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Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten cover

Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten

Chapter 10: Der Riese Wenzel
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About This Book

This collection gathers a dozen short novellas and stories that portray fragmented moments of everyday life and upheaval in Central and Eastern Europe. Episodes move between trains, barracks, small towns and households, showing chance encounters, petty deceptions, bursts of violence, and moments of tenderness. Voices range from satirical to psychological and occasionally uncanny, shifting perspective to expose social manners, anxieties about honor and identity, and the fragile boundaries between appearance and reality. The pieces favor compact scenes and abrupt turns, using vivid detail and brisk pacing to examine human folly, longing, and the unpredictability of movement and fate.

Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der Mutter träumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin wünschte zu ihr; er saß ihr gebrochen gegenüber. Sie beobachtete ihn leer. Eine Freundin riet Antonien, ihn doch wegzuschicken.

Und eines Spätnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, sah auf das Nachbargebäude. Je länger sie hinsah, um so wilder fuhren ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre hellen Augen: „Ich will ihn wieder lieben können. Ich kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben können.“ Am Abend hatte er einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das gräßlich geöffnete Gesicht stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: „Küß mich, küß mich!“ „Nein, ich darf nicht, ich darf nicht.“ „Der Arzt geht mich nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig machen.“ Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie biß sich in seine Lippe fest; und dann biß er nach ihrer. Valentin torkelte. Eine Schlange umwand sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, ließ sie liegen.

Als die Mutter am nächsten Morgen den braunen Schal sich über den Kopf schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und ließ sich von ihr streicheln: „Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich geh, ins Geschäft.“ „Hast du dich mit Valentin vertragen?“

Nach einer langen Pause, während es schien, als ob sie wieder einschliefe, sagte Antonie: „Ich denke schon.“

Im Geschäft war sie träge, sinnierte herum, blieb schließlich weg. Sie mischte sich unter die kleinen Fabrikmädchen, die abends in der Brunnenstraße und Chausseestraße tanzen gingen, sagte nie Valentin davon. Sie stand neugierig und mit verschämter Miene um elf Uhr abends an dunklen Häuserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten. Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, ließ sich in Cafés von Männern begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen Spaziergängen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei völliger Finsternis durch Stube und Küche, an der schnarchenden Mutter vorbei über den Korridor und wieder zurück. Keine Diele krachte, vorsichtig setzte sie die nackten Füße, keinen Stuhl stieß sie an. Sie flüsterte zu der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: „Nimmst du mich mit? Du bist gut. Mit dir geh’ ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu mir. Mit dir geh, ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause setzen. Du bist so schön, so schön zu mir. Mit wem kann man so schön sein wie mit dir?“

Einmal erwachte die Mutter darunter, daß Antonie seufzend am Fenster rüttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Träumerin wortlos zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief.

Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmäßig freundlich. Er kam heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten, sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedürfe. Und immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, daß es ganz finster würde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, stöhnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, so daß sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. Die Mutter tappte im Dunkeln durch die, Küche herein: „Bist du da, Toni?“ „Willst du die Toni sehen, Mutter?“ Und während die Frau mit der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die Puppe, tränenübergossen hin: „Das ist die Toni. Das ist meine kleine süße Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine süße Toni sein?“ Sie lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit.

Und eines späten Abends brannte das elektrische Licht vor einem neueröffneten Tingeltangel in der Hussitenstraße. Es war strenger Frost; in ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine Polin in eine Häusernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden Mädchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herüber. Da drehte sich drüben die Tür; untergefaßt zogen drei bunte Damen mit zwei Herren über den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tänzelte graziös; er hatte ein gedunsenes glührotes Gesicht und verlor oft zum allgemeinen Vergnügen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand malerisch vor seinem zerknäulten Ulster. Antonie ging taumelig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drückte sich, die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amüsierte Herr griff mit feuchter Hand über ihr Ohr, zerrte eine Haarsträhne; im Vorübergehen stotterte er: „Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr braucht euch vor mir nicht zu fürchten.“

Drei Uhr mitten in der Nacht gröhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig Lieder; dann gedämpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe sagte, den Schlager: „Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kämmerlein.“ Und während sie, Männchen und Weibchen, im Kreise flöteten, kam in dem grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen Haar hervor, bloßer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im weißen Unterrock ein Körper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte mit unregelmäßigem Schritt die Regenrinne entlang; bloße Füße; an ihrer Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines.

Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: „Ach, wenn das der Petrus wüßte.“

Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht, blickte zuerst auf. Ein weißer Haufen, aufgestreckte Beine ohne Strümpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte gegen ein Blumenbrett auf einen Mülleimerdeckel, klatschte saftvoll dick und breit auf. Über die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, weiß; auf der Mauer blieb etwas dunkles Lappiges liegen.

„Es ist einer aus dem Fenster gefallen.“ Die fünf bewegungslos. Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. „Wo war das?“ gellte ein Fräulein; sie rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. „Ich kann so was nicht sehen,“ murmelte Herr Priebe, „mir wird ganz schlecht; ich leg’ mich schlafen.“ Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die Treppen hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: „Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.“

Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. „Da ist nun der Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.“ Valentin riß die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor so was aufmachen könne. Das Kind bockte: „Grade machen wir die Tür auf.“

Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau, wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen; natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: „Wir haben uns mit solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopf haben.“ Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz vor der Tür schlug.

Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: „Sie werden die Sachen schon überwinden,“ meinte er mit schiefem Grinsen: „Wir haben Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen sie uns mal wieder zu Haus sein.“ Und er sang so schön: „Wenn das der Petrus wüßte,“ daß die Wirtin mit dem Kopf nickte: „Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.“

Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: „Der Landaufenthalt ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.“

Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen. Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels, schniefte gehässig: „Den Dreck werd’ ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.“ Der Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: „Zeitversäumnis! Gemeiner Ulk!“ Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele und fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte und kam vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte in den weißen Mondschein und glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel, schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschöpf grade über das finstere Geländer.

Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen; die Jacke unter dem linken Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: „Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?“ schlich schon die Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen Hausflur stolperte, flüsterte er: „Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich — ich hab’ nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.“

Nach, nach.

Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner ein. Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest, und sie rannte mit ihm fort.

Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: „Ich will ja ehrlich sein.“

Höhnend kam es herauf: „Willst du das? Willst du das?“

„Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab’ ich schon ausgehalten?“

„Noch nicht genug.“

Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. „Was hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.“

Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den Wind. „Ich verlier’ meinen Hut.“

„Brauchst keinen Hut.“

„Meine Jacke, meinen Kragen.“

„Kannst nackt kommen.“

Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: „Ich will nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd’ ich doch mal den kleinen Lorenz fragen, was er dazu meint.“

Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert. Valentin brüllte, warf sich: „Keiner hilft, keiner hilft.“ Die Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze Humholdthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren Bäumen.

„Hi, hi, hi!“ würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: „Nimmst du mich mit zu Lorenz?“ Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das Wasser.

Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. „Ich sterbe schon, laß mich los.“ Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie ihn unter das Wasser drückte: „Es fängt erst an! Verlogener Hund!“ Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. „Verfaulen sollte ich dich lassen.“

Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.

Von der himmlischen Gnade

Kein Land ist an Friedlichkeit jenem zu vergleichen, das in den Tod führt. Das Leben wölbt sich über dem Kopf wie ein Brückenbogen und unten fließt das Wasser, trägt den Kahn, nimmt ihn weiter.

