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Die Juden von Zirndorf

Chapter 15: Zwölftes Kapitel
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About This Book

The narrative traces the intertwined histories of a small Franconian town and its Jewish community, using a displaced Hebrew gravestone as a central emblem of uprootedness and misunderstanding. Vivid descriptions of landscape, festivals, floods, and the scars of war set a regional atmosphere that shapes everyday life. Portraits of townspeople reveal curiosity, fear, and superstition toward the unfamiliar, while Jewish households navigate exile, loss, and efforts to preserve ritual memory. The prose moves between local color and reflective passages that examine belonging, communal responsibility, and the endurance of tradition amid social change.

Zwölftes Kapitel

Links in dem dumpferhellten Vorflur der Schenke, die Agathon betrat, standen drei Stühle, und auf jedem saß mit aufgerissenen Augen einer von den jüdischen Händlern, die um diese Zeit zu einem Glas zu gehen pflegten. Sie starrten nach der Thüre des Wirtszimmers, auf welche mit plumpen, schwarzen Lettern: Gastlokal gemalt war. Doch drinnen war es ruhig. Im Flur stand außerdem noch eine dicke, alte Magd mit schwimmenden, kleinen Augen, ein Bauer Jochen Gensfleisch, ein anderer Bauer Jochen Wässerlein, Lämelche Erdmann, Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen Widersetzlichen sofort zu zermalmen, der Wirt selbst mit einem Gesicht, wie es alte Komödianten haben, und außerdem Doktor Schreigemut, wohlwollend und zugleich besorgt lächelnd.

Folgendes war geschehen.

Nachdem Jochen Gensfleisch gekommen war, setzte er sich an den Ofen zur schnurrenden Katze, stopfte seine Pfeife und begann mit dem Wirt ein Gespräch:

„Schwere Zeiten, Martin, schwere Zeiten.“

„Jaa.“

„’s Geld is rar und was der Jüd is, dou haaßts, mer nemma die Bauern die Schlappen, deï kenna barfes laafen.“

„No, no, Jochen; fangst öitz schon wieder oo zon schimpfen. Ge zou, halt dei Maul.“

„Naa, Martin, mei Maul halt i niet, mei Maul hot kan Balken. I ho fufzehundert Märkli verlorn dei den Saujuden. Dou mouß ma si abrackern und Blout schwitzen fer die Saujuden. Naa, Martin, mir kummst grod reecht. Mei Maul halt i niet. Naa, Martin, naa.“

„No ja, öitz sei nor still, mer mou si ja schäma.“

Indes kamen Jochen Wässerlein und sein Großknecht, dann der Schmied. Und hintennach trippelte Lämelche Erdmann. Die drei Händler: David Krailsheimer, Bärmann Schrot und Max Lippmann saßen eifrig plaudernd in der andern Ecke.

„Lämelche!“ schrie der Schmied, „dou kummst her.“

„Gimm an a Gackala[1], Martin, daß er kan Rausch kreïgt,“ höhnte der Großknecht.

[1] Ei.

„Dou steigst afn Schemel, Erdmännla, oder i zeïg di bei dein Krägala nauf.“

Lämelche sah alle der Reihe nach ängstlich an, lächelte blöd und versuchte auf den Stuhl zu steigen. Jochen Gensfleisch gab ihm einen Stoß auf den Rücken, und mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es dem kleinen Mann, den Stuhl zu erklimmen.

„Öitz packst die Katz bein Schwanz,“ gebot der Schmied.

„Aber glei, sunst gitts a Tracht,“ setzte Jochen Gensfleisch hinzu und schmunzelte.

Lämelche blickte schaudernd auf den schnurrenden Kater und rieb die Finger aneinander.

„Obst glei die Katz packst –!“

„Dees es d’r überhaupt a Schiekleter[2], der hots dick hinter die Ohren. I glaab alleweil, do is nit ganz sauber in der Gschicht mit ’n Sürich Sperling. Alli Tag und alli Tag is er dreïbnghockt.“

[2] Schielender.

„Erdmännla, hast’n Sürich Sperling derstochn? Wennst es nit hast, no konst aa die Katz bein Schwanz packen.“

Lämelche blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen aus. Ja, er schloß sogar die Augen, und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrieen, verstopfte er sich die Ohren und lag dennnoch in unbeschreiblicher Furcht in seinem Bett.

Die drei Juden im andern Winkel hatten davon gesprochen, wie Isidor Rosenau, der doch Vermögen und ein gutes Einkommen habe, am besten zu verschadchene, zu verheiraten sei. David Krailsheimer, der berühmteste und geschickteste Schadchen in der Gegend, machte entsprechende Vorschläge.

„Jou, kaane isn recht,“ schimpfte er. „Er will Geld, Geld. Er nemmt vom Misbeach. Viermal bin ich hiegeloffen wegn der Rahel Rosenstein ... No, Isidor, nix mitn Schiddich? Wie viel hat se? sagt er. Dreißig Mill, sag ich. Verzig kann ich verlange, ich maan, verzig is nit zoviel, sagt er. Wie haißt verzig, sag ich, sie is a scheens Madla. Was thu’ ich mit der Schönheit, sagt er, fer die Schönheit kann ich mer kaafen, waaßt was? an Hutzelstiel. Etz waaßt es. No, sie is brav, sag ich. Ich pfeif d’r auf die Bravheit, sagt er. Wenn se hat verzig Mill, braucht se nit zu sein brav. No, was sagst de daderzu? Is es nit himmelschreiend? Geh ich noch amal zon alten Rosenstein. No, sagt er, will ich geben fünfunddreißig, kaan Heller mehr. Püh, wie haißt, sagt der Isidor, wenn ihm nit wert es der Name Rosenau fünf Mill, soll er aach behalten sei Tochter. Soll se eimachen, süß oder sauer. No, was sagste daderzu! Chuzpe vorn Dohle!“

„E Beheeme,“ pflichtete Lippmann bei.

„Hillels Geduld ghert derzu, wahrhaftik,“ konstatierte Bärmann Schrot.

„No, was is dermehr mitn?“ begann David Krailsheimer wieder mit seiner Fistelstimme und grinste (dieses Grinsen hatte nicht einmal den Anschein eines Lachens). „Was is dermehr? Wenn er so alt wird wie Mesuschelach, ich laaf nemmer nachra Fraa fer’n. Lehachlesponim! – Da sich! ’s Erdmännla! – Also, wie gsagt, ich bin joze. Der Silbermann in Ferth is aach a ganz gute Partie fer die Rosensteini.“

„Jou! Chalomes mit Backfisch! Der Silbermann is e Phantast. Red in aaner Tour von Neigung. Wenn ka Neigung do is, is ka Massel do, sagt er. A Narr!“

„Bei den haaßts aach: viel Schmerchel, weng Serchel, – wenn mern sicht, lacht er!“ bemerkte Max Lippmann, um gleich darauf die andern anzustoßen und sie auf Lämelche Erdmann aufmerksam zu machen. Sie drehten sich um, hörten die letzten Worte des Schmieds, wurden blaß und stierten halb furchtsam, halb entrüstet hinüber. Martin Ambrunn war betreten, suchte sich ins Mittel zu legen, aber der Schmied blinzelte ihm bedeutungsvoll zu und so nahm die Scene ihren Fortgang. Doktor Schreigemut und der Apotheker betraten den Raum und lachten, als sie sahen, wie Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelche Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen liegt. Das Tier, das nicht scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr behaglich fort zu schnurren.

Jetzt erhoben sich die drei im Winkel, ihre Bierkrüge in der Faust als Waffe, begannen ein Geschrei, als ob dem Lämelche mit Schreien geholfen wäre, aber näher als auf vier Schritte kamen sie nicht an den Tisch der Bauern heran, – bis der Schmied einen zinnernen Teller ergriff, worin sich zwei Wecken befanden, und ihn dem Bärmann Schrot so heftig an die Nase warf, daß dieser Körperteil sofort blutete und sein Besitzer in ein Hilfegeschrei ausbrach. Die andern zwei, insonderheit der rotbärtige Krailsheimer, hatten beständig hinter dem breiten Rücken des Schrot Deckung gesucht, jetzt sahen sie sich schutzlos. Die Bauern brüllten, der Schmied brüllte, der Wirt brüllte als Vermittler, die Magd jammerte, der Doktor blickte besorgt um sich, der Apotheker hielt dem Schrot ein blaues Tuch vor die Nase, die zwei Händler thaten ihr bestes, um den Lärm zu vermehren, die Katze sprang mit einem Satz auf den Ofen, ein kleiner Junge lief fort, den Gendarm zu holen, und mitten in dem unsinnigen Lärm und Getöse ging die Thüre auf und Elkan Geyer kam herein.

Sein Erscheinen bewirkte eine augenblickliche, totenhafte Stille, denn alle zusammen hatten den Blick auf ihn geheftet, als die Thür aufgegangen war. Er war vollständig, von oben bis unten, Kopf, Gesicht und Hände und Kleider, mit Kot bedeckt, was um so merkwürdiger war, als die Landschaft voll Schnee und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die Augenbrauen herab, und den Hut schien er irgendwo verloren zu haben. Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war nicht geschlossen. Sobald er eingetreten war, machte er eine weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen die Schultern.

„Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?“ raunte ihm Krailsheimer zu. „Biste schikker?“

Elkan schüttelte den Kopf. „Lämelche, komm her zu mir,“ lallte er. „Bist du nicht jeden Tag in der Woch beim Sürich Sperling gewesen?“

„Nein, nein,“ wehrte sich Lämelche Erdmann mit gilfender Stimme, „weißt denn nicht, Elkanleben, Schoode, der de bist, weißt denn nicht, daß meine Schwester oben wohnt im Dachstübche?“

„Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,“ sagte Elkan langsam, legte die Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit leerem Ausdruck an. „Ich war bei ihm in der Nacht,“ murmelte er, dicht an den Apotheker herantretend. „Und wie alles still war, rief er nimmer nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, sondern fing an, im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie lächelten.“

„Ruf mir meinen Sohn, Krailsheimer!“ schrie er plötzlich, streckte beide Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, von dem Müllerburschen begleitet, Lämelche lief fort, um Agathon zu holen, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand berühren ließ.

Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: „Aga, ich will dir was sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling umgebracht. Bin ich herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab’s auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil meine schuldige Hand befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchgebrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was schaust so? Gell, ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer, daß sie mich heimtragen.“

Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Haus gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Er fühlte sich wie zerrissen. Und während der nächsten Stunden kam ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war nicht mehr jung; eine Einsicht, eine Inspiration, hatte seine Jahre weit überflogen. Er hatte eine That begangen, für die andere sühnen und leiden müssen. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm damit geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er war sehend geworden durch diese That und alles um ihn herum, Menschen und Dinge und Fügungen, hatten förmlich einen Bund geschlossen, ihn zu schützen. Er hatte sich keiner irdischen Obrigkeit unterworfen gefühlt, doch auch keiner von jenen göttlichen Mächten, die er bisher verehrt. Eine Stimme in ihm, die ihm aber fremd war und ihn schaudern ließ, so oft er sie vernahm, rief ihn zu etwas ganz Neuem. Und er wußte jetzt, worin dies Neue bestand!

Daheim waren überall bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kinder waren nicht zu Bett. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem dicht mit Grünspan überzogenen Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen. Die schweren Sorgen um das Brot waren nicht nur auf den Stirnen zu lesen, sondern auch auf Tellern und in Schränken. Joelsohn war auch wieder da. Agathon ging dem finstern, schleichenden Beter aus dem Weg.

Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief er den bleich, mit geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten Starrblick. Eine tiefe Furche lief auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerte an die übertriebenen Falten eines grotesken Schnitzwerks.

Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war ganz finster. Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die verschränkten Arme. Vor ihr saß Joelsohn mit seinem Asketengesicht, den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den gebogenen, hageren Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen zusammen, um darin alles zu verscharren, was frei und schön ist, seit Jahrtausenden. Und da saß er und murmelte das Schemenesre: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.

„Vater!“ flüsterte Agathon leidenschaftlich. „Vater, hör mich an.“

„Licht, Licht!“ erwiderte Elkan dumpf.

„Ich hab keine Streichhölzer da. Hör nur erst. Es ist nicht wahr, daß du Sürich Sperling getötet hast. Ich hab’s gethan.“

„Nein, Aga, du willst eine Wohlthat an mir thun, aber es ist umsonst.“

„Weißt du denn noch genau, wie es war? Bist du ins Haus und hast es gethan, während er schlief?“

„So war’s. Oft wenn er hereinkam ins Haus, hab ich ihm das böseste gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knieen vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Seine Augen leuchteten vor Haß; etwas Überirdisches von Haß und Vernichtungsfreude lag darin. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir, wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis die Nacht kam, wo ich mich hinlegte zum Schlafen. Aber ich schlief nicht, sondern ging hin ...“

„Es war ein Traum, Vater!“ rief Agathon und preßte seine Finger um den Arm Elkans.

„Erst hab ich’s auch gedacht, aber wenn man solche Dinge durchmacht, giebt es solche Träume. Aber an einem Tag, es war, wie deine Mutter so wunderbar gesund wurde, an diesem Tage fiel’s auf mich herunter wie Centnerlast: Ich hab’s gethan. Wenn sich auch die ganze Seele in mir dagegen aufbäumt, so ist die That doch da wie schwarzes Gewand, wie die Finsternis selber.“

„Es war ein Traum, Vater,“ begann Agathon mit seltsamer Freudigkeit und jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. „Ich war es, ich hab es gethan. Das weiß ich und kann es verantworten. Ich bin kein Jude mehr und auch kein Christ mehr und ich habe nicht euer Schuldfühlen in mir. So ist meine That über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für die künftige Arbeit. Ich weiß, daß mir genau so ist, als ob mit Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht nur der christliche Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch. Vielleicht hab auch ich nicht die That begangen, sondern der neue, fremde Geist, der jetzt kommt, – ach, mir schwindelt, ich kann gar nicht weiter denken.“

Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach Licht.

In stetem, ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleißend im Lichtstrom eines Fensters. Am Abend noch wanderte Agathon umher und sah Gudstikker von ferne. Doch in weitem Bogen wich er ihm aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Stefan Gudstikker, der zu den Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, heimzugehen und dem andern einen langen Brief zu schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – große Worte, Verlegenheitsworte. Er liebte die melancholischen und resignierten Töne, prahlte gern vor Unkundigen, sagte die Pläne zu seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Phrasen voraus, indem er ihn in eine abgelegene Kneipe zog, schimpfte über alles Große und Anerkannte, erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch neben all diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben.

Als Agathon am Haus der Estrichs vorbeiging, sah er einen helleren Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Drinnen erblickte er ein Bild voll Frieden. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke und seine Spitze bog sich unter der Decke. Käthe saß am Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und der Alte sah aus, als ob er heute sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing es wie eine Fülle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt. Da das Dorf im Thal liegt, sah er nur den Turm; er schien auf den Feldern der Nähe zu stehen und zeichnete sich schroff und rätselhaft klar gegen den Himmel ab.

Hier traf er nun doch auf einmal Stefan Gudstikker, der wie aus der Erde emportauchte.

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte Agathon.

„Von Nürnberg,“ erwiderte Gudstikker unwirsch.

Agathon wußte, daß er log und fragte sich vergeblich nach dem Grund der Lüge.

„Man läßt mir keinen Frieden,“ polterte Gudstikker. „Gesellschaften, Huldigungen, Damen, Stammbuchverse, zum Teufel damit.“

„Und was machen Sie sonst?“ fragte Agathon unmutig.

„Ich? Ich versumpfe. Ich sterbe in Caféchantant-Luft mit angehenden Genies, wie Sie. Ja, Sie sind auch so einer, so ein Weltverbesserer. Himmlischer Himmel, welch ein Quark! Das Leben ist rauh und nüchtern geworden und die Paulusse werden verlacht. Prophet sein, ja, gut, ich habe nichts dagegen, wenn ihr euch auf betrunkene Hausierer und reiche Morphinistinnen beschränkt. Im übrigen: es lebe der Storch und die Gemütlichkeit.“

„Sie sind sonderbar,“ sagte Agathon zerstreut.

„Ich will Ihnen etwas sagen, das sollten Sie sich merken,“ fuhr Gudstikker fort, „unserm Leben fehlt der Erdgeruch. Das ist es, was wir brauchen. Und nun leben Sie wohl. Ich muß der Sippschaft da drinnen die üblichen Geschenke bringen.“ Gudstikkers feines Seelenleben pflegte sich oft in Geschmacklosigkeiten zu manifestieren.

Agathon hielt ihn am Ärmel zurück und fragte ihn ernst, ob er nicht wisse, was mit Monika Olifat vorgegangen sei.

„Ich?“ machte Gudstikker. „Vorgegangen? Nein, ich weiß nichts, auf Ehre nichts!“ Und er legte die Hand auf die Brust. Dann ging er, nickend, den Hutrand berührend.

Agathon ging in Olifats Garten und starrte zu den Fenstern empor. Die Gardinen hingen unbeweglich hinter den Scheiben, und kein Schatten glitt an ihnen vorbei. Agathon ging hinauf. Frau Olifat lag auf dem Diwan und las in einem abgegriffenen Band. Sie war eine unansehnliche Dame, die beständig etwas einfältig lächelte und es liebte, von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen. Sie war schwach und von einem falschen Gefühl der Noblesse bis ins Lächerliche durchdrungen. Als Agathon kam, spielte Monika mit ihrer kleinen Schwester Ball. Das Kind war voll Begeisterung dabei. Sein goldblondes Haar fiel zu beiden Seiten des Halses bis auf die Brust und bei jeder Bewegung flogen die Haare über Stirn und Wangen. Monika saß auf einem niederen Schemel und fing den Ball oder warf ihn fort, ohne die Richtung ihres Blicks zu ändern. Und wenn ihr der Ball entwischte, ließ sie Esther danach suchen.

Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß, und den sie bei jeder Bewegung fast mechanisch zurückschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen. Esther konnte dann gar nicht begreifen, wie man so dumm sein konnte. Nachher kam ein anderes Spiel, das Agathon noch nie gesehen hatte. Monika setzte sich dazu ganz auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, umsomehr, als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; und ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.

„Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?“ fragte Agathon, eigentümlich bewegt.

Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie: „Also jetzt, wenn du den Buben erwischst, darfst du mich schlagen, Esther.“

„Fest?“

„Fest schlagen, ja. So fest du willst.“

„Den Herzbuben?“

„Ja.“ Monika legte sich nun mit dem ganzen Körper auf die Dielen, streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.

„Du bist unanständig, ma fille,“ sagte ihre Mutter flötend. „Il faut avoir plus de dignité chez ce jeune homme.“ Es gab nichts Komischeres, als die Gravität, womit sie ihr merkwürdiges Französisch sprach.

Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus. Eine kurze Zeit lang standen sie unschlüssig im Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Als Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.

Dann stand Agathon vor dem Gartenthor und träumte, sah über das weite, nachtdunkle, schneeblaue Land, und nun fühlte er, wie sehr er dies Land liebte, das ihm Heimat war und ihm so vertraut war in jedem Tannengehölz, in jeder Hecke.

Als er am nächsten Morgen, dem Feiertag, der vielleicht der friedlichste Tag des Jahres ist, weil der Schnee selbst die Schritte der Kirchenbesucher leiser macht, weil er einen Ring von Glockenmelodien um die ganze Erde flicht, als er da an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er lautes, grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm in einer wahrhaft kindlichen Erzählerfreude alles berichtete. Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein altes, ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei vollkommen Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder betteln gekommen. Gudstikker machte sich noch lustig über die „echt deutsche“ Sentimentalität, daß dies gerade am Weihnachtstag hatte sein müssen und schob dann in seiner überstürzten Art davon, weil er den König sehen müsse, der heute von der Residenz in Nürnberg eintreffen solle. Trotzdem hatte er noch etwas auf dem Herzen, kehrte um und fragte Agathon, ob es nicht merkwürdig sei, daß seine Braut Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwänglicher Zärtlichkeit hinge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. „Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,“ schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen, „daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Ausgerechnet Baldewin! Zu dumm!“ Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans Ohr legte und sprang davon.

Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für die Feiertagsarbeit von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Karkau gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer würde gut Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie könne keine Magd ernähren, sie, die jeden Pfennig bewachen müsse. Heute mußte Frau Hellmut klar gemacht werden, daß sie gehen müsse; und schon am Nachmittag kam Sema zu Agathon, um ihn auf den Abschied vorzubereiten.

„Heute schon?“ fragte Agathon.

„Ja, heute.“

„Ich werde mit dir gehen, Sema kleiner.“

Eine lähmende Freude war auf dem Antlitz des Knaben sichtbar.

„Aber ich werde weiter gehen, als du,“ fuhr Agathon fort. „Weiter als du vermagst.“

„Weiter als ich vermag, gewiß nicht. Wohin denn?“

„Wohin! Wenn ich das wüßte. Ins Ziellose. Ach, Sema, wie schön war es in jener Nacht ... Die Waisenknaben waren mehr als froh, mehr als glücklich. Sie haben all ihr Unglück vergessen in der Nacht. Es war göttlich von dir, Sema.“

„Aber du hast es doch ausgedacht, Agathon. Ich liebe dich so sehr, Agathon.“

„Ja, du kleiner Sema. Wenn ich denke, wie du dort gesessen bist auf der zerbrochenen Bank, oder was es war. Nein, es war wundervoll! Alles in mir hat gezittert. Ich dachte, die Nacht selbst müsse sich bewegen und niedersinken wie ein altes Kleid und es müßte hell werden. Erinnerst du dich an den Knaben, der zunächst bei dir kauerte? In einem fort liefen ihm Thränen herunter und doch lachten seine Augen. Woher hast du nur all die Kunst, du Zwerg, sag’ doch?“

Sema näherte seinen Mund Agathons Ohr und flüsterte geheimnisvoll: „Die Mutter sagt, ich bin ein Fürstenkind.“

„Wie?“

„Das Kind des Königs, sagt sie.“

„Des, – welches Königs –? Unseres Königs, Sema?“

Sema nickte stumm.

Eine Stunde später führte Agathon eine viel wunderlichere Unterhaltung mit Frau Hellmut. Er sagte ihr, was Sema gesagt, und sie erschrak. Nach einer Weile begann sie: „Aber bewahren Sie es als ein tiefes Geheimnis, Agathon. Jetzt reden sie hier im Dorf davon und auch in den Zeitungen steht es, daß der König in die Stadt käme. Aber das ist nicht wahr. Was soll der König in der Stadt? Soll er sich anschreien lassen mit Hoch und Hurra? Dazu ist er viel zu stolz und zu herrlich, Agathon. Früher hat er es gethan, um die Minister zufrieden zu stellen. Jetzt verachtet er die Hochs und die Hurras.“

„Und das wissen Sie alles so gut? Und sitzen da bei uns in einem Scheuerkleid?“ fragte Agathon, erstaunt über die Ausdrucksweise dieser Frau.

„Ob ich es weiß? Niemand weiß es so wie ich. Sein junger Kopf ist in meinem Schoß gelegen. Das klingt Ihnen nach Roman, aber es ist wahr, wahr. Sein Geist hat geträumt in meinem Schoß, Agathon, und sein königlicher Leib hat Frucht getragen bei einer solchen Magd wie ich bin.“

„Aber wie ist er so, als Mensch?“

„Niemand kann mehr König sein. Niemand kann mehr Mensch sein, Agathon, und doch beides wie durch Zauberei verschmelzen. So ist er beschaffen. Voll Majestät, voll Güte, aber einsam wie der Tod selbst.“

„Und er ist in der That ein solch wunderbarer Mensch?“

„Er ist es. Er steht über allen Menschen, weit, hoch! Es ist noch nicht fünfzehn Jahre her, Agathon, daß ich ein schönes Weib war, ich habe manchen Triumph gefeiert auf der Bühne. Und mein ganzes Wesen war in ihm aufgelöst. Jetzt bin ich alt, lächerlich, tief gesunken, aber das wollte ich. Ich wollte tief sinken, um ihn immer höher und ferner zu sehen. Er ist ein Gott. Vor seinem Blick demütigt sich alles mit Freuden. Aber er ist zu groß für die Zeit. Er ist nicht ein Mensch, wie wir da. Er ist zum König geboren und das sind wenige. Aber er darf nicht König sein wie er will. Sie lassen’s nicht zu.“

Frau Hellmut sprach ihre kurzen Sätze stoßweise, mit langen Pausen. Als sie geendet, erhob sie sich hastig, wie beschämt und schlappte fort, Agathon in einem Zustand erregten Nachdenkens zurücklassend. Erst ein wirres Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern störte ihn auf. Er blickte hinaus. Die beiden Rosenaus Mädchen verkündeten lebhaft, mit roten Gesichtern, irgend einen aufregenden Vorfall und sie deuteten gegen das Ende des Dorfes. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden zum Zeitvertreib jede unbedeutende Sache zur Katastrophe aufbauschten, aber als Sema ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.

Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als Agathon dort war, bot sich ihm dieser Anblick. Ein Mann, oder nur noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke hafteten stier am Himmel. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehn einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte in der Art eines geschlagenen Hundes. Ihre Finger schienen ganz erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein Säugling lag neben ihr im Schnee gebettet, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigem Gesicht neben ihr, klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in den fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.

Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der andern, schickte Sema zurück um einen Wagen, und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, leitete er selbst den Transport. Erst in der Nacht, die nun folgte (Sema und seine Mutter waren schon fort und Agathon hatte dem Freund versprochen, morgen zu kommen), kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit zwischen sich und seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr als je. Und alle die haßte er, die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten deutschen Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren. Witzelnde Herren, scharfsinnige Herren, wedelnd unterwürfig oder voll schnöder Anmaßung, doch stets von unbändigem Ehrgeiz. Doch Agathon haßte auch diese von tausend Kämpfen durchrüttelte Zeit, diese atemlose, sinnlose, von Lügen schwangere, von geistiger Pestilenz durchsickerte. Und doch erfüllte ihn ganz die Sehnsucht, sich in den großen Strudel des Lebens zu stürzen, auszugehen wie einst David in jenen einfacheren Zeiten, um sich ein Königreich zu suchen. Und als er in den Morgenstunden zu schlummern begann, hatte sein Entschluß Festigkeit gewonnen und in seinen Träumen erschien jener König, der seinem Volk nun schon zum Mysterium geworden ist.

Am Vormittag packte Agathon ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie sich nicht gleich fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater so krank sei.

Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde. Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den klaren, kalten Wintertag hinein.