Du würdest Augen machen, glühende Kauzaugen, mein schlesisches Waldkäuzlein, wenn du die beiden Mädchen in meiner Kauzburg sehn würdest.
Marianne, dieses zauberschöne, schlanke, hochragende, leidenschaftliche Geschöpf, mit seinen schwarzen Rätselaugen, mit seinem feuerflammenden Gluthaar, und neben ihr Erika, die keusche, treue, liebliche, schlichte Blume der Heide. Ich kann nicht recht dahinterkommen, wie diese beiden Gegensätze miteinander stehen.
Man sagt ja, Gegensätze ziehen sich an. Nun, dann müßten die zwei sich anziehen wie zwei Magnete, die im Weltall kreisen.
Wie sonderbar, ich komme mir vor wie der Forstbub im schlesischen Wald. Und doch ist die schöne Forstbubenzeit im heimatlichen Wald so lange schon vorbei. Aber Erika ist’s, das Heidekind! Das hat mir gestern so viel erzählt vom stillen Wald in der Heide. Wie sie als Kind sich dort verlaufen hat und Blumen pflückte, die gepflückten fortwarf und wieder pflückte und gar nicht merkte, wie der Abend kam. So recht nach Waldkinds Art. Und wie sie nirgends lieber hinlief als in den Heidwald. Und wieder und wieder sich dort verlief, bis die Hirten sie fanden. Die wurden aufmerksam durch das Geblök der Heidschnucken, die sie durch den Waldbusch nach Hause trieben. Die meldeten das Kind und blieben stehn, blökten und rupften die Blumen aus ihren kleinen Händen.
Und nie ist dem Kinde im Heidwald etwas passiert. Der Heidwald schützt die kleine, aufblühende Heidblume. Die nun in stiller Anmut erblüht ist und unterm Dache meiner Kauzburg ist.
Zwei Blumen blühen in meiner Burg.
Eine rote, wilde Rose mit holdem und doch betäubendem Duft, mit Dornen auch, die keiner Rose fehlen; eine Heidblume, Erika, eine liebliche, stille Blume mit zartem Duft, eine Blume, die treu der einsamen Heide bleibt und treu ausharrend ist in ihrem stillen Blühen. Nun ist sie schon ein paar Wochen hier, wie doch die Zeit vergeht.
Wie ein Hauch des Friedens geht es durch die Kauzburg. Draußen liegt tiefer Schnee, es ist Winter. In meiner Kauzburg ist’s sommerschön.
Marianne ist sehr wechselvoll in ihren Stimmungen. Viel mehr noch als früher.
Ach, wie oft reißt sie den Frieden, in dem ich nun lebe, mit ihrer Leidenschaft ein!
Und immer wieder unterliege ich ihrem Reiz und schlag’ mir den Frieden um die Ohren.
Heute liegt sie zu Bett. Sie klagt über Kopfweh und Übelkeit. Ein schrecklicher Gedanke kam mir. Um Gott, bloß das nicht. Das würde mich unrettbar an sie ketten. Aber meine Angst ist grundlos; sie lachte mich aus, als ich fragte, was ihr fehle. Sofort hat sie meine Gedanken mir von der Stirn gelesen. Gott sei Dank, es ist nichts! — Zum erstenmal saß ich des Abends mit Erika allein an dem großen Tisch in meiner Stube; die Hängelampe warf ihren hellen Schein auf die Tischplatte und ihr dämmeriges, dunkleres Licht ringsum auf die gewaltigen Hirschgeweihe, die gut geperlten Rehkronen, den Elchkopf mit seinen mächtigen Schaufeln, die beiden Wildschweinkämpfe urgewaltiger Rassen, und das Heidekind, das seine Heide und sein heimatliches, einsames Heidehaus verlassen hatte, erzählte mir von seiner Heimat, der Heide.
Ich hörte staunend zu. Mir wurde bewußt, wie gerade die einfachsten Landschaftsmotive Bilder von unvergleichlicher Kraft und Schönheit geben können. Während dieses treue, schlichte Heidekind von seiner geliebten Heimat in treuen, schlichten Worten sprach, aus denen man wie eine zarte Blume die Herzenssehnsucht nach der Heide herausfühlte, erstand vor mir die Heide, die weite blühende Heide.