Friedrichsfelde bei Berlin; ein heller Sommerabend. Die Fredersdorferstraße eng, schlecht gepflastert; eine Reihe niedriger verfallener Häuser, Kohlenplätze, Baustellen. Die schmutzigen, verwachsenen Kinder lärmten nicht mehr draußen. Gebückt zog ein altes Menschenpaar von der Chaussee her in die Gasse ein. Er an der Deichsel des ratternden Hundewagens, sie daneben, die Hände unter der schmierigen roten Schürze, die sie wie ein Muff aufgerollt hatte. Sie fuhren blicklos die Gasse herauf, unter dem blühenden Kastanienbaum hindurch, der schräg gegenüber ihrem jämmerlichen Häuschen wuchs.

Ein Stieglitz sprang auf den Baum, hüpfte Zweig auf, Zweig ab; nach einigem „Kiwitt, kiwitt, zwrr“ sang er:

„Grün ist der Mai. Mit mancherlei schönen Blümelein gezieret sind Berg und Tal. Viele kalte Brünnlein rauschen, darauf wir Waldvögelein lauschen.“

Die äußeren Äste der Kastanien berührten den hohen Bretterzaun vor Naßkes Häuschen. Hinter einem verwilderten Hof, auf dem Brennholz und Ziegelsteine stapelten, einen schmalen Gemüsegarten vor der Front, stand das einstöckige Bauwerk. Die Fensterscheiben blind, mit Staub beladen, einige verhängt mit Lumpen und Laken. Im ersten Stock waren Fenster geöffnet; irgend wer bullerte oben und warf von Zeit zu Zeit etwas um. Sie fuhren in den Hof ein, trabten drin langsam und blicklos.

Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen, schüttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in den weichen Schutt tief mit den Rädern eingrub, saßen sie auf umgekehrten Kiepen vor dem Gemüsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief weiter. Der Alte murrte: „Wat die nu zu krähen haben.“

Sie saßen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von Öfen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: „Kwiwitt, kwiwitt.“

„Man wird doch seine Ruhe haben können vor die Äser“; einen Stein nahm der Alte, schmiß ihn über den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort. Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und stöhnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rücken her und ging mit der Luft. Nach einer Weile wiegte die vertrocknete Großmutter den Kopf unter ihrem Umschlagetuch: „Et zieht; ick jeh rin.“ Unbeweglich saß er, mit den Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. „Jeh man.“ Er hörte auf die Musik.

Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmählich überweitet wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewöhnt. Ihre Knochen taten unermüdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen waren, trugen das Herz, das träge und zögernd sein Ticktack machte, die keuchenden Lungen; und die Köpfe schaukelten auf den verdorrten Hälsen.

Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Küche, knipste und der weiße Lichtkreis lief über Säcke, Töpfe, Herd und ein Durcheinander von Konservenbüchsen: „Sind Naßkes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!“ Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saßen auf der Matratze im Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die Seite, zischte: „Du“ und zeigte nach der Küche. Er tat als ob er schlief. „Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen nicht mitzukommen,“ sagte der bärtige Mann an der Küchentür, „bleiben Sie draußen, lassen Sie aber die Hoftür offen.“ Vorsichtig stieg er durch die verstellte Küche, stieß die Stubentür auf: „Warum meldet ihr euch denn nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Naßke?“ Der Alte krabbelte unter dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, stützte sich gegen die Wand. „Sind Sie Naßke? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie sich man nicht, Großmutterken; wir kriegen Ihnen schon.“

Er hob sie unter den Lumpen hoch: „Die Beenekens taugen wohl nicht mehr. Aber es langt noch.“ Die Alte kreischte, hob die Hände über den Kopf und drehte sich nach der dunklen Wand zu. „Ne, olle Dame, schreien hilft nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff’s Revier.“ „Ick hab’ nich jestohlen, Herr Wachtmeester,“ plärrte die Frau. „Das können Se nachher erzählen. Hut haben Sie woll nich?“ „Ick hab’ nischt jestohlen und ick hab, nischt jestohlen.“ Sie gingen vor dem kräftigen Mann mit gesenkten Köpfen her. „Nu mach man bloß kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehört der Hund, Fiebig; sagen Sie von wegen Nummer sicher mit die Naßkes und kucken Sie sich bei die Jelegenheit ein bißchen um.“ Er flüsterte dem Schutzmann ins Ohr: „Vorsicht; ich warte solange.“

Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mülleimer durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein Bierwagen vor der Tür; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im Hausflur abgestellt, während er durch einen Hintereingang eine frische Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens. Naßke griff unbedenklich im Vorübergehen danach; sie fuhr ängstlich hinter ihm her, schimpfte leise: „Wat willste denn damit? Leg wieder hin.“ Er tauchte den Beutel in seinen gleichmütig abgeschulterten Lumpensack, öffnete die Tür, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nächste Ecke. Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ängstlich; er hatte das Gefühl: „Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt.“ Er kaufte sich bei einem Händler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem; sie ein paar wollene Pulswärmer, eine Flasche süßen Likör und ein kariertes Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des Karrens geklemmt.

Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschöpfe nach Moabit hinaus. Ihn steckte man zusammen mit einem behäbigen schlauen Bruder, der schon öfter ein Ding gedreht hatte. Zuletzt hätte er eine schöne Stange Geld geerbt, erzählte er dem Alten, den er mit den Worten begrüßte: „Mensch, dir hätten Se ooch lieber gleich in de Müllkute lassen können.“ Er suchte „die olle Mumie“ zu bewegen, ihm etwas zu erzählen. Als der schwieg und immer giftig auf die Diele hinsah, reizte er ihn: „Wat hast du denn jeklaut? Nen doten Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und alleene uffjefressen.“ Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm gefüllt; wenn er störrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurück: „Beiß mir man nicht; sonstens bestell ick ’nen Maulkorb.“

Eines Morgens greinte und quakte Naßke: „Mein Zahn wackelt.“ „Wat soll ick denn damit?“ „Ick will ’nen Balbier haben für mein Zahn.“ „Wat is?“ „Ick will ’nen Balbier haben.“ „Laß dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe mit dein Zahn.“ Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: „Wenn de noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.“ Zwei Wochen saß Naßke; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er wieder. Der Gauner fragte: „Wat möchste?“ Naßke sah vergrämt vor sich hin und sagte nach einer Pause: „Wat man möchte? Man möchte am liebsten dot sin.“

Im ersten Stock bei Naßkes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski. Rutschinski ging in der Zeit, während die beiden festgenommen wurden, nicht aus, weil er sich den Fuß auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein großer schlanker Mann, hatte ein schönes volles Gesicht. Seine schöne Figur hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fräuleins seine schwarzen Haare und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald weiter mit einer samtenen Mütze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn; die ledigen Fräuleins arbeiteten für ihn. Nun beschützte er die lange Emma, ein blondes ehemaliges Kindermädchen. Wenn es soweit war mit dem Geld, wollten sie heiraten und ein Gemüsegeschäft aufmachen. Als die Naßkes in Moabit saßen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen Anwalt bestellen.

Am nächsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke Fredersdorfer Straße ein großer Lärm. Emma wurde von einem Mann hereingeführt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn, ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strähnen fiel ihr das blonde Haar zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen; die weiße Bluse mit Straßenschmutz beklebt. Der Mann hielt ihren Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentür des hellen viereckigen Raumes, in dem Instrumentenschränke, Verbandkästen standen, stampfte gewichtig ein älterer Mann in einer weißrotgestreiften Bluse mit bloßen Armen; er trug eine Stahlbrille, in der Mitte des Schädels waren ihm die Haare ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bösartig nach vorn, schwarz und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter prustend das Mädchen über den Boden schleifte und hingleiten ließ. Er kommandierte grimmig: „Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie natürlich nich? Na, dann kennen Se gehen.“

Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im weißen Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschäftsschlaue Züge, muntere Bewegungen. „Herr Doktor,“ rief ihm der Heilgehilfe entgegen, der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, „ein neuer Fall.“ „Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann ich ja wieder gehen. Aber ’ne feine Nummer für den frühen Morgen. Man sollte es nicht für möglich halten. Die hat sich aus der Linienstraße hier rauf verirrt.“ „Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor.“ „Na sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie’s Revier an.“

Der Heilgehilfe war mit dem Mädchen allein. Er ging um sie herum, spuckte verächtlich zu ihren Füßen aus: „Pfui!“ Aus dem Verbandsschrank holte er einen Wattebausch, goß einen Schuß Salmiak darauf, stubbste es hinkniend der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. „Wat hat det Luder für ’ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie.“ Ihre blauseidenen durchbrochenen Strümpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen Vieren bis an den Verbandtisch, während ihr die Haare über das verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schloß des Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreßten Gesicht. Er schleuderte sie zur Seite: „Mensch, nimmste die Pfoten weg.“ Von hinten preßte er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund, sie würgte, brüllte, stürzte seitwärts auf die Hände. Der Doktor rief hell von drinnen: „Sie werden wohl mit dem Weib nicht fertig, daß die so schreit?“ „Wird eben wach, Herr Doktor.“ „Na schön.“ Das Gesicht Emmas war dick gequollen, ihre Augen tränten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die wieder kroch, von rückwärts über sie gebeugt, die Zähne zusammenbeißend, auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er flüsterte: „Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du.“ Schwapp, die feuchte Ladung saß wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen. Er drückte sie mit seinem breiten Oberkörper nieder, stemmte ihre Knie herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der Schweiß machte seine Glatze feucht und glänzend: „Läßt du meine Bluse los, Dreckfink gemeiner. Schämen sollste dich, daß du dich so aufführst, schämen sollste dich, schämen sollste dich!“ Sie kämpfte erwachend immer heftiger, er ließ von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, während ihr die Kleider bis an das Gesäß hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm über die Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurückfahrend, atemlos seine rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zähne, daß sie stöhnte, geiferte, die Augen aufriß. Sie saß auf dem Boden vor dem Tisch, sabberte: „Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.“ „Tu man nich noch so dämlich.“ „Der Franz hat mir zuerst geschlagen mit mein Schirm, Herr Rat.“ „Jetzt stehste uff und hältst die Klappe.“ Er ging an den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, wischte sich mit einem Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.

Draußen klinkte die Türe; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine polterte herein. „Franz,“ gröhlte Emma heiser, „Liebling, Liebling! Komm doch her. Es ist mein Bräutigam.“ „Ja, sie meint mir.“ „Ick tu mir was an, wenn du nicht zu mir kommst.“ „Beruhige dir doch, Emma; es is weiter nischt.“

Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: „Det will ’n Rechtsanwalt sind,“ sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, „det will mein Bräutigam sind? Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer? Die Naßkes kommen ooch ohne dir raus.“ „Aber Emma.“ „Wo bin ich denn deine Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger.“ Sie hatte sich am Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der sich neben den Heilgehilten stellte: „Mit dir wer ick schon mal abrechnen. Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschuß von eim habn. Wofür denn? Der ’n Rechtsanwalt? Du —“ Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der Bluse hielt sie fest; er drückte sie auf den Stuhl: „Setzen Se sich man und quasseln Se hier nich noch.“ Sie fuchtelte, rückte sich den Hut zurecht. Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bösen Blicken die Haare fest.

Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Naßkes hockten schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: „Dir sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir zu verbinden.“ Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem ersparten genommen hatte; er zählte besänftigt: „Na fleißig bist ja gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir bloß nich sone Zicken, besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann.“ Als er nach ihrem Schirm fragte, erzählte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in die Hand spuckte, die Handflächen gegeneinander rieb und dabei pfiff, Abhilfe zu schaffen.

Naßke konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in ihrer Wohnung; der Alte ließ sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er bloß den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich große Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er näselte: „Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen. Wennstes bloß ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen.“ Sie keifte und stubbste ihn unter das Kinn: „Und wenn du oller Dusselbart bloß quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke zu tun.“ Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: „Ick häng mir uff.“ Sie packte ihn vor Wut und schüttelte ihn: „Uffhängen kannste dir soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in ’nen Kientopp.“

Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus bewegte und die Alte allein mit dem Wagen ließ; er fragte ihn, warum er sich denn aufhängen wollte. Naßke bellte: „Wat jeht denn dir det an? Ihr seid Grünschnäbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermöbelst. Ick kann mir uffhängen, wenn ick will.“ Rutschinski stellte ihm eine Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: „Son oller Mann und sich uffhängen, det hat keenen Dreh. Naßken trinken Se man eins mit Muttern.“ Der Alte winkte ab. Er saß in dem wüsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vögel zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hängte sich an einem Fensterhaken auf.

Da hing er, hinter einem übergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnürtem Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.

Der Brückenbogen schwamm über den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn, senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene Feder, versank.

Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem Gemüsegarten. Müde lahmte sie durch die Küche ins Zimmer. Als sie das Bündel am Fensterhaken hängen sah, stand sie gebückt, faltete die Hände über der Schürze und sah regungslos lange Minuten hinüber. Sie blieb ganz kalt, schüttelte den Kopf: „Nu hat er sich richtig uffjehängt, der olle Struckräuber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt.“ Durch die Tür keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: „Da hängt er.“ Rutschinski fragte: „Aber Großmutterken, warum schneiden Se denn Ihren Ollen nich ab?“ Sie scharrte ärgerlich in die Küche; nach einer Weile piepste es zurück: „Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckräuber. Vor sonen Doten ekle ick mir.“ Später, als die Leiche auf der Matratze lag, sagte sie zu Rutschinski: „Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.“

Die Tage vor dem Begräbnis fuhr die alte Naßke nicht mit dem Karren; Emma brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe saß, spielte Rutschinski der Großmutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige Stücke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte; ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; über ihr helles Kleid hatte sie ein dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, blaß, den schwarzen Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, ließ seine lebendigen Augen rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf saß der steife schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch verschwand, in den grünumzäunten Garten einer Budike, an dem Eingang war ein kleines Holzschild angebracht: „Hier spielt Bismarck.“ Sie setzten sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf über dem Knie ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.

Frau Naßke schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma flüsterte: „Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen.“ Der dicke Kneipier mit einer mächtigen Bierschürze stellte sich neben den Tisch; Rutschinski stand auf: „Ein scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se können sich denken —“ „Is woll dot?“ Rutschinski sagte bei Seite: „Hat sich das Jas alleene abjedreht.“ „Ne sowat. Die arme olle Frau.“ „Die redt keen Ton. Machen Se ’n bisken Musike. Wo is denn Bismarck?“ „Wird gleich serviert.“ Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das Tafelklavier. Rutschinski faßte seinen Stock kurz; wenn mal der kleine Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: „Mit dem will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich mal die Neese von meine Braut an.“ Emma mit den blonden Haaren hielt die alte Naßken umfaßt, redete ihr zu einem Schnäpschen zu. Die nippte und lächelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal zwitscherten die Vögel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: „Sie, mein Triesel, nich rufftreten.“

Der Stieglitz sang:

„Des Menschen Gemüt hoch aufgeblüht soll sich nun auch ergötzen zu dieser Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar eben, er wolle weiter Gnade geben.“

Vom Hinzel und dem wilden Lenchen

Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach Rappweiler, mitten auf einem grünen Wiesenanger lag ein Anwesen, das behütete allein der alte Herkel, Bill geheißen, mit seiner Tochter Lene. Sie wohnten in einem Häuschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und verfallen war. Das schräge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der große Hund Wulfi schnüffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und ließ sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln, durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rübezahl, braunrot, schlurrte er morgens auf das Äckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn losband. Und manchmal, wenn Bill spät aufstand und vor der Türe in der Sonne saß, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs Hände Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die Küchentür: „Ich geh mal rüber, ob die Zwetschgen schon reif sind.“ Dann kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte langsam über das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hören war. Lenchen wußte, daß er dann drei Tage nicht wiederkam.

Hinzel, der Knecht, schlurrte öfter herüber zu Lenchen, und einmal war der Vater nicht da, und am nächsten Tage war der Vater auch nicht da. Da fragte Hinzel: „Wo ist denn Bill, Lenchen?“ Sie maulte: „Er ist krank und sitzt oben in seiner Stube.“ Aber wie er mit einer Speckschwarte hinaufgehen wollte zum alten Bill, um ihm das Bein einzureiben, stampfte Lene: „Er sitzt neben dem Schweinestall und schneidet Pfeifen aus Weidenholz.“ Hinzel fragte: „Für wen denn?“ Da nahm Lenchen ihre schöne rote Schürze, weinte: „Du hast mich nicht lieb,“ schluchzte sie, „mir tuen die Augen schon weh von dem vielen Weinen.“ Und sie erzählte, daß sie den Vater schon mit einem Karnickelfell und einem Fuchsschwanz geschlagen hätte, aber er holte sich doch immer wieder den Sack mit Brot und Kartoffeln, und dann geht er zu ihr und bleibt drei lange Tage und kein Mensch ist da. „Zu wem geht er denn, Lenchen?“

„Was kann hier nicht alles passieren. Mir tuen die Augen schon weh. Wenn ich sie bloß zu sehen kriege, kratz ich ihr das Gesicht entzwei.“

Hinzel hob traurig den Kopf.

„Ist es die Frau Kirbelei?“

„Die Hexe ist es, ja die Hexe,“ und Lenchen wurde ganz unbändig, schrie, daß Hinzel die Ohren klangen, warf sich lang hin auf die Diele.

Als der stille Hinzel gehört hatte, daß Bill zur Hexe Kirbelei ging, schlich er nach Hause. Er kehrte viele Tage nicht wieder. Lene nahm, wie sie ihn kommen sah, einen Schrubber aus der Ecke, goß Wasser auf den Gang und scheuerte, daß die Nähte ihrer blauen Ärmel krachten. „Ich habe viel zu tun,“ sagte sie atemlos zu Hinzel, „komm ein andermal.“ Er kam am nächsten Morgen: „Heute habe ich Schoten zu knacken. So viel Schoten hab ich zu knacken, oh!“ Hinzel setzte sich mit ihr an die Schüssel, aber wie er den Haufen sah, bat er, sie möchte doch heut nicht alle machen. Der Vater Bill tue ihm solchen Herzenskummer an; er hätte so Angst vor Hexen. Ach wenn doch Bill nicht zur Frau Kirbelei ginge. Da wurde Lenchen wieder gut, streichelte und küßte den traurigen Hinzel.

Dem alten Bill aber versteckte sie das Essen; sie fütterte ihn mit rohem Salat und gab ihm salzige Schweinsohren zu essen. Und wenn er Durst hatte, lief sie ihm voraus, trank rasch das Bier aus und sagte unschuldig: „Es ist nichts da, ha, alles weg.“

Einmal klopfte Hinzel an die Fensterlade: „Ist Bill zu Hause?“ Da lachte Lene heraus: „Seine Stiefel sind ja entzwei, zerschnitten habe ich sie mit dem Messer, jetzt sitzt er unter der Traufe und muß Tropfen zählen.“

Wie nun Hinzel immer betrübter wurde und jammerte, daß sie nicht heiraten könnten und die Hexe wäre ihre Schwiegermutter, machte sie die Türe zu und schlang ihre Arme um ihn: „Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr’s unter die Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat’s mir gesagt.“

„Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.“

„Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk herzlich an mich.“

Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel an seinen Schürzenlatz. Dann sagte er: „Adiö, liebes Lenchen,“ und zog den Fußtapfen des Alten nach, über den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg entlang. Die Spechte klopften an den Stämmen, der Kuckuck rief. Zwischen gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrüner See lag da, viele Bäume waren über ihn gestürzt und faulten. Hinzel wußte nicht wo er gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Fußtapfen nach. Jetzt waren die Fußtapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schälte Rüben, die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal waren sie weg. Er wühlte mit seinen Haken, wo sie wären. Sie waren in ein Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein. Er hockte hin, räumte die Erde mit den Händen weg. So tief war das Loch, daß man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit nicht einer das Loche zuwerfe, und ließ sich herunter. Er schlüpfte voran; es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wände liefen auseinander. Da war es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter seinen Füßen, weißer Sand. Die Luft war grünlich, und ein Dämmern, Blinken, Wallen, daß er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen über sein Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie hängende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rücken flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwärmen zogen die Schlammpeizger mit ihren Bärten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel dachte: „Wie freundschaftlich sie miteinander tänzeln; sie säen nicht, sie ernten nicht.“ Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie Flundern mit einem weißen Bauch, wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin und her und lagen auf dem Sande, so daß man sie gar nicht erkennen konnte; nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel fürchtete, sie zu treten, ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit einmal schwappte einer unter seinen Füßen auf. Hinzel schrie, schwankte.

Etwas rief fein: „Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.“

„Wo denn, wo denn?“

„Hierher, nein, hierher.“

Er strengte sich an. Rosigweiß bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte rote, starre Augen; zwei Zöpfe schwammen ihr nach vorn über die Schultern und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein großes braunes Schneckengehäuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: „Wohnst du hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen überall herum.“

„Bist du jung, bist du jung,“ kreischte sie und zog ihn an seinem Schürzenband auf einen Steinblock; ihre Zöpfe tasteten vor ihr. Und während sie sprach, achtete er auf ihren Mund; denn kaum hatte sie ausgesprochen, kam es ihm vor, als ob sie gar keine Stimme hätte, und er hatte doch alles verstanden. Sie lächelte und blickte ihn an; ihr Gesicht war klein und aus rotem Korall. Er paßte ängstlich auf die Fische auf, weil sie gegen seine Stirn fuhren und es leicht passieren konnte, daß er einen Stichling, ein Moderlieschen verschluckte. Dann stand er ungeduldig auf: „Ich muß ja weiter, ich kann hier nicht bleiben.“

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muß zu der Frau Kirbelei. Geht es hier lang?“

