Mann und Frau leben nebeneinander.
Die Frau haßt den Mann.
Entstellt von fürchterlichen Ausschlägen, den Geschwüren einer höllischen Krankheit, schleicht der Mann, zerrissen von Gier, hinter ihr her. Die Frau haßt den Mann, weil sie ihn einmal liebte.
Der Mann liebt die Frau, weil er sie einmal haßte.
Geduckt und gedrückt schleichen sie ihr Leben nebeneinander her.
Die Frau steht sanft wie ein Schachtelhalm im Sumpf.
Eines Tages betritt ein junger, blonder Mensch die verdüsterte Stube. Halb verdurstet. Halb verhungert. Mit zerrissenen Kleidern, zerbröckelten Schuhen. Er stützt sich auf einen selbstgeschnitzten Wanderstab. Eine Mundharmonika hängt ihm an einer Schnur um den Hals. Auf der bläst er, verschüchtert, ein paar Töne.
Der Mann ist ausgegangen.
Die Frau labt den jungen Vagabunden. Er legt seinen Ranzen ab und seinen Stab.
„Frau,“ sagt er, „hier möchte ich bleiben. Hier ist meine Heimat.“
„Ich habe einen Mann,“ sagt die Frau, „er ist ein Tier.“
„Ich werde ihn, wie die Indier giftige Schlangen, mit meiner Mundharmonika beschwören“, sagt der Blonde und bläst ein paar Töne.
Die Frau hat Tränen in den Augen.
„Warum weinst du?“ fragt der Blonde traurig.
„Ich habe seit vielen Jahren keine Musik gehört.“
„Keine Musik? Wie ist das möglich?“
„Mein Mann hat mir meine kleine Gitarre zerschlagen und alle Musikinstrumente, die er im Hause fand: meine kleine Mundharmonika, meine kleine Flöte.“
„Hörst du nicht zuweilen die Vögel singen?“
„Um unser Haus singen keine Vögel.“
„Warum verläßt du deinen Mann nicht?“
„Ich kenne keinen andern Mann ...“
„Hast du nicht vor Jahren einen Bruder besessen —?“
„Vor vielen Jahren —“
„der ging auf die Wanderschaft —“
„— und ließ nie wieder von sich hören —“.
„Erinnerst du dich seiner?“
„Immer ...“
„Immer und immer. Wenn der Frühling von den roten Märzwolken herniedersteigt, wie aus einem Flammenwagen. Wenn der Sommer die süßen Heudüfte in meine gierig geöffneten Nüstern treibt. Wenn die herbstlichen Früchte von den Bäumen fallen. Die Blätter sterbend ihr schwebendes Sein vergolden. Wenn der alte Winter im weißen Mantel knirschend durch den knackenden Wald ächzt. Immer und immer. Am grauen Morgen, am bleichen Mittag, am dämmerigen Abend, zu dunkler Nacht: immer und immer, zu jeder Stunde. Mit jedem Schlag des vogelhaften Herzens. In jedem Blick.“
„Frau!“
„Junger Mensch!“
„Tu auf den Blick: Dein Bruder steht vor dir!“
Sybil erblaßte.
Sie strich sich das blonde Haar aus der Stirn.
Sie lehnte sich an die Wand der Hütte.
„Sylvester!“
„Sybil!“
Sylvester fing die ohnmächtig Dahinsinkende in seinen Armen auf.