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Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö cover

Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö

Chapter 24: Siebentes Kapitel
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About This Book

The narrative presents life in an eastern archipelago community, portraying the landscape, seasons and daily labors that shape island existence. It follows interactions among households as marriages, inheritance disputes and social ambitions alter fortunes and relationships. Episodes move between domestic routines and local celebrations, sharp personal conflicts, economic shifts toward mining alongside declining farming, and moments of illness and death. Detailed natural description and attention to regional customs create a textured portrait of communal rhythms, practical ingenuity and the tensions between traditional ways and changing livelihoods.

Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren, hörte er nur ein Gemurmel. Außerordentlich gern hätte er jedoch gewußt, was da vor ging, denn er ahnte, daß es ihn sehr nahe berühre; auch hatte er gelernt, daß es sich um wichtige Angelegenheiten handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt.

Leise öffnete er die Tür, schob die Strohschuhe ab und kroch die Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf den Bauch; und nun konnte er hören, was in der Stube bei der Mutter gesprochen wurde.

– Anna Eva, verkündete Carlsson mit einem Ton, der zwischen Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod kann über uns kommen, ehe wir es wissen. Wir müssen also darauf gefaßt sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das ist ganz einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!

Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hören; aber Carlsson hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, daß sie gegen diese Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte.

– Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.

– Ich habe ja nicht gesagt, daß du sterben wirst; ich habe nur gesagt, daß wir sterben können; und ob das heute oder morgen, oder in zehn Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal muß es geschehen! Also schreib nur!

– Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht ...

– Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht nicht so? Ich weiß es nicht! Jedenfalls schreib!

Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit seinem »Ich weiß nicht« kam; die Alte wußte sich nicht mehr zu helfen und gab nach.

– Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen Hinundherreden ermüdet und erschöpft.

– Anna Eva, du mußt an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste Pflicht des Menschen; darum mußt du schreiben.

In diesem Augenblick öffnete Clara die Küchentür und fragte, wo Gustav bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still; konnte aber nicht mehr hören, was weiter in der Stube geschah.

Clara ging zurück und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentür stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hören; die ließen ihn vermuten, daß die Alte unterschrieben habe und das Testament aufgesetzt sei.

Als Gustav wieder in die Küche kam, sahen die Leute, daß ihm etwas geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs fangen, den er schreien gehört; es sei besser, auf See zu gehen, als sich zu Hause von den Läusen fressen zu lassen; ein weißes Pulver unterm Futter könne Gäulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn es zu viel sei.

Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich; erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplänen und Jagdabsichten; holte das Stundenglas und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er:

– Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen müssen wir sterben!

Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und schwarze Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke Seele, welche die Verhältnisse nach ihrem Sinn ändern, Gedanken in Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, ließ er sie fallen, als sei sie vollendet.

Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt hatte, war er wieder ebenso fröhlich und ließ fünf gerade sein, indem er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon ihren Gang gehen; und dergleichen mehr.


Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und der Professor kehrte zurück.

Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten angelegt; Flieder, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt; für die er Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen.

Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe gebracht, Haus und Hof in Stand gesetzt; sogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen konnte.

Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen Stuga beschäftigte, klagte man.

– Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns alle!

Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte. Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher aus als die alten Häuser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die »Krucifixe« waren, die er in die Deckbretter gesägt hatte; oder die Veranda, die er mit einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt; die Fensterbretter waren weiß gestrichen und die Veranda, ein leichtes Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt.

Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen; unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefähr wie der Anfang einer geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte man die schönste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange grüne Quellwiese; durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote hinten im Sunde sehen.

Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die hätte er gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie fortzubringen; darum blieb sie sitzen.

Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon, daß es bei Vermögensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mußte es aber losbrechen, wenn nicht früher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher.


Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief:

– Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn gekommen, der Carlsson sprechen will!

Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hände und machte sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu bedeuten habe.

Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr energisch aussah.

– Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.

Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud zum sitzen ein.

Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend, ob der Roggenholm zu verkaufen sei.

Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur unbedeutende Schafweide.

– Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er koste.

Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.

Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm koste. Dabei faßte er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas steckte.

– So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich muß erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.

Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken.

– Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er schließlich hervor.

Nein, das wollte der Direktor nicht.

– Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer finden, preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und der Schweiß auf die Stirne trat.

Direktor Diethoff öffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus und zählte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. – Hier ist vorläufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden?

Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, während er nur fünfhundert Kronen statt fünftausend gemeint hatte.

Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.

Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm beistehen; die aber verstanden nichts.

Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie unterschrieben hatte.

– Fünftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert, Carlsson?

– Nein, da mußt du dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht nicht tausend gesagt, Gustav?

Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah.

– Ja, ich glaube wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so gut er konnte.

Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine Feldspatgrube anzulegen.

Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran gedacht, nur kein Kapital gehabt.

Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen.

Damit reiste er.

Dieser Goldregen war so schnell über die Inselbauern gekommen, daß sie keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu viel auf ein Mal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig bei einander und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zufallen könnte. Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft. Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch vermieten. Alles werde schön und gut werden.

Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretär und saß die halbe Nacht vor der Klappe, um zu rechnen.


Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda hielt er kleine Empfänge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte.

Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit grünen Läden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch ein Mal gestrichen, und zwar weiß und rosenrot; auch erhielt sie auf der Sonnenseite eine blau- und weißgestreifte Zwillichgardine. Um Hof und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und weiße Köpfe hatte.

Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav aber stand am liebsten in gehöriger Entfernung hinter einer Ecke oder einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm er selten oder niemals an.

Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht klaren Nächten träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht anzusehen und eine Pfeife zu rauchen – noch lieber eine Zigarre; aber die war ihm noch zu stark.

Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.

– Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein und sie empfangen.

Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die fremden Herren zu empfangen.

In einer halben Stunde stieß das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern, damit man als ordentliche Leute ankomme.

Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich öffnete, auf der einen Seite von der großen Insel und auf der andern Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmückt war, lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine Jollen mit Matrosen in blauweißen Jacken. Oben auf der Strandklippe, die von dem bloßgelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine Gruppe Herren und ein Stück davon ein Musikchor, dessen Messinginstrumente sich prächtig von den schwarzen Fichten abhoben.

Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an die Klippe heran, um so nahe wie möglich zu kommen und zu sehen und zu hören. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen, war ein Sausen in der Luft zu hören, als seien zwölfhundert Eider aufgeflogen; dann ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen schien; schließlich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.

– Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im nächsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies folgte und schließlich ein Hagel kleiner Steine.

Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Ausländisches kam vor, das die Inselbauern nicht verstanden.

Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mütze in die Hand; Carlsson aber verstand, daß es die Direktion war, die sprach.

– Ja, meine Herren, schloß der Direktor, wir haben hier viel Steine vor uns, und ich schließe meine Rede mit dem Wunsch, sie mögen alle zu Brot werden!

– Bravo!

Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand hinab, alle kleine Steinstücke in der Hand tragend, die sie unter Lachen und Lärm befingerten.

– Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.

Sie wußten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht gedacht, daß es gefährlich sein könne, sich den Staat anzusehen.

– Das ist ja Carlsson selbst, erklärte Direktor Diethoff, der hinzu gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen Sie und frühstücken Sie mit uns!

Carlsson traute seinen Ohren nicht, überzeugte sich aber bald, daß die Einladung ernst gemeint sei.

Bald saß Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst geziert, aber die Herren waren ganz ungewöhnlich leutselig und erlaubten nicht ein Mal, daß er das Schurzfell abnahm.

Rundqvist aber und Norman aßen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.

Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen, deren Namen er nicht wußte und die wie Honig im Mund schmolzen; Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen Farben. Und sechs Gläser standen vor seinem Platze wie vor den Plätzen der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche man an einer Blume oder küsse ein Mädchen; Weine, die einem in die Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, daß es an der Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den Schläfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Körper, daß man hätte sterben mögen.

Als alles zu Ende war, sprach der Direktor für den Wirt; lobte ihn, daß er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in Arm mit dem Luxus gehe.

Und dann stieß man mit Carlsson an. Der wußte nicht, ob er lachen oder ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.

Nach dem Frühstück wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand vom Tische auf.

Carlsson, edelmütig wie ein Glücklicher, wollte nach vorn gehen, um nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajüte zu kommen.

In der Kajüte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er möge, um seine Stellung zu befestigen und, wenn es nötig sei, als Autorität unter den Arbeitern auftreten zu können, einige Aktien zeichnen.

– Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel von diesen Geschäften wußte, daß man nichts abschloß, wenn man getrunken hatte.

Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach einer halben Stunde hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu je hundert Kronen; ferner das ausdrückliche Versprechen, stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der Einzahlung sagte man nur, sie sollten »pö a pö« geschehen und à conto.

Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser. Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.

Bei der Ausbootung ließ man das Reep fallen; das verstand Carlsson aber nicht, sondern drückte allen Matrosen, die an der Treppe standen, die Hand und bat sie zu grüßen, wenn sie an Land kämen.

Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons ließ er sich nach Hause rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch zwischen den Knien.

Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch die Mägde aus der Küche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die wie riesengroße Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein richtiger Professor.

Pläne, so groß wie ein Holzstoß, hatte Carlsson; er wollte eine einzige große Strömling-Salzerei-Aktiengesellschaft für das ganze stockholmer Inselmeer gründen, Faßbinder von England ins Land rufen, Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!

Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft, deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und Befürchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hüllte sich in Tabakswolken und frohe Aussichten ein.


Carlsson war so hoch gestiegen, daß er einen Schwindelanfall bekam. Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und die Besuche auf dem Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft des Verwalters, saß auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner Wasser, während er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die Quarzadern herauszubrechen; wären die nicht gewesen, hätte man den ganzen Berg auf ein Mal verschiffen können.

Der Verwalter war früher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besaß genügende Einsicht, um abschätzen zu können, wie lange das Geschäft gehen würde.

Aber der neue Grubenbetrieb übte auch seinen Einfluß auf das leibliche und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von dreißig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.

Die Ruhe war gestört. Den ganzen Tag über donnerten Schüsse aus dem Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten Brunnen und Stall; stellten den Mädchen nach; veranstalteten Tänze; tranken und schlugen sich mit den Knechten.

Die Leute feierten die Nächte durch, und am Tage war nichts mit ihnen anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.

Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mußte man den Kaffeekessel aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte, mußte man sich Kognak halten.

Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strömte ein; man lebte flott, und Fleisch kam öfters auf den Tisch als früher.

Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag über in einem leichten Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen teilte.

Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er eines frühen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der beunruhigenden Mitteilung empfangen, es müsse etwas draußen auf dem Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still gewesen; nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife habe man gehört. Die Leute seien mit Dreschen beschäftigt gewesen; deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter hätten aufgehört, abends den Hof zu umkreisen. Es müsse also etwas geschehen sein.

Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen; so nannte er es, wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aussah, wenn er angefahren kam.

Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten. Als sie auf die Höhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie über die Öde, die dort herrschte.

Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten.

– Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.

– Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen; aber dieses Mal ging’s nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für ihn auf der Post liegen.

Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete, die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der Gesellschaft und Carlsson erledigt.

– Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man muß sich zufrieden geben.

Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er schüttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man zurückgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es fortzuschaffen.

Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes und eines ehrenvollen Titels beraubt.

Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit einer Gebärde einen großen Strich durch alles.

– Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu verlieren.

Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit, um mit der großen Fähre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.

Ehe man sich’s versah, hatte er sich ein Sommerhäuschen von einem Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.

Der Sommer mit seinen luftigen Träumen war vorbei. Der Winter nahte; die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit nahm ein neues Aussehen an, heller für die einen, drohender für die andern.

 

 

 

Siebentes Kapitel

 

Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht,
aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles

 

Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen, was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen; und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen. Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Claras zu folgen, wie sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflüge hierhin und dorthin, flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge: wohin er auch ging, immer sah er sie.

Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen, die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen; wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und tränte.

Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf die blanke Bucht und den weißen Boden. Ein karger Nordwind trieb trockenen Schnee vor sich her.

In der Küche stand Clara und fegte den Backofen, während Lotte am Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine Pfeife und spann wie eine Katze in der Wärme. Seine Augen waren draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie auf Claras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.

– Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.

– Ja, das muß ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.

Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.

Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.

Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.

– Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.

Ohne auf nähern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und ging auch hinaus.

Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte. Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der Scheibe fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen; etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen mögen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das Leben aus ihr scheuchte.

Über die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht sehen.

Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.

Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren Stelle im Hag gezogen.

Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal, ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dünn war das Laub, daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte.

Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rücken stäubte der Schnee, fiel über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete.

Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren Schollen schwankten; über Feldzäune, die krachten, wenn sie darüber setzte.

Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch.

Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre Hände waren klamm; sie steckte die magern, roten Hände bald unter den Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät; auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.

Dann kam sie zu einem Zauntritt.

Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der Jacke mit der Schafpelzverbrämung.

Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror, als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in den Adern. Erschöpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte, schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber.

Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade gegenüber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rücken, zauste an den Haaren und vereiste die Nasenflügel. Halb laufend kam sie aufs Eis hinunter, hinauf auf die schwankende Fläche, hörte das trockene Schilf um ihre Ohren sausen, unter ihren Füßen knacken. Über eine eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter, als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte, fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fühlte, wie die Kälte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien, damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Höhe hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee aufzusetzen.

Sie ließ sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle über sich werfen; ließ den Ofen mit Knüppelholz heizen, fror aber doch unaufhörlich.

Schließlich ließ sie Gustav rufen, der in der Küche saß.

– Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Ruhe.

– Jetzt bin ich’s, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie wieder auf. Schließ die Tür und geh an den Sekretär. Der Schlüssel liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weißt doch!

Gustav gehorchte niedergeschlagen.

– Öffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den großen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.

– Schließ die Tür, mein Junge, und mach den Sekretär zu! Steck den Schlüssel zu dir! Setz dich hierher und hör mich an; denn morgen kann ich nicht mehr sprechen.

Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hörte er, daß es ernst war.

– Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du hast es selbst, und versiegele alle Schlüssellöcher, bis die Gerichtsherren kommen.

– Und Carlsson? fragte der Sohn zögernd.

– Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber nicht mehr; und kannst du’s auslösen, so tu es! Gott sei mit dir, Gustav! Du hättest wohl auf meine Hochzeit kommen können; aber du hast wohl deine Gründe gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mußt du verständig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm dafür Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, daß du dich bald verheiratest. Nimm ein Mädchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Läuse; und gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.

Die Tür öffnete sich, und Carlsson schlüpfte herein, weich, aber zuversichtlich.

– Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem Doktor schicken.

– Das ist nicht nötig, antwortete die Alte und drehte sich nach der Wand.

Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.

– Bist du böse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um nichts und wieder nichts böse werden! Soll ich dir aus dem Buche vorlesen?

– Ist nicht nötig! war alles, was die Alte antwortete.

Carlsson merkte, daß hier nichts mehr zu machen war; da er unnütze Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschäftliche Lage klar war und die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war nichts mehr hinzuzufügen; und was Gustav und ihn betraf, das würden sie später schon mit einander abmachen.

Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland unterbrochen.


Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander. Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte auch der Andere mit einem Auge ein Schläfchen. Sobald sich aber jemand rührte, fuhr der Andere wieder in die Höhe.

Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.

Gustav hatte ein Gefühl, als sei die Nabelschnur jetzt erst durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein selbständiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen zugedrückt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an, holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretär.

Die unterdrückten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und stellte sich mit dem Rücken gegen den Sekretär.

– Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.

– Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr auf Hemsö, und du bist Altsitzer.

– Dazu gehören wohl zwei! meinte Carlsson.

Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, daß das Zündhütchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brüllte zum ersten Male in seinem Leben:

– Hinaus! Sonst drücke ich los!

– Drohst du?

– Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien.

Das war Bescheid und den verstand Carlsson.

– Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die Küche hinaus.

Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre düster. Eine Leiche im Hause und keine Möglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn der Schnee fiel unaufhörlich, daß Strömungen und Meeresflächen weder trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmöglich, denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch fahren noch gehen erlaubte.

Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen ließ, gingen um einander herum; aßen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in Gang; jeder verließ sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit ungetan.

Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der Kirche zu kommen, war ebenso unmöglich, wie irgend wohin zu kommen; darum las Carlsson die Predigt in der Küche. Man wußte, daß man eine Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen war nachlässig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle waren mißvergnügt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl draußen wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten alle in der Küche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht aß oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel niemandem ein.

Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, daß eine Zögerung schlimme Folgen haben könne, da die Leiche sich zu verwandeln begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehüllt.

So war der fünfte Tag gekommen.

Da das Wetter keine Zeichen gab, daß es sich bessern werde, und man die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu müssen, mußte man um jeden Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die Erde zu bringen. Man schob also das große Netzboot in die See, und alle Mannsleute rüsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken.

Früh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefährliche Fahrt.

Bald war eine Strömung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine Fläche, die unterm Eise lag; da mußte man das Boot auf die Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mußte man sich vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne daß das Boot mehr als einige Zoll weiter kam. Oft mußte man vorausgehen und eine Rinne mit Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus der Rinne herauskam, wo eine Strömung die dünne Kruste zerfressen hatte.

Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresfläche zurückzulegen. So weit sie sehen konnten, öffnete sich ein einziges großes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhöhungen; das waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und verkündete Schnee. Die Krähen kamen von draußen angeflattert und zogen ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen dröhnte das Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und draußen auf dem offnen Meere brüllten die Seehunde. Die Eisfläche lag östlich nach dem Meere zu offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdächtig war aber, daß sie die Eisente »alla« rufen zu hören glaubten. Da sie vierzehn Tage lang keine Zeitung bekommen hatten, wußten sie nicht, ob die Leuchttürme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten sie sicher nicht.

– So geht’s nicht weiter! äußerte Carlsson, der bisher still gewesen war.

– Es muß gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den Schlitten; aber wir müssen auf der Möwenklippe landen, um etwas Essen zu uns zu nehmen.

Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien Meeresfläche lag.

Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie änderte ihr Aussehen, je näher man kam; schließlich aber hatte man sie auf Kabellänge vor sich.

– Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten!

Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter nach links; schließlich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der letzten Sonnenwärme oder der warmen Grundströmung hatte die Klippe sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen.

Die Dämmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte, entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann hineinwerfen und an die Ruder setzen.

Gesagt, getan.

– Eins, zwei, drei! befahl Flod.

Das Boot schoß vor, ließ die Schlittenkufen zurück, kippte – und der Sarg rutschte in die See.

Aus Schreck vergaßen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, während Rundqvist und Norman sich retteten.

Der Sarg war schlecht gefügt, füllte sich mit Wasser und sank, ehe jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst zu denken.

– Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute mehr handelte als überlegte.

Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er sah, daß keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen.

Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit der Hand Abschied winkte und nach Süden zeigte, wo die Pfarre lag.

Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav voran mit dem Eispickel, um zu prüfen, ob das Eis hielt; Carlsson hinterdrein, den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Ihm war schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klägliches Ende gefunden; die Schuld dafür würde man sicher auf ihn schieben.

Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo er sich befand.

– Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar nicht die Möwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten. Und dort haben wir die Kiefer von Gillöga.

Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhöhe übrig geblieben war und mit ihren beiden einzigen Ästen einem optischen Telegraphen glich; sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt.

– Und dort haben wir die Trälschäre.

Er sprach zu sich selbst und schüttelte den Kopf.

Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt.

Flod hatte inzwischen Besteck genommen, änderte den Kurs und setzte sich mehr nach Süden in Bewegung.

Die Dämmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, daß sie Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt sich dicht hinter seinem Führer.

Plötzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr hörte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwärzer als der Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhüllte, aufgestiegen war.

Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und Rauschen hören konnte, das sich näherte.

– Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran.

– Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht das Eis auf. Dann weiß der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst weiter!

Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte ihnen um die Füße und das Brausen schien ihnen zu folgen.

– Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein Licht zeigend, das in Südost hinter einer Kobbe blitzte. Der Leuchtturm brennt! Die See geht offen!

Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, daß es schlimm stand, wenn Gustav zitterte.

Jetzt hatte der Ostwind sie gefaßt; aus der Entfernung eines Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht, dicht fiel, und schwarz wie Ruß war. Es wurde ganz dunkel um sie und das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch schließlich.

Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte; aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten, kam außer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte ihn am Rockschoß, bettelte und flehte, er möge ihm nicht fortlaufen; versprach Gold und grüne Wälder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und Pein, aber nichts half.

– Jeder für sich und Gott für uns alle! antwortete Gustav und bat Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst könne das Eis brechen.

Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und mehr. Was schlimmer war, das Brausen näherte sich jetzt so deutlich, daß man hörte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch waren die Möwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.

Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav vergrößerte sich; schließlich befand er sich allein in der Finsternis. Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die Kälte, das Wasser, das den Tod brachte.

Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief so, daß die Schneeflocken zurückblieben, obwohl sie dieselbe Richtung wie er hatten; dann rief er wieder.

– Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hörte er eine fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still.

Bald aber hatte Carlsson keine Kräfte mehr, um laufen zu können. Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne Widerstand leisten zu können, während er die See hinter sich kommen hörte, brausend, prustend, ächzend, als sei sie eigens auf nächtlichen Raub ausgezogen.


Pastor Nordström hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber gegen elf Uhr fühlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und hörte sie rufen.

– Erich! Erich! hörte er im Schlaf.

– Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach.

– Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!

Langatmige Erklärungen fürchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern, er sei von ihrer Ruhe überzeugt, machte mit einem Streichhölzchen Feuer und fragte, was los sei.

– Es ruft jemand im Garten! Hörst du nicht?

Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hören zu können.

– Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?

– Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten einen neuen Stoß.

Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Füße in seine Überschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zündhütchen darauf, schüttelte das Zündpulver hinein und ging hinaus.

– Wer da? rief er.

– Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.

– Was ist denn los, daß du so spät kommst? Liegt die Alte in den letzten Zügen?

– Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie verloren.

– Verloren?

– Ja, auf der See haben wir sie verloren.

– Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Kälte!

Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und außerdem wie ein Hund mit dem Ostwind hatte um die Wette laufen müssen.

Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzählt hatte, ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlüssel zu einem gewissen Schrank in der Küche, in die er den Schiffbrüchigen führte.

Bald saß Gustav an dem großen Küchentisch, während der Pastor Branntwein, Schmalz, Preßsülze, Brot hervorholte und dem Ausgehungerten vorsetzte.

Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mühe; Feuer am Strande anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm drang.

Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich, aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren.

– Es sieht gerade so aus, als müsse er für seine Taten büßen, meinte er.

– Hör mal, Gustav, wandte Pastor Nordström ein, ich finde, du bist ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was du mit bösen Taten meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die Höhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergäste verschafft und dir eine neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tat, war von ihr nicht wohl überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht, daß ich für dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend Reichstalern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, du mußt nicht so streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten betrachten!

– Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und das vergesse ich ihm nie.

– Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte, wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des einen Tod ist des andern Brot.


Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen, blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die Schiffbrüchigen zu bergen.

In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete, das Gotteswort nicht entbehren zu können.

– Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran, meine Schelte anzuhören, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du, Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, daß du gleich hörst, wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange.

Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur Hälfte gehoben.

– Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Köpfe zu waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid ihr nun einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?

– Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des Sabbaths erhalten.

Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen.

Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herum gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen, wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben.

Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Die Männer hatten Pelzröcke an und Seehundsmützen auf, brachten Beile und Dregganker mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und vordersten Ruderer mitgenommen.

Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein Menschenleben mehr oder weniger zählt auf See nicht.

Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror sofort, mußte aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter und kam wieder in die Höhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz, das von den Ufern losgerissen war.

Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Trälschäre, auf der Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungslosen Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war; bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selbst. Aber vergebens.

Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten, zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher Lebensgefahr waren sie nicht gewesen.

– Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.

Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem Sarg zu dreggen.

Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne etwas anderes in die Höhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.

Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen, Kaffee zu kochen.

Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen habe.

Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache, streng genommen, keinen persönlich anging, empfand man eine gewisse Erleichterung, daß man sich nicht gefühllos gegen fremden Kummer zu zeigen brauchte.

Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzurunden, trat Pastor Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und teilte ihn den Andern mit.

Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande versammelten, um der den Umständen angepaßten Beerdigung beizuwohnen. Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während alle Männer am Strande die Mützen abnahmen.

– Wollen wir »Ich bin ein Gast auf Erden« nehmen? Könnt ihr das auswendig? fragte der Pastor.

– Ja! wurde vom Strande geantwortet.

Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kälte zitternd, dann vor Bewegung über das Ungewöhnliche in der Feier und über die ergreifenden Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.

Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider über das Wasser, gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern rauschte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarsträhnen vom Winde wie die Hängeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.

– Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus Christus unser Erlöser wird dich auferwecken am jüngsten Tage! Laßt uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und Welle kämpfte, um gehört zu werden.

In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl.

Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben.

– Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson müßte auch einige Worte haben!

– Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von dir, an ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerührter zu sein schien, als er wahr haben wollte.

Die Sonne ging unter; man mußte sich trennen, um nach Hause zu fahren, so schnell man konnte.

Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen; nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren, folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief:

– Lebwohl!

Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann, der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war.

Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu lenken.