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Die Juden von Zirndorf

Chapter 22: Neunzehntes Kapitel
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About This Book

The narrative traces the intertwined histories of a small Franconian town and its Jewish community, using a displaced Hebrew gravestone as a central emblem of uprootedness and misunderstanding. Vivid descriptions of landscape, festivals, floods, and the scars of war set a regional atmosphere that shapes everyday life. Portraits of townspeople reveal curiosity, fear, and superstition toward the unfamiliar, while Jewish households navigate exile, loss, and efforts to preserve ritual memory. The prose moves between local color and reflective passages that examine belonging, communal responsibility, and the endurance of tradition amid social change.

Neunzehntes Kapitel

Sommer und Sommerwinde! Blüten an allen Ecken der Welt! Ein tiefes Grün auf den Feldern, die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des Waldes! Flockige Wolken, die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen und Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken!

„Ich wußte wohl, daß der kleine Sema dem Tod entgegenging,“ sagte Agathon zu Monika, als sie vom Vestnerwald gegen das Dorf zuschritten. „Oder ich fühlte es vielleicht nur. Aber vielleicht ist er doch noch zu retten. Die Leute sind nur so schrecklich arm.“

„Aber warum fühltest du es denn?“ fragte Monika, die stets ein wenig neugierig war.

„Ach, er ist heimatlos. Seine Seele ist deshalb zerrissen. Er hat nichts Biegsames in sich. Alles bricht bei der ersten Berührung. Und er ist so alt. Er hat Jahrtausende gelebt. Solche Kinder giebt es viele bei uns Juden.“

Dann schwiegen sie lange Zeit. Plötzlich an einer einsamen Stelle beim kleinen Pulvermagazin, blieb Monika stehen, umarmte Agathon mit einer leidenschaftlichen Bewegung und stammelte: „Wie dank’ ich dir, daß du mich liebst. Du hast mir das Leben wiedergeschenkt, Agathon. Alles, was ich bin, gehört dir. Du hast es nicht geachtet, daß ich gesündigt habe, du bist groß, Agathon, und schön, das weiß nur ich.“

„Es ist kein Zufall, daß alles so gekommen ist, Monika. Nun bist du eine Kämpferin geworden. Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg, sondern du gehst vor der Zeit einher.“

„Und was willst du thun jetzt, Agathon?“

„Warten. Ich will den Acker meines Vaters bestellen. Für mich und dich wird es Brot geben. Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch.“

„Warten, Agathon? Worauf?“

Agathon schüttelte lächelnd den Kopf.

Und als es Abend war, standen sie in Frau Olifats Garten und bewunderten die farbigen Gluten des Himmels. Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm. Esther saß singend mit Mirjam vor dem Thor, Frau Olifat und Frau Jette unterhielten sich auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube, und sie sprachen insbesondere davon, daß die kleine Käthe Estrich ins Kloster gegangen sei und den Schleier genommen habe. Darüber konnten die beiden Frauen kaum zur Ruhe kommen.

Die Vögel sangen, eine Amsel schlug und ein Zeisig lockte. Das schrille Geschrei spielender Kinder drang aus dem Dorf. In der gläsernen Burg sangen die Zecher wieder und Mirjam erklärte der Freundin wichtig, daß es das Lied: ‚spinn’ spinne, Töchterlein‘ sei.

Monika blickte hinauf in die Äste des Baumes, wo die Äpfel hingen, seltsam vergoldet vom Rot der Sonne. Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich: „Ich möchte so gern einen haben, Agathon, einen Apfel von da droben.“

„Du mußt warten, Monika.“

„Immer warten! Worauf denn?“

„Sie sind noch nicht reif, Liebste.“

„Das dauert aber noch so lange ...“

„O nein, zwei gute Sommerwochen und sie sind reif. Laß sie erst reif sein, Monika.“

Und Agathon küßte die junge Mutter auf die Stirn.

Ende.