„Was willst du bei Frau Kirbelei?“

„Die will ich umbringen. Mein Lenchen ihr Vater ist ein schlechter Mann. Er nimmt alle Woche einen Sack mit Kartoffeln und geht zu der Hexe. Ich binde ihr Eppich um den Hals, und dann —“

„Und dann?“

„Und dann streich ich ihr mein Fingerblut unter die Sohle und denk herzlich an Lenchen. Aber ich kann doch nicht an ihre Sohle.“

„Warum denn nicht? Versuchs mal bei mir.“

„Ja, deine Sohle. Du hast eine feine Sohle. Ihr seid alle beinah wie Fische. Ich hab noch nie gehört, daß es bei uns im Schwarzwald sowas gibt. Dreiäuglein und Trullmänner wohl, Hochwürden hat uns erzählt. Was du für schöne Nägel an den Zehen hast.“

„Komm doch öfter zu mir.“

„Ja, und Lenchen bring ich mit.“

„Nicht. Komm allein und sag ihr nichts. Dann zeig ich dir den Weg zur Frau Kirbelei.“

Er stelzte nach Hause, dachte fröhlich, als draußen die Krähen und Rotamseln zankten und er seinen Hut nahm, wie verschieden die Welt sei an allen Orten.

Lenchen schluckte ihre Tränen herunter, als er zurückkam, und seine Tasche war noch voll und die Nadel steckte im Schürzenlatz. „Ihr Männer seid alles Tolpatsche. Du hast gewiß den Niklas aus Rappweiler getroffen, ihr seid ins Wirtshaus gegangen und dann habt ihr euch schlafen gelegt.“

Als er sie trösten wollte, patschte sie ihm über den Mund: „Ich will nichts von dir wissen.“

„Aber Lenchen, ich konnt’ sie nicht finden.“

Sie streckte ihm die Zunge heraus: „Dann geh da hin und da hin und da hin und find sie. Wenn ich ein Mann wär, würd’ ich sie schon finden.“

Und sie ließ ihn in der Küche stehen. Seufzend klopfte er Tags drauf bei ihr an, ließ sich frischen Eppich geben, marschierte zu dem Maulwurfsloche. Er schwitzte in der Sonne; in der Maulwurfshöhle ging es sich gut. Unten besah er sich einen Hecht, der still und silberglänzend an einem Fleck stand und sich nicht rührte; manchmal war er grünweiß und durchsichtig wie ein Geist. Hinzel überlegte, was sich wohl der Hecht die ganze Zeit dachte. Da kam das Schneckenfräulein und sie schwatzten zusammen. Sie gab ihm wieder ihren Fuß zu spielen; er sagte: „Wenn Lenchen das wüßte, würde sie mich schön knuffen.“

Schlief nachmittags müde im Garten Bills ein. Und als Lenchen ihn schlafen fand unter dem Apfelbaum, beschnüffelte sie ihn, fühlte sein warmes Gesicht ab. Er träumte von den Fischen, die so auf und nieder schwammen, von den drolligen Seepferdchen und Aalen. Sie krallte ihn in den Arm: „Woran du denkst! Nur an Saufen und Spielen denkst du. Da liegst du und schläfst. Wir können nicht heiraten!“

„Was soll ich denn machen?“

„Du sollst sie umbringen. Du sollst sie totschlagen. Du sollst einen Hammer nehmen und geradeaus laufen, bis du sie triffst und ihr vor den Kopf hauen, eins, zwei, drei, bis sie tot ist.“ Und da geriet er in ein Zittern, seine Hände zitterten, seine Arme zitterten, sein Kopf zitterte: „Ich will nicht. Ich kann keinen umbringen.“

„Weil du mich nicht liebst,“ schrie sie ihn an und warf ihm die ganze Tasche vor die Füße. „Wenn du sie mir nicht bringst, sperre ich dich unter das Dach und geb dir nichts zu essen.“

Er kam zu ihr gerannt am nächsten Morgen. Da spannte sie grade den alten Bill vor den Pflug wie einen Ochsen, nahm die Peitsche und schlug ihn: „hüah, hüah!“ Sie fuhr an Hinzel vorbei ohne ihn anzusehen. Er lief heulend hinter ihr her. Sie zog ihm eins mit dem Riemen über, und als er nach ihrer Hand faßte, noch eins und trat ihm mit dem Fuß gegen die Wade. Er wankte auf den Feldweg, vergaß, daß er nichts gegessen und nichts getrunken hatte seit gestern abend, weinte, weinte. Bis er an den See kam.

„Warum weinst du denn?“ fragte das Schneckenfräulein.

„Weil ich die Frau Kirbelei nicht finde.“

„Hier hast du meinen Hals.“

„Ich will deinen Hals nicht. Ach meine Striemen brennen.“

„Wer hat dich denn geschlagen?“

„Lenchen.“

„Hier hast du meinen Fuß. Nimm die Nadel, streich mir dein Fingerblut unter die Sohle.“

„Was willst du von mir?“

„Ich bin ja die Frau Kirbelei.“

„Nein, nein, das bist du nicht. Du bist doch nicht schlecht. Mein Lenchen ist schlechter.“

„Nun kannst du mich totschlagen, Hinzel.“

„Ich geh’ nicht zu Lenchen. Sie hat ihren Vater vor den Pflug gespannt. Ich möchte hier bleiben, bei dir bleiben.“

„Ja, du darfst bleiben.“

Und während er weinte um Lenchen, sah er sehnsüchtig hin zu einem Molch, der eben mit dem Schneckenfräulein gespielt hatte. Sein Mund wurde breit und breiter.

„Mir ist ganz lustig in den Gliedern,“ sagte er zu dem Fräulein, das neben ihm schwamm. „Du heißest Schnickedei. Ich möchte mit dir walzen und schrammen wie der Molch.“

Er drehte sich mit ihr, da wurde sein Leib rund und schlank wie eine Rolle. Er warf sich zur Seite und in die Höhe, da legten sich die Arme dicht an und schrumpften ein wie die Beinchen. Lang wuchs ihm ein Schweif heraus, braun und goldig fing seine Haut zu schillern an. Ein schöner bunter Molch war er geworden, der tanzte mit der Schnickedei.

Seinen Hut hat ein Geisbub gefunden. Der lief zur Mutter: „Mutter, am Mummelsee ist ein Loch; da ist ein Mann reingefallen.“ Die Mutter sagte: „Geh hin und grabs zu.“ Da fand am Mittag der alte Bill, wie er antappste mit Sack und Stecken, nicht mehr herunter in den See. Lenchen lachte hell, als der Bauer brummig in die Stube kam, sich die Stiefeln auszog und sich auf den Strohsack legte unter dem Bilde der Frau Suse. Lange stand sie an der Zaunlücke neben dem Hundestall, wartete auf Hinzel. Der aber saß in dem kühlen See auf einem Stein. Die feinen Moderlieschen schwammen über ihm, er nickte mit dem Kopf und schnappte Fliegen.

