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Die Juden von Zirndorf

Chapter 19: Sechzehntes Kapitel
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About This Book

The narrative traces the intertwined histories of a small Franconian town and its Jewish community, using a displaced Hebrew gravestone as a central emblem of uprootedness and misunderstanding. Vivid descriptions of landscape, festivals, floods, and the scars of war set a regional atmosphere that shapes everyday life. Portraits of townspeople reveal curiosity, fear, and superstition toward the unfamiliar, while Jewish households navigate exile, loss, and efforts to preserve ritual memory. The prose moves between local color and reflective passages that examine belonging, communal responsibility, and the endurance of tradition amid social change.

Sechzehntes Kapitel

Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt, die vornehme Bel-Etage eines vornehmen Hauses zu mieten. Seine stolze Mutter hatte es verschmäht, bei ihm zu wohnen, und sie hatte gelacht, als er ihr Geld anbieten wollte. Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit gegen seine Bekannten, die darin bestand, daß er seinen berühmten Namen, auf Visitenkarten gedruckt, häufig in ihre Briefkasten schob; er ließ das Haar ein wenig länger wachsen, den Bart ein wenig imposanter stutzen, kaufte einen Brillantring, der beim Schreiben ein schwüles Feuerwerk von Strahlen gab, ließ sich photographieren, und zwar in einem Smoking, in einer Kravatte von durchbrochenem Rips, den Cylinder in der Hand, mit fest nach vorwärts gerichtetem, gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund. Nach solchen Vorbereitungen beschloß er, seinen Kollegen in der Hauptstadt ein Rendez-vous zu geben und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den Kniffen, die er werde anwenden müssen, um gewissen Festlichkeiten zu entgehen. Seine Gewohnheit, einsam zu sein, lasse ihn diesen Schritt nur mit großer Überwindung thun.

Kisten und Koffer waren gepackt. Die Fenster standen offen, und ein würziger Strom Vorfrühlingsluft floß herein. Gudstikker war beschäftigt, seine Reiselektüre zu sichten, als sich die Thüre öffnete und Monika Olifat hereinkam. Sie öffnete die Thüre nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt. Sie hatte mit einem großen Shawl den Kopf verhüllt. Gudstikker war so überrascht, daß er die brennende Cigarre fallen ließ. Doch dies dauerte nur einen Augenblick; dann war er völlig gefaßt, ja, er schien sich sogar zu freuen. Er ging hin und bot ihr die Hand.

Monika sah nicht, daß er ihr die Hand gab. Sie setzte sich oder sie sank vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer, ließ den Blick unsicher umherschweifen und murmelte: „Du gehst fort, Stefan?“

„Aber natürlich, Närrchen, ich muß doch,“ erwiderte Gudstikker. „Begreifst du denn nicht, daß ich muß? Am fünften führt man mein Stück auf und heute, – na ja, noch drei Tage. Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl da setzen?“

„Also du gehst fort,“ wiederholte Monika mechanisch. „Du gehst fort.“ Und sie wollte die Hand an die Stirn heben, ließ sie aber im Schoß ruhen. Beide Hände lagen da, schwer, aneinandergepreßt.

Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor. Dann nahm er ihre Hand und sagte: „Liebes Kind, die Pflicht ruft. Da ist nichts auszurichten. Wer aber sagt denn, daß ich nicht wieder komme, nicht wieder zu dir komme? Wer kann es wagen, dies zu behaupten? Sieh doch selbst; angenommen, wir könnten uns nicht wieder treffen, selbst diesen Fall angenommen sage ich, bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig, dir und mir? Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft, sagt irgendwo ein großer Dichter. Du wirst das verstehen, denn du bist ja so klug wie wenig Weiber. Ist es denn ein so großes Unglück, einmal an dem vollen Becher des Lebens getrunken zu haben? Die Hauptsache ist, daß man satt ist, verstehst du. Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit. Es ist außerordentlich interessant, sie werden Gift und Galle spritzen, die Herren Kritiker, aber das macht Spaß. Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt; sie meint sogar, daß es eine ganz philosophische Färbung hat. Sie hat ihr eigenes Urteil in derlei Sachen, weißt du. Mein Gott, was hat sie aber auch durchgemacht! Da ist es leicht, Philosophie zu haben. Nach dem Tod meines Vaters ist es ihr verdammt schlecht gegangen. So schlecht, daß sie ihr Brautkleid, eigentlich das Theuerste, was sie besitzt, ins Pfandhaus tragen mußte. Und bis heute hat sie es nicht wieder einlösen können. Man kann getrost sagen, daß es ihre Lebensaufgabe geworden ist, ihr Brautkleid wieder einzulösen. Trotz alledem hat sie sich nie von ihrem Hund trennen wollen. Ein prickelnder Stoff, was? Da kann sich ein Balzac die Zähne ausbeißen. In letzter Zeit kränkelte sie übrigens. Du könntest einmal hingehen. Aber rege sie nicht auf. Nur keine Scenen, mein liebes Kind, nur keine Scenen, und vor allem keine Dummheiten. Noch etwas, – daß du mir eine ordentliche Hebamme nimmst, und wenn möglich einen geschickten Arzt dazu. Deine Mutter hat ja keinen Dunst von solchen Sachen, ta chère maman hehe. Ich muß sagen, ich freue mich außerordentlich. Es ist eigentlich ein erhebendes Gefühl. Wie? Was sagst du?“

Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel, in eine lange Linie rosenroter Wölkchen. „Nun ja,“ sagte sie gepreßt. Das war alles. Ihre beiden einst so frohen, einst so frischen Augen glänzten verräterisch, und als sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte, perlte Thräne auf Thräne herab, ohne daß sie es zu hindern vermochte. Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler und hielt ihre Stirn mit beiden Händen.

Es zeigt sich, daß zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern, daß dies nur eine winzige Phase ist im Prozeß der Umwandlungen. Es scheint, als ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen. Es ist dann gleichgültig, ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan Gudstikker heißt.

Gudstikker stand am Fenster, pfiff eine Arie und betrachtete ebenfalls die rosige Wolkenkette. Und in den Pausen seiner Kunstausübung murmelte er: „Jaja, die Weiber, die Weiber.“ Dann dachte er daran, sich von seiner Mutter zu verabschieden und er machte sich auf den Weg.

Als er in die Stadt ging (seine Wohnung lag am Engelhardtspark in der Nähe derjenigen Nieberdings), dunkelte es schon. Gudstikker fand sich unvermittelt aus seiner siegesgewissen Stimmung gehoben. Er ging am Redaktionshaus des „Tagblatts“ vorbei, als ein schriller Lärm ihn aufmerksam machte. Seine zu jeder Zeit wache und geschäftige Neugier hieß ihn stillstehn und lauschen. Er vernahm ein immer zunehmendes Keifen, Brüllen, Schimpfen und Fluchen. Dazwischen wurde eine klagende oder mahnende Stimme laut, und endlich wurde eine Thüre mit aller Wucht zugeworfen; dann war es still. Gudstikker wollte seinen Weg fortsetzen, als unter dem Thor des Hauses die Gestalt eines Greises erschien. Gudstikker erkannte Baldewin Estrich und lachte. Eigentlich war es ihm kaum klar, weshalb er lachte, denn der Alte bot bei den zahlreichen, halbgeheilten Narben an Gesicht, Hals und Händen einen ziemlich jämmerlichen Anblick; aber das hielt ihn nicht ab. Er raisonnierte dabei: Gold machen allein wäre ja nicht so schlimm, das thun wir ja alle auf unsere Art; aber Baldewin heißen außerdem –!

Indessen kam Estrich auf ihn zu und erkannte ihn, obwohl er ihn erst einmal in Zirndorf gesehen hatte, obwohl es dunkel war und obwohl er erregt schien von dem Streit.

„Was haben Sie denn dort drin gemacht?“ fragte Gudstikker lustig, jedoch, wie ihm schien, sehr menschenfreundlich. Er gedachte, sich auf eine Seelen-Analyse dieses „Originals“ vorzubereiten.

Der Alte blieb stehen und sah unsicher umher. „Wo kann man trinken?“ murmelte er. „Ich habe Durst!“

Gudstikker führte ihn in eine nahe Kneipe, wo als einziger Gast ein jüdischer Hausierer saß, mit seiner Tagesbilanz beschäftigt, ein Glas Zuckerwasser vor sich.

Baldewin Estrich bestellte Schnaps. Gudstikker, der sich immer noch als der Mann über einer komischen Situation fühlte, lächelte die Tischplatte und demnächst seine etwas besser gepflegten Fingernägel wohlgefällig an.

In der Schenke qualmte nur eine einzige Lampe. Die Fenster waren geschlossen und schienen auch seit Jahrzehnten geschlossen zu sein, der Atmosphäre nach zu schließen. Draußen war es noch nicht finster; die Tiefe des Himmels war noch gelb. Estrich schaute in sein Glas und sagte: „Junger Mann, ich habe abgerechnet. Ich bin leergepumpt, hohl, ein hohles Faß. Ich habe gelebt, jawohl; aber für was? Für einen Fußtritt, da haben Sie’s. Jetzt bin ich an der Reihe, Fußtritte zu geben. Also aufgepaßt, da sind Zündhölzer: zwanzigtausend Gulden, achtzigtausend Mark, sechsunddreißigtausend Mark, fünftausend Mark und daneben ein kleines Loch und daneben ein kleiner Mann und daneben ein kleines Schnapsglas ... hihihihi! Jetzt kommen meine Fußtritte. Meine Katze erbt mein Haus, punktum. Meine Katze erbt mein Gold. So. Und wenn ich auch noch keinen Notar und keine Zeitung für mich hab’, ich setz’ es durch. Kein Mensch soll über meine Schwelle, so lang sie noch Schwelle, so lang mein Haus Haus bleibt. Jetzt kommen meine Fußtritte, ihr satansträchtige Brut, ihr Wanzenfutter, ihr Christen und Juden. He du! He! He Jud!“

Der Hausierer hob den Kopf. Als er das funkelnde Metall in Estrichs Hand gewahrte, kam er näher. Vor dem Tisch schnappte er jäh zusammen wie ein Messer, und seine Augen schienen herauszufallen. „Gott der Gerechte, was ham Se da in der Hand? Werd’s doch user nit sein Gold? Is es? Is es wahrhaftik? Odder welln Se machn zon Schoode en arme Jüd? Es is, schemaa Jisroel, es is! Gott was e scheener Glanz! Gott was e scheenes Gold! Chutzpeponim, was haste zum Narrn en arme Meschofesjüd! Gott, was e scheenes, was e faines Gold!“

Gudstikker hatte nicht mehr Lust zu lachen. Im Gegenteil. Furcht und Scham malten sich auf seinem Gesicht. Vielleicht seit seiner Kindheit zum erstenmal vergaß er seine Rolle als Redner. Vielleicht zum erstenmal wurde er erschüttert durch ein Bild der großartigen und bejammernswerten Lebensschlacht. Der Hausierer stand da mit ein wenig vorgestreckten Händen, und eine verschlingende Habgier brannte in seinem Gesicht, grub neue Furchen und Runzeln hinein; seine Glieder bebten, sein Kopf schaukelte mechanisch mit einer leisen Bewegung hin und her, seine Finger krallten sich allmählich einwärts und seine feuchten Lippen lallten. Baldewin Estrich schien sich nicht sättigen zu können an diesem Anblick. Er streichelte das Metall, und halb scherzend, halb schmeichelnd trällerte er eine Cadenz. Dann erhob er sich. Sein Gesicht nahm einen überaus düstern und feindseligen Ausdruck an. Er spie aus, schleuderte sein Glas gegen die Dielen, daß es zerschmetterte, warf Geld auf den Tisch und verließ mit kräftigem Schritt und erhobenem Kopf den Raum, wobei seine langen Haare flatterten.

Während Gudstikker die Stufen hinunterschritt, die von der Kneipe auf die Straße führten, stieß er so heftig mit einem Menschen zusammen, daß ihm der Hut vom Kopf in die Gosse flog. Als er sich umsah, empört und bereit zu schimpfen, war es Nieberding, den er in der letzten Zeit näher kennen gelernt hatte. Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend, sondern auf seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen. Auf seinem Gesicht lag jener leise Ekel, in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede Mißstimmung verwandelt, und ohne sich zu entschuldigen, man hätte glauben können, ohne den Stoß gefühlt zu haben, eilte er seinem Hause zu.

Er war in fieberhafter Ungeduld, das was er gehört, der Schwester mitzuteilen. Er klopfte an ihre Thüre, doch sie antwortete nicht. Er drückte auf die Klinke, doch sie war versperrt. Er pochte stärker und rief ihren Namen, umsonst. Er ging wieder in den Salon zurück und schritt unruhig umher. Seine matten Augen lagen viel tiefer als sonst; der suchende, krankhafte Glanz in ihnen teilte sich bei längerer Betrachtung dem ganzen Gesicht mit. Seine Hände schienen ein eigenes Leben für sich zu führen, schienen stets mit einander im Kampf zu liegen, sich gegenseitig aufzureiben, worauf sie dann wieder lange Zeit bewegungslos und müde herabhingen. Sie schienen begierig danach, sich im Gebet zu falten, begierig nach einem Leiden.

Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette, die sich in einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte. Überall im Volk gärte eine gewisse Erregung über das Schicksal des Königs, eine Unruhe, die täglich zunahm, ein wachsender Haß gegen die Minister, gegen den Hof, gegen die Familie des Fürsten, eine nahezu thatbereite Neugier. Leute, die den König einmal gesehen, hatten ihn nie wieder vergessen. Der Eindruck seiner Person war so tief, daß, wer ihn sah, selbst ein Stück Vornehmheit und Adel in seiner Seele davontrug. Er stand so außerhalb alles Gewöhnlichen, Menschlich-Alltäglichen, daß der Nimbus, der seine Handlungen umgab, fortwährend blendender und hinreißender wurde.

Als Cornely noch nicht kam, rief Nieberding die beiden Dienstboten. Sie wußten nichts bestimmtes. Da pochte Nieberding, von einer schmerzlichen Ahnung erfaßt, noch einmal so heftig er konnte an die Thüre. Dann lauschte er und glaubte nichts zu vernehmen als einen Seufzer, der wie durch viele Tücher gedämpft herausklang. Nun erbrach er mit Hilfe des Dieners die Thüre.

Es bot sich ihm dieser Anblick: Seine Schwester lag mit nacktem Oberkörper vor einem großen Christusbild, das sie sich heimlich verschafft haben mußte, denn Nieberding hatte nichts von seinem Vorhandensein gewußt. Ihr unglücklicher Körper war mit Striemen bedeckt. Ihr Gesicht war entstellt, die Lippen zu einer schmalen Linie verzogen, die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern. Nieberding schob den Diener ungestüm hinaus und kniete nieder zu ihr; hob sie auf und legte sie aufs Bett. Statt sie wiederzubeleben, starrte er sie an, während sein Herz langsamer schlug.

„Cornely,“ flüsterte er an ihrem Ohr.

Sie schlug die Augen auf. Dann zog sie bebend die Decke bis an den Hals hinauf.

„Was hast du gethan, Cornely?“ sagte Nieberding, in dessen Gesicht eine zunehmende Furcht sichtbar war.

Cornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders. „Geh nie mehr fort,“ stammelte sie. „Ich kann nicht mehr schweigen. Ich habe dich geliebt, liebe dich Edward, es ist entsetzlich. Drücke meine Hand nicht so. Dafür büße ich vor Jesus Christus, denn schon lange bin ich keine Jüdin mehr. Ich denke genau so wie du.“

„Schwester!“ rief Nieberding und wich zurück.

„Versteh’ mich recht,“ fuhr Cornely fort, allmählich in einen fieberhaften Ton verfallend, „nicht als Bruder habe ich dich geliebt. Nein, so, daß ich keinen Schlaf, keine Ruh’ mehr hatte von der Stund’ an.“

Die Furcht in Nieberdings Gesicht nahm beständig zu. Einmal blickte er um sich, als erhoffe er durch irgend einen Zwischenfall Befreiung von dem Gequälten der Situation. Wirklich erschien gleich darauf die Gestalt Bojesens vor der Schwelle und hinter ihm eine Sekunde lang das neugierig grinsende Gesicht des Dieners.

Bojesen war erstaunt; doch es schien, als ob er sich nur mit Mühe in dies Erstaunen finden könne, gegenüber einem Gegenstand, der ihn bis jetzt gänzlich in Anspruch genommen hatte. Seine Kleidung wies solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung auf, daß, wer ihn früher gekannt, nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als das. Obwohl Nieberding erleichtert aufatmete, als er den Eindringling gewahrte, wandte er sich ihm doch mit einem ungeduldigen und unwilligen Stirnrunzeln zu.

„Sie wissen nicht, wo Agathon Geyer ist?“ begann Bojesen ohne weitere Einleitung als einen flüchtigen, mürrischen Gruß.

Nieberding antwortete verwundert, er kenne Agathon Geyer gar nicht. Er wurde immer mehr verwundert durch Bojesens nervöses, förmlich zuckendes Wesen. Er fuhr sich zahllose Male mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich hinein.

„Ich habe ja gar nicht gefragt, ob sie ihn kennen,“ sagte Bojesen und blickte sich mit leeren Augen im Korridor um, wohin ihn Nieberding geführt hatte.

