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Die Kauzburg

Chapter 6: 5
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About This Book

A diarist newly installed in an old stone forester's house above a riverside town records impressions of arrival, household chores, and the building's layered past. Moonlit nights, the river's sound, and encounters with owls, mice and other domestic creatures create an atmosphere that mixes practical routine and lyrical observation. Descriptions emphasize the castlelike architecture, high walls, overgrown garden and hints of subterranean passages, producing a persistent sense of ancient presence and adjustment to unfamiliar surroundings. The entries move between everyday details of furnishing and duty and reflective passages that probe solitude, the persistence of history in place, and the consolations of nature.

 

Sonne, schöne Sommersonne, du versinkst hinter den hohen Domtürmen der kleinen Stadt.

Die beiden Kreuze auf den Turmspitzen gleißen wie pures Gold.

Wohnt Gott in ihnen? Gott, der die Sünde bannt, von Sünde löst und freispricht?

So sprich mich frei von meiner Sünde, Gott! — — —

Stilles, heimlich verborgenes Tal, dein Boden ist getränkt vom Blut der Menschenopfer alter heidnischer Zeit.

Forderst du ein neues Opfer? — — —

In der Dämmerung schlich ich mich am Fluß entlang in das Städtchen zurück.

Hatte ich nur geträumt? War’s Fieberwahnsinn, Fieberglut gewesen?

Hatte sich wirklich soeben erst lachend und keuchend mit flammenden Augen und glühender Stirn ein zauberschönes Mädchen meinen Armen entwunden? War fortgesprungen wie eine weißschimmernde Elfe mit rotwallendem Mantel über das sanfte Grün der stillen Wiese im Tal? Hatte grausam ihr Lachen geklungen? Und hart und spröde und siegestrunken? Und sanft und girrend, lockend und drängend, verführend, bezaubernd wie das Lachen der Zauberin Circe?

Neben mir klingt und singt der Fluß. Am Ufer drüben ragen im Abendschein die Häuser, die Türme und Mauern der kleinen Stadt.

Ragt die Kauzburg hoch über die anderen Häuser hinweg. »Huhu, huhu« schrien ein paar Käuzchen und flogen lautlos um die schlanken Pappeln, die hier am Ufer stehen. Ganz still und unbewegt. So wie ich selbst hier stehenblieb und stand, ganz still und unbewegt. Und in das fließende, rinnende, immerfort fließende, immerfort rinnende Wasser des Flusses starrte. Bis immer mehr der Abend niedersank und nur ein letztes rotes Leuchten Kunde gab von einer Sonne, die verschwunden war, um einer anderen Welt ihr Licht zu spenden.

Ein Glöcklein klang vom Dom. Das Abendglöcklein war’s. Dann fiel ein zweites tieferes Glöcklein der evangelischen Kirche ein. Sie klangen schön miteinander. Wie Schwester und Bruder. Aber die Menschen, die ihnen zuhörten, waren nicht wie Schwestern und Brüder miteinander. Sie befeindeten sich und bekriegten sich. — Schwestern und Brüder. — Gestern war Marianne eine Schwester von mir gewesen und ich ihr Bruder. Denn der christliche Glaube lehrt, daß wir Menschen alle Schwestern und Brüder sind. —

Heute? Jetzt?

Wie kann man Bruder sein zu diesem Mädchen! Ich wußte es doch seit Wochen, daß ich ihr nicht Bruder bleiben konnte. Warum hab’ ich sie nicht von der Schwelle der Kauzburg verjagt? So hätte ich meine Ruhe heute. So brauchte ich nicht so scheu wie ein Dieb in meine Kauzburg zu schleichen. Ich fühle mich schuldig. Ich verfluchte das stille Tal, den Waldsee, die sonnenfreudige grüne Wiese.

Und doch! .... Wenn ich zurückdachte ...... Marianne, ich bin dein! — — — — — — — —

Es war mir lieb, daß ich niemandem begegnete. Daß ich ungesehen in meine Stube kam. —

Morgen werde ich ruhiger denken. — — — —

Um Mitternacht ging ich zu Bett.

Still lag die Landschaft im milden Mondschein um meine Kauzburg.

Eine sommerlich warme, ganz klare Nacht. Drüben in den Feldern zirpten die Grillen. In weißen Gewändern hing der Nebel auf den Wiesen und schwebte als weißseidenes Feintuch über den Fluß. Mir ward ruhig zumute; wunderlich ruhig. Warum nicht immer so? Aber ist denn das Meer zu jeder Stunde ruhig? Brandet es nicht zuzeiten in wildem Gischt an den Strand? O Menschenherz, wie gleichst du dem Meer. Wie gleichst du der Natur in ihrer sanften Schönheit, in ihrem wilden Sturm. —

Ihr fliegt um die Kauzburg, ihr beiden Käuzlein? Der Mond ist euer Helfer und Freund bei eurer lautlosen Mausjagd. Auch mein schlesisches Käuzlein mag nun im stillen, mondbeglänzten Wald auf seine Mäuslein jagen. Und meine Mutter mag gerade die Hände falten und leise beten: bleib brav und gut, du lieber Sohn. — O Mutter, Mutter! —

Verstoßen könnte ich sie; fortstoßen mit den Füßen könnte ich sie! Aber sie zieht mich in ihren Arm, ihr goldenes Rothaar schlingt sie um meine Schultern, sie küßt mich voll Gier und voll Wonne, voll trunkener Lust und seliger Wonne, sie trinkt mein Blut, und ihre nachtschwarzen Augen sengen bis tief in mein Herz; ich reiße sie an mich, ich zähle die Stunden, wo ich sie habe im stillen, kleinen Tal, am dunklen Waldsee, im grünen Wiesengras, wo Schmetterlinge gaukeln, wo das Finkenhähnchen seine Rufe schmettert, und wo es sonst so still ist wie im Paradies.

Fortstoßen könnte ich sie; nein, niemals kann ich sie lassen; mein muß sie sein, mein muß sie bleiben. —

Merkt es denn niemand, niemand, daß ich ein anderer geworden bin?

Merkt es denn niemand, daß wir sündigen? Bin ich ein Doppelmensch? Vor den andern der eine, vor mir der andere? — Aber die Sünde wird zuletzt zur Gewohnheit. Das Gewissen schläft ein. Wozu es wecken! —

So gehen die Tage hin. Abwechselnd zwischen der Sünde und Pflicht. Die Pflicht hält jener das Gegengewicht. Die Arbeit reißt mich wieder und wieder empor, sie bringt mir die Ruhe und lenkt mich wohltuend ab.

Die Arbeit, die der Wald wie grünes Gezweig über mich ausschüttet. Daß ich sein Jünger bin, sein Pfleger und Schirmer, ist meine Rettung.

O Wald, wie liebe ich dich!

Weißt du es, Bergwald draußen, was du mir bist? Daß ich mich an dich anklammere, wie rankender Efeu am starken Eichenstamm es tut?

Mein lieber Bergwald, deine Luft macht rein und gesund. Gesund an Seele und an Leib. Ja, bin ich denn krank?

Ach, trauter Wald, ich möcht’ es dir sagen. Ich möchte mich hinknien auf hoher Berghöh’, wo du nur um mich bist mit deinem Rauschen, das so kräftig klingt, so wunderschön, so stolz und ruhig, dort möcht’ ich zu dir sagen und reden von meinem tiefen Leid. Sieh’, keiner weiß es, und keiner ahnt es. Wie mich umschlingt diese Zauberkraft, dieses feuerglühende Haar, wie sie mich immer und immer in Fiebergluten reißt, wie ich so machtlos bin im Banne ihrer grausigen Augen. Wie, grausig sag’ ich und lache mich nicht selbst gleich aus? Sind’s Augen nicht wie dunkle, schlummernde Tiefen des Sees? Des Waldsees, der den Tag verträumt in stiller, kosender Ruhe? So sanft und weich, wie das Wasser des Waldsees ist?

Kann denn ein Waldsee zum Tode locken?

Zur Tiefe, in der man ertrinkt mit ringendem Arm, mit verlöschender Kraft, mit letztem Kampfe ums Leben?

Doch, doch! — — — Ein See hat Tiefen, die niemand kennt. Ich weiß von einem, der lockt so weich, so kosend, doch was er an sich lockt, nie wieder kehrt es ans Ufer zurück. Hab’ ich das Ufer verloren? — —

O, Bergwald, wie kühl und kraftvoll ist dein Atmen, dein Leben!

An dich, du starker Eichenstamm, hab’ ich mich angelehnt. Und schaue hinab ins Tal zu meinen Füßen. Lau spielt der Sommerwind in den Blättern der Eichen und Buchen. Wie grünes Flimmern im blauen Himmelssommerglanz. Die Blätter sprechen, sie sprechen schön wie Vogelsang und Vogelsingen. Zur Ruhe sprechen sie. Zum Frohsinn mahnt ihr trauliches Rauschen und Klingen.

Zum Frohsinn in Ruhe. Das ist das Rechte! Ja, Frohsinn in Ruhe!

Das Leben lebt, und es lebt nur einmal, nie wieder. Weshalb denn traurig sein?

Hab’ ich nicht dich, mein Wald?

Durchspüle mich, rasch, durchspüle mich mit deiner kräftigen Waldluft! Füll’ mir mein Herz damit, so widersteht es der Lockung, füll’ mir die Brust, so werd’ ich sie dehnen und frischen Atem schöpfen, füll’ mir die Kehle, so will ich singen dem Waldvogel gleich auf den wiegenden Ästen der Buchen, füll’ meine Augen damit, so werden sie trunken ewig schaun die Schönheit der Natur, der Wald- und Bergnatur, in der ich Sünder stehe, erfülle mein ganzes Ich mit deiner reinen Würze, so bin ich sündlos zur Stunde.

Und ist’s denn Sünde? Ist’s wirklich Sünde, wenn sich zwei Menschen schrankenlos einander geben? Wozu denn Schranken? Frei will ich sein von allen Schranken! Sind denn die Vögel in Ketten gelegt, in Schranken? Ist denn der freie Hirsch, der durch die Waldgründe zieht, gebunden? Muß denn das Füchslein erst bitten, wenn es die Hasen holt? Der Wanderfalk, wenn er aufs Rebhuhn stößt? Frei, Frei! — — — Du bist ein Mensch, kein Falk, kein Hirsch! Bedenke es, du bist ein Mensch.

O, teuer muß man erkaufen, ein Mensch zu sein. Denn Zucht und Sitte binden. Und müssen binden, soll nicht die Allgemeinheit leiden.

Singt, singt, ihr Vögel in den grünen Zweigen! O singt, ihr seid ja luftbeschwingte, freie Sänger!

Schreite stolz wie der Waldfürst durch die tiefen, atmenden Gründe, du hochgeweihter Hirsch, du bist ja ein Hirsch, ein freier Hirsch des herrlichen Waldes!

Schleiche, mein rotes Füchslein, schleiche hinaus ins Feld, durch das wogende Meer der Halme, und greif dir das hoppelnde Häslein. Du bist ja ein Waldfuchs, ein loser Gesell, brauchst keinen zu fragen: »Sag’, darf ich?«

Blauschimmernder Wanderfalk, Beherrscher der Luft, stoß herab, stoß herab! An den Grabenrain hat sich das Rebhuhn gedrückt, kaum hebt es sich ab im braunen Gefieder von brauner Erde. Doch deine pfeilscharfen Augen sehen es ... Stoß zu, stoß zu! Wer sollte dich hindern? ...

Ich bin nur ein Mensch. Nichts weiter. Und hab’ mich an Menschengebot zu halten. Und soll ihn gehn, den Tageslauf der Pflicht. Und wollt’ ihn gehn und will ihn gehn. Wozu bist du, rothaarige Hexe, dazwischen getreten in meine Pflicht und in den Tageslauf eines Menschenseins?

Warum nur, warum?

Als Waisenkind, als Kind der Straße nahm ich dich in mein Haus.

Bist du ein Kind der Straße?

Man hat dich auf der steinernen Schwelle des Klosters gefunden, in das man barmherzig das elternlose, ausgesetzte Kind aufnahm. Doch niemand weiß, woher du kamst.

Stammst du von Wesen ab aus einer anderen Welt, die wir nur ahnen, niemals aber sehn?

Ich fand dich unter der Erde vor dem gähnenden Abgrund zur Tiefe, neben dem Stein mit dem heidnischen Zeichen stehn, mein bist du geworden im kleinen Tal, an heidnischer Opferstätte. Im heidnischen Waldsee hattest du gebadet, noch perlten die Tropfen wie klare Tränen von dem herrlichen Weiß deines Körpers, da riß ich dich, nein, du rissest mich in deine Arme, in all dein flutendes, sprühendes Haar — — — wer bist du, wunderbares Zauberweib? Hast du die Macht, der Menschen Seelen in dich einzusaugen? Hilf mir, Wald! Mach’ mich wieder frei von ihr! Hilf deinem Grünrock, du schöner, grüner Wald! — — —

Im Mondschein ritt ich nach Hause. Über mondbelichtete Berge, durch ein mondbelichtetes Tal.

An jedem Zweige hing wie ein Silberschein des Mondes Glanz, in seinem Silberglanz gebadet schien das Tal.

So ritt ich der Kauzburg zu, und meines Reitpferdes Hufe tönten vom Wurzelwerke, mit dem der Waldweg durchflochten war, dumpf zurück. Ein unvergeßlich schöner Ritt.

Froh fühlte ich mich und frei.

Mit meinen Förstern, den ehrlichen, geraden Naturmenschen, war ich zusammen gewesen, hatte die herbstlichen Schlagflächen mit ihnen besucht, über die Pflanzen, die Saaten, über Wald und Wild, über den Dienst und seine Forderungen hatten wir gesprochen, und fast unbewußt hatte ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden.

Aber, je näher ich dem Städtchen und meinem Forsthause kam, desto mehr wich die Ruhe von mir. Mein Gaul merkte es mit dem feinen Instinkt, den Pferde und Hunde, unsere intimsten Hof- und Hausgenossen, für unsere Stimmungen haben. Aufgeregt tanzte er unter meinen Schenkeln. Und plötzlich stutzte er, sprang zurück, und stand zitternd still. »Was hast du, Pascha?« sagte ich und klopfte ihm den Hals. Der Mondschein lag hell über der Straße. Vor mir bauten sich klar und scharf die Häuser des Städtchens auf. Ganz deutlich sah ich die Kauzburg, jeden Schornstein konnte ich erkennen.

»So geh doch, Pascha, vorwärts!« Ich gab ihm etwas die Sporen. Da schnaubte er und gehorchte. Aber als ich auf das mondhelle Feld blickte, das unter dem alten Kirchhof, der dicht an der Gartenmauer meiner Kauzburg liegt, sich hinzieht, fuhr ich im Sattel zusammen. Eine weibliche, weiße Gestalt bewegte sich quer über das Feld auf mich zu. Nicht schnell, nicht langsam, ganz monoton und traumhaft. Ich erkannte sie sofort. Denn wie ein köstlich goldener, wie Feuerschein lohender Mantel floß über das weiße Kleid das lange, gleitende Haar und ließ sich bespiegeln von dem silbernen Schein des Vollmondes.

Es war Marianne.

Marianne, die mir die Ruhe geraubt hat, Marianne, meine Sünde.

Meine Sünde, mein Leid und meine wonnige Lust.

So kam sie über das mondbleiche Feld, so leuchtete ihr rotes Gluthaar im Silberstrahl des Mondes. Ja, sah sie mich nicht? Ging sie im Schlaf?

Da fiel es mir jäh aufs Herz: sie leidet an der Mondsucht, mondsüchtig ist sie und heute ist Vollmond.

»Marianne!« rief ich.

Da stand sie still und hob den Kopf. Und sah starr auf mich und mein Pferd, und sprang wie ein schlankes Reh auf uns zu und hing an meinem Halse, ich wußte nicht, wie.

Und hing vor mir im Sattel und herzte und küßte mich, und Pascha, mein Gaul, ging ruhigen, stolzen Schrittes den schmalen Pfad, der zur Kauzburg führt, hinan, und der volle Mond sah mit einem Lächeln auf uns herab, und eine Wolke kam und hüllte des Mondes blasses Licht in Dämmerung, und der Sommer blühte und koste in den Halmen, und ich, ich hatte alles vergessen, was ich mir vorgenommen hatte, draußen im frischen Wald, ich hatte dieses Mädchens Leib in meinem Arm, und so, auf meinem Pferde, brachte ich sie heim zur Kauzburg, schlich mit ihr heimlich wie ein Dieb in meine Stube ... Marianne, Marianne.