Ich sah sie blühn in ihrem eigenartigen Braun und Lila der holden Waldblume Erika, ich sah auf dieser einsam weiten braunvioletten Heide die weiße Birke mit ihren hellgrünen zarten Blättern stehn, jungfräulich in der jungfräulichen Heide, ich sah das dunkle Moor mit seinem grauschwellenden Polster, mit seinen silbern schimmernden Wollgrasbüscheln, die roten Doldentrauben der Eberesche, an denen die Krammetsvögel picken und sich schon früh beim ersten Sonnenglühen dort sammeln, ich sah dies schöne, ernste, wunderbare Sonnenglühen über die Heide seine goldigrote feine Farbe legen, ich sah die Wasserflächen einsamer Teiche unter dem goldigen, wärmenden Glanz der Morgensonne aus ihrer Schwermut freundlich erschimmern, die hohen Wacholderbäume wie hohe Lorbeerbäume von frohem Morgenglanz durchleuchtet, am Horizont den dunklen Saum eines Waldgebüsches sich abheben, ich sah die ganze ungeahnte Farbenglut wie Purpur aus dem Horizont sich heben, immer weiter und weiter ihren roten Purpur verstrahlend, sah, wie die Sonne stieg und stieg und nun dies verträumte Flimmern und Glänzen und Zittern begann, das Nähe und Ferne in seine Märchenstimmung zieht und allen Farben unsagbare Feinheit und Zartheit verleiht, und nun sah ich den einsamen Hof, das einsame Heidehaus, das seine Heidblume Erika an uns hier abgegeben hatte.
Ein Eichenwäldchen umgibt schützend und schirmend den einsamen Heidhof.
Von mächtiger Bauart ist das Herrenhaus mit seinem tiefhangenden Strohdach, zwei Pferdeköpfe auf den Giebelseiten scheinen den Fremdling begrüßen zu wollen mit lautem, tönendem Wiehern, über dem Eingang ins Herrenhaus ein urgermanischer Spruch, er soll die bösen Geister bannen und ihren Fluch abwehren; rings um das Herrenhaus die holzgebauten Gehöfte, die Ställe, die Scheunen, der Speicher, das Backhaus, unweit davon die Katen der Arbeiter, und als des Hofes Wichtigstes der Steinbrunnen mit seinem gewaltigen, am nahen Eichbaum hochgehangenen Brunnenschwengel. So ruht der Heidhof im Flimmern stiller, träumender Mittagsonne; die Heidschnucken sind um den Steinbrunnen gelagert, umschlossen das ganze Idyll von einem Wall von Findlingssteinen im Osten und sonst von kunstvoll geflochtenem Palisadenzaun.
»Fern von der Welt«, sagte ich, als sie schwieg.
»Ja, fern von der Welt«, wiederholte Erika träumerisch und mit einem ungemein glücklichen, kindlichen Ausdruck in ihrem Gesicht.
»Mein Vater meinte, daß man fern von der Welt, auf dem einsamen Heidhofe am glücklichsten lebe!«
»Recht hat Ihr Vater, und nun ist er doch in die Welt hinaus, sogar in die weite Welt übers weite Meer!«
»Weil er mußte«, sagte sie ernst, »es ist ihm bitter schwer geworden, seinen Heidhof zu verlassen.«
»Seinen Heidhof, mehr noch seine Heidblume Erika«, sagte ich lächelnd.
»Ja, uns beide«, meinte sie ohne Ziererei, während ein freundliches Lächeln ihr ernstes Gesicht erhellte.
»Der Heidkönig hat seine Tochter, die Heideprinzessin, unter den Schutz meines Daches gegeben«, scherzte ich.
»Ach, wer hat das verraten?« fragte sie mit dem ihr eigentümlichen, so wundervoll melodisch klingenden Lachen.
»Ja, es ist richtig, man nennt meinen Vater den Heidkönig und mich die Heidkönigstochter; wohl weil von alters her unsere Eltern und Ureltern auf diesem Binnenheidhof sitzen und wir den größten Eigenbesitz in der Heide haben.«
»Ein kleines Fürstentum ... nun, wenigstens ein Grafentum, ja, ja!« rief ich.
