„Louis, Louis,“ seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er ringt, mit sich beschäftigt, die Hände und schlägt die Arme auf und ab. Der Führer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hört nicht, was der schimpft. Der Unteroffizier reißt ihn hoch, und unversehens hat ihm Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag über die Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger über sich und die Welt jammernd.
Wird nach fünf Minuten von vier Mann angefaßt, geschüttelt, Kolbenstöße. Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden muß er stehen und frieren.
Zweite Stunde ist um; lahm und böse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und Säbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als über die Wiese rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preußen rennen und schießen, schießen. Wird jenseits der Gräben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, über- und nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlägt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine Forsthäuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab, füllen die Tonnen, Sandsäcke. Die Flüche der drängenden Kolonnenführer, Klatschen der verirrten Sprengstücke gegen einen Stamm, das erregte Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rückwärtsblicken. Dichter, näher schießt es.
Wald nach rückwärts bis zur Eisenbahnböschung gebrochen, trampelt Armand fluchend mit fünf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.
Ein Dörfler, Weißbart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher; Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnäpse auf Armands galgenlaunigen Wunsch Ländler auf; ein Pionier sagt zu seinem Nachbarn: „Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.“ Draußen gleich neben der Tür fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und Igel im Taschentuch drüber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlägt in Wut die Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrüll von drei Seiten, der Räuber droht dem Weißbart mit den Geigentrümmern. Armand rafft mit: „Ei, ei“ den Igel im Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhängen.
Als er am Ellenbogen gefaßt, rechts herumgeworfen wird. „Lump, Lump,“ schreit was, „da haben wir ihn, meine Uniform.“ Der verliebte schlanke Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm. Das Gekeif. Armand herausgerissen. „Spion,“ brüllt der gefesselte Pioupiou. Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen schwarzen Säbel vor, er hätte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen sehn, mit einer großen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou flennt; er habe allein ein Korbwägelchen gelenkt, Armand und drei andere seien dem Pferde vor Dizennes in die Zügel gefallen, hätten ihn dann in eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen hätten Pickelhauben gehabt, große Pickelhauben, es seien Deutsche gewesen, und mit Armand Mercier Spione. Und das Gold? Das hätte er sich in einem Wirtshaus geliehen.
Armand Mercier grollt, brummelt vor sich, sieht wehmütig allen drei unter die Augen. Bückt sich nach vorn über seinen Bauch, um nicht den kleinen Igel zu drücken. Er will im Krieg bleiben, will nicht wieder an den Baum. Louis hat er schon verloren, nun nicht noch mehr. Ist genug dran gegeben. Verflucht den Strolch von Pioupiou, der ihm in die Quere kommt. Leugnet, als er von dem einen gehässigen Blick kriegt, steif, Armand Mercier zu sein, hier seine Erkennungsmarke. Sie überschreien sich, Armand bettelt, ohne den höhnisch lächelnden Hauptmann zu beachten, der mit seitlich gelegtem Kopf dem Gendarm abwinkt. Bis schließlich Armand, als er nicht fertig wird, an den Kerl herantritt, ihm die Faust vor die Nase drückt: „Und du willst ein ehrlicher Kerl sein?“ Wendet sich wutgeschwollen gegen den Hauptmann um: „Bezahlen hat er sich lassen, mit fünfundachtzig Frank. Meinen Freund Louis Poinsignon wollte ich begraben, der am Typhus gestorben ist im Lazarett. Aber der da ist ein Lump, der zehn Stunden an den Baum gehört. Herr Hauptmann, so ein Lump und verruchter Menschenverderber ist das. Kein Kamerad ist der Ihnen, der Strolch.“ Vor dem Blick des Hauptmanns weicht Mercier zurück. Beide drei Tage je zwei Stunden an den Baum. Befehl an den Feldwebel: sind bei den Pionierarbeiten an den vorderen Schützenlinien zu beschäftigen. Brüllend lacht der Hauptmann hinter ihnen her; Armand denkt, der hat den heiseren wütenden Ton in der Stimme; der wird auch bald fallen.
Beginn der Nacht bricht die Kolonne Armand Merciers aus einem zerschossenen Dörfchen hinter der Bahnüberführung auf. Pioupiou mit der Beilpicke im Zug. Voll Wut marschiert er hinter Armand, möchte ihn erschlagen für die zwei Stunden am Baume, Mercier weicht aus, wie er die Fußstöße von hinten kriegt; grollt dem Pioupiou nicht; lohnt nicht, hier fluchen; man muß sich schlagen, man wird fallen oder die Preußen werden fallen. Was der Igel für ein drolliges Tier ist; ei, ei; ein Igel hängt im Taschentuch unter seinem Waffenrock. Aus dem Dörfchen unterhalb des Bahndammes laufen zwei brennende Kühe; ein brennender Hund, tanzend, heulend, findet Asyl in einem klaffenden Pferdebauch, der zischt und qualmt. Die Schützengräben; gedrängt hinein hintereinander Mann hinter Mann durch die schmalen Verbindungsgräben, rechts links sich teilend, zusammenfließend; an den Latrinen vorbei, durch die völlige Finsternis, die Meldestelle mit den Telephonen, der stinkende gestöhnerfüllte Verbandraum. Jetzt die vorderste Reihe; in dem kurzen Licht der Taschenlampen werden die stummen Gestalten unter der Brustwehr sichtbar, in ihren lehmerstarrten Mänteln, den abgemergelten grauen Gesichtern, den hohlen Augen, die Gewehrmündungen in die Finsternis da draußen gerichtet. Lautlos über die Ausfallsstufen heraus, zwischen den Drahtgassen über Granatlöcher auf den ebenen Boden gedrückt vorwärts, Gewehr an der linken Schulter, Spaten mit Blatt unter der rechten Achsel. Horchposten vor der Front am Boden. Das Richtband. Heimlich gräbt die Schippe; nichts klappert, man wühlt, flüstert, ächzt im Finstern. Oh, naht etwas? Man flüstert, tastet seinen Nachbarn. Die Nacht vergeht, Horchposten zurück, Ablösung. In die eisigen Gruben rücken von hinten die Arbeitsreserven an, schleppen Eisenbahnschienen für Eindeckungen, Blech für die Scharten, Handsägen, Schrotsägen, Balleisen, Stoßäxte, Taue, Eisenklammern; Telephondraht rollt.
Da schmettern die ersten Lagen aus den Feldhaubitzenbatterien von drüben. Und dies ist der Moment des Sturms. Die hohläugigen Männer aus den Gräben sind alle herausgestiegen, ihre starren Mäntel haben sie abgeworfen. Überall sind sie in die graue Dämmerung heraufgestiegen, immer mehr quellen herauf. Sie haben an der freien Luft die steifen Grimassen von Sterbenden und Besinnungslosen. Sie sind wie Katzen, die in den Sumpf springen und ertrinken, vor Durst, vor Durst. Sie rennen gegen das schwingende leere Feld in einer blutroten Wildheit. Aber das ist nicht still, das Feld, das schweigt, atmet, wartet. Die kleinen Flintenlagen, die herankommen. Verlogener Köder; es sind mehr, viel viel mehr drüben, mit Speck fängt man Mäuse.
Da!! — Radumm, dummdumm, päng-päng, päng!!
So ist es. Barmherziger Gott, das ist es also.
Wie schießen die Preußen. Die prasselnde Angst, die schreiende Wut. Weiter, weiter, wenn wir erst drin wären; nicht schießen, die Bajonette. Tornister weg, Mützen weg, Stiefel aus, den Kolben hoch.
Radumm, dumm, päng, päng.
Armand Mercier knirscht die Zähne, hat das Gewehr weggeworfen, hebt abwehrend das Spatenblatt über den Kopf. Zieht und zottelt mit der linken Hand am Seitengewehr. Der Igel sticht ihn in den Oberschenkel. Hier müssen wir laufen. Er schwenkt die Arme wie alle, brüllt: Weiter, weiter, oh, oh, radum, radum, er ist das Echo, er blafft mit dem Mund zurück jeden Schuß; drängt die Augen heraus, wo sind die Geschütze, wir werden sie kriegen, es sind die Preußen, die haben das Land besetzt; die haben meinen Freund getötet.
Louis! Louis Poinsignon! Louis!
Rache! Rache! Maul und Beine und lauernde Bajonettspitze. Tausend hungrige Bajonette! Weiße auf- und abzappelnde Stacheln! Eisenwald, der heranschaukelt!
Wie sich alles bewegt!
Wie das ist! Vorn, rechts, links stolpern Soldaten, im Lauf, man hört nichts; Holzpuppen kippen vornüber; als wenn man einem Hammel die Beine wegschlägt.
Infamie! Verrat! Infamie!
Die Preußen schießen mit Wasser, mit kaltem Wasser, mit Eis! Von hinten! Stoß gegen den Rücken. Stich zwischen die Schulterblätter, etwas Kaltes, Langes, eine Fischgräte, die gar nicht aufhört sich nach vorn in den Hals hinaufzuschieben; sich nicht schlucken läßt. Das Bajonett des Pioupiou, der weitertorkelt. Halt! Zappelnd, sich stemmend über einem Tornister. Die Tritte der Folgenden über seine Knie, die rollenden Maschinengewehre. Kommen sie weiter? Kommen sie durch?! Kommen sie weiter?!! Rache! Ich will mit! Will mit! Der Igel sticht, eine halbgelähmte Hand knöpft das Tierchen los, es kullert aus dem Taschentuch, rollt weiter. Er blafft am Boden: „Vorwärts! radum radum dum!“
Platzender Vulkan eines Schrapnells. Noch ein Schrapnell. Sie rennen zurück. Klappern der Gewehrkugeln. Die deutschen Signaltrompeten. Hurra, hurra. Hurra! Eine schwarze Wolke, dann steinerner, eiserner; ein eiserner Wagen über Schottersteine. Näher!
Hurra! Hurr-aaa!! Radum!
Maschinengewehre zurück! Reserven zurück! Keine Gewehre, keine Mützen. Sie kommen ja zurück! Sie springen in die Löcher. Die Preußen.
Armand hat Erde zwischen den Zähnen und einen weißen Mund.
Zermanscht zehn Schritt vor ihm der Konditor, der die besten Witze machte vor dem Schlafengehen, ein alter Junggeselle; auf der Pike ein kleiner rundbäckiger Student, der wie achtzehn aussah und fünfundzwanzig war; der Hauptmann; zweiundachtzig weiter. Wer kennt alle ihre Geschichten. Der Wald bis an den Bahndamm verloren.
Der Kaplan
Weich dünstete der Nebel über den Potsdamer Platz und schwoll vom Tiergarten her. Die Bogenlampen auf den hohen Kandelabern schienen weiß in der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauchten auf, klingelten und verschwanden; zögernd schwirrten die Autos über das Asphalt. Über dem Spiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine, Röcke, von denen der Regen troff, verzerrte Konturen von lackierten Droschken, Stimmen, Traben, Klirren, Rollen über dem Platz; in regelmäßigen Intervallen ein Pfiff.
Der Kaplan stieg aus der Untergrundbahn herauf und stand vor Stillers Schuhgeschäft. Über das regenblanke Trottoir zog er, den Schirm aufgespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her, überholten ihn. Eine kleine Schlanke huschte ihm zur Seite über die Bordschwelle, in einem himbeerroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den Rock raffend, eine Pfütze umgehend; das schwarze Haar wippte in einem Knoten unter der runden Kappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans verfolgten die Bewegungen.
Dies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in der Beichte gehört hatte.
Und der Gedanke bewirkte, daß er seinen Schirm tiefer über sich zog, den schmalen Kopf auf die fallende linke Schulter legte und ein paar Sekunden die Augen schloß. Ihre schlängelnden Bewegungen verschwammen im Nebel, das Rot leuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne Widerstreben. An den erleuchteten Läden vorbei, folgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit Fischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden Similibrillanten. Zigarettenreklame erlosch, grellte auf. Als sie in die Uferpromenade einbog an der Potsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem drehenden Hals, vorgebeugtem Kopf. Irgendwie dankbar sah er ihr in das volle, erhitzte Gesicht, hob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße ihrer langwimprigen Augen wurde sichtbar, der erschrockene schwarze Blick fuhr an seinem zugeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem Eisengitter. In französischem Akzent brachte sie heraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei, sie kenne Hochwürden nicht. Als er wieder langsam nach dem Hut griff, löste sie die Hände von der kalten Eisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch die Wasserflecke von den braunen Glaçes, sagte mit ruhigem Blick auf seine Tuchknöpfe und dann auf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches Gesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu sprechen; sie sei fremd in Berlin.
Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten plötzliche Regenschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Boden, spazierte in Gummischuhen, die Füßchen spitzend, durch den Morast; ihre rote Hutschleife ragte wie ein Horn über der Stirn, über der verwirrten Linie ihrer Ponys. Sein magerer Oberkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.
Vor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie unter dem Schirmdach hervor: „Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.“
Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Straße zurück, gelangte auf den dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers Schuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schließlich trugen ihn seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte in einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Büchse Schuhcreme und überlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank, über den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er öffnete, als er allein auf einem großen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung hinein, stellte sich dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der Holzbude minutenlang, länger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett läge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und schreiend, als der Mensch hervortrat, davonlief quer über den Platz, purzelte, sich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge. Rasch klappte der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er hochblickend einen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit den Augen die Gruppe des Pferdebändigers. Ein Passant, den Kragen hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krümmten sich; eine Ungeduld, wie plötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte mutig, wie das edle Roß da oben.
Seinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er den Kopf über den Kragen, seine Hände falteten sich über dem Leib. Die kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.
An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schüssel mit Streuselkuchen. Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze; sein nackter spiegelnder Schädel glänzte; wenn er lachte und sein junges, blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus; sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben hatte: „Wenn du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf sitzst, kannst du eine Weile damit auskommen.“ Als sie es zum zweiten Male trug im französischen Klub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den etwas lädierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Schoß gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem Bemerken, daß er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente fabriziere. Ein paar Wochen später zog er ihr eigenhändig das altmodische Kostüm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjäckchen, eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.
