Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische Stadt am Rande der Rocky mountains ... am Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum Abbruch jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels mit ihren funkelnden Liegehallen da und dort und kreuz und quer im Tal und an den Berglehnen errichtet. Obgleich sie selten über vier Stockwerke zählten, schienen sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der Liegehallen Wolkenkratzer.
Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, zwitschernde Brasilianer, duftende Französinnen, dunkle Russen wandelten im gleichmäßig getragenen Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von der Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei bis zum Grand-Hotel Belvedere und wieder zurück.
Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, oder ein Amerikaner, einen Skeleton wie einen Hund hinter sich herzerrend, über die Straße.
Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger tönte Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack schwang eine graue Geige. „Soupers de luxe en commande“ blinkte in goldenen Lettern unter der grau hüpfenden Geige.
Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, fuhr in seinem schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze gehüllt, einen grüngestreiften Schal vorm Mund, königlich über die Promenade. Er war seit dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger Chefarzt und alleiniger Besitzer des renommierten und wohlflorierenden Sanatoriums Beaurivage, welches oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach seinen Prinzipien in neunjähriger Kur ausgeheilt.
Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten und beim Abschied von Davos seine Photographie bei Herrn Photographen Guardawal für drei Franken kauften, verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm gesehen zu werden. Eigentlich hätten sie nach seiner Vorschrift schon Liegekur machen müssen. —
Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der Bühnenmysterien „Kain und Abel“ und „Golgatha“. Sein Leben und Dichten bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.
Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können. Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah. „Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt“, schnaubte er und in seine Augen trat ein leerer, kindlicher Glanz.
Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.
„Wird sie spielen?“ fragte er Sylvester.
„Leider“, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.
Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab.
„Melange!“ schnaubte er. „Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel. Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...“
Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das nennt er Romantik.
„Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.“
Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den Kaffee getaucht hatte.
„Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker“, sagte Sylvester.
Peins strohbrauner Bart knisterte.
„Dramatiker!“
„In Ihrem Sinne ...“ gab Sylvester lächelnd zu.
Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in ihnen abgeknipst.
„Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse der Schwindsucht schreiben.“
„Tun Sie das.“ Sylvester rief der Kellnerin „Zahlen!“