Er stand auf, fühlte förmlich die Nacht um sich her mit den Fingern, kleidete sich an, ging hinab, und obwohl er sich gar nicht bemühte, leise zu gehen, schwebte er doch nur so hin über die Treppe und den Flur. Auf der Straße war es zauberhaft still: die Häuser, die Gärten, die Brunnen, alles gefroren in Ruhe. Er schlich um das Wirtshaus St. Sebald herum, erkletterte das Weinlaubgerüst, stand oben vor einem vergitterten Fenster, preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach. Es war vollkommen finster, doch sah er jeden Gegenstand, auch den verstecktesten, mit brennender Deutlichkeit. Sürich Sperling lag nicht im Bett, sondern saß auf einem Stuhl, starrte in den leeren Ofen und sagte: „Ja, mein Junge, in der Hölle haben sie auch nicht immer Vorrat an Feuer; mich friert.“ – „Soll ich einschüren?“ fragte Agathon sanft. – „Ja, ja, aber findest du nicht, daß es hier nach angebranntem Kaffee riecht?“ Agathon kniete hin und heizte. Das Material, das er dazu gebrauchte, fühlte sich an wie Wolle, und schließlich wurde es naß und er sah, daß er mit Blut geheizt hatte. Dann öffnete sich die Thür und von den flackernden Flammen beleuchtet, kam Stefan Gudstikker herein. Er führte an einer Leine zwei Hunde, zwei Katzen und zwei weiße Mäuse, die alle gehorsam hinter ihm her schritten. Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief, über den Agathon in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter, die mit rollenden Augen irgend etwas Unverständliches sagte. Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte: „Es lebe das Kapital. Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei. Es lebe der Bankrott. Es lebe die Bürgerschaft, die überm Pulverfaß schnarcht. Es lebe die Revolution. Ich bin Robespierre. Ich bin der ewige Jude. Es lebe der Tod.“ Plötzlich wurde es hell im Zimmer, Agathon wußte nicht, ob durch die Flammen im Zimmer oder durch ein Feuer, das draußen war. Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden, und Agathon sah nichts mehr, als ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder. Doch als er wieder aufschaute, sah er statt dessen eine nackte Frau. Es war Jeanette. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort, durch das leere Dorf, durch die Stadt, durch Wiesen und Wälder und Felder, dann kam eine öde Strecke, dann eine Brücke, die über einen grauenhaften Schlund hinweg führte, und endlich kam ein Garten auf einem Hügel, und in der Tiefe erwachte der Morgen, die Sonne: rot, schwer und langsam. Alles war zerstoben, glänzend kam der Tag. –
Frau Jette blieb, als die Männer morgens zur Schul gingen, im Bett liegen. Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott von Wassertrüdinger & Co. in Nürnberg. Darüber war alles erregt im Dorf. Aber der Putz, in dem die Weiber zur Synagoge eilten, war darum um nichts weniger prächtig. In Sammt und Seite rauschten sie einher, mit kostbaren Hüten und gelben Schuhen, was im Rahmen des schmutzigen Dorfes mit seinen Düngerhaufen ziemlich komisch war. Hinter den Frauen schritten ernster und stiller die jungen Mädchen. Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei, voll von jener grundlosen Schwermut, die nur den Juden eigen ist, mit jenen schwarzen Augen, die keine Tiefe haben, mit jenen breiten Hüften, die später Geist und Feinheit gänzlich verdrängen müssen.
Die Männer schalten und disputierten lauter als je. Sie gingen in Haufen und kamen kaum vorwärts. Isidor Rosenau, Samuel Bergmann, Max Lippmann, David Krailsheimer, alle redeten mit den Händen, fochten mit den Armen in der Luft umher: man danke für die „Kovet“ einen halben Goij zum Chassan zu haben; man wisse wohl nicht, daß Elkan Geyer kein geborener Zirndorfer sei –? So? das sei gleichgültig? wenn er nur ein guter Jüd sei –? Er sei aber kein guter Jüd. Schicke er nicht seinen Sohn in die Christenschule nach „Ferth“ –? Das thaten andere auch –? Gut, dann seien andere auch Chasserem, Schweine, Goijem, Schabbesgoijem. Kämme er sich nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm? Sogar rasieren habe er sich früher einmal lassen.
Die schwarzen Cylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her.
Weit hinter ihnen schritt Agathon, unschlüssig, ob er dem Gottesdienst beiwohnen solle. Da gesellte sich ein junges Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren zu ihm. Es war Monika Olifat, die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten Frau. Sie kam ganz aus freien Stücken zu ihm, der vor ihrer Schönheit errötete, vor ihrer Unbefangenheit.
„Sie sind Agathon Geyer?“ redete sie ihn in einem reinen Deutsch an, mit einer glockenhellen, melodischen Stimme.
Er nickte langsam.
„Ich habe viel von Ihnen gehört. Ihr Vater will Vorbeter werden?“
Er nickte wieder.
„Aber warum wollen das die Leute da nicht?“
„Ich weiß es nicht. Sie sind neidische, erbärmliche Menschen.“
„Braucht ihr es denn so nötig?“
„Ja, meine Eltern sind sehr arm. Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld hätten, das für uns Kinder bei Baron Löwengard deponiert ist, hätten sie gar nichts.“ Er sprach etwas wirr und stockend und war ärgerlich über seine ungewohnte Mitteilfreude.
„Wissen Sie was,“ sagte Monika Olifat, „wir wollen Freunde werden. Vorausgesetzt, daß Sie es wollen.“ Agathon sah sie an und jetzt errötete sie. „Ich suche einen Freund,“ fuhr sie etwas verwirrt und wie entschuldigend fort. „Also wollen Sie?“ Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein.
„Freunde sind Verbündete,“ sagte Monika Olifat. „Sie dürfen nichts voneinander verraten und nichts voreinander verschweigen. Und jetzt sagen wir uns Du.“ Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge.
Der Tempel war ein kalter, kahler Raum mit hohen, farblosen Fenstern, alten Gebetspulten, moderiger Luft, einem Balkon für die Frauen und dem Altar. Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Straße. Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel betrat, um zu predigen, wurde es ruhig. Diese Predigt war anfangs reichlich mit gelehrten und biblischen Citaten geschmückt, erging sich dann in pathetischen Äußerungen über die Heiden, befaßte sich des Weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna, empfahl „die Fahne des Glaubens hochzuhalten“ und schloß mit einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers. Da erschallte ein grelles, erschreckendes Gelächter im Hintergrund, gerade als der Gottesdienst mit dem Kaddisch endigen sollte. Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen um, und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen. Es war Gedalja; Enoch Karkau ging hin, um ihn hinauszuführen. Tuschelnd verließ die Gemeinde das Haus.
Als Agathon nach Haus kam, saß Gedalja fröstelnd am Ofen, und neben ihm stand Enoch in finsterem Schweigen. Elkan Geyer hockte auf der Bank am Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Der Pausbäckige trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe. Der Himmel war grau und regnerisch.
„Es nützt nix, Enoch,“ sagte Gedalja. „Ich waaß, daß de hast vergraben dein Geld im Garten oder im Hof, viel Geld. Aber mir brauchste ja nix zu geben dervon.“
„Schweig still, du versündigst dich,“ erwiderte Enoch durch die Zähne.
Der andere Greis schien es nicht zu hören. „Es nützt nix,“ sagte er eintönig und bekümmert. „Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit. Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus, so wahr ich leb un so wahr ich da sitz.“
„Gedalja!“ murmelte Elkan Geyer gequält.
„Was soll ich thun? Kann ich mer helfen? Er kann helfen. Wenn er ausleiht Geld zu fufzig Prozent, soll ich halten mei Maul? Ich habs gehört von en redlichen Mann, von en bedauernswerten Mann, Enoch, den de hast gericht zu Grund. Soll kommen sein Wohlstand über dich. Soll kommen sein Ansehn über dich. Aber haste zu Grund gericht den Bäcker, wirste aach zu Grund richten den Schuster. Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen, wie du hast gehabt kein Erbarmen, Enoch. Dann is geschändet dein Name un deine Familie un is geschändet der Jud. Haste nicht mir geliehen dreißig Thaler, Enoch, voriges Jahr Pesach zu gutem un ich hab d’r zurückgegeben fufzig Thaler um Schues? Die Welt is groß und dreht sich, ich waaß und mancher verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung, aber manchen packts aach und er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter. Ich hab gesprochen und bin stumm.“
Isidor Rosenau kam „auf einen Sprung“ und wurde sehr lau begrüßt. Er, der bisweilen kleine, atheistische Anwandlungen verspürte, begann einen etwas gedehnten Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten. Er hatte da irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben. „Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde, so waren sie doch nicht allein!“ So rief er begeistert und brachte noch ein Vierteldutzend ähnlicher Dinge aus der Tiefe seiner Erkenntnis ans Licht.
Erst antwortete ihm niemand, dann sagte Gedalja mit einer Geste, deren Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen: „Junger Mann, die Schrift is nit geschrieben, daß se wird gelesen mit die leiblichen Augen, sondern mit die geistigen. Sie soll nicht werden studiert, sondern sie soll werden getrunken wie Wein. Sie hat Symbole, daß wir können messen daran unser eigenes Leben. Un wir sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle, sondern mit unserm Gewissen.“
Agathon fühlte seine Augen feucht werden. Er erhob sich, ging zu dem Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand.
Doktor Schreigemut kam, den man für Frau Jette bestellt hatte. Er war gewiß eine merkwürdige Art Doktor. Er brachte eine Gemütlichkeit zum Krankenlager mit, als sei der Tod eine eitle Illusion, eine Schrulle, und sein weinrotes Gesicht glänzte, als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand bedeute. Er sagte, daß „so weit“ alles in Ordnung wäre, nur dürfe man nichts „übertreiben“, müsse fleißig lüften, Fleischsuppe kochen und hier sei eine harmlose „Pillule“. Darauf verbreitete sich der Mann eingehend über die politische Lage, über den neuen Besitzer der Ziegelei, kniff Mirjam in die Wange und schob befriedigt ab, um sich zu dem unterbrochnen Tarock in die gläserne Burg zu begeben. Darauf gab Isidor Rosenau noch einige sehr fascinierende Witze über das Wetter im allgemeinen zum besten; es lachte aber außer ihm selbst nur der kleine Pausback am Fenster, der damit Isidor einen unermeßlichen Dienst zu erweisen glaubte. Es läutete draußen und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen. Elkan Geyer rief ziemlich energisch hinaus, heute sei Feiertag und der Laden geschlossen. Er schlug die Thüre zu, gleich darauf ging er aber hinaus. Agathon wußte, daß er in die Küche ging, um Kathrin zu bitten, daß sie den Tabak verkaufe.
Der Tag ging hin. Aber diese Herbsttage sind gar nicht; sie sterben langsam, sind bloß ein Vergehen. Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden Nacht, und die Nacht nimmt sie dann auf den starken Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit hingesummten Liedern. Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja in stand setzen; für die nächsten Wochen war ihm eine elende Kammer zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden. Dann ging er spazieren. Über seinem Thun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet. Sein Weg führte ihn an das Haus, wo Monika Olifat wohnte. Sie sah aus dem Fenster und winkte ihn freudig hinauf. Sie war allein; die Mutter und die kleinere Schwester machten Besuche. Es war ein hübsches Zimmer, in das Agathon trat. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes und hatte einen villenartigen Charakter.
„Ich freue mich, daß du gekommen bist,“ sagte Monika sanft; sie hatte eine Puppe in der Hand, die sie schon seit zehn Jahren besaß, wie sie sagte. „Aber das ist dumm von mir, nicht?“ fragte sie, indem sie sich niederbeugte und nach einem Blick von ihm haschte. Sie erschien Agathon anders als am Morgen: weicher und fast furchtsam. Nun brachte sie ein Buch, woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas. Er hatte sie darum gebeten, obwohl er die Sprache nicht verstand. Es war ihm genug, ihre Stimme zu hören, die rein und hell dahinfloß, ein ungetrübter Strom. Die Stimme machte gleichsam alles heiter um ihn, und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich, ein Verlangen, das täglich wuchs und ungestümer wurde. So kam es ihm vor, daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste stehe, das je ein menschliches Ohr vernommen und daß man sie nur zu verstehen brauchte, um von allen Sorgen erlöst zu sein.
Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden: „So, jetzt wollen wir uns unterhalten. Jeder erzählt dem andern, was er überhaupt weiß.“
Das war nun wohl gesagt, aber dabei blieb es auch. Denn Agathon war still und Monika auch. Wer konnte denn da reden, wenn es draußen dämmerte! Der müde Himmel schien herunterzusinken, daß man es kaum merkte, und die Bäume weit im Osten bogen sich, verschwammen, wollten fast in die Erde fallen, bis man sie gar nicht mehr sehen konnte. Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wieder, stets matter und matter, wie Glas, das überhaucht wird. Agathon sah nur noch die zarten Linien eines Profils, eine leicht gebogene Nase, eine schmale Stirnlinie, zuckende Lider, hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und ein Kinn, das ihn an die Puppe von vorhin erinnerte. Widerspenstige Haare kräuselten sich im Nacken: ein Zeichen von Leidenschaft und spielender Anmut.
„Du sprichst ja gar nichts,“ flüsterte Monika befangen.
„Laß uns nicht sprechen,“ erwiderte Agathon mit bebender Stimme.
„Ja, was soll man auch sagen,“ gab Monika zu. Sie ergriff seine Hand und streichelte sie vorsichtig. „Warum zitterst du denn so, Agathon?“
Agathon sprang auf, ergriff seinen Hut und rannte fort, – hinaus, und ging erst wieder langsam, als er in der Hauptstraße des Dorfes war. Er lächelte voll Scham und Reue.
Den Kopf voll marternder Gedanken, ging er vom Flur in den Hof, vom Hof in den Flur. Dann stieg er die Treppe hinauf, wie unwillkürlich aus dem Bedürfnis nach der Höhe. An ihrer Kammerthür stand Kathrin, mit nichts bekleidet, als mit einem Unterrock und einem Hemd. Ihr Haar war lose, ihre festen Schultern waren nackt wie auch die Hälfte der Brust. So stand sie vor der halboffenen Thür, schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb blöde, halb begehrlich Agathon zu. Er war völlig erstarrt. Seine Zähne schlugen aneinander, er wollte nach einem Halt greifen, er wollte etwas sagen, doch sogleich legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß, daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte. Mit einem dumpfen Schrei floh er.
Noch ganz besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja, kniete vor ihn nieder, nahm dessen Hand und flüsterte, wirr, bleich im Gesicht. Der Greis fragte und konnte zuerst nichts erfahren, doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit. Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin. „Setz dich her, mein Jung, und ich will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber. Bin ich worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war keine Broche un kein Segen dabei. Das Weib is gut für die Stund, wenn se hat keine Sanftheit for den Mann. Sie mag sein e Chuchem, sie mag haben Geld, sie mag sein sparsam, sie mag sein gottesfürchtig; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd, daß de kannst formen das Bild wo de willst, taugt se nix for dich. Un wenn de hast eine große Begehr, dann gehste hin, sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim hellichten Tag. Laß d’r nit einjagen Angst durch die falschen Lehren: es is ka Unglück un ka Verbrechen, es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon. Un wenn de eines Tags fühlst mehr un dein Herz werd sein voll Liebe, dann gehste hin und siehst, ob se gefällt deinen Sinnen. Un wenn se gefällt deinen Sinnen, gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder. Das wirste nit verstehn heut, aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine Worte.“
Agathon war nicht beruhigt. Im Gegenteil, er war noch erregter als vorher. Es wurde Abend und er fühlte sich förmlich gefangen in einem verworrenen Knäuel von Rätseln. Er stand in dem schmalen Vorplatz, der zur Küche führte und wo es stockfinster war. Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen, das auf dem Anricht in der Küche stand. Er hörte nahende Schritte, und erschrak wie ein Verbrecher. Es waren trippelnde, tastende, gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte, spähende Gestalt Enoch Karkaus zum Vorschein. Er lispelte unhörbar, seine Augen stierten in die matt erhellte Küche, es war, als ob sie ihm vorauseilten, um die Küche abzusuchen, dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu, wo das Hausbrot aufbewahrt wurde, nahm das Brot, riß die Anrichteschublade auf, packte mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab, immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend. Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig zu, legte das Messer wieder an seinen Platz, biß hungrig in das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter. Das andere verbarg er in seinem Wams. Schleichend wie er gekommen, entfernte er sich wieder.
Agathon hatte alles gesehen. Er wankte und mit einem Aufschrei brach er zusammen. Lange kauerte er so, und niemals war in seiner Seele das inbrünstige Verlangen so stark gewesen, dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen. Freude! Als er aufsah und sich entfernen wollte, erblickte er seinen Vater, der unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte.