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Die Innerste: Erzählung

Chapter 11: Zehntes Kapitel.
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About This Book

The story personifies a small river whose changing temperament shapes the fortunes of the communities along its banks, tracing how clear headwaters grow corrupted by mills, industry, and human vice. Focusing on two neighboring mills, it sketches domestic routines, local rumor and superstition, and the strain of absence and return within a mill household, all set against the distant pressures of war and social change. Nature acts as an active moral presence, and the interplay of landscape, gossip, and human weakness yields a restrained meditation on decay, communal memory, and the persistence of local habits.

Zehntes Kapitel.

m Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist’s dann, beim Lampenschein liebe Gesichter — junge und alte — um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; — mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; — den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht’s auch ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet, geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.

Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm, oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.

Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird’s sein, daß wir unsere Hand davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an der Innerste, im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt! verjährt! Es ist über das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge sind nachher ausgeführt, und ist damit renommiert worden, und die alte, uralte Entschuldigung, daß der schwache Mensch eben zusehen müsse, wie er sich durch die böse Welt bringe, gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als ob er wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein Stündlein später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am Hübichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den Tisch, und über den toten Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit dem Zwerg Hübich lasse sich schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab’s neuen Hader, den der Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und acht Mariengroschen, um die es sich handelte, für sich nahm als Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei mächtig unter der Erde wie über der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen, und da hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und Vagabunden des Jahres 1760 reden hören.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister Radebrecker, saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber auf der anderen Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der Harzburg bei Wülperode im Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen, aber seine zwei Kühe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden, denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume, und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:

„Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick müßte er ansprechen und sich vermelden!“

„Wer?“ fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.

„Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher Witterung jagt er am liebsten.“

Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in der Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

„Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht in den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen, Böhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen Kürassieren, dem wird’s übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und all dem anderen Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze läßt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß ich selber ziehen sehen, ehe ich glaube, daß der besser zu Pferde sitzt als ein Franzos.“

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter, oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem Einarm gewendet:

„Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.“

„Hoho!“ lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt auch wieder ihr Wort dazu.

„Jawohl, hoho, Kamerad!“ rief sie. „Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm — den wilden Jäger meine ich — begeben hat.“

„Mit Pläsier,“ sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht lange bitten und erzählte halb flüsternd:

„Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie. Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen lagen. Am Buchenberge hört er’s auch einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor — er ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg —“

Der Erzähler brach ab und horchte — käsebleich.

„Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!“ lachte der Korporal noch; aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat’s einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.

„Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!“ rief jetzt über alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie womöglich noch gebieterischer: „De par le Roy — sa Majesté Louis Quinze, de France et de Navarre!“ Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder Vernunft in die Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei Waffen — Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch über bessere Waffen — Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein — einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen Durchlaucht und großbritannischen Majestät Georg Rex trotz der fränkischen Besatzung des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel zusammenschnürt.

Elftes Kapitel.

nd die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats. Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte; aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte sie da mit ihrer Beute.

Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen, hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen wollten.

So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in die Ebene hinaus.

Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen, kriegte jedoch, so viel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen, schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen vollkommenen Haushalt einrichten können.

Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt. Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften Müller und Müllerin nicht; — sie hatten vorsorglich eine solche bereits auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder Besuch — unerwarteter Besuch — ein Gast, der jetzt zum dritten Male eingekehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe wieder erscheinen wolle; — um aber zu taufen, mußte doch erst das Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.

Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen, aus dem Gefängnis zu Wildemann.

„Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!“ ächzte er, vor dem erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf die Bank fallend. —

Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich plötzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich gehaltenen Stube präsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so außer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.

Mit Bonjour und Serviteur kam der Korporal diesmal nicht herein, und Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Müllersleute auch fürs erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, griffen sie um so werktätiger zu. Der Meister faßte den erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn bequemer zurecht. Die junge Frau schürte hastig das Feuer im Ofen, und die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrücker und dem Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darüber.

Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die Hochzeit überlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kübel warmen Wassers und warmen Tüchern, und dann — brachte der Müller Albrecht Bodenhagen seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.

Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.

