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Die Kauzburg

Chapter 4: 3
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About This Book

A diarist newly installed in an old stone forester's house above a riverside town records impressions of arrival, household chores, and the building's layered past. Moonlit nights, the river's sound, and encounters with owls, mice and other domestic creatures create an atmosphere that mixes practical routine and lyrical observation. Descriptions emphasize the castlelike architecture, high walls, overgrown garden and hints of subterranean passages, producing a persistent sense of ancient presence and adjustment to unfamiliar surroundings. The entries move between everyday details of furnishing and duty and reflective passages that probe solitude, the persistence of history in place, and the consolations of nature.

 

Noch einen neuen Bewohner soll meine Kauzburg bekommen.

Es war mit erst gar nicht recht.

Was soll man aber tun!

Es ist ein Unglück, daß ich Bitten gegenüber so wenig standhaft bin.

Fräulein Bartel hat mein Herz erweicht.

Meinetwegen, mag sie ihren Willen haben. Die Kauzburg ist groß; mich wird der neue Bewohner nicht stören.

Für ein halbes Jahr soll’s nur sein. Der Vater verreist ins Ausland, die Mutter starb im vorigen Jahr, wohin mit dem Mädchen! Da wandte sich der Mann an Fräulein Bartel, die jahrelang bei ihm und seiner Frau in Stellung gewesen war. »Nehmen Sie sich meiner Tochter an, solange ich reisen muß«, bat er dringend. »In einem halben Jahre bin ich zurück, dann ist die Erbschaft geregelt, bitte, bitte, nehmen Sie sich meiner Tochter so lange an.«

Fräulein Bartel brachte mir diesen, ich möchte sagen »händeringenden« Brief des Gutsbesitzers. Dieser Gutsbesitzer ist übrigens eine interessante Persönlichkeit. Sein Gut, sein Heidhof liegt in der Lüneburger Heide. Er selbst heißt der Heidkönig, weil sein Heidebesitz die größte Ausdehnung hat. Wohl auch, weil sein Geschlecht so alt und bieder ist. Also des Heidkönigs, — eines Königs Tochter — kommt in meine Kauzburg! Bin neugierig auf diese Heidkönigtochter. »Ein Kind der Heide« — — — ein Kind der Straße habe ich schon!

»Also meinetwegen, meinetwegen, nehmen Sie das Mädchen unter Ihre Fittiche«, sagte ich schließlich, um sie los zu werden. Fräulein Bartels Fittiche sind ja ehrwürdig, alt und genügend ausgemausert.

Aber nun hab’ ich meine Bedenken bekommen.

Was sagt Marianne dazu?

Ich rief sie. In der ihr eigenen anmutig-scheuen Weise trat sie in meine Stube.

»Sie wissen es schon, daß wir im Herbst oder Winter einen neuen Gast bekommen?« fragte ich.

»Ich weiß es«, antwortete sie.

»Na ... und ... Sie freuen sich doch, daß Sie nun in die einsame Kauzburg etwas Gesellschaft kriegen ... nicht?« Sie gab keine Antwort, hob nur langsam den Kopf. Ihr rotes Haar flimmerte, ihre roten Lippen waren halb geöffnet und stachen seltsam gegen ihr blasses Gesicht ab, in dem die blauen Adern wie kleine Schlangen zu sehn waren, die Leben hatten und sich zu bewegen schienen; schwer lagen die Augenlider mit den langen seidigen Wimpern noch über ihren Augen. Aber nun warf sie mit plötzlicher, zuckender Bewegung den Kopf in den Nacken, daß die rotgolden leuchtende Haarpracht wie ein Feuer, in welches ein Windstoß fährt, aufwirbelte, und sah mich an. »Marianne«, stieß ich zitternd hervor und umfaßte mit beiden Händen fest die eichene Kante meines Schreibtisches.

Da verzog ein Lächeln ihr Gesicht. Ehe ich zur Besinnung kam, hatte sie lautlos das Zimmer verlassen!

Ich aber warf mich erschöpft auf den nächstbesten Stuhl und bedeckte meine heißen Augen, meine heiße Stirn mit meinen zwei heißen Händen. »Wie soll das werden, wie soll das enden«, dachte ich immerfort.

Hast du recht gesehn, hast du dich nicht getäuscht? Sah sie dich wirklich mit liebedurstigen, liebeglühenden, liebeverlangenden Augen an? Hast du in diesem seltsamen rätselhaften Augenpaar auch noch einen anderen Ausdruck gesehen? Den Ausdruck von Haß? Gegen das Mädchen, das noch gar nicht hier ist? Das erst kommen soll?

Was sagten denn diese Augen? Warum bist du erschrocken vor ihnen?

Ein seltsam schauderndes Gefühl beschlich mich.

Und daneben die Gier nach diesem Mädchen, in dessen Augen ich soeben geschaut hatte.

»Hüte dich, hüte dich vor ihr!« flüsterte die eine innere Stimme, »Greif zu, greif zu«, stachelte mich die andere auf. —

Ich setzte mich an den Schreibtisch und nahm mir meine Arbeit vor. Erst tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Dann wurde ich wieder Herr über mich. Die Arbeit lenkte mich ab, gab mich der nüchternen Wirklichkeit zurück. Zwei Förster ließen sich melden. Ich besprach Dienstliches mit ihnen, ich sagte mich für morgen zur Reviertour bei ihnen an, die Kulturen sollten besichtigt werden, Pflanzen waren infolge der Sommerhitze vertrocknet, Gegenmittel mußten bedacht, Ersatz mußte geschafft werden, ja du, mein Wald, du mein Bergwald wirst mich heilen, wirst mir die Ruhe wiedergeben, die ich verlieren will!

Geht’s denn wirklich um in der Kauzburg? Wollen mich die abgeschiedenen Geister dieser hohen, geheimnisvoll dunklen und kühlen Räume in ihren unheimlichen Bann nehmen?

Ich möchte das Mädchen mit dem Feuerhaar fortschicken.

Ja, ich werde sie fortschicken! ...

Nein! niemals! ... Von dem Staube der Straße habe ich sie aufgelesen, nun muß ich sorgen, daß sie nicht verkommt im Straßenschmutz. Hatte nicht der Domherr mir durch Fräulein Bartel sagen lassen, ich täte ein gutes Werk, wenn ich dieses Mädchen behielte?

Ich muß mit dem Manne sprechen! Ja, ich will bald mit ihm sprechen. Wer waren ihre Eltern? Wo war sie, bis sie zu mir kam? Zu mir in die Kauzburg? Auf der Schwelle des katholischen Waisenhauses hat man dich gefunden, armes Kind? Aber du bist doch nun ein großes Mädchen, schon längst mußt du das schützende Dach des Waisenhauses verlassen gehabt haben, bevor du zu mir kamst ... wo hast du gesteckt in der Zwischenzeit? Ich will alles, alles von dir und über dich wissen, Marianne, du verstoßenes Kind der Straße. Du verstoßenes Kind des Lebens.

Was kannst du dafür, daß dich das Leben verstieß schon beim Eintritt ins Leben? Daß es dich auf die Schwelle eines Waisenhauses legte? Dort lagst du, armes, verlassenes Kind, dort lagst du und klagtest Gott im Himmel an mit deinen großen, dunklen Kinderaugen. Armes Kind. Nun hast du ein Dach über deinem rotgoldenen Haar!

Es ist nur das alte Dach meiner uralten Kauzburg, aber es ist doch ein Dach.

Das schützt vor Staub und Regen.

Die Sonne läßt es freilich herein an der vermorschten Stelle links, wo das Türmlein einst ragte, es ist die Sonne aber! Die lachende, heitere, helle Sonne. Die Tauben gurren dort oben, wenn der leuchtende Sonnenstrahl hineinblitzt in das dunkle Kauzgeschoß des Kauzburgdaches, drum laß ich nichts dichten, nichts flicken. Ich habe Angst, daß die Tauben dann nicht mehr dort gurren. Sie sind so wild, meine Kauzburgtauben! Ganz heimlich muß man sie füttern, sonst sausen sie fort in alle Winde und kommen erst heim, wenn alles still ist und abendlich. Nur wenn Marianne sie füttert, bleiben sie sitzen, flattern ihr nach und entgegen.

Aufs goldene Haar ist ihr kürzlich eine geflogen. Dort hat sie nach Körnern gepickt. Hat sie geglaubt, dort goldene Weizenkörner zu finden? —

Der Schalk von einem Mädchen!

Sie lachte, als ich sie fragte.

Sie hatte sich wirklich Körner ins goldene Haar gestreut. Die pickte der Täuber auf. —

Nun ist es da, das Gewitter!

War das ein Rumoren und Rollen den ganzen Nachmittag über am Himmel!

Erst zogen die dunklen Wetterwolken von Westen auf, dann ballte sich’s drohend im Osten. Dann flammte es auf, mal hier, mal dort. Fahlgelb das Leuchten, dumpfgrollend der Donner, schwül war die Luft und totenstill zuletzt!

Kein Blatt am Baum bewegte sich.

Wie Bleiguß lag es totenstarr ringsum. Dann kam es näher und näher.

Kein Vogel zu sehn, kein Schmetterling. Es hatte sich alles verkrochen. —

Hoch ragt die Kauzburg über die anderen Häuser empor. Ins Dunkle hinauf, das über ihr so drohend murrt und zuckt.

Huhu, huhu, hör’ ich den Waldkauz kreischen. Nacht sei es, mag er denken. So dunkel dräut das Gewitter.

Waldkauz, was schreist du so?

Huhu, nun ist es da, das Gewitter!

Wie es die Bäume packt und niederzwingt! Wie es flammt und züngelt, zischt und leuchtet, grollt und rollt, schmettert und kracht, und droht und beißt wie ein wilder Hund! Ist die Kette gesprengt, du wütender Wolfshund? Wen willst du packen mit deinem Gebiß? Wen willst du treffen, zerschmettern mit züngelndem Strahl, mit zermalmendem Zischen, unter drohendem Toben der blitzzersprengten Wolken?

Tobe nur, Wetter! Ich lache deiner! Ich steh’ am Fenster der Kauzburg, und die ist fest. Die hat schon manchem Gewitter getrotzt, schon manchem Sturme standgehalten, schon mancher Blitzstrahl ist durchs Gebälk gezischt, das alles hat sie überstanden. Zweimal schon hat das Feuer geprasselt in ihren mächtigen Balken. Gegen die Steinmauern war es machtlos und biß sich seinen Wolfszahn daran aus. Beiße nur, Wolfshund! Ich lache deiner! Am Fenster stand ich und schaute hinaus in die wilde hochbrandende Natur.

Da fuhr es prasselnd herab. Ein jäher, blendender Blitz. So blendend, daß ich die Augen schloß. Gleich darauf ein knatternder Donnerschlag. — Dann Stille, — dann wieder neues Toben.

Hat das der Kauzburg gegolten? Wolltest du beißen mit deinem Wolfsgebiß, du wilder Wolfshund im stürmenden Wetter?

Du hast gebissen! — Pfui, schäm’ dich!

Den alten vielhundertjährigen Nußbaum hast du zerbissen. — Pfui, schäm’ dich!

Da liegt seine Krone im Gartengestrüpp. Da fliegen angstvoll die Vögel auf, die in den Ästen saßen. — Pfui, schäm’ dich, ich sag’s dir das drittemal!

Hol’ dir doch andere Opfer und laß die Kauzburg mit ihren Insassen ungeschoren, du wüster, böser Gesell! —

Ich ging hinüber, wo Fräulein Bartel mit Marianne war. »Die werden erschrocken sein«, dacht’ ich. Ich traf Fräulein Bartel in heller Angst. Das Rosenkränzlein hielt sie in den zitternden Händen, und auf dem Tische vor ihr stand ein hübsches, buntes Muttergottesbild.

»Das hat eingeschlagen, das hat gewiß bei uns eingeschlagen«, sagte sie ängstlich.

»Dem Nußbaum hat es gegolten, Fräulein Bartel«, beruhigte ich sie. »Draußen im Garten hat es eingeschlagen, nicht ins Forsthaus ...... Aber wo ist denn Marianne?« — — —

Ich sah mich um, sie war nicht da.

Nun sah sich Fräulein Bartel auch nach ihr um.

»Ich weiß nicht«, stotterte sie, denn eben fuhr wieder ein knatternder Blitzstrahl unweit der Kauzburg ins Erdreich.

»Sie war vorhin noch hier.«

Ich hatte schon die Türklinke in der Hand.

Drüben bei mir in der Stube stülpte ich mir den Hut über, warf mir den Lodenmantel um und eilte auch schon die Treppe hinab.

Es war so finster, daß ich die kleine Handlaterne gut gebrauchen konnte.

Unten in der hohen, weiten Steinhalle schallten meine Tritte laut von den Mauern wieder. »Marianne!« rief ich; keine Antwort. So eilte ich denn durch den langen, gewölbten Flur nach der kleinen, ehemaligen Mönchspforte, die am Ende dieses von der Halle nach dem Eingang zum Keller führenden Ganges lag.

Schon stand ich an der niederen Pforte. Nur ein paar Schritte über den Burghof hatte ich zu gehn, um an den Kellereingang zu gelangen.

Ich riß die uralte, schwere Eichentür auf. Kraft mußte ich anwenden, so drückte der Gewittersturm von außen entgegen.

Nun schlug sie schallend zurück.

Ich trat hinaus in die furchtbare Sturmnacht.

Die große Linde im Burghof rauschte ächzend und bog sich fast zur Erde mit ihrem hohen Wipfel. Über abgerissene Zweige stolperte ich.

Überall flammte und leuchtete es blutrot, fahlgelb und violett, dauernd wurde das Stockdunkel durch Blitz und Wetterleuchten in unheimlichem, jäh aufblitzendem, jäh ins Tintenschwarze wieder vorübergehendem Glanz unterbrochen. Fast schmerzhaft den Augen. Dumpfdrohend, gellkrachend, prasselnd, knatternd die Donner dazwischen. Wütend kochte der Regen herab. Wie ein schäumender Sturzbach fiel er herunter und hatte den Hof zu einem See verwandelt.

»Marianne, Marianne!« schrie ich in das Toben hinein. Antwort gab mir allein die Linde. Sie fing ganz laut zu stöhnen an, in ihrem Stamme begann ein ächzendes Geprassel, alle Äste von ihr erbebten und zitterten und schlugen wirr ineinander. Mir war’s in dem blendenden Wetterleuchten, als ob ich den ganzen hohen, gewaltigen Baum hätte schwanken sehn, als ob er von seinem Platze, an dem er nun seit Hunderten von Jahren stand, weitergeschritten wäre, mit wuchtigem, schwerem, hallendem Schritt. Wie ein Riese tauchte er noch einmal vor mir auf aus dem tiefen, tiefen, pechschwarzen Dunkel dieser Teufelsnacht. Wie ein Riese stand er vor mir in dem jäh aufzüngelnden Blitz, der die Abgrundtiefe dieses Gewitterhimmels zerschnitt, dann begann das Sterben dieses Riesen.

Ein Krachen und Reißen entstand, das selbst die Stimme des Wetters überklang. Auf rauschten wild die Blätter, Zweige schlugen mich ins Gesicht, wie ein wütender, schriller Schrei tönte es plötzlich, — die Herzwurzel war geborsten — dann stürzte der Baum zur Erde.

Der Sturm brauste wie ein Sieger über ihn hin.

»Marianne!« keuchte ich angstvoll.

Wo war das Kind der Straße bei diesem vernichtenden Unwetter?

Mit ein paar Sätzen war ich drüben am Tor des Kellers. Das Tor stand auf. Schwarze Finsternis gähnte mir entgegen. Hoch hob ich die Laterne, bückte mich und tappte die zehn steinernen Stufen, die unter die Erde führten, hinunter. »Marianne!« rief ich da unten wieder.

Und siehe: Ein Lichtschein, kurz nur und spärlich, drang mir entgegen.

Sturm kam und warf hinter mir die Tür ins Schloß.

Abgesperrt von der Außenwelt stand ich, kaum konnte ich etwas sehn in dem winzigen Blinken meiner Laterne.

Aber dort vor mir, dort aus der Tiefe der Lichtschein! Die Angst trieb mich dorthin; die Angst hatte mich aus meiner Stube getrieben über den Hof ins Unwetter hinaus, nun hier hinein in diesen dunklen Keller. Die Angst? Um wen? Ja, um Marianne, das Kind der Straße. Ich mußte sie sehn, mußte wissen, daß sie geborgen war, daß sie lebte ....

Und nun stand ich ihr gegenüber. Unweit von ihr stand ich. An diesem seltsam schauerlichen Ort bei diesem seltsam schauerlichen Unwetter.

Bis hier hinein war das Toben und Tosen da draußen zu hören. Dumpf drang es bis hier hinunter.

»Marianne!« rief ich sie leise an.

Sah sie mich denn? Hört sie mich?

Nach vorn gebeugt, spähend, mit gierig grübelndem Ausdruck in ihren Augen stand sie im verschwimmenden Schein eines Lichtstumpfes, der auf einem aus der Mauer hervorragenden Steinkopf aufgeklebt war, und starrte auf die schwarzgrüne Steinmauer hin.

Ein mächtiger, mehrere Zentner schwerer Stein war dort aus der Mauer gebrochen, herausgeschleudert worden wohl durch einen herniedersausenden Blitz. Wie ein Felsblock lag er vor mir. Hinüber klettern mußte ich, um an Mariannens Seite treten zu können: Jetzt stand ich dicht neben ihr.

»Marianne, bei diesem Wetter sind Sie hier?« sagte ich voll Mitleid.

Sie wandte sich mir zu.

Ihre Augen brannten in einem triumphierenden Glanze, mit den Händen zeigte sie nach einer gähnenden Öffnung in der Mauer. Ich folgte dieser Bewegung und sah mit Erstaunen, fast mit einem Gefühl des Grauens, in einen unterirdischen Gang hinein, in den der Lichtschimmer unserer Kerzen zitternde Strahlen warf.

»Ein Gang, ein unterirdischer Gang?« rief ich erregt! »So ist’s kein Märchen, was die Leute sagen? Ein Gang führt von diesem Keller ans Ufer des Flusses unter der Stadt hindurch!«

Marianne faßte plötzlich meine linke Hand mit ihrer rechten und bog sie herab, so daß meine Finger über die glatte Fläche der neben uns liegenden, von der Gewalt des Blitzes herausgeschleuderten Steinplatte fuhren, die diese Öffnung bisher vor den Augen der Burginsassen verborgen hatte. Ich fühlte, daß in der Steinplatte etwas eingraviert war.

Mit der Laterne beleuchtete ich die Platte. Was sah ich! Ganz deutlich war die Figur einer Eule, eines Kauzes in den Stein geschnitten!

Marianne lachte vor sich hin.

»Eine Eule, ein Kauz,« rief ich, »ganz deutlich ein Kauz, ein Waldkauz in diesen tausendjährigen Stein geschnitten! Ich nannte dich Kauzburg, dich, mein Forsthaus, nun finde ich hier das Käuzchen in diesem Stein, der älter ist, als Burg und Mönche und Ritter!

Und wie? .... Was sehe ich unter dir, du steinernes Käuzchen längst verstorbener Zeit?

Eine Menschenfigur, einen Menschen in kniender Stellung, mit aufgehobenen Armen, betend zu dir, mein steinernes Käuzlein, anbetend dich als Gottheit! Ein heidnischer Stein, ein heidnisches Merkmal, ein heidnischer Gott in meiner Kauzburg!

Was hab’ ich gesehn!

Kauzburg hab’ ich mein Forsthaus getauft! Dem Heidengott hab’ ich mein Forsthaus wieder ausgeliefert mit meiner Taufe!

Oh, dreht euch nicht in euren Gräbern um, christliche Ordensritter und mönchisches Kuttenvolk!

Vor euch hat hier der Heidengott, der Kauz des Waldes, der Nachtvogel mit seinen großen, glühenden Augen gehaust! Ein Heidentempel ist vor tausend Jahren dieses Ordenshaus gewesen; auf den verschütteten Ruinen dieses Tempels haben ahnungslose Ritter diese Mauer errichtet.«

Ein Erdstoß ließ das Gewölbe erbeben, in dem ich mit Marianne stand.

»Kommen Sie, kommen Sie, Marianne,« drängte ich, »morgen, wenn das böse Unwetter vorüber ist, morgen am Tage wollen wir den unterirdischen Gang und die Steine hier untersuchen.«

»Nein, heute, jetzt«, sagte sie und wollte mich hineinziehn in den schräg abwärts in die Tiefe führenden Gang.

»Torheit!« rief ich scharf.

»Kommen Sie, und seien Sie nicht wie ein törichtes Kind, Marianne!«

Da umklammerte sie mich plötzlich mit ihren Armen. Ich fühlte ihre keuchende Brust an der meinen, ihr wogendes Haar spielte und streichelte mein Gesicht, ihr schlanker Leib drängte sich an den meinen, einen stechenden Schmerz empfand ich am Halse — schon ließ sie mich los, schon griff ich ins Leere, als ich sie von mir fortstoßen, nein, als ich sie an mich reißen wollte. Tiefe, stockdüstere, sargtiefe Finsternis umgab mich. Mein Licht in der Laterne war verlöscht. Ein leises Rascheln, ein Lachen vernahm ich, die Kellertür flog auf, der Donner rollte, und die Blitze flammten, dann war’s um mich wieder tintenschwarz und still. Dumpf nur hörte ich den Donner über mir. Ich stand wie betäubt. Aber dann überfiel mich ein Grauen vor diesem Ort. Ich tappte mich über den heidnischen Stein hinüber, an der kalten Mauer entlang, bis an die Tür. Als ich sie geöffnet hatte und die frische Nachtluft mir entgegenschlug, atmete ich tief auf. Fern hörte man noch den Donner vergrollen, es wetterleuchtete und flammte noch in den zerfetzten Wolken, aber durch ihre Lücken schien mild und freundlich der Mond. Der Sturm hatte sich gelegt, der Regen aufgehört, nur von den Zweigen der Bäume fielen noch einzelne, schwere Tropfen herab.

Im Burghofe lag die Linde. Sie war vom Sturme geworfen, ich hatte es nicht geträumt.

In ihren Blättern rieselten Wasserperlen und sickerten an der feuchten Borke des Stammes, allmählich zu kleinen Wasserbächen sich sammelnd, bis ins Erdreich, auf dem der Stamm nun lag.

Wie leid tat es mir, daß dieser Baum gefallen war. Und daß der Blitz dem Nußbaum im Garten seinen Wipfel zerschmettert hatte. Dieses Unwetter hatte mir die beiden liebsten Bäume geraubt.

»Dieses Unwetter hat mir auch endgültig meine Ruhe geraubt«, dachte ich, als ich neben der gestürzten Linde stand. Ich wußte: es war nun nicht mehr zu ändern, diesem Mädchen würde ich nicht länger widerstehn können. Sie zog mich hinein in ihre goldenen Fesseln, die sie um meine Schultern, über mein Gesicht geworfen hatte, sie hielt mich fest im Banne ihrer dunklen, grausamen, nein liebeglühenden Augen.

Hatte ich sie zum Leid der Insassen in meine Kauzburg aufgenommen? Zu meinem Leid? Zu meiner Wonne, meiner Lust? War’s Wonne, die ich empfand? Oder war’s nur Gier, wilde Gier, die sie in mir entfacht hatte?

Immer lichter wurde der Himmel. Immer zerfetzter die Wolken. Als ob von einem zerrissenen Mantel die letzten Stücke über den Himmel gejagt würden.

Wer hatte den Mantel zerteilt? Hatte man um ihn und seine Stücke gewürfelt?

Ja, lächle nur wieder herab, Freund Mond! Scheinheilig und freundlich, tückisch die Sünde erlaubend unter deinem unsicheren, sanft einhüllenden Licht. Du buhlst mit der Sünde, du freuest dich, du lachst, wenn unter dir gesündigt wird.

Eine wunderbare Ruhe war in die Natur getreten. Vor kurzem war alles noch so wildbewegt, jetzt schien die Ruhe selbst ringsum zu atmen. Als ich die breiten Steinstufen in meiner Kauzburg hinanstieg, klopfte mein Herz wild und erregt. Draußen in der Natur war nach dem Unwetter Ruhe geworden, der Sturm hatte sich austoben können, hatte sich ausgerast.

Auf Sturm folgt Ruhe, auf Ruhe folgt Sturm. So will’s das große Naturgefüge, das durch den Wechsel in seinen Lebensbedingungen lebt.

In mir war ein Sturm angefacht worden, ein wilder Sturm. Der wollte ausbrechen, sich austoben. Drum konnte noch keine Ruhe sein.

Mit klopfenden Pulsen öffnete ich die Tür der Wohnstube, wo Fräulein Bartel und Marianne sich für gewöhnlich aufhielten. Was würde ich finden? Wie würde ich’s finden? War Marianne schon da? Hatte sie sich verraten? Mich verraten?

Als ich eintrat, durchwärmte der trauliche Schein der Tischlampe den Raum mit gemütlicher Ruhe. Am Tische saß Fräulein Bartel und strickte, an der anderen Tischseite saß Marianne und las. Auf Fräulein Bartels Gesicht lag wie eine Erlösung die stille Mondnacht von draußen.

Drum stand auch hübsch im Winkel das liebe, hübsche Muttergottesbildnis.

