Vivat, der König Fritze soll leben
Und die Jungfer Liese auch daneben;
Und flöss’ die Innerste voll rotem Wein,
Sollt’ sie nach mir nicht lange schrein.
Was aber ein gut Wasser ist,
Sich immerdar bergab ergießt,
Und bis dieser Bach zurücke wird gehn,
Soll immer hier das Rad sich drehn.
Nun höret mich an, ihr lieben Leute,
Prinz Ferdinand soll leben heute;
Und wird die Braut erst Frau genannt,
Rückt ein zur Taufe Jochen Brand!“
Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte, konnte er selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht weiter.
Der alte Müller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand, behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt sich mit beiden Händen am Tische und tat einen Ruck an demselben, daß die Krüge und Gläser auf ihm erklirrten und übereinander fielen. Er stand auf den Füßen, aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum kreischten auf, und die alte Müllerin faßte zitternd den Arm ihres Mannes:
„Jesus Christus, Bodenhagen?!“
„Still!“ flüsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, während welcher man nichts hörte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des am Ofen schlafenden Hundes und das Rauschen des Mühlwassers draußen, sagte er feierlich mit einem gewissen ängstlichen Grimm in der Stimme:
„Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf Euren Göttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehört?!“
Sechstes Kapitel.
Nun hätten wohl auch wir in diesem Moment gern den gelehrten Professor aus Göttingen hier in der Stube des Müllers an der Innerste gehabt. Wir malen ihn uns wenigstens hinein und sehen ihn leibhaftig vor uns in dem Kostüm von Anno 1760, schwarz, mit wohlgeordneter Perücke, tadellosem Kragen und wohlgefälteter Hemdkrause, den Hut und Stock unterm Arm, die zierlich geöffnete Dose in der Linken und zwischen dem Daumen und Zeigefinger der Rechten die zierliche Prise. Er ist kurfürstlich hannoverscher Untertan, aber er hält die Illusion fest, zugleich königlich großbritannischer zu sein; — er tut sich nicht wenig auf die letztere, etwas zweifelhafte Eigenschaft zugute, zumal da er vielleicht wirklich einmal in London war und den großen Mimen David Garrik auf den Brettern von Drury Lane „tragieren“ sah. Wie dem auch sei, er nimmt seinen Tabak mit mehr Grazie als der große Doktor Samuel Johnson, blickt, die Achseln emporziehend, um sich her und murmelt:
So ziemlich das Nämliche tun wir; — auch wir sagen Hm, hm, hm! und sehen im Kreise umher. — Der Göttingensche Hofrat ist nicht ganz in der Verehrung des großen britischen Doktors Johnson aufgegangen; der Voltaireaner Fritz sitzt in Berlin (freilich reitet er um diese Jahre mehr in Schlesien und Sachsen hin und her), und der deutsche Professor glaubt selbst als königlich großbritannischer Untertan nicht an den Geist in Cock-Lane: er glaubt überhaupt nicht an Gespenster, und das ist ein Vorzug, auf den er gottlob kaum stolz sein darf als Professor von Göttingen.
Hm, hm; wer in der Müllerstube hatte den Bach schreien hören? — Niemand natürlich, das heißt niemand als der Müller selber! Es trat aber augenblicklich das ein, was gewöhnlich folgt, wenn irgend jemand in einer größeren Gesellschaft etwas Ungewöhnliches oder gar Geheimnisvolles gehört zu haben glaubt.
„Alle gute Geister —“ stöhnte die Müllerin, „jetzt habt ihr’s doch alle vernommen und könnt bis zu eurem Ende davon nachsagen!“
Und sie nickten fast alle, und die Weiber drängten sich zu Hauf und flüsterten zitternd. Die Männer warfen noch verstohlenere, scheuere Blicke nach den niedrigen schwarzen Fenstern, und wieder wurde es mausestill in der Stube.
Sie warteten in Todesangst und doch voll eines geheimen Verlangens, daß der Ton noch einmal kommen, daß die Innerste zum zweiten Male schreien werde. Sie warteten jedoch vergeblich; man vernahm zu dem gewöhnlichen Rauschen des Wassers nur einen gurgelnden Laut aus der dicksten Mitte des Tabaksqualms. Dieser Laut rührte von dem Korporal Jochen Brand her, der abermals den Inhalt seines Kruges die Kehle hinunterlaufen ließ; und der Korporal war’s auch, der zuerst wieder der Kompagnie ein lautes Wort zu hören gab.
„Ich für mein Teil habe nichts gehört!“ sprach er ganz gemütlich. „Alle Wetter, und sie haben doch mein feines Ohr manch liebes Mal auf Vorposten gelobt!“ Damit setzte er den geleerten Krug mit einem Klapp auf den Tisch nieder. „Nicht wahr, Musketier Bodenhagen?“ fügte er hinzu.
Hinter dem Ofen hervor kam eine befangene Stimme:
„Sei ruhig, Lieschen — es war nichts! — Ich — ich glaube auch nicht dran!“
Der Meister Christian nahm die Tonpfeife, die er vor sich hingelegt hatte, wieder auf, jedoch nur, um sie in zwei Stücke zu brechen und unter den Tisch zu werfen.
„Junge?!“ rief er. „Was will der Junge? Was sagt der Junge da? — Will der Junge, der Landläufer, auch einmal wieder reden, ohne gefragt zu sein?“
„Ja, Herr Vater,“ kam die Antwort ein wenig zögernd, aber doch mürrisch genug aus dem Winkel zurück. „Und wenn die Innerste wirklich schreit, so schreit sie nicht bloß nach Ihm, Herr Vater, sondern auch nach mir; also darf ich diesmal doch reden, ohne von dem Herrn Vater gefragt worden zu sein.“
Der Alte ächzte in maßloser Verwunderung und stand auf von seinem Stuhl.
„Christian?!“ rief die Mutter flehend; doch der Vater Bodenhagen schob sie wieder einmal von sich und streckte drohend die Faust nach dem Ofen hin. Es war die höchste Zeit, daß sich jemand ins Mittel schlage und, was noch an Behagen und friedlichem Einvernehmen zu retten war, in Sicherheit bringe. Auch hierzu war der Korporal Brand gut und auf der Stelle bereit.
„Und setze ich den Fall, daß da draußen nicht alles in Ordnung sei oder einer sich einen Spaß mit diesem löblichen Konvivium und guter Vetternschaft und Freundschaft gemacht habe,“ rief er, „Sakrament, so soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht dem Dinge auf den Nacken springe und dem Schreier verdemonstriere, wie naß die Innerste ist! Bajonett auf, marsch, Musketier Bodenhagen. Komm mit hinaus in die frische Luft, Albrecht, wir fangen den Spuk mit oder ohne Fischschwanz. Hier in der Stube soll er uns was vorsingen, und der Herr Meister soll ihm die Noten halten!“
Er sprang hinaus, und ihm nach sprang der junge Müller, dem Jungfer Lieschen Papenberg vergeblich einen kläglichen Bittruf nachschickte. Die übrigen blieben alle sitzen und legten sich von neuem aufs Horchen. Die Braut drückte sich an ihre Mutter, der Vater Papenberg schüttelte den Kopf, der Meister Christian senkte den seinigen finster auf die Brust und schlug die Arme ineinander. Nach zehn Minuten vergeblichen Harrens und Horchens ächzte die alte Müllerin:
„Vater, ich trage es nicht länger! Das Herz will mir vor Angst zerspringen!“
„Laß sie doch,“ murmelte der Greis. „Laß sie nur suchen. In meiner Jungheit bin ich auch mal dem Rufen nachgegangen, meinem Vater zum Trotz. Morgen früh — ja morgen früh soll jedem sein Recht werden; und jetzo, Freundschaft, guckt auf und kümmert euch um nichts. Schenk frisch ein, Mutter, die Innerste wird nicht mehr zum zweiten Male schreien; sie soll morgen früh ihr Recht haben!“
Die letzten Worte hatte der Alte selber mit schreiender Stimme gegen das Fenster hin gerufen, und nun tat er selber einen hastigen, wilden Trunk.
„Guck auf, Lieschen! Gevattersche Papenberg, bringe Sie das Kind wieder zu einem vergnügten Gesicht. Kümmert euch nicht mehr um die Innerste, Freundschaft, ich kenne sie und sie kennt mich, und sie hat nicht im Sinn, uns das Pläsier an diesem Abend zu verstören. Sie will nur ihr Recht haben, und das soll sie auch morgen mit dem Frühesten kriegen.“
„Wenn ich nur meinen Jungen von draußen wieder drin hätte!“ seufzte die Mutter Bodenhagen; aber da schnarrte der Alte wiederum höchst verdrießlich:
„Der Junge? Ja, der Junge! Freilich sagt man: was hängen soll, versäuft nicht, und zu meinem Wunder ist der Junge ungehangen von dem Volk nach Hause gekommen. Ach was, Gevatter Papenberg, trinke Er aus und lasse Er nur das Kopfschütteln. Frisch weiter mit dem Pläsier!“
Das „Pläsier“ war jedoch, was der Müller an der Innerste auch sagen mochte, verdorben und blieb so, und die Fröhlichkeit des Abends kam nicht wieder in Gang. Dagegen aber kamen von neuem die seltsamen Historien in die Höhe, und ein jeglicher wußte abermals das Seinige zu sagen von der Leine, der Ihme und der Innerste und selten etwas Gutes.
Die beiden Kriegskameraden blieben eine ziemliche Zeit aus; aber nicht einmal den wachsamen Hund Laudon, der mit ihnen auf die Suche und Jagd gesprungen, hörte man anschlagen, als ob er auf etwas Sonderbares gestoßen sei. Am besten wird’s sein, wir gehen ihnen jetzo nach; denn wenn sie in der naßkalten Dunkelheit des Abends auch nichts Merkwürdiges fanden, so haben sie doch allerhand Kurioses miteinander geredet; die Jungfern, denen wir erzählen, hören gern von dergleichen, zumal wenn es sie allesamt so genau angeht wie in diesem Fall. Es klingt nämlich durch die Nacht, das Rauschen des Mühlwassers und Wehen des Windes wie ein kurz abgerissenes Stück aus dem alten, alten Liede von der Treue.
Sie standen beide still, nämlich die zwei einstigen Waffenbrüder vor der Tür der Mühle, und ein jeder tat einen langen Atemzug in der feuchten Kühle dieses Februarabends.
„Puh,“ meinte der Korporal, „da merkt man erst, aus was für einem Backofen man kommt und was für einen Dunst die gute Freundschaft im Zusammenhocken prästieren kann. Eine Taternhöhle ist ja gar nichts dagegen! — Nun, Albrecht, steck die Laterne an, ohne eine Laterne kommen wir dem Spuk nicht auf die Sprünge! Sieh, der Sackville ist ja auch vorhanden, den können wir item gut gebrauchen. Such, such und bring, Mylord!“
Der Hund tat ein paar Sprünge um seinen jungen Herrn herum, doch mit dem Suchen gab er sich weiter keine Mühe.
„Du hast nichts vernommen, Jochen?“ fragte der Haussohn.
Der Korporal fing an, einen königlich preußischen Kriegsmarsch zu pfeifen, brach nach dem ersten Gesätz ab und erwiderte:
„Dich möcht’ ich lieber als alles andere beim Laternenschein besehen, Bodenhagen — Musketier Bodenhagen! Die Innerste hat wohl nicht geschrien, wie der Alte vermeinte; aber die Doris da oben an der Innerste könnte wohl gelacht haben. Was meinst du, Albrecht?“
Der junge Müller lachte jedenfalls, doch es klang rauh, und die Dunkelheit verhinderte den Korporal, zu sehen, wie sein Kamerad zu dem Lachen die Hand ballte. Die Faust öffnete sich aber wieder, und Jochen Brand fühlte die Hand seines Freundes an seinem gesunden Arme. Der Müller zog ihn weiter von dem Hause weg um das Haus herum, über den Hof, durch den Garten.
„Wer hat Ihm das gesagt; oder hat Er es aus sich selber gesagt? Das mit dem Lachen? Jochen, es ist so; als der Vater sein Wort gerufen hatte und das Frauenzimmer in seinem Schrecken winselte, habe ich ein Lachen gehört. So wahr mir Gott helfe, es hat jemand in der Finsternis vor dem Fenster gelacht, und dabei war ein Knirschen — da — so — hörst du? — gerade so!“
Diesmal knirschte nichts, als zwei der Eisschollen, die sich auf dem dunklen, schläfrig dahinkriechenden Spiegel der Innerste aneinander rieben, und der Korporal spuckte deshalb erst verächtlich in den Bach hinein, dann aber sprach er ernsthaft genug:
„Musketier Bodenhagen, ich habe vieles erlebt in der Welt, und was am grimmigsten aussah, das wurde manchmal zum größten Spaß. Ich bin mit dem König, volle Feldmusik und fliegende Fahnen vorauf, dem Feldmarschall Daun unter der Nase vorbeimarschiert, und er sah schauderhaft genug herunter von seinem Berge und hinter seinen Schanzen und Kanonen hervor. Ich weiß Bescheid in der Welt, Musketier, und zwischen Morgen und Abend habe ich auch von Ihm genug gesehen und gehört, um zu wissen, wie es mit Ihm steht. Will Er nun einen guten Rat annehmen?“
„Wie von einem leiblichen Bruder!“ rief der junge Müller.
„So geh nicht wieder zurück in die Stube, Albrecht.“
„Ach, Jochen, rede deutlich!“
„Bleib draußen! Geh nicht wieder in das Haus zur Freundschaft zurück. Ich habe drei Reichstaler in der Tasche, mehr bin ich in der ganzen weiten Welt nicht wert; aber du sollst die Blechkappen haben und willkommen dazu sein. Da liegt der Mühlensteg über die Innerste; — spring, lauf und laß dich vor dem Jüngsten Gericht nicht wieder hier sehen. Dieses ist mein Rat, und meine Meinung dazu ist, daß du hier ohne Gnade und Barmherzigkeit kaput gehst. Der Alte ruiniert dich, die Freundschaft ruiniert dich und die Jungfer Papenberg ruiniert dich zu allermeist. Du spielst hier ja doch den wilden Bodenhagen nicht länger, der gute Geruch verdampfte wie der Franzos bei Roßbach. Die Innerste aber holt dich bei guter Gelegenheit einmal wirklich, und die Freundschaft und Verwandtschaft wird dir keine Stange hinhalten, um dich aufs Trockene zu holen. Sie wird nur sagen, daß es ihr leid sei, wenn sie dich mit dem Haken durchs Schilf zieht. Albrecht, Bruder Albrecht, du weißt es selber, daß wir solche wie du zu Tausenden in der Armee haben, und, Bruderherz, es ist doch vergnüglicher, bei Trommeln und Pfeifen, mit Kling und Klang in angenehmer Kameradschaft eingescharrt, als so zu Hause in Güte und Herzlichkeit vom Bösen geholt zu werden. Kerl, geh zum Fritz nach Sachsen, wenn du den Prinzen Ferdinand satt hast. Den Colignon findest du immer noch unterwegs, und er zahlt auch ein immer besser Handgeld. Das ist der eine Weg aus deinem Jammer; der andere aber geht hier am Bache hinauf, immer den Bergen zu. Schleich dich zurück nach der Buschmühle, grüße Doris Radebrecker von mir und bestelle ihr, sie solle dir schon um meinetwillen den Hals nicht umdrehen.“
Mit schluchzender Stimme wimmerte der wilde Bodenhagen:
„Aber da drinnen in der Mühle in der Stube bei Vater und Mutter habe ich ja meinen Schatz, meine junge Braut sitzen?!“
„Jawohl, hinter dem warmen Ofen, und des Herrn Vaters spanisch Rohr hängt ihr über dem Kopfe am Nagel. Kamerad, ich sage dir, nimm dich in acht, daß du die Innerste nicht wirklich und wahrhaftig nach dir schreien hörst, wenn der Pfaff dir das arme Ding erst niet- und nagelfest um den Hals geschmiedet hat. Nun, wie ist’s? nimmst du Vernunft an von deinem alten Zeltbruder und Unteroffizier? Greif zu; — da hast du den Juden Ephraim und den Borussorum Rex dazu dreifach als Reisegeld. Als du zum ersten Male durchgingest, hat dir der Herr Vater wahrlich nicht so viel gutwillig mit auf den Weg gegeben.“
Er hatte sein letztes Besitztum an klingender Münze aus der Tasche geholt und hielt es hin; der andere aber schob die Hand mit dem Gelde mattherzig zurück.
„Dir ist dann nicht zu helfen,“ sagte der Korporal Brand mit einem Fluch. „Also sehe ich auch nicht ein, daß wir uns noch länger hier in der Kühle und Feuchte herumtreiben. Laß uns zurück in die Stube. Element, nachher wundert sich Seine königliche Majestät Fritze noch, daß selber ihm manchmal eine Bataille schief abläuft. Kotz Blitz, es ist auch ein Wunder, daß er mit solchen Breiköpfen und Plattfüßen in Reihe und Glied sich doch noch so anständig durch zwei schlesische Kriege bis in diesen dritten hinein durchgeschlagen hat. Marsch zurück unter den Ofen, Sackville! Und meinen leeren Ärmel trag’ ich auch noch nicht lange genug, um nicht die Nachtkühle an dem nichtswürdigen Stumpfe zu verspüren!“
Er drehte sich kurz um und ging in das Haus zurück. Strack und munter trat er in die heiße, dampfvolle Stube ein, und dicht auf den Hacken schlich ihm Albrecht nach.
„Herr Meister,“ rief der Einarm lachend, „bei der Finsternis da draußen suche Ihm ein anderer Seine nächtlichen Spukmusikanten. Hier der Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge, daß die Innerste so sanft dahinfließt, als hätte sie niemals ein Mühlenrad getrieben oder einem Müller die gute Laune verdorben. Und das muß ich auch sagen, das Gespensterhafteste, was man heute abend zu sehen kriegen kann, sind die Käsegesichter, welche die löbliche und angenehme Vetternschaft allhier durch den Nebel schneidet. Hab’ ich recht, Jungfer Papenberg?“
Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht, ihr war’s genug, daß sie den Bräutigam heil und ganz von der gefährlichen Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte.
Der alte Müller Bodenhagen sagte aber ruhig:
„Er hat sich eine vergebliche Mühe gemacht, Musjeh. Meine Schuld ist es nicht, Korporal Brand. Das Wasser schreiet wohl, aber sehen läßt sich selten etwas, und das ist auch das Beste.“
Die anwesende Gesellschaft, die trotz allem vollauf genügenden Grauen und Gruseln gehofft hatte, von den beiden mutigen Kriegsleuten noch etwas Grauligeres zu vernehmen, fühlte sich getäuscht, wenngleich niemand dieses zu sagen wagte. Es ist still geblieben, und die Freundschaft von Groß-Förste, die am Nachmittage auf dem Wiesenwege angekommen war, stieg nach einem bedrückten Abschiede auf den Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege. Ebenso die Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen.
Als der junge Müller seine Braut auf den Wagen hob, erschien sie ihm beim Lichte der Laternen merkwürdig bleich, und sie schluchzte auch:
„O Albrecht, ich werde toll, wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal allein sitze und die Innerste schreit!“
„Binde dir selber keine Dummheiten auf und laß dir keine aufbinden!“ lachte der Bräutigam, doch klang sein Lachen gar nicht lustig.
Was der Göttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals Jochen Brand gesagt haben würde, können wir leider nicht wissen: seine Ansicht darüber wäre uns aber sicherlich höchst willkommen gewesen.
Siebentes Kapitel.
„Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl bergunter, Meister Müller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrücker; diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, daß Ihr kein Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den Lerchentriller, und den trinke ich zum Schluß auf dein Wohl, Musketier Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwärtig noch nicht viel zu sehen und zu hören in der Luft — es sieht mir vielmehr nach einem ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank für eure kompläsante Aufnahme und fürs gute Quartier; und Ihm, Meister Müller, wünsche ich noch ganz apart beiseite, daß Er recht behalte, und daß das, was Er da eben so grausamlich vollführet hat, Ihn und sein Hauswesen vor allen Halunken von Geistern und Gespenstern schütze und nicht bloß vor denen, die in Seinem Mühlwasser ihr heimtückisch Wesen treiben.“
Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand, und der Meister Christian entgegnete ihm:
„Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl ein wenig feiner hätte vorbringen können. Sonst aber hat Er mir ganz wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, daß mein Junge unter Seinen Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeiführen wird, so erinnere Er sich, daß ein Teller für Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch gestellt wird.“
„Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller, Meister Müller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt gesund und munter. Beiläufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei auf jeder Landstraße marschieren zu dürfen, ohne vor dem Colignon und seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine französische Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. Bon jour!“
Sie standen während dieser Reden alle auf dem Mühlenstege, der über die Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Groß-Förste führte, und der Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbäuchige Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden Seiner Majestät in Preußen zum fröhlichen Abschied den Weckauf, den Nebeldrücker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem nämlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzählens wert ist.
Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein schwarzes Huhn; weshalb, das weiß man nicht. Bekommt sie ihren Willen nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit gebundenen Füßen und Flügeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen Menschen — ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! — und zwar noch in dem nämlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtückisch boshaft bis in die letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.
Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Müller an der Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch ein zu seinem Unglück schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Träumen gelassen, und nun — hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den Rekruten, auf welchen er’s abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit geheimem Schauder das elende Tier in der Mühlrinne zappeln sehen und kreischen gehört — die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Müller leise den Ellbogen in die Seite gestoßen und ihm hinter dem Rücken der Hand zugeflüstert:
„Du! Der König Fritze würde zwar über dieses auf Französisch gelacht haben, doch mir ist’s augenblicklich gar nicht lächerlich mehr. Nun ist mir doch wahrhaftig selber, als hätte ich gestern abend ein Geschrei gehört! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, daß du für dein Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg scheinen täte, was sie nicht tut, so würde sie mir diese Narrheit nicht aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behält eben doch seinen Sinn. Merk dir’s, Kamerad.“
Darauf hatte der junge Müller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide verschwand auf dem Wege nach Groß-Förste im Morgennebel, und der Meister Christian sagte:
„Ja, ja, Albrecht; wärst du mir so wie der nach Hause gekommen, so hätt’s mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?“
Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurück, und allesamt gingen sie, ein jeglicher an seine Geschäfte. Es gab viele Arbeit in der nächsten Zeit, und das war für alle gut, besonders aber für den Haussohn, denn dem flog’s recht häufig um Stirn und Nase, gleich einer lästigen Fliege, die weder zu fangen noch zu verscheuchen war.
Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Leute sich auf die Hochzeit des jungen Müllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden. Zu angesetzter Zeit, als die Welt wieder grün geworden war, fand sie statt, und es wurde eine große Lustbarkeit. Unter den ungeladenen Gästen fanden sich gottlob keine von denen, die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so gern aus den Feldlagern in Westfalen, Schlesien oder Böhmen hergebeten hätten. Die Sonne schien, die Geige schrillte, und der Brummbaß rumpelte dem Siebenjährigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze, und was das allerbeste war: die Innerste hat nicht die Pläsierlichkeit gestört, das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrien. Das war auch für sie, die Innerste, das beste; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wäre an dem Tage für sie auf dem Hofe zu finden gewesen. Groß und klein, jung und alt, waren sie in die Suppentöpfe gewandert — nicht ein einziges entging dem Messer der Hausmutter.
Und die Männer sagten alle, eine so saubere Braut wie das Lieschen sei im ganzen Fürstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden.
„Ich suche auch gar nicht danach,“ sprach der junge Meister, und der alte Meister rieb sich die Hände und murmelte:
„Nun mag es doch noch gehen; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes Hülfe gebracht. Ich habe das Meinige an ihm getan, und wann er jetzo dem Stabe Sanft parieren wird, so tue ich vor Johanni noch ein letztes und gebe das Regimente ganz und gar ab. Der Alten wird’s auch so recht sein.“
So reden die Menschen von dem, was sie morgen — übermorgen — vor Johanni tun wollen! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mühle; den Brummbaß samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zärtlicher Umarmung, und was den Musikanten anging, im tiefen Schlaf im Graben an der Straße nach Hohen-Hameln, und den alten Müller, den wackern Meister Christian Bodenhagen, in seinem Bette tot gefunden. Der Medikus aus Sarstedt hat ihn, den Meister, nachträglich zur Ader gelassen, jedoch ganz und gar vergeblich.
„Es ist eben, auch nach der Errichtung der Universität Göttingen, immer noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflüssen, Mutter Bodenhagen,“ sprach der Doktor zu der in Tränen und Jammer aufgelösten alten Frau. „Zu schnell kann unsereiner nie kommen. Halte Sie sich an den Trost, daß im vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultät der Georgia Augusta nicht mehr ausgerichtet hätte als wie ich.“
Achtes Kapitel.
Auf einer Trommel saß der Held
Und dachte seine Schlacht,
Den Himmel über sich zum Zelt,
Und um sich her die Nacht;
nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als es dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den Liegnitzer Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel der Preußen, und zwei Stunden später war wieder einmal alles ganz anders gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz gewonnen.
Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war, sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch schildert er auch, was nach der Affäre vorging:
„Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits große Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg erfochten, der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte, und alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte. Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der Aufzeichnung so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs; denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alle Verwundeten mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie wollten; selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten, die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb zurück, weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen Marsche war.“
Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der alte Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz befand, sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte, fröhlich in den jungen Tag hinein.
Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig, die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten grünte und blühte und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen wußten so wenig wie die junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen gesagt hätte, würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei gewesen sein. Die Vögel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten, um Petersilie zu pflücken, — was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?
Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr bei Kunersdorf gefallen war, er hätte die Müllerin sehen und den Sommer besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das tanzende Rad, die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten, sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretär des Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen besten Jahren und sang Kriegslieder: ihm hätte es damals nichts genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den Garten, die Sonne und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit — auch in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren, und wahrscheinlich ist’s ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen — Anakreon soll’s auch so gemacht haben.
Der jungen Müllerin sah man’s nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in ein Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band auf der Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem jähen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übrig geblieben. Und so war’s in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein hineinzwinkern; für die Jugend wollte es sich nicht schicken — das Leben war kurz und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!
Die junge Müllerin sang: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“ sie sang:
„Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide.
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.
Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es vordem gesungen:
„Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf’ und ihrer Hirten, —
und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das Loblied des Sommers ein; der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er — Herr der Mühle an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes Wasser: wer je Übles von ihr gesprochen hatte, der mochte die Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.
Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der Nixe nicht gewesen wären.
Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:
„Die unverdrossne Bienenschar
Fleugt hin und her, sucht hier und dar
Sich edle Honigspeise!“
jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und schüttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den Kopf.
„Drei Schritte vom Leibe!“ rief die junge Frau, mit beiden Händen abwehrend. „Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Groß-Förste hat seinen Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du staubig Müllergespenst!“
Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die Suppe; aber er griff doch zu und lachte:
„Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?“
„Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei brennt an, und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!“
Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.
„Und ich fange dich doch, mein Schatz!“ rief der junge Meister.
„Jawohl — ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde —
— dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein, nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu fegen und zu bürsten. Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!“
Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen Fenster, und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches Lächeln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:
„Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da durch dieselbigen Wege nachjagte?“
In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der Mühle seine Müllerin —
„Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben!
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben!“
sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht
bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall
Laudon an diesem Morgen einander geliefert
hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei
Augen drüben am andern Ufer der Innerste im
Weidendickicht! —
Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus hervorgestiegen sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote, trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen, großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!
Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.
Zu ihren Füßen — um ihren Fuß! — regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen — die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und warten „auf Seelen“; wir wissen das nicht und können nicht darüber nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.
„Du Schelm!“ flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden, und — das war alles um den letzten mutwilligen Schrei, mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte.
Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.
„Du wilder Albrecht — wenn — du nun begraben lägest mit den tausend und tausend anderen — in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der arme Barthold Dörries?!“ flüsterte die junge Frau, und in demselbigen Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht; auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch oder aus dem Wasser komme! — — —
Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß sich das zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein. Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweiten Mal hören.
Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und wahrhaftig geschrien; — es war keine Sinnestäuschung gewesen!
„Um Gottes und Jesu willen, was war das?“ rief die junge Frau. „Hast du es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte? Albrecht, Albrecht, — Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich die Stimme noch einmal höre!“
Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte die Zähne zusammen und lachte heiser:
„Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick still; — diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; — ich werde ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.“
„Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!“
Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: „Such, such, Laudon!“ rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der Sonne; alles — Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus, wirrte sich ineinander; — sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn Minuten, die er ausblieb!
Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte.
„Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit leererer Tasche zurück, Liese!“ sagte er. „Es ist eine Dummheit und es bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist, einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die Spinnstubenhistorien hineinzubringen.
„Du hast nicht gefunden — gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!“
Meister Albrecht schüttelte den Kopf.
„Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts zu hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der es darauf ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er heißen, und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch, und ich gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!“
„O Albrecht,“ rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, „tue das nicht! denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit Fußangeln fangen; sie will ein Lebendiges —“
„Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle — was vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen Müller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten zu lassen. Meine Hühner ess’ ich selber! Solange mein Vater lebte, habe ich mich freilich genug ducken müssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.“
„Aber dein Vater —“
„Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf über — da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst, Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem nicht gegen die Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.“
„Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,“ sagte weinerlich die junge Frau.
„Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag haben,“ sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.
Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und geflüstert:
„O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!“
Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände; die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den Sorgenstuhl —
„Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,“ flüsterte der junge Herr und Meister in der Mühle.
„Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,“ sagte leise die junge Müllerin zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: „Wenn ihr das Buch von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; — ich nehme es ihr unter den Händen sanft weg.“
Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie nieder auf die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten Schrei:
„Albrecht? Albrecht! — Albrecht!“ —
Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen — Weinen und Lachen rundum weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen — einerlei! Die alte Frau schlief — schlief ruhig weiter.
Neuntes Kapitel.
Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der wilde Harz. Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur — Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.
Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Lautenthal führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.
Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.
Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im wilden Walde — vor der Bluttat und nach derselbigen — ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad — seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz zurück.
’s ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste, oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt. Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um ein Beträchtliches schäbiger geworden; — sie scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage muß es auch nicht weit hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel sind die munterste Farbe an ihm.
Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur noch einen der Messingknöpfe mit dem F. R. — Fridericus Rex — aufzuweisen hat — der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.
Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung würdig ist.
Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn’s sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.
Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:
„He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer nicht lassen; — da ist Er ja wieder! — Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie’s in dem Buche steht: ‚Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.‘“
Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie das folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann auch nach der Richtung.
„Guten Tag, Vater Radebrecker,“ sagte der Einarm, militärisch grüßend.
„Guten Tag, mein Söhnchen,“ entgegnete der alte Meister. „Der Herr segne deinen Eingang und — Ausgang.“
„Hm,“ meinte der Soldat, „kann Er’s denn gar nicht lassen, Er alter Sünder? Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen, der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn je. Will Er denn absolut Pastor in der Hölle werden und von einer glühenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen, Radebrecker?“
„Hm, — jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.“
„Man sollt’s doch nicht für möglich halten!“ brummte der Invalide mit einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das Gespräch auf etwas anderes.
Er sagte mit einigem Zögern:
„Da Er’s doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach’ ich’s kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär’s auch nur, um mich von ihr malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom Profossen. Wie geht’s der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?“
„Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den Wald hineinsingen zu hören.“
Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber legte die Hand hinters Ohr.
„Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?“
„Ich sage auch, daß die Innerste — die Doris eine feine Stimme hat und sie weit hinausschickt!“ schrie der Korporal Jochen Brand. „Ich bin nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten Räuberhöhle. Und an Boten für ihre Wege fehlt’s ihr auch nicht; wenn nur der Botenlohn danach wäre!“
„Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal, daß Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am Tische hat für jedermann, von dem man zu Hause — nichts wissen will, und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist das köstlichste Ding auf Erden und ein gut Gewissen —“
„Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt in der Stube?“
„Wie’s Täubchen im Neste; — und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh’ Er nur hinein; ich habe noch hier draußen zu schaffen und komme nach.“
„Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister Radebrecker!“ seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und stiefelte mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte vergnüglich in sich hinein.
Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:
„Bon jour, mademoiselle!“
„He?“ fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.
„Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein’ ich. Wir haben manchen Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und was den Damens sonst gefällt.“
„Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,“ sagte die Jungfer Radebrecker. „Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit vom Ofen locken kann, so hab’ ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad. Bringt Er mir sonst was mit, so komm’ Er herein, Jochen, sonst aber bleibe Er draußen.“
Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres Holzschemels sich legend und aß mit einem blutigen Messer in der Hand ein Stück Brot. Das Messer hatte sie aus der Küche mitgebracht, und wenn die kurfürstlich hannöverschen Förster nachgesucht hätten, so würden sie auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote Lebenstropfen an der Klinge hingen.
„Sakerment,“ murmelte der Invalide, „am besten paßte sie doch zwischen Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns eingibt, daß wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?“
Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.
„Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen? Aber — ganz wie es Ihm beliebt.“
Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz, warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:
„Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl kennen mögen.“
„Weshalb?“
„Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan und die alte und die junge Hexe. So ist’s, Jungfer Radebrecker, nehme Sie es mir nicht vor ungut.“
Das Mädchen lachte wiederum, — ganz und gar nicht beleidigt:
„Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?“
Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast grimmig ins Gesicht und antwortete:
„Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh’ ich doch nicht wieder für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris, wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist’s nicht aus eigenem Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen; — sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst an den Tisch gesetzt, und du — sitzest hier oben wie eine wilde Königin — keine zahme hat’s mehr nach ihrem Wunsche.“
„So?!“ sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:
„Ja! so! — Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden hat —“
„So?!“
„Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste sich nimmt, wenn’s hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm, und — so spreche ich heute in der Buschmühle. Ich weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die Österreicher, der Tottleben und der Lascy; — wer sich da als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.“
Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin- und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.
„Er ist ein guter Kamerad, Jochen,“ sagte sie, „und Er hat ein gutes Wort gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast’s eben noch selber gesagt. Hier in der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich’s nicht ändern —“
„Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,“ brummte der Korporal, „du weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!“
Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz war.
„Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen spielte, hab’ ich’s. Was weißt du von mir und ihm? — Er hat mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen können! und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller von Sarstedt, und ihr — ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!“
Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen Erstaunen — mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des Buschmüllers.