»Aber von dem Grafentum sind nur vierhundert Morgen unter dem Pfluge,« sagte sie lachend, »alles übrige ist Wald, Heide, Moor und Bruchland. Hei und Holt sin dem Buren sin Stolt!«
»Nun, Heide und Holz sind nicht nur des Bauern Stolz, Fräulein Erika. Auch wir Grünröcke sind stolz auf unser Holz!«
»Haben Sie schönen Wald?« fragte sie.
»Morgen nehme ich Sie mit in den Wald, Fräulein Erika. Ich muß hinaus in einige Holzschläge, und da sollen Sie den schönsten Bergwald, den es gibt, in weißem Schneeglanz sehn.«
»Gerne fahre ich mit und freue mich sehr darauf. Werd’ ich auch Heide, weite, weite Heide sehn?«
»Nein, weite Heide nicht. Nicht solche Heide, wie Ihre Heimatheide ist, holde Heidkönigstochter. Die gibt es hier nicht; ich wünschte, ich könnte sie Ihnen herzaubern.«
Einen Augenblick zog sich betrübt ihre Stirn zusammen und sie blickte auf das vor ihr liegende Heidebild, das sie mitgebracht hatte, herab. Gleich darauf schaute sie aber auf und blickte mir freundlich und schelmisch in die Augen.
»So werde ich denken, daß hinter dem schönen Bergwald, in dem wir im Schlitten fahren werden, die weite Heide liegt, und daß ich sie bloß des Waldes wegen nicht sehen kann«, sagte sie.
»So ist es brav und hübsch von Ihnen, Heideprinzessin. Sie werden ja wieder zurückkehren in Ihre einsame, schöne Heide, und ich muß hier bleiben, wo ich bin.«
Ich weiß nicht, ob in meinem Ton, mit dem ich das sagte, etwas Zerrissenes, Trübes lag. Denn sie sah mich einige Sekunden ernst und prüfend an.
»Hier ist es doch auch schön und einsam. Wenigstens können Sie doch so viel Einsamkeit haben, wie Sie wollen, nicht?« fragte sie dann.
»Ich möchte Einsamkeit und Ruhe haben, ja«, stieß ich unwillkürlich hervor.
Ach, dieses unverdorbene Heidekind mit seinen unschuldigen Augen, die schelmisch und träumerisch, lieb und gut blickten, ahnte ja nicht, was in mir vorging! — Ahnte ja nichts von der Sünde, die durch dieses Hauses Räume schlich, ahnte nichts von dem Zauberbann, unter dem ich mich krümmte und wand, ahnte nichts von den roten Haarfesseln, die mich umschlungen und fester hielten als Eisenketten.
»Erzählen Sie mir doch noch von Ihrer Heide, bitte, bitte, liebe Heidkönigstochter, ich werde so ruhig und still dabei, wie der Forstbub es wurde, wenn ihm die Mutter Märchen erzählte.«
Wieder traf mich ihr ruhig-ernster und prüfender Blick.
»Was sind denn zum Beispiel die Lieblingsgerichte der Heideleute, hm?« fragte ich scherzend. Nun machte die Heidkönigstochter zwei Schelmenaugen.
»To hungern brukt hi keen, so heißt es bei uns in der Heide!« sagte sie fröhlich.
»Unsere Lieblingsgerichte wollen Sie wissen? Ei, so muß ich mit dem Buchweizenpfannkuchen beginnen. Den ißt der Heidjer am liebsten. Auch ich als Heidjerin. Aber auch Buchweizengrütze und Buchweizenklöße, dann Erbsen und Kohl wie der Hase draußen, der sich sein Teil davon zu holen weiß, Bratbirnen und Speck und Quetschkartoffeln mit Buttermilch, ja, ja, to hungern brukt hi keen!«
»Weiß Gott!« rief ich laut lachend, so laut und froh wie seit langem nicht, »to hungern brukt dort keen!« ... »Eins haben Sie noch vergessen, Heidetochter, ... den Heidschnuckenbraten!«
»Schnuckenbraten gibt es nur am Sonntag«, meinte sie, »und wenn eine Hochzeit gefeiert wird.«
»Haben Sie besondere Hochzeitsbräuche in der Heide«, fragte ich.
