. Sie sagen, seit der Schlacht bei Lutter am Barenberge, allwo der General Tilly und der König von Dänemark aneinander waren, hat sich alles geheime Volk in Wasser, Wald und Luft hier in der Gegend mit dem Menschen überworfen. Gott soll mich behüten, darauf nachzusagen, aber die Bodenhagen-Mühle weiß das Ihrige davon. Vor der Bataille soll dieses alles nicht gewesen sein. Zwerg, Nix und Waldspuk hat wohl auch sein Wesen getrieben, aber mit Gutmütigkeit und im Spaß. Nachher erst sind sie giftig geworden — sie mögen wohl ihre Gründe gehabt haben — und begnügen sich nicht mehr mit dem bloßen lustigen Schabernack; sondern —“
Er brach ab und sah sich scheu um und legte die Hand auf den Mund. Beinahe hätte er von dem Herzeleid gesprochen, was insbesondere die Innerste ihm und seinen Vorfahren in der Mühle angetan haben sollte; allein er besann sich noch zur rechten Zeit und schwieg. Es ist gewissen Mächten gegenüber stets sicherer, zu schweigen, als sich zu beklagen; aber recht hatte der alte Meister doch in betreff der Charakterveränderung des geheimnisvollen Volkes seit dem Dreißigjährigen Kriege.
Schon lange ging man nicht mehr mit einem bloßen Grusel oder gar einem behaglichen Lächeln zu Bett, wenn man am Winterabend hinter dem warmen Ofen ein neues Histörchen von ihm vernommen hatte. Seit der Schlacht bei Lutter am Barenberge, wo die Liguisten den Dänenkönig klopften und sein Heer ausreuteten, und gar seit der Schwedenzeit hatte sich das gründlich zum Schlimmen und Bösen geändert. Mit der Menschennatur verwandelte sich in jener greulichen Zeit auch der Sinn der Geister in allen Elementen. Wo sie schalkhaft gewesen waren, wurden sie nun boshaft. Ihr spaßig Lachen wurde zu hämischem Grinsen, und wie der Mensch fanden auch die Geister nunmehr ihre Lust an der Grausamkeit, dem Elend, dem Verderben. Es war die Axt an alles harmlose Behagen gelegt worden, und die Leine und die Ihme sahen viel zu viele niedergeschlagene Wälder und verbrannte Wohnstätten der Menschen an ihrem Wege, um bleiben zu können, was und wie sie waren. Was aber die Innerste anbetraf, so gab ein Müller Bodenhagen die Überlieferung, daß ihr nicht zu trauen sei, weiter an den andern. Es ging kaum ein Jahr vorbei, ohne daß man sie schreien hörte — kein Auftauen des Winterschnees, ohne daß sie das Land weit und breit überflutete. Die Leute in der Mühle jedoch hielten das Schreien für das Schlimmere und Unheimlichere.
Gegenüber dem Mühlengarten zog sich am andern Ufer ein ziemlich dichtes, ineinander geflochtenes und gewirrtes Erlen- und Weidengebüsch hin, und gerade dem Orte gegenüber, allwo der alte Meister Bodenhagen an seinem Zaune lehnte, hatten die Wirbel das Erdreich unter einem knorrigen Stamme weggespült, der Baum hatte sich gesenkt, lag mit dem Gezweig im Wasser und streckte sein verworren Wurzelwerk in die Luft: die Nixen spielten auch den Baum- und Buschnymphen ihre Streiche, wo sie es konnten.
„Guten Morgen, Herr Vater!“ sprach es plötzlich von dort herüber, und der Alte, von den Wasserperlen der Innerste mit einem heftigen Schrecken in die Höhe sehend, hielt sich mit beiden Händen am Zaune.
„Schmeckt Ihm sein Pfeifchen wie sonsten? Es soll mich freuen,“ erscholl es wieder, und die Pfeife wäre fast dem Munde des Müllers Bodenhagen entglitten. Er griff aber doch noch danach, wie der Held der Pfeffelschen Ballade, und legte die zitternde linke Hand über die Augen — traute ihnen noch immer nicht und starrte wortlos über sein Mühlenwasser nach dem Weidenstamm hin.
Da saß auf dem klumpigen Wurzelwerk, das in der Tat einen recht bequemlichen Sitz bildete, ein Mensch, der sich immer noch nicht wie ein Phantom in dem flimmernden Sonnenschein auflösete oder in das Wasser, aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurücksank. Ein Mensch, ein richtiger Mensch, aber nicht gar erfreulich anzuschauen! Er trug einen zerlumpten blauen Rock mit schmierigen roten Aufschlägen, Kragen und Futter; er trug gelblich-schmutzige Kniehosen und zerfetzte Gamaschen; und den dreieckigen alten Soldatenhut trug er schräg über das eine Auge gedrückt, über dem andern eine Binde. Wie der greise, weiße, reinliche alte Müller hielt er auch eine Tonpfeife zwischen den Zähnen, und jetzo legte er militärisch grüßend die Hand an den Hut und rief von neuem über die Innerste:
„Ich wünsche dem Herrn Vater den allerschönsten guten Morgen und rekommandiere mich fürs geschlachtete fette Kalb. Ich bin’s, Herr Vater, und frage an, ob Er und die Frau Mutter was dagegen einzuwenden haben, daß ich über den Steg laufe und den lieben Eltern mit Tränen in die Arme renne?“
Der Alte stieß ein Gestöhne aus; aber zu antworten vermochte er noch nicht.
