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Die Kauzburg

Chapter 11: 10
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About This Book

A diarist newly installed in an old stone forester's house above a riverside town records impressions of arrival, household chores, and the building's layered past. Moonlit nights, the river's sound, and encounters with owls, mice and other domestic creatures create an atmosphere that mixes practical routine and lyrical observation. Descriptions emphasize the castlelike architecture, high walls, overgrown garden and hints of subterranean passages, producing a persistent sense of ancient presence and adjustment to unfamiliar surroundings. The entries move between everyday details of furnishing and duty and reflective passages that probe solitude, the persistence of history in place, and the consolations of nature.

 

Nun weiß es jeder in der Stadt, daß ich Vater eines unehelichen Kindes bin. Daß ich dieses Kind adoptieren will.

Ein paar von den Herren, mit denen ich hier verkehrt habe, sind des Abends zu mir gekommen und haben mir abgeredet.

»Sie werden sich doch so was nicht für Ihr ganzes Leben aufladen; es ist eine Last, bedenken Sie’s doppelt, bevor Sie’s tun. Lassen Sie sich versetzen, geben Sie das Jöhr irgendwohin in Pflege, kein Hahn kräht dann danach«, sagte der eine.

Der Zweite meinte: »Es ist wirklich Pech für Sie, nun so’n Kind. Wenn Sie wirklich die Vaterschaft nicht leugnen wollen — es wäre übrigens gar nicht so schwer, wo die Mutter tot ist und niemand sonst nach ihr fragt —, dann tun Sie’s wenigstens heimlich. Es braucht doch keiner zu wissen davon.«

Der Dritte sagte lachend: »Wissen Sie, geben Sie das Ding fort, eine Frau kriegen Sie deshalb immer noch.«

Ich hörte alle drei an.

Dann sagte ich ganz ruhig und freundlich: »Meine Herren, ich weiß, Sie haben sich’s nicht überlegt, was Sie mir eben sagten. Denn wenn Sie sich’s überlegt hätten, müßten Sie mich für einen Schweinehund halten, und der bin ich nicht, rate auch keinem, mich dafür zu halten. Prosit, meine Herren!« —

Da wurden sie höllisch verlegen, stießen eiligst mit mir an und plauderten harmlos von anderen Dingen.

Als ich dann dem einen von den dreien im anderen Zimmer ein paar Rehkronen zeigte, gab er mir die Hand und sagte ganz treuherzig: »Wenn ich mir’s recht überlege, kriege ich alle Hochachtung vor Ihnen, weiß Gott.«

»Erst jetzt?« rief ich lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Ähnlich ging mir’s mit dem zweiten und dritten. Mir war’s lieb. Denn alle drei hatte ich gern, und es waren im Grunde brave Menschen.

Erikas Vater hat geschrieben, daß er am Sonnabend kommt.

Sie fährt ihm ein paar Stationen entgegen.

Ich weiß, sie will ihm in Ruhe erzählen.

Erzählen von der Kauzburg, von Mariannen, von mir und dem Kind.

Also Sonnabend!

Noch eine kurze Woche! Mir klopft das Herz zum Zerspringen.

Gott, Gott, soll ich dieses Mädchen verlieren? Soll mein Kind diese treue Mutter verlieren? Zeige nun, Gott, daß du wirklich Gott bist! Zeige es, so will ich glauben! Laß sie mir. Laß den guten Geist des Hauses in meinem Hause! Aber unmöglich ist’s, ich weiß doch, daß es unmöglich ist!

Am Sonnabend also kommt der Heidkönig!

Jedem Mädchen ist die Liebe zum Kinde tief eingepflanzt von Natur: die Mutterliebe.

Wie soll man sich’s sonst erklären, wenn man Erika mit der kleinen Marianne sieht.

»Sind Sie denn dem Kinde gut, Erika?« fragte ich sie heute. Da nahm sie das hilflose Geschöpf und drückte es wortlos an sich.

»Noch ein paar Tage, dann kommt Ihr Vater, Erika, was wird dann

Sie sagte nichts, aber ich sah, wie sie sich festklammerte an das kleine Menschenkind in ihrem Arm.

Tief unten rauscht der Fluß unter der hochbogigen Brücke, die Wasserflut drängt an die Pfeiler.

Es hat geregnet, und rasch schwillt der aus den Bergen kommende Strom an.

