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Die Krankheit: Eine Erzählung cover

Die Krankheit: Eine Erzählung

Chapter 8: VII.
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About This Book

The narrative follows life in a mountain sanatorium where a cast of patients and physicians—among them a luminous young woman, an admiring young man, a cultured but ailing poet, and an austere chief physician—interact amid treatments, promenades, and café gossip. Scenes alternate between intimate sickroom moments and broader sketches of kur life, capturing rituals of diagnosis, flashes of memory, and theatrical self-display. Illness shapes relationships and identity, producing both compassion and performative eccentricity, while the author blends keen observation, irony, and melancholic atmosphere to examine how convalescence becomes a stage for longing, vanity, and small consolations.

VII.

Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem eleganten weichen Hammer.

„Mein liebes gnädiges Fräulein,“ zwitscherte er, „wir werden Sie röntgen müssen ...“

„Tut das weh?“ lächelte sie erschreckt, „ich habe Angst vor Schmerzen.“

„Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen Schlitten.“ —

Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern bei Sylvester vor.

Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als der Kutscher auf die Veranda polterte:

„Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer Spazierfahrt einladen.“ Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im Lift herunter.

Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.

„Sybil,“ sagte er, „Sie machen mich glücklich ...“

„Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte“, sagte sie leise.

Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht empfinden.

Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.

Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich.

„Möchten Sie“, fragte Sybil, „mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den Glanz ... in das Leben?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ohne Sie?“

Sie schwieg.

Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.

„Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu erschrecken.“

„Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie immer Blut.“

„Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...“

„Und ich,“ sagte er bitter, „da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...“

Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.

Sybil fröstelte.

„Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.“

Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als lagerten Quallen auf den Gipfeln.

Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir, mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder. Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen. Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren.