Sylvester nahm Signor Bertolini, den Gärtner, mit an Sybils Grab.
„Pflanzen Sie einen Zitronenbaum auf ihr Grab. Einen blonden Baum.“
Herr Bertolini spreizte die Hände und vibrierte:
„Herr ... wie können Sie glauben, daß ein Zitronenbaum in unserm Davoser Klima sich auch nur einen Tag, was sage ich, Tag, auch nur eine Stunde, eine Minute, eine Sekunde hält.“
Sylvester blieb starr.
„Auf diesem Grabe wird sich ein Zitronenbaum halten, verlassen Sie sich darauf.“
Herr Bertolini kreischte devot. Er suchte nach Argumenten, den Herrn von seinem Aberwitz zu überzeugen.
„Herr ... Herr ... die Dame war eine gebürtige Schwedin. In Schweden liebt man die Zitronenbäume nicht. Eine Silbertanne, Herr, wäre das Richtige oder eine Trauerweide.“
„Tun Sie, was ich wünsche. Sie werden einen Zitronenbaum auf das Grab pflanzen. Es muß ein Baum sein, der Früchte trägt.“
„Nicht eine Frucht wird er tragen“, schrie der Gärtner und schlüpfte aus der Friedhofspforte.
Die Schiahörner schimmerten wie silberne Platten auf dem Metallblau des Himmels.
Eine glatte Marmortafel lag auf dem Grab. Darauf standen nur diese zwei Worte: Sybil Lindquist. Keine Altersangabe. Kein Geburts- und kein Todesdatum.
Die Tafel war von Sylvester, dem Thorax, der Pneumo, dem Bulgaren, dem Japaner und dem Leutnant gemeinsam gestiftet worden.
Noch späte Generationen, die betrachtend diesen Kirchhof durchwandeln, werden glauben, sie sei erst gestern gestorben.
Sylvester lag im Liegesack, der mit warmem, weichem Java-Kapok gefüttert und mit Schulterklappen und seitlichen Mufftaschen versehen war, auf seinem Privatbalkon.
Auf einem kleinen Tisch lag eine Photographie Sybils: eine nicht einmal besonders gelungene Ansichtskarte, die sie in einer ihrer Filmrollen als amerikanische Miß darstellte. Neben der Photographie eine Dettweiler Spuckflasche aus blauem Glase mit Metallsprungdeckel.
Von der Schatzalpbobbahn, die vor der Pension vorüberzog, klangen die eintönigen Rufe: Bob ... Bob ... Bob ... an sein durch wollene Ohrmuscheln vor der Kälte geschütztes Ohr. Und sie klangen hilfeheischend wie die Rufe von Ertrinkenden.