Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten Vogel hin und wieder eine zu.
„Friß, Vogel, oder werde lebendig!“
Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels „Weib“ und studierte ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel „Andreas Hofer“ zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und Österreicher höher schlagen ließ. Im „Andreas Hofer“ wie im „Weib“ handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das Schauspiel „Weib“ war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. Im „Deutschen Theater“ in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten. Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige Proteste gegen das „Weib“. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel „Weib“ eine schamlose Aufreizung zur Blutschande.
Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.
Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen?
Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere dargestellt und rauschenden Beifall geerntet.
Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt:
Der dankbare Dichter seinem Weib.
Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert:
„Grad himmlisch is g’w’en, Fräul’n ... I hab beinah g’moant, i wär a Dichter ...“
Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein, unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen Churer, der die Redaktion des „Davoser Intelligenzblattes“ leitete, hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte.
„Unser Herr Alfons Pein“, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der Voranzeige schreiben müssen, „hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, die Rolle des Mann im ‚Weib‘ zu übernehmen.“
Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte und Asche über das Manuskript sprühten.
„Chaibe.“
Er konnte Pein nicht ausstehen.
Dann schrieb er weiter:
„Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans ‚Die Krankheit‘, spielt die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.“
Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich erleichtert seine Pfeife an.