„Nun, wie ist’s?“ fragte der Blaurock von jenseits her. „Soll es heißen: Pardon, Grenadier; oder gebt Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen Kopf bringe ich mit, ich komme aus dem Westfalenland, und es ist uns als wie den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand herzlich schlecht ergangen. Sage Er Quartier, Herr Vater — ich bringe zu allem übrigen ein gebessert Gemüte und weiß nun aus der Erfahrung, daß es zu Hause bei der Frau Mutter am besten ist. Mache Er ein Ende, Vater, und lasse Er mich wieder ein; es ist mein blutiger Ernst, und ich habe beides satt, den Krieg wie das Wandern!“
„Ist Er es? Oh!“ ächzte der Alte; aber er antwortete den Fragen von dem anderen Ufer der Innerste auch jetzt noch nichts. Er ließ den Zaun los und drehte sich um und wackelte dem Hause zu durch den engen Gartenweg, beide Hände mit ausgespreizten Fingern vor sich hinstreckend, als müsse er seinen Weg durch eine dicke Finsternis tasten. Aus dem Garten trat er in die Küche, wo seine graue Frau am Herde wirtschaftete, und er setzte sich stumm auf die Bank neben dem Herde, und die Müllerin ließ erschreckt ihren Topf und Löffel und schrie:
„Jesus Christus, Vater, was ist? was ist los? was ist geschehen?“
„Ja, Vater, Vater, Vater!“ murmelte der Müller Bodenhagen; und drüben auf dem Weidenstamme hob der zerlumpte Kriegsmann den Dreiecker vom wirren Haarwulst, ließ ihn wieder fallen und sagte zwischen den Zähnen:
„Kotz Kreuz und tausend Schwadronen, hab’ ich nun eine Antwort oder nicht? Da geht der Dampf aus dem Schornstein, und ich meine, den gebratenen Speck bis hierher zu riechen. Hu, Speck und Eier, und gestern ist auch der Tag gewesen, allwo wir frisch backen! Der Teufel, im Lager zu Pirna konnte kein Sachs mehr Wehmut ausstehen, als ich anjetzt auf dieser hohlen Weide! Nun hält er Kriegsrat drinnen mit der Alten. O, Albrecht Bodenhagen, wie bist du heruntergekommen seit der Bataille bei Bergen!“
Er starrte auch in das Wasser nach den aufsteigenden Blasen und Perlen, und mit einem Male setzte er finsteren Auges die Zähne fester auf die Lippen, daß ihm das Pfeifenrohr zerbrach, und murmelte:
„Und da ist die Innerste wieder! Wie wär’s, wenn ich noch einige Tagemärsche dran aufwärts rückte und den Speck in der Pfanne an einem anderen Ort in die Naslöcher zöge? O, heulen möchte man, daß man so wenig geschickt ist für den Krieg und das Wandern. Sie würden alle lachen, wenn sie das wüßten!“
In diesem Augenblick ließ sich ein Weibergeschrei aus der Mühle vernehmen, und der Mensch auf der Weide stotterte:
„Die Alte! das war die Alte! jetzt weiß die Alte, wie weit es am Tage ist!“
Und es war so. Die Alte war’s, und die Alte wußte, wie weit es am Tage war. Sie kam durch den Garten, so hastig, als es ihr ihre fünfundsechzig Jahre erlauben wollten, sie streckte auch die Arme weit vor sich hin, doch durch eine Finsternis brauchte sie sich nicht zu tasten.
„Mein Sohn! mein Kind!“ kreischte sie; und drüben hatte der Soldat den preußischen Infanteristenhut abgenommen und hielt ihn in den Händen, und der Pfeifenstummel war ihm entglitten und in die Innerste gefallen.
„Frau Mutter, wenn Sie Gnade für Recht ergehen lassen will, und wenn der Herr Vater damit zufrieden ist, so komme ich über den Mühlensteg. Ich hab’ es satt in der weiten Welt, und den Krieg um Schlesien sollen sie unter sich allein ausmachen, und den Colignon, den Werber, den soll der blutige Teufel holen. Frau Mutter, will Sie mir heute wieder mit einen Teller auf den Tisch setzen? Den Geruch Ihres Specks, Frau Mutter, halte ein anderer aus, ohne zu schluchzen wie ein Kind: ich heule Ihr geradeweg was vor, wenn der Herr Vater mich nicht über den Steg am Mühlenschütt kommen läßt und mich weiter schickt zum Träberfressen und Schweinehüten oder zum General Freytag.“
Der Vater Bodenhagen zeigte sich nicht wieder vor dem Hause; aber Mutter und Sohn begegneten einander auf dem Mühlensteige, und zwischen ihnen beiden war alles in Richtigkeit, und als ob nie etwas vorgefallen sei, was dem schlimmen Jungen, dem Albrecht, einen häuslichen Verdruß bei seiner Heimkehr aus dem Felde und von der Wanderschaft hätte einbringen können. Als sie jedoch Hand in Hand und die Alte in Tränen in die Stube traten, da saß der Alte am Tisch, drehte der Tür den Rücken zu und hatte die Faust auf die Tischplatte gelegt. Er wandte sich nicht um bei ihrem Eintritt.
„Mit Permission, Herr Vater —“
„Er Halunk!“ murrte der Alte. „Wenn Er es wirklich ist, so sage Er mir, wer ihn gerufen hat? Hat sich der Herr wirklich nicht in der Tür geirrt?“
Die alte Frau legte ihrem Ehemanne die Hand auf die Schulter:
„Ich habe ihn gerufen in meinen bangen Nächten; er muß es mitten unter dem Volk gehört haben.“
„Der Vagabonde — der Landläufer!“
„Und er ist zurückgekommen mit schleppendem Fittich und hat sich nicht in der Tür geirrt. Sieh dich um, Bodenhagen, sieh ihn an, Vater. Hab’ ich ihn mit meinen Tränen hergeweint, so hast du in deinem Ärger nach ihm geschnarrt. Sieh dich um, Alter.“
Und der Müller Christian Bodenhagen sah sich um nach seinem lieben Söhnchen und zwar trotz seinem Alter mit den munterst funkelnden Augen.
„Das ist das Wort! In meinem Ärgernis hab’ ich nach dem Strolchen, dem schwachmütigen Lumpen auch gerufen und es kaum erwarten können, daß es so käme, wie es heute endlich gekommen ist! Ho, wirklich, er ist’s, und ganz so, wie ich ihn mir im Traum und Wachen phantasiert habe, der Haas im Marderpelz! Alte, Alte, wenn ich den Schlingel nicht zu genau kennte, so würde er mir wahrhaftig nicht über die Innerste gekommen sein. Das ist der Milchtopf auf dem Feuer — er kocht über und es stinkt. Du rückst ihn ab von der Glut, und er gibt sich fein zur Ruhe. O, du jammerhafter Wischlappen, was hattest du im Felde beim König Fritz und dem Prinzen Ferdinand zu suchen? Du Großmaul, haben sie dir nach Verdienst den Buckel zerbläut und dich heulend zu Vater und Mutter heimgeschickt? Ich habe es so gewußt, mein Sohn, verlaß dich drauf. Du bist mir nicht als etwas ganz Neues drüben am Wasser aufgegangen; und weil dem so ist — deshalb — sei gesegnet dein Eingang!“
Er hatte sein spanisch Sonntagsrohr neben der alten knochigen harten Hand auf dem Tische liegen, und jetzo war er aufgesprungen, und es erhub sich ein Tanz, beinahe noch lustiger und wilder, als er am kommenden ersten August bei Minden zwischen dem Herzog von Braunschweig und dem französischen Marschall Contades aufgeführt werden sollte. Die Mutter Bodenhagen flüchtete sich schreiend in eine Ecke; das Haus- und Mühlengesinde lief entsetzt zu Hauf — der Meister Christian schlug brav zu und kümmerte sich nicht, wohin er traf. Den wilden Albrecht aber mußte die Schlacht bei Bergen und der darauf folgende Hunger wahrlich tief heruntergebracht haben. Er wehrte sich kaum anders als durch ein ununterbrochen Ausweichen rund um den Tisch herum.
Sie wußten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und bandlosesten Zeit des Siebenjährigen Krieges, immer noch in der richtigen Art und Weise mit den verlausenen Herren Söhnen umzugehen, die Herren Väter. Sie hatten es gelernt von Seiner königlichen Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm dem Ersten, und waren imstande, Seine Majestät König Fritz den Zweiten als glorreiches Exemplum hinzustellen und sich des weiteren und breiteren darüber zu ergehen, daß der das hispanische Rohr selber fühlen müsse, welcher es einmal selber führen und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den französischen König Louis, fühlen lassen wolle.
Drittes Kapitel.
Es war der gutmütige und handfeste Mühlknappe Barthold Dörries aus Dielmissen, der dem zornigen Hausvater endlich den Stab Wehe entrang und den Haussohn vor dem Schicksal errettete, zu fein gemahlen zu werden. Auch das übrige Gesinde sprang endlich zu; dann kam die Mutter und am andern Morgen die ganze umliegende Landschaft zu Worte. Letztere behielt es längere Wochen hindurch über die Vorgänge in der Sarstedter Mühle.
Es gibt nicht wenige Leute, die, wenigstens zu einer gewissen Lebenszeit, einen schlimmen Ruf für besser als gar keinen halten; allein es gehört Charakter dazu, diese Ansicht bis zum Ende festzuhalten, und solche Seelenstärke besitzen freilich nicht alle. Albrecht Bodenhagen besaß sie sicherlich nicht.
Er hatte genug des Ruhmes oder Rufes und gab, wie man das nennt, klein bei; und auch darüber machte die Umgebung dann natürlich wieder ihre Glossen.
Selten sind zu irgendeiner Zeit so viele Kornsäcke nach der Mühle an der Innerste getragen und gefahren worden als in jenen Tagen. Ein jeglicher wollte den verlorenen Sohn sehen, ein jeglicher gern ein Wort mit ihm reden, und manch einer kam zu seinem Zweck zum großen Verdruß des Heimgekehrten, dem beides ein Greuel war, das Vermahnen sowohl als das Beglückwünschen, und der jedem Gevatter und jeder Gevatterin unter dem wachsamen Auge des Herrn Vaters still zu halten hatte. So blühte mit dem Geschwätz das Geschäft, und die Räder drehten sich, und der Laufer drehte sich auch, und die Innerste quirlte lautlos ihr schmutzig Wasser vorbei und nach Sarstedt, um jenseits der Stadt andere Mühlen zu treiben und auf anderer Leute Angelegenheiten tückisch Achtung zu geben. Das geht uns aber nichts an.
An einem Donnerstage war Albrecht nach Hause gekommen, und am Sonnabend kam nach alter fester Sitte der Balbierer von Sarstedt, um dem Meister Christian den Wochenbart abzunehmen. Stumm und mürrisch ließ sich der Alte an der Nase ziehen, drehen und wenden und das Messer gewähren; aber nachdem das glattmachende Werk an ihm vollendet war und er den Schaum abgetrocknet hatte, winkte er dem Sohn auf den Stuhl, und der kriegerische Schnauzbart desselben fiel dem Messer geradeso zum Opfer wie die Wochenstoppeln des Vaters. Der tapfere Kriegsmann ging mit einem ganz anderen Gesicht aus der Prozedur hervor, und die Hausgenossenschaft wie die Umgegend hatten von neuem Grund, sich zu verwundern.
Es war doch etwas an dem Wort des Alten vom Hasen im Marderpelze! Eine gar gutmütige und augenblicklich gar melancholische Menschenvisage kam hinter dem grimmen Bart zum Vorschein. Es fehlte weiter nichts als eine weiße gestrickte Zipfelkappe zu einer weißen Müllerjacke, und als am Sonntagmorgen die Mutter mit Freudentränen im Auge dem Söhnchen beides brachte, und er mit der Kappe über den Ohren zur morgendlichen Biersuppe schlich, da mangelte nichts an der Verwandlung zum Besseren, und die Böswilligsten und Mißtrauischsten mußten zugestehen, daß sie doch wohl an dem „wilden“ Bodenhagen sich geirrt haben könnten. Nun fehlte bald wenig, daß der verlorene Sohn durch das halbe Fürstentum Kalenberg und das ganze Fürstentum Hildesheim als ein Muster aufgestellt worden wäre. Entrüstete Väter und betrübte Mütter waren jetzo um so geneigter Beifall zu nicken, als sie vordem den braven Albrecht als schlechtes Exemplum für ihre eigenen wilden Sprößlinge verwünscht hatten. Auch die Jungfern in der Stadt und auf dem Lande guckten auf und hin, und manch ein Mägdelein machte sich ein Geschäft in der Mühle, das ein anderer ebenso gut oder besser hätte ausrichten können.
Am 1. August fiel die Schlacht bei Minden, und am 12. desselbigen Monats die bei Kunersdorf vor, in welcher es dem alten Fritz so herzlich schlecht erging. Nach der letzten Bataille verschwand eines Tages der Knappe Dörries aus der Mühle; er war nach Pattensen auf den Jahrmarkt gezogen, sich einen vergnügten Tag zu machen und eine neue Mütze zu kaufen. Beides soll er zustande gebracht haben, dem Gerüchte nach; aber auf den vergnügten Tag folgte auch eine kreuzlustige Nacht; der gute Barthold ist nicht nach der Mühle zurückgekommen; der Oberst Colignon hatte auch ihn, und schon am 21. November hat ihn bei Maxen ein Stück von einer Haubitzgranate des Feldmarschalls Daun zu den übrigen auf den Boden gelegt. Es war schade um ihn, und der König Friedrich ist nachher auch sehr ergrimmt darob auf den Herrn General von Fink gewesen, hat ihn vor ein Kriegsgericht gestellt und auf die Festung gesetzt, aber den guten Barthold nicht wieder lebendig dadurch gemacht.
Meister Christian Bodenhagen in der Mühle an der Innerste nahm keinen andern an seiner Statt an. Er hatte ja seinen Sohn zurück und konnte ihm aufladen, was ihm beliebte; und Vater, Mutter und Kind waren und blieben allein und feierten Weihnachten im engsten Familienkreise. Man hat diesmal aber nicht gesehen, daß sie einen Tannenbaum mit goldenen Äpfeln und Nüssen behängten und mit Lichtern besteckten. Es wäre auch schade um den Baum gewesen, denn in diesem Jahre schwamm der ganze Torgauer Wald die Elbe hinunter nach Hamburg und durch des Obersten Colignons Werbetaschen so nach und nach in die Taschen von sechzigtausend neuen Rekruten. Und was an gutem Holz in den Lagern von Dresden, Freiberg und Dippoldiswalde in den Brandhütten der Österreicher und Preußen in Rauch aufging während des harten Winters, ist von der gütigen Mutter Natur auch erst lange Zeit nachher ersetzt worden.
Um Weihnachten drehte sich das Rad noch; aber dann kam der Frost, die Innerste wurde zu Eis, und die Mühle stand still. Da hat man Zeit gehabt, allerlei miteinander zu überlegen, und über allerhand Vergnügliches und Zärtliches zu einem festen Beschluß zu kommen. Bald hat man es weit und breit gewußt, daß der Vater Bodenhagen mit großem Nachdruck von dem Sohne verlangt habe, er solle ihm nun auch eine junge Frau ins Haus bringen und zwar schon zu Ostern des kommenden Jahres. Rundum haben die Jungfern aufgehorcht; aber auch nicht wenig die Näschen gerümpfet, als sie zu dem übrigen vernahmen, daß sie keine Stimme bei dem Handel haben sollten, daß derselbige schon so gut wie abgemacht und durch Handschlag zwischen den Eltern besiegelt worden sei; daß der Albrecht ja gesagt habe, ohne sich lange zu zieren und zu besinnen, und daß die Braut zu Groß-Förste sitze und wirklich niemand anderes sei als Lieschen Papenberg, des Brinksitzers Papenberg einzige Tochter!
Das hatten sie nicht erwartet, die Jungfern in der Stadt Sarstedt und sonst im Fürstentum Hildesheim. Nun hatten sie sich zum zweiten Male in dem Albrecht Bodenhagen geirrt, aber voraus zu sehen war’s doch gewesen; denn ein Mensch, der so fortlief in die Welt und so wiederkam und so weichmäulig und so weiß, so hammelweiß vom Mehlstaub über die Gartenhecke greinte, dem konnte man alles zutrauen, selbst den schlechtesten Geschmack im Lande, weit über den Deister hinaus und bis tief hinein in die Lüneburger Heide.
So dachten und zischelten die Jungfern hinter den Türen, auf den Dorfgassen, am Brunnen und hinter den Spinnrädern; aber die Eltern dachten anders und nannten den Meister Christian einen Hauptkerl, der es verstehe, einen Windhund an die Leine zu nehmen, und auf die Haus- und Staatsräson fast ebensogut ausgelernt habe wie der preußische König Fritz und sein Herr Vater Friedrich Wilhelm.
Man hat auch das Lieschen gefragt, wie ihr denn eigentlich nun zumute sei? und sie hat den Schürzenzipfel an den Mund genommen und gemeint, das sei eine dumme Frage. Dabei aber hat sie gekichert, und die Fragerin hat auch nichts weiter gewußt, als gleichfalls zu kichern, ist jedoch hingegangen und hat, drei Häuser weiter, erzählt: ihr sei eben eine Gans über den Zaun geflogen, der sei sie nachgelaufen bis auf Papenbergs Hof, und da habe sie sich beinahe vergriffen und das Lieschen dafür am Flügel genommen; solch ein kurios Gegacker sei seit Erschaffung der Welt nicht erlebt worden, und auf die Hochzeit sei das ganze Freikorps des Obersten Bauer geladen, dazu aus Böhmen viele schöne Fräulein; wer aber zu allererst gebeten sei, das sei die Müllerstochter oben im Harz, die auch an der Innerste sitze und tagtäglich ihre Grüße mit dem Wasser herunterschicke, wie der arme Barthold Dörries das ja hundertmal erzählt habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, gelacht mußte Lieschen Papenberg haben: wer das Mädchen lachen sehen wollte, der konnte überhaupt leicht dazu kommen. Es war ein fröhliches Ding von den Kinderschuhen an gewesen, brachte von Natur ein vergnügt geduldig Herz mit zu allem, was die Frauen erleben können auf dieser Erde; die Innerste hüpfte da oben in den Bergen, an ihrem Geburtsorte im Walde nicht unschuldiger, klarer und lieblicher in die Welt hinaus.
Gegen Ende Februars, als es in Schlesien und Sachsen wieder lebendig wurde und überall das Eis aufging, schrie die Innerste im neuen Jahre 1760 zum ersten Male, aber die junge Braut hat sie damals noch nicht schreien hören.
Viertes Kapitel.
Es war ein Sonntag, und die Kirche war überall zu Ende im Lande. Der Tag war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, daß es regne; es war eben ein Tag im Hornung, und man mußte das Wetter nehmen, wie es sich gab. Der junge Müller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den Mägden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage zurück sein. Das Rad war gestellt, und der junge Müller lag faul auf der Bank am Ofen und hörte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel tickte. Die Hauskatze saß zu seinen Füßen auf der Bank und putzte sich über die Ohren; denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Groß- und Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in der Mühle.
Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Träumer auf der Bank die Hand; dann sagte der junge Müller:
„Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben müssen.“
Er gähnte schläfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den Kopf. Da dachte er, daß er nun bald ein junges Weib haben werde, und lächelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das Fenster, um nach dem grauen Gewölk zu sehen, und da mußte er an die Kriegsvölker im Westen und Osten denken, mit denen er’s vor einem Jahre noch hatte Frühjahr werden sehen, — es war ihm, als höre er fern die Trommeln und die Trompeten, und auf einmal die ersten Schüsse von den Vorposten her. Er schüttelte sich, schob von neuem die Hände unter den Hinterkopf und seufzte:
„Uh!“ —
Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, daß die Katze erschreckt von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war so still in der Stube, daß man außer dem Picken der Uhr nichts weiter hörte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die Innerste war’s eben, die den jungen Müller Albrecht Bodenhagen so jach aufgejagt hatte. Er war in seinen schläfrigen Phantasien, anfangs ohne darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und plötzlich —
Der Hund stand und bellte gegen die Tür, und der Müller sah verstört darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.
„Herein!“ rief Albrecht, doch es kostete ihm Mühe, das kleine Wort hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tür —
„Bon jour!“ sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknöpften Ärmel. „Bon jour! Richt’ euch! Na, Musketier, hat Er’s so schnell verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hände an die Naht bringen, Musketier Bodenhagen? Ja, ja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht! Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es nützt, mit einem Esel Freundschaft zu schließen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als ich Ihn zum ersten Mal in Reih’ und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Pläsier, daß du endlich den Mund zumachst. Ich bin es und — da bin ich und verhoffe, daß du es für einen Affront genommen hättest, wenn ich heute an deiner Tür vorbeimarschiert wäre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem Strohsack zur Nacht vorlieb: Du weißt, verwöhnen tut unsereinen weder Seine königliche Majestät, noch Seine herzogliche Durchlaucht; aber ein Vivat wirft’s doch noch für beide ab; vorzüglich wenn das Getränk danach ist. Gewehr ab! Rührt Euch! Musketier, auf das Wiedersehen hattest du dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die Kirche läutete?“
Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des Meisters Christian. Der junge Müller Bodenhagen stand vor ihm:
„Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und Blut, Jochen?“
„In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegen geblieben ist, Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz; königlich preußischer und kurfürstlich hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das Stück von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und Kamerad, Musketier Bodenhagen.“
Der junge Müller sah sich um. Rechts über die Schulter und links.
„Das ist freilich Sonntagsbesuch, auf den ich mich nicht eingerichtet hatte, Korporal,“ stotterte er; aber der Einarm lachte:
„Will’s Ihm glauben, Albrecht; aber das muß ich sagen, warm sitzt Er und propre. Ist das das Nest, aus dem Er aufgeflogen ist, um mit uns zu ziehen? Da kann ich es dir freilich nicht verübeln, daß du dich beizeiten wieder aus dem Pulverdampf in den Mehlstaub verzogen hast! Was sieht Er mich so jammerhaft an, Musketier?“
Der junge Müller sah in der Tat den Kriegskameraden ein wenig kläglich und verlegen an. Die Uhr im Winkel hob eben aus und tat ihre zwölf Schläge: lang konnt’s nicht mehr dauern, so waren die beiden Alten aus Sarstedt zurück; und was der Alte zu dem verwilderten Gaste mit dem leeren Ärmel sagen würde, das wußte der junge Meister fürs erste noch nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur mit merkwürdiger Deutlichkeit seines eigenen Empfangs zu Hause nach der Rückkehr aus dem Felde und blickte jetzo nach dem Winkel neben der Uhr, aber einen Trost gewährte es nicht, daß das spanische Rohr daselbst nicht an seinem gewohnten Platze lehnte. Der Meister Christian führte es mit sich, würdig war er daran zur Kirche geschritten, und unbedingt brachte er es wieder mit heim; er hielt etwas auf den Stab, den er bereits von seinem Vater ererbt hatte und noch um eine Generation weiter zu geben hoffte.
„Ich sehe dich nicht jammerhaft an, Jochen,“ sagte der junge Müller. „Aber mein Vater und meine Mutter —“
„Hoho,“ lachte der andere, „steckt’s da? Die halten das liebe Söhnchen wohl fest am Bande? Sie haben wohl nicht Lust, es zum zweiten Mal im weiten Felde zu suchen? He, Albrecht, Bruder, da laß du mich nur sorgen; aus dem Quartier geh’ ich bis morgen früh nicht. Schaff zu trinken; den Hunger heb’ ich mir zu Tisch auf! Nestküchelchen, Füsilier Bodenhagen, Bruderherz, sind wir darum in so erschrecklichen Bataillen gestanden, um uns zu Hause den Suppenlöffel ums Ohr schlagen zu lassen? Mordieu, her mit der Flasche — schaff einen Schnaps; oder ich hetze deinen eigenen Hund auf dich! wie heißt denn der Köter?“
„Schrei nur nicht so, Jochen. Hierher — ruhig, Laudon! will er Ruhe halten, Laudon? O Jochen, tu mir die Liebe an —“
„Laudon heißt das Beest? Nenn es Sackville, Kamerad! Feig und niederträchtig genug sieht die Kreatur zu dem Namen aus! Hetz sie nur auf den Zeltkameraden, Bruder Albrecht! He, Sackville! He, Sackville! faß an, pack an, Lord Sackville! Mit meinem leeren Ärmel wehr’ ich mich! Siehst du, da verkriecht sich der Kujon unter der Bank, und da — dort verkriecht sich der Broglio aus der Affäre, und da lieg’ ich im Sumpf, und der Arm ist zum Teufel. Sackville, hoho, Sackville, Mylord Sackville! so zieh’ ich als ein Invalid mit dem Bettelsack aus dem Feldspital nach Hause, und mein bester Freund fürchtet sich vor der Rute hinterm Spiegel. Pfui, Satan; ich spucke aus und wünsche dir alles Glück bei deinen Mehlsäcken, Albrecht Bodenhagen. Adjes, und wenn du es gar nicht mehr aushalten kannst, laß dich beim Sackville unter die englische Kavallerie anwerben, und deinem Hundevieh tu’ ich Abbitte, das ist viel zu gut für den Namen. Gott befohlen, Müller, und die englische Krankheit in deine Knochen!“
Er hatte den Hut aufgestülpt und wollte eben zornig zur Tür hinaus, als sich dieselbe öffnete, das heißt, als sie weiter aufgemacht wurde. Es hatte seit mehreren Minuten bereits jemand da dem Dinge zugehört. Der alte Meister Christian stand auf der Schwelle, und hinter ihm stand angsthaft seine Hausehre und hielt ihn am Rockschoß; es wies sich jedoch sonderbarerweise aus, daß das gar nicht notwendig war.
Der Invalide von Minden rannte an den Meister an und fuhr zurück.
„Wo will Er hin?“ fragte der Greis. „Halt da! Daß Er das große Maul gleich allen übrigen aus dem Kriegselend mitbringt, weiß ich schon. Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die Jahre lang allnächtlich ihr Kissen in ihren Tränen wäscht? Die Rute hinterm Spiegel? Ei, ei, führt nicht der König gerade darum den Krieg, um der ganzen Welt zu zeigen, daß die Rute immer noch hinter dem Spiegel stecke? Lege Er Seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der Mühle bis morgen und auch noch einen Tag länger, wenn’s Ihm beliebt. Auf den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzuräsonieren das ist mein Junge, und den hab’ ich abzurichten! Marsch in die Küche, Mutter, wir haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast mehr. Hänge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad — da, stell meinen Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen Umständen ein Weiteres wissen.“
Der Korporal schüttelte mit einem eigentümlichen Blick auf den früheren Kriegsgenossen dem Alten die Hand.
„Er ist mein Mann, Müller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich würde Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn’s anginge. Mit Seinem Jungen da darf Er natürlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein Unteroffizier gewesen und weiß, wie er traktieret sein muß. Hänge Er auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.“
Der „Junge“ tat verdrossen, was ihm geheißen worden war, trieb sich kläglich-mürrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er stützte beide Arme auf den Zaun und sah die mürrische Innerste vorbeifließen.
„O Jemine,“ seufzte er, „jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid in mir wüßten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein — die ganze Welt hunzt an einem herum, und nichts, gar nichts hat es genützet, daß man sein Leben dran setzte, der wilde Albrecht zu heißen. Der Krieg hat mich kaput gemacht — und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon längst mit sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib —“
Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu bringen, schlich er zurück, fand die Suppe auf dem Tische stehend und den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der übrigen Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund nur zum Essen auf und hörte den Jochen von der Schlacht bei Minden erzählen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von Groß-Förste auf die Mühle zuführte durch die Felder und Wiesen, und auf welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.
Fünftes Kapitel.
„Kerl,“ sagte der Korporal Jochen Brand, „nun sage mir mal, was das mit dir ist? Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit meinem Arm ruhig bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus, wie dir’s ums Herz ist; es deucht mir, die Marschroute sei mir nur deshalb so vorgeschrieben worden, um dir die Beichte zu hören, als ob ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als ein Hildesheimscher Kanonikus.“
„O Jochen!“ seufzte der junge Müller.
