Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran.
„Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an den Affichen schillert in allen Regenbogenfarben.“
„Der bunte Zettel wird sie freuen“, sagte Sylvester. „Sie wird an ihren toten Papagei denken.“
„Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?“
„Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht raten. Man darf ihr nicht raten. Hören Sie.“
„Wer spielt denn den Mann?“
„Der Mystiker, Herr Pein“, sagte Sylvester.
„Und den Bruder?“
Sylvester zögerte.
„Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich ihn spiele. Aber bitte schweigen Sie noch davon. Auch der Bulgare möchte ihn spielen. Sogar der kleine Japaner.“
„Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,“ sagte der Thorax nachdenklich, „als ich noch in deutschen Mittelstädten Pepsinwein verkaufte. Ob ich es nicht wieder einmal versuche?“
Die Pneumo streichelte seine Schulter.
„Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du dein Exsudat wegkurierst. Was hast du heute gegen 7 Uhr gemessen?“
„37,9“, sagte der Thorax beschämt.
„Also“, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. „Komm, du mußt zu Bett.“
Sylvester verneigte sich leicht.
Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. Er spürte Kopfweh.
Er ging die Schiastraße entlang.
Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu Kolbinger.
„Sekt!“ sagte er strahlend.
Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen Schnee. Ein harter Ellenbogen stieß in seine rechte Hüfte.
Er drehte den Kopf.
Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen Mütze auf dem Kopf, sah ihn an.
„Kenne ich Sie?“ fragte Sylvester.
„Nein“, sagte das Mädchen trotzig.
„Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen lassen?“
„Ja“, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an.
„Was wollen Sie von mir?“
Das Mädchen lachte leise:
„Sie!“
„Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?“
„Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.“
„Welches Recht?“
„Das Recht des Sterbenden.“
Sie traten unter eine Laterne.
Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. Ihr Atem durchschnitt die kalte Winterluft mit noch eisigerem Hauch. In ihrem Körper rasselte es wie ein Motor.
„Er schnurrt ab“, sagte das Mädchen. „Meine eine Lunge ist ganz weg. Und meine andere dreiviertel. Ich sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur mein Mund leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der Einsamkeit. Küssen Sie mich!“
Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer über die Promenade. Zwei junge und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter ihr her.
Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg langsam empor.
Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht im Dunst der Nacht.
An einer Bank hielt das Mädchen an.
„Es sind zwölf unter Null“, sagte Sylvester.
„O,“ lächelte das Mädchen, „das macht nichts. Mir ist so warm als wären wir im August.“