Doch seit gestern scheint die Sonne wieder freundlich vom Himmel.

In den Frühlingswald fahre ich heute hinaus. Ich will den Wald um mich haben.

Meine Waldbäume will ich sehn.

Morgen ist Sonnabend. Heidkönig, komme! Ich bin gefeit gegen dich. Erika liebt mein Kind; sie läßt es nimmer.

Will sie das Kind behalten für immer, so muß sie den Vater des Kindes mit in den Kauf nehmen. Es geht nicht anders, Heidkönig, also mußt du nachgeben!

Ich mache mir ganz umsonst so viel Sorgen. Frisch glänzen die Wiesen vom letzten Regen. Frisch glänzt — fast scheint es — das Gefieder des Störchleins, das in den Wiesen nach Fröschen herumstrolcht. — — —

Ich vermisse Erika. Gestern fuhr sie ihrem Vater entgegen. Noch mehr wird sie von dem Kinde vermißt. Das schreit ganz kläglich.

»Heute, bald kommt sie wieder, kleine Marianne, eia popeia, eiapopeia.« —

Und nun schreitet sie neben ihrem Vater über den Burghof. Also so sieht er aus, der Heidkönig?

Nicht groß, nicht klein, eine Mittelfigur. Ernst ist sein vom braunen Vollbart umrahmtes Gesicht, klar und treu und mit dem den Heidmenschen eigentümlichen Ausdruck des Verträumtseins und eines tiefen Innenlebens sind seine Augen. Auf dem Burghofe blieb er stehen und sah sich um. Dann sprach er ein paar Worte zu Erika. Sie nickte. Gewiß hat er zu ihr gesagt: »Es ist hübsch hier zwischen den grünumrankten Mauern, zwischen den Fliedersträuchern und dem gelben, hängenden Goldregen, hübsch hier in dem Burghofe, über den der Rotdorn seine Äste ausbreitet.«

Ja, zur Frühlingszeit kann sich die Kauzburg sehen lassen. Ich höre, wie der Heidkönig von Fräulein Bartel begrüßt wird. Natürlich wortreich, mehr als wortreich. Und nun klopft es an meiner Tür.

»Herein!« rufe ich. Erst kommt Erika herein, sie hat das Kind draußen schon jammern hören. »Grüß Gott!« sagt sie und gibt mir die Hand und wendet sich gleich zur Wiege, in der das Mariandel liegt und schreit und ruhig wird und lacht, als sie es aufnimmt und hin und her wiegt. Und vor mir steht nun ihr Vater, der Heidkönig. Er prüft mich klar und ernst mit seinen Augen. Wir geben uns die Hände. Ein kurzer Händedruck. Warum werde ich denn verlegen und komme mir klein vor diesem Manne gegenüber? Der hat nie gesündigt, der kann auf sein ganzes Leben zurücksehn wie auf einen sauberen Tisch — das sind meine Gedanken. Und diese Gedanken machen mich verlegen und klein vor ihm.

Ein großer, von Vater und Vaters Vater her ererbter Landsitz macht die Menschen merkwürdig sicher und in sich selbst gefestigt. Man spricht nicht umsonst von »Bauernstolz«. Bei diesem Manne hier machte sich ein Selbstgefühl nicht unschön breit.

Aber Selbstgefühl und Stolz ... Stolz auf seinen großen, einsamen Heidbesitz, auf seinen Namen und vor allem auf sein und seiner Väter unberührtes Heidleben hatte er. Den hatte Erika auch. Und diese Menschen durften ihn haben. Mit viel mehr Recht als mancher andere.

Aber was diesen Stolz — auch beim Heidkönig — so milderte und ihn schön machte, das war die schlichte Treue, die volle Ehrlichkeit, die selbstverständliche Pflichterfüllung, die reinste Offenheit ohne jedes Körnchen Lug und Trug, Verstellung und Heucheln.

»Ich kenne nur einen Weg, den geraden«, sagte der Heidkönig, sobald man ihn sah, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte.

Wir plauderten zunächst über alltägliche Dinge. Ich fragte ihn nach dem Erfolge seiner Reise, nach seinem Heidhofe, seiner Heide! Er antwortete wortkarg. Fragte mich nach meinem Walde, nach dem Wild im Walde, besah sich die Geweihe, Rehkronen und ausgestopften Wildköpfe, dann aber sagte er nach einer Weile nachdenklichen Schweigens: »Ich bitte Sie, mir zu sagen, was ich an Pensionsgeld für Erikas Aufenthalt an Sie zu zahlen habe, da ich sie morgen wieder mit mir nehme.«

Die Worte trafen mich wie ein Schuß.

Und doch war nichts natürlicher, als daß er das sagte. »Da ich sie morgen wieder mit mir nehme«, ... immerfort hörte ich das in meinen Ohren klingen.

Er sah mich freundlich und doch auch ernst an. Zuletzt wiederholte er seine Frage, da ich immer noch schwieg. »Unsinn ... davon kann keine Rede sein«, stotterte ich. »Ihre Tochter hat doch im Hause geholfen ...«

»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«

Dann schwieg er wieder.

Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein, Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«

»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus mir werden und aus dem Kinde?« rief ich aufspringend.

Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.

Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz, also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte, etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne, das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße, sein Kind war. Was war meine Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur gegen einen Berg!

Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne und so falsch oft glaubt.

»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«

»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes versprochen hat?« rief ich.

»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ... Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ... was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«

»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.

Er sah sie fragend an. Dann mich.

»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine Tochter nichts gesagt hat?«

»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.

»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«, wies er sie freundlich, aber entschieden ab.

»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen, ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.

»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein Wort.

Es war lautlos still in der Stube.

Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.

»So?« ... sagte er noch einmal.

»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast, Erika«, wandte er sich dann an sie.

Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er soeben gehört hatte, hineinzufinden.

»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.

»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit seiner rechten Hand über die Stirn.

Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.

»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.

— Was wird sie antworten?

»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.

Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen hinab.

»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er zu dem Kinde.

Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte, denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf, rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.

Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen aus; tief gefurcht seine Stirn.

»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten, was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege nicht diese bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« — wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«

Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und nachdenklich:

»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und ihrem Tun und Treiben kennengelernt. Hätte ich’s, vielleicht dächte ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit. Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage Ihnen das und sage es dir, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen, wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich hier sage, muß gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches, braves unverdorbenes Heidekind ist?«

»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«

»Sie sind ein Mann«, sagte der Heidkönig, »seien Sie ein Mann! Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«

Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!

Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses Hauses, ach, bleibe!?«

Da tönte wieder seine Stimme.

»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war, als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte. Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng. Nicht wahr, Erika?«

Ich hielt den Atem an.

Sie schwieg.

Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika, du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«

»Ich denke so, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend an.

»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.

»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr. Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«

»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.

»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl in mein Herz.

»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst werden jetzt mit mir und dem Kinde?«

»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes setzen.«

Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und hoffe!«

»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?« fragte ich.

Er dachte lange nach.

»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann; »darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«

»Ja, Vater«, erwiderte sie.

»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander, was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab. Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan, so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen also.«

Bis morgen also!

Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!

O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch hier.

Sie und mein Kind.

»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser Mann!

Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf meine Rechnung über.

Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat doch auch schuld. Sie hatte doch mehr schuld als ich!« — Du bist tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!

Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so mache deinen Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben. Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.

So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch beide Sünder!

Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!

Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein, nicht unheilvoll!

Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den Mann an ein geliebtes Weib binden?

Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten selbst.

Fessel! Gefesselt! — — —

Fessellos! Frei! — — —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der freien, fessellosen Leidenschaft!

Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte als dein Vater.

Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden, die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten.

Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen.

O, du mein armes Häschen du! —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir haben doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! Warum haben wir sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht gepriesen und besungen.

Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln heute — und morgen verlassen die beiden mein Haus!

Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann man sich dir nicht entziehn.

Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung schaue, bist du es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.

Morgen abend um diese Zeit!

Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine Kauzburg hinein. Dann muß ich dich wieder bitten, dich, den kalten Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, — ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen, so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt, wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.

Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.

Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind. So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine Heidkönigstochter!

Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes, volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem einsamen Menschen als Tage.

Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden Menschenseele.

Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes Königstöchterlein!

Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.

In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du vor mir.

Und zwischen uns das Kind.

Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und treu im Wachen! —

Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.

Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.

Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide bist.

Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn brachte.

So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.

Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.

Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.

Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.

Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun, heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.

Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder auf ihm geblasen.

Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich an wie nie zuvor.

»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.

Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.

Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der Wald trug lang und bang das Echo zurück.

Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich, und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf Wiedersehen!«

Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von Erika, das schickt sie Ihnen.«