„Als ein Hildesheimscher Kanonikus! Kerl, wenn es auf die Kanonen ankommt, so hast du die auch oft genug singen hören im freien Felde und hinter Wall und Schanze — schäme dich, die Ohren hinter der Front und gar in solch einem Quartier wie dieses also hängen zu lassen. Und deine gesunden Gliedmaßen hast du gleichfalls nach Hause mitgebracht, und freien sollst du das properste Mädchen im Lande — Himmeldonner, Kamerad, setze mich an deinen Platz und sieh dir dann das Gesichte an, was ich dann machen werde! Aber so ist’s, das Gute auf Erden wird immer an die Unrechten weggeworfen; wenn nicht dann und wann so ein Richtiger das Pläsier hätte, so einem unverdienten Glückspilz in seiner Fortun’ beizuspringen und mit Trost aufzurichten, so wär’ es gar nicht länger auszuhalten in der Welt. Das hätt’ kein Lutherscher und päpstlicher Pfaff besser gesagt: also heraus damit, Bodenhagen, wo fehlt’s Ihm? Wo kann der einarmige Invalide Jochen Brand aus Grund seinen Trosthebel ansetzen?“
Der melancholische junge Müller sah nach der Mühle hin; dann von neuem auf den Weg nach Groß-Förste, und dann faßte er den Kriegskameraden am heilen linken Arm und fragte leise:
„Sieht Er’s mir wirklich auch nicht mehr an, daß sie mich hier rundherum auf drei Meilen Weges den tollen Bodenhagen nannten, Korporal?“
„Ne!“ sprach der Korporal, ohne sich nur den kürzesten Augenblick auf die Antwort zu besinnen.
„Dann will ich Ihm sagen, was schuld daran ist; das Wasser — da — das schlechte schlimme Wasser ist schuld daran! Die Innerste ist’s! Kennt Er die Innerste, Korporal Brand?“
Der Korporal machte seinen Arm so sacht als möglich von dem Griffe seines Kameraden los.
„Ob ich die Innerste kenne?“ fragte er in der festen Überzeugung, daß sein voreinstiger Zeltgenosse zu allem übrigen auch verrückt geworden sei.
„Die Innerste! das böse Wasser! die schlimme Innerste!“
„Kotz Blitz?“ schrie der andere. „Musketier Bodenhagen, treibe Er nicht Seinen Spaß mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm bei Minden liegt, so hab’ ich mich doch allmählich auf den linken einexerziert, und ich weiß von Seinem Herrn Vater, daß ein spanisch Rohr immer noch seine Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier aus dem Zaune? Rede Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und auf ein Wort mit der Jungfer Braut soll’s mir auch nicht ankommen.“
„Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,“ sagte Albrecht Bodenhagen. „Du hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht gut, ohne dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal gewesen bist, das ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert hast als die anderen Kerle, mag auch seine Richtigkeit haben —“
„Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man dich unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat’s nicht viel besser gehabt! Hab’ ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine Mutter ihr Kind?“
„Das weiß der liebe Himmel!“ ächzte der junge Müller. „Aber es mag sein, wie’s will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir wahrhaftig nur ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da ist doch zuletzt doch einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige reden kannst, Bodenhagen. Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber dein Kamerad war er doch! will Er mich nun reden lassen oder nicht, Korporal Brand?“
Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen Müller um den Nacken.
„Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht verlangen, daß er Spaß verstehe, und so ist’s auch von dir nicht zu pretendieren. Sonst aber weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen hochlöblichen Regiment nur der Oberst ein Schnupptuch in der Tasche führte; das ganze übrige Korps, Offiziere, Unteroffiziere, Trommler, Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams Art: also daß ich ein Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe, kannst du beim Satan nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen Luft! wo steckt’s? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?“
„Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,“ flüsterte der Müller, „war ich droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist’s mir nicht damit gewesen. In die lustige weite Welt wollt’ ich, und so bin ich hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal. Kennst du die Buschmühle zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen Brand?“
Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen, verständnisvollen Pfiff.
„Hui — die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch? Alle Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich zurückfragen, ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?“
Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause blickend, und der Korporal fuhr fort:
„Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten genug, als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen, als sich um ihr Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im Felde; aber vor sechs Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und Doris Radebrecker war ein sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich aus dem Forst am Hübichenstein und legten mir statt der Jägerbüchse des Königs in Preußen Kommißflinte auf, sie hätten mich vielleicht noch bequemlicher in der Buschmühle gefunden.“
„Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb Jahren, und damals war die Innerste, die Doris wollt’ ich sagen, so zwischen Neunzehn und Zwanzig.“
„Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?“ murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein wenig grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:
„Nur weiter, du Armsündergesichte!“
„Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich in den Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was vorlöge. Aber gelogen hab’ ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist, Korporal; unter dem Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen geraten, Korporal Brand; aber in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie ich in den Krieg gekommen bin, davon weiß Doris Radebrecker in aller Welt am besten auszusagen.“
„Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,“ sprach der einarmige Invalide mürrisch. „Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält zu seinem eigenen Besten.“
„Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!“ flüsterte Albrecht Bodenhagen angsthaft. „Bei unserer Kameradschaft in Not und Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt — und ich weiß es ja, daß du jetzo es nicht lassen kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede nicht von mir. Da kommt die Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin versprochen worden mit dem Lieschen von Papenbergs Hofe, und zu Ostern ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der Doris, ich läge bei Bergen vor der Stadt Frankfurt mit den anderen — sechshundert in einer Grube! Sag ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu Hameln auf Fort George Spießruten laufen sehen — sag ihr, ich sei verendet mit einer zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr, du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall —“
„Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; — o Kamerad, wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an. Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht gegen den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem Flintenkolben zum Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen, daß die Innerste dann und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges für ihren Hunger verlange. Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von Groß-Förste an, und jetzo will ich Seinen jetzigen Schatz mit meinen Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und Ihm dann meine letzte Meinung gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich darauf; ehe ich hier aus meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine Meinung sagen, grad als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber hätte es denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe Doris — Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben. Wie wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen Fittich! Mordieu, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund sitzen hätte, so wär’s freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder hinterm Hamelnschen Wall seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.“
In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen Erlen und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die junge hübsche Braut, das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der heimkehrende verlorene Sohn saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht bekamen. Sie stand lachend und hell unter dem grauen Himmel vor dem schmutzig schleichenden Wasser und winkte:
„Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!“
„Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun kann, Musketier Bodenhagen,“ sagte der Korporal, höflich den Hut vor der lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein fröhlicher Schein von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben Februartage; die Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche Bildnis wieder, sie kroch schlammig und heimtückisch hin, mürbe, schmutzige schwarze Eisstücke treibend. Und plötzlich regte sich der Stamm, auf welchem die junge Braut stand. Fort und fort hatte die Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen ihren Spiegel, und sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf noch vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem hinab und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten einen Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.
