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Die Kauzburg

Chapter 5: 4
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About This Book

A diarist newly installed in an old stone forester's house above a riverside town records impressions of arrival, household chores, and the building's layered past. Moonlit nights, the river's sound, and encounters with owls, mice and other domestic creatures create an atmosphere that mixes practical routine and lyrical observation. Descriptions emphasize the castlelike architecture, high walls, overgrown garden and hints of subterranean passages, producing a persistent sense of ancient presence and adjustment to unfamiliar surroundings. The entries move between everyday details of furnishing and duty and reflective passages that probe solitude, the persistence of history in place, and the consolations of nature.

 

Die Katholiken des Städtchens veranstalteten am heutigen Sonntag eine Prozession.

Eine Bittprozession, daß nie wieder ein so furchtbares Unwetter wie gestern das kleine Städtchen heimsuchen möge. Fräulein Bartel und Marianne haben mich gebeten, daran teilnehmen zu dürfen.

Natürlich dürfen sie!

Wenn ich auch nicht glaube, daß es viel helfen wird, so mögen sie immerhin gehen.

Auf den Berg drüben überm Flusse zur Kapelle hinauf soll prozessioniert werden. Ganz friedlich, fromm und kirchlich. Mit Fahnen, Thronhimmel und Gesang. Mit Kränzen, weißen Kleidern und Jungfrauen vornweg.

Feierlich und schön wird’s werden, ein sehenswertes Schauspiel. Ich kenne diese Prozessionen aus Schlesien. Schon als Knabe haben sie mir gewaltig imponiert; stets sah ich voll ehrfürchtiger Spannung zu. —

Es liegt so viel kindlicher Glaube darin, daß sich eine das Weltall leitende Gottheit durch ein solches Häuflein singender und betender Menschen, durch ein paar bunte, von Menschenhand verfertigte Fahnen, durch Thronhimmel und gestickte Gewänder, Weihrauch und Weihwasser bestimmen lassen wird, gerade diesen Ort aus der Spannung der Naturereignisse auszuscheiden.

Ich will hoffen: kindlicher Glaube. —

Jeder Glaube ist schön. Sobald er aus einem wirklich gläubigen Herzen kommt, ist er erträglich. Bewußter Aberglaube ist unschön. Man soll nicht glauben um irgendeines Vorteils willen, man soll nur dann glauben, wenn man wirklich glaubt. So will ich mich denn auf die Mauer stellen, dort, wo die Stufen in ihr Gestein gehauen sind.

Dort bergen mich die dichten Büsche des abgeblühten Flieders, Goldregens und Ginsters. Von dort aus kann ich die Prozession von weitem schon sehn, kann sie vorbeiziehn lassen dicht unter mir an der Mauer, kann zusehn, ohne selbst gesehn zu werden. Über mir schlagen die laubgefüllten Zweige eines Ahorns und einer Platane zusammen. Und bilden ein schützendes Dach gegen die allzu sommerliche Sonne, den allzu sommerlich heißen Tag.

Ihr armen Prozessionierenden! — schon höre ich Euren Gesang, schon die sechs städtischen Musikanten mit ihren Trompeten, Pauken und Trommeln! — — Bei dieser Hitze in langsamer Prozession! ... Im dicksten Straßenstaube!

Das muß doch ein göttliches Herz erweichen.

Hinauf zum Himmel dringt mit dem Straßenstaube der Gesang, wie in Wolken gehüllt wird er höher und höher getragen. Halt da! ... schon biegen sie um die Ecke! Schon sehe ich die weißgekleideten Jungfern, mit blühenden Kränzen im freigelösten braunen und blonden Haar, sie streuen Blumen, ein anmutig Bild, und hinter ihnen die hellauf singende Knabenschar in roten Chorröckchen mit brennenden Kerzen in den reingewaschenen, sonst so schmutzigen Jungenhänden, ... nun der goldbestickte, blausamtne Thronhimmel, an vier Säulen getragen von vier ehrwürdig, von der Heiligkeit ihrer Handlung durchdrungenen Männern, in langen, schwarzen Röcken, und unter dem Himmel der Domherr mit der in seinen Händen hoch emporgehobenen, goldstrahlenden Monstranz. Sie ist schwer, die Monstranz, drum werden seine Arme von zwei jungen Pfarrern, die dicht neben ihm schreiten, gestützt.

Noch kenne ich den Domherrn nicht. Ich sehe ihn heute zum erstenmal. Doch der Thronhimmel und die Monstranz verdecken sein Gesicht. Ich sehe aber, daß ein rötlicher, mit Grau gemischter Haarkranz unter seiner gestickten Bischofsmütze hervorquillt. Sonderbar, ist es die Sonne, die seine Haare so rötlich erschimmern macht, just wie dieselbe Sonne das Haar Mariannens so rötlich leuchten läßt?

Zwei Menschen mit solcher Haarfarbe in ein und demselben Städtchen? Ei, Marianne, ich habe gedacht, daß deine Haarfarbe nicht zum zweitenmal zu finden sei auf dieser schönen, im Sommerstaat prangenden Erde.

Ein stolzer Mann, der Domherr. Wie schreitet er fürstlich fast unter dem Himmel dahin. Wie schlank sieht er aus, wie vornehm in seiner priesterlich-bischöflichen Pracht. Ja, ja, die Herren verstehn es gar gut, auf ein harmlos gläubiges Menschenherz zu wirken.

Langsam schwankte die heilige Monstranz unter dem Thronhimmel an mir vorüber.

Noch freute sich mein Auge an den in den blauen Samt gestickten Goldsternen des Thronhimmels, dieses hübschen Himmelchens unter dem großen Himmel, von dem die Sonne herablachte in ihrer goldflutenden, ewigen Schönheit, da zuckte ich jählings zusammen.

— — Allein — dicht hinter dem Thronhimmel — ging Marianne. — — — Ein weißes Kleid hatten sie ihr angetan, in das rotgolden leuchtende, in langen Wellen über die Schultern wallende, seidige, köstliche Haar hatten sie ihr einen blauen Vergißmeinnichtkranz gelegt, in ihren Armen hielt sie, wie die Madonna, das Christuskind, ein aus Wachs geformtes Engelskind, das mit weitoffenen, unveränderlich, freundlich lächelnden Augen zu seiner Madonna, die es so sorgsam trug, herauflächelte.

Und so schritt sie dahin! So schritt sie hinter dem bunten, goldumstickten, hoch über allem schwankenden Thronhimmel, der das Allerheiligste beschirmte, langsam, wie in holdem Traume träumend, dahin.

Sie hielt das liebliche, weiße Gesicht gesenkt. Es sah so natürlich, so selbstverständlich aus; die Mutter sah auf das lächelnde Kind in ihrem Arme herab.

Da hab’ ich nun das steinerne Heidenkäuzlein in meinem Hause, auf heidnischer Stätte der grauen Vorzeit stehe ich, wollte ein Schauspiel mir ansehn, nichts weiter: aber fromm ward mir im Herzen beim Zusehn dieses Zuges der zu ihrem Gotte betenden, singenden Menschen, ganz fromm ward mir ums Herz, als ich das weißgekleidete Mädchen erblickte mit dem lichtweißen Gesicht, umflutet von dem feuergoldenen Rothaar, in dem wie kleine Himmelssterne die tausend Vergißmeinnichtblüten verstreut lagen.

Man greife ans Gemüt des Menschen, so wird er gläubig! Als Marianne gerade unter meinem verborgnen Standpunkte auf der Mauer der Kauzburg vorbeikam, hob sie ihr Gesicht. Ohne zu suchen, zu irren, trafen mich wie zwei Pfeile die Strahlen ihrer Augen. Sie konnte mich doch nicht sehn, aber sie sah mich. Ich fühlte es, daß sie mich sah. Daß sie direkt in meine Augen sah. Ihre Augen schienen mich zwingen, mich rufen zu wollen: »Komm von deiner Mauer herab, komm neben mich und schließe dich diesem Betgang an!« Wende deine Augen von mir ab, Verführerin! Wende sie fort, fort, fort! schrie ich ihr in ihre Nachtaugen zurück. Wollte ich ihr hinabschreien, mitten hinein in diese fromme Menschenmenge!

Mein Mund blieb stumm, nur ein Zittern in meiner in das Astzeug der Büsche verkrampften Hand hätte sagen können von dem, was mein Herz schrie, was mein Mund verschwieg. Ich folgte ihr mit meinen Blicken. Ich sah ihr langwehendes Haar in den Strahlen der Sonne glühn und gleißen, — ja, sahen denn die anderen nicht, daß in den roten Haaren dieser demütig-frommen Heiligen, der man als Sinnbild das Engelskind in den Arm gelegt hatte, — ja, sahen denn die andern nicht, daß kleine Teufel in ihren roten Haaren herumsprangen und teuflische Grimassen schnitten? — Viel Volk folgte noch nach. Ein schier endloser Menschenzug. Jeder, selbst der ärmste hatte sein Haus verlassen, um sich diesem Bittgang anzuschließen.

Der alte Bischofssitz von ehemals thront noch immer hier. — Nun werdet ihr bald auf der Berghöh’ drüben sein, ihr frommen Sänger und Bittgänger!

Vor der Kapelle, die dort oben zwischen den alten breitkronigen Buchen und Eichen steht, werdet ihr singend auf die Knie fallen, die geistlichen Herren werden vor den Altar treten und ihre Beschwörungsformeln sagen, und lachen vom Himmel dazu wird die Sonne.

Sie lacht bis zu mir hinein in mein grünes Laubversteck, Goldblitze tupft sie bald hier auf dieses dunkle Blatt, bald dort auf jene rote Rosenblüte, bald blitzt zwischen den runden Kieseln zu meinen Füßen ein Goldkorn auf, vom goldnen Sonnenstrahl getroffen, bald zieht sich zitternd und flimmernd ein langer Goldstreif über den Gartenweg. Ein goldner Himmel liegt um mich gebreitet. Ich möchte keinen Zwischenhimmel haben. Durch nichts behindert, nichts entstellt, so will ich meinen Himmel haben.

Seit Tausenden von Jahren geht nun das Suchen nach dem Himmel.

Menschen und Völker sind darüber zu Erde geworden, und andere haben auf ihnen neue Tempel gebaut. Und jeder sprach: »Dies ist mein Tempel, ist mein Gott, und Nebengötter dulde ich nicht.«

Und all diese Himmel hat die Erde überdauert! Die Erde, aus der wir kommen, in die wir gehn. Die schöne, frische, die lebenzeugende und ewig junge Erde. Oh, Erde, wie lieb ich dich! In dir zu ruhn und auszuruhn, muß köstlich sein nach Jahren des Lebens, nach Jahren der Arbeit, nach Jahren der Freude und Trauer, nach Sonnentagen und Regentagen, nach Sommertagen und Wintertagen, wenn grau das Haar geworden ist und alt der Mensch. Wir suchen den Schlaf und freuen uns seiner. Warum haben wir Furcht vor dem Schlaf in dir, Erde? Hatten wir Furcht vor dem Schlafe, als wir noch schlummerten im Mutterschoß? Hat uns das Leben feige gemacht? Wollen wir ewig leben? Wir kleinen, winzigen Menschlein, wir? Wir würden die Ewigkeit stören, ihr ewiges Weiterbauen und ewiges Neuerzeugen. — — — —

Ich bin allein in meiner Kauzburg. Als einziger Mensch. Fräulein Bartel und Marianne sind drüben auf jener schönen, waldverschlungenen Bergeshöhe bei frommem Gesang und frommem Beten, benutzen will ich das Alleinsein, hinuntersteigen will ich zu meinem steinernen Heidenkäuzlein, eine Forschungsreise will ich in den unterirdischen Gang unternehmen. Es ist Sonntag heute. Der Sonntag soll mich schützen bei meiner heidnischen Fahrt in die Tiefe hinab! — —

Im spärlich lichtspendenden Schein meiner Laterne stand ich nun wieder vor dem heidnischen Stein. Diesmal allein. Nicht wie gestern im Banne von rotem, flutendem Haar. Genau forschte ich jetzt die Steinplatte ab. Wirklich: unzweifelhaft blieb das Käuzchen im Stein und unter ihm der betende Mensch. Ganz grob und ohne Kunst hineingeritzt in den Stein. Aber deutlich erkennbar. Hier des Käuzleins große Rundaugen, darüber mit zehn kurzen Strichen die gesträubten Federn des fauchenden Vogels, an den Seiten die Federbüschel der Ohren, sodann die Flügel, unten die Krallen der Füße, ein Eulenvogel war’s. Darunter der betende Mensch! Die aufgehobenen Arme sind deutlich zu sehn. Hier dieser Kreis mit den beiden Löchern übereinander, dem schrägen Strich zwischen ihnen, dem wagerechten darüber und deutlich der Kopf. Die langen Striche mit den fünf kurzen Ritzen an jedem Ende: Die Beine — kein Zweifel: ein betender Mensch!

Hoch hob ich die Laterne und spähte in die Dunkelheit des Ganges hinein. Er war so hoch gewölbt, daß ich fast aufrecht stehen konnte. In schräger Steilheit führte er in die Erde hinein.

Nur Mut, ein Jäger kennt keine Furcht!

Langsam tappte ich vor. Schlüpfrig war der steinerne Boden. Feuchtigkeit klebte an den Steinwänden, feuchtkalt und glitschrig fühlte sich die Steindecke über mir an.

Holst du mich, Tiefe der Erde?

Willst du mir ein wenig lüften von deinem tiefen Geheimnis?

Was kennen wir denn von dir, du allgewaltiger großer Mutterschoß!

Die Schale von dir, die oberste, dünnste Schicht deiner Schale durchfurchten wir mit unserer schwachen Kraft. Doch deine Tiefen öffnest du nicht vor unserem Blick.

Flammendes Feuer, brandendes Brodeln, zischendes Kochen birgt tief dein tiefstes Inneres. Und schickt ausstrahlende Kraft in den erdigen Gürtel, damit er Leben hat und Leben hervorbringen kann.

Öffne dich, Erde! Öffne dich, ich dringe in dich hinein. Wie tief mag ich sein? Kein Laut von außen. — Die tiefste Stille, die stillste Ruhe um mich herum. Schwach leuchtet mein kleines Laternenlicht. Vorwärts, Jäger! Ein Jäger kennt keine Furcht! — —

Es benahm mir den Atem.

Doch fühlte ich, daß ein leiser Luftstrom den Gang durchstrich. Also mußte am unteren Ende eine Öffnung sein. Sonst hätte ich ersticken müssen auf dieser unterirdischen Forschungsreise.

Immer weiter drang ich vor. Nur einmal hemmten Steine meinen Weg. Ich räumte sie beiseite, kroch über sie hinweg und strebte vorwärts, nur immer vorwärts. —

Halt? Hör’ ich nicht ein dumpfes Rauschen? Ist’s unter mir, ist’s über mir?

Sag’ dein Geheimnis, Erde!

Siehe! Vor mir, weit vor mir in der Ferne malt sich ein schwacher Lichtschein im finsteren Gange ab!

Das muß des Ganges Ende, das muß die Öffnung nach oben, zum Licht der Erde sein! Steil ging es aufwärts — steil abwärts war’s bisher gegangen.

Zum Licht empor, zum Leben jetzt!

Immer deutlicher wurde der erst so schwache Lichtschein. Wie ein Schimmern drang es mir entgegen. Hoch über mir sah ich Felsenwände aufwärts streben, sah grünendes Gezweig hoch aus den Steingeröllen winken, — sei mir gegrüßt du schönes Sonnenlicht!

Ich kletterte dem Lichtspalte zu. Über Geröll und Steintrümmer hinweg klomm ich aus der Erdtiefe empor.

Die Öffnung am Ende des unterirdischen Ganges, durch den ich wie ein menschlicher Maulwurf gekrochen, war fast völlig mit Brombeer- und wilden Himbeerranken zugewachsen. In reifer, schwarzer und roter Fruchtfülle hingen die Zweige.

So viel als möglich schonte ich das Geranke. Es half aber nichts: mein Weidmesser mußte mir freie Bahn schaffen. Zerkratzt kam ich endlich durch die schmale Öffnung ans Tageslicht hervor.

Fast hätte ich einen Jubelruf ausgestoßen, so schön war, was ich sah.

Von allen Seiten strebten Berge in die Höhe; sie waren mit üppig in hundert bunten Farben blühendem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen. Hängende Blütengärten schienen sie zu sein. Von allen Seiten abgeschlossen und geschützt vor spähenden Augen lag dieses kleine Tal. Ein in den Sonnenstrahlen spiegelnder Teich, in dessen klares Wasser die Zweige der Buchen am Uferrande tauchten, lag verträumt und still inmitten des Grüns der Wiese, die dem kleinen Tal als Boden diente. Haselgesträuch mit reifenden Nüssen buschte hier und dort und bildete lauschige Inseln im hellen Grün der Wiese. Weißstämmige Birken mit ihrem lichten, zarten Blättergrün standen zu zwei’n oder drei’n am Rande der Wiese, wo die Berge anfingen, und streckten ihre jungfräulichen Wipfel ins dunkle Nadelgrün einer Fichtengruppe hinein.

Bunte Wiesenblumen unterbrachen das Grün der Wiesengräser mit lebhaften Farben, Schmetterlinge umgaukelten die Blumen, Bienen summten, Käfer blitzten mit ihren goldglänzenden Flügeldecken im Sonnenlichte auf, Eichhörnchen hüpften fauchend in den Haselnußsträuchern umher, ein rotbrustiges Finkenhähnchen schlug froh und kecklich seinen hellen tönenden Finkenschlag, Goldammern huschten im Grase, und Lerchen standen wirbelnd, und sich ins ferne Blau des Himmels, der wie ein Auge in dieses heimliche Wiesental hineinsah, höher schraubend, in der warmen, klaren Sommerluft.

Und dieses alles abgeschlossen und still verborgen vor der Außenwelt. Man fühlte es: nie war die Außenwelt bis hier hinein gedrungen.

Große, behauene Steine fielen mir auf, die am westlichen Uferrande des stillen Teiches lagen. Über die grüne, blumenbesäte Wiese ging ich zu den Steinen heran und sah zu meinem Erstaunen, daß auch in sie wunderliche Figuren und Zeichen eingeritzt waren. Auch war deutlich eine kreisrunde Anordnung der Steinplatten noch zu erkennen. Unzweifelhaft stand ich hier an einer in grauer Vorzeit heidnischen Opferstätte, an der zu den längst als unecht von uns neuen Menschen abgesetzten Heidengöttern gebetet worden war. Vielleicht auch an einer Stätte einstiger Menschenopferung.

So hatte ich hier einen sicher noch ganz unbekannten geheimnisvollen Ort ehemaligen Heidentums entdeckt. Kein Mensch wußte etwas von diesem allseitig abgeschlossenen kleinen, stillen Tal, das nun zu einem so wunderschönen Fleckchen unberührter, köstlicher Natur geworden war. Kein Mensch. Aber erschrocken fuhr ich zusammen.

Hatte es nicht geseufzt in meiner Nähe? Hatte ich nicht den sehnsüchtig lockenden, leisen Ton einer menschlichen Stimme gehört?

Ich stand still und horchte. Aber mein lauschendes Ohr vernahm nur den leichten Sommerhauch, der warm und wohlig durch die lichtgrünen Birkenwipfel strich, nur den fröhlichen, hellen Finkenruf, nur das Bienensummen, nur das plätschernde Hochschnellen der nach den tanzenden Mücken schnappenden Fische. Doch nein! Dort klang es deutlich zum zweiten Male! Dort, wo der Teich die bis unters grüne Laubgebüsch sich hinziehende Bucht bildet! Geister der alten Heidenzeit, seid ihr’s, die ihr so sehnsüchtig, so liebeatmend seufzt?

Seelen geopferter Menschen, seid ihr’s, die ihr an diesem sonnendurchstrahlten Sommersonntag ins Licht des Tages schwebt und nun den Reigen Abgeschiedener an dieser stillen, so wonnig-schönen Stätte tanzt?

Mensch, der du durch finsteren Erdgang in dieses zauberhaft liebliche, von Sonnenlicht und Sommerwinden erwärmte Tal den Weg gefunden hast, den keine anderen Menschen fanden, ist es dein eigenes Atmen, das du nur im Echo hörst? Nein, nein, mein eigenes Atmen ist es nicht! Ich muß ergründen, was an jener laubverhangenen Bucht dort Leben atmet, Leben ausseufzt, sehnsuchtsvolles Leben. —

Ich schlich mich von Gebüsch zu Gebüsch. Schmetterlinge jagte ich auf, die mit geschlossenen Flügeln an den Blütenkelchen der Wiesenblumen gehangen hatten und, vom süßen Duft ermattet, eingeduselt waren, grüne Heupferdchen hoppten, gestört aus ihrer Ruhe, im grünen, frischen Wiesengras mit gewaltigem Satz empor, sobald mein Fuß die Grasrispen erzittern ließ, Vögel flüchteten aus dem Haselnußgebüsch, an das ich streifte, ein Eichhörnchen fauchte mich mürrisch an, wickelte seinen Buschschwanz in die Höhe und wußte nicht recht, was es aus mir Eindringling in diesem Versteck zwischen den Waldbergen machen sollte; eine unschuldige Natter wand sich in das Wurzelwerk der Buche hinein, hinter deren Stamm ich haltmachte, lauschte und spähte, — nichts hörte ich mehr. Aber was erblickte ich, als ich die Zweige der Erlen vor mir auseinanderbog? War es ein Spuk? Ein holder, teuflischer, schöner, schrecklicher Spuk? Ein Spuk der Heidenwelt, in deren erstorbene, längst vermoderte Vergangenheit ich eingedrungen war? War etwa alles Spuk? Das kleine tiefe Tal? Der stille, spiegelnde, hier so dunkeltiefe Waldteich? Die buntbeblumte Wiese? Die Bergeshänge mit ihrem rankenden Gebüsch? Aus dem es blühte, duftete und Früchte niederhangen ließ? O holder Spuk, o schreckensschöner Spuk!

Ich möchte fliehn, und fest gebannt steh’ ich und kann nicht fort!

Und ist’s ein Traum, dann halte noch ein wenig aus, du holdes Traumgebild!

O Marianne, du hast mich ja bezaubert! Was hast du nur aus mir gemacht! Ich seh’ dich vor mir, seh’ dein flutend rotes Haar! Bis hier in dieses stille Tal folgt mir dein Bild. — Ja, Marianne! —

Dicht an dem Ufer des Waldsees lag sie lang ausgestreckt auf dem Wiesengras.

Dort lag sie und schien im Schlaf. Sonnenschein sprang durch das leichtbewegte Blattgerank der Erlen wie goldenes Blitzen über ihren herrlichen, weißen Leib, der wie in Feuersglut getaucht erschien in all der Fülle rotgoldenen Haares, das ihn umflutete und seine Blöße verhüllte. Leicht über sie bis an den Busen hochgebreitet lag das weiße Kleid, das man ihr vorhin beim heiligen Bittgang angetan hatte. Blumen lagen darüber gestreut in allen Farben des glühenden, blühenden Sommers. Auch an dem leuchtenden Rot der köstlichen, seidigen, glänzenden Haarpracht hingen blaue Glockenblumen wie schwere, schöne Himmelstränen.

Noch rieselten hier und da von ihrem weißen, sanft geschwellten Busen kleine, glitzernde Wasserperlen ins Gras zu den Seiten herab, noch lag’s wie ein feuchter Nebelreif über ihrem Haar. Sie mußte soeben erst der klaren Flut des Waldsees entstiegen sein.

Wie bist du hierher gekommen? Woher, sag’ mir, woher kennst du dieses stille, heimliche Tal? —

O wär’ ich geflohn in diesem Augenblick! Noch war es Zeit, noch Zeit zur Flucht, zur Rettung!

Aber da hob sie das Köpfchen, die blendenden Arme, die weißen Hände, da schob sie die wogende Haarflut zurück, da dreht sie langsam, ganz langsam ihr holdes Gesicht mir zu, da wölbte ein Lächeln die roten Lippen, da trafen — zwei sengende Strahlen — ihre Augen mitten hinein in die meinen.

»Marianne!« schrie ich laut auf, dann leise, ganz leise, noch einmal: »Marianne!«

Ich weiß es nicht, ob ich zu ihr hingestürzt bin, ob ich langsam, ganz langsam über das Stückchen grüner Wiese, das mich von ihr trennte, geschlichen bin. Vielleicht geschlichen wie ein Dieb, der stehlen wollte. Weil man zum Stehlen ihn aufgefordert hatte. Ich weiß das alles nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich vor ihr niederkniete, daß ich ihre nackten Arme, die sich kalt und weiß wie Elfenbein mit seinem fein getönten, fast nur geahnten Gelb in das rote Haargewoge verschlungen hatten, an mich riß, daß sie sich selbst wie eine aufbäumende Schlange gegen mich warf. O Marianne. — — — — — —