So schwach und hinfällig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von seinen Abenteuern erzählt, und der Meister Bodenhagen mußte sich oftmals tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu können. Wenn wir ihm Wort um Wort folgen wollten, so dürften wir manches zu verzeichnen haben, was die schwärzeste Tinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden würde, auf daß die liebe Freundin ihn auch ohne Mühe auffinde, vorauslese oder ihn gar ausschreibe.

Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitäler die Hülle und Fülle auf deutschem Boden. Der dritte schlesische Krieg wußte dafür zu sorgen und war nicht blöde, zuzugreifen und Kirchen und Rathäuser zu nehmen, wo die Räumlichkeiten nicht sonst ausreichten. In Torgau und um Torgau her in den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag’s augenblicklich, das heißt seit dem dritten November, wieder einmal recht voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mühle leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprüche und ernstgemeinten Herzenswünsche, die ihnen da zugesendet wurden.

Wir begnügen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir können einen Eid darauf ablegen, daß sich alles so verhielt, wie der Einarm dem früheren Kameraden erzählte, während die junge Frau drunten das Hauswesen versorgte.

„Ich hätte es schon wissen können, wie’s mir ergehen würde, als mir der Feldscherer in Minden den Laufpaß schrieb,“ seufzte der Invalide. „Aber als ich im Februar hier die Kameradschaft grüßte, hing mir der Himmel doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie müßten mir doch auf mein Heldentum ein Weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause gekommen mit meinem leeren Ärmel nach Grund, und ich bin richtig zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzügen der Könige in der Bibel und des Generals Julius Cäsar. Aber es geschah mir schon recht: weshalb ließ ich den Feldscherer gewähren und mir den Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natürlich auf die letztgewohnte Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund möchte ich den Hals umdrehen; aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! — Musketier Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ändern ist’s nicht mehr; Sein Buschmüller dreht sich im Winde, wie der Wind will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich’s nicht täte — he?! — Philister über dir! sie hatten uns alle fest, und ich saß an seinem Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie kamen uns wie der Hackelberg über den Hals und nahmen uns allesamt mit und ließen selbst die Doris nicht zurück, um das Haus zu hüten. Paarweise ging’s zwischen den Büchsen und Musketen ins Prison, und die Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich auch jetzo hier liege und alle Vier von mir strecke. So machte ich mir wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenkost zwischen vier dichten Wänden war immer noch nahrhafter und wärmer als Eicheln, Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wäre mir doch beinahe zu teuer zu stehen gekommen, daß ich mich auf meine Unschuld zu feste verließ. Auf grünem Felde, und wenn ich den Feind dreißigtausend Mann stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fußvolk, Reitern und Geschütz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grünen Tisch ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich’s der jungen Frau verzählen würde, was da von wegen der Buschmühle zur Sprache kam, so würde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und Vergißmeinnicht träumen. Da lob’ ich mir ein Kriegsgericht, damit geht’s doch wenigstens rasch: marsch zurück in Reih und Glied oder marsch vor die neun Flintenläufe oder zwischen die Spießruten! So ging’s zu Wildemann nicht. Da mußten sie alles zu Papier haben und das meiste doppelt und dreifach, und was wir um unsere Sünden und — unsere Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem gesündigt. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber hätte sie sich wohl nicht freigelacht, dazu mußte sie die Reserven ins Feuer rufen, und, Musketier Bodenhagen, bei Gott — sie fliegt frei und kann Ihm jeden Augenblick die Hand auf die Türklinke legen. Der anderen hängen sechs wie die Krammetsvögel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und — Seine Doris, sitze Er still, Kamerad! — die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine Ahnung habe, wer von der Jägerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und Fräulein den Angeber spielen. In der Buschmühle haben wir leider Gottes auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne Lüge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt’ ich um dein arm, lieb, jung Weib, du wärest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht Bodenhagen!“ — —

Der Müller saß in seinem reinlichen weißen Müllerhabit am Bette des guten Kameraden, des tapferen und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und kühnes Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Müller sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen genannt haben könne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem Kriege von dem alten Adam an ihm übrig gelassen hatten, das hatte Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Groß-Förste gründlich ihm vom Rocke abgebürstet.

