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Die Juden von Zirndorf

Chapter 18: Fünfzehntes Kapitel
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About This Book

The narrative traces the intertwined histories of a small Franconian town and its Jewish community, using a displaced Hebrew gravestone as a central emblem of uprootedness and misunderstanding. Vivid descriptions of landscape, festivals, floods, and the scars of war set a regional atmosphere that shapes everyday life. Portraits of townspeople reveal curiosity, fear, and superstition toward the unfamiliar, while Jewish households navigate exile, loss, and efforts to preserve ritual memory. The prose moves between local color and reflective passages that examine belonging, communal responsibility, and the endurance of tradition amid social change.

Fünfzehntes Kapitel

Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter, den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg, erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz, ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis. Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt.

Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen, furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur. Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.

Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen, das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.

Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, – langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.

Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf. Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen.

Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.

„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du nicht Furcht?“

Was weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.

„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher Mensch sollst du sein.“

„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.

„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“

„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s dir?“

„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“

Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.

Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht. Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas, das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht, gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.

„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“ Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“ fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“

Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers. Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den goignade, einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte. Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne, legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.

Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.

„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agathon?“

Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du, daß ich es gethan hätte?“

Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: „Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“ fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon vermochte kaum klar zu werden.

„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst, bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der reine Brunnen Versiegenicht.“

Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von Bojesen.“

„Bojesen ... lieber Gott, ja.“

„Du kennst ihn?“

„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“

„Er ist sehr interessant.“

„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte. Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. „Diese Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?

„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.

„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her, daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen.“

Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle. „Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd. „Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“

„Sterben? Nein, leben.“

Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.

„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“

„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr, dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“

Ein langes Schweigen entstand.

„Du meinst vielleicht, es ist dieser Atheismus,“ begann Agathon wieder. „Nein, das wäre ja borniert. Die Atheisten sind bloß ungezogene Kinder und sie wollen selber Papa spielen, wenn der Vater ausgegangen ist. Du weißt ja, wie ichs meine, drum lachst du so verschmitzt. Aber siehst du, Jeanette,“ fügte Agathon etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher, „eins fehlt mir noch und ich weiß nicht was es ist. Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag und es ist mir, als stünde ich vor einer dicken Mauer. Dann bin ich wie ein Kind.“

Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Diwan, während ihre Füße den Boden berührten. Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch ab, und Agathon blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene Kurve, während ihn Jeanette mit einem heißen, träumerischen Blick gleichsam suchte.

Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agathon, sowie ein Domino, denn Jeanette wollte, daß er abends mit zum Fest ginge. Er wunderte sich über ihr Wesen, das so sehr an Grellheit abgenommen hatte, über ihren Gang, der etwas Wiegendes, Zögerndes, Erwartendes hatte, über ihre Worte, die bald kühn, bald zaghaft, bald heftig, bald gedrückt waren.

Der Festsaal war groß und reich. Die Mitte des Raumes, der die Höhe einer Kirche hatte, war von bläulich-grünem Licht erfüllt. Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen erleuchtet und glichen einem breiten, düstern Feuerband, das um diese milde Dämmerung geschlungen war, in der die Säulen traumhaft glänzten, die Guirlanden wie aus dem schwülen Duft herausgewachsen schienen, die künstlichen Rosen wie Blut schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich. Das bunte Treiben erweckte Agathon den Eindruck des Geräuschlosen, Zauberspielhaften; alle Farben flossen in ein Bild, alle Töne in einen Ton, alle Heiterkeit hatte ein Ziel, und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden eines Meeres, über dem der Tag aufgehen will.

Aber plötzlich, ganz mit einem Male, auf einen Anstoß, wurde Agathon sehend. Und zwar in solchem Maß, daß er vor Grauen, Scham und Beleidigung wie verwundet war. Er schritt einen etwas abseits gelegenen Wandelgang dahin, als er einen alten und ziemlich zerlumpten Mann am Seitenausgang stehen sah. Der Alte spähte lauernd und unruhig in den Saal, legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen und murmelte. Bald darauf kam ein junges Mädchen, deren Bewegungen graziös und fast kindlich waren, auf den Alten zu, und ihr Mund unter der Maske verlor sein Lächeln. Sie reichte dem Alten Geld; mit unbeschreiblicher Gier riß er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu, wobei seine Augen fast aus den Höhlen traten. Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus. Das Mädchen setzte sich auf eine Bank, drückte beide Hände gegen die Brust und atmete auf, dann warf sie beide Arme in die Luft, als wolle sie den Wirbelwind von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem kindlichen Gebahren, das sie forcierte, davon. Agathon suchte ihr zu folgen, verlor sie aber aus den Augen. Er sah statt ihrer einen befrackten Herrn, der zu Komplimenten verbogen war wie ein Fragezeichen, einen andern, der übernächtig fahl, von Säule zu Säule schlich in der Art eines Gewürms, lichtscheu, träg, voll Verachtung, Müdigkeit, Hinfälligkeit; einen dritten, dessen Lachen wie ein Schuß war, der abgefeuert wird, eine nahende, nagende Angst, das fletschende Gespenst seiner Sorgen wieder zu verscheuchen; einen vierten, der, künstlich und aufgeregt, geschäftig herumeilte und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden Erregung zerwühlt waren; einen fünften, der grinsend und nickend durch die Reihen strolchte, der Cynismus in Person, mit einem von Lastern aufgepflügten, vom Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht; einen sechsten, der voll Anstand, Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben überflüssig schien, um dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag, während in seinen Augen fast greifbar der Entschluß zu einem Verbrechen zu lesen war; ein Weib, das kichernd, sich drehend, mit erlogenem Lächeln, mit erstohlener Anmut, von einem Chor befrackter Bettler bezaubernd genannt wurde; ein zweites, das mit allen Kräften heimisch zu werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit; ein drittes, das mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte; ein viertes, das mit erhitzten Blicken und eisiger Seele dasaß, während die Sorge um die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte. Und hinter der Buntheit der Gewänder, der Höflichkeit der Worte, hinter den ziehenden Blicken, den vom Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen, was lag da? Agathon sah es. Hundert Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag; auf einen Schlag wurde der Vorhang von hundert Bühnen, von hundert Augenpaaren gezogen, daß es vor seinen Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer, ein ungesichtet zusammengeworfener Haufen Schmerzen, ein Mischmasch von Betrübnissen, Verbrechen, Betrug und Lügen. Jener dicke Herr mit dem gütigen, ehrenhaften Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur, und er wird all dies Glück, das ihm anvertraut ist, morgen getrost an der Börse verspielen; den ungünstigen Fall erwägend, hat er bereits eine Schiffskarte im Portefeuille. Dieser unwiderstehliche Stutzer, der so diskret lächelt, ist ein Arzt, der durch schmutzige Manipulationen in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines anständigen Menschen ist. Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt nur, sich zu amüsieren, und es amüsiert sie, die Schwermütige zu sein; ihr Haus ist ein finsteres Bild der Verkommenheit, der Vernachlässigung, der Sittenlosigkeit, des geraubten, erborgten Prunkes, des versteckten Hungers; jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb; jene pastorenhafte Gestalt schachert mit jungen Mädchen; jener imposante Schwarzbärtige ist ein nichtswürdiger Wucherer; jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter Verleumder ... Und hinter ihnen, welch ein Chaos: verödete Stuben, thränennasse Betten, von Lastern befleckte Hände, das wahnsinnige Geheul Unterliegender, Gefesselter, das verschwiegene Lächeln der Sieger, die erheuchelte Trauer, der verstellte Hochmut, der Hunger, die Schande, die Raserei der Liebe, Krankheit und Tod, eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter, die im Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten, eine ganze fallende, stürzende, vermorschte Gesellschaft und darüber, darunter – nichts.

Es war Agathon, als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen zusammengepreßt würde. Es war ihm, als dränge sich die gärende Masse des Unglücks, ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn, erflehe Hilfe, Rettung, und gepeinigt floh er, erreichte die Straße, eilte weiter, ohne sich umzublicken und wußte kaum, wie er in Jeanettens Wohnung kam. Er hatte sie selbst, seit beide den Saal betreten hatten, nicht wieder gesehen. Das Dienstmädchen öffnete ihm, wollte Licht machen, aber er bat sie, ihn im Finstern zu lassen, fiel wie vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender.

Lange mochte er so gelegen sein, als er einen Hauch an seiner Stirn verspürte. Er schlug die Augen auf; die Nacht kam ihm doppelt so finster vor. Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten, der sich nah an seinem Körper gegen das unsicher verfließende Licht des Fensters abhob. Erschrocken tastete er mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar. „Jeanette,“ flüsterte er dumpf. Sie kniete bei ihm. Er glaubte, ihre Augen flammen zu sehen; es entstand eine Hitze um ihn, die aus diesen Augen zu kommen schien. Er wurde starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung, die seine Brust zusammenschnürte gleich einem Strick. „Jeanette,“ flüsterte er wieder. Diesmal war es fast ein Hilferuf.

Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine große, blutrote Orange neben den Leuchter. Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst, aber von einem zitternden Leben erfüllt. Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das meergrüne Kleid, das sie trug, warf förmlich Strahlen gegen diese dunkle Farbe. Ihr Hals, entblößt, leuchtete im Rahmen der Haare, und ihre Brust hob sich schwer. Einer warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agathon. Er saß und blickte sie unverwandt an und glaubte, eine Stimme zu hören, welche ihn rief: wo bist du, Agathon?

Jeanette lächelte und trat an den Tisch. Er setzte sich zu ihr, so nahe, daß ihre Körper sich streiften, und Agathon wurde völlig ausgefüllt von dem Bewußtsein dieser großen, und wie ihm vorkam, unverdienten Nähe; die Welt rückte für ihn plötzlich in eine maßlose Ferne; versank in einen Abgrund. Jeanette schälte und zerlegte die Orange und Agathon erlebte jede ihrer Bewegungen mit, ja, es war ihm, als ob er selbst die Frucht zerteilte. Dann reichte sie ihm ein Stück und er aß. Er fühlte nicht die Süßigkeit der Frucht, es wurde ihm kaum bewußt, daß er aß. Sie beschäftigten sich damit, die ätherischen Öle der saftreichen Schale in die Flamme zu spritzen; es knallte und zischte, beide lächelten. Agathon lächelte aber wie über etwas Fernes, in einem andern Leben Erlebtes, er lächelte Jeanettens Lächeln mit, vielleicht aus Furcht, daß sie aufhören könne zu lächeln. Plötzlich machte Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn; ihr Gesicht wurde beinahe steinern, ihr Blick verschlingend groß, unbarmherzig wild, und er sah ihre Zähne schimmern. Sie stand auf.

Die Kerze war erloschen. Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an seinem Halse die kalte, feuchte Berührung eines Mundes. All seine Sinne schmerzten, daß er glaubte, es müsse mit ihm zu Ende gehen, daß er die Nacht schier verwünschte. Was er dann empfand, war eine sich ausbreitende Angst, das Gefühl, als ob das Zimmer luftleer sei, und endlich eine verzweifelte, brennende Begierde.

„Was zitterst du so?“ fragte Jeanette leise. Dann knisterten wieder ihre Kleider; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein. Er lag mit offenen Augen, die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers, und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen. Sie küßte ihn; er dachte, daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen, denn er glaubte, zu ertrinken in einer heißen Gischt, sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz, der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte, dann kam ein bewußtloses Versinken, – aus einer großen Höhe, tiefer und tiefer; das anfänglich blendende Licht verlor sich, und plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen, voll von einem grenzenlosen, vorher nie erfaßten, noch geahnten Jammer.

Er wußte nicht mehr, wie er sich erhob, in die Kleider kam, wie er das Zimmer verließ, auf der Straße stand, die sich breit hindehnte in einem mühsam aufquellenden Morgennebel. Er sah einen Garten vor sich und sah das Thor offen; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens, der noch mit Stroh umwunden war; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich zu weinen. Nicht mühselig flossen seine Thränen, sondern reich.

Als er aufsah, war die Sonne emporgegangen aus glühenden Dünsten, aus der Umarmung riesenhafter Wolken. Ein Hahn krähte. Kräftige Frische war in der Luft. Die Nebel der vergangenen Nacht hatten den Karneval mitgenommen. Die Sonne des Aschermittwochs vergoldete manchen Garderobefetzen im Kehricht.

Jeanette lag noch da, wie er sie verlassen. Sie schlief. Ihr Gesicht hatte etwas so Eisiges und Totes, als ob das Leben nie wieder in die Züge zurückkehren sollte. Die geschlossenen Lider hatten eine Müdigkeit, die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war. Das über und über wirre und krause Haar zeugte von einer leidenschaftlichen Gutmütigkeit. Durch die Spalten der Gardinen fiel ein schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust.

Als sie zusammen frühstückten, blickte ihn Jeanette scharf an und sagte: „Nun, du siehst wohl, daß die Welt aus Schmutz besteht.“

Agathon schwieg.

„Du siehst, was ich bin,“ fuhr sie fort. „Und du kommst und verlangst, daß wir nicht mehr glauben sollen. Das ist ja ohnehin unsere Krankheit. Ja, ja, rede nicht, ich weiß schon, weil wir schwach sind, müssen wir stärker werden und so weiter. Aber jetzt ist deine Mauer gefallen, Agathon, und du hast nicht gedacht, was für eine schmutzige Sache sie verdeckt.“

„Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz, weil wir es so wollen? Weil du es willst?“ fragte Agathon. „Oder deswegen, weil Christus es gewollt hat? Weil wir uns der Genüsse schämen? Könnte es das nicht sein, Jeanette? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit? Und nur darin? Wozu Götter? Ein Gott ist schon Götzendienst. Warum sollte das Schmutz sein, was so erhaben sein kann? Du mußt nicht lachen.“

„Wirklich? Kann es das? Nein, so was! Kann es so erhaben sein? Köstlich. Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde.“

„Was hast du nur, Jeanette?“

Sie sprach mit starrem Blick vor sich hin: „Auch du, auch du, Agathon, mußtest fallen. Niemals hätte ich es geglaubt. Es ist mir ganz klar, wozu es dich treibt, klarer wie dir. Du willst die Sinnlichkeit wieder auf den Thron setzen, den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat. Das liegt in dir, spricht aus deinen Worten, strahlt aus deinen Augen. Ja, eher kannst du dein Hirn verbrennen, oder du mußt neue Menschen formen. Das ist alles unanständig, was du willst, verstehst du, unanständig; das ist das Wort, das dich erdrosselt. Wenn du es aus der Welt schaffst, dann glaube ich an dich. Ist es nicht unanständig, wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen? Ist es nicht unanständig, Kleider zu haben und an Liebe zu denken? Ach, nur die Kleider sind schuld, daß wir so krank lieben. Und dann bedenke, eine Religion, die nicht die Sinnlichkeit erstickt, schleudert die Könige vom Thron. Gott, ich bin so klug. Ich freue mich so, daß ich klug bin. Pfui, ich mag nicht mehr leben.“

Eine Zeitlang schwieg sie, dann stand sie so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihr auf den Teppich zurückfiel. „Nun sollst du alles wissen. Damit wenigstens ein Mensch weiß, was ich leide. Nicht mich ruft der König, sondern ich habe alles daran gesetzt, um zu ihm zu kommen. Keinen Schleichweg, keine Hinterlist habe ich gescheut. Er soll mein letztes Medikament sein. Vielleicht finde ich dort Heilung. Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land. Denn siehst du, ich langweile mich. Ich langweile mich, seit ich auf der Welt bin. Ich langweile mich bei Putz und Schmuck und beim schönsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde. Versteh mich recht, es ist mehr als die Langweile, aus der müßige Frauen Ehebruch begehen, Dummköpfe zu Verbrechern werden, aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht. Nein, ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt. Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht, ich habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht mit tanzen, ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen, – nein, ich habe mich gelangweilt. Ich habe mich in den Betten gewälzt, die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht; ich habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert, ich bin in die Berge gegangen und einsam geblieben; ich habe die berühmten Männer aufgesucht und fand sie so öde, daß mir war, als müßte ich sie in den Arm zwicken, damit sie wenigstens einmal schreien möchten, – alles war umsonst. Und was willst du, armer Agathon, hier! Geh fort, auch ich packe heut mein Bündel und fahre. Geh, aber sei vorsichtig, denn du bist ja ein gefährlicher Mensch.“ Sie ging zum Fenster, riß es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln die Luft ein. Als Agathon nicht ging, stampfte sie mit dem Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund.

Ein leises, aber bald anschwellendes, helles Gemurmel wurde hörbar. Eine lange Prozession von Kindern zog die Straße herab. Die zuerst Kommenden beteten, wodurch das silberhelle, monoton gleitende Murmeln entstand; die letzte Schar sang. Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit, eine solch dumme und gequälte Feierlichkeit, daß es zugleich lächerlich und schrecklich war. Den Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weißen Gewändern; zwei trugen ein ungeheures schwarzes Kreuz. Jeanette sah darauf, und ihr Blick war gänzlich fasziniert. Sie schauderte.

Agathon wich zurück vor ihr und ging. Ihm war, als ob er eine Tote verließe, deren Seele man da draußen schon zum Grabe geleitete.

Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Wagens, der den Sarg trug, – einen kleinen, schmalen Kindersarg, der nicht schwarz und nicht anders war, obwohl er vielleicht hatte schwarz sein sollen. Es war ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem Kranze darauf und sang im Chor. Agathon meinte, er müsse den Tod um die Zukunft fragen, da das Leben so schweigsam war.