„Da hättest du mich beinahe aus der Innerste auffischen müssen! Weshalb holtest du mich auch nicht herüber, Albrecht?“ rief die junge Braut schmollend.
„Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg!“ sagte der Korporal Brand, und der junge Müller sagte:
„Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen Ferdinand, Vater Papenberg. Er heißt Jochen Brand und ist aus der Bergstadt Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol’ ich morgen mit dem Frühesten aufs Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen in die Versuchung führen. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen uns einen pläsierlichen Tag machen.“
Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte die alte Mühle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian legte ein Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres Sohnes Geburt nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.
Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrötiger grober Bauersmann und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so fein und zutunlich wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner Tonpfeife der Stuben- und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es war ein jeglicher auf seinem Schick, und weder unter den Vettern noch unter den Basen ging das Wort aus, wenn auch der Witz dann und wann nicht allzu hell durch die Unterhaltung glänzte.
Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darüber zu diskurrieren; der alte Fritz und sämtliche Völkerschaften Europas sorgten dafür.
Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen Brand, an seiner Stelle. Sie hörten ihm mit Erstaunen zu, und was er sagte, war auch meistens höchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in welchem er nicht mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hörte, so verwunderte man sich nur, daß er heute hier in der Mühle an der Innerste am Tische sitze und nicht in einer der beiden großen Staatsmühlen zu Berlin oder Wien am Trichter oder Beutelkasten; und daß ihn der französische König und seine Hauptstaatsdame, die Madame Pompadour, nicht auch schon längst nach Versailles geholt hatten, das war gleicherweise unbegreiflich.
Im Winkel hinter dem Ofen saß aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie sprachen am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten, vernahmen, das ist auch die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und so verschwand, als nun gar noch die Dämmerung dazu kam, das Brautpaar in seinem Winkel fast vollständig aus dem Gesichte der Verwandtschaft.
Weidlich aß und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe angezündet auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, daß man den Docht mit dem an dem Kettchen hängenden Drahthaken soweit als möglich hervorzog; sie gab wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen Tabaksdampf her, aber die Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte wenig bedeuten. Doch aber hatte das rote Pünktchen in dem Nebel eine andere Wirkung: das Gespräch kam von Krieg und Kriegsnot auf das, was dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als wie Kometen, Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewölk, greuliche Veränderungen an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wußte und solches erlebt hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor dem Angang des ersten und des zweiten schlesischen. Wußte doch sogar ein Altvater noch von den Wundern zu erzählen, die sich zur Zeit des vorigen französischen Königs im spanischen Sukzessionskriege und vor der Schlacht bei Belgrad ereignet hatten.
Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher für sein eigen Leben und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage gesehen und gehört hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:
„Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser Mühle gesessen, um davon nachsagen zu können.“
Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als horche jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die Innerste lauter als sonst durch die Nacht.
Die Mienen des alten Müllers hatten sich mit einem Male wieder verfinstert.
„Wenn es Ihm recht ist, Gevatter,“ sagte er, „so lasse Er das auf sich beruhen. Ich bin im Frieden mit meinem Mühlwasser und will darin bleiben. Wir sind manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste und ich, und es verdrießt mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken will.“
„Nun, nun, Gevatter Bodenhagen,“ sagte ein anderer, „manchen Possen hat sie dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen und Äckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab’ ich sie freilich nicht hören, und unter den hannoverschen Herrschaften, die im Sommer zu uns am Sonntage aufs Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer, ein Hofrat und grausam gelehrter Professor aus Göttingen gewesen, der hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn —“
Ein Faustschlag des alten Müllers auf den Tisch und ein zorniger Blick auf den Redner schlossen dem letzteren den Mund.
„Wer die Innerste nicht hat schreien hören, der soll Gott danken!“ sprach der Meister Bodenhagen. „Und jetzt ist’s zu Ende mit dem Geschwätz darüber,“ fügte er hinzu.
Es war aber noch nicht zu Ende; dafür war der Korporal Jochen Brand als vielerfahrener Gast in der Mühle an diesem Abend vorhanden.
„Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch verschworen, daß man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen könne, daß er nie wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man müsse einen kupfernen Kessel auf den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber hinein in den Born schütten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat habe vor alten Zeiten ein reicher Graf so einmal einen großen Fluß zum Absterben gebracht, weil sein Töchterlein hineingefallen und vertrunken sei. Wem also die Innerste nicht gefällt, der mag morgen mit mir an ihr hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im Harz und das Mittel probieren. Dem Müller hier wär’ freilich trotz allem wenig damit gedient, wenn ihm plötzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in der Ecke, Kamerad, da müßte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans Spinnrad setzen, wenn dir so zwischen heut und morgen das Mühlrad stecken bliebe. Nicht wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien, so viel sie will?“
Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.
„O ja!“ rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang dazwischen, und der junge Müller sagte mürrisch:
„Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers. Laß es laufen, wie es will! Hier den Krug bring’ ich dir, Jochen; tu Bescheid und sag uns einen feinen Spruch dazu.“
„Das ist das Richtige!“ rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und der Korporal ließ sich nicht lange nötigen. Er erhob sich, legte seinen leeren Ärmel auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weißen Tulipane auf blauem Grunde in der heilen Linken.
„So tu’ ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen anwesenden hochlöblichen Kumpanei: