Der Domherr ist heute bei mir gewesen, und machte mir seinen Besuch. Lange war er verreist. In jedem Jahre macht er große Reisen.
Ich sah ihn vom Fenster aus ins steinerne Burgtor treten. Was tausend, wie kann sich der Mann benehmen.
Gleich im Burghofe blieb er stehen und sah sich um. »Niemand da, mich zu empfangen?« Jede Bewegung, sein ganzes Wesen sprach das aus.
Mein Forstlehrling kam aus dem Bureau, dummdreist wie immer. Je näher er dem Domherrn kam, desto unterwürfiger wurde der Junge. Ich glaube gar, er küßt ihm noch die Hand. Das fehlte gerade, er, der Sohn evangelischer Eltern, der Lehrling eines evangelischen Oberförsters! Ich hörte des Domherrn wohlklingendes Organ: »Ist der Herr Oberförster zu Hause?« Ich sah, wie mein Lehrling bejahte und vor dem geistlichen Herrn die Tür der Halle aufriß, ich hörte im Flur die Klingel, einen Ausruf Fräulein Bartels, ich öffnete meine Stubentür und sah, wie Fräulein Bartel ihrem Seelsorger die Hand küßte, sah seine segnende Handbewegung, sah, wie Marianne fast auf die Knie sich vor ihm beugte, sah, wie er auf ihr rotes Haar seine Hände legte und leise einen Segen auf dies rote Haar — ach, dieses Haar, das mich verführte — sprach, da richtete er seine hohe Gestalt auf, seine Augen trafen die meinen ... ja, bin ich denn närrisch? Seh’ ich denn schon in allen anderen Augen die Augen Mariannens? In jedes anderen Menschen Haar die Haarpracht Mariannens? — — —
Der Mann vor mir hatte ihre Augen und ihr rotes Haar! —
Ich bat ihn, einzutreten. Er saß mir gegenüber. Sein kühnes, kluges Gesicht hatte ich dicht vor mir. Er spricht gewandt, benimmt sich wie ein Fürst, versteht es, sich angenehm zu machen durch flüchtig hingeworfene Schmeicheleien, die sicherlich bei hundert Menschen wirken werden — und doch — er ist mir unangenehm.
Warum?
Es ist eine solche Wahnsinnsidee! Ich muß krank sein, ja, ich bin krank. Marianne macht mich fieberkrank!
Ist’s nicht Wahnsinn, daß ich bei seinen Augen an Mariannens Augen denke? Daß ich fortwährend die Farbe seines, um die Tonsur sich wellenden, mit wenig Grau gemischten Haares mit Mariannens rotem Haar vergleiche?
»Wie sind Sie mit dem Mädchen, das auf meine Empfehlung in Ihr Haus kam, zufrieden, Herr Oberförster?« fragte er mich.
Sah er mich lauernd an? Hatte er nicht ein höhnisches Lächeln auf seinem Munde? Hat er irgend etwas gemerkt? Weiß er ... mein Himmel, weiß er etwa ... — Ich mußte wohl länger als schicklich geschwiegen haben auf seine Frage, denn er fragte noch einmal und sah mich verwundert an. Nur verwundert, natürlich, nur verwundert. Denn wo kann er denn etwas wissen!
Ich wollte ihn doch über Mariannens Herkunft ausfragen! Und nun fragt er mich nach ihr!
»Gut, ganz gut, Herr Domherr,« sagte ich und fuhr mir über die Stirn — sei klug und sei wahr und verrate dich nicht, liebe Seele, redete ich mir zu, »aber ich möchte Sie heute bitten, Herr Domherr, mir doch etwas Näheres über des Mädchens Herkunft mitzuteilen, es interessiert mich, da sie in meinem Hause ist und ich doch gerne wissen möchte, wen ich im Hause habe, darum ...«
»Ich will Ihnen gerne sagen, was ich weiß«, unterbrach er mich ruhig, und nur sekundenlang fühlte ich wie eines Messers scharfe Schneide den Blick seiner Augen in den meinen: — »Dieses Mädchen wurde an der Klosterschwelle als soeben geborenes Kind gefunden. Wir nahmen es in unser Waisenhaus auf. In des Kindes Windeln fand sich ein Zettel mit folgenden Worten: Nehmt dieses Mädchen im Namen Gottes, im Namen der heiligen Mutter Gottes auf, so wird des Herrn und der Heiligen Segen auf euch ruhen.«
»Und wie waren die Schriftzüge?« sagte ich, um etwas zu sagen, da er schwieg und wie traumverloren zur Erde starrte.
Er fuhr auf.
»Wie? ... Was meinen Sie?« ... rief er.
Ich war ganz verblüfft über seine plötzliche Aufgeregtheit.
»Aber ich bitte Sie, Hochwürden«, sagte ich.
»Ach so, ... so, ... bitte, bitte ... Sie meinen die Schriftzüge?« wiederholte er meine Frage und fuhr sich mit seiner schmalen Hand — wo habe ich denn bloß solche Hand schon gesehen? durchfuhr’s mich — über die Stirn. »Die Schriftzüge? ... Eines Weibes Handschrift war’s, ... wohl von der unbekannten Mutter dieses Mädchens ..., es ist lange her ... man vergißt es ..., aber auch Sie, mein Herr Oberförster, tun ein gutes Werk, wenn Sie das elternlose Geschöpf in Ihrem Hause behalten und ...«
»Ja, ja«, unterbrach ich ihn rasch, — ich hatte förmlich Angst, er könnte sagen: »und es vor allem bewahren«.
Aber sie war es doch gewesen, sie hat jede Schranke durchbrochen, sie hat mich dazu gebracht! Ich habe mich gewehrt wie ein Verzweifelter, immer, immer — gegen mich und mein eigenes Fleisch und Blut habe ich mich gewehrt, übermenschlich, wie ein Ertrinkender sich gegen die Wogen wehrt, bis er zuletzt doch ertrinkt, nein, trinkt, trinkt, trinkt von dieser höchsten Lust und Wonne, aus dem Becher dieses süßen, süßen Giftes!
»Ich wundere mich, Hochwürden, daß Sie Marianne in das Haus eines evangelischen Hausherrn ziehen ließen«, sagte ich.
»Aber warum denn nicht, Herr Oberförster, warum nicht?« meinte er lächelnd. »Ich wußte doch, daß Ihre Wirtin, Fräulein Bartel, katholisch ist, daß Ihre Mutter selbst, mein Herr Oberförster, Katholikin ist, ja, daß Sie selbst katholisch getauft sind, also gehören Sie doch auch etwas uns an, sind ...«
»Ich bin ein Protestant, Hochwürden«, unterbrach ich ihn kurz und scharf.
»Nun, nun, es war nicht schlimm gemeint«, sagte er mit derselben Freundlichkeit. Bloß seine Augen sah ich einen Augenblick schillern.
Als er ging, wiederholte sich das Schauspiel des Handkusses und der Segenspendung. Marianne kniete vor ihm nieder.
»Du warst lange nicht zur Beichte, Marianne«, sagte er, während er das Zeichen des Kreuzes über sie machte.
Sie zuckte zusammen. Unmerklich. Aber er hatte es gesehen. Seine tiefen, forschenden, dunklen Augen flammten auf.
»Du wirst zur Beichte kommen, mein Kind, nicht wahr?« Es klang sehr ruhig, sehr gütig, aber es klang wie ein Befehl.
»Ja«, sagte Marianne gehorsam.
»Dieser Mann hat große Gewalt über die Herzen der Menschen«, dachte ich, als ich allein war. Wenn Marianne zur Beichte geht und alles beichtet, was wird sein?
Und dann rief ich mir die soeben mit ihm geführten Gespräche ins Gedächtnis zurück.
Wie fein versteht er es, Schlingen zu legen. Er weiß natürlich ganz genau, daß ich kein Kirchgänger bin. Daß ich im Walde immer am besten die allwaltende Gottheit finde. Und nun sollte ich gar ein ganz ansehnliches Häuflein von Heiligen und bestickten Fürsprechern zwischen der Gottheit und mir haben? ... Ich mußte lachen. Nein, nein, das wäre nun schon gar nichts für mich einfachen Sohn des Waldes!
Lieber sollt ihr, meine lieben Bäume, Fürsprecher für mich sein! Rauscht meine Gebete mit eurer grünen Blätterpracht dem lieben Herrgott zu, erzählt ihm von dem Jägerlein, das an den Eichenstamm sich lehnt mit aller seiner Sünde, all seiner Herzenseinfalt trotz aller Sünde, rauscht bittend dem lieben Gott ins Ohr: »Herr, geh’ nicht ins Gericht mit ihm, er ist ein ganz passabler Kerl und uns viel lieber als mancher, der in der Kirche zu dir singt, schau ihn dir an in seinem grünen Röcklein, lieber Gott, guck’ auch mal unter dieses grüne Röcklein, wo sein Herz sitzt, gönn’ ihm ein stilles Plätzchen später mal zur ewigen Ruhe unter seinen Bäumen, dann wird er schlafen dort gleich einem Dachs so schön und fest.« — Bin sonst nicht neidisch: aber den Dachs beneide ich um seinen festen Winterschlaf.
Dächslein, komm in meine Kauzburg und bring’ mir deinen Schlaf mit. Ich hab’ den ruhigen Schlaf verloren. Aber auch du würdest ihn verlieren, sähest du dies rote fließende Goldhaar; oh, mein Dächslein, mein liebes Dächslein, zu deinem Besten rate ich dir: bleib draußen im Walde in deinem Bau! — — — —
Marianne kommt in die Stube und wischt Staub.
»Marianne,« sagte ich leise und trete an sie heran, »wirst du beichten gehn? Wirst du alles beichten? Du kannst doch nicht alles beichten, Marianne.«
»Hast du Furcht?« fragte sie und lacht, daß ihre Zähne blitzen. Und umschlingt mich mit ihrem linken Arm und fährt mit dem rechten über die Politur des Schränkchens. »Sieh, wie fein das nun blitzt und wie sauber«, meinte sie, und drückte sich an mich wie eine Katze mit weichem Katzenfell.
»Beichte, was du willst!« stoße ich hervor. »Aber bleib mein!« — — — — — — —