Im kleinen Schustergäßchen in Nürnberg, welches vom großen Schustergäßchen gegen Burg und Weinmarkt läuft, steht ein altes, graues, düsteres Gebäude, das schwer in seinen Formen ist und gleichsam etwas Unnahbares und Zurückhaltendes an sich hat. Selten sah man zur Tageszeit das Thor sich öffnen, das von schwerem Eichenholz war und jene bewunderungswürdige Schmiedearbeit in Schloß, Angel und Glockenzug aufwies, durch die unsere alten Häuser so merkwürdig sind. Niemals hatte man des Abends oder auch zu nachtschlafender Zeit die vor Staub und Bejahrtheit gänzlich blinden Fenster erleuchtet gesehen, – kurz, dies Haus glich in allem dem übriggebliebenen Block aus einer abgestorbenen Kulturepoche, und hätte jemand das Stiegenhaus betreten können, so würde es ihm zweifellos nicht verwunderlich gewesen sein, wenn ihm vertrocknete, mürrische Ratsherren in Perrücke, Wadenstrümpfen und Schnallenschuhen, oder ein Student mit Barett und Degen begegnet wären, gerade als seien sie ohne weiteres aus einem der verblaßten Gemälde des Rathaussaales gestiegen, wo sie ein wahres Märchenleben an unaufhörlich besetzten Tafeln führen.
Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt. Nicht in allen seinen Räumen, sondern vornehmlich in einer großen, hohen, mit Steinen gepflasterten Küche, die ein Fenster nach dem einsamen, stillen Hof hatte mit seinen Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken. Hier verbrachte Baldewin Estrich seit ungezählten Jahren seinen Tag und einen großen Teil der Nacht, um zu experimentieren, zu analysieren, in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen, auf seltsamfarbenen Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weißglut zu erhitzen, und was er auf diese Art suchte und erfinden wollte, war nichts mehr und nichts weniger als die Kunst des „Goldmachens.“
Wer nun annehmen würde, daß Baldewin Estrich aus gemeiner Habsucht oder aus dem Drang, reich zu werden, dies unternommen hatte, würde sehr irren. Auch war er weit davon entfernt, der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen. Ja, er war sogar überzeugt, daß sein Weg von dem der Wissenschaft weit, weitab lag, und daß er ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse, als ein Mensch aus vergangenen Jahrhunderten, wo Wunder und Traktätchen, Zauberei und Hexenkunst die Brücke zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten. Er war nicht bethört durch jene uralten Bücher der schwarzen Kunst, jene dunklen und verschwommenen Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem großen Geheimnis. Nein. Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen, eifrig, unermüdet, hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut, ihre vergessenen Dokumente durchstöbert, war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung zusammengebrochen wie ein Kind. Denn was sie ihm bot, war nicht das, was er darin suchte, – ein Mittel, die Menschheit glücklicher zu machen, ihren wahnsinnigen Wettlauf nach Phantomen aufzuhalten. Er war eine sattsam bekannte Erscheinung in unserer Provinz und je weniger man über sein Thun wußte, je mehr wurde ihm aus Kräften der Fama zugelegt. Dann, nach seiner großen Niederlage vor sich selbst und jenen sonderbaren Idealen, begann er aus eigenen Mitteln hinauszubauen über das Vorhandene, stellte ungeheuerliche und gefährliche Experimente an, um den chemischen Urstoff zu finden, jenes vage Etwas, Äther oder sonstwie genannt, das jetzt dem Geist der modernen Forscher, lange nach Baldewin Estrich wieder so nahe gerückt ist. So kam er, wohl auf vielen, wirren Umwegen zu seiner tiefsten und wunderlichsten Lebensaufgabe, – eine für den Fremdling in diesen Gebieten erstaunliche Gedankenkette, für die aber der Gelehrte unserer Zeit ein Begreifen hat, weil ihm das Element, sei es nun Gold oder Eisen, Schwefel oder Chlor, nicht mehr ein untrennbares Eins bedeutet. Freilich wollte Baldewin Estrich mit der Praktik nichts gemein haben, und so baute er weiter, kühn und mutig, wie ein Mann, der in der Wüste wohnt und dort Städte gründet für jene späten Geschlechter, die da wohnen werden, wenn all das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden ist. Durch nichts glaubte er die Menschen mehr glücklich zu machen, als durch Gold; er glaubte, ihnen den Frieden zu bringen, wenn er die heißeste Begierde stillen konnte, die sie erfüllte, oder vielmehr, wenn er ihnen so viel des Begehrten gab, daß sie der Überfluß gleichgültig machte. Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein ganzes Innere, gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das Gepräge der Versunkenheit und stillen Größe. Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller Höhlen des Elends in der Stadt; er wußte Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen, in denen der werdende Verbrecher Unterschlupf findet, ebenso wie der gewordene; in jenen Herbergen, wo der reisende Bettler ein Nachtquartier findet, in all den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen, in den abgelegenen Gassen der Vorstadt, in den Remisen der Eisenbahn, an Kirchenmauern, in Kellern und übelberufenen Höfen, – kurz, an jenen Orten, wo sich das menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert, und es war, als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem Vorsatz und Eifer stärken wolle.
Er lebte ganz allein. Das weite, düstere Haus, das ihm selbst nicht einmal in seinen letzten Winkeln bekannt war, sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit: seine Nichte Käthe und Frau Gudstikker. Diese kam nur, um den Kopf zu schütteln und alles, was Estrich that oder sagte, unbegreiflich zu finden; Käthe kam, um begeistert den dürftigen Reden des Oheims zu lauschen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie an ihn und sein Werk glaube. Aber er konnte es nicht ertragen, Menschen um sich zu sehen, und oft bat er die beiden, wieder zu gehen, obwohl er, was Käthe betrifft, wußte, wie viel List und Schleichwege sie gebrauchen mußte, um zu ihm zu gelangen.
Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine Träume gesetzt. Nun war er arm und litt tief darunter. Er konnte einen, wie er glaubte, letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen, weil ihm das Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte. Alles was er an Barem aufbringen konnte, betrug nicht mehr als zweitausend Mark. Er wandte sich an seinen Bruder in Zirndorf, im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses Schrittes, denn dieser Mann, der ihn verachtete und verspottete, würde eher eine Hand hingegeben haben, als Geld zu solch lächerlichen und frevelhaften Zwecken. Da trug es sich zu, daß Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde, – auf eigentümliche Art.
Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in einer der Anlagen, von denen die Villen des Marienviertels umgeben sind. Estrich, gebückter als sonst, in schmerzliches Träumen verloren, schritt gleichgültig gegen Menschen und Dinge seines Wegs, als etwa hundert Schritte seitwärts, gegen den Tunnel, mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden. Am hohen Bahndamm zog ein offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich. Sie lag auf der Erde, und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks. Fast in demselben Augenblick, als Estrich dies gewahrte, sprang ein Mann aus dem Schatten eines Hausthors, stellte sich erregt vor den Burschen und forderte ihn auf, das Frauenzimmer los zu lassen, worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte. Nieberding (dies war der junge Mann) wiederholte seine etwas pathetische Aufforderung. Der Bursche schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Aber Nieberding wiederholte in denselben Worten seine Aufforderung und fügte hinzu: „Schlagen Sie mich nur. Sie müssen sich ja schämen.“ Nichts konnte charakteristischer für ihn sein, als dieses Verhalten. Jetzt mischte sich Estrich darein. Sein grauer Bart, eine gewisse Feierlichkeit seines Wesens und ein tiefer Zorn, der nur seine Stimme vibrieren ließ, mochten Eindruck auf den Burschen machen, denn er befahl der Dirne, aufzustehen und sie gingen weiter, er fluchend, sie heulend.
Nieberding und Estrich waren fast die ganze Nacht zusammen. Nieberding nahm gierig all die Thesen des Greises in sich auf. Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen Sinne berauschten sich an dieser willkürlichen Umwertung der Materie, an diesem alten und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff. Die ganze, fremde mittelalterlich-romantische Welt dieser Versuchsküche, das überzeugte und überzeugende Wesen des alten Mannes, der wie ein Magier sich inmitten seines Reiches bewegte, um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen, daß sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten, all dies machte Nieberding zum Spielball einer aufregenden Vision. Und dann kam er Tag für Tag, blieb oft eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem alten düstern Bau, wo er in einem riesengroßen, halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete. Und nach zehn Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf des elektrischen Apparats. Ernst, mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld; dann bat er den jungen Mann, ihn allein zu lassen. Und Nieberding ging, um teilzunehmen an der Flut des Frohsinns, die der Karneval durch die Gassen schickte.
Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch, die fünf braunen Banknoten neben der Hand. Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen und die Mischung, die jetzt im Thongefäß vor ihm stand, mußte ihm zeigen, ob sein Leben ein fantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war. Sein Arm zitterte, als er die Hand vor die Augen legte; gleich Feuerkugeln perlte es hin vor den verfinsterten Blicken. Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus. Die Galerien des Hofes versanken mehr und mehr in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge. Der Kater Marius, Estrichs einziger Gefährte während der langen, schweigenden Nächte, saß schnurrend an der heißen Glut des Kamins, und ein fernes, unaufhörliches Wagengerassel ließ die Fenster leise klirren.
Plötzlich schreckte der Alte auf, machte Licht, – eine hektische Röte war auf seine Wangen getreten, – nahm das Thongefäß, betrachtete die weiße schillernde Mischung, entzündete ein Drummondsches Kalklicht, hielt den Topf darüber und schüttete eine Säure in die dicklich kochende Masse, daß ein übelriechender Qualm den weiten Raum erfüllte und den Chemiker in einer Wolke versteckte. Dann nahm er eine pulverisierte Masse von einer sanften, violetten Färbung und schüttete eine Messerspitze voll in das Gefäß, das er dann hermetisch verschloß. Hierauf verlöschte er die Flamme, stellte den Topf ins Wasser, um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozeß auszusetzen und schritt dann unruhig, mit zusammengepreßten Lippen auf und ab. Als er dann das Gefäß zertrümmerte und den erstarrten Inhalt prüfte, fand er ihn unverändert, außer daß die Farbe statt des reinen Weiß in ein bräunliches Gelb spielte. Mutlos ließ er die Arme sinken. Schließlich ist die ungeheure Hitze, die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will, gar nicht nötig, dachte er. Aber auch so sah er kein Ziel mehr. All die Säuren und Basen, Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an, mit einer ausdauernden Bösartigkeit begabt. Er zündete die Lampe an und sah in ihrem Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst. Er nahm ein Fläschchen vom Sims, das eine blauschwarze Flüssigkeit enthielt, die beim Licht herrliche Reflexe warf. Er öffnete das Glas, ging zum offenen Kohlenfeuer (immer noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand) und wollte einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen, um den schlechten Geruch zu vertreiben, als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank; auf den Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück, ging ans Fenster, öffnete es, und die milde Luft des Februarabends floß herein und streifte seine heiße Stirn. In tiefen Gedanken saß er am Fenster, fast zwei Stunden lang. Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf, um die Lampe zu füllen, die heruntergebrannt war. Seine Blicke hefteten sich auf die halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter all den schwarzgewordenen oder ganz düsterroten Stücken erblickte er einen großen, schwach glänzenden Gegenstand. Und je mehr er hinschaute, je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu. Seiner Wahrnehmung fast mißtrauisch gesinnt, hörte er nicht auf, starr in den Kamin zu blicken, bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten ließen. Er zündete eine Kerze an, holte das gleißende Stück mit dem Feuerhaken heraus, nahm es in die Hand, schrie laut und durchdringend auf, daß es in allen Teilen des Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Kniee ...
Gold!
Er hielt Gold in den Händen.
Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe. Er wog es in der Hand, und es war schwer. Er hielt es zitternd, mit überquellenden Augen zum Licht und sein Glanz schien den ganzen Raum auszufüllen.
Gold!
Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt. Der Traum des modernen Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden, der nun auf dem Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte. Der jeglichen Hunger stillen, jeden Durst befriedigen konnte; für den es nichts Unerreichbares mehr gab im Reich der Träume. Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt, das edle Geheimnis? Ein langsam glühender Kohlenhaufen, eine harmlose Tinktur, – bedeuteten sie mehr als jene teuren Vorrichtungen?
Baldewin Estrich sank zusammen und weinte. Dann hielt es ihn nicht länger in dem öden Haus. Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort. Schon war er durch viele Gassen geeilt, als er innehielt, die Hand an die Stirn legte, zurückkehrte, die eiserne Truhe aufschloß und alles was er noch an barem Geld besaß, in Gold und in Banknoten, zu sich steckte. Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu, den Herbergen für Handwerksburschen, den dachlosen Nachtquartieren im äußersten Norden. Und keine Stunde war verstrichen, als er zurückkehrte, – nicht allein. Eine Armee schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm, verkommene Gestalten, die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn, Gesellen in Lumpen, barfuß, mit bloßer Brust, keifende Weiber aller Lebensalter und aller Abstufungen des Lasters, Kinder mit den frühblassen Wangen der Not, – und diese ganze tolle, entfesselte Schar in stetem lawinenartigem Anschwellen. Wo Baldewin Estrich die Ersten aufgetrieben hatte, er würde kaum mehr fähig gewesen sein, darüber Rechenschaft zu geben, denn er handelte wie im Traum, in einer Trunkenheit, die nach Thaten verlangte. Er hatte Gold, Gold unter sie verteilt, immer mehr, und die Kunde davon ging wie ein Lauffeuer von Straße zu Straße, so daß der Haufen mehr und mehr anschwoll und zuletzt die ganze Breitegasse, so lang sie sich streckte, ausfüllte. In den Häusern wurden die Fenster aufgerissen, und lachende, winkende oder furchtsame Menschen schauten herab; die Polizei erschien in den Nebengassen und schickte sich an, das Militär zu alarmieren, aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums Hundertfache und war durch nichts mehr in der Welt zu ersticken in dieser Stunde. In den Annalen unserer Stadt steht dieser Februar-Abend mit großen Lettern verzeichnet.
Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiter-Regiments auf mit blankgezogenen Säbeln, aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können, als die dicht gestaute Volksmenge, die Kopf an Kopf stand, über die es hinwogte von Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und trunkenen Lauten der Begierde. Und alles drängte nach oben, wo Baldewin Estrich totenbleich in einem engen Kreis finsterer Burschen stand, die ihm näher und näher rückten, förmlich tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes. Mit den wildesten Drohungen drangen sie auf den Greis ein, der kein Glied zu rühren vermochte. Es war, als könne er nicht glauben, was um ihn her vorging. Ihm war, als seien dies alles fürchterliche Traumbilder, diese von den scheußlichsten Instinkten bewegte Masse, die um ihn wogte, die ihn haßerfüllt anstierte, die den kleinen Kreis um ihn verengerte und verengerte, als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte, die nach Geld schrie und heulte, nach Geld und nach sonst nichts. Ein stürmischer und geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust, und er erschien sich wie mitten ins große Meer verschlagen, schiffbrüchig, hoffnungslos dem Tod geweiht. Da nahm er all die Banknoten in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und schleuderte sie fort, hinein in das brodelnde Meer, den ausgestreckten Händen, den funkelnden Augen entgegen. Heisere, wahnsinnige Schreie erschallten, er fühlte sich fortgerissen wie in einem Strudel, dahingeschleudert, dorthingeschleudert, fühlte Stoß auf Stoß an seiner Brust, sah hundert andere Arme hoffnungslos ausgestreckt, und wieder die ersten, die mehr Geld wollten, mehr, da wollten ihm fast die Sinne schwinden. Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn, sank zusammen, wurde mit Füßen getreten, fühlte Blut an sich herabströmen, und doch schlossen sich seine Augen nicht, als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend erdulden.
Und der Strom, der nun einmal in Bewegung geraten war, wälzte sich weiter. Diejenigen, die Gold erhalten hatten, waren noch unersättlicher, als die andern. Ihr Geist befand sich in einer völligen Raserei, und diese Raserei war ansteckend. Alle unterdrückten Lüste des Pöbels kamen im Verlauf von Minuten zum Vorschein. Viele zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser, Steine flogen in die Stockwerke hinauf; viele Weiber benutzten ihre Schuhe oder Stiefel als Wurfgeschosse. Die Rufe: Blut! Rache! Tod! Nieder! donnerten oder kreischten durch die Luft. Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei: nieder mit den Juden! erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume, demolierten Tische, Fenster, Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung. An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen; einzelne Schüsse wurden abgefeuert, denen höhnisches Gebrüll folgte. Die Infanterie war mit gefällten Bajonnetten im Anmarsch und trieb eine Horde wild kreischender Weiber und Kinder vor sich her und alles deutete auf einen blutigen Ausgang.
Während all dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen gefahren; schwere, erschreckend schwarze Wolken waren heraufgezogen und hatten sich im Norden getürmt, während ihnen gegenüber ein Stück fast reinen Himmels lag, auf dem der klare Mond schwamm. Dann fingen aus dieser Wolkenwand, deren beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ, Blitze an zu zucken, leiser Donner rollte über die Dächer hin, allmählich anschwellend; die Blitze wurden fahler, zackiger, breiter, gleichsam schneidender und tiefer, der Donner weniger schwerfällig, und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt, ohne daß in dem bunten Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte.
Die Soldaten, anscheinend nicht ohne Freude, begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu treiben, und einige junge Offiziere suchten einen Ehrgeiz darin, sich durch besonders kriegerisches Vorgehen auszuzeichnen. Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze Kompagnie; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus; eine zügellose Erbitterung ergriff den Pöbelhaufen; Steine flogen unter die Soldaten, Schuhe, aufgestellte Messer, Glasscherben von eingedrückten Fenstern, ja ganze Holzklötze, bis endlich der Hauptmann Ulrichs, ein kleiner Wüterich der Garnison, unbarmherzig zu entschiedenem, offenem Angriff überging. Die wenigen, die dem Militär Trotz geboten hatten wandten sich, als sie einige Kameraden im Blut liegen sahen, zur Flucht. Alles wandte sich zur Flucht; ein panischer Schrecken verbreitete sich; nur noch verzerrte Gesichter waren zu erblicken; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt, die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt. Schreien und Weinen schallte von den Häusern herab und aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei, – zahllos; bald mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel, schrien sie entweder so viel sie konnten, ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei, folgten förmlich entflammt den immer noch thätlich vorgehenden Soldaten, wurden jedoch von der nachkommenden Eskadron Kavallerie in die Seitenstraßen vertrieben. Währenddem floh und floh der geängstigte Volkshaufen in immer mehr überhand nehmender Angst und Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz, wo die Thore der Kirche weit offen standen. Aus dem Grunde, wie aus einer endlosen dunklen Höhle schimmerte das glührote, ewige Licht und die ganze verfolgte von den Soldaten wie Gänse oder Hühner einhergetriebene Menge flüchtete sich in die Kirche, drängte sich unter heiseren Schreien hinein, zum Teil mit emporgehobenen Händen, als ob sie beten wollten, was jedoch nur deshalb geschah, weil das unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte. Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum; Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen. Die Soldaten schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und vernahmen die Befehle ihrer Vorgesetzten gar nicht mehr. Die ersten Reihen wollten eben durch das Thor des Domes eindringen, als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich aufwuchs. Die Soldaten wagten nicht vorwärts zu gehen. Sie sahen in das Gesicht dieses Menschen, Agathon Geyers, halb voll blöder Neugier, halb staunend. Die Hintersten schoben nach vorn, der Lieutenant schrie, was los sei, aber es war, als ob Agathon für sie eine Mauer darstellte. Er hielt die Arme ausgebreitet und obwohl zu beiden Seiten noch ein breiter Raum blieb, durch den viele bequem hätten in die Kirche dringen können, wagte doch keiner, sich zu rühren.
Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte, der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein. Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse) ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen, elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten, liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.
Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden, verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter, einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:
„Laßt sie brennen, die Kirche!“
Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen, asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon. Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt von einem erregten Schwarm.
Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.