Über Mariannens Augen lagen die zartweißen Lider mit ihrem seidigen, rotgoldenen Wimpernbehang. Rotgolden lag’s auch wie ein Leuchten über ihrem Köpflein. Der alte Feuerglanz, der alte Feuerzauber. »Ach, Marianne ist schon lange hier, Herr Oberförster,« sagte Fräulein Bartel, »sie war nur mal hinübergegangen vor die Tür, um das Wetterleuchten besser sehen zu können.«

Ein feines, flüchtiges, nur mir verständliches Lächeln huschte über Mariannens Gesicht.

»So, so«, meinte ich nur und sah auf dieses weiße Mädchengesicht, diese fein durchaderte, weiße, über das Buch gebeugte Stirn.

Sah’s nicht aus, als ob dort eine junge, kindlich-fromme Heilige saß und las?

»Herrgott, Sie bluten ja, Herr Oberförster!« schrie Fräulein Bartel plötzlich und sprang auf.

»Ich blute?« fragte ich und griff unwillkürlich nach meinem Halse.

Hatte ich dort nicht einen stechenden Schmerz gefühlt? Vorhin, als mich Marianne so heiß umschlungen hatte? Schon hatte Fräulein Bartel einen Handtuchzipfel feucht gemacht und wischte mir das Blut von der wunden Halsstelle ab.

»Ja, aber, was ist denn das? Das ist ja eine Bißwunde, man sieht ja ganz deutlich die Zahnabdrücke, eins ... zwei ... drei ... vier ..., mein Gott, Herr Oberförster, wer hat sie denn gebissen? Ein Marder? Eine Katze?« Ich sah forschend nach Marianne hin, während das kleine, alte Fräulein an mir herumwusch und -tupfte.

Ein grausames Lächeln, wirklich, ein unheimliches, wunderliches Lächeln verzog Mariannens Mund. Unsinn! Ich bin erregt, bin einer ruhigen Beobachtung nicht fähig. Sie lächelt ja gar nicht, ernst blickt sie in das Buch!

»Eine wilde Katze ist’s gewesen, vielleicht ein Vampyr«, scherzte ich und sah Marianne scharf dabei an.

»Nein, nein, Scherz beiseite, Fräulein Bartel,« sagte ich schnell, als sie mit einem unbeschreiblich entsetzten und kindlich-hilflosen Angstblick zu mir aufsah, »es ist eine Katze gewesen, die ich draußen von mir abschüttelte, und die mich wütend ansprang, weiter nichts.«

»Weiter nichts, Herr Oberförster,« wiederholte sie ängstlich, »ein Katzenbiß kann gefährlich werden. Marianne, geben Sie mir doch rasch das Fläschchen, auf dem Karbol geschrieben steht, ja, ja, das ist das richtige, so ... rasch ein paar Tropfen ins Wasser! ... aber Sie müssen stillhalten, Herr Oberförster ... und nun das englische Pflaster darüber ... nein, ich sag’ ja, was man nicht alles erleben kann in solcher alten, häßlichen Burg.«

»Nun, nun, es ist ein ritterlich-christlicher Bau, mein liebes Fräulein; denken Sie doch ... Ordensritter und Mönche!«

»Ja, freilich,« meinte sie erleichtert aufatmend, »fromme, gut katholische Herren haben hier gelebt ...«

»Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß!« dachte ich, »wenn du dabei gewesen wärest, als ich das heidnische Steinkäuzlein entdeckte, als mich da unten die rothaarige Wildkatze in meinen Hals biß!« Ist es denn möglich? Ist denn dieses hier in der traulichen Stube dieselbe Marianne?

Hat diese hier mich wirklich in solch rasender Gier umschlungen gehalten? Hat diese Marianne, die ruhig und still Fräulein Bartel hilft, als sei nichts gewesen, als hätte es kein Gewitter, keinen Sturm, kein Kellergewölbe, keinen gähnenden, in die Tiefe gähnenden Gang, kein steinernes Käuzlein gegeben, ... hat diese Marianne wie eine Wildkatze mich in den Hals gebissen?

Sind das nicht Augen, so sanft wie Taubenaugen? Ist’s nicht ein Lächeln, so sanft wie ein Lächeln der Heiligen? Rätselvoll sind diese dunklen, fast nachtschwarzen Augen. Genau so rätselhaft wie der See meiner Heimat im dunklen Walde. Der soll die Menschen, die sich in seine schöne Flut zum Baden stürzen, in seine Mitte ziehn, sie nicht mehr von sich lassen ... niemand mag mehr in seinem waldkühlen Wasser baden, man sagt, daß schon vier Menschen ihr Leben in seiner Flut haben lassen müssen ...