Wie Robert gerade die Backen prall aufblähte, aus einem Mundwinkel schräg die Zigarettenasche von der gestickten weißen Weste paffte und mit der mächtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und der hagere Kaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchenkrümel auf den Teppich: „Nein, das ist nicht möglich.“ Sie zog die Silben, blieb länger sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut ab und erzählte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch saßen, gegen Robert gewendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie reizend sich der Herr Kaplan ihrer angenommen hätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen ihnen beiden auf einem niedrigen Plüschfauteuil, mit dem Rücken gegen die Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher Dankbarkeit saß der Kaplan zwischen ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrückten Fransen, die Zinnkrüge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch daß die Gardinen schmutzig waren und die Überhänge nicht paßten, die Brillanten dieses glattköpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm kam, ohne daß er es wußte, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in der Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett. Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte: „Bitte, fassen Sie mich nicht an.“ Sie fragte: „Was haben Sie?“ Er wurde blasser, sagte, er wäre so empfindlich an den Händen. „Aber doch nicht an den Armen.“ „Etwas an den Armen auch, bitte!“ Sie tupfte in seinen Handteller; er krümmte sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn, so daß sie sich abwandte: „Gott, sind Sie komisch.“ „Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein, Sie auch, mein Herr, es ist vielleicht Gewohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.“ Darauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der Kaplan sich nicht wieder in die Höhe richtete, sondern immer die Parkettfugen studierte. Robert schnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den Kopf; er knipste an seinen Manschetten: „Aber das ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder wie nennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen, wie so, na, ich will mal sagen, ein Flaneur, und werfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des Landes.“ „Ich freute mich über Mademoiselle Dufoult und war glücklich, sie kennen zu lernen.“
„Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich, Sie gefallen mir außergewöhnlich. Man soll niemals sagen, daß es irgend etwas im menschlichen Leben nicht gibt.“
Der Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf dem breitbrüstigen Herrn liegen.
„Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich bewundere Sie; Sie scheinen wie aus Eisen geschnitten.“
„Na, ich danke. Hab gedient: bin noch halber Soldat!“ Er legte die Hände auf seine Knie: „Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie hier? Störe ich etwa jetzt, Sie und dich, Alice?“ Er lachte und prustete gewaltig. Sie schwankte zwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre feine lange Nase bog und streckte sich:
„Robert, nimm dich doch etwas zusammen.“ Sie konnte nicht weiter, platzte heraus in ihr Taschentuch.
„Soll ich rausgehen, Alice, ja?“ Er quietschte schon. „Aber ich kann doch durchs Schlüsselloch gucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die Sache nimmt mich gewaltig mit.“
Der Kaplan lächelte freundlich von einem zum andern, zog sein Fauteuil ganz an den Tisch: „Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten ist. Ich bin gern unter fröhlichen Menschen.“
Der neben ihm schrie aus vollem Hals: „Gotteswillen, du mußt mir den Kragen aufmachen, Alice, den Schlips.“
Sie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: „Ich kann ja selbst nicht. Hochwürden muß eine schöne Meinung von uns kriegen, Robert.“
Und wieder sagte der Kaplan ruhig: „Aber nicht doch. Ich bin nur froh, daß ich hier sitzen und alles mit ansehen darf.“ „Ja, ja, Alice, er hat recht;“ mit tränenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete plötzlich gähnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil. „Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzählen Sie uns etwas von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation ausnutzen.“
„Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie nicht betrübt, ernste Dinge zu hören. Gern will ich Ihnen erzählen.“
„Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrüben?“
Während die Tassen klirrten, das junge Hausmädchen in hellblauer Schürze Milch brachte, fixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner melodischen Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte Gast machte sich in einer sonderbaren Weise breit.
Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: „Du, hab ich dich verletzt.“ „Na, na, laß mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt geworden.“ Der Kaplan schob den Fauteuil zurück: „Ich darf mich jetzt verabschieden?“ Robert drückte sich hoch. „Lieber Herr, Sie laufen weg. Die Sache eilt nicht; übrigens: wir gehen zusammen.“ Alice, ein Knie über ihren Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorübersah. „Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich.“ Sie gingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben der Chaiselongue, brachte mit kalter Miene Robert die dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Nägel ihrer linken Hand betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräftig. „Ja, das ist mal reizend,“ fing der robuste Mann an, „daß ich einen richtigen Menschen treffe, ein Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir ist zwar wirklich nicht klar, was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind vorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.“
„Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen gehe.“
„Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. Alles an seinem Platz. Also, ich wollte Sie um einen Gefallen bitten.“ Er hakte sich bei dem langen Kaplan mit seinem linken Arm ein. „Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen. Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie solch besonderer Mensch und schließlich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!“
Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes Schauspielergesicht zu ihm: „Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?“
„Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem Wort gesagt: es handelt sich um ein früheres Verhältnis, genauer gesagt, um mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr Kaplan.“
„Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Erzählen Sie mir von der Dame, welche Situation vorliegt. Lassen Sie sich die Besprechung doch nicht schwer werden.“
„Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und Dame und so, lieber Herr. Sie sollen mir das Mädchen abnehmen, wenn ich’s denn mal rausbringen soll!“ „Wie meinen Sie?“ „Scheußliches Wort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der Geschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie sind Menschenfreund und mein Mann.“ „Ach, was soll ich mit dem Mädchen machen, Herr von Wahlen; ich tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.“ „Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt nicht. Ich muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich nicht sträuben. Sie können dem Freund Ihrer Alice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.“ Sehr bleich und schmerzlich verzog der Kaplan das Gesicht: „Lassen Sie das, lassen Sie das, das sind schon nicht mehr Witze.“
„Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Entschuldigung, Hochwürden, ist so meine Art Witze, ist mir vorbeigeraten.“
Dem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust, seine Hände falteten sich vor der schüsselförmigen Vertiefung, die sein Leib war: „Was soll ich mit der Dame, mit dem Mädchen machen?“
„Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und schlagen ihr einen Nagel in jedes Ohr, dann steht sie bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von mir in flagranti erwischen.“
Der Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann flüsterte er: „Das sind gräßliche Dinge.“ „Weiß ich.“ „Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.“ „Weiß ich.“
„Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrauchen Sie mich nicht, Sie lieben Fräulein Alice Dufoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht kränken.“ Dabei sah er dem energisch ausschreitenden breitschultrigen Mann, dem der weiße Strohhut schräg tief in der Stirn saß, bettelnd in die zwinkernden grauen Augen. Sie schwenkten in die Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren vorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und grüßte oft. Er kicherte, nervös belustigt: „Etwas komisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie wollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir an ihr.“
„Und es erfreut Sie, wenn ich diese — Sache übernehme?“ Der muskulöse Herr im Strohhut blieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig aus der Kehle: „Na, sind Sie komisch; ich komme doch zu Ihnen damit.“
„Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber Herr. Verzeihen Sie mir. Aber gehen wir doch weiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das alles nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.“ Immer wieder errötete er und wich den scharfen Blicken des Leutnants aus. „Mal keine Redensarten, Hochwürden,“ damit klopfte er dem Kaplan auf den Rücken, „wir haben es alle nicht leicht. Wenn ich Ihnen erzählen würde von mir allerlei, Sie würden staunen.“ Der Kaplan atmete freier: „Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen gut geht und wenn ich Sie nicht gekränkt habe.“
Leicht angewidert wehrte der elegante Herr ab; er streckte die Hand hin, schob den Kaplan beiseite: „Na, Schluß. Mal keine Redensarten. Auslagen ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie zu und trösten Sie sich, wir müssen alle unser Päckchen tragen. Das ist mal so im Leben. Auto! Auto! Puh!“
Das war eine andere Wohnung, als die Alice Dufoults. In einem westlichen Gartenhaus ein mäßig dunkler Korridor und dann ein langes, schmales Zimmer. Eine Petroleumlampe auf der Kommode; eine gelbe spanische Wand vor einem Bett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand. Vor dem Fenster der unbedeckte vierbeinige Ausziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer Untertaille und rotseidenem Rock hinter der Gardine und kaute einen Apfel. Sie hatte ein festes energisches Gesicht und lebendige blaugraue Augen. Ihre nackten massiven Arme waren weißgeschminkt, die Hände noch rot.
Als der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem Umschlagtuch greifen, rief aber gleich: „Immer rinn!“ Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie riß den Mund auf: „Nanu, was ist denn das für einer? Sie sind wohl von der Heilsarmee?“
Der Kaplan murmelte seinen Namen. Sie winkte ab: „Bei mir ist nichts zu machen damit. Hier wird überhaupt nicht hausiert.“ Lauter nannte der Kaplan seinen Namen, buchstabierte, trat mit dem Hut in den Händen näher.
Da kreischte sie auf, warf ihren Apfel, daß er zerplatzte, über den Tisch: „Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft leisten soll, bis Robert wiederkommt. Nu schläg’s aber dreizehn, nee, kommen Sie mal ran, setzen Sie sich mal hin.“
Der Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht: „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, liebes Fräulein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes von Ihnen erzählt.“ „Nu fangen Sie mal nicht aus die Ecke an. Sie, die Geschichte mit dem Verreisen glaub ich schon lange nicht. Das können Sie Robert sagen. Das ist eine Drückebergerei. Aber —“ und da quietschte sie auf und schlug sich die Hände vor den Mund: „Menschenskind, wie sehen Sie bloß aus! Was haben Sie für einen katholischen Rock an! Zum besten scheint’s Ihnen auch nicht zu gehen.“
Peinlich berührt seufzte der Kaplan: „Sprechen wir doch lieber von etwas Schönem. Wie mir Herr von Wahlen sagte, lieben Sie gelbe Rosen sehr. Ich habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträußchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen Sie meine freundliche Gesinnung daraus erkennen.“ Sie betrachtete ihn aufmerksam und mit Teilnahme. „Da hat Sie Robert aber schön reingelegt. Der Filou, das sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade nicht. Warum machen Sie sich aber bloß nicht wenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden sich noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jungen Mann gar nicht.“
„Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten Knopf auf.“
„Natürlichement. Mit etepetete kommt man bei mir überhaupt nicht weit. Wissen Sie übrigens Männeken, was ich Ihnen sagen will?“ Sie kaute ihren Apfel: „Ich meine von wegen die Geschichte mit Ihnen und Robert: da liegt eine gemeine Schiebung vor.“ Und sie fixierte ihn schlau.
Gequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und studierte vertieft ihre Züge; er äußerte ein paar stimmlose Sätze.
„Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lieber. Lassen Sie man sein. Sie sind Strohmann von dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit Damen, ist Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so deichselt. Was?“
Nach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der Herr im schwarzem Gehrock stockend fort: „Ich will Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne haben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum Teil nicht unbegründet.“
Sie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tischplatte, fuhr hoch: „Wissen Sie, Sie sind zum Piepen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, — wie ist es dann mit der Vermutung?“ Er verfolgte sie freudig, seine Stimme klang befreit: „Ja, das wäre ganz passend und es würde mir recht geschehen.“
Das Gelächter Berthas wollte sich nicht beruhigen:
„Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen Vogelnamen haben, Sie sind zum Heulen. So ein Gerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder mal den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man sitzen. Sie können einem leid tun. Ich mache Ihnen noch einen Knopf auf.“ Sie stand mit ihrem bloßen Arm hinter seinem Stuhl, drückte ihn an seinen Schultern herunter: „Ordentlich rausfüttern müßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum Essen. Na nu sagen Sie mal, Mamsell, wie steht’s denn eigentlich mit uns? Wie sind wir denn beide dran? Sie mögen mich wohl nicht?“ Er steckte zwischen ihren Armen; sein glattes Gesicht füllte sich, wurde gedunsen.
Sie ließ ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen Hut patschte sie ihm auf die Erde; ihn zog sie zu sich auf den Schoß. Er schluchzte leise. Sie sah zu ihm herauf; er drehte den Kopf weg. „Was hast du denn, Mamsell?“ „Nichts.“ „Nanu, du heulst doch.“ Er schluchzte unterdrückt: „Es ist wirklich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.“ Er lächelte seitlich zu ihr herunter. „Lang bist du, Mamsell. Komm doch mal runter zu mir. Runter mußt du.“
Sie ließ das hilflose Menschengerüst halb über ihre Knie rutschen. Bertha erstaunte: „Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen, statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.“
Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den Boden; er balancierte sich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte sich oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurück. Sie bückte sich über ihn. „Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt, Mamsell, weil ich dich grad so habe; für die gelben Rosen, daß dir die Ohrlappen brennen? Was meinste?“
Er flüsterte nach einer Pause, mit einem versonnenen Ausdruck: „Willst du das tun? Bertha? Ja, so tu es doch.“
Sie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wobei sie mit einem Blick auf die Tonsur klagte, daß ihm schon die Haare ausfielen. Er hob sich währenddessen immer mehr an ihr Gesicht, drängte sich gegen ihren Mund. Sie streichelte ihn: „Was machst denn, Mamsell?“
Er blickte mit verwirrten Augen an die geweißte Wand: „Nur träumen tu ich.“
„Scheint dir ganz gut zu schmecken,“ Schwach lächelnd saß er wieder auf seinem Stuhl. Sie zog sich gegen das Fenster, lockte ihn: „Na, mein Junge, hängste noch an der Stange? Komm mal zu mir: komm doch mal her. Gibt Zucker. Beine durchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.“ Ihren feisten Hals hielt sie ihm entgegen, er legte sein Gesicht an, schwindlig, mit geschlossenen Augen. „Ne, du begaunerst mich. Augen aufgeklappt. Siehste.“
Am Sonnabend suchte der Kaplan seinen Beichtvater, den Bruder Vincenz auf, der neben ihm wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete es vor ihm aus, führte den entsetzten Mann vor alle Dinge. Schließlich gingen sie auf das Zimmer des Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte den Schirm in der Ecke, der mit Bindfäden zugebunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte er den Schirm, hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe mitten im Zimmer. Friedlich und ganz unzugänglich blieb er: „Ich will alles tun, was Sie für nötig erachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweisbare, unbezwingliche Gefühl, daß ich nicht verstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem Tun.“ Der elastische grauhaarige Pater setzte sich, die Arme kreuzend, auf einen Schemel unter dem Bild des gemarterten Sebastian, der zum Himmel blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch stecken: „Wenn ich Sie nun nochmal frage, Bruder Anselmus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt haben in den Straßen oder in den Wohnungen, unzüchtige Bewegungen ausgeführt oder geduldet? Was antworten Sie ohne jeden Umschweif?“ „Ich habe keine Unzucht getrieben und nichts Schlechtes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen Verbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die Frau mit Namen Alice Dufoult, aber ich kann nicht drüber sprechen. Ich dachte, vorhin, als ich den Regenschirm über uns beide ausspannte, fühlten Sie es auch.“ „Bruder Anselm, Sie sind verliebt in das Mädchen, Sie begehren sie.“
„Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich habe eine sanfte Empfindung in mir, die sehr stark ist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle mich in keiner Weise geändert.“ Und dann schwammem seine Augen, er berührte den Pater am Ärmel. „Meine Auffassung klingt unmöglich, ich weiß. Ich staune, was mit mir geschehen ist.“ Wieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick auf den umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die kahle Zimmerwand. „Freilich schillert manchmal alles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg. Dann habe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit. Verstehen Sie das?“ Der Pater schüttelte den Kopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem Kaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.
Am Abend, als es regnete, nahm der Bruder Anselmus, Berthas Haus verlassend, eine Droschke, fuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht zu Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte der Diener die Telephonnummer, unter der sein Herr zu erreichen war; führte den Gast in das Rauchzimmer. Auf den Öfen standen zahlreiche Photographien, auch Berthas, Alices, mehrere Balletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe. Beim Anblick eines dieser schwermütig feinen Gesichter wurde der Kaplan von solchem schweren krampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf einen türkischen Sessel setzte und den Diener bat, die Verbindung noch nicht herzustellen. Er fragte den Mann in der Livree nach einem andern Apparat in einem andern Raum. Und ging mit dem erstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus, flüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht vertragen. Allein telephonierte er dann. Seine Stimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte; für Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt auf keinen Fall zu sprechen, die Stimme flötete ihm ein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße, wie groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge. Und dann entfernt vom Apparat flüsterte sie vernehmlich: „Du, das scheint dein verliebter Pfaffe zu sein. Ich hör nebenan mit zu?“ Mit angehaltener Erregung sprach der Kaplan: „Ich war zweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn nicht? Wo bleiben Sie?“ „Sind Sie denn schon so weit, Hochwürden?“ „So kommen Sie doch.“ „Eilt ja nicht, Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl nicht? Na, will dafür bald mit was anderem aufwarten. Übrigens —“ Er lud den Kaplan zu einem kleinen Maskenspiel ein, das morgen in der Wohnung Alices stattfände; Alice bäte ihn dringend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt bleiben.
Dem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor Schmerz. Er rieb sich die Ohren; ein leiser Schreck war durch ihn gefahren, ohne daß er wußte, worüber. Er atmete tief, noch vor dem Apparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen. Er wollte Alicen sehen.
Und zu einer japanischen Frühlingslandschaft war die kleine Wohnung der Mademoiselle gestutzt worden. Drei lustige Französinnen liefen zusammen, Sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stelzen von einem Zimmer ins andere, wedelten mit kleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräulein hatte sich eine turmhohe japanische Perücke aufgestülpt und schiefe Augenlinien geschminkt; sie hielt sich krähend an die Herren. Das waren Robert und zwei Männer, die sämtlich im schwarzen Trikot als Athleten und Gaukler bizarre Purzelbäume schlugen, hin und wieder ein merkwürdiges Glockeninstrument klöppelten, das sie am Handgelenk trugen. Als der Kaplan erschien, kam Robert wie ein Dämon unter die rosa Ampel des Korridors gestürzt, hielt ihn fest: „Sie dürfen nicht so herein. Maske. Lassen Sie mich überlegen.“ Verschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille wurde und Tuscheln entstand; dann führte er den Kaplan in Alices Schlafzimmer. Alice erschien, nur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem Mantel mit tollen Fabelstickereien, einen züngelnden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die weißen Sachen für den Kaplan aus einem Schrank herausholte und auf die grüne Chaiselongue ausbreitete, wurde sie sehr langsam in ihren Bewegungen; Robert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch hinlegte; er drängte sie, schob sie, als sie zum Schluß zögernd vor der Chaiselongue stehen blieb, zur Tür hinaus: „Hochwürden wird sich vor uns schämen.“ Hochwürden aber lachte und fieberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte dabei mit Entsetzen, daß ein Rausch von seinem Kopf und seiner Brust Besitz nahm, daß eine wilde Begierde über seine Arme, über seinen Mund schlich. Er knüllte mit raschelnden Händen an den Sachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch zog er an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig ging er auf den Zehenspitzen über den Korridor in die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen und Wiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie herbeigerannt waren, versteckten sich in die verhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten um ihn im Kreis; sie stampften bocksbeinig einen wütenden Ringeltanz um ihn und zerrten ihn durch die Zimmer. Weit schlotterte und wehte, entblößend um seinen schmächtigen Rumpf, das rotgebänderte ausgeschnittene Nachthemd Alices; ein grünes Seidentuch, ein Zigeunertuch, hatte er über die nackten dürren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm aber ab, legten es über, bliesen es weg. Perlenbesetzte Nachtpantöffelchen schleifte er an den Zehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten ihm herab von den Stöckerbeinen; über die angeklemmten Strumpfbänder stolperte er. Er hatte nicht gesehen, was er anzog; er tanzte mit den Herren, freute sich, suchte Alice, und lachte, weil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie mitlachte. Seine langen graublassen Arme schwang er über seinen Kopf; wie die Gebeine eines Totentanzes wehten und sanken sie oben durch den Dunst. Die Katzenmaske griff ihn, als er zum zweiten Male durch die Wohnung gewalzt und, gewirbelt wurde, am Hemdenausschnitt, fauchte die Herren weg, zog ihn auf den Korridor. Sie riß sich die Fratze ab; ihr Gesicht glührot bebte: „Was tun Sie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen Sie sich bieten?“ „Wer bietet mir etwas? Ich weiß nicht, daß mir irgend jemand etwas bietet.“ „Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich machen, Hochwürden.“ Der Kaplan sah an dem wallendem Hemd herunter, spielte mit den roten Bändern, während sie sich abdrehte: „Nehmen Sie doch die Hände davon.“ Er zitterte sichtlich: „Ich finde, daß Sie mich alle mißverstehen.“ Resolut riß das Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf: „Ziehen Sie sich um und gehen Sie. Kommen Sie nicht wieder herein. Morgen will ich Sie sprechen, Hochwürden. Ich muß Sie sprechen.“ Er stöhnte: „Ich will hier bleiben bei Ihnen. Was wird morgen sein? Warum schicken Sie mich hinaus,“ sie war schon fort.
In der Nacht heimkehrend steckte er die Gasflamme in seinem Zimmer an. Aus seinem Schrank hob er mit schwankenden Armen den schwarzen Regenschirm, tastete nach der Büchse Schuhcreme im Fach. Er fingerte unsicher über Schirm und Büchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde des heiligen Sebastian, warf sich in einer unbezwinglichen Bewegung auf den Boden, aufgewirbelt und fast ohne Besinnung, schrie: „Herr, mach ein Ende! Noch Sekunden laß mich irren, noch Minuten, wenn du es willst, nicht länger, Herr ein Ende!“
Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas über ihm. Er war am Boden eingeschlafen. Er fand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice und hatte das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter notwendiger Tag sei.
Er ging durch das Seitenportal seiner Kapelle auf die Straße. Er blickte sich scheu um; über sein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er eine lange Pelerine geworfen; sein Kopf bloß. Am Rand des Rinnsteins in der stillen Straße schlich er; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte, stieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in allen Straßen. Der Potsdamer Platz tauchte auf, menschenwogend, von Wagen durchschwungen. Stillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden, eine Allee von Schaufenstern; die grünen Kastanien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein Nebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend, alles du und du. Die Pelerine, die auf den Rücken umgeschlagen war, zog der lange Kaplan nicht nach vorn zurück, als der Wagen hielt; in der Flottwellstraße stieg er langsam aus der Droschke, ging ruhig an den Staunenden vorbei in das Haus Alices. Rauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und Girlanden hingen noch und lagen zertreten auf dem Flurteppich. Als er den Korridor betrat und alles schwieg, kam ihm vor, als ob er auf Daunen einherginge. Er dachte zärtlich: wohl euch, was habe ich euch beschert.
Im Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster; das Zimmer völlig ausgeräumt; der Parkettboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier begossen, ein kleiner Haufen grüner und weißer Scherben mitten im Zimmer unter dem bebänderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite wandte, stand in einer Erkernische etwas Buntes; er faßte hin; es waren die Strümpfe Alicens die er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen ausgestopft, an einer Korsettstange darüber baumelte ihr Hemd, mit Rotwein begossen, den Abschluß oben bildete eine Mütze aus Silberpapier; er erkannte, es war eine runde Priestermütze. Er streichelte leidend den Haufen: wie gut sind sie, und was muß ich ihnen antun! Der Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine Oberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte nebenan im Schlafzimmer Alicens Wasserplätschern, warf die Pelerine wie zum Schutz ab über die Figur und ging ohne zu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände in das Becken; gellte kurz, stürzte ins offene Bett, verschwand unter der Decke. Der Kaplan blieb an dem Waschbecken stehen, sagte leise, langsam und ruhig, warum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit ihr zu sprechen. Unter dem Deckbett wühlte es: „Rufen Sie sofort das Mädchen.“ Er schloß die Tür; setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Kopfkonturen auf der Decke: „Ich will mit Ihnen sprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten. Stehen Sie auf.“ Ihr Gesicht kam hervor, sie sprang hinter ihm am Fußende heraus; stellte sich, im Unterrock mit nackten Füßen und halboffener Brust, Konfetti im hängenden Haar, jenseits des Betts an die Wand. „Hochwürden,“ sagte sie halb weinend, „was wollen Sie von mir? Warten Sie draußen.“ Er blieb auf der Bettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: „Seien Sie doch ruhig, Fräulein Alice. Seh ich aus, wie einer, der Ihnen etwas tun will? Seien Sie ruhig und lassen Sie mich hier.“ Sie hing sich ihren Kimono um, rauschte auf ihn zu, konvulsivisch ausbrechend warf sie sich vor ihm hin und wühlte Hals und Kinn, Konfetti regnend, in den weißen Stoff über seinen Knien. „Hochwürden, was wollen Sie so früh kommen. Ich will nicht mehr hierbleiben, keine Minute länger. Was Robert macht, ist schändlich, ist unerträglich. Ich ertrag es nicht. Sie müssen mir hier weg helfen.“ „Robert ist kein Schurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so sprechen!“ Sie schrie: „Was sind Sie für ein Mensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch den Sumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort geht, will ich Sie nicht sehen und Robert nicht sehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von diesem Mann. Ich habe in den letzten Wochen alles gesehen. Lieber will ich Hunger und Durst ertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich weiß, daß Sie mir gut sind, helfen Sie mir.“ Der Kaplan war aufgestanden; sie stand dicht an ihn gedrängt.
Er flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: „Hier ist keine Rede von Hilfe. Woher wissen Sie, daß ich Ihnen gut bin.“ Er zitterte, als sie ihn anblickte: „Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht mehr mißverstehen. Mein Gott, es scheint durch meine Poren zu dringen.“ „Was ist Ihnen?“
Der Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht mehr stand. „Ich weiß, ich bin dir gut, Alice. Und gleichzeitig höre ich dich gar nicht. Ich kann mich anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du sagst. Es schwingt in mir nicht mit. Ich bin dir gut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?“
„Alice, Alice Dufoult.“
„So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht beklagen. Ich beklage mich auch nicht. Ich weiß nicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir stehst in diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und ich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und darfst dich mir nicht vorenthalten.“
Sie riß an seiner Stola: „Du darfst nicht diesen Mantel tragen, wenn du mich anfaßt.“
Er lachte mit einer quellenden Heiterkeit: „Faß meinen Mantel an, faß die Stola an. Ich bin Priester. Fürchte dich nicht.“
„Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.“
„Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich fürchten. Und tus nicht, und wills nicht tun.“
Sie streichelte seine Hand, die er sich vor den Mund hielt, als wollte er sein Lachen darauf festdrücken und festklammern.
„Und wenn mich einer anklagt und ich verdammt werde, Alice, ich kann es nicht mehr aufhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß dich in meine Arme nehmen, und dich küssen.“
Sie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen Hals. Sie bettelte, er solle den Mantel ablegen, aber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen Augen haben, vor seinen Augen behalten; keine irdische Gewalt würde ihm das rauben. Und so ging er hinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung stand sie immer wieder da. Schließlich war sie angezogen und schlüpfte entschlossen zu ihm hinein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröhlich und sagte ja, schickte das Mädchen herunter nach dem kleinen Tandem. An der Tür drehte sie sich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht warten mit dem Mittag, sie führen nach Döberitz zu auf die Heerstraße.
Die breite benzindampfende Chaussee, zwischen den beiden grünen Baumlinien, trabte das Gefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche in der Hand, lenkte den Schimmel. Vor einem Blumengeschäft hielten sie, hängten große Fliederbüsche, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren Sitzen auf. Hinter schaukelnden Zweigen fuhren sie. Der junge Priester war ein Kind, drückte ihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden, sagte, nun sei sie ein Frosch und er hielte sie festgeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie bettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er träumte: ja, wohin?
Da sah sie zwischen den Blüten, daß drüben zwei Kinder, dort ein Pärchen, rechts ein Herr auf dem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks etwas hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes Trappen kam hinter ihnen her, wie entferntes Teppichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klappern, Eisen auf Stein, schmetternd und klirrend, heranstoßende Pferdehufe. Alice schoß hoch, ihre Mütze riß die Zweige auseinander: „Robert, es ist Robert!“ Von hinten brüllte es her, während der Schimmel halb scheu die Hinterbeine hochwarf, den Hals zurückbog und geifernd ein wütendes Tempo einschlug: „Kanaillen, anhalten! Pfaffenhund anhalten!“
„Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich tot.“
Besinnungslos schob sie ihm die Zügel zu, drehte sich auf ihrem Platz aufrecht um sich selbst, entwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem blinden Blick über die lange vorbeifliegende Chaussee: „Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Hilfe!“ Der Schimmel bockte, stürmte mit dem kleinen Wagen davon, der rechts und links schleuderte, gegen die Bordschwelle schlug, einen Baum anstreifte. Sie rasten zwischen den Baumreihen hindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen. Die auf dem Wagen blieben ohne Laut. Einen Moment, als er sie noch hielt, drehte sie den Kopf zu ihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das armselige Geschöpf die Hufschläge des Reiters anhörte und es durch sie fuhr: „Was will der von mir, und was will der von mir?“ Die wirbelnde graue Luft war da. Die graue fließende Luft deckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen Kopf von vorn und hinten. Die Frau wand sich neben ihn herunter zwischen Pferd und Deichsel, nach der Leine zuckend; er packte sie um den Rücken, griff ihr unter die Arme. Und während er mit ihr rang, den Zügel in der Linken, und sie ihm den Mund zerkratzte, von ihm abdrängend, war in seinem Kopf hell das Bild des strampelnden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein Körper strebte hoch, um sie auf den Sitz zurückzuschleudern, die Zügel anzureißen. In seine Arme aber kam ein blinder Willen: weg von Alice, weg von ihr. Die Hände mußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen Augen stand noch auf einem weißen Vorhang das Bild des davonstürmenden Rosses mit der Frau auf dem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft hinein das Totengebet über der stürzenden Frau, jede Silbe ein betäubender hirnfüllender Schluck Luft: „Commendo te omni potenti, aspectus mitis atqe festivus tibi appareat.“
Der Körper des Kaplans lag atmend, blutbedeckt in einer Baubude der Rohrleger. Die Arme hielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der er Alicen sinken und zerschmettern ließ. Der Leutnant drang an den Männern vorbei, hieb dem Kaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die Arme schnellten wieder zurück. Der Bewußtlose zwinkerte, bebte auf, hielt sich für Wasser, das man mit Ruten streicht.
Die Brüder fuhren ihn auf das Land in ein waldumstandenes Kloster. Er las keine Totenmessen, duldete nicht, daß man sie las. Die Frau sollte brennen in der Hölle, das legte er sich auf.
Drei Wochen brannte sie. Da merkte er, als er morgens erwachte und der weiche Nebel vom Garten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen seiner Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas anderes bedeuteten. Die Kutte warf er sich über, auf nackten Füßen ging er bebend an seinen kleinen Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für Maria, das brachte er ihr jetzt. Während er die Stirn auf den schwarzen Samt des Tischchens preßte, fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie sein Opfer annehmen wollte. Eine Lösung kam in seine Glieder, seine Arme sanken herunter. Er zündete die Kerzen an, las die Messe für die Tote.
Und während er die Hände aneinandergelegt vor die Stirn hielt, kam ihm vor, als ob ein Frosch aus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut „quak, quak“ machte und behend vor die Füße der Gottesmutter sprang. Die Engel lachten fein, wie wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße Marias bewegten sich wenig. Das rosige Wolkenkleid über ihren Schenkeln strich sie glatt, da hüpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem Schoß saß er mit seinen mächtigen Augenbällen und durfte still sitzen bleiben zwischen den Englein.
Die Nachtwandlerin
Als es zur Abendmesse läutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen Hedwigskirche vorüber und erwog, seine dünne goldene Uhr mit einer eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fünf Uhr geschlossen, und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein für einen jungen Mann zu flanieren.
Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten zierlich einher in weißen Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstraße prustete ein lahmes Auto vorbei; schnüffelnd hob sich die aufgestülpte Nase über dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich besänftigt in den Hüften vor. Er huschte über den Damm.
Violette Strümpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen waren zu lang.
In der Friedrichstraße musterte er mit verwegenem Blick gleichmäßig Herren und Damen, bereit nach Belieben als Schürzenjäger oder Männerfreund zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmütige Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln in der Iris, stand etwas nach außen; auch zuckte Herr Priebe mit dem Kopf häufig nach links, als wollte er über die Schulter nach hinten sehen.
In aufgelösten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Straße entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlüpften zwischen schnurrenden Autos über den Asphalt. Streifte ihn etwas am Arm in der Mohrenstraße, lockte eine Stimme: „Na, Schatz?“ Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Moschuswolke, Veilchenbukett an der Brust. Blutübergossen wandte Herr Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen Radfahrer derart ängstlich, daß der ihn anbläkte.
Wie er aus seiner Lähmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er vor das Schuhgeschäft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm her ein graziöses Püppchen, rotblonde Perücke, übergroße Augen, Dessous schlenkernd über durchbrochenen hellblauen Strümpfchen, plaudernd mit einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorüber. Herrn Priebe stand das Herz still.
Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab die Hofjägerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke. Er wohnte in der Brunnenstraße in einem Quergebäude. In der lauen Abendluft lärmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater saß hemdsärmelig in der Wohnung unter der Hängelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein kahlköpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem Rücken. Die kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin das rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine Banane vom Tisch.
Am Montag zwängte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf. Er ging über einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die schwarzen rußigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub bedeckt, unter dem Schienenstränge in dem weißen Morgenlicht blitzten. Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhörlich herunter; starke Kräne knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr Priebe ging in einem glanzigen schwarzen Überrock über den dunstigen Hof; seine grauen Hosen waren abgestoßen. Er warf verschlafene Blicke über die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses hinauf. Niedrige weite Kontorräume, Holzladen an den Fenstern. Hinter den Pulten Männer; an der Wand junge Mädchen in schwarzen Schürzen; sie spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lärm.
Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut auf und ab, rauchte eine zerblätterte Zigarre. Zwei Fräulein stießen sich an, sagten laut zueinander: „Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt aus.“ Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hörbarem Gähnen zu seinem Nachbarn: „Das Großstadtleben bekommt einem auf die Dauer nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen.“ Aß zum Frühstück einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaßten Zwicker auf, schrie ein engbrüstiges Mädchen an, einer anderen warf er den Durchschlag zerrissen vor die Füße. Das Fräulein hob die Fetzen auf, maulte, plärrte laut los, die Schürze ins Gesicht geknüllt. Entrüstet verlängerte der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum.
In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mädchen, das Antonie gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, näselte neben ihr leutselig, daß die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem rauhen Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kündigung und weinte nochmals. Er stieg zurück; die jungen Männer an den Pulten stießen sich lächelnd an.
Am nächsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie versehentlich, über die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flüsterte eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte, pfiff er gleichmütig und saß nägellutschend an seinem Pult, um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein träumerisches „Ja, ja“ zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut ausgefülltes Gesicht in Falten, so daß es aussah, als wäre es mit Bindfäden verschnürt von den Ohren her.
Antonie Kowalski war ein rundes ebenmäßiges Geschöpf. Sie trug große unechte Ringe in beiden Ohren; an den feisten Armen breite metallene Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte beide Höfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau, eine Polin, hatte, während ihr Mann im Gefängnis saß, eine Liebschaft mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefängnis wiederkam und die einjährige Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in die Brunnenstraße, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein jähzorniges, leidenschaftliches und zärtliches Tierchen auf; nur daß sie in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals spätabends mit dem Zigeuner in der Küche, als ihr der branntweinduftende Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien, an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flügel weit aufgerissen, so daß plötzlich das prallweiße Mondlicht hart über Diele und Tisch fiel. Sie fuhr einen Augenblick geblendet zurück. Der rasende Mann warf sie schon auf den weiß bestrahlten Boden, riß ihr keuchend die Röcke ab, und so wurde sie seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der Mond vor ihr Fenster trat. Oft saß sie abends am Fenster, hatte die Augen offen; die Mutter mußte sie schütteln und laut anrufen, ehe sie den Blick herdrehte und aufstand.
Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht ansähe und warum er sie vorige Woche sitzen gelassen hätte. „Hier sind zwei Billetts für das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder drin im Saal.“ Drückte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief über den Kohlenhof.
Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hände schwitzten, als er wieder an seinem Pult saß. Ihm wurde wüst und schwindelig. Der Speichel lief ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: „Was nun?“ Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die Straße und ging statt zu Tisch lange Straßenzüge rasch entlang, die Liebenwalder-Straße, Prinz-Eugen-Straße, über die Pankstraße, zum grünumsäumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und zurück. Vom Kontor machte er sich abends im schäbigen Gehrock auf den Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mädchen hinter ihm kicherte, fuhr er nach Hause, parfümierte sich im Tennisanzug. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so stöhne, wie ein Bär stöhne.
Musik schmetterte aus allen Gärten am Friedrichshain. Antonie war nicht an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tönte die Stimme des Maitre. Herr Valentin stützte sich auf den Arm eines lustigen Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gnädig begrüßte Herr Valentin das Fräulein im Vorübergehen. Sie huschte am Schluß des Polkas auf ihn zu, stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. „Da wären wir also, kleine Krabbe,“ sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Füßen mit Kennerblicken.
Sie trug ein weißes Waschkleid mit einem braunen Ledergürtel. Die schwarzen Haare hatte sie über die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn gekämmt. Der große weiße Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken gesunken, so daß das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht. Schweigend standen sie sich gegenüber, dann legte sie ihren bloßen prallen Arm in seinen und zog ihn mit ehrfürchtigen zärtlichen Blicken zum Saal hinaus in den lampionbeschienenen Garten.
Draußen unter den alten Laubbäumen krachten die Schießbuden; die Karussells dudelten. Herr Valentin schob keck den Samthut zurück, zündete eine Zigarette an, führte Antonie in das Gewühl zwischen den Tischen. Mit überlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie preßte seinen rechten Arm fest an sich. Einem Fräulein, das mit einem Glas Bier vorüberging, warf er einen schlüpfrigen Gruß zu. Antonie kicherte begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hüpfte nach einer Pause neben sie. Schon lehnte ihr weißer Federhut an seiner Wange, faßte sie ihn zögernd um die Taille. Ein stoßweises Rucken ging durch seinen Körper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: „Ach Gott!“ Der Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: „Fräulein, ich habe heute mittag ein Paar Würstchen gegessen; die müssen verdorben gewesen sein.“ Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte verschämt: „Sie müssen was dagegen tun, Herr Priebe.“ Er rutschte nach einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand leichenblaß da. Sie kam nach.
In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: „Was soll daraus werden? Was ist denn, was ist denn?“ Der Vater schrie aus der Nebenstube: „Immerfort kracht dein Bett. Wer soll denn dabei schlafen?“ Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, daß Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude schön gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er vor einem Laden in der Chausseestraße, betrat als erster Käufer das Geschäft und erstand für achtundzwanzig Mark ein unförmiges Porzellanstück, eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und einen Kranz hielten.
In der kühlen Fasanenallee traf er sich abends mit der kleinen Polin. Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Sie riß das Papier ab, sobald sie allein auf einer Bank saßen. Mit offenem Mund blieb sie vor der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf die Bank, küßte und biß Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter dem weißen Federhut zurück und hielt es für angebracht, ihr unter schlüpfrigen Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog kräftig seine Hand weg, nahm seinen Kopf und küßte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, während er sie oft losließ, an einem Baum lehnte und mit einem Gelächter losplatzte, das sie stutzig machte; schließlich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schönere versprach. Am Gitter des nebligen Wasserstreifens krächzte er mit übermüdetem Gesicht: „Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an?“
Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzählt von einer exotischen Mätresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den sie nun jetzt beim Tanz verloren hätte, ohne deswegen auch nur mit der Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen genötigt, mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das sei lächerlich für sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin, dann fuhr man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune, freudig über sich erstaunt, lud sie zu immer neuen Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer jämmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren von Café zu Kneipe. Um drei Uhr morgens gröhlten sie im Café Minerva, um halb vier torkelten sie untergefaßt in das Café Greif, Elsässer-Straße. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu Valentin, er sähe aus wie der keusche Josef; er sank über den Schoß einer alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrückte, und der er gestand, sie wäre so zärtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib auf, packten beide in eine Droschke und tobten hinter dem langsamen Fuhrwerk mit Schirmen und Hüten her.
Kaum ein Wort sprach Valentin in den nächsten Tagen im Kontor. Sein Gesicht hatte in manchen Minuten etwas von Versteinerung. Er war ernüchtert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen war, wütete gegen die Kollegen und hätte sie um Gnade bitten mögen. Abends blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel und kläglich. Antonien übersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem Kohlenhof „Adieu“ sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreußen pflegen sollte, meinte er nur: „Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Fräulein, — dann, dann reisen Sie nur.“ Er ließ sich gehen, bürstete sich nicht ab, lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren.
Wenig über zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten Flanierzügen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine gelle, herrische, aufgeregte Stimme, sonderbar auch, daß seine Augen blutunterlaufen waren, wie bei einem Säufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der Kloß, das Drücken ließ nicht nach. Eine fröhliche Bewegung entstand in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlaßte, alle Augenblicke „gluck, gluck“ zu machen und dabei den Kopf nach vorn wie eine Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanitätsrat mit fleischigen Fingern, lächelte auf Valentins Frage, was er denn habe, schnüffelte, während er in seinem Notizbuch kritzelte: „Müssen Sie sich mal bei dem schönen Fräulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht haben, hähä; die wird’s wissen.“ Er hörte schon nichts mehr. Er sprang mit inwendigem Gelächter die Treppe herunter. Also das war es? Er prustete auf der Königsstraße vor Vergnügen. In einer ihn plötzlich überkommenden Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauer Straße; ob etwas von seiner Sache drinstände. Nun war alles wieder gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmütze und dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an einer Dame vorüberging. „In dieser Gesellschaft wären wir also zu Hause. Die Krankheit paßt zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur Sohle.“ Er hatte keine gewöhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden der Roués, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lächelte in tief befriedigter Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: „Wir haben unsere Bewegungsfreiheit wieder.“
Antonie kam zurück. Valentin begrüßte sie geringschätzig an der Schreibmaschine. Sie sah recht gewöhnlich aus, schon die Beschäftigung degradierte. Auf der Straße schmiegte sie sich mittags an ihn; sie latschten durch die lange Turmstraße im Schnee. Auf die Frage, warum er so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin mancherlei Dinge; Erlebnisse könne man sie nennen; er nähme sie belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette angezündet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, gab er brockenweise von sich, daß es mit der Offenheit solche Sache sei; man wüßte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen gegenüber, man hört ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie hatte tränenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht. Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde sich die Sache überlegen. Dabei klopfte er ihr den Schnee vom Rock ab, den sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte.
Abends im Humboldthain empfand er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so demütig anbetendes Gefühl und war so furchtsam, daß er wie ein getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie ein Todgeweihter. Am Schluß seiner Rede fiel er vor Erregung von der Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner Schulter, bettelte, er möchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen war. Sie weinte und tröstete ihn plappernd, als sie nach der Stadt zugingen; jeden Augenblick faßte sie ihn bei den Paletotknöpfen, umarmte ihn mit Kraft, daß er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein fast glücklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte getrieben durch die hellen und engen Straßen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem Geigengesang der Cafés, auf Knien, die weicher und weicher wurden und ihm wie Wachs wegschmolzen.
Antonie und Valentin sprachen dann für lange Zeit nur noch zweimal zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran; öffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschäft, vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal ihren unverständlichen Blick fassen, den sie auf die Seite drehte.
Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr ginge. Sie antwortete, während sie sich an einem Ohrring zupfte: „Gut“; vielleicht könnten sie sich morgen unterhalten.
Am nächsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie höre feines Glöckchenklingen, auch tiefe summende Saitentöne, die in Harmonien abwechselten. Es war gar nicht lästig, sie hörte es recht gern. Sie wollte nicht auf die Straßen gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte er sich ihr gegenüber setzen; nur daß er sie berührte, duldete sie nicht. Hinter ihm öffnete sie das Fenster. Ein plötzlicher Trieb kam über sie, sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie völlig und warm an. Sie lächelte zur Mutter: „Geh du mit aus.“ Die faßte sie bei den Ellbogen: „Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen.“ Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. „Ich freue mich allein viel mehr mit meinen schönen Sachen.“ Und wirklich saß sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter gegenüber, plauderte schön und strahlend; sie strich über ihr Kleid. Das Weiße ihres Auges war sichtbar. Sie war viel beschäftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte sie im Zimmer herum mit glücklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. Sie gönnte sich feierlich keine Beschäftigung. Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mädchen, groß wie eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sie an sich, bettete sie ein.