Bevor noch der Morgen graute, stand Agathon auf dem öden Bahnhof und erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz. Um ein Viertel nach acht Uhr saß er in einem Coupé, sah sich durch die Ebenen Frankens rasen, über denen ein lichter und milder Nebel lag, sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden, tauchte den Blick in die flüchtige Nacht raschverfliegender Wälder, suchte das Bild von Dörfern festzuhalten, die sich ängstlich an sanftansteigende Höhen klammerten, von Städten, die erst aufzuwachen schienen, und er glaubte, dies alles sei vorher gar nicht dagewesen, sondern sei um dieses Tages willen eigens für ihn gemacht. Dann kamen die Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dicht zusammenliegender Marktflecken, mit alten Steinbrüchen, tiefen Thälern, kahlen Hügelketten, vergoldet von der Morgensonne, die sich gleichsam schlaftrunken aus umlagernden Wolken löste, dann ein Strom, breit und grün, dann wieder eine weite, endlose, dürre Ebene, über der es zu regnen anfing, alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in einem Scheindasein.
In der Residenz angelangt, suchte er sogleich die Straße, die ihm Jeanette angegeben. Betäubt von Lärm und Getöse, aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her, gelangte er endlich vor das Haus. Eine sehr alte Frau öffnete ihm. Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches, etwas dumpfes und schwüles Zimmer. Sie wisse schon, sagte sie in karger, mißtrauischer Weise; er möge warten.
So wartete er. Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin. Er konnte kaum begreifen, wie er hierhergelangt war. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, seine Haltung zeugte von einem mühselig sich verkriechenden Schmerz. So war alles um ihn her eine mehr oder minder leblose Täuschung.
Plötzlich ging die Thür auf. Herein trat Jeanette. Sie warf einen Shawl, den sie über den Schultern gehabt, achtlos in eine Ecke. Sie schien gänzlich außer Atem, ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem Feuer erfüllt. Sie hatte Agathon kaum begrüßt, als sie auf den nächsten Sitz sank, die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte.
„Warum bist du nicht früher gekommen, Agathon?“ murmelte sie nach einer Weile. „Ich habe dich erwartet. Doch, es war vielleicht besser. Gestern hättest du mich doch nicht hier in der Stadtwohnung getroffen.“
Agathon stand auf und trat zu ihr. Als er sie berührte, sah sie zu ihm empor. Seine Berührung schien sie zu trösten, auch das Beruhigende, Klärende, Wärmende seines Blicks. Sie drückte ihm die Hand, und Agathon dachte, daß sie sehr verändert sei. „Ich glaubte, ich hätte den Verstand verloren,“ sagte sie und strich sich über die Stirn. „Setz dich zu mir, Agathon, ich will dir erzählen. Wie köstlich, wie gut ist es, daß du da bist und ich zu dir reden kann!“
Und sie erzählte.
Sie war, wie schon vorher verabredet, auf eines der königlichen Schlösser gebracht worden, in dem sich der König gerade aufhielt. Es war ein unerhörter Glanz, der sie mitten im Hochwald empfing, aber ihre Erregung hatte den Blick dafür gänzlich verschleiert. Sie mußte ihre Kleider entfernen und in einem seltsamen Phantasiegewand vor dem König erscheinen. Sie hatte den Eindruck, als verfolge man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen, der doch seit Jahren sich von allen Frauen ferngehalten. Er verachtete und geringschätzte die Frauen und war hart und brutal gegen sie. Sie sah also den König. Jene ganze Leidenschaft, deren Gefäß sie von da ab war, erfüllte sie sogleich bei jenem ersten Anblick. Er war von ziemlich fetter, aber zugleich riesenhafter Gestalt. Seine Schultern waren so breit und mächtig, daß sie für jeden, über den sie sich beugten etwas Zermalmendes hatten. Sein Gesicht war außergewöhnlich bleich, sein Haar glanzlos, tiefschwarz und es stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen. Doch alles das wurde in Wahrheit belanglos durch die Augen. Tiefblau wie die Gebirgsseen, waren sie von einem hinreißenden Ausdruck, von einem lodernden Feuer erfüllt. Es schien, daß ihnen keine Qual erspart geblieben, daß sie keine Schönheit unwiderstrahlt gelassen. Niemand konnte ertragen, furchtlos in sie zu schauen. Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers. In seinem Wesen war wenig von Majestät. Ruhelosigkeit, die Angst des Verfolgten, machtloser Zorn, tiefe Bitterkeit beherrschten ihn.
„Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein,“ fuhr Jeanette fort. „Das ganze Schloß, die Dienerschaft, die Offiziere, alles war in Bewegung, in Hast, in Erwartung. In der Nacht fuhr der König in einer mit sechs Pferden bespannten Karosse in die Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg. Er verschmäht es, die Bahn zu benutzen. Es ist alles von einer bestrickenden Pracht, was er unternimmt. Am Morgen, ich hatte nicht schlafen können, sondern war am Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert, am Morgen kam er wieder und die Unruhe, die ich an ihm bemerkt, hatte sich verzehnfacht. Ich beobachtete ihn, wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte, als er den Wagen verließ. Einen Augenblick lang kam es mir vor, als wolle er zusammenbrechen unter einer Last. Die Diener gingen hin und her, ich glaube, sie wußten nicht warum. Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant, der sein Freund und Vertrauter war, zu ihm, und ließ mich mit ihm allein.“
Jeanette schwieg lange. Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder. „Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen, Agathon, und wenn ich so alt würde, wie die Erde selbst. Als ich hineintrat in den Saal, der von Licht und Gold strahlte, wußte ich, daß meine Seele diesem Mann unwiderruflich angehöre, und ich küßte in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals, das mich zu ihm geführt. Wundere dich nicht über meine Worte, Agathon, aber sie sind mir im Augenblick die natürlichsten Worte von der Welt. Ich wußte, daß ich für ihn sterben könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück, seine Magd zu sein. „„Wer hat dich hereingelassen?““ fragte er mich. Ich fand keine Antwort. Meine Zunge gehorchte mir nicht. Indem ich ihn anschaute, zitterte ich am ganzen Körper. „„Du bist Tänzerin?““ – ‚Ja, Majestät.‘ – „„Dann tanze.““ Er stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf, und eine Musik ertönte, ebenso zauberhaft wie die Art, durch die sie hervorgebracht war. Es war, wie wenn ein ganzer Wald mit allen seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt. Du lachst vielleicht darüber, aber ich habe dergleichen noch nicht gehört. Ich tanzte also. Anfangs kam es mir vor, als ob ich mein Bewußtsein verloren hätte und ganz leblos hinschwebte, aber dann ging eine außerordentliche Verwandlung mit mir vor. Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr die Luft, und obwohl es eine Musik war, nach der vielleicht niemand in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte, fühlte ich doch, daß alles was Nerv und Bewegung heißt, gerade in ihr lag. Der König schien überrascht. Das Höhnische, Verächtliche, Finstere verschwand von seinem Gesicht; zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich verloren in die weite Ferne. Als die Musik schwieg, stand er auf und reichte mir die Hand, die ich küßte. „„Wer bist du?““ fragte er. ‚Alles was Majestät aus mir machen will,‘ erwiderte ich. Er zuckte zusammen. „„Majestät, Majestät,““ murmelte er. „„Bald nicht mehr Majestät. Bald nur noch Hund vor dem Thor, bettelnder Hund. Majestät! Jedes Glied einzeln gebunden, jeden Finger verschnürt, jedes Wort beschmutzt, jede That bekläfft, das nennst du Majestät. Anfangs hab’ ich dem Volk vertraut. Aber jetzt weiß ich etwas anderes; die Seele des Volkes ist so tief, daß man sie auf den Knieen suchen muß. Ich habe mir den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes. Alle diese Hände, die du um dich siehst, haben die Zeit wohl benutzt, mich zu verunreinigen. Um Land und Volk und um den Freund bin ich betrogen worden und dazu muß ich schweigen. Und dazu darf ich nicht einmal Frieden haben in der Einsamkeit. Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich ahnungslos Majestät. Was ist Majestät heute, daß sie sich beugen muß vor einem Krämer, der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt? Eine schöne Majestät, die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen. Wäre ich doch jung gestorben, damals als ich noch glaubte, König zu sein, ein Volk zu besitzen. Wäre ich doch gestorben! Geh’ fort, Weib, verlasse mich.““ Das waren seine Worte, Agathon. Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham. Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so heftig wie unter anstürmendem Wind. Ich konnte nicht mehr hören, nicht mehr sehen, ich folgte seinem Wink und eilte hinaus.
„Ich sah im Saal, der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum benutzt wurde, sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern, auch einige Offiziere. Sie betrachteten mich voll Staunen. Es war die Deputation des Adels, die Abgesandten vom Hof. Sie wollten den König ‚zur Vernunft‘ bringen, Agathon. Bald darauf geschah etwas Schreckliches. Der Adjutant erhielt den Befehl, niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügelthür. Er verweigerte der Deputation den Eintritt. Mitten in dem heftigen und lauten Hin- und Herreden erschien der König unter der Thüre. Er hatte die Schloßwache und alle Diener herbeigerufen. Ein Diener sagte mir, daß der Ausdruck seines Gesichts so schrecklich gewesen sei, daß niemand mehr zu atmen, geschweige denn zu sprechen gewagt habe. Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten, die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen. „„Noch bin ich der König!““ rief er aus und erhob die Hand. Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt. Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht, zu gehorchen. Der König war seiner nicht mehr mächtig. Er lief auf und ab wie ein wildes Tier, erhitzt und schnaufend, ballte die Fäuste, rollte die Augen, bis es seinem Adjutanten gelang, ihn in eines der Seitengemächer zu führen. Aber der König ließ die drei Saalthüren versperren und ließ vor jeder Thüre zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren. Die Deputierten schwebten in Todesangst.
„Nun verfloß der ganze Nachmittag, ohne daß irgend etwas sich ereignete. Man sagte mir, der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett. Das war vorgestern. Gestern nun kam eine berittene militärische Abteilung mit einem Oberst, der in Paradeuniform war. Er hatte ein Dekret, das ihm Zugang zum König verschaffen mußte. Ein Arzt begleitete ihn. Die Abgesandten wurden befreit. Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen, und in Begleitung der Berittenen wurde er fortgebracht. Sie haben ihn als gefangen erklärt. Alle Diener weinten. So ist es zugegangen, Agathon, das ist heilige Wahrheit. Das Volk in der ganzen Stadt ist erregt, hast du es nicht bemerkt? Noch ärger ist es bei den Bauern draußen. Ich bin nicht mehr, was ich gewesen bin, ich habe mich verloren. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was ich thun soll, mein Hirn ist wie zerfressen. Denke dir, dieser hohe Mann ist oft bei einer einfachen Bäuerin da draußen gewesen und hat gefragt, was er thun solle. Ich habe einen furchtbaren Schmerz in mir, daß dieser Mann verbluten muß. Er war für die Freude geboren.“
Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer. Auf einmal trat er einen Schritt zurück, streckte die Hände aus und lispelte verstört. So stand er und seine Gestalt schwankte. Er sah den König vor sich stehen und erkannte ihn, obwohl er ihn noch nie gesehen, außer auf schlechten Bildern. Agathon wollte reden, doch er kam nicht dazu. Jeanette stürzte auf ihn zu, packte seine Hände, erhaschte seinen Blick und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles. „Er ist tot“, schrie sie entsetzt auf und fiel bewußtlos zu Boden.
Agathon faßte sich, seufzte tief auf, rief die Aufwärterin und ging, als er sah, daß keine Gefahr vorhanden war. In der That gewahrte er jetzt die nervöse Unruhe, von der die Bevölkerung ergriffen war. Überall standen Gruppen und flüsterten und beratschlagten. Die Gendarmerie war verstärkt worden. Vor den Zeitungsredaktionen standen Hunderte spähend und wartend und achteten nicht den Regen, der sie durchnäßte. Viele Tausende von Menschen standen dichtgedrängt vor der Residenz und keiner von ihnen wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz. Dabei wußten alle, daß der König gar nicht in der Stadt war, sondern in einem kleinen Lustschloß an einem nahgelegenen See. Die Behörde hatte bekannt gemacht, der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen, da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt habe. Aber das Volk glaubte es nicht. Agathon erfuhr bald alles, und ein wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm. Er ließ sich von Arbeitern den Weg erklären, der zu jenem See hinausführte und machte sich ohne Zögern, obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich genommen hatte, auf die Wanderung. Er dachte nicht daran, die Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel. Er hatte das Gefühl, als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen, als jede Dampfmaschine es vermocht hätte. Außerhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern nach der Wegrichtung und erschrak nicht vor der Nachricht, daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien, obgleich die Nacht schon angebrochen war. In diesen Stunden fühlte Agathon eine göttliche Macht in sich; das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu Bewußtsein, er wurde nicht müde. Die Kraft und Einsicht der Besten im Lande war zusammengeflossen in ihm, und es giebt keinen Vergleich für die Glut seiner Sehnsucht in dieser Stunde. An der Grenze alles Denkens und aller Überlegung angelangt, beherrschten ihn nur noch Gefühle, dumpfe, doch gewaltige Regungen. Sein eigner Ruf: ‚Laßt sie verbrennen, die Kirche‘ lag wie ein Erlösungswort in seinem Ohr, klang in seiner Seele wider. Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden, alle, die sich ihm nahten, von einem Trieb entflammen zu lassen.
Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien. Nirgends war ein Licht. Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich. Der Regen plätscherte unaufhörlich herab. Schweigend lagen Felder und Wälder, und kaum vermochten sich die Höhenzüge gegen den Himmel abzuheben. Oft gelangte Agathon an einen Kreuzweg, aber kühn und unbesorgt schritt er weiter. Er wußte, daß er nicht fehlgehen würde. Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark, wo oft ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde, aber nichts konnte ihn ablenken oder ängstigen.
Endlich tauchte in der Tiefe ein, freilich oft unterbrochener, Kranz von Lichtern auf: die Seeufer. Agathons Augen wurden naß vor Freude. In kurzer Zeit war er im Thal angelangt. Alle Bewohner des Dorfes, das er betrat, waren in Bewegung. In jedem Haus brannte noch Licht. Er betrat die nächste Schenke, die fast einer Höhle glich, die gestopft voll war von leidenschaftlich disputierenden Bauern, während Weiber und sogar Kinder auf der Straße standen. Beim Anblick der vielen Menschen, der sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper, des Rauches, der aus Pfeifen quoll, der gleichsam von der Zeit gerösteten Bilder und Wände, fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise. Es war ihm, als ob sich seine Haut löste. Dabei glaubte er fortwährend zu sinken, zu fallen, durch zahllose Wiederholungen desselben Raumes.
Die Bauern wurden aufmerksam. Sein Gesicht von geradezu phantastischer Blässe übte auf sie den Zauber einer Erscheinung. Sie standen alsbald um ihn her, und einige, die frech oder höhnisch gelächelt hatten, lächelten nicht mehr, als Agathon zu sprechen begann. Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum, sie hatte etwas Klingendes, Messerscharfes, unmittelbar Überzeugendes. Seine Rede schien von einem unsichtbaren Wesen zu kommen, das ihn umfangen hielt, denn er blieb so bewegungslos, als ob seine Glieder gefesselt seien. Es war ein Sturm sich überstürzender Worte, es war der Schmerz und der Zorn des Königs selbst, der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen schien, dieses Königs, der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht, aber dessen Herz wahnsinnig war.
Die Wirkung von Agathons Worten, die für ihn selbst einem Fiebertraum glichen, war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende. Sie schrien, tobten, stiegen auf Tische und Bänke, fuchtelten mit den Händen umher, zerbrachen Gläser und Fensterscheiben, hoben Agathon auf ihre Schultern, daß sein Kopf an die Decke stieß, schlugen den Wirt nieder, der sie besänftigen wollte, und in kurzer Zeit hatte sich dieser Zustand eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet. Ein alter Bauer, dessen eines Auge verklebt war, fluchte und heulte beständig, eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense, versammelte die jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren. Agathon saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke. Er war verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung. Er starrte hinüber ans andere Ufer, das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten. Er sah auch Lichter, die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln, die man hin und her trägt. Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie, die sich wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen. „Der König ist tot!“ gellte plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster, an dem Agathon saß. „Er ist ertrunken!“ schrie eine andere, und „Im See ertrunken!“ eine dritte Stimme. „Er hat sich hineingestürzt!“ – „Nein, nein, nicht wahr!“ Und vieler solcher Rufe. Agathon erhob sich, fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden.
Der angebrochene Morgen sah nun das Landvolk in hellen Scharen gegen das königliche Lustschlößchen ziehen, und man erfuhr, daß die Leiche des Königs erst vor einer Stunde im See aufgefunden worden war. In allen Dörfern der Umgegend läuteten die Glocken. Tausende von Bauern standen am Seeufer und vor dem Schloßpark. Viele schrien um Einlaß, und als niemand erschien, erbrachen sie das Thor. Eine beispiellose Erregung hatte alle Gemüter ergriffen; mit Sensen, Knütteln, Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen, um nach der Hauptstadt zu ziehen und die Residenz zu stürmen. Am Mittag rückten ganze Regimenter Infanterie aus der Stadt, um die Ordnung herzustellen. Ein hünenhaft gebauter Kerl, der sich auf eine unerklärliche Weise den Wortlaut einer „Proklamation an mein Volk“ verschafft hatte, die des Königs letzte Niederschrift war, lief damit von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von einem Wirtshaus ins andere, und wurde nicht müde, sie aus der Kopie immer wieder in einer schlichten und rührenden Weise vorzulesen und jedem, der sie hörte, gleichviel ob Mann oder Weib, stürzten dabei die Thränen aus den Augen. Denn diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste, was jemals die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen. Sie ist unbekannt geblieben, und es gab Gründe, ihre Verbreitung nicht zu wünschen. Ihre Sprache war einfach und klar, jedes Wort ein tiefes Bekenntnis, eine Klage, eine Anklage. Sie war von einer bitteren Ruhe diktiert, und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet, als durch die Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments, das auf dem Thron entstanden war.
In der Stadt war aller Verkehr, waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels ertötet. Kaufhäuser und Schulen, Krämereien und Fabriken, alle waren geschlossen. Trauerfahnen wehten, vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem dumpfen und niederdrückenden Konzert. Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen und Kirchen; an den Fenstern sah man heulende Weiber; aber auch Männer schämten sich nicht zu weinen. Der König, der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr öffentlich gezeigt, dessen Leben für alle ein Geheimnis war, dessen Stolz bis zur Schroffheit ging, dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war, er genoß die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Maß. Selten wohl war ein ganzes Land von einem Gefühl solcher Trauer durchbebt wie in jenen Tagen.
Agathon ging durch die Straßen der Stadt, einsam und verlassen. Er fühlte sich krank und wund. Er mochte nicht zu Jeanette gehen, weil er Furcht davor hatte, reden zu müssen. Es war etwas so Vergebliches für ihn, jetzt noch zu leben. Er sah lauter trauernde Menschen um sich und seine früheren Wünsche waren erstickt.
Da ging er an einem Haus vorbei, in dessen Erdgeschoß ein Fenster offen stand. Verdrossen und trotzig blieb er stehen, und nach einer Weile blickte er hinein in ein ärmliches Zimmer. Drei Kinder saßen darin und spielten, drei schöne Kinder mit frischroten Wangen. Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren ganz allein. Aber wie sie sich dabei benahmen, wie sie nicht etwa jauchzten, sondern innig froh waren, wie ihre Augen glänzten, wie sie mit einander und mit sich selbst zufrieden und befriedigt waren von dem Gang des Spiels, das sich doch wenig unterschied von allen Spielen aller andern Kinder, darin lag etwas so Warmes, Gutes, Befreiendes, es stand in so grellem Gegensatz zu der Stimmung auf der Straße, daß es wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte.
Daher atmete Agathon tief und lange auf; sein Körper begann zu zittern wie unter Wellenschlägen neuen Lebens, und lächelnd setzte er seinen Weg fort.