„Aber was giebt es denn? Was haben Sie?“

„Entschuldigen Sie, daß ich komme,“ murmelte Bojesen. „Entschuldigen Sie nur. Natürlich können Sie nichts wissen. Aber seit heute morgen renne ich bei allen möglichen Leuten herum, hier und in Nürnberg. Deswegen komme ich auch zu Ihnen. Kennen Sie die Schrift?“ Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche gezogen, dessen Adresse er Nieberding hinhielt.

Nieberding erbleichte. „Es ist Jeanettens Hand.“

„Jeanettens Hand, sehr richtig,“ erwiderte Bojesen mit einem hämischen Zucken der Mundwinkel. „Jeanettens Hand, die in meinem Haushalt alles Geschirr auf die Dielen wirft, sehr richtig. Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand. Aber das braucht Sie ja gar nicht zu interessieren. Es ist nur ein Fingerzeig für meinen Biographen. Er kann dann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben: ‚Jeanettens Hand‘.“

Nieberding, der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen war, sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber. Auch ihn hatte der Gedanke an Jeanette erregt, doch Bojesen erschien ihm so überlegen an Leidenschaft, daß er Angst hatte, ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen. „Und was will sie? Weshalb schreibt sie an diesen Agathon?“ wagte er endlich zu forschen.

„Ach fragen Sie nicht so frisiert. Sie schreibt an ihn. Punktum. Ich wußte es stets. Sie hat auch mir geschrieben. Sie bittet mich bei allem, was mir heilig sei, als ob’s dergleichen noch gäbe, ja, also ich solle Agathon suchen und ihm den Brief geben. Sie wisse niemand, an den sie sonst schreiben könne. Ich solle keinen Schritt scheuen, ihn zu finden. Nun, da dieser Agathon auch von der Polizei gesucht wird, ist die Sache schwierig. Sie wissen ja, was man sich von dem merkwürdigen Menschen erzählt. Der Brief, den sie mir schreibt, ist auf seltsames Papier gekritzelt. Schwarz mit grüner Tinte. Der Poststempel ist von irgend einem Dorf da im Hochgebirg. Gehen Sie mit mir nach Zirndorf. Das wollt’ ich Sie bitten. Ich kann nicht allein. Es sind so öde Strecken. Oder wir wollen einen Wagen nehmen. Bezahlen müssen Sie.“

Wie gebannt starrte Nieberding in das leidenschaftlich erregte Gesicht des Lehrers, auf dem die trübe Korridor-Ampel ein unruhiges Schattenspiel veranstaltete. Fast willenlos nahm er den Hut vom Kleiderstock und ging, sich von der Schwester zu verabschieden. Er fand sie am Fenster stehend. Befangen und schuldbewußt reichte er ihr die Hand; er komme bald wieder.

Sie schien zuerst nicht verstehen zu können. Dann nickte sie. Ihr Blick wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft. Als Nieberding die aufgebrochene Thür von draußen angelehnt hatte (er that dies mit einem gewissen Eifer, als könne er dadurch die Schwester für sich günstig stimmen), nahm Cornely einen Shawl, hüllte den Kopf damit ein, strich die wirrgewordenen Haare flüchtig zurück, schlug mit einer krampfhaften Gebärde die Hände zusammen, dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der abschüssigen Wasseranlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt nicht. Sie ging immer langsamer, oft mit geschlossenen Lidern, mit einem Ausdruck im Gesicht, der ein Gemisch von müder Erwartung und furchtsamem Horchen war. So glich sie einer fast verwelkten Pflanze.

Sie hatte geglaubt, als sie von Hause ging, sie suche den Tod; aber jetzt bemerkte sie, daß es nicht der Tod war, den sie suchte. Das wurde ihr so jähe klar, daß sie fröstelnd stillstand und überlegte. In der einen Straße befand sich ein Lastwagen, und auf ihm waren, trotz der Abendstunde, noch Leute damit beschäftigt, dicke massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen. Es gab ein hallendes Getöse, ein schrilles wuchtiges Klingen, das dem Geschrei einer fernen Volksmenge glich; in einer andern Straße spielten Kinder, so als ob die Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde; in einer andern Straße rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen. Das war gewöhnlich, aber für Cornely war es Leben. Sie kannte solches Leben nicht; jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen, die über die Straße liefen; sie sah es tropfen von den Balkonen, wo man die Zimmerpalmen begoß; es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune, es bellte als Hund, es läutete als Abendgeläut.

Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen. Sie dachte an Jeanette, an das Pfänderspiel von einst und bekam plötzlich Sehnsucht, Jeanette zu sehen. Sie vergaß, daß Jahre hingegangen waren seit der Stunde jenes Pfänderspiels und es kam ihr vor, als könne sie Jeanette treffen wie damals, wenn sie nur das Haus des Barons betrete. Als sie aber wirklich vor dem Gebäude stand, schämte sie sich und kehrte seufzend um.

Sie kehrte um, nach Hause, setzte sich an den Rand ihres Bettes nieder und dachte nach. Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem geworden, was sie eben war. Es schien ihr, als ruhte die Lügenlast von Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder, ersticke jede Freiheit, jeden Willen zur Freiheit. Unter all diesen Gedanken war auch einer, der sie zittern ließ. Zittern vor dem Reichtum, vor der Fülle, die sie jetzt umgaben. Ihr Vater war Sklavenhändler in Amerika gewesen. Dies war genug für sie, daß sie die Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah, daß die Luft um sie herum erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens. Unwillkürlich erhob sie sich, als fürchte sie, die Berührung mit dem Holz des Bettes könne sie beschmutzen und ihre Bedrücktheit stieg bis zu einem kaum erträglichen Grad. Von einem Abgrund zum andern getrieben, haltlos, voll mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde, glaubte sie, das Herz springe ihr unter dem wachsenden Druck entzwei. Fast mechanisch, wie ein Fallender nach einem Halt greift, nahm sie Bleistift und Papier und schrieb, ohne auszusetzen, fast ohne sich zu besinnen, mit glühenden Augen und in völliger Selbstvergessenheit:

Sag’ mir an, du trübes Gespenst,

Was du Wissen und Leiden nennst?

Sag’ mir, du ruhige Finsternis,

Warum Gott seinen Sohn verließ?

Sprich, du Himmel ohne Gnaden,

Weshalb hat mich der Freund verraten?

O sprich, du lange Einsamkeit,

Was ist Tod und was ist Zeit?

Da begann das trübe Gespenst:

Was du Wissen und Leiden nennst,

Das ist kraft eines deutlichen Traumes;

Das ist Spiel jenes bunten Saumes,

Saum vom Kleide der Ewigkeit,

Kraft eines langerloschenen Lichts,

Dies ist Wissen, dies ist Leid

Und sonst nichts.

Sprach die ruhige Finsternis:

Warum Gott seinen Sohn verließ,

Das ist kraft seiner Lust zur Freude;

Das ist Kampfspiel, das stets erneute

Hangen und Bangen am Lebensbaum.

Gott wünschte einen Sohn des Lichts;

Seine Vaterliebe, sie ist nur ein Traum

Und sonst nichts.

Sprach der Himmel ohne Gnaden:

Mit Recht hat dich der Freund verraten.

Freundschaft ist zärtliches Betrügen,

Kopfnicken und Rückenbiegen.

Umklammert deine Faust das Schwert,

Freue dich des Verrätergerichts;

Entbehren ist, was dich der Freund gelehrt,

Und sonst nichts.

Sprach die lange Einsamkeit:

Frage nicht, was Tod und Zeit.

Tod bist du und Zeit bist du,

Rast und Flucht und Kampf und Ruh.

Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten

Wirst du am Tage des großen Verzichts

Hin vor meine Füße gleiten,

Und sonst nichts.

Als Cornely dies geschrieben, schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins Lampenlicht. Dann erhob sie sich, packte das schwere Kreuz an der Wand und trug es mit ihren schwachen Armen hinaus in den Korridor. Hierauf suchte sie die Thüre zu schließen, da aber das Schloß nicht fungierte, verrammelte sie sie mit einem Stuhl und einem Tischchen und begann sich mit einer träumerischen Ruhe zu entkleiden. Die Ruhe, die sie erfüllte, war so frauenhaft und ausgeglichen, daß sie sich ganz neubelebt fühlte. Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den Spiegel, um sich mit dem gleichen verträumten, etwas staunenden und verlornen Blick zu betrachten. Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit hatte sie wünschen lassen, nackt zu sein. Doch sah sie nicht den eigenen Körper, sondern freundliche Gestalten umschwebten sie, deren Nähe ihr beglückend dünkte.

Bald darauf ging sie zu Bett.