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Die Kauzburg

Chapter 12: 11
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About This Book

A diarist newly installed in an old stone forester's house above a riverside town records impressions of arrival, household chores, and the building's layered past. Moonlit nights, the river's sound, and encounters with owls, mice and other domestic creatures create an atmosphere that mixes practical routine and lyrical observation. Descriptions emphasize the castlelike architecture, high walls, overgrown garden and hints of subterranean passages, producing a persistent sense of ancient presence and adjustment to unfamiliar surroundings. The entries move between everyday details of furnishing and duty and reflective passages that probe solitude, the persistence of history in place, and the consolations of nature.

 

Liebe Erika!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte, durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine rotstreifige Mütze sich zeigte.

Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.

Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ich bin geborgen.

Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir den Krug zum Trinken reichten.

Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein reiner Bergquell ist sein Inhalt.

Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen Einsamkeit und Reinheit.

Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.

Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein, wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen, den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide? Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über meine Stirn?

Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.

Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.

Ich will keines Menschen Mitleid.

Ich verachte das Mitleid der Menschen.

Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale umzuwandeln.

Wird für mich das stille Tal ergrünen?

Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander, aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel. Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide schreitet.

Ihr

einsamer Freund.

N. B. Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.

Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O, Sie böses, süßes Heidekind, Sie!

Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!

Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur darum mir verloren, Du lieber Sohn.«

Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?

Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.

Bereite noch keine Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!

Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.

Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne daß man es merkt.

Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich bis jetzt nicht gesehn hatte.

Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die Kauzburg selbst!

Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich fühlte!

Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier? Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes Nachtlied im Garten singen wird? —

Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von vielem.

Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen, machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir: »Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«

Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.

Ich grüßte hinauf, als ich ging.

Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir schloß.

Also doch ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.

»Daneben ... daneben ...«

Ich wußte, was er meinte.

Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch er tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde mehr, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die für uns alle der gleiche Schoß ist?

Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus getragen mit ihm.

Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das stille Tal verschließen wie früher. —

Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken! An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir jene gebracht, was wird mir diese bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’ ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen Dingen nicht.

So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!

Daheim! In der alten Heimat!

Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet mir den Traum der Jugend in mein Herz. Dich, du mein grüner, heimatlicher Wald!

Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es bleiben allezeit.

O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien, wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.

Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.

Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!

Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden Händedruck.

Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!

Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild, das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.

Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!

Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend, mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen guter Wein. —

Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische Oberförsterei.

Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.

Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.

In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.

Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum, der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.

Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer Heimat.

Nun ist die Heimat wieder mein.

Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir, Heidkönigstochter.

Liebe Erika!

Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich doch selbst in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann schreibe?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten auf und nieder.

Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine Mutter die Schar der Kinder.

Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen Heide das Heidkind bringen sollten.

Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen, wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.

Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide. Aus der Heimat werde ich in die Heimat fahren. So lockt mich die Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich hier bin.

Warum wohl, Heidekind, warum?

Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.

Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst?

Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen. Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn. Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem heimkehrenden Sohne.

Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte. Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.

»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht doch eine Mutter ins Herz des Kindes!

»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«

»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir doch, vielleicht kann ich dir helfen.«

Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines Töchterleins, aus meiner Brusttasche.

Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.«

»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.«

»Kummer, Mutter?«

»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.

»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«

»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich.

»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!« rief sie und sah voll Freude auf das Bild.

»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf.

»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?«

»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise.

Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder auf mich.

»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?«

Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose Angst.

»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre Stimme zitterte.

»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn gehörte?«

»Fritz!« rief sie und starrte mich an.

»Mutter, es ist mein Kind. Ich bin der Vater des kleinen, herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor meiner Mutter entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß.

Unwillig wandte ich mich fort.

Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte.

»Mutter!«

Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«, sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe, bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr.

Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen, schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und ihrem sanften Sterben an diesem Kinde.

»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie schamhaft die alte Frau das fragte.

Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und diese Liebe verstand meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen Sohn.

Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich nebenbei einiges dazwischen.

Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!

»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen Marianne.

»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein armer Sohn.«

»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in meine Worte viel Zuversicht.

»Nein, er gibt nicht nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ... du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft hinzu.

»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«

Ich lächelte vor mich hin.

»Lache nicht darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß halt die Mutter für den Sohn mitbeten.«

»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.«

Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche betend am Fenster sitzen.

Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht, daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.

»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?« fragte sie.

»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich.

Sie seufzte.

»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich.

»Mutter, laß mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.«

»Und wenn sie nicht deine Frau wird und der Vater sie dir verweigert? Würdest du’s verwinden?«

Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben und weiter zu arbeiten, Mutter.«

Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen Marianne und sagte leise:

»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.«

»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?«

»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«

— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.