Der Riese Wenzel

Hinter Jüterbog lag der junge Riese Wenzel auf dem Bauch und schlief. Als der Morgentau fiel, träumte Wenzel, er tauche mit dem Kopf in einen Pfuhl und eine Padde scharwänzele dicht unter seinem Gesicht. Drehte sich um, rieb sich die Nase mit einer Hand ausgerupfter Erde, wurde im Niesen wach. Quarig richtete er sich auf. Es regnete vom grauen Himmel in das Tal herunter. Er meckerte, arbeitete mit Borke an seinen schmierigen Fingern. Ein altes Strohdach hing ihm mit einem Bindfaden von der Schulter, auf dem spitzen Kopf saß ihm gestülpt ein Blechkessel mit Beulen und Löchern. Sein plattes langes Gesicht grün von dem zerpreßten Gras. Er sabberte in seinen Bart. Ein alter Gänsetreiber lahmte an mit einem Eimer Stutenmilch. Als Wenzel den Eimer glucksend absetzte, quetschte er versehentlich einem Gänschen den Hals; da weinte er: „Heut ist ein unglücklicher Tag.“ Suchte seine Beine zusammen, um aufzustehen; eins lag in der Tannenschonung des Jochen Dietrich, das andere war dicht an die Chaussee nach Jüterbog gerutscht. Der Gänsetreiber flüchtete um die Ecke. Wenzel latschte fort, schrammte mit jeder Ferse eine Furche in den Acker.

Bei Kräknitz dampfte eine Wolke um den Berg, zwei Riesen qualmten Buchenblätter aus ihren Pfeifen. Wenzel schwenkte von weitem die Arme: „Ich halts nicht mehr aus.“ Brüllte, wie er hinaufkletterte: „Ich will in die Stadt gehen.“

„Hast keine Milch gekriegt?“

„Trink keine Milch, will Besseres saufen. Hab genug von Jüterbog.“

Sie lachten so grob, daß den Bauern die Erbsen von den Tischen hopsten und einer zum andern sagte: „Wir wollen Hasenpfeffer auf die Wege streuen, daß die Riesen gute Laune haben.“

Die drei stalpten herunter nach Luckenwalde auf ein verlassenes Schienengleis. Neben dem Rangierbahnhof saß ein Alter, dem die Augen schon erloschen waren; er hatte sich Igel in die Augenhöhlen gesetzt, die für ihn sehen mußten. Einen zerrissenen Teppich hatte er um und fror sehr in dem Regen. „Gebt mir eine Pfeife,“ dröhnte er, als er den Qualm schnubberte.

„Wenzel will in die Stadt,“ grunzte einer.

Der alte Kilian schmauchte: „Was willst du in der Stadt?“

„Will tanzen, will mich amüsieren.“

Seufzte Kilian: „Oh weh.“ Seine Nase, über die Hirschkäfer krochen, fing an zu zittern; sie war dürr und blaublaß wie ein Spargel.

Plärrend drohte Wenzel mit den Fäusten und trampelte: „Will in die Stadt, in die Stadt!“

„Hornvieh,“ schrie der Alte, schwang die Pfeife, „dumme Kröte. Werden dir die Lumpen abreißen, dich ins Wasser schmeißen, daß du versaufst.“

„Die mir was tun in der Stadt?“ Wenzel kicherte, wie wenn eine Fliege am Fenster brummt. „Die sind ja so sanft, so fein, so gut. Sind nicht wie Bauern. Nehmen den Hut ab, machen Knix und noch Knix: ‚Lieber Wenzel, liebes Wenzelchen, guten Tag, wie gehts?‘ Kenne sie schon, hab gesehen, wenn sie vorbeigefahren sind im Zug. Haben samtene Kleider, essen Marmelade und geben mir davon, soviel ich will. Und dann sage ich: ‚Ich komm ja schon, ich komm ja schon. Da bin ich.‘“

Den beiden jüngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem uralten Kilian aber tropfte das Wasser über die geriefte Lippe; er fütterte sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete, mit der Hacke wühlte er voll Wut ein Loch in die Erde, daß eine Schiene heraussprang: „In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeißen. Wirst schreien nach uns, daß wir dir helfen.“

„Und dann versauf ich lieber, äh, als daß ich fresse trockene Kastanien in Jüterbog und laß mir die Zehen abfrieren.“

Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern klafterten Fuder Sand über Wenzels Buckel.

Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen; eine Tanne riß er hoch und soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht frieren.

Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebückt unter den blanken Drähten der Elektrischen, vor denen er sich fürchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn, Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Männer, kleine Frauen stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straßen vor ihm frei. Es stank nach Qualm, bösen Dünsten. Wenzel zog beschämt von Häuserreihe nach Häuserreihe, drückte eine Scheibe ein, bog sich eine Regenröhre um; guckte hindurch zum Himmel. Über leere Plätze schlurrte er; als er mit krummen Knien sich über ein Häuschen bückte, auf die Nachbarstraße hinübersah, rief er leise: „Ihr! Nehmt mich mit. In euren Ballsaal.“ Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. „Wo habt ihr eure Marmelade?“

Die Städter, verängstigt, versteckt, merkten, was er für ein Tolpatsch war, als er so verspielt sachte herumflanierte, kamen in Haufen, hetzten: „Den haben wir bald, den kriegen wir schon.“ Wenzel kauerte grade auf dem Königsplatz, lutschte an der Siegessäule, da fing eine Glocke zu läuten an, eine andere bullerte, dann viele, alle in der ganzen Stadt, Dröhnen, Brummen. Still legte Wenzel den Kopf an die Säule, freute sich, was die Berliner für fromme Leute wären. Klingelnd rückte die Feuerwehr durch den Tiergarten, zwanzig Wagen hintereinander, spritzte scharf auf einen Pfiff gegen Wenzels Beine, daß er zögernd davor auswich, erstaunt Straße nach Straße, über einen Platz, über eine Brücke, bis er an ein Fabriktor kam, da riß plötzlich ein eiserner Krahn seinen linken Fuß hoch und eine Dampframme schmetterte einen Keil durch die Ferse. An einer Kette hinkte er schmerzheulend, wo sie ihn führten. Wie ein Bär tanzte er auf dem Neuen Markt; Berliner und Berlinerinnen liefen hinzu und lachten. Er hatte Angst; seinen Strohmantel zerrten sie herunter. Zwei Männer legten eine Leiter an, kitzelten ihn unter der Achsel, hörten nicht auf. Und da er sich fürchtete sie zu zerdrücken, wirbelte er im Kreise herum, knackte vier Laternen ab, bog sich, streckte sich, lachte und heulte in einem Atem. Wie er etwas Luft schöpfen wollte, saßen zwei graue Katzen auf dem Dach. Er ächzte: „Lauft zu Kilian hin und sagt ihm: das machen sie mit Wenzel in Berlin.“

Die Riesen standen hinter Jüterbog auf dem Floriansberg und horchten, als der Lärm und das Läuten entstand. Einmal sahen sie, wie der junge Wenzel auf das Pflaster hingeledert wurde, dann stiegen sie auf einen Kirchturm, putzten sich die Augen. Schauten nicht lange hin, ihnen wurde angst und bange.

Die Katzen sprangen über Dächer und Böden, sie ließen sich an hohen Schornsteinen herunter, rannten Wette über den Belle-Alliance-Platz, ohne Rast zum Floriansberg.

Mit Kugeln schossen die Städter in Wenzels Fell; da dämmerte dem jungen Riesen, daß die Städter schlecht mit ihm waren. Seine Augen wurden weit und trübe; eine Kälte rieselte von seinen Füßen herauf; er ließ mit sich geschehen.

Der Wind ließ am Abend nach. Von Jüterbog torkelten die drei Riesen her. Ihre Kessel hatten sie vom Kopf genommen, paukten drauf, um Furcht zu erwecken. Die beiden grauen Katzen mit blutig bösen Augen sprangen neben ihnen. Bei Tempelhof, dicht vor Mariendorf, ragte etwas aus dem Sande und bewegte sich. Sie hoben Wenzel an den Schultern hoch; seine Beine steckten tief im Boden, klirrten und klapperten; bis an die Brust war der junge Riese versteinert. Sein Mund lappig und schwer; er stöhnte: „Tut ihnen nichts. Tut ihnen nichts.“ Dann versteinerte er ganz und war tot. Ein Krebs hing noch über seinem Arm, der zappelte, weil er mit der braunen Schere im Stein fest saß. Die Riesen schaufelten mit den Händen ein großes Loch in die Erde, damit der Stein nicht umfiel. Da wackelte die Mutter herzu. Sie stellten sich hin zu dreien, sahen sich auf die Füße: „Wenzel ist König geworden in der Stadt. Geh nicht hin. Die Leute sind böse und schießen. Wenn er eine neue Kutsche hat, holt er dich ab.“ Die Mutter warf ihr blaues Tuch ab, weinte: „Das glaub ich nicht. Dieser Stein, das ist mein Kind.“

Und fallend glitt sie über den Stein und bedeckte ihn als ein schöner, warmer, grüner Rasen. Und fließend bedeckte sie den Boden und die ganze Umgebung. Die Riesen zupften sich die Bärte, pflanzten Hanfnessel, Löwenmaul und Bilsenkraut.

Das Krokodil

Unter der ungeheuren Aracee lag Julie wie ein blauer feistgefressener Drache. Sie wühlte sich im schattigen Klee, an der Allee, die sich grell in der Hitze hinwand. Die prallen, lederartigen Blätter des Gewächses deckten sich gleich Ziegeln und aus rosa Blattscheiden züngelten die purpurroten fingerlangen Fruchtknoten, weißgesprenkelt, schleimglänzend, an den Spitzen wurmartig gewunden. Sie zog die Äste zu einem Vorhang vor ihre lauernden, gelbbraunen Augen; sie blinzelte tückisch, machte mit zwei dünnen Fingerchen einen Spalt, sobald Schritte die Chaussee heraufklapperten. Trollte ein Kind vorbei, ächzte ein Weibchen unter seiner Kiepe, Julie schaukelte ein Blatt vor die weiße Nase, leckte über die breit glührotgesäumte Oberlippe, auf der schwarze Härchen standen, wie Grasspitzen auf einer Wiese, leckte das Blattende herunter, um daran zu saugen. Beim harten gleichmäßigen Trampeln stemmte sie den Oberleib auf den Ellbogen hoch; der Männerstock klirrte, schnellend schaukelte der Vorhang auseinander und wiegte sich, durch die schwankende Blätterlücke fuhr auf den gelben Blicken ein giftiger Haß hinter den Wanderer, geschient wie ein Eisenbahnzug. Einen Augenblick, dann spuckte sie die angekaute Pflanzenfaser auf die weißen Kleeköpfe zwischen ihren Händen, wölbte den Mund breit und „Öh“, ein dickes kehlgequetschtes „Öh, öh“ höhnisch und langgetrieben, wobei sie ihren kleinen Körper verkürzte und den Bauch hervortrieb, blökte hinter dem Gartengitter über den stummen Weg; wer sich umdrehte, sah die beglänzte gummiblättrige Aracee.

Weiß lag auf dem Wiesenhügel hinter der Aracee die zweistöckige Villa mit den grünen Fensterläden, dem geschnitzten schmalen Balkon; Glasveranda rechts und links. Juliens grauer stiller Vater, der Ostindienfahrer und Seelord, der zwanzig Jahre an asiatischen Küsten gefochten hatte, spazierte oben im gelben Khakikleid mit seiner schönen weißhaarigen Schwester; aus grünem Samt war ihr Kleid und ihre fürstlich lange Schleppe, die über den chinesischen Mosaikboden strich. Er hob schwer an seinen langen Knochen und Knien; steif als wenn er einen Türrahmen um sich trug, ging er; die beiden grübelten zusammen in den Gewächshäusern, vor den bläulichen ungeheuren Glasfenstern, stopften Vogelbälge aus, putzten Orden.

Sonntags sprang das kleine eiserne, mit Lotosblumen besetzte Gartentor auf. Zwischen der steinernen Doppelreihe grauer Löwen, die mit riesigen Lappohren wedelten, bewegte sich Julie, um in die Dorfkirche über die steinige Allee zu gehen. Die üppige sanfte Tante wallte träumend unter der warmen Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhängter Körper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlächter den Rumpf abwärts auf dem Rücken trägt, die eine Schulter senkend, die andere senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest über der quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grünen Samt der Tante fiel hinten über das dunkelblaue Seidenkleid, weiß ihre Schuhchen, weiß die hohe Halsrüsche und die wehenden Spitzen der Ärmel. Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr ganz früh um Weichen und Hüften herumgesprossen, kleine Plättchen in der Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glänzten und die man salbte und rieb. Um den weißen, festen, üppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen Lederschalen, die manchmal blätterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie sähe aus wie das Krokodil des Vaters im Gewächshaus. Zu der weißhaarigen Tante, die längst tote Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt ihre Hüften, jauchzte: „Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil und freß euch alle auf.“ Die Dame weinte, deckte das Fräulein zu, sie mochte es nicht hören; erinnerte sich entsetzt, daß Juliens Mutter immer geklagt hatte über den kühlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das übermütige Fräulein sich von der grün samtenen Dame losmachte und nacktfüßig auf der Veranda dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Präparieren schliff, zustammelte, kichernd: „Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein Krokodil,“ da betastete der gelbe Herr ungläubig die Hüfte, schlug sich vor Vergnügen den Schenkel, umarmte die Tochter, während er das Messerchen aus der linken Hand fallen ließ; er fluchte englisch, küßte sie, sie lachten sich, Hand in Hand gegenüberstehend, an. Der Kapitän bestellte Sekt für den Abend, als wäre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er über dem dunklen Dorf, für die Tochter ließ er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt, dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebärden vertrieb sie den behäbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen über den Fortschritt der Krankheit murmelte; er stolzierte hinüber zum Vater; aber als der zwischen dem Rühren und Schäumen seiner Bowle hörte, was Julie gesagt hatte, kratzte er sich dicht vor dem Gesicht des Sanitätsrats den grauen Kinnbart und knarrte ironisch: „Da wird sich wohl nichts machen lassen,“ worauf der Mediziner heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte über den Hügel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden Kürassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul saß er in der lichtblauen Uniform; rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des Pferdes herunter, verheißend blickte der Dragoner seitwärts und zu den Damen. Die lächelten alle und die Kürassiere schoben ihre blanken Prunkhelme rückwärts, um gut sehen zu können. Zierlich beugte sich der Dragoner seitwärts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem exotischen Gebüsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen schimmerten verführerisch. Die Blätter drüben schwankten, der Baum zitterte allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich höher. Zwei Fingerchen, fünf Fingerchen, zwei Hände, zwei Arme breiteten einen Spalt; ein weißes Kinn, eine weiße Nase, rußschwarze Haarmassen; die Stirn verdeckt und die Augen verdeckt in der grünen Höhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er führte zwei Reiter auf die Brücke hinaus, breit war das Brückengeländer, schmal war der Weg.

Das Fräulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der Stirn, durch die Blattlücke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den feinen schwarzüberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag über dem weißen freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter über die Brücke trabten, da kniete eine Bettlerin, das schwarze Lumpentuch über den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fräuleins vor die Blätter sich schieben, hörte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie, doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzückt; leise klirrte das Gitter, einem Löwenhund trat sie auf die Schnauze, zerknittert näherte sie sich über den Rasen, tauchte rechts, pumpte links, beide Arme balancierend und grüßend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber es hieße, daß sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure, ängstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mächtigen Brunnen, sie stützte sich an dem Zügel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb, seine langen graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

„Ach,“ sagte sie und hörte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter den schlechten Menschen her, damit jeder höre, wer da komme. Der Dragoner löste ihre Hand vom Riemen, drängte das Fräulein gegen das Gitter, so daß es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das Pferd neben ihnen.

Auf der Brücke stand die Bettlerin; ein Reiter warf ihr einen Heller zu, der andere nahm ihr das Tuch vom Kopf, da saß ein wunderbares Fräulein darunter, das hob er auf das Brückengeländer.

Aber was hatte das Jungfräulein auf dem Kopf? Unter dem Tuche? Einen Hut aus Zittergras, ganz dicht geflochten.

„Den habe ich nicht,“ lächelte Julie und ließ sich über das Haar streicheln.

Was hatte das Jungfräulein um die Hüften?

„Einen Gürtel,“ sagte Julie.

„Einen Gürtel aus gelbem Marmelstein.“

„Aus gelbem Marmelstein.“ Sie wiederholte gedankenlos. Gegen den lichtblauen Waffenrock drückte sie ihren schwarzen glühenden Kopf. Schamhaft fühlte sie seine Hand an ihrer Hüfte. Da war ein Schlitz an der linken Seite und wie an dem Araceenbaum sperrten seine Finger einen Spalt, zwei Finger, vier Finger, während ihre Augen fragend in seinen falschen suchten. Breit riß er, seinen Kopf herunterbeugend, in den Stoff hinein. Sie versteckte ihr Gesicht in den Händen.

Das Pferd losgerissen galoppierte auf die Chaussee. Lachend, dankend, winkend, sprengten zugleich die beiden Kürassiere und die vier Damen heran, vorüber.

Das Krokodil, das Krokodil des Dorfes, sie sahen es, Herr von Wetzling hatte es ihnen gezeigt. Er rannte seinem Pferde nach, die Mütze flog ihm im Lauf ab, haschend, winkend rief er gegen das Gitter, er werde morgen das Lied vom Nikolaus, morgen zu Ende singen. Zuckend lag Julie und schrie in ihrem geschlossenen Munde.

Da wohnte am Ende des Dorfes ein völliger Narr mitten im Gehölz, hieß van der Meeren, sollte aus Gent stammen. Er wohnte zusammen mit seinem Sohne, der ein Nichtstuer war und sich auf Landstraßen herumtrieb. Diese wurden im Dorfe dazu verwandt, Schafe zu heilen und Hunden die Ohren zu schneiden. In die Villa des Seehelden war der Alte oft geklettert; Schnecken und Blattpflanzen starben viel und van der Meeren verstand es schnüffelnd, greinend, mauzend, das Zimmer von Menschen zu säubern, und liebevoll mit dem Wasser, den Tieren und Gewächsen umzugehen; war er da, so konnte Wasser, Tier, Pflanze wieder eine Zeitlang leben. Meeren vermochte beinah jedes verkümmerte Pflänzlein wiederzuerkennen, bediente die jungen und alten Blättlein in gemurmeltem Gespräch: das Wasser sprudelte aus seinem Schlauch gebogen in das Becken. Drückte man ihm Geld in die Hand, so schnitt er eine grimmige Miene, er schwang die Fäuste im Herauspoltern, als ob er Steine wiegte.

In seinem Haus draußen lebte eine schwarze Mutterziege und drei gefleckte Geißen; Finken und Zeisige flogen durch die Fenster; unter den Dachsparren klebten Nester, in den Winkeln der beiden Stuben und der Küche wohnten und sprangen Kaninchen.

An regnerischen Tagen nahm der Alte einen Karren, zog in den dunklen Wald; er suchte gefallenes Wild, tote Vögel, war der Totengräber der Tiere.

Zu ihm schlich Julie, zwei Tage nachdem der Dragoner, die Kürassiere mit ihren Damen über die Allee gesprengt waren.

Van der Meeren hobelte vor seiner Tür grade einen Sarg für eine weiße Katze, die er ersäufen wollte für ihr mörderisches Wesen. Da stellte sich Julie hin und sagte, sie wolle sich in Pension geben zu ihm.

„Wo hast du deinen Vater?“

Julie faßte sich an die Brust, weil der Narr es wagte, sie zu duzen, dann meinte sie ängstlich: „Er jagt.“

„Werden wir schon kriegen.“

„Ich will mich bei Ihnen in Pension geben.“

„Sieh mal an, das Krokodil!“

„Nun ja,“ sagte sie furchtsam aber entschlossen, zog das blaugemusterte Umschlagtuch vom Kopf.

„Haben wohl die Doktorsch und die Mamsellchens nichts ausgerichtet? Wie, he? Kommt dann der Meeren dran. Mag dich nicht.“

Die Späne flogen.

Bettelnd verzog Julie den Mund, faltete die Hände vor dem Leib, während ihr das Tuch über dem Arm hing, trat an den Sarg.

„Mag dich nicht,“ brüllte der Alte über sein Brett, „scher dich weg. Wenn der Herr Vater ein großer Jäger ist, soll er wissen wie es ist, wenn die Hunde kommen und sein Kind beißen.“

Sie weinte und rührte sich nicht.

„Soll ich den Hunden pfeifen?“

Nach einer Weile hob sie den Kopf: „Pfeifen Sie.“

Nun fing das mächtige Hämmern an; harte Buchenstifte trieb er durch das junge Holz seiner Bretter; die Katze, die er erschlagen wollte, ging spionierend über den Dachgiebel und sah rotäugig herunter.

„Ich will in Ihr Aquarium,“ flüsterte Julie, „ich schwöre, ich will Ihnen ganz gehorchen.“

„Solch großes Aquarium haben die Lumpen im Walde nicht. Muß der Herr Vater selber kommen und eins bauen.“

Aber seine Augen waren milder, so blickte er, wenn er ein Blättchen streichelte.

„Ich will, daß Sie mich ins Aquarium setzen. Wenn ich schon ein Krokodil bin, will ichs auch ganz sein.“

„Bist du trotzig. Sie werden dich zurichten, die Eidechsen, die Molche, die Stichlinge.“

So fein sie war, so merkte sie nicht, daß er spaßte.

„Mich stechen sie nicht. Irgendwohin muß ich doch gehören.“

Er spöttelte weiter, öffnete die Haustür, rief hinein und der junge Tunichtsgut kam.

Schlaff und sanft war der, wie ein kleines Mädchen. Verschlafen war sein Gesicht immer; rotes Haar zottelte in seinen Nacken; einen kurzen Stecken zwirbelte er zwischen drei Fingern und verfolgte im Gehen, wie rasch sich der Stecken drehte. Seine Hände waren rußig vom Herd, in nackten Füßen strich er her, denn er kochte und putzte die Wirtschaft für den alten Meeren.

„Bring eine Leiter, Ziwel,“ brummte Meeren, „das gnädige Fräulein will ins Aquarium.“