Nachdem der Korporal erzählt hatte, sprach oder stotterte der Musketier seinerseits ein Langes und Breites über die Innerste, die Buschmühle, Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg- und weltmüde Kamerad hörte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit zu Zeit ein beifällig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der Müller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder im Dom, noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden haben würde. Mit beiden Armen umfaßte er zuletzt den treuen Freund und seinen wackeren Unteroffizier und rief:

„Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich’s. Was mein seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen; aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab’ ich doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe, was die anderen taten, und ein Mehreres prätendiert selbst unser Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan —“

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere fuhr fort:

„Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand, wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die Zeiten still sind, dann erfahren sie’s wohl niemals und werden achtzig Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und die Nasen rümpfen. Ich aber wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.“

„Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste schreien kann,“ murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:

„Ja!“

Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen, und der Korporal brummte:

„Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff aber den Laudon ab — den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heute weiß ich noch nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab’ ich fürs erste genug gehabt im Turme zu Wildemann.“

Zwölftes Kapitel.

m fünfzehnten Dezember war der Korporal in die Mühle eingerückt, aber am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Füßen, ohne sich an die Wand lehnen zu müssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu danken; denn selten war ein königlich preußischer einarmiger Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand aus Grund von dem Müller Bodenhagen und seiner Frau Liese.

„Ich wollte, mein Mütterchen könnte vom Himmel aus observieren, was Sie, junge Frau, an ihrem Jungen tut,“ sagte der Kriegsmann jeden Tag wenigstens ein halb Dutzend Male mit möglichst fester und mannhafter Stimme. „Wissen aber möchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr dafür wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?“

„Vorlieb soll Er nehmen, Korporal,“ sagte dann die Müllerin. „Warte Er aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.“

„Dieses glaube ich, ohne daß Sie es beschwört, Lieschen; denn daß man eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob’s vor tausend Jahren Mode gewesen wäre. Der König und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und Schweden haben solches Pläsier gründlich abgeschafft, und selbst in den Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein leerer Ärmel es zuwege bringt, daß ich noch einmal die Festtagsglocken läuten höre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den französischen König Louis und bedanke mich noch gar schön für seine sakermentsche Kanonenkugel bei Minden. Übrigens ändert sich das Wetter wiederum. Der nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal ärger als gestern.“ — —

Das Wetter änderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein Wort über die Innerste zu sagen.

Wenn nämlich der junge Müller vorhin meinte, daß er am liebsten mit seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im Wasser wohnen möchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfüllung gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf den Hof und überschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mühle. Noch eine Spanne höher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister Albrecht große Sorge darob.

Gegen Groß-Förste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt war die Not ebenso groß wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landläufige und, genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, — Holland in Not!

Den ganzen Zwanzigsten über wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht und seine beiden Knappen — er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk getan — legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptsächlicher Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.

Die Innerste zog sich wieder zurück von dem Hause, aus den Stallungen, vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden allgemach wieder frei. In der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine leichte Eisdecke über den Fluß, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis, wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein Kind, ein kleines Mädchen von Groß-Förste herüber, bestellte einen schönen Gruß und brachte die Botschaft, daß die Leute von Papenbergs Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein und für sich nach seinem Pläsier und Gusto feiern.

„Wir sind zu drei mit den Mägden und den Gesellen uns auch genug, Jochen,“ sagte der Müller, und der Korporal meinte: „Mir ist’s recht.“

Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es „murxte“ etwas in ihm; was das sei, wußte er freilich selber nicht. Still und nachdenklich, doch nicht unfröhlich schlich er umher, und am Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians große Bilderbibel vom Schranke und saß fast den ganzen Tag darüber.

Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit über die Schulter, und dann sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschütteln in die klaren, freundlichen Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmütig: „So wunderlich kurios ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.“

„Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad,“ meinte die Müllerin. „Er hat die alten Bilder eben lange nicht umgeblättert. Wenn ich Zeit hätte, wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und die Propheten und die ausländischen Kamele und Palmenbäume besehen. Als Mädchen hab’ ich mir in diesen Tagen immer ein Stündchen dazu übergespart. Es ist so heimelig, wenn’s draußen so kalt ist und in der Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehört alles zueinander und —“

„Sakerment!“ schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend, „und kein Mensch sollt’s für möglich halten, daß der Broglio heute noch in Kassel sich verschanzt hält! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so darüber reden wie ich, der ich verstümmelt aus dem Kriegsleben komme und alle großen Bataillen des Königs Fritz und des Prinzen Ferdinand mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mühle und zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich plötzlich finden hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll mir dran rühren — beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand heiße!“

Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebührlichen Aufregung und dem Fluchen und Räsonnieren ihres Gastes zurückgefahren.

„Nehme Sie es nicht übel, Lieschen. Ich wollte, ich könnte deutlicher sagen, was ich im Sinn und Herzen habe,“ seufzte der Korporal. „Aber da draußen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier’ ich ihn ganz und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand — nicht Mann und Weib soll ihn drin verstören, so lange ich’s hindern kann.“

„Wie meint Er denn das, Korporal?“ fragte die junge Frau scheu; doch plötzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend: „Jesus, Jesus — es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren Willen nicht gekriegt!“

„Jetzt gibt Sie mir eine Nuß zum Knacken, Frau Meisterin!“

„Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen Ohren sie schreien hören, so wahr ich lebe!“

„Pu-u-uh!“ machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen wie in früheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem Oktoberabend in Radebreckers Mühle aussah, um vergnüglich sein zu können.

„Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis,“ brummte er und fügte sonderbar mürrisch hinzu: „Übrigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.“

„Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran!“ rief die Müllerin; dann aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war wieder allein.

„Wunderlich, wunderlich, wunderlich!“ murmelte er, eine der Bildtafeln in der großen Bibel umschlagend. „Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld verzählen hören, daß auch der König Fridericus solcherlei Anwandlungen habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen kann man sich auch darauf nicht.“ — —

Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weißer Sand frisch gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als er die Blumentöpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rückte. Als die Dämmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fünf Uhr saß er still mit dem Müller — seinem früheren Musketier — auf der Ofenbank und blickte durch die Dämmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen hatte. Die junge Frau vernahm man in der Küche, und jetzt legte der Einarm dem Kameraden fast zärtlich die Hand aufs Knie und sagte:

„Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist’s mir Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen hätten wir anderen uns schon längst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt’s von deinesgleichen am mehrsten auf Erden — der Herrgott hat’s so eingerichtet, und er muß Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergnügt mit deinem Weibe und kümmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie mir nichts weiter zu wünschen, als daß der Christabend zu Ende gehe, wie er jetzo angefangen hat.“

Vergnügte Weihnachten! Eine Stunde später war die ganze Bewohnerschaft der Mühle um die lichterglänzende Tanne versammelt, und der Korporal Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren Ärmel mit den Zähnen; er hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostüm seines Kameraden und Wirtes stak, so wußte er mit den Knöpfen daran noch nie so gut Bescheid wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner Majestät des Königs Friedrich von Preußen allein übrig geblieben war.

Arm in Arm standen Müller und Müllerin vor dem Tisch mit dem Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mühlknappen hatte seinen Arm um die Hüfte einer der beiden kichernden Mägde der Frau Lieschen Bodenhagen gelegt. Daß der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der Franzosen über Göttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden, kümmerte keinen in der Mühle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die Lichtlein und goldenen Äpfel funkeln, sie knackten ihre Nüsse wie die Eichhörnchen im Neste, und dann saßen sie und sahen die Lichter an ihrem Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen hineinsummten.

„Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau Meisterin!“ rief der Korporal fröhlich.

„Das sage ich auch,“ sprach die Frau Meisterin.

„Für das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Büchsen geladen an der Wand, Jochen,“ meinte der Müller. „Im vorigen Monat, als du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist das Gesindel oft genug an der Tür gewesen. Die Schererei reißt nicht ab.“

Die beiden Mühlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an der Tanne brannte herunter.

„Heidi!“ rief der Korporal; und der Müllerin kleine Blechlampe lieferte wieder das einzige Licht für die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die Spinnräder wieder, die Männer schmauchten und tranken und sprachen von allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit „Modestität“, und daß auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.

Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr dicht. Fluß und Land wurden von einer weißen reinlichen Decke überzogen, und nur Gesträuch und Gartenzaun, sowie das Gebüsch am jenseitigen Ufer der Innerste hoben sich schwärzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im Busch kamen die Männer auf ein ander behend Geschöpf im Busch, und wie man das in Schlingen in der Hecke fängt und sich einen billigen Braten im Schlafe schenken läßt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger auf den Mund und rief:

„Haltet die Mäuler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft die ganze Sarstedter Försterei hier, um uns in die Töpfe zu riechen. Sie wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.“

Dabei stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es und schob den Kopf hinaus. Kein Lüftchen rührte sich; das weiße Gewimmel kam wie im leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewölk gestanden.

„Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie’s angefangen hat, so werden Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hübsch hoch heben müssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, daß sie sich nicht einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste —“

Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar — ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht über die Innerste her — ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte und krachte ein Schuß aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschütterten heftige Schläge die Tür der Mühle, und ein zweiter Schuß schien in das Türschloß abgefeuert worden zu sein. Die nächtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein einziger in der Stube von dem plötzlichen Schrecken aufgerafft hatte. Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.

„Jesus Christus, die Innerste!“ jammerte die Müllerin, und die beiden Mägde drückten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst hatte diesmal der Müller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.

„Die Marodebrüder! Ob’s mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Büchsen herunter — Lieschen, unter die Bank — Courage!“

„Courage!“ schrie auch der Korporal, „das Gesindel feg’ ich mit der Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk — da sind sie, und es ist auch nur ein Weihnachtsbesuch!“

Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die Stubentür: „Bon soir, messieurs!

Es waren drei Kerle, die in die Stube drangen; — Gesindel, wie es sich zwischen den Heeren umtrieb, und wie der Bauer jener Zeit es zu seinem Schrecken und Schauder nur allzu gut seit Jahren kannte! Der Rock des fünfzehnten Ludwig neben der zerfetzten Uniform König Friedrich des Zweiten! Um den dritten Galgenstrick aber zu kostümieren, mußte die ganze Reichsarmee Mann für Mann einen Fetzen hergegeben haben, und es wäre wahrlich ein Kunststück gewesen, aus seiner äußeren Erscheinung her bestimmt abzunehmen, welchem Herrn er zuletzt falsch geschworen hatte.

Was nun in der Mühle vorging, läßt sich schwer nacheinander erzählen. Besinnen und Bedenken war nicht am Ort. Der Meister Müller, den sie einst den tollen Bodenhagen nannten, schoß zuerst, und traf auch. Die Eindringlinge feuerten ihre Pistolen ab.

Sacre nom de dieu! En avant les autres!

Der Korporal Brand schlug für den Musketier Bodenhagen zu, wie er vordem auf ihn gehauen hatte; und ob den beiden guten Knappen Hans und Fritz würde dem Oberst Colignon das Wasser im Munde zusammengelaufen sein. Es wurde ein Raufen, Heulen, Sakermentieren und Ächzen im Dunkeln, denn der Tisch stürzte um mit der Lampe und der Weihnachtstanne, und die weißen Müllerhabiter hatten jetzo ihr Gutes; es war ihretwegen keine Not, daß Meister, Gesell und Gast aufeinander schlugen. Der Schnee leuchtete ihnen aber auch von draußen.

Sie trieben die Räuber bis auf die, welche zu Boden lagen, in den Hausgang zurück und dann auch wieder aus dem Hause hinaus. Sie konnten nur noch die Kolben gebrauchen, aber sie gebrauchten sie trefflich; daß die Not sie beten lehrte, konnte man gerade nicht behaupten. Die Mühle wehrte sich tapfer, und die Frauenstimme, die so melodisch das Zeichen zum Angriff gegeben hatte und immer von Zeit zu Zeit von neuem in den Lärm des Überfalls klang, wurde immer greller, kreischender, zorniger, giftiger! Die drei armen Weiber, die im Winkel am Ofen in ein zitternd Bündel zusammengeduckt knieten, vergingen am meisten vor dieser Stimme in Schauder und Ohnmacht. Seltsamerweise hatte nächst den Frauen der Korporal Jochen das feinste Ohr für sie; der junge Meister Albrecht Bodenhagen, sein Haus und Weib verteidigend, achtete kaum darauf.

Es ging scharf — scharf um das Heimwesen des Müllers an der Innerste. Fritz und Ferdinand, Soubise und Broglio waren mit ihren Armaden vertreten unter den dunklen Gestalten, die im Schneegestöber aus dem Weidengebüsch am Fluß vorhuschten, über das Eis glitten und über den Gartenzaun kletterten, um die Mühle und ihre Bewohner in ihre Gewalt zu kriegen; aber der wilde Bodenhagen und sein Haus hielten sich gut. Wenn es ein Glück war, daß die alte Frau diese Nacht nicht erlebte, so war es doch schade, daß der alte Meister Christian sein Söhnchen diesmal nicht bei der Arbeit sehen konnte.

Sie verrammelten die eingestoßene Pforte, sie luden und schossen aus den Fenstern. Sie trafen dann und wann auch, und der einarmige Korporal meinte:

„Wenn sie uns das Dach nicht über den Köpfen anstecken, halten wir uns bei Gott, bis Bürgermeister und Rat aus Sarstedt zum Sukkurs kommen! Courage! Courage! — Uh, wer stopft die Weiberkehle da?“

Die letzte Frage hatte er zwischen den Zähnen gemurmelt. Dicht unter dem zertrümmerten Fenster, an dem er mit seinem Beile stand, war der schrille Schrei erklungen, und wieder wurden zwei oder drei Schüsse in die Stube hinein abgefeuert. Ein durchdringender Jammerlaut aus dem Ofenwinkel folgte sofort, und der eine der Knappen schoß zurück aus dem Fenster und traf. Die dunklen Gestalten im Garten huschten durcheinander und fluchten deutsch und französisch. Das Weib rief scharf und spöttisch drein: und noch einmal stürzten sich die Angreifer auf die zertrümmerte Haustür, deren Verrammelung von dem Meister Albrecht und seinem zweiten Gesellen in Verzweiflung verteidigt wurde.

„Hans Lages, willst du mit? In dem Dampf hier vergeht einem doch der Atem; — ich hab’s mir versprochen, und so lang’ ich lebe, kriegt die Innerste ihren Willen nicht!“

„Hops über, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel!“ rief der tapfere Mühlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der beiden Fenster und fielen den nächtlichen Räubern wirklich in den Rücken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie nicht ganz selten in dergleichen Fällen übertraf der Erfolg die Erwartung. Der Schnee fiel stärker denn je; die Marodebrüder hatten mehr als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel über sie. Sie wichen zurück und gerieten, wie das dann gewöhnlich zu geschehen pflegt, ins Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem Windeise des übergetretenen Flusses statt, und da ertönte zum letzten Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis — das Wasser bekam doch seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise weg trieb eine Weiberleiche abwärts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist jedoch erst im März des nächsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage gekommen.

In Sarstedt wie in Groß-Förste hatte man nun aber allgemach die Überzeugung gewonnen, daß das Flinten- und Büchsenfeuer mitten in der Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Bürgermeister und Bürgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen möglichen Gewaffen und verwunderte sich über die Art, in welcher die Mühle des Meisters Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern müssen. Drei Leichen und fünf mehr oder weniger schwere Verwundete ließen die Marodeurs vor der Mühle zurück, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die männlichen Bewohner der Mühle bluteten sämtlich, doch nur aus leichten Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewußtlos in seinem Blute liegend fand. Ein Messerstoß hatte ihn in die Seite getroffen über der rechten Hüfte, und er kam nur noch einmal zum Bewußtsein, und zwar am folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur Weihnachtsfrühkirche läuteten und das Singen durch die Christenwelt anhub: dies est laetitiae, oder zu deutsch: der Tag, der ist so freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Müller:

„Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; — es war — unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut gewesen wie ihr Wort; aber den Stoß hab’ ich doch eigentlich nicht von ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gästen der Buschmühle, der’s gut mit ihr meinte — besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber für sie war keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis aufs Messer und was dran hängt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, daß es zu Ende ist.“

Der Müller weinte, und als dann die Müllerin in die Kammer kam, weinte sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

„Adjes, Frau Liese,“ sagte der Korporal noch schwächer als zuvor. „Vor der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist’s auch nichts; — es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage über gar nicht mehr drauf gefreut. Gott helf’ Euch durch die Zeit; — König Fritzen geht’s auch hart — vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird auch; — ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im Reinen. Ein unnützer invalider Vagabond war ich doch, und der beste Kamerad wäre auf die Länge meiner überdrüssig geworden.“

Durch sein Schluchzen wollte der Müller dem Sterbenden noch ein Wort dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding, das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mühle an der Innerste steht heute nicht mehr; aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Nücken und Tücken und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fraß; aber daß sie danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.