»O ja, noch den Brauch des Brautheischers«, erwiderte sie.
»Wie ist denn das, Fräulein Erika?«
»Nun, der Brautheischer tritt in die Diele des Brauthauses, schlägt mit einem langen, mit Heideblüten bekränzten Stabe an den Dössel des Tores und heischt feierlich dreimal die Braut, und ist sie ihm überliefert, so zerbricht er den Stab und wirft die Stücke in das flammende Feuer des Fletts.«
»Des Fletts?« fragte ich.
Sie sagte: »Das ist der ebenerdige Raum, in dessen Mitte die Feuerstelle mit Feldsteinen ummauert sich befindet. Ein wichtiger Platz, denn an ihm werden Knecht und Magd gedungen und gekündigt, von ihm aus tritt die Heidetochter den Weg an in das Haus des auserwählten Ehemannes.«
»Wie feierlich und ernst löst sich das Kind der Heide doch vom Herdsitz seiner Väter!« sagte ich lächelnd.
Sie sah mich verwundert an.
»Es ist doch auch feierlich und ernst, wenn die Tochter den Hof der Eltern verläßt, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen und seine Hausfrau zu werden.«
»Und wenn die Eltern dagegen sind? Nicht wollen, daß ihre Tochter seine Hausfrau wird? Fliegt dann nicht das Töchterlein manchmal dem Vöglein gleich heimlich ins Freie? Hinaus aus dem Herdsitz der Väter? Hinüber zum Heidhof des Geliebten?« scherzte ich.
Ich vergaß, daß ein reines Heidekind mir gegenübersaß; vergaß, daß nie der Saum ihres Kleides etwas Sündhaftes berührt hatte, vergaß, ach ich vergaß, daß ich, ich nicht mehr den Saum ihres Kleides berühren durfte.
Sie gab keine Antwort. Nur wie in schmerzlicher Trauer und Scham senkte sie den Kopf und blickte von mir fort, zum Fenster, durch das der weiße Schnee unterm Mondglanz hineinblickte.
»Sei’n Sie mir nicht böse, ich bitte Sie, sei’n Sie mir nicht böse!« sagte ich rasch und dringend. »Sie dürfen mir nicht böse sein, Erika, Sie sind doch ein Schutz für mich, Sie sind doch der Frieden, die Ruhe für mein Herz!« Ich wußte kaum, was ich sprach. Plötzlich überfiel mich mit schrecklicher Wucht dieses unglückselige Verhältnis zu Marianne! Diesem reinen Heidekind gegenüber kam es wie eine förmliche Verzweiflung über mich. Immerfort schrie es in mir: »Könnte ich dir doch so in deine Augen schauen, wie du mir mit deinen reinen Heideaugen in meine Augen blickst! O könnte ich das, ach könnte ich das!«
Da wandte sie ihren Kopf wieder zu mir hin. »Ich bin Ihnen nicht böse«, sagte sie so warm und herzlich, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht. »Weshalb sind Sie denn so sehr, so furchtbar unglücklich?« Und ihre Augen blickten mich hell und klar wie zwei Sonnen durchdringend an.
»Ich unglücklich? Ach, Unsinn ... ich bin ja ganz vergnügt und glücklich!« rief ich hastig. Sie schwieg eine Weile und schaute mich ruhig dabei an.
»Nein«, sagte sie dann und schüttelte den Kopf, »Sie sind unglücklich über etwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber sagen Sie’s mir doch, ich möchte Ihnen so gerne helfen.«
Vielleicht wäre ich vor sie hingekniet nach diesen Worten, vielleicht hätte ich meinen Kopf in ihren keuschen, unberührten Schoß gelegt, vielleicht hätte ich dann den Mut gefunden, ihr alles zu sagen, sie um Erlösung und Rettung gebeten, vielleicht hätte sie mit ihren Händen dann leise und lind über meine brennende Stirn gestrichen, ach vielleicht, vielleicht.
Da ging die Tür auf. Nicht heftig und laut. Leise und wie von selbst. Und im Rahmen der Tür stand Marianne im langen, weißen Nachtgewand. So leise war sie gekommen, daß Erika einen halblauten Schrei ausstieß und erschrocken vom Stuhl aufsprang.
Aber ich erschrak nicht. Ich kannte ja Mariannens Wesen. Ich blieb ruhig, ganz ruhig. Und hätte sie erwürgen können, daß sie gekommen war. Daß sie diese eine friedvolle Stunde für mich abkürzte.
Aber als ich sie so stehn sah, als ich ihr lilienweißes Gesicht mit den dunklen, nachtschwarzen, gierigen Augen, mit den blutroten, vollen Lippen, als ich die Funken, die der Mondstrahl über ihr rotes Haargewoge verstreute, schaute, da war ich wieder in ihrem Banne. Da kam wieder diese Gier nach ihr langsam wie eine Schlange über mich gekrochen. Sie stand noch immer schweigend in der Tür und sah mit einem lauernden, gespannten Blick auf Erika.
Ohne ein Wort der Erwiderung drehte sie sich um und war ebenso leise und lautlos, wie sie gekommen war, verschwunden.
Ich beruhigte zunächst das Heidekind und suchte ihr auszureden, daß in Mariannens Wesen irgend etwas Besonderes gelegen hätte.
Erika ließ mich ruhig sprechen und sah still vor sich hin. Ob sie gemerkt hat, daß ich mit Marianne anders stehe, als ich sollte?
Ich nahm mir vor, mit Marianne ernstlich zu sprechen. Erika darf nichts ahnen, nichts merken. Dieses unschuldige, treue, stille und fröhliche Heidekind.
»Du willst sie mitnehmen in den Wald?« sagte Marianne, als sie am nächsten Morgen zu mir in die Stube kam.
»Ja, ich will sie mitnehmen. Warum auch nicht, Marianne? Diese Heidkönigstochter bringt mir den freien Atem der Heide ins Haus, sie bringt mir Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens, denn ihr ganzes Wesen ist Ruhe, Frieden und Fröhlichkeit des Herzens.«
Spöttisch kräuselten sich ihre roten Lippen.
»Du willst frei sein? Wohl von mir?« fragte sie langsam, während in ihren dunklen Augen jenes rätselhafte, dämonische Funkeln trat, das ich ... ja, das ich ... fürchtete.
»Frei sein? Von dir, Marianne?« wiederholte ich mechanisch.
Ich lachte bitter auf.
»Liebst du mich nicht mehr?« fragte sie.
»Ja, ja, ja, Marianne, ich liebe dich noch immer!« rief ich, »aber deine Liebe ist das Gift meines Lebens.«
Ein merkwürdiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Gift«, wiederholte sie leise, kaum hörbar.
»Gift tötet, nicht wahr?«
»Was fragst du sonderbar, Mädchen! Ja, Gift tötet!«
»So werde ich dich also töten, langsam töten, und du wirst niemals jener anderen gehören, die in dein Haus gekommen ist, und die dich ...«
»Nun, Marianne, die mich ...?« fragte ich, als sie schwieg.
»Ach nichts!« fuhr sie auf. »Nimm sie nicht mit in den Wald, ich duld’s nicht!«
»Und doch werde ich sie mitnehmen!« schrie ich sie an, »soll ich wie ein Knecht dir gehorchen?«
»Es ist gut, nimm sie mit«, erwiderte sie ruhig. »Nein, nein!« jammerte sie dann plötzlich auf, »mein sollst du bleiben, mein!«
Und sie warf sich an mich, umschlang mich fest, daß mir fast der Atem verging, und brach in ein ungestümes Weinen aus.
»So beruhige dich doch, Marianne, denke doch, wenn jemand kommt.« Im selben Augenblick war mir’s, als ob ich im Spiegel die Tür sich öffnen und Erika in ihrem Rahmen stehn sähe.
Aber ich hatte mich wohl getäuscht. Sekundenschnell war diese Täuschung gewesen. Mein Himmel, bin ich denn schon so weit, daß ich Halluzinationen habe?
Marianne beruhigte sich schließlich.
Man merkte ihr nichts an, als Erika hereinkam, freundlich und gütig und sanft wie immer.
Mir kam’s aber vor, als läge ein eigentümlich trauriger Ausdruck in den lieben, stillen Zügen des Heidekindes.
»Adieu, Marianne«, sagte sie und reichte ihr die Hand. »Ich freue mich, daß ich einmal in den Wald komme, ich bin doch ein Waldkind. Nur dieses eine Mal möchte ich mitfahren, darf ich?«
Ganz leise sagte sie die beiden letzten Worte, aber ich hatte sie doch verstanden.
Marianne stand und blickte sie an. Und als sich ihr Erika entgegenbog, hielten sich die beiden Mädchen plötzlich umschlungen. Ich tat, als hätte ich nichts gesehn. Was mögen sich diese vier Mädchenaugen dort gesagt haben?
Marianne, Marianne, ich traue dir nicht. Meinst du’s ehrlich mit der lieben Heidkönigstochter? In ihrer Seele liegen keine Abgründe, keine Tiefen wie in deiner Seele. Das Kind der Heide ist treu und gut und hat den Glauben an die Menschen. Soll ich sie warnen vor den Menschen? In der einsamen Heide lernt man die Menschen nicht kennen. Die Heidemenschen sind nicht gleich uns. Anders geartet sind sie. Sie wohnen weit voneinander auf großer Fläche. Einer nimmt dem andern nicht sein Brot, nichts nimmt er ihm von Luft und Sonnenschein.
Nichts von Liebe. Denn wenn das Heidekind liebt, dann liebt es in Zucht und Ehren. Es liebt treu und innig, fest und still. Das Heidekind weiß nichts von unzüchtiger Liebe und Leidenschaft, will nichts davon wissen. Nichts ahnt es von dem Bösen, das in Menschen der Leidenschaft und der unzüchtigen Liebe steckt.
Heidkönigstochter, ob ich dich warne vor der anderen? Du bist in deiner Heide aufgewachsen wie Erika, die Heideblume selbst. In Frieden und in Zucht des väterlichen Heidhofes, die Linden am Tore haben dich als Kind beschirmt und dir die hold duftenden Lindenblüten auf den Schoß geschüttet, aus der Heide kam zu dir der Duft der Heideblumen, der Duft der gelben Lupine, in der die summenden Bienen schwelgen, und wenn du vors Tor liefst auf die Heide hinaus, dann sahen deine Kinderaugen nichts als Blumen, violette und gelbe, auch rote dazwischen und weiße, sahen über dem Feld all der Blumen den Himmel mit seinem flimmernden Glanz, die Sonne mit ihren goldigen Strahlen, sonst einsam, einsam, einsam ringsum. Kein Laut sonst als das Bienensummen, als der Wachtelschlag, Lerchengetriller und Zirpen der Grillen.
Ja, liebes Heidekind, jetzt bist du unter die Menschen gekommen. Kaum kamst du unter sie, so kroch die Sünde an den Saum deines Kleides, deine reinen Heideaugen haben vielleicht heute, vorhin zum erstenmal etwas von der Sünde gesehn.
Armes Kind der Heide.
Ich sagte früher »armes Kind der Straße«.
Mein Heidekind, ich glaube, das Straßenkind ist ärmer als du. —
Mein Heidekind, ich fühle mich schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch. Und wir Menschen sind schwach. Wirst du mir einst, wenn klar vor dir die Sünde dieses Hauses stehn wird, verzeihn? Oder wirst du den Saum deines Kleides an dich raffen und dich fortwenden von mir und von ihr?
Es ward heute eine stille Waldfahrt.
Im tiefen Schnee lag noch der Wald. Und doch ging es wie ein fernes Frühlingsahnen durch die verschneiten Zweige. Eine wärmere Luft schien schüchtern anzufragen: »Wann darf ich kommen, du kalter Schneemann, sag’ an?«
Diese Frage der wie ein Hauch uns umschmeichelnden Frühlingsluft machte Erika und mich still. Fast den ganzen herrlich-schönen Weg im Schlitten durch den im Schnee ruhenden, prächtigen Wald, den neckend die leise fragende Frühlingsluft umspülte, saßen wir still nebeneinander. Ich fühlte aber oft zwei heimlich und traurig mich anblickende Augen. Erikas, des Heidekinds Augen.
Tat ich ihr leid? Ahnte sie vielleicht ein Stückchen von der ganzen schweren Wahrheit? Hatte sich ein Zipfel des drückenden, wie schwerer Nebel auf mir lastenden Tuches vor ihr gelüftet? — Unsinn! — Fräulein Bartel ist von Anfang an, von dem Tage an, an dem mir das Schicksal, dieses unergründliche, blindwaltend grausame Schicksal, Marianne ins Haus brachte, in meiner Kauzburg gewesen und merkt noch heute nichts. Niemand hat es gemerkt.
Und dieses harmlose Heidekind sollte nach kurzer Zeit etwas ahnen? Unmöglich! Auch wenn sie wirklich Marianne vorhin weinend und neben mir stehend gesehn hätte. Nur die Liebe macht scharfsehend und vorausahnend. Ich fuhr zusammen.
»Tor!« lachte ich bitter in mich hinein, während ich das reine, kindliche Profil der neben mir Sitzenden musterte. »Mich Erika lieben!« Scheiden tut sich Rein und Unrein wie auf Messers Schneide.
Einen Mann könnte sie lieben, der gleich ihr in einsamer Heide vom Kind zum Knaben, vom Knaben zum Manne erwuchs. Gleich ihr, unberührt und keusch wie die Heide, fern von der argen Welt. Solchen Mann der jungfräulichen Heide darf das jungfräuliche Weib der Heide fordern. Zu solchem Manne fühlt sich solches Weib hingezogen. Ich krampfte meine Hände in das harte, kalte Leder der Leinen, mit denen ich den Gaul lenkte, zusammen.
War’s nicht lächerlich, war’s nicht wie ein Wahnwitz, daß ich mir trotz allem oft so unschuldig vorkam wie solcher Knabe der Heide? Als ob alles gar nicht wahr, gar nicht Wirklichkeit sei? Bloß wenn die Leidenschaft kam in Gestalt jenes zauberschönen, glühenden, rothaarigen Mädchens, brach alles zusammen, mein ganzer Traum von einem unschuldigen Mann der Heide, der seine Hände ausstrecken darf nach dem unschuldigen Mädchen der Heide.
»Weiche von mir! Weiche von mir! ... Nein, bleib, bleib, bleibe! Deine Haare sprühen wie rote Feuersglut, dein weißer Leib macht trunken. Der Seele Seligkeit geht verlustig, wer diesen Leib mit seinen Armen umschlingt. Weiche von mir, weiche von mir! Nein: bleib, bleib, bleib.«
Nun taute es wirklich und wollte Frühling werden.
In meiner Kauzburg ist’s wie Frühling. Ich habe ja den holdesten Frühling im Hause. Ist nicht des Heidkönigs Tochter unter meinem Dache? Ist des Heidkönigs Tochter nicht wie die Frühlingsbraut? Strahlt aus ihren Augen nicht das freundliche Winken des Frühlings. Dieses freundliche und doch so rührend keusche, fast schüchtern fragende Winken?
Dieses freundliche, schüchterne und mit ein wenig versonnener, ernster Schwermut fragende Winken? Die Versonnenheit der weiten Heide ist’s, die innen wohnende, mit dem inneren Frohsinn gepaarte Schwermut all der Kinder einer weiten, weiten, einsamen Heide.
Ja, Erika, ich kann es niederschreiben. Aus meinem Herzen heraus könnte ich es dir sagen: du hast der Kauzburg den Sonnenschein zurückgegeben.
Wenigstens dem Kauz in der Kauzburg. Und ich bin doch der Kauzherr der Kauzburg.
Dein reines, keusches Wesen hat diesen Räumen ihre Reinheit und Keuschheit eingehaucht. Ich bin durch dich gefeit gegen die wie Sturmtoben über mich hereinbrechende Leidenschaft zu den roten, wogenden wie Feuerschlangen mich umstrickenden Haaren der Hexe.
Nein, nein, nicht die Hexe. Sie bleibt für mich das arme Kind der Straße. Ich will für sie sorgen und über sie wachen mein Leben lang. Nur »lieben«, nur »sie verlangen« ... vorbei, vorbei! —
Ich bin frei! Frei von den Banden, die mich umschlossen! Ich widerstehe Mariannen! Ich kann ihr widerstehn! Mir ist, als sei ich neu geboren. Sie war mein; jetzt soll sie mir fürderhin nur noch das arme Kind der Straße sein und bleiben, für das ich immer sorgen werde. Ich will sie schützen und will ihr treu sorgend zur Seite stehn. Wie ein Bruder seiner Schwester.
Als ich ihr’s kürzlich sagte, sah sie mich lange durchdringend und spöttisch an.
»Du liebst mich nicht mehr, ich weiß es«, sagte sie dann. »Meinetwegen, du liebst das fremde Mädchen aus der Heide. Aber du bist unfreier denn je.«
»Marianne!« rief ich.
»Still, lüge nicht, kein Wort sprich!« zischte sie mich an. Und ehe ich etwas erwidern konnte, war sie zur Tür hinaus.
Nun ist es schon seit Wochen so still. Fast ohne ein Wort zu sprechen, schleicht Marianne im Hause umher. »Sie fühlt sich krank«, sagte Fräulein Bartel zu mir, »am besten ist es, man läßt sie gewähren, so findet sie sich am ehesten wieder zu sich selbst zurück.«
Sie ist allein in ihrer Stube, und wenn sie sich zeigt, ist sie stets in ihren großen, weiten Mantel gehüllt; sie friert, und der Frühling naht. —
Mit Erika spricht sie kein Wort. Und doch trägt ihr Erika das Essen aufs Zimmer, wenn Marianne nicht aufstehn will, und doch ist sie stets und immer so rührend freundlich zu ihr.
Das Kind der Heide ist zu jedermann gleichmäßig freundlich und gütig. Auch zu mir. Aber ich merke es, ach ich fühle es, sie ist anders zu mir, als sie früher war. Scheu hat sie vor mir. Gewiß, es ist nicht anders: sie weiß um unser sündiges Verhältnis, das wir gehabt haben, oder sie ahnt es. Sie hat Erbarmen mit Marianne, — ich fühl’s: Erbarmen auch mit mir! Ich bin viel weniger an dieser Sünde schuld als Marianne. Was nutzt das alles? Ich bin der Mann, und dem Manne rechnet man’s stets viel mehr als Vergehen an. Er ist der stärkere Teil. Den schwächeren Teil soll der Stärkere schonen.
Schonen! Schonen! Wenn das Weib lockt mit all seiner Zaubermacht, wenn es sündigen will mit dem, der schonen soll! Ja, ja, der Frühling ist da! Was war ich vor kurzem noch frühlingsfroh und frühlingsfreudig!
Fort, fort damit! Was soll mir der Frühling. Freut sich der Falke des Frühlings, wenn er an seinen Fängen gefesselt ist?
Ich sitze in meiner Stube und schreibe. Draußen ist wunderschöner milder Frühlingsabend und Vollmondschein. Alle Zugvögel sind wieder bei uns. Manche, zum Beispiel die Schnepfe, sind schon weiter nach Norden gezogen. Es grünt und blüht schon mächtig um die Kauzburg. Sie fängt an, das verzauberte Dornröschenschloß zu werden, wie im vorigen Jahr. Und die Nachtigall singt. Weich, feucht, dunstig und voller Duft ist die Luft. Ein schweres, weiches Atmen der neues Leben hervorbringenden Natur. Die feuchte, weiche, schwere, duftende Frühlingsluft zieht ins Fenster hinein. Zu mir in die Stube, an meinen Schreibtisch, vor dem ich sitze. Sie legt sich feucht und weich und schwer auf meine Brust, über meine Stirn und macht mich müde und traurig.
Vollmond ist heute. Ich muß an Marianne denken. Welchen Einfluß hat doch stets der Mond auf sie! Dadurch, daß wir heimlich ihre Tür verschließen, haben wir ihr den Weg für die nächtlichen Wanderungen im Schein des Vollmondes verlegt. Ist sie vielleicht deshalb krank? Wie hell erstrahlt heute doch der Vollmond zur Erde herab! Mondwechsel! Das letzte Strahlen ist stets das schönste und hellste.
Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen?
Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend:
... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...
Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten, was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug?
»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken.
Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen Stimme: »Marianne!«
Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist. Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an; stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten an.
Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.
Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches, Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt.
Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie, rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne, ich soll dir helfen, ich allein